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Full text of "Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin"

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Abhandlungen 


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Königlichen 
Akademie der Wissenschaften 


zu Berlin. 


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Abhandlungen 


der 


Königlichen 


Akademie der Wissenschaften 


zu Berlin. 


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Aus dem Jahre 


1824. 


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Nebst der Geschichte der Akademie in diesem Zeitraum. 


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Berlin. 
Gedruckt in der Druckerei der Königlichen Akademie 
der Wissenschaften. 


1820. 


In Commission bei F. Dümmler. 


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Historische Einleitung .......... Sleese nee at EITHER NEE reeaee. Delte 1 


Verzeichnifs der Mitglieder und Correspondenten der Akademie.........r....+- - 


Abhandlungen. 


Physikalische Klasse. 


Karsten über die chemische Verbindung der Körper. .....rceeeeneeeeeennnnn Seite 1 
VDerselbe über den Saigerhuttenprozels: iur a cnerrlae yes nat: Ser - 39 
“Henmsstäpr Versuche und Beobachtungen über den Einflufs der Düngungs- 

mittel auf die Erzeugung der nähern Bestandtheile der Ge- 
treidearten«.L. on Hash Jah asrnseieerend Beer hier - .37 
VFiscner über die Grundlehren der Akustik .........co.seseneseneeenennne nee =. #79 

* Ruporeim über den Wasserkopf vor der Geburt, nebst allgemeinen Bemerkungen 
über Misgeburten .....ureeco rennen esenunnnnsnnenenn ee - 121 

‘ Derselbe Anatomische Bemerkungen : 

I. Ueber den Orang-Utang, und Beweis, dafs derselbe ein junger 
Pon20.ser. suenaueeeenee een see nee ae tarene ehe en areere ae - 131 
IEaWeber den. Zitterwelse- 2... ser Sen le an Bee - 137 

V Link Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems nebst einer Anordnung der 
Kryptopbytene len ihn sa. acloe RR - 145 

“ * LicuTenstein über die Antilopen des nördlichen Africa, besonders in Beziehung 
auf die Kenntnifs, welche die Alten davon gehabt haben..... - 195 

“ »Weıss Verallgemeinerung einiger in der Abhandlung über die ausführlichere 
Bezeichnung der Krystallflächen vorgetragenen Lehrsätze...... - 241 


Mathematische Klasse. 
Besser Untersuchung des Theils der planetarischen Störungen, welcher aus der 
Bewegung der Sonne entsteht ......r2ceeerenenenneene nenn. Seite 1 
Eyrseweın Von der Integration der linearen Gleichungen mit partiellen end- 
lichen Differenzen... 2... 0.02 Ze season. RER et 000! 


Gausox über die Finschreibung isotomischer Figuren in die Kegelschnitte .... - 83 


Philosophische Klasse. 


ScureiermAcher Versuch über die wissenschaftliche Behandlung des Pflichtbegriffs Seite 1 


Historisch-philologische Klasse. 


Süvenn über einige historische und politische Anspielungen in der alten Tragödie Seite 1 


Boreru über die Antigone des Sophokles ..........crceeeeene- RE - 4 
Burrmanv Erklärung der griechischen Beischrift auf einem ägyptischen Papyrus - 89 
Borr Vergleichende Zergliederung des Sanskrits und der mit ıhm verwandten 

Sprachen. sea ME LEE U 6 02. BR IR | Dee VER ER RE - 117 
Hast über den Farnesischen Congius im Königlichen Antiken-Saale zu Dresden - 149 
Wıiruerm v.Humsonpr über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit 

dem Sprachbau BB KLEE | N, ayundesdait, Deu. SNft ER N Ed 
Rırrzn Zur Geschichte des Peträischen Arabiens und seiner Bewohner ....... . - 189 
Borernu Nachträgliche Bemerkungen zu der Abhandlung über die Antigone des 

SOpHoklestaurstckereretirere ne terater RAR N PLNSOETE LERRUTTS hin. 22225 


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ee 21. Januar hielt die Königliche Akademie der Wissenschaf- 
ten zur Feier des Jahrstages Friedrichs des Zweiten 
eine öffentliche Sitzung, welche von dem Sekretar der physi- 
kalischen Klasse, Herrn Erman, eröffnet ward, und in der 
Herr Buttmann einiges über die von Herrn General Menu 
von Minutoli aus Aegypten hieher gebrachten Papyrus-Rollen 
vortrug. Herr Lichtenstein stattete einen Bericht ab über die 
neuesten Unternehmungen der im Auftrag der Akademie in Aegyp- 
ten reisenden Herren Doktoren Ehrenberg und Hemprich. 
Herr Karsten las eine Abhandlung über chemische Verbindun-- 
gen und Herr Bode gab einige Notizem über den jetzt sicht- 
baren Kometen. 

In der öffentlichen ‘Sitzung vom 3. Julius zur Feier des 
Leibnitzischen Geburtstages, eröffnet durch Herm Schleier- 
macher, stattete Herr Bode Bericht ab über den Erfolg der Preis- 


aufgabe der mathematischen Klasse. 


11 


Schon im Jahr 1820 war für 1822 aufgegeben worden, 
eine vollständige Erklärung der Höfe oder der hellen 
und farbigen Ringe um Sonne und Mond mathema- 
tisch zu entwickeln, welche den durch Versuche ausge- 
mittelten Erscheinungen des Lichtes, der Bescha/fen- 
heit der Atmosphäre und den wirklichen Beobachtungen 
genügend entsprache. 

Da nur eine nicht genügende Abhandlung zu dem angesetz- 
ten Termin eingegangen war, so hatte die Klasse ihn bis zu dem 
gegenwärtigen Jahre 1824 verlängert. 

Von den beiden jetzt eingegangenen Abhandlungen, die eine 
mit gleichem Motto wie die im Jahre 1822 eingegangene: Leges 
naturae simplices sunt, die andere mit der Devise: Lucis proprie- 
tates ralione dunlazxat experimentisque sunt comprobandae , ent- 
spricht nach dem Urtheil der Klasse keine, wenn gleich die erste 
noch mehr als die zweite, den aufgestellten Forderungen in dem 
Grade, dafs ihr der Preis könnte zuerkannt werden. Die versie- 
gelten Zettel wurden daher im Beisein der Versammlung verbrannt, 
und die Klasse findet sich nicht veranlafst, die Aufgabe noch ein- 
mal zu erneuen. 

Die Preisaufgabe der historisch-philologischen Klasse für das 
gegenwärtige Jahr war gewesen: 

Das Wesen und die Beschaffenheit der Bildung des 
elrurischen Volkes aus den Quellen kritisch zu erörtern 
und darzustellen, sowohl im Allgemeinen, als auch ein- 


gehend auf die einzelnen Zweige der Thäuigkeit eines 


11 


gebildeten Volkes, um so viel als möglich auszumit- 
teln, welcher derselben wirklich und in welchem Grade 
und Umfang ein jeder, unter diesem berühmten Volke 
blühte. 

Da keine Bearbeitung eingegangen war, so stellte die Klasse 
noch einmal die Aufgabe für das Jahr 1826. 

Nach diesen Verhandlungen ward noch eine Abhandlung 
des abwesenden Herrn Wilhelm von Humboldt über die 
Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau 
gelesen. 

Am 3. August feierte die Akademie das Allerhöchste Ge- 
burtsfest Seiner Majestät des Königs durch eine öffent- 
liche Sitzung welche der Sekretar der historisch - philologischen 
Klasse Herr Buttmann eröffnete. Herr Rudolphi las eine 
Abhandlung über den Wasserkopf, Herr Lichtenstein über die 
Antilopen von Nord-Afrika, und Herr Ritter über das pe- 


träische Arabien. 


Zu Correspondenten ernannte in diesem Jahre die historisch- 
philologische Klasse die Herren 
M. H. E. Meier in Halle und 
G. T. Schömann in Greifswalde. 


Das auswärtige Mitglied Herr Bessel in Königsberg brachte 


im Laufe dieses Jahres bei der Akademie die Herausgabe neuer 


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IV 


möglichst vollständiger Himmelskarten in Vorschlag, die während 
sie das treuste Bild des Himmels bis zu der Grenze die unsere jetzi- 
gen Fernröhre erlauben, darstellten, zugleich die Grundlage zur 
möglichst genauen Beobachtung der etwa noch fehlenden Sterne ab- 
geben würden. Die Akademie ist auf dies Unternehmen eingegan- 
gen, und wird den Erfolg in den künftigen Bänden der Abhand- 


lungen darlegen. 


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Verzeichnils 
der Mitglieder und Correspondenten der Akademie. 


December 1824. 


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I. Ordentliche Mitglieder. 


Physikalische Klasse. 


Herr /Valter, Veteran. Herr Lichtenstein. 
-  Hufeland. - Weiß. 
- Alexander v. Humboldt. - Link. 
-  Hermbstädt. -  Seebeck. 
- m. Buch. -  Mitscherlich. 
-  Erman, Sekretar der Klasse. - Karsten. 
-  Rudolphi. 
Mathematische Klasse. 
Herr Bode, Veteran. Herr Eytelwein. 
-  Gruson. - Fischer. 


Philosophische Klasse. 
Herr Ancillon. Herr v. Savigny. 


-  Schleiermacher, Sekretar der Klasse. 


Historisch-philologische Klasse. 


Herr Hirt, Veteran. Herr Boeckh. 
-  Buttmann, Sekretar der Klasse. -  Bekker. 
- Wilhelm v. Humboldt. -  ‚Süvern. 
-  Uhden. - Wilken. 
-  Niebuhr. - Ritter. 
-  Ideler. -  Bopp. 


I. Auswärtige Mitglieder. 


Physikalische Klasse. 


Herr Blumenbach in Göttingen. 


Cwvier in Paris. 


Sir Humphry Davyy in London. 
Herr Jussieu in Paris. 


Mathematische 


Herr Bessel in Königsberg. 


». Fufs in Petersburg. 
Gaufs in Göttingen. 


Philosophische 


Herr v. Göthe in Weimar. 


Herr Scarpa in Payia. 


Sömmering in Frankfurt am Main. 
Volta in Como. 


Klasse. 


Herr Pfaff in Halle. 


Graf la Place in Paris. 


Klasse. 


Herr Stewart in Edinburgh. 


Historisch -philologische Klasse. 


Herr Gottfried Herrmann in Leipzig. 


Herr 


Silvestre de Sacy in Paris. 


Herr 4. /V. vw. Schlegel in Bonn. 


J. H. Fofs in Heidelberg. 


IH. Ehren-Mitglieder. 


in Berlin. 
Graf Daru in Parıs. 
Imbert Delonnes in Paris. 
Dodwell in London. 


Ferguson in Edinburgh. 


ir FYilliam Gell in London. 


Herr /Yilliam Hamilton in Neapel. 


Graf v. Hoffmansegg in Dresden. 


Colonel Leake in London. 
Lhwlier in Genf. 


v. Loder in Moskau. 


C. F.ı$. Freih. Stein vom Altenstein 


Herr Marchese Zucchesini in Lucca. 


Gen. Lieut. Freih. ». Minutoli ın 


Neufchatel. 
Gen. Lieut. Freih. ». Müffling in 
Berlin. 


Oltmanns ın Emden. 

Percy in Paris. 

Prevost in Genf. 

Fr. Stromeyer in Göttingen. 
Thaer in Mösgelin. 

v. Zach in Genua. 


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IV. Correspondenten. 


Für die physikalische Klasse. 


Herr Accum in Berlin. 
-  Äutenrieth in Tübingen. 
-  Balbis in Lion. 
-  Berzelius in Stockholm. 
- Biot in Paris. 
-  Brera in Padua. 
- Rob. Brown in London. 
-  Brugnatelli in Paris. 
- Caldanıi in Padua. 
- Chladni in Kemberg. 
-  Configliacchi in Pavia. 
- Des Fontaines in Paris. 
-  Desgenettes in Paris. 
- Florman in Lund. 
- Gay-Lussac in Paris. 
- Hausmann in Göttingen. 


- Hellwig in Braunschweig. 


- Jameson in Edinburg. 
- Kausch in Liegnitz. 

-  Kielmeyer in Stutigard. 
- Kunth in Paris. 

- Larrey in Paris. 


Herr ZLatreille ın Paris. 
- Mohs in Freiberg. 
- von Moll in München. 
- van Mons in Brüssel. 
- Nitzsch in Halle. 
-  Oersted in Kopenhagen. 
- Pfaff in Kiel. 
- €. Sprengel in Halle. 
- Schrader in Göttingen. 
-  Schreger d. ält. in Erlangen. 
- vw. Stephan in Petersburg. 
- Tenore in Neapel. 
- Thenard in Paris. 
-  Tiedemann in Heidelberg. 
- Tilesius in Mühlhausen. 
-  Treviranus d.ält. in Bremen. 
-  Trommsdorf in Erfurt. 
- Vasalli-Eandi in Turin. 
- Fauquelin in Paris. 
- FWahlenberg in Upsala. 
- JPWiedemann in Kiel. 


Für die mathematische Klasse. 


Herr Bürg in Wien. 
- Encke in Gotha. 
-  Legendre in Paris. 
- Olbers in Bremen. 
-  Oriani in Mailand. 


Herr Pfleiderer in Tübingen. 
- Piazzi ın Palermo. 
- Poisson in Paris. 
- de Prony in Paris. 
- MWoltmann in Hamburg. 


Für die philosophische Klasse. 


Herr Bouterweck in Göttingen. 


-  Degerando in Paris. 
- Delbrück ın Bonn. 


Herr Fries in Jena. 


-  Ridolfi in Padua. 
- Tydeman in Leyden. 


Für die 


Herr Avellino in Neapel. 


Barbie du Bocage in Paris. 
Beigel in Dresden. 
Böttiger in Dresden. 
Bröndsted in Kopenhagen. 
Cattaneo in Meiland. 

Graf Clarac in Paris. 
Dobrowsky ın Prag. 

Del Furia in Florenz. 


Anthimos-Gazis in Griechenland. 


Göschen in Göttingen. 
Halma in Paris. 

v. Hammer in Wien. 
Hase in Paris. 

Heeren in Göttingen. 
van Heusde in Utrecht. 
Jacobs in Gotha. 


historisch-philologische Klasse. 


Herr Jomard in Paris. 
- w. Köhler in Petersburg. 
- Kumas in Smyrna. 
- Lamberti in Meiland. 
- Lang in Anspach. 
- Letronne in Paris. 
- Linde in Warschau. 
- Mai in Rom. 
- Meier in Greifswald. 
- K.O. Müller in Göttingen. 
- Münter in Kopenhagen. 
-  Mustoxides in Corfu. 
- Et. Quatremere in Paris. 
- ‚Schömann in Greifswald. 
-  ‚Simonde-Sismondi in Genf. 
- Thorlacius in Kopenhagen. 
- Tater in Halle. 


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Im Jahre 1824 hat die Akademie folgende Mitglieder 


durch den Tod verloren: 


I. Von den Ehren-Mitgliedern. 


Herr von Borgstede. Herr Friedrich August Wolf. 
- Payne Knight in London. 


Il. Von den Correspondenten. 


a) der physikalischen Klasse. 


Herr Gübert in Leipzig. Herr Blasius Merrem in Marburg. 


db) der philosophischen Klasse. 


Herr Maine-Biran in Parıs. 


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der 


physikalischen Klasse 


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Königlichen 
Akademie der Wissenschaften 


zu Berlin. 


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Aus dem Jahre 


1824; 


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Berlin. 
Gedruckt in der Druckerei der Königlichen Akademie 
der Wissenschaften. 


1826. 


In Commission bei F. Dümnler 


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Runorrın über den Wasserkopf vor der Geburt, nebst allgemeinen Bemerkungen 
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Desselben Anatomische Bemerkungen: 
I. Ueber den Orang-Utang, und Beweis, dafs derselbe ein junger 
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II. Deeher den Zitterwels....e. esse see see aunenenlaene e nns ee 
Lixk Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems nebst einer Anordnung der 
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Licurenstein über die Antilopen des nördlichen Africa, besonders in Beziehung 
auf die Kenntnifs, welche die Alten davon gehabt haben..... 
Weiss Verallgemeinerung einiger in der Abhandlung über die ausführlichere 


Bezeichnung der Krystallflächen vorgetragenen Lehrsätze...... 


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die chemische Verbindung der Körper. 


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[Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 15. Januar 1824.] 


D: Bedingungen sind es, die man bald als die nothwendigen er- 
kannte, wenn eine chemische Vereinigung der Körper erfolgen soll. Die 
eine, dafs zwischen ihnen eine unmittelbare Berührung statt finde; die 
andere, dafs die sich berührenden Körper, nach ihrer verschiedenen Be- 
schaffenheit, entweder mit Wasser in Verbindung gebracht, oder dafs 
sie einer höheren Temperatur ausgesetzt werden. 

Den Grund der Veränderungen der Eigenschaften welche die Kör- 
per bei dieser Verbindung erfahren, ist man schon längst, indefs bis 
jetzt vergeblich, zu erforschen bemüht gewesen. Dies kann auch nicht 
befremden, weil die Eigenschaften eines Körpers nur durch die Wir- 
kung auf andere Körper erkannt werden können. Die Körper an sich 
sind uns vollkommen unbekannt, nur ihre Eigenschaften lernen wir 
in dem Augenblick der Wirkung d.h. in dem Augenblick kennen, 
wo sie eine Veränderung erleiden und hervorbringen. Was aber eine 
Veränderung hervorbringt, ist eine Kraft, und die Wirkung der Kraft 
mufs entweder eine äufsere oder eine innere seyn. Aeufsere Verände- 
rungen beziehen sich auf den Raum und haben auf die Beschaffenheit 
des Körpers keinen Einflufs. Innere Veränderungen aber sind von 
räumlichen Verhältnissen unabhängig. Wenn man also die Verän- 
derungen untersucht, welche durch die Einwirkung der Körper auf ein- 
ander hervorgebracht werden, so betrachtet man nicht die uns ganz 
unbekannten Materien, sondern ihre Kräfte in dem Augenblick ihrer 

Phys. Klasse 1824. A 


2 Karsten 


Wirksamkeit. Die Körper äufsern folglich die Kräfte, welche eine Ver- 
einigung und Trennung hervorbringen, nur so lange, als die chemische 
Einwirkung fortdauert. Sobald diese beendigt ist, befindet sich der neu 
gebildete Körper, den wir an sich eben so wenig kennen, als die Kör- 
per aus denen er entstanden ist, in Ruhe. 2 

Die Umstände unter welchen die Körper ihre Kräfte äufsern, sind 
aber sehr verschieden. Versucht man es, diesen Umständen weiter nach- 
zuforschen, so ergiebt sich, dafs Temperatur, Druck, Flüssigkeit u. s. f. 
nur die nächsten Ursachen seyn können, aus welchen die Kräfte der 
Körper ruhend oder thätig erscheinen, dafs aber der wahre Grund in den 
Körpern selbst und in der Veränderung ihres Kohärenzzustandes gesucht 
werden mufs, und dafs der entstehenden Verbindung eigenthümliche 
Kräfte zukommen, welche durch den jedesmaligen Kohärenzzustand der 
Mischung, in dem Augenblick ihrer Bildung, besummt werden. 

Ganz vorzüglich hat man es sich angelegen seyn lassen, sich eine 
Vorstellung von der Art und Weise zu verschaffen, wie nach vollbrach- 
ter chemischen Einwirkung der Körper a und 2, diese in dem neu ent- 
standenen Körper c vorhanden gedacht werden müssen. Wir wissen 
mit Gewifsheit dafs ce aus a und b entstanden ist, weil das Gewicht von e 
der Summe der Gewichte von a und 5 gleich ist, ja wir können so- 
gar, unter günstigen Umständen, a sowohl als d, aus c ohne Gewichts- 
verlust wieder darstellen; aber weiter reicht unsere Erfahrung nicht; 
wir können nicht mit eben der Gewifsheit behaupten, dafs « und b 
in c enthalten sind, weil in dem Augenblick der chemischen Einwir- 
kung von a und 5, zugleich eine Veränderung der Eigenschaften dieser 
Körper statt findet. Mit Gewifsheit kennen wir also nur die Erschei- 
nung, und da uns das Gesetz unbekannt ist, nach welchem sich der 
Erfolg der Erscheinung richtei, so war es Bedürfnifs, diesem Mangel 
durch Voraussetzungen abzuhelfen, welche den Erfolg der Erscheinung 
erklären. 

In der Hauptsache sind zwei Hypothesen zu unterscheiden. Die 
eine nimmt die T'heilbarkeit der Materie ins Unendliche, und bei der 
chemischen Einwirkung der Körper auf einander, eine Durchdringung 
der Materie ins Unendliche an, so dafs jeder, auch unendlich klein 
gedachte Raum den c einnimmt, von a und b zugleich erfüllt wird. 


über die chemische Verbindung der Körper, 3 


Die Quanutät der Materie in einem gegebenen Raum nennt diese Hy- 
pothese die Masse, welche sich also nur durch Maafs oder Gewicht 
bestimmen läfst. Bei dieser Bestimmung geht sie von der einfachen Er- 
fahrung aus, dafs eine (Quantität von a, mit einer Quantität von 5 den 
Körper c giebt, so dafs c in diesen Verhältnissen aus a und 5 zusam- 
men gesetzt ist und darin zerlegt werden kann, läugnet aber; dafs a und 
b auch als solche in dem Raum c enthalten sind. 

Die zweite Hypothese läfst die Körper aus kleinen untheilbaren 
Theilchen bestehen, welche zwar eine bestimmte Form, Gröfse und Ge- 
wicht besitzen, sich aber der sinnlichen Warnehmung gänzlich entzie- 
hen, und daher weder durch mechanische Zertheilung des Körpers dar- 
gestellt, noch gemessen oder gewogen werden können. 

Bei der chemischen Einwirkung der Körper verbinden sich diese 
Atome durch Nebeneinanderlagerung, vermöge einer eigenthümlichen 
Kraft, welche zwischen ungleicharugen Atomen die chemische Vereini- 
gung, zwischen gleichartigen aber den mechanischen Zusammenhang 
hervorbringt. Durch die Gesetze der bestimmten Mischungsverhältnisse 
hat diese Hypothese an Wahrscheinlichkeit gewonnen, indem sie auf 
eine einfache und leicht fafsliche Weise, aus den Atomen die Zusam- 
mensetzung der Körper zu erklären, und die Gestalt derselben sogar 
sinnlich darzustellen vermag, weil nichts verhindert, die Form und die 
Gröfse der Atome dem Bedürfnils gemäfs abzuändern. Aber diese ato- 
mistische Hypothese erfordert eben so wie jene, die dynamische, eine 
Kraft, und zwar eine ununterbrochen fortwirkende Kraft, um die Mög- 
lichkeit der Materie einzusehen, oder überhaupt zu erklären. Wenn 
sich der Dynamiker dazu der ursprünglichen Bewegungskräfte, der an- 
ziehenden und der zurickstofsenden bedienet, so würde der Atomistiker 
darzuthun haben, von welcher Art die Kraft ist, welche jeder mecha- 
nischen Einwirkung widersteht, die den Zusammenhang der Atome auf- 
zuheben strebt, und durch welche die chemische Vereinigung nicht allein 
zu Stande gebracht, sondern auch beharrlich darin erhalten wird. 

Es ist schon oft erinnert worden, dafs die unmittelbare Anwen- 
dung der Dynamik auf die chemischen Verbindungen und Trennungen 
der Körper, ganz falsch und den Prinzipien derselben widerstreitend sei. 
Die Möglichkeit der Gruadkräfte läfst sich nicht beweisen; weil aber 

A2 


4 KARSTEN 


jede Thätigkeit und Veränderung die im Raume vorgeht, nur durch 
Bewegung gedacht werden kann, so genügt es, den Begriff der 
Materie auf bewegende Kräfte zurück zu führen. 

Man hat es der dynamischen Lehre zum Vorwurf gemacht, dafs 
sie die Krystallisatiion, also die Form der Körper, eben so wenig zu er- 
klären, als den Grund anzugeben vermöge, warum sich die Körper nur 
in gewissen Verhältnissen mit einander verbinden. Bei diesem Vorwurf 
ist jedoch übersehen, dafs man den Grund einer Erscheinung zu wissen 
verlangt, der sich eben so wenig angeben läfst, als man überhaupt be- 
stimmen kann, was ein Körper für sich betrachtet sei. Der Grund des 
die Form und die Mischungsverhältnisse Bestimmenden, ist nicht der 
chemische Prozefs als solcher, sondern er muls in den Bewegungsge- 
setzen der Kräfte gesucht werden, welche von dem Kohärenzzustande 
der Körper abhängig sind. Wäre der chemische Prozefs das Besun- 
mende, so würde nicht einleuchten, warum manche Körper nur ein 
Mischung 


5 
mehrere eingehen. Die Ursache dieses merkwürdigen Verhaltens der 


sverhältnifs beobachten, während andere Körper zwei und 


Körper hängt mit ihrem Wesen so genau zusammen, dafs man es nicht 
abgesondert davon denken kann. So lange die Ursache des Kohärenz- 
zustandes der Körper überhaupt nicht bekannt ist, darf man nicht er- 
warten einen genügenden Aufschlufs über den wahren Grund der che- 
mischen Mischungsverhältnisse zu erhalten, welche, nach allen Erfah- 
rungen, von der Temperatur und anderen Einflüssen abhängig sind, 
ohne diese Einflüsse als den letzten Grund jener Erscheinungen betrach- 
ten zu dürfen. Wenn wir finden, dafs sich das Quecksilber bei der 
Temperatur seines Siedepunktes oxydirt, den Sauerstoff aber in einer 
höheren Temperatur wieder entäfst, so kann in beiden Fällen nur der 
Kohärenzzustand des Quecksilbers und des Sauerstoffs das Bestimmende 
der Erscheinung seyn. Körper die bei ihrer Verbindung mit einander, 
ihren Kohärenzzustand entweder nicht bedeutend, oder wenigstens in 
gleichbleibenden Verhältnissen verändern, zeigen wirklich sehr unbe- _ 
summte Verbindungsverhältnisse, und daher dürften die Gesetze der be- 
stimmten Mischungsverhältnisse in sehr vielen Fällen auch nur auf ei- 
nen gewissen und besummten Kohärenzzustand der Körper beschränkt 
werden müssen. 


über die chemische Verbindung der Körper. 5 


Die Beschaffenheit einer flüssigen oder starren Mischung, welche 
einen Bestandtheil in einem überwiegenden Verhältnifs enthält, läfst 
sich nach rein atomisuschen Ansichten nicht erklären, und noch we- 
niger giebt diese Lehre darüber einen Aufschlufs, wie überhaupt Ver- 
bindungen und Trennungen zwischen Körpern erfolgen können, von 
denen sich keiner im flüssigen Zustande befindet. Damit sich die Ato- 
men zweier Körper zu einem neuen dritten zusammenfügen, müssen sie 
sich nothwendig in einem Zustande befinden, der eine leichte Ver- 
schiebbarkeit ihrer Atome zuläfst, d. h. die Körper deren Vereinigung 
oder Trennung bezweckt wird, müssen flüssig seyn, denn die unmittel- 
bare Berührung allein, würde eine solche Verbindung nicht bewirken 
können, weil sich, auch im Zustande der feinsten mechanischen Zer- 
theilung, nicht die Atome, sondern die aus ihnen zusammengesetzten 
mechanisch zerkleinerten Theilchen der Körper berühren. Die unmit- 
telbare Berührung der Körper allein würde also nicht zureichen kön- 
nen, um Verbindungen und Trennungen hervorzubringen , sondern es 
würde dazu auch der Zustand der Flüssigkeit nothwendig erforderlich 
seyn. Auflösung der Körper und chemische Vereinigung sind aber ein 
und derselbe Prozefs, und wer das Geheimnifs der Auflösung zu ent- 
räthseln vermögte, würde zugleich das der chemischen Verbindung und 
Trennung enthüllt haben. 

Man unterscheidet Auflösungen und Verbindungen auf dem nassen 
und auf dem trocknen Wege. Die ersteren erfolgen durch Hülfe des 
Wassers, die letzteren vermittelst des Wärmestofls. Eine Auflösung des 
festen Körpers im Wärmestoff, wodurch derselbe in den tropfbar flüs- 
sigen Zustand versetzt wird, pflegt man auch das Schmelzen zu nennen. 
Es ist hierbei die Frage aufgeworfen worden, ob der Wärme Materiali- 
tät zukomme, ob man nämlich die Verbindung der Körper mit Wärme 
als eine chemische Vereinigung derselben mit Wärmestoff, oder ob man 
den erwärmten Körper nur für einen gewissen Zustand der Materie 
überhaupt zu betrachten habe? Der Hypothese, dafs die Wärme in Be- 
wegung allein bestehe, ist die Erfahr ‚ung nicht zusagend, dafs der Wär- 
RER sich nach bestimmten Gesetzen mit den Körpern verbinden und 
wieder von ihnen trennen läfst.  Dafs uns die Art wie sich der Wär- 
mestofl mit den Körpern verbindet, unerklärlich ist, giebt uns nicht die 


6 KARrstEen 


Befugnifs, ihm die Materialität abzusprechen, weil jede Wirkung auf 
Materie, nur in Materie gegründet seyn kann. Nach der dynamischen 
Lehre mufs man die Verbindung des Wärmestofls mit den Körpern für 
eine wechselseitige Durchdringung, wie bei allen chemischen Vereini- 
gungen ansehen, und dann würde der Wärmestofl ein Körper seyn, der 
in allen Verhältnissen mıt allen bekannten Körpern mischbar wäre. Wir 
wissen dafs das specilische Gewicht des Wasserstolls etwa 214 Tausend- 
mal geringer ist als das des Plaun, und daher hat die Annalıme nichts 
gegen sich, dafs es Materien geben könne, deren Feinheit so grofs ist, 
dais sich ihr Gewicht durch unsere Vorrichtungen nicht auflinden läfst. 
Mag man übrigens die Wärme als Materie betrachten oder nicht, so ist 
doch das mit Gewifsheit anzunehmen, dafs ihre Wirkung auf die Körper 
nicht allein darin besteht, eine gröfsere Ausdehnung derselben hervor- 
zubringen, also ihre Kohäsion zu schwächen und mehr oder weniger 
zu vermindern; sondern auch darin, ihnen häufig ganz andere Eigen- 
schaften mitzutheilen,, indem die Körper in der erhöheten Temperatur 
anderen Gesetzen der Verbindung und des Verhaltens zu einander un- 
terworfen sind, als wir in der gewöhnlichen Temperatur an ihnen war- 
nehmen. 

Eine ähnliche Wirkung sehen wir bei der Verbindung der Kör- 
per mit Wasser eintreten. Der feste Körper wird flüssig, und sein Ko- 
häsionszustand ist bis auf einen gewissen Grad aufgehoben. Erst durch 
Entfernung des Wassers gelangt er wieder zu seinem frühern Zustande, 
eben so wie der geschmolzene Körper durch Erkaltung wieder fest wird. 
Der Körper wird also durch die Entfernung des Wassers oder der 
Wärme erst wieder was er vorher war, und es ist auf keine Weise zu 
behaupten, ja sogar aller Erfahrung zuwider, dafs er im flüssigen oder 
aufgelöfsten Zustande dieselben Eigenschaften besitze, welche wir nach 
Entfernung des Auflösungsmittels an ihm bemerken. Die auflallendste 
Veränderung bei der Auflösung der Körper ist ohne Zweifel der Ver- 
lust des Kohärenzzustandes, und diese Veränderung ist wenigstens eben 
so grofs, eben so unbegreiflich, als jede andere Veränderung die der 
Körper durch die Verbindung mit anderen Körpern erleiden kann. 

Zu den vielen wichtigen Entdeckungen welche wir Berzelius 
verdanken, und zu den vielen neuen Verbindungen, deren wahre Natur 


über die chemische Verbindung der Körper. 7, 


wir durch ihn kennen gelernt haben, gehören auch die Verbindungen 
der Körper mit Wasser, oder die Hydrate. Wir wissen dafs sehr 
viele Körper die Eigenschaft besitzen , sich mit bestimmten Mischungs- 
gewichten Wasser zu verbinden, welches häufig, auch in den höchsten 
Graden der Temperatur, nicht wieder entfernt werden kann; ja, dafs 
mehrere Körper zu ihrem Bestehen so wesentlich des Wassers bedürfen, 
dafs sie ohne dasselbe bis jetzt nicht haben dargestelli werden können. 
Und diese ersten Mischungsgewichte Wasser, mit denen sich die 
Körper verbinden, sind es besonders, wodurch sich ihre Eigenschaften 
auf eine bemerkbare Weise von denen in dem nicht wasserhaltenden 
Zustande unterscheiden. Ein auffallendes Beispiel bietet die Schwefel- 
saure dar. Im wasserfreien Zustande läfst sie sich zwischen den trock- 
nen Fingern halten, zeigt keine saure Reaction und verbindet sich eben 
so wenig mit den wasserfreien Basen, als sie auf Metalle einwirkt. Die 
geringste Feuchtigkeit ändert diesen Körper in eine hefug wirkende Säure 
nm. Ein gröfserer Zusatz von Wasser bewirkt dann weit weniger auf- 
fallende Veränderungen, und ein Gemisch aus wasserhaltender Schwe- 
felsäure und Wasser scheint sich nicht wesentlich zu verändern, wenn 
auch das Verhältnifs des Wassers bedeutend vermehrt wird. Was hier 
von der Schwefelsäure bemerkt ist, gilt mehr oder weniger von andern 
Körpern bei ihrer Verbindung mit Wasser. Finden wir doch dasseibe 
Verhalten bei der Vereinigung aller Körper, die sich in mehreren Ver- 
hältnissen mit einander verbinden, auf ähnliche Weise wieder. Das 
erste Wlischungsgewicht Sauerstoff, welches sich mit dem Kupfer ver- 
bindet, ist es, welches dem Metall ganz neue, durchaus andere Eigen- 
genschaften, als es zuvor besafs, mittheilt; das Kupferoxyd nähert sich 
dem Oxydul ungleich mehr, als das Oxydul dem Metall. Berzelius 
hat die Natur der merkwürdigen Verbindungen des Cyan und des Schwe- 
grofser 
Theil dieser Verbindungen sowohl als derer des Chlors mit den Metal- 


felwasserstolls mit den Metallen genauer kennen gelehrt. Ein 


len, ist im Wasser auflöslich, und auch bei diesen Auflösungen sind es 
die ersten Mischungsgewichte Wasser, welche die Eigenschaften jener 
Metallverbindungen vorzüglich zu verändern scheinen. 

Ganz besonders mufs aber bei der Untersuchung der Frage: in wie- 
fern das Wasser die Eigenschaften der Körper verändert, in Erwägung 


s KARSTEN 


gezogen werden, dafs eine chemische Einwirkung der Körper auf einander 
in der gewöhnlichen Temperatur nur durch die Zwischenkunft des Was- 
sers statt finden kann und dafs uns daher, ohne die Vermittelung des- 
selben, die chemischen Eigenschaften, nämlich diejenigen Eigenschaften 
der Körper, welche sich auf eine innere Veränderung der Materie be- 
ziehen, völlig unbekannt seyn würden. 

Wenn man zugeben mufs, dafs der wahre und der einzige Cha- 
rakter einer chemischen Verbindung darin besteht, dafs specifisch ver- 
schiedene Materien sich zu einem homogenen Ganzen vereinigen , so ist 
kein Grund vorhanden, die Auflösungen der Körper im Wärmestoff und 
im Wasser, nicht ebenfalls als chemische Verbindungen zu betrachten. 
Welche Eigenschaften die aus der Verbindung entstandene Mischung 
besitzen möge, ist hierbei ganz gleichgültig. Die scheinbar geringen 
Veränderungen in der Eigenschaften, welche die Körper bei der Auflö- 
sung im Wasser erleiden, ist vielleicht in der Eigenschaft des Wassers: 
doppelte Polarisation anzunehmen, begründet, obgleich deshalb eine che- 
mische Vereinigung des aufgelöfsten Körpers mit seinem Auflösungs- 
mittel nicht geläugnet werden kann. Darauf deuten auch schon die Er- 
scheinungen hin, dafs die Körper eine bestimmte Menge Wasser zur 
Auflösung erfordern, dafs die Auflösungsfähigkeit des Wassers von der 
Temperatur abhängig ist, dafs sich die Verdunstungsfähigkeit des Was- 
sers nach der Menge der aufgelöfsten Körper abändert, dafs sich die 
auflösende Kraft des Wassers, welches schon andere Körper aufgenom- 
men hat, in manchen Fällen vermehrt, dafs der Siedepunkt des Was- 
sers durch aufgelöfste Salze verändert wird, u.s.f. Dafs der aufge- 
löfste Körper nach Entfernung des Wassers unverändert wieder erhal- 
ten wird, findet auch bei anderen chemischen Verbindungen statt, z.B. 
bei den Amalgamen, von denen sich das Quecksilber durch Erhitzung 
wennen läfsı; ferner bei den Auflösungen vieler Metalloxyde in Säuren, 
welche bei einer angemessenen Erhitzung das Oxyd unverändert zu- 
rücklassen u.s.f. 

Wenn daher kein zureichender Grund anzugeben ist, die Auflö- 
sung der Körper in Wasser und in Wärmestoff für etwas anders als 
für eine wahre chemische Verbindung zu halten, so geben uns diese 
Auflösungen unläugbare Beispiele von chemischen Verbindungen nach 


über die chemische Verbindung der Körper. 9 


ganz unbestimmten Verhältnissen. Eben so müssen alle diejenigen Ver- 
bindungen, bei denen ein Bestandtheil in grofsem Uebermaafs vorhanden 
ist, so lange sie sich im wopfbar flüssigen Zustande befinden, und so 
lange die völlige Gleichartigkeit der Mischung erwiesen ist, für 
chemische Verbindungen nach ganz unbestimmten Verhältnissen angese- 
hen werden, denn die homogene Beschaffenheit der Mischung ist das 
einzig wahre und richtige Kennzeichen einer chemischen Vereinigung. 
Wenn wir nun aber, aus einer stark alkalisch reagirenden, so 
wie aus einer mit einem Uebermaafs von Säure versehenen homogenen 
Flüssigkeit, in beiden Fällen ein Salz, genau aus denselben Mischungs- 
verhältnissen Säure und Basis bestehend, krystallisiren sehen: so wer- 
den wir den Grund dieser merkwürdigen Erscheinung nicht darin suchen 


können, dafs das Salz schon gebildet in den Flüssigkeiten vorhanden ge- 


5 
wesen, und sich das einemal im Ueberschufs der Basis, das anderemal im 
Uebermaafs der Säure aufgelöst befunden habe; sondern wir werden 
schliefsen müssen, dafs es sich erst gebildet, und dafs irgend eine Kraft 
die frühere chemische Verbindung aufgehoben habe. So hat man nach 
einer Reihe von Jahren aus der Kieselfeuchtigkeit krystallinische, dem 
Bergkrystall ähnliche Bildungen der Kieselerde sich ausscheiden sehen, 
und so ist es überhaupt zu erklären, wenn aus flüssigen Mischungen 
sich erst nach Verlauf von einiger Zeit, Niederschläge oder kıystallini- 
sche Absonderungen darstellen. 

Diese Erfolge führen nothwendig darauf zurück, dafs in vielen 
ganz unbestimmten 


ke] 
Verhältnissen statt findet, und dafs die Vereinigung nach 


Fällen die Verbindung der Körper nach 


bestimmten Verhältnissen, die unabänderlichen, stets gleichen 
Gesetzen unterworfen ist, ein besonderer Fall des allgemei- 
nen Erfolgs der Verbindungen der Körper seyn mulfs, welche 
nicht von chemischen Verhältnissen abhängig, sondern in 
dem Wesen des entstehenden Körpers begründet ist. Daraus 
wird es auch einleuchtend, dafs die Verbindungen nach bestimmten 
Mischungsverhältnissen nicht der Grund der bestimmten Form (Krystal- 
lisation) der starren Körper sind, sondern dafs sie vielmehr die noth- 
wendige Folge des Kohärenzzustands der Körper selbst seyn müssen. 
Phys. Klasse 1824. B 


10 KARSTEN 


Verbindungen, die einer erhöheten Temperatur zu ihrer Bildung 
bedürfen, verhalten sich häufig auf ähnliche Weise; indefs isı es schwie- 
iger, den Zustand der Verbindung, so lange die Masse flüssig ist, zu 
beurtheilen. Untersucht man, wie es in der Regel nur geschehen kann, 
die Verbindungsverhältnisse, nachdem die Erstarrung erfolgt ist, so er- 
forscht man nicht mehr die ursprünglichen, sondern die durch den Ko- 
härenzzustand der erkalteten Masse bedingten Mischungsverhältnisse. Es 
würde also in vielen Fällen ein Irrıhum seyn, wenn man das durch die 
Analyse aufgefundene Resultat verallgemeinern und auf alle Kohärenz- 
zustände der sich verbindenden Körper ausdehnen wollte. Von vielen 
Verbindungen wissen wir, dafs sie in der Hitze und so lange die Masse 
flüfsig ist, in ganz unbestimmten Verhältnissen statt finden, — zu welcher 
Annahme uns der ganz homogene Zustand der geschmolzenen Masse be- 
rechtigt, — dafs aber nach dem. Erkalten andere Mischungsverhältnisse 
eintreten, welche den Gesetzen unterworfen sind, die Berzelius so 
vollständig entwickelt hat. 

Die neuern Untersuchungen haben gelehrt, dafs der chemische 
Prozefs stets mit elektrischen Erscheinungen verbunden ist. Dem che- 
mischen so wie dem elektrischen Verhalten der Körper scheint eine und 
dieselbe bedingende Ursache zum Grunde zu liegen, nämlich der Ge- 
gensatz der Körper selbst. Von dem elektrischen Verhalten kann also 
das chemische nicht abgeleitet werden, indem beide sich nicht wie Ur- 
sache und Wirkung bedingen, sondern sie müssen als die gleichzeitigen 
Wirkungen einer und derselben Krafı betrachtet werden. Die antiphlo- 
gistische Schule erblickte in dem Sauerstoflgas die einzige Quelle des 
Lichtes; sie leitete aus der Verbindung des Sauerstoffs mit andern Kör- 
pern, als Erscheinung das Feuer, und als Erfolg die Säurebildung ab. 
Wir wissen jetzt, dafs jede Verbindung der Körper mehr oder weniger 
mit den Erscheinungen des Verbrennens begleitet ist, dafs jeder chemi- 
schen Verbindung dieselbe Ursache zum Grunde liegt, und dafs Feuer- 
erscheinung, so wie deutlich hervortretendes basisches und saures Ver- 
halten der Körper gegen einander, blofs durch die Stärke ihres phlo- 
gistischen Gegensatzes bedingt werden. So verbrennt, — um ein Bei- 
spiel für alle zu wählen, — Eisen mit Schwefel unter Feuerentwicke- 


über die chemische Ferbindung der Körper. 41 


lung und bildet ein Salz, dessen Basis das Eisen, und dessen Säure der 
Schwefel ist. Dieser verbrennt aber mit Sauerstoff, und stellt dann eine 
Verbindung dar, in welcher sich der Schwefel als Basis und der Sauer- 
stoff als Säure verhält. Wird diese Verbindung des Schwefels mit Sauer- 
stoff wieder mit einem andern Körper in Gegensatz gebracht, so entsteht 
ein neues Verbrennen bei der Vereinigung, obgleich damit eine deut- 
liche Feuererscheinung schon seltener, z. B. bei der Einwirkung der 
Schwefelsäure auf Bittererde, verbunden ist. Je geringer die phlogisti- 
sche Differenz der Körper ist, welche sich mit einander vereinigen, desto 
weniger auffallend sind die Erscheinungen bei ihrer Verbindung, und 
desto weniger bemerkbar wird ihr basisches und saures Verhalten. 
Welche Körper aber eine Verbindung mit einander eingehen, läfst 


5 
sich in Voraus nicht bestimmen, so wenig sich ohne Erfahrung die Um- 
stände angeben lassen, unter welchen die Verbindung erfolgen wird. 


Wenn man, um diese Umstände näher zu bezeichnen, Verbindungen 
auf dem nassen und auf dem trocknen Wege unterschied, so lag dabei 
mehr oder weniger die irrige Ansicht zum Grunde, dafs man die Kör- 
per, deren Verbindung beabsichtigt ward, erst in den Zustand der Flüs- 
sigkeit versetzen müsse, weil man einen flüssigen Zustand, aufser der 
unmittelbaren Berührung, für eine nothwendige Bedingung zu ihrer Ver- 
bindung hielt, als ob es nöthig sei, eine leichtere Beweglichkeit der 
vorausgesetzten kleinsten Theilchen der Körper zu bewirken, welche 
sich im Zustande der Flüssigkeit leichter finden und an einander haften 
würden. Erst in neuern Zeiten hat man diese Ansicht berichtigt und 
sich überzeugt, dafs es vorzüglich nur darauf ankomme, die Körper in 
einen elektrisch chemischen Gegensatz zu bıingen und die Kobhäsions- 
spannung aufzuheben. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, er- 
scheinen Wärme und Wasser nicht mehr als Auflösungsmittel, sondern 
als Mittel zur Aufhebung des Kohärenzzustandes, oder vielmehr als Mit- 
tel, die Hindernisse zu vermindern, welche sich der chemischen Einwir- 
kung der Körper durch die Kohäsion entgegensetzen. Sie dienen da- 
her als Erreger der ruhenden Kräfte der Materie, um den Akt der 
Verbindung zu vollbringen. 

Sind aber Wasser und Wärme nicht mehr als Auflösungsmittel, 
als Mittel eine leichtere Verschiebbarkeit der Körpertheilchen zu bewir- 

B.2 


12 KARrsTen 


E 


ken, sondern als höhere, erregende Rotenzen anzusehen, so ist auch der 
eigentliche flüssige Zustand der Körper nicht erforderlich, um ihre Ver- 
bindung zu bewerkstelligen. Der Zustand der Flüssigkeit würde nur 
dann nothwendig seyn, wenn die Kohärenzspannung so grofs wäre, dafs 
sie erst durch eine völlige Flüssigkeit der Masse überwunden werden 
könnte. 

Betrachten wir zuerst die auf dem sogenannten trockenen Wege 
entstehenden Verbindungen. Das kohlehaltige Eisen erleidet durch 
Glühen, in einer Temperatur welche von dem Schmelzpunkt der Mi- 
schung ungemein weit entfernt bleibt, wesentliche Veränderungen. Die- 
ser Erfolg ist um so anflallender, als hier Mischungen und Entmischun- 
gen zwischen zwei aufserordentlich sirengflüssigen Körpern in einer ver- 
hältnifsmäfsig niedrigen Temperatur statt finden. Alle Verbindungen 
durch die sogenannte Cementation dienen ebenfalls zum Beweise, dafs 
Flüssigkeit zur Vereinigung der Körper nicht immer erfordert wird. 
Zwar verliert sich das Auffallende in den Erscheinungen dieses Prozes- 
ses dadurch, dafs man sich den einen Körper gewöhnlich im dampflör- 
migen Zustande denkt, wenn gleich dadurch noch nicht erklärt ist, wie 
die Verbindung nach der gewöhnlichen Ansicht erfolgen kann, wenn 
der andere Körper im festen Zustande beharrt; allein bei der Cemen- 
tation des Eisens mit Kohle wird keiner von beiden Körpern dampfför- 
mig oder tropfbarflüssig, und die Verbindung erfolgt dennoch leicht 
und schnell, durch die blofse Berührung, in dem erforderlichen Grade 
der Temperatur. Wenn Eisen, in zolldicken und noch stärkeren Stücken, 
anhaltend, unter schwachem Luftzuwitt, glühend erhalten wird, so ver- 
wandelt sich die ganze Masse in Oxydul, und es läfst sich auf diese 
Weise ein künstlicher Magneteisenstein darstellen. Wird dieser, mit 
Kohle umgeben, einer anhaltenden Glühhitze ausgeseizt, so verändert 
sich die ganze, mehrere Zoll starke Masse zuleizt wieder in regulini- 
sches Eisen, obgleich hier eben so wenig ein unmittelbarer Zutritt der 
Kohle zum Inneren der Eisenmasse, als ein Flüssig- oder Flüchtigwer- 
den der Kohle, des Eisens oder des Eisenoxyduls statt finden kann. 

Eben so wenig läfst sich der Erfolg bei dem sogenannten Auf- 
schliefsen der Fossilien, durch Glühen mit Alkalien erklären, wobei die 
Einwirkung des Alkali auf das Fossil vollständig statt findet, ohne dafs 


über die chemische Ferbindung der Körper. 13 


ein flüssigev Zustand der geglüheten Masse erforderlich ist. Die mehrsten 
Reduktionen der Metalloxyde in Kohlentiegeln geschahen schon, ehe das 
Oxyd flüssig wird, und der geschmolzene Metallregulus ist Folge des 
Prozesses. Sehr sirengflüssige Metalle lassen sich aus ihren Oxyden re- 
duciren, ohne dafs das Oxyd und das daraus erhaltene Metall flüssig 
werden. — Die schwefelsauren Salze ändern sich durch die blofse Ce- 
mentation mit Kohle in Schwefelverbindungen um, wobei es nicht er- 
forderlich ist, dafs das schwefelsaure Salz oder die entstehende Schwe- 
felverbindung flüssig werden. Am augenscheinlichsten zeigt sich die 
Verbindungsfähigkeit nicht geschmolzener Körper, bei der Vereinigung 
der für sich allein, wenigstens in dem angewendeten Hitzgrade unschmelz- 
baren Erden. Die schmelzbare Schlacke, oder das Glas, bilden sich, indem 
zwei oder mehrere ungeschmolzene Körper auf einander wirken. 

Aus allen diesen Erscheinungen leuchtet es deutlich ein, dafs der 
flüssige Zustand als solcher, nicht die wesentliche Bedingung zu den 
Verbindungen der Körper seyn kann, welche in einer erhöheten Tem- 
peratur erfolgen, sondern dafs der chemische Prozefs vielmehr durch 
die Temperaturerhöhung nur eingeleitet, der Erfolg desselben aber durch 
den Kohärenzzustand, sowohl der in Aktion begriflenen Körper, als der 
aus ihrer Vereinigung entspringenden Verbindung bedingt wird. 

Bei allen Verbindungen und Trennungen, die auf dem trockenen 
Wege, nämlich durch Temperaturerhöhung bewirkt werden müssen, ist 
es schwierig, dem Verlauf der Erscheinungen zu folgen. Weil man das 
Produkt in den mehrsten Füllen im geschmolzenen Zustande erhält, 
so setzt man voraus, dafs sich auch die Körper, oder wenigstens einer 
derselben, aus deren Verbindung es entstanden ist, vor der Vereini- 
gung im flüssigen Zustande befunden haben müssen. Das Gegentheil 
läfst sich daher nur in solchen Fällen mit Zuverlässigkeit nachweisen, 
wo sich die auf einander wirkenden Körper, bei dem angewendeten 
Grade der Temperatur, noch gar nicht im flüssigen Zustande befinden 
konnten. 

Deutlicher mufs sich nachweisen lassen, dafs Verbindungen und 
Trennungen der Körper auf dem sogenannten nassen Wege, und bei ge- 
wöhnlicher Temperatur, wirklich statt finden können, ohne die auf ein- 


ander wirkenden Körper in einen flüssigen Zustand zu versetzen, und 


wi KR airsıTEN 


ohne der Anwendung von Wasser, als eines sonst für unentbehrlich 
gehaltenen Auflösungsmittels, zu bedürfen. Wenn sich gleich bei der 
Anstellung solcher Versuche die Einwirkung der atmosphärischen Feuch- 
tigkeit nicht vermeiden läfst, so wird man derselben doch den Erfolg 
des Prozesses nicht zuschreiben können, weil es sich nicht darum han- 
delt, die Entbehrlichkeit des Wassers bei den Mischungen und Ent- 
mischungen in der gewöhnlichen Temperatur darzuthun, sondern zu 
zeigen, dafs ein flüssiger Zustand für die in chemischer Aktion be- 
findlichen Körper nicht erforderlich ist. 

Die hier mitgetheilten Versuche sind auf die Weise angestellt, dafs 
die zu vereinigenden, vollkommen luftrocknen Körper, in einem Agat- 
mörser trocken zusammengerieben und dabei gröfstentheils in den Ver- 
hältnissen angewendet wurden, welche den chemischen Mischungsge- 
wichten entsprechen. Wo sich durch Farbenveränderung, oder durch 
andere Anzeigen, auf die erfolgte Verbindung oder Zersetzung nicht 
schliefsen liefs, blieb nichts ührig, als den Geschmack entscheiden zu 
lassen. Die Mischung 
kostet, und obgleich dabei, strenge genommen, der Einwurf nicht wi- 


ward dann mit möglichst trockener Zunge ge- 


derlegt werden kann, dafs die Zersetzung erst auf der Zunge selbst er- 
folgt seyn könne; so ist der erste Eindruck welchen die Geschmacks- 
nerven erleiden, doch gewifs die Wirkung eines schon gebildeten, und 
nicht die eines erst entstehenden Körpers. In allen Fällen, wo die ent- 
stehende Verbindung weder durch Farbe, Geruch oder Geschmack deut- 
lich unterschieden werden kann, läfst sich freilich auf eine erfolgte Zer- 
setzung mit Zuverlässigkeit nicht schliefsen, und gerade der Umstand, 
dafs die Zwischenkunft des Wassers, die hier eben vermieden werden 
soll, in den mehrsten Fällen nur das Criterion einer wirklich erfolg- 
ten Einwirkung der Körper abgeben kann, verhindert es, das aus die- 
sen Versuchen zu ziehende Resultat sogleich in seiner ganz allgemeinen 
Gültigkeit zu übersehen. 
Krystallisirte Kleesäure und basisches kohlensaures Kali. Das Gemenge 
wird beimZusammenreiben sogleich feucht, und die Kohlensäure entweicht brausend. 
Eben so verhalten sich krystallisirte Weinsteinsäure und Citronensäure. 
Benzo@säure und basisches kohlensaures Kali. Das Gemenge bleibt trocken, 
und durch fortgesetztes Reiben verschwindet der alkalische Geschmack gänzlich. 
Bernsteinsäure zeigt dasselbe Verhalten. 


über die chemische Verbindung der Körper. 15 


Benzo&säure und frisch gebrannte Kalkerde. Es scheint keine Verbindung 
statt zu finden; wenigstens war, auch bei einem Uebermaafs von Säure, nach 
halbstündigen Reiben der kaustische Geschmack noch deutlich zu bemerken. 
Benzoesäure und frisch gelöschter, zwischen Löschpapier schnell und so viel als 
möglich getrockneter Kalk verhalten sich wie Benzoösäure und basisches koh- 
lensaures Kali. 

Sublimat und basisches kohlensaures Kali. Bei trockner Luft kann das Zu- 
sammenreiben des Gemenges lange fortgesetzt werden, che eine Wirkung ein- 
tritt. Die geringste Feuchtigkeit ändert die weifse Farbe zuerst in eine gelbe, 
dann in eine braun- und ziegelrotlhe um. 

Sublimat und frisch gebrannter Kalk. Das Ganze bleibt weifs, aber in dem 
Augenblick des Anhauchens des zusammengeriebenen Gemenges stellt sich, wie 
durch einen elektrischen Schlag veranlafst, plötzlich die rothbraune Farbe ein. 
Reibt man die Kalkerde vorher mit Baumöl an, um alle wässrige Feuchtigkeit 
desto sicherer abzuhalten, so kann das Zusammenreiben mit Sublimat lange, ohne 
die geringste Farbenänderung fortgesetzt werden. Ein Hauch ist hinreichend, 
sogleich die röthlichgelbe Farbe hervortreten zu lassen. 

Kalomel und basisch kohlensaures Kali. Bei trockner Luft lassen sich beide Kör- 
per lange zusammen reiben, ehe eine Einwirkung statt findet. Diese erfolgt aber 
augenblicklich und giebt sich durch den plötzlichen Uebergang aus der weifsen 
in die dunkelgraue Farbe zu erkennen, sobald das Gemenge angehaucht wird. 

Kalomel und frisch gebrannter Kalk. Die Wirkung tritt genau so ein, wie 
beim Sublimat angeführt worden ist, nur dafs statt der rothen, die graue Farbe 
beim Anhauchen zum Vorschein kommt. 

Salmiak, zusammengerieben mit Wismuth, mit Mangansuperoxyd, mit ro- 
them Quecksilberoxyd, mit Zinko xyd, mit Wismuthoxyd und mit 
Spiesglasoxyd, entwickelt weder beim trocknen Reiben, noch nach dem An- 
feuchten eine Spur von Ammoniak. 

Salmiak mit Eisenfeile, mit Eisenoxydul, mit Eisenoxyd und Mennige 
trocken zusammengerieben, entwickelt kein Ammoniak, wohl aber, wenn das 
Gemenge angefeuchtet wird. 

Salmiak, zusammengerieben mit Glätte, mit frisch gebranntem Kalk, mit ba- 
sisch kohlensaurem Kali und mit Quecksilberoxydul, giebt schon 
beim trocknen Reiben eine Entwickelung von Ammoniak, welche sich indefs 
beim Anfeuchten bedeutend verstärkt. 

Salmiak und salpetersaures Silberoxyd zersetzen sich vollständig durch trock- 
nes Zusammenreiben. So lange das Gemisch dem Licht nicht ausgesetzt ist, 
bleibt es vollkommen weifs und hat das Ansehen von trocknem Mehl. Sobald 
es dem Sonnenlicht ausgesetzt wird, schwärzt es sich sogleich, und die Masse 
wird im ersten Augenblick sehr deutlich feucht, wobei sich auch ein schwacher 
Geruch von Salpetergas bemerken läfst. 

Salmiak und Borax entwickeln beim troeknen Zusammenreiben sogleich starke Ammo- 
niakdämpfe. Gebrannter Borax mufs erst eine geraume Zeit mit dem wasserfreien 
Salmiak gerieben werden, ehe der Ammoniakgeruch zum Vorschein komnıt. 


16 KıaırRıs TEN 


Kleesaures Ammoniak und Glätte, so wie kleesaures Ammoniak und ba- 
sisches kohlensaures Kali entwickeln beim trocknen Zusammenreiben au- 
genblicklich starke Ammoniakdämpfe. 

Kochsalz und Glätte wirken beim trocknen Zusammenreiben nicht auf einander; die 
alkalische Reaction stellt sich erst nach dem feuchten Reiben ein. 

Krystallisirtes schwefelsaures Eisenoxydul-Oxyd und Cyan-Eisen-Ka- 
lium geben beim trocknen Zusammenreiben sogleich Berlinerblau. - Diese Wir- 
kung tritt auch ein, wenn die Cyanure zuvor mit Oel angerieben ist. 

Krystallisirtes schwefelsaures Eisen-Oxydul-Oxyd und basisch kohlen- 
saures Kali. Das Gemenge wird beim trocknen Reiben bald feucht und 
backend, und bekommt eine schwarzbraune Farbe. Derselbe Erfolg findet statt, 
wenn das Alkali zuvor mit Oel angerieben wird. Eine grüne Farbe kommt erst 
beim Befeuchten zum Vorschein. 

Krystallisirtes schwefelsaures Kupferoxyd und basisches kohlensaures 
Kali. Beim trocknen Reiben wird die Masse sogleich feucht, backend und 
dunkelblau. Wird das Alkali vorher mit Oel gerieben, so stellt sich die dun- 
kelblaue Farbe dennoch ein. Erst durch Zutritt von Feuchtigkeit kommt in bei- 
den Fällen die grüne Farbe zum Vorschein. 

Salzsaurer Baryt und schwefelsaures Kupferoxyd geben beim Zusammenrei- 
ben sogleich eine schöne zeisiggrüne Mischung, die Salze mögen trocken oder 
mit Oel angefeuchtet gerieben werden. Nach den verschiedenen Verhältnissen 
des salzsauren Baryts zum Kupfervitriol, lassen sich alle Nuancen der blauen 
Farbe von der grünlichblauen bis zur blafsgrünen darstellen. 

Salzsaurer Baryt und schwefelsaures Eisenoxydul-Oxyd geben beim trock- 
nen Reiben augenblicklich ein braungelbes Gemisch. 

Schwefelsaures Kali und salpetersaurer Baryt zersetzen sich beim trocknen 
Reiben vollständig und stellen ein trocknes Mehl dar, welches ganz den Ge- 
schmack des Salpeters besitzt, wenn beide Salze im richtigen Verhältnifs ange- 
wendet worden sind. 

Chromsaures Kalı (neutrales, oder einfach saures, eitronengelbes) und salpeter- 
saures Bleioxyd geben beim trocknen Reiben sogleich ein pomeranzengel- 
bes Pulver. 

Chromsaures Kali und Kupfervitriol zersetzen sich zu einem braunen Pulver. 

Chromsaures Kali und salpetersaures Silberoxyd. Es entsteht augenblicklich 
ein rothes Pulver, auch wenn das chromsaure Kali zuvor mit vielem Oel einge- 
rieben worden ist. 

Chromsaures Kali und Fisenvitriol zersetzen sich zu einem hellbraunen Pulver. 

Chromsaures Kali und Suhlimat zersetzen sich beim trocknen Reiben nicht; erst 
beim Anhauchen geht die Farbe aus dem Gelben ins Rothe über. 

Chromsaures Kali und Kalomel zersetzen sich ebenfalls nicht, selbst nicht beim 
Anhauchen, sondern erst durch Befeuchten mit Wasser. 

Chromsaures Kali und essigsaures Quecksilberoxydul geben heim trocknen 
Zusammenreiben ein gelblichbraunes Gemisch, welches erst beim Befeuchten ei- 
nen Strich ins Grüne erhält. 


über die chemische Verbindung der Körper. 17 


Chromsaures Kali und verwittertes Cyan-Eisen-Kalium zersetzen sich nicht. 

Salpetersaures Bleioxyd und Kupfervitriol werden beim trocknen Zusammenrei- 
ben augenblicklich feucht und das Gemisch erhält eine lichte bläuliche Farbe. 

Salpetersaures Bleioxyd und Eisenvitriol werden ebenfalls sogleich feucht, und 
das Gemisch erhält eine schmutzigweifse Farbe. 

Essigsaures Kalı und Eisenvitriol flıefsen beim Zusammenreiben fast augenblick- 
lich zu einer schmierigen, röthlich braunen Masse zusammen. 

Salpetersaures Bleioxyd und Eisen-Kalium-Gyan. jei lange fortgesetzten 
trocknen Reiben, bleibt noch immer der Geschmack von salpetersaurem Bleioxyd, 
wenn auch, wie der Vorsicht wegen geschehen mufs, das Eisen Kalium Cyan 
in Uebermaafs angewendet wird. Dieser Geschmack geht durch Befeuchten des 
Gemenges sogleich verloren. 

Salpetersaures Bleioxyd und schwefelsaures Kali, entwickeln beim trocknen 
Reiben merkbare Wärme, und bei einem richtigen Verhältnifs beider Körper 
läfst sich mit der Zunge nur der Geschmack von Salpeter an dem trocknen Mehl 
bemerken, indem sich der eigenthümliche süfsliche Geschmack des Bleisalzes ganz 
verloren hat. 

Schwefel und Antimon, so wie Schwefel und Zink lassen sich weder durch 
trocknes noch durch feuchtes Zusammenreiben mit einander vereinigen. Wenn 
aber Schwefel und Wismuth stark und anhaltend gerieben werden, so ent- 
wickelt sich aus dena Gemisch Schwefelwasserstoflgas vermittelst des Königswas- 
sers. Durch feuchtes Zusammenreiben scheint die Verbindung eben nicht beför- 
dert zu werden. 

Schwefel und Eisen lassen sich durch trocknes Reiben nicht vereinigen; wird das 
Gemenge aber angefeuchtet, so entwickelt es, bei fortgesetzten Reiben Schwefel- 
wasserstoffgas, wenn es mit Schwefelsäure oder Salzsäure behandelt wird. 

Schwefel und Eisenoxydul, Eisenoxyd, Quecksilberoxydu!, Quecksilber- 
oxyd, Zinkoxyd, Wismuthoxyd und Bleioxyd zeigen, weder beim trock- 
nen noch beim feuchten Reiben Wirkung auf einander. 

Schwefel und Quecksilber vereinigen sich zwar schon beim trocknen Reiben sehr 
leicht, indefs wird die Verbindung durch Feuchtigkeit ungemein beschleunigt. 
Concentrirte Salzsäure entwickelt sogleich Schwefelwasserstollgas aus der gerie- 
benen Mischung. 

Zinnober und Eisen, Eisenoxydul, Eisenoxyd und gebrannter Kalk wirken 
weder beim trocknen noch beim feuchten Reiben auf einander. 


Diese Beispiele lassen es nicht bezweifeln, dafs alle Verbindungen, 
welche in der gewöhnlichen Temperatur vor sich gehen, schon vollstän- 
dig erfolgen, ohne dafs dazu ein flüssiger Zustand der Mischung, oder 
auch nur eines der in die Verbindung eingehenden Körper erforderlich 
wäre. Aber weit entfernt, aus diesem Erfolge auf die Entbehrlichkeit 
des Wassers bei den Verbindungen der Körper in der gewöhnlichen 
Temperatur schliefsen zu können, giebt derselbe vielmehr den überzeu- 

Phys. Klasse 1324. C 


18 KıARsTEn 


gendsten Beweis, dafs ohne Zwischenkunft des Wassers gar keine Ver- 
bindung statt findet, und dafs in den Fällen wo sie wirklich erfolgt, die 
durch das Reiben entwickelte Wärme, die Ursache zu den Verbindun- 
gen und "Trennungen gewesen seyn muls. 

Bei allen Körpern welche Wasser, chemisch gebunden (als Kry- 
stallwasser) enthalten, sehen wir die Verbindungen und Trennungen 
schnell und fast augenblicklich eintreten. Körper die kein Krystallwas- 
ser enthalten, wirken nur dann auf einander, wenn Feuchtigkeit hinzu 
twitt. Diese Erfolge sind nur eine Bestätigung des längst anerkannten 
Naturgesetzes, dafs chemische Einwirkung der Körper in gewöhnlicher 
Temperatur, und in allen Fällen, wo die Wärme die Stelle des Was- 
sers nicht vertreten kann, ohne Zutritt von Feuchügkeit unmöglich ist. 
Mit diesem Einflufs des Wassers auf Verbindungen und Trennungen, 
als chemisch wirkender Potenz, hat man aber nur zu oft die unrichtige 
Ansicht verbunden, dafs das Wasser, bei allen Verbindungen auf dem 
sogenannten nassen Wege, auch die Funktion zu vertreten habe, die 
Körper zu ihrer chemischen Einwirkung auf eine mechanische Weise 
vorzubereiten, ihre Theilchen zu trennen und sie in den Zustand der 
Flüssigkeit zu versetzen. Es giebt Körper die auf nassem und auf trock- 
nem Wege fast auf gleiche Weise auf einander wirken. So zersetzt das 
Zink z. B. das Hornsilber in der gewöhnlichen Temperatur, unter Zu- 
twitt von Wasser oder von feuchter Luft, fast eben so schnell als in der 
erhöheten Temperatur, ohne dafs weder in dem einen oder in dem an- 
dern Fall ein flüssiger Zustand von beiden, oder auch von einem der 
auf einander wirkenden Körper, die Bedingung zum Gelingen des Pro- 
zesses wäre. Wird alle Feuchtigkeit abgehalten, so wirken Zink und 
Hornsilber nicht mehr auf einander und die Einwirkung findet, ohne 
Zwischenkunft des Wassers, nicht eher wieder statt, als bis die Tempe- 
ratur bis zum dunklen Glühen erhöhet worden ist. 

Nur in wenigen Fällen scheinen jedoch Wasser und Wärme sich 
zur Aufhebung der Kohärenzspannungen der auf einander wirkenden 
Körper wechselseitig vertreten zu können, und immer ist die Wärme 
ein weit kräftigeres Mittel die Kohäsionsänderung der Körper zu bewir- 
ken, als das Wasser. Deshalb können sich Körper auf twrocknem Wege 


mit einander verbinden, deren Vereinigung durch Vermitielung des Was- 


über die chemische Verbindung der Körper. 19 


sers nicht geschehen kann, deshalb erfolgen die Verbindungen auf dem 
trocknen Wege schneller als auf dem nassen, und deshalb ist der Er- 
folg der Einwirkung der Körper in den gewöhnlichen und in den er- 
höheten Temperaturen häufig sehr verschieden, indem durch die Wärme 
oft ein ganz anderer Gegensatz der Körper, als durch das Wasser her- 
vorgebracht,, und die Erregung durch Temperaturerhöhung ungemein 
mehr, als durch das Wasser verstärkt wird. 

Wenn wir sehen, dafs Eisen und Schwefel in der gewöhnlichen 
Temperatur sich nur dann mit einander verbinden lassen, wenn sie mit 
Wasser zusammengerieben werden; so kann, weil weder der eine noch 
der andere Körper im Wasser auflöslich ist, von der Wirkung des 
Wassers, als eines Auflösungsmittels die Rede nicht seyn; wir würden 
höchstens nur voraussetzen können, dafs es in so fern wirke, als es viel- 
leicht durch das Eisen zersetzt wird. Wenn wir aber zugleich die Er- 
fahrung machen, dafs das oxydirte Eisen weder durch trocknes, noch 
durch feuchtes Zusammenreiben mit dem Schwefel verbunden werden 
kann, so werden wir nothwendig schliefsen müssen, dafs Eisen und 
Schwefel an der Wasserzersetzung ganz gleichen Theil nehmen, oder 
vielmehr, dafs das Wasser auf eine noch nicht erklärte Weise dazu dient, 
die Verbindung des Eisens mit dem Schwefel einzuleiten. 

Schneller zwar sehen wir eine ganz gleiche Wirkung beim Zu- 
sammenreiben des Quecksilbers mit dem angefeuchteten Schwefel ein- 
treten, indem durch die Zwischenkunft des Wassers der chemische Ge- 
gensatz beider Körper verstärkt wird; allein alle diese Erfolge in der 
gewöhnlichen Temperatur finden doch nur langsam statt, und eine 
kaum bis zum Rothglühen gesteigerte Temperatur bewirkt schneller und 
kräftiger eine Verbindung, die durch Wasser nur langsam und un- 
vollkommen erfolgte. So wird z. B. der schwefelsaure Baryt nur durch 
lange anhaltendes Kochen mit einer wässrigen Auflösung des kohlensau- 
ren Kalı zersetzt, wogegen die Zersetzung weit schneller und vollstän- 
diger durch das Glühen bewirkt wird. Ohne Erhöhung der Tempera- 
tur findet aber auch auf dem sogenannten nassen Wege keine Zer- 
setzung statt, und diese Temperaturunterschiede sind es, welche den 
Schlüssel zu der Erklärung der Erfolge bei den sogenannten reciproken 
Verwandischaften geben müssen. 


C2 


20 KAırsTten 


Wärme und Wasser sind also die Mittel deren sich die Natur 
bedient, um Verbindungen und Trennungen der Körper einzuleiten. 
Sie dienen dabei nicht als Auflösungsmittel, indem der flüssige Zustand 
der zur Mischung und Entmischung sich vorbereitenden Körper bei ih- 
rer chemischen Einwirkung so wenig wesentlich nothwendig ist, dafs 


5 
man ihn für zufällig und auf die einzelnen wenigen Fälle sich bezie- 
hend ansehen kann, wo die aus dem Kohärenzzustande der Körper ent- 
springenden Hindernisse, durch eine völlige Flüssigkeit überwunden wer- 
den müssen. 

Entsteht aber jetzt die Frage, wie man sich die Wirkung der 
Wärme und des Wassers zu erklären habe, und warum zum Akt der 
Verbindung der Zutritt von Wasser oder von Wärme durchaus erfor- 
derlich sei; so läfsı sich eine befriedigende Antwort nicht geben. Wir 
wissen nur aus dem Erfolge, dafs Wasser und Wärme als Erreger der 
Kräfte der Materie dienen, und dafs sie der Kohäsionsthäuigkeit entge- 
gen wirken; allein die Ursache eines solchen Erfolges kennen wir so 
wenig, als wir den Grund der Elektricitätsäufserungen angeben kön- 
nen, welche durch die Berührung der Körper hervorgebracht werden. 
Höchstens ist es erlaubt anzunehmen, dafs beiden Kraftäufserungen der 
Materie eine und dieselbe Ursache zum Grunde liegt, dafs sie nur dem 
Grade nach verschieden sind und dafs, durch die, durch Wasser oder 
durch Wärme verstärkte Erregung der Kräfte bei der Berührung, ein 
wirklicher Uebergang der Körper in einander, eine vollkommene Durch- 
deingung der Materie entstehen kann. Deshalb hören alle Kraftäufserun- 
gen in dem Augenblick auf, wo die chemische Verbindung volibracht 
ist, und deshalb können sie sich, nach den verschiedenen Graden wie 
die Körper auf einander wirken, auch auf eine sehr verschiedene Weise 
als Erscheinung darstellen. Immer wird man aber darauf zurückkom- 
men müssen, ‘in dem Gegensatz der Körper selbst, die nächste Ursache 
ihrer Kraftäufserungen zu finden, welche durch Wasser und Wärme 
vielleicht nur in sofern verstärkt werden, als diese störend auf das Gleich- 
gewicht der Kräfte einwirken. 

Ohne jedoch Untersuchungen weiter nachzugehen, die noch nicht 
dazu geeignet sind, einen Aufschlufs über die geheimnifsvolle Natur der 
Materie zu verschaffen, sehen wir wenigstens als Erfolg der Erscheinungen, 


über die chemische Verbindung der Körper. 24 


welche die Einwirkung der Körper begleiten, dafs Wärme und Wasser 


die Thätigkeit der Kräfte vermehren und dafs, — wenigstens so weit un- 
sere Erfahrung reicht, — die Kraftäufserung der Körper, ohne Zwischen- 


kunft des Wassers oder der Wärme, niemals bis zu dem Grade gestei- 
gert werden kann, dafs ein wirklicher Uebergang der sich berührenden 
Körper in einander, den wir die chemische Verbindung nennen, erfol- 
gen könnte. 

Wülsten wir den Grund, warum sich überhaupt zwei Körper mit 
einander verbinden, so würde auch die Ursache einleuchten, weshalb 
nur einige Körper eine Verbindung mit einander eingehen, und andere 
keine Verbindungsfähigkeit für einander zu haben scheinen; warum ei- 
nige Körper sich vorzugsweise mit einander vereinigen und Trennungen 
hervorbringen; warum die Verbindungen nur unter gewissen Umstän- 
den erfolgen, und warum sie nach bestimmten Verhältnissen statt fin- 
den. Diese besiimmten Verhältnisse sind es, deren nähere Kenninifs in 
den neuesten Zeiten, vorzüglich durch Berzelius, eifrig erforscht, und 
zu einem so hohen Grade von Vollständigkeit entwickelt worden ist, dals 
sich in den mehresten Fällen der Erfolg der chemischen Einwirkung der 
Körper auf einander, im Voraus durch Rechnung bestimmen, und das 
Verhältnifs genau angeben läfst, nach welchem jeder Körper zur Bildung 
der neu entstandenen Verbindung beigetragen hat. Weil diese bestimm- 
ten Verhältnisse, oder die Mischungsgewichte, aber weder mit der Ver- 
bindungsfähigkeit der Körper zu einander in irgend einem Zusammen- 
hang stehen, noch als die Wirkung der allgemeinen Anziehung betrachtet 
werden können, indem sie von der specilischen Schwere ganz unabhängig 
sind, am alierwenigsten aber von der Form, von der Stellung und von 
dem Gewicht hypothetisch angenommener Atome abgeleitet werden dür- 
fen, indem nicht die Form durch die Mischung, sondern die Mischung 
durch die Form bestimmt wird, folglich das Bedingte nicht das Bedin- 
gende, die Wirkung nicht zugleich die Ursache seyn kann; so muls der 
Grund dieses merkwürdigen Verhaltens in der Natur der entstehenden 
Verbindung selbst aufgesucht werden, und da ergiebt sich nur der Kohä- 
renzzustand der Mischung als das die Mischungsgewichte Bestimmende. 

Wenn also die Ursache der Verbindung überhaupt, und der 
Umstände unter denen sie nur statt finden kann, in dem Gegensatz 


92 Kuarr'ıs BEN 


und in der Natur der auf einander wirkenden Körper gesetzt werden 
mufs; so ist der chemische Erfolg dieser Einwirkung, nämlich das Mi- 
schungsverhältnifs, nicht mehr von den in chemischer Aktion befind- 
lichen Körpern, sondern einzig und allein von dem Kohärenzzustande 
der entstehenden Mischung abhängig. ° Nur dadurch wird es erklär- 
bar, warum sich die Mischungsverhältnisse immer nach der Tempera- 
twır richten, warum Temperaturunterschiede in vielen Fällen schon hin- 
reichend sind, die Verbindungsverhältnisse zu ändern und warum, selbst 
bei gleich bleibenden Mischungsverhältnissen, eine Verbindung in einer 
höheren Temperatur inniger als in einer minder erhöheten Temperatur 
zu werden vermag. 

Auf diese letzte merkwürdige Erscheinung hat Berzelius eben- 
falls aufmerksam gemacht. Sie kann ihren Grund nur in der Verände- 
rung des Kohärenzzustandes der Körper haben, und zeigt sich wahr- 
scheinlich in einer weit gröfseren Allgemeinheit, als sie bis jeizt beobach- 
tet worden ist. Die aus Schwefel und Eisen bestehende Mischung, welche 
in einer niedrigen Temperatur gebildet worden ist, zersetzt sich an der 
feuchten Atmosphäre ungleich schneller, als die aus demselben Mischungs- 
verhältnifs zusammengesetzte, in einer höheren Temperatur entstandene 
Verbindung, 
Jene erste Verbindung erlangt die Eigenschaft der letzteren, wenn sie 


welche chemisch von der ersteren nicht verschieden ist. 


einer höheren Temperatur ausgesetzt wird, wobei ein elektrisches Glü- 
hen die ganze Masse durchfährt. Weil die Mischung von der Form 
und die Form von dem Kohärenzzusiande des Körpers abhängig ist, 
und durch denselben unmittelbar bedingt wird; so kann es nicht auf- 
fallen, wenn ein und derselbe Körper, und wenn er auch ein chemisch 
einfacher wäre, in sofern durch irgend eine Veranlassung sein Kohä- 
renzzustand verändert worden ist, nicht immer dieselbe Form annehmen 
sollte. Vom Schwefel ist ein solches Verhalten wirklich bekannt und 
erst kürzlich von Hrn. Mitscherlich näher nachgewiesen worden. 
Die durch sogenannte Absorbuon entstehenden Verbindungen sind eben- 
falls ohne Zweifel Verbindungen, die nur eine geringe Innigkeit er- 
langt haben. 

Wenn also von dem Kohärenzzustande der entstehenden Mischung 


die Mischungsgewichte abhängig sind, und wenn sich daraus auch er- 


über die chemische Verbindung der Körper. 23 


klärt, warum die Mischungsverhältnisse in den verschiedenen Tempera- 
turen verschieden sich ausbilden, so würde doch aus einem solchen 
Verhalten nur einleuchtend werden, warum die Körper bei ihren Ver- 
bindungen mit einander mehrerer Vereinigungsstufen fähig sind, 
d. h., warum die Mischungsgewichte das von Berzelius entwickelte 
besuimmte Verhältnifs 1., 2., 3., oder irgend ein anderes befolgen; al- 
lein es geht daraus nicht die Wahrscheinlichkeit hervor, dafs eine Ver- 
bindung in ganz unbestimmten Verhältnissen statt finden wird. Hierauf 
ist indefs zu entgegnen, dafs sich alle Verbindungen, deren Mischungs- 
verhältnisse untersucht worden sind, auf einen ganz bestimmten Kohä- 
sionszustand der entstandenen Verbindung beziehen, und dafs Mischun- 
gen nach unbestimmten Verhältnissen, wenn sie vorhanden sind, nur 
im flüssigen Zustande der Verbindung, oder überhaupt in demjenigen 
Zustande aufgefunden werden können, in welchem der Kohärenzzustand 
der Mischung durch Wasser oder durch Wärme überwältigt ist. Am 
wenigsten dürfte es aber gelingen, unbestimmte Mischungsverhältnisse 
jemals aufzufinden, bei Mischungen, welche aus der innigen Vereini- 
gung gasförmiger Körper entstehen, weil die durch die Elastieität gege- 
bene Kohärenzform nur schwer überwunden werden kann, weshalb sie 
Verbindungen erschwert und Trennungen befördert, und daher immer 
nur auf einen bestimmten Kohärenzzustand des entstehenden Produkts 
zurückgeführt werden kann. 

Eben so werden sich bestimmte Mischungsverhältnisse immer dann 
ausbilden müssen, wenn eine flüssige Mischung, ganz oder theilweise, 
durch Ruhe in den festen Zustand übergeht, weil der bestimmte Ko- 
härenzzustand des sich bildenden festen Körpers nothwendig ein bestimm- 
tes Mischungsverhältnifs bedingt. Ob aber feste Körper, welche sich 
wieder zu einer festen Verbindung vereinigen, obne sich vorher in dem 
Zustand der Flüssigkeit befunden zu haben, diese Vereinigung nur nach 
bestimmten Verhältnissen bewirken, dürfte vorzüglich von dem Kohä- 
venzzustande der Mischung abhängen, obgleich es sehr schwer ist, den 


5 
entweder nur durch Hülfe des Wassers, oder auch nach dem erfolg- 


Zustand der Mischung in dieser Hinsicht zu prüfen, weil die Prüfung 


ten Erkalten der Mischung geschehen kann, in beiden Fällen aber Verbin- 
dungen nach bestimmten Mischungsverhältnissen erhalten werden, welche 


24 Kar st EIN 


sich erst ausgebildet haben und in dem ursprünglichen Zustand der Ver- 


bindung nicht vorhanden waren. 


Wenn uns aber auch dieser Zustand der Verbindung der Körper 
völlig unbekannt bleibt, und wir nur in einigen wenigen Fällen aus 
dem Verhalten der Mischung auf den Verbindungszustand einen Schlufs 
machen können; so wissen wir doch das mit völliger Gewifsheit, dafs 


jede Verbindung der Körper, welche sich im flüssigen Zustande, — der- 
selbe mag durch Wasser oder durch Wärme herbeigeführt seyn, — als 


eine homogene Mischung zu erkennen giebt, auch eine wahre chemische 
Verbindung seyn mufs. Wollte man sie nicht dafür gelten lassen, so 
würde man den Unterschied zwischen chemischer Verbindung und mecha- 
nischer Mengung völlig aufheben. 

Diese flüssigen Mischungen geben aber sehr häufig Beispiele von 
chemischen Verbindungen nach ganz unbestimmten Verhältnissen. Wie 
weit sich die Verbindungsfähigkeit der Körper in diesem Zustande der 
überwundenen Kohärenz erstreckt, dürfte der Gegenstand einer sorgfäl- 
ügen Prüfung werden müssen, indem die bisherigen Untersuchungen 
über die Mischungsverhältnisse nur auf einen bestimmten Kohärenz- 
zustand der Materie gerichtet waren. Wenigstens zeigen diese Verbin- 
dungen die Möglichkeit der Vereinigung der Materie nach ganz unbe- 
summten Verhältnissen, und beweisen, dafs die Befolgung fester 
Mischungsverhältnisse nur ein besonderer, durch den Ko- 
härenzzustand der entstehenden Verbindung bestimmter 
Fall des allgemeinen Vereinigungsakts aller Materie ist. 

Wenn es möglich wäre, die Ursache, wodurch Mischungen nach 
ganz unbestiimmten Verhältnissen in den flüssigen Zustand versetzt wor- 
den sind, so plötzlich zu entfernen, dafs sich die durch ruhiges Fest- 
werden der Mischung ausbildenden Verbindungen nach bestimmten Mi- 
schungsgewichten gar nicht bilden könnten; so würde das Resultat eine 
feste chemische Verbindung der in der flüssigen Mischung vereinigt ge- 
wesenen Körper nach unbestimmten Verhältnissen der Mischung seyn 
müssen. In den mehresten Fällen wird aber unter solchen Umständen 
das allgemeine Verbindungsstreben durch die Wirkungen der Kohäsions- 
kraft vernichtet. Diese verlangt eine Vereinigung nach bestimmten Mi- 


schungsverhältnissen, und jenes vermag sich nur da zu äufsern, wo der 


über die chemische Verbindung der Körper. 25 


Kohärenzzustand der sich vereinigenden Körper, wenigstens bis zu ei- 
nem gewissen Grade, aufgehoben ist. Daraus würde also folgen, dafs 
durch die plötzliche Aufhebung des flüssigen Zustandes, nur in dem Fall 
eine feste Verbindung nach unbestimmten Mischungsverhältnissen entste- 
hen könnte, wenn das allgemeine Verbindungsstreben den Wirkungen 
der Kohäsionskraft das Gleichgewicht hält. Nach aller Erfahrung tritt 
aber ein solcher Erfolg niemals ein, sobald die Hindernisse weggeräumt 
sind, welche den Kohärenzäufserungen der Körper entgegen standen; denn 
eben darauf, dafs der Erfolg eines jeden chemischen Prozesses, einer je- 
den chemischen Einwirkung eines Körpers auf den andern, durch den 
Kohärenzzustand der entstehenden Mischung bedingt wird, beruht un- 
sere ganze Kenntnifs von der Verbindung der Körper, deren Gesetze 
wir schon mit so grofser Zuverlässigkeit und Genauigkeit kennen, dafs 
es nicht mehr gestattet ist, den leisesten Zweifel in ihrer Richtigkeit 
zu setzen. 

Aber so wie alle Kraftäufserungen, wenn sie ihr Maximum cer- 
reicht haben, sich in ihren Wirkungen zuletzt so schr verlieren, dafs 
die Gesetze, denen sie unterworfen sind, kaum noch erkannt werden 
können; so scheint es auch bei den Kraftäulserungen der Kohärenz im 
Konflikt mit dem chemischen Verbindungsstreben der Fall zu seyn. 
Das allgemeine Gesetz der Trägheit in der Mechanik, nach welchem die 
Körper in ihrem Zustand der Ruhe und Bewegung beharren, wenn sie 
nicht durch eine äufsere Ursache genöthigt werden, diesen Zustand zu 
verlassen; scheint auch auf das Fortbestehen der einmal gebildeten che- 
mischen Mischungen Anwendung zu finden, indem die Mischungsverän- 
derungen nicht plötzlich eintreten, sondern jede Mischung und Ent- 
mischung eine gewisse Zeit erfordert, in welcher sie erst vollständig 
vollbracht werden kann. Ein sehr passendes Beispiel bietet der Schwe- 
fel dar, welcher auf das Chlor anfänglich keine Wirkung zu haben 
scheint, sich dann aber plötzlich und mit Explosionen mit demselben 
verbindet. Dieser Zeitraum wird in allen den Fällen freilich nicht mefs- 
bar seyn, wo ein starker elektrochemischer Gegensatz der auf einander 
wirkenden Körper statt findet, oder wo die Kohäsionskraft des sich aus- 
scheidenden Körpers ungleich wirksamer gedacht werden mufs, als die 
Kraft, welche alle in der Mischung befindlichen Körper zu Einem 

Phys. Klasse 1824. D 


26 KARsTENn 


Ganzen verbindet. Wo aber diese Bedingungen nicht in einem ausge- 
zeichneten Grade vorhanden sind, läfst sich sehr wohl die Möglichkeit 
einsehen, dafs eine flüssige Mischung, oder überhaupt eine Mischung, 
welche sich in einem solchen Kohärenzzustande befindet, dafs sie Ver- 
bindungen nach unbestimmten Verhältnissen zuläfst, durch plötzliches 
Erstarren die Mischungsverhältnisse nicht ändert, so dafs das Resultat 
der plötzlichen Erstarrung ein ganz anderes, als das der langsamen Er- 
kaltung seyn mufs. 

Bei allen Mischungen nach unbestimmten Verhältnissen, welche 
durch Auflösung auf dem nassen Wege entstehen, läfst sich ein solcher 
Erfolg nicht leicht warnehmen, weil noch kein Verfahren bekannt ist, 
das Auflösungsmittel plötzlich zu entfernen. Merkwürdig ist indefs die 
Erfahrung, dafs eine Salzauflösung, welche schnell von + 140 bis zu 
— 6 Gr. Fahrenh. erkältet wird, durchaus gefriert, ohne dafs eine 
Ausscheidung des Salzes statt findet, wogegen bei minder plötzlichen 
Temperaturübergängen , das Wasser krystallisirt und die Salzauflösung 
koncentrirt wird. Dieser Erfolg zeigt, dafs Wasser und Salz, nicht al- 
lein im flüssigen, sondern auch im festen Zustande, unter gewissen Um- 
ständen nach unbestiimmten Verhältnissen verbunden bleiben. — Wenn 
wir dagegen aus einem flüssigen Amalgam, also aus einer Verbindung 
des Quecksilbers mit einem anderen Metalle in ganz unbestimmten Ver- 
hältnissen, ein festes Amalgam durch Ruhe sich ausscheiden sehen; so 
ist dies der gewöhnliche Erfolg der Kohärenzthäugkeit, welche eine 
Mischung nach unbestimmten Verhältnissen, auf eine Verbindung nach 
bestimmten Mischungsverhältnissen, zurückzuführen strebt. Daher sind 
wir auch nicht berechtigt, das flüssige Amalgam für eine Auflösung des 
Amalgams nach bestimmten Mischungsgewichten, in Quecksilber anzuse- 
hen; sondern wir müssen es, so lange es als eine homogene Flüssigkeit 
erscheint, für eine Mischung nach unbestimmten Verhältnissen betrach- 
ten; gerade so wie eine Salzauflösung in Wasser, aus welcher das Salz 
durch Ruhe krystallisirt, ein einfaches Beispiel giebt, wie eine Mischung 
nach unbesimmten Verhältnissen, auf Verbindungen nach bestimmten 
Mischungsverhältnissen zurückgeführt wird. 

Mischungen nach unbestimmten Verhältnissen, welche auf dem 
twocknen Wege, bei einem gewissen Kohärenzzustande der Mischung, 


über die chemische Ferbindung der Körper. 27 


erhalten werden, würden leichter Beispiele von der Beibehaltung des 
unbestimmten Mischungsgewichtes nach erfolgter Erkaltung darbieten 
können, weil es in vielen Fällen leichter möglich ist, das Auflösungs- 
mittel — die Wärme — plötzlich zu entfernen, als dies bei den Auflö- 
sungen auf dem nassen Wege geschehen konnte. Wirklich fehlt es 
auch nicht an Beispielen dieser Art, deren Zahl sich unbezweifelt meh- 
ren wird, wenn man erst gröfsere Aufmerksamkeit auf die Untersuchung 
des Zustandes der Verbindungen richten wird, welche durch plötzliches 
und durch langsames Erstarren einer und derselben Mischung erhalten 
werden. 

Die unter dem Namen des Roheisens bekannte Verbindung des 
Eisens mit Kohle, welche im flüssigen Zustande eine zwar homogene, 
aber fast immer eine Verbindung beider Metalle nach ganz unbestimm- 
ten Mischungsverhältnissen darstellt, verhält sich beim plötzlichen Er- 
kalten durchaus anders als bei der langsamen Eıstarrung. Im ersten 
Fall bleiben Kohle und Eisen eben so verbunden, wie sie es im Zu- 
stande der Flüssigkeit waren; im letzten Fall scheidet sich die Kohle 
theils rein aus, theils in Verbindung mit Eisen nach bestimmten Mi- 
schungsverhältnissen. — Diese Verbindungen sind also nicht in der flüs- 
sigen Mischung vorhanden, sondern sie sind das Resultat der langsamen 
Erkaltung, welche die Ausbildung von Verbindungen nach bestimmten 
Mischungsverhältnissen herbeiführte. — Gold und Silber vereinigen sich 
beim Schmelzen sehr leicht in allen Verhältnissen zu einem homogenen 
Gemisch. Wird die geschmolzene Legirung schnell zum Erstarren ge- 
bracht, so behält die erstarrte Masse die homogene Beschaffenheit, welche 
ihr im flüssigen Zustande zukam. Erfolgt die Abkühlung sehr langsam, 
so trennt sich das Gold gröfstentheils, in Verbindung mit etwas Silber, 
aus der Masse. — Zinn und Eisen vereinigen sich beim Schmelzen fast 
in allen Verhältnissen zu einer gleichartigen Verbindung. Wird die 
flüssige Mischung schnell zum Erstarren gebracht, so bleibt sie homo- 
gen; erfolgt die Abkühlung langsam, so trennt sie sich und stellt zwei 
Verbindungen dar, aus vielem Eisen und wenig Zinn, und aus vielem 
Zinn und wenig Eisen. Wenn geschmolzenes Blei mit weniger Schwe- 
fel versetzt wird, als die Mischungsverhältnisse des Schwefelblei, oder 
des sogenannten Bleiglanzes erfordern, so bildet sich eine homogene 


D 2 


28 K-a:Rs'iTEN 


flüssige Masse; es entsteht also eine Mischung nach unbestimmten Ver- 
hältnissen. Wird diese plötzlich zum Erstarren gebracht, so behält das 
Gemisch seine gleicharuge Beschaffenheit. Erfolgt die Abkühlung lang- 
sam, so scheidet sich regulinisches Blei aus, und es bildet sich gleich- 
zeitig Bleiglanz, also eine Verbindung nach einem bestimmten Mischungs- 
verhältnifs. 

Ob mehrere Metalle, bei ihrer Verbindung mit weniger Schwe- 
fel, als zur Sättigung, oder vielmehr zur Hervorbringung bestimmter 
Mischungsverhältnisse erforderlich ist, ein ähnliches Verhalten im flüs- 
sigen Zustande und nach der mehr oder weniger verzögerten Erstar- 
rung befolgen, ist noch nicht bekannt. Nach der Vorstellung, die man 
sich jetzt von Verbindungen dieser Art gemacht hat, würde man sie für 
blofse Zusammenschmelzungen des Schwefelmetalles mit dem im Ueber- 
schufs vorhandenen Metall zu halten haben. Das Verhalten des Bleies 
mit Schwefel zeigt indefs, dafs diese Annahme nicht allgemeine Güluig- 
keit hat, und dafs vielleicht auch bei anderen Schwefelmetallverbindun- 
gen die Erstarrungsart berücksichtigt werden mufs. Das rothbrüchige 
Eisen enthält, wenigstens sehr häufig, einen geringen Antheil Schwefel, 
welcher, nach den verschiedenen Temperaturzuständen, vielleicht bald mit 
der ganzen Masse des Eiseus, bald mit einem Theil desselben, zu Ver- 
bindungen nach bestimmten Verhältnissen, verbunden seyn, und dadurch 
Veranlassung zu dem eigenthümlichen Verhalten dieses Eisens geben 
könnte, welches in der Weisglühhitze und bei der gewöhnlichen Tem- 
peratur sehr fest und haltbar ist, in der Rothglühhitze aber brüchig 
wird und sich nicht schmieden läfst. 

Auch Schwefel und Phosphor, so wie Schwefel und Arsenik, ge- 
hören zu den Körpern, die sich in allen Verhältnissen mit einander ver- 
binden und ein Beispiel von Mischungen nach unbestimmten Verhältnis- 
sen geben. — Aber ungleich einleuchtendere und viel häufiger vorkom- 
mende Beispiele von Verbindungen nach unbestimmten Verhältnissen, 
als die Metalle, oder die nicht oxydirten Körper darbieten, gewähren 
die Verbindungen von oxydirten Körpern. Die sogenannten Erden, 
die Alkalien und die Metalloxyde, lassen sich, bei einem angemessenen 
Grade der Temperatur, fast in allen Verhältnissen mit einander verbin- 


den, und stellen im geschmolzenen Zustande eine homogene Mischung 


über die chemische Ferbindung der Körper. 29 


dar, welche, wegen ihrer vollkommenen Gleichartigkeit, als eine wahre 
chemische Verbindung angesehen werden mufs. Wenn diese Mischung 
schnell erstarrt, so bleibt sie sehr häufig durchaus gleichartig, und ist 
im Allgemeinen unter dem Namen der Flüsse, Gläser oder Schlacken 
bekannt. Die Gleichartigkeit der Masse, und in vielen Fällen auch die 
Durchsichtigkeit derselben, lassen es durchaus nicht bezweifeln, dafs diese 
Verbindung nicht eine wahre chemische Mischung sei. 

Ganz anders ist das Verhalten bei einem höchst langsamen und 
verzögerten Erstarren. Das glasige geflossene Anschen ist verschwun- 
den, statt des muschligen oder des splitiwigen Bruches mit Glasglanz, 
hat sich ein erdiges Ansehen, ein körniges oder auch ein strahliges Ge- 
füge mit deutlich warnehmbaren Absonderungsflächen eingestellt, und 
die vorher durchsichtige oder durchscheinende Masse ist vollkommen 
undurchsichtig geworden. Alle diese wesentlichen Veränderungen sind 
ganz allein der Erfolg eines schnelleren oder langsameren FErkaltens. Bei 
diesen auflallenden Erscheinungen kann es nicht zweifelhaft seyn, dafs 
die Kohäsionsthätigkeit im ersten Fall dem allgemeinen Verbindungsstre- 
ben unterlag, und dafs sie erst bei einer langsamen Erstarrung, Verbindun- 
gen nach hestimmten Mischungsverhältnissen hervorzurufen vermogte. 

Alle Erfahrungen lehren ferner, dafs es des flüssigen Zustandes 
der Körper, zu ihrer chemischen Einwirkung auf einander nicht bedarf. 
Wenn daher eine durch plötzliches Erstarren erhaltene Mischung nach 
unbestimmten Verhältnissen, einem Grade der Temperatur ausgesetzt 
wird, welcher die Masse, ohne sie zum Schmelzen zu bringen, in einen 
solchen Zustand versetzt, dafs die Kohärenzspannungen so weit aufge- 
hoben werden, als nöthig ist, damit die Kräfte der Körper zur che- 
mischen Einwirkung auf einander thätig werden; so würde der Erfolg 
des anhaltenden Glühens solcher festen Mischungen, mit demjenigen über- 
einstimmen müssen, welcher erhalten wird, wenn die Mischung aus dem 
flüssigen Zustande durch höchst langsames Erkalten in den festen über- 
geht. Es werden sich also durch anhaltendes Glühen dieser, durch plötz- 
liches Erstarren erhaltenen Mischungen, in einer Temperatur, welche 
sich jedesmal nach der Beschaffenheit der Mischung richten wird, eben- 
falls Verbindungen nach bestimmten Mischungsverhälinissen bilden müs- 
sen. Und so ist es auch in der That. Das weifse Roheisen und der 


30 KAxrsten 


harte Stahl, welche durch plötzliches Erstarren der geschmolzenen Ver- 
bindung aus Eisen und Kohle erhalten werden, ändern sich durch blofses 
Glühen zu Verbindungen ganz anderer Art um, welche sich durch Farbe, 
Härte, Festigkeit, Glanz und Gefüge wesentlich von der ursprünglichen 
Verbindung unterscheiden. Die durch plötzliches Erstarren erhaltene 
Verbindung von Blei mit wenigem Schwefel, wird durch blofses Glühen 
eben so in Bleiglanz und in regulinisches Blei zerlegt, als wenn die 
flüssige Masse höchst langsam erstarrt wäre. — Die glasigen Schlacken 
ändern sich durch anhaltendes Glühen, in einer oft gar nicht beträcht- 
lich hohen Temperatur, genau eben so zu matten, erdigen, krystalli- 
nischen Verbindungen um, als wenn sie in dem noch flüssigen Zustande 
ganz langsam erkaltet wären. 

Also in allen diesen Fällen sehen wir das durch plötzliches Erstar- 
ven gehemmte Ausbilden von Verbindungen nach bestimmten Mischungs- 
verhältnissen, durch das blofse Glühen dieser nach unbestimmten Mi- 
schungsverhältnissen zusammengesetzten Verbindungen, eben so bestimmt 
und eben so deutlich eintreten, als wenn die flüssige Masse langsam 
und ruhig erkaltet, und die Kohäsionsthätigkeit, welche jederzeit dem 
allgemeinen Verbindungsstreben entgegen wirkt, und Verbindungen 
nach bestimmten Mischungsverhältnissen hervorruft, durch das plötz- 
liche Erstarren, in ihrer Wirksamkeit nicht gestört oder unterdrückt 
worden wäre. 

Diese Erfahrungen geben einen Aufschlufs über die Veränderun- 
gen, denen verschiedenen Körper, und ohne Zweifel alle Verbindungen, 
welche durch plötzliches Erstarren einer Mischung erhalten werden, wo- 
bei die Kraft der Kohäsion durch das allgemeine Verbindungsstreben 
unterdrückt ward, durch die Art des Abkühlens nach dem Schmel- 
zen, oder auch wohl nur nach dem Glühen, in der Farbe, Härte, im 
Glanz und in der ganzen Textur unterworfen sind. Es ist nämlich ein- 
leuchtend, dafs eben sowohl wie die nach unbesimmten Verhältnissen 
zusammengesetzten Mischungen, auch die Mischungen, denen ein ganz 
bestimmtes Verhältnifs zum Grunde liegt, bei ihrem plötzlichen Ueber- 
gange aus dem flüssigen in den festen Zustand, dem Mangel an Aus- 
bildung bestimmter Formen unterliegen können; wobei ungefehr das- 
selbe Verhältnifs, wie bei den plötzlich erfolgenden pulverigen Nieder- 


über die chemische Ferbindung der Körper, 31 
schlägen, und bei den langsam sich absetzenden krystallinischen Bil- 
dungen auf dem nassen Wege, statt finden mag. Solche Mischungen 
nach bestimmten Verhältnissen sind, in dieser Rücksicht, denen nach un- 
bestimmten Verhältnissen zusammengesetzten, gleich zu setzen, denn beide 
stellen eine im eigenthümlichen Sinn des Wortes geflossene Masse dar, 
aus welcher durch die Kohäsionsthäugkeit, wenn die Umstände ihrer 
Wirksamkeit günstig sind, erst eine bestimmte Form hervorgehen soll. 
Der einzige Unterschied zwischen dem Verhalten dieser Mischungen nach 
bestimmten und unbestimmten Verhältnissen besteht, wie es scheint, 
nur darin, dafs es ungemein viel schwieriger ist, eine aus unbestimm- 
ten Verhältnissen zusammengesetzte Mischung, durch langsames Erkal- 
ten, oder durch das Glühen der plötzlich erstarrten Mischung, auf be- 
stimmte Formen, die sich durch ausgebildete Krystalle zu erkennen ge- 
ben, zurück zu führen. Was die Kohäsionsthätigkeit bei Mischungen 
nach bestimmten Verhältnissen sehr leicht zu bewirken vermag, ist bei 
Mischungen nach unbesiimmten Verhältnissen oft nur in der Annähe- 
rung möglich. 

Es giebt Fälle, wo sich die Wirkung des schnelleren und des 
langsameren Erkaltens nur auf eine Veränderung des Kohärenzzustandes 
allein zu beschränken scheint, und vielleicht witt ein solcher Erfolg auch 
selbst bei den Mischungen nach bestimmten Verhältnissen ein. Als Bei- 
spiel dieser Art ist vorhin schon der Schwefel genannt worden; auch 
der Phosphor zeigt ein ähnliches Verhalten. Wird er bis 50 Gr. Reaum. 
erhitzt, so bleibt er, bei dem langsamen Erkalten an der Luft, weils und 
durchsichtig; erkältet man ihn plötzlich im kalten Wasser, so wird er 
schwarz und undurchsichtig. Aus dem einen dieser Zustände kann man 
ihn, so oft man will, in den andern übergehen lassen. _— Das unter 
dem Namen des Arsenikglases bekannte Arsenikoxyd, bildet ein farben- 
loses, vollkommen durchsichtiges Glas, wenn es beim Sublimiren schnell 
erkaltet. Es wird weifs, emaillcartig und völlig undurchsichtig, wenn die 
Abkühlung langsam erfolgt, oder wenn das Glas lange Zeit der Einwir- 
kung der Luft ausgesetzt ist. Eine Zu- oder Abnahme des Gewichtes 
findet dabei durchaus nicht statt. 

Ungleich häuliger ist aber mit dieser Veränderung des Kohärenzzu- 


standes, auch eine Veränderung in den Mischungsverhältnissen verbunden. 


39 KArsTen 


Das gewöhnliche Glas, diese allgemein bekannte Verbindung, giebt da- 
von ein sehr nahe liegendes und auflallendes Beispiel. Schnell abge- 
kühlt ist es im höchsten Grade spröde, wie die Glastropfen zeigen; bei 
langsamer Abkühlung besitzt es die bekannten Eigenschaften, und wenn 
die Erstarrung durch anhaltende Erhitzung verzögert wird, so verliert 
es den Karakter des Glases und wird zu einem Email, oder nimmt wohl 
gar eine steinartige Struktur an. Eben dieser Erfolg läfsı sich durch das 


5 
Glühen des Glases hervorbringen, wie schon das sogenannte Reaumursche 


5 
Porzellan zeigt. 

Bei allen diesen Veränderungen bleibt zwar die Mischung dieselbe, 
aber die Mischungsverhältnisse ändern sich, indem die Kohäsionskraft 
bei dem verzögerten Erstarren, oder bei dem anhaltenden Glühen thäug 
werden, und Verbindungen nach besummten Mischungsverhältnissen aus- 
bilden kann. Deshalb erhalten auch alle Gläser und Flüsse durch lang- 
sames Eirstarren, oder, welches für den Erfolg immer dasselbe ist, durch 
anhaltendes Glühen, um so leichter eine steinartige Struktur, je zusam- 
mengesetzter sie sind, indem dann eine gröfsere Kombination in den 
Mischungsveränderungen, welche nach bestimmten Verhältnissen erfol- 
gen können, möglich ist. 

Aus IHall’s bekannten Versuchen geht hervor, dafs es blofs von 
der Arı der Erstarrung abhängt, ob man aus Fossilien von der Trapp- 
formation und aus natürlichen Laven, durchsichtige Gläser oder un- 
durchsichuge steinarlige und krystallinische Massen darstellen will, und 
dafs sich nach Willkühr die Gläser in Steine und die Steine wieder in 
Gläser verwandeln lassen. — Diese vortrefllichen Versuche, so wie die 
mit vieler Sorgfalt und zum Theil mit grofser Ausführlichkeit angestell- 
ten Untersuchungen über die sogenannte Entglasung, von Reaumur, 
Bose d’Antic, Dartigues, Fleuriau de Bellevue, Watt und 
Fourmy erhalten, wie es scheint, ihre richtige Deutung erst durch die 
hier nachgewiesene Ausbildung von Verbindungen nach bestimmten Mi- 
schungsverhältnissen, wozu es des flüssigen Zustandes der Mischung kei- 
nesweges bedarf. Dieser leizie Umstand ist es auch, der für die Erklä- 
rung geologischer Erscheinungen vorzüglich wichtig seyn dürfte, weil 
man sich die Masse, in welcher Krystalle vorkommen, die schmelzbarer 
als die Grundmasse, worin sie sich befinden, selbst sind, nicht mehr 


über die chemische Verbindung der Körper. 33 


flüssig, sondern nur in einem solchen Zustande denken darf, dafs die 
Kohäsionsthätigkeit das allgemeine Verbindungsstreben in dem Augen- 
blick ihrer Bildung zu überwinden vermogte. Die von de Dree auf- 
gestellten, durch Versuche erwiesenen sehr scharfsinnigen Ansichten, 
welche sich auf eine theilweise Erweichung einer ausgebildeten Verbin- 
dung beziehen, können, weil sie ein specieller Fall des allgemeinen Er- 
folgs der Schmelzung und Erstarrung sind, nur zur Erklärung der be- 
sonderen, auf einen solchen Erfolg gerichteten Erscheinungen dienen. 
Das Glühen schon erstarrter Mischungen in einem gehörigen Grade 
der Temperatur, ist in vielen Fällen ein weit wirksameres Mittel, eine 
Veränderung des Mischungsverhältnisses hervorzubringen, als das mehr 
oder weniger verzögerte Erstarren der flüssigen Verbindung. Ohne 
Zweifel ist dies Verhalten so sehr von den Eigenschafsen der auf einan- 
der wirkenden und der aus dieser Einwirkung entstehenden Körper ab- 
hängig, dafs sich für jeden besonderen Fall sehr verschiedenartige Er- 
scheinungen darbieten werden. Ein Beispiel der Verbindungsfähigkeit 
in ganz unbestimmten und sehr veränderlichen Verhältnissen, geben, un- 
ter anderen Körpern, das Kupfer und das Zinn. 100 Theile Zinn las- 
sen sich mit 50, 100 und 200 Theilen Kupfer zu einer Mischung zu- 
sammen schmelzen, die nicht allein im flüssigen Zustande, sondern auch 
nach dem langsamen oder plötzlichen Erstarren, vollkommen gleichartig 
bleibt. Alle drei Verbindungen sind spröde und weifs von Farbe. Ihre 
völlige Gleichartigkeit läfst keinen Zweifel übrig, dafs sie nicht als wirk- 
liche chemische Verbindungen des Kupfers mit dem Zinn, also als Ver- 
bindungen nach ganz unbestimmten Mischungsverhältnissen, auch im 
erstarrten Zustande zu betrachten wären. Alle diese Mischungen leiden 
durch Glühen keine Veränderung. Vergröfsert man das Verhältnifs 
des Kupfers zum Zinn, etwa so, dafs 100 Theile des letzteren mit 
400 Theilen des ersteren verbunden sind, so erhält das Metallgemisch, 
beim höchst langsamen Erkalten im Tiegel, auf der Oberfläche ein ge- 
stricktes Ansehen und auf der Bruchfläche ein dichtes Gefüge, verbun- 
den mit einer schmutzigweifsen Farbe und mit beträchtlicher Sprödig- 
keit. Wird diese Legirung schnell in einer kalten eisernen Form ausge- 
gossen, so behält sie ihre Eigenschaften, so dafs sie durch langsames oder 
beschleunigtes Erstarren keiner Mischungsveränderung zu unterliegen 


5 
Phys: Klasse 1324. E 


34 Kırsrten 


scheint. Glüht man sie aber in einer die Rothglühhitze erreichenden 
Temperatur; so hängt es ganz von der Art der Erkaltung des geglühe- 
ten Gemisches ab, ob es dieselben Eigenschaften wie vor dem Glühen 


behalten, oder ob es eine gelbliche, weiche und dehnbare Mischung mit 
körnigem Gefüge bilden soll. Letzteres ist der Fall, wenn das glühende 
Gemisch durch Ablöschen im Wasser plötzlich erkaltet wird, wogegen 
sich die ursprüungliche Verbindung durch. langsames Abkühlen an der 
Luft wieder herstellt. Wird die Temperatur beim Glühen etwas zu sehr 
erhöhet, so schwitzen auf der Oberfläche des noch starren Gemisches 
ganz kleine, silberweifse Perlchen aus, welche indefs bald wieder ver- 
schwinden, wenn die Erhitzung fortdauert, so dafs das ganze Gemisch 
in Flufs kommt und die Veränderungen durch das Glühen nicht weiter 
bemerkt werden können. Diese Erscheinungen beim Glühen sowohl, als 
die ungleichartige Beschaffenheit der Bruchfläche des plötzlich erkalteten 
geglüheten Gemisches, deuten darauf hin, dafs die Mischung in der Hitze, 
welche zum Schmelzen noch nicht hinreicht, ein anderes Mischungsver- 
hältnifs eingeht, indem sich eine leichtflüssigere, aus mehr Zinn und 
weniger Kupfer bestehende Verbindung bildet, welche durch langsames 
Erkalten wieder zerstört wird, durch schnelles Ablöschen im Wasser 
aber gebildet bleibt, weil die Erstarrung schneller erfolgt, als sich die 
frühere allgemeine Verbindung beider Metalle wieder herstellt. Bei al- 
len den Mischungen, welche ein gröfseres Verhältnifs an Zinn enthal- 
ten, konnten diese Veränderungen durch das Glühen nicht eintreten, 
weil die zu grofse Leichtflüssigkeit eine Veränderung des Mischungsver- 
hältwnisses unmöglich machte. Aus demselben Grunde stellte sich auch 
bei diesem, aus {00 Zinn und 400 Kupfer bestehenden Gemisch, die 
ursprüngliche allgemeine Verbindung beider Metalle, durch das langsame 
Abkühlen nach dem Glühen, vollständig wieder her. Diese Mischungs- 
veränderungen durch die Temperaturunterschiede und durch die Art 
des Eıkaltens der rothglühenden Massen, erklären zugleich, warum sich 
diese Metallmischung in Rücksicht ihrer Dehnbarkeit und Hämmerbar- 
keit in der Rothglühhitze genau eben so verhält, wie nach dem plötz- 
lichen Erkalten, und warum das langsam erstarrte, so wie das noch 
nicht bis zum Rothglühen erhitzte Gemisch, spröde sind und sich unter 


dem Hammer nicht bearbeiten lassen. 


über die chemische Verbindung der Körper. 35 


Wird das Verhältnifs des Kupfers zum Zinn noch mehr ver- 
gröfsert, verbindet man z. B. 100 Zinn mit 1100 Kupfer, — und dies 
ist das Verhältnifs, welches man gewöhnlich beim Kanonenguth anwen- 
det, — so bieten sich ganz andere Erscheinungen dar. Bei einem höchst 
langsamen Erkalten des flüssigen Gemisches erscheint dasselbe dem un- 
bewaffneten Auge ganz gleicharug; durch das Vergröfserungsglas läfst 
sich indefs die Ungleichartigkeit auf der frischen Bruchfläche leicht auf- 
finden und bemerken, dafs sich ein weifses Metallgemisch zwischen den 
gestrickten Flächen eines röthlichgelben Metallgemisches abgetrennt hat. 
Die gebohrte, abgedrehte, getriebene, geschliffene und polirte Oberfläche 
erscheint nur deshalb gleicharug, weil das zähere röthlichgelbe Metall- 
gemisch durch diese, mit einem mechanischen Ausstrecken derselben 
verbundene Bearbeitung, das Hervortreten der weifsen, spröden und 
in kleinen Körnchen eingelagerten Verbindung verhindert. — Bringt 
man das flüssige Metallgemisch plötzlich dadurch zum Erstarren, dafs 
man es in schwachen Zainen in einer möglichst dicken, kalten, eiser- 
nen Form ausgiefst; so erhält man ein durchaus gleichartiges Gemisch, 
auf dessen Bruchfläche sich durch die stärkste Vergröfserung nichts Un- 
gleichartiges bemerken läfsı. Die Mischung bleibt also homogen, wie 
sie es im flüssigen Zustande war. Wird dieser Zain in einer starken 
Rothglühhitze anhaltend geglüht und im glühenden Zustande plötzlich 
im Wasser abgelöscht, so behält er seine gleichartige Beschaffenheit; 
läfst man ihn sehr langsam an der Luft erkalten, so bekommt er die 
Beschaffenheit der langsam an der Luft erstarrten flüssigen Legirung, 
d.h. es bilder sich eine weifse, körnige Verbindung aus, welche sich 
in der überwiegenden Masse einer gestrickten röthlichgelben Mischung 
eingelagert findet. Dieses langsam erstarrte Gemenge verhält sich beim 
anhaltenden Glühen auf ähnliche Art. Wird es glühend im Wasser 
abgelöscht, so ist es durchaus gleichartig; erstarrt es langsam, so behält 
es seine Ungleichartigkeit bei. Eine aus 100 Zinn und 1100 Kupfer 
zusammengesetzte Mischung kann also nur in der erhöheten Tempera- 
tur, nämlich in der Schmelzhitze, oder in einer starken Rothglühhitze 
gleichartig seyn; sinkt die Temperatur, so bilden sich wenigstens zwei 
Verbindungen aus, und die so erstarrte Mischung ist ein Gemenge von 
wenigstens zwei Verbindungen nach besummten chemischen Mischungs- 

EB 2 


36 KArRsTen 


verhältnissen, deren Bildung sich durch plötzliches Erstarren verhindern 
läfsı. Dies Metallgemisch verhält sich beim Glühen also ganz anders als 
das d’Arcetsche, und diese Verschiedenheit des Verhaltens ist eine 
Folge des veränderten Verhältnisses des Zinnes zum Kupfer, welches 
bei der d’Arcetschen Metallkomposition grofs genug war, um mit dem 
Kupfer in allen Temperaturen vereinigt zu bleiben, in der Glühhitze 
aber zur Entstehung von zwei Verbindungen Veranlassung zu geben, 
welche sowohl in der Schmelzhitze, ‘als in der gewöhnlichen Tempera- 
tur wieder zerstört wurden. Die Metallmischung zum Kanonenguth 
enthält so wenig Zinn, dafs beide Metalle der Schmelzhitze, ‚oder einer 
sehr erhöheten Temperatur bedürfen, um mit einander verbunden zu 
bleiben, und dafs durch Temperaturerniedrigung eine Trennung eintwitt, 
welche sich nur durch plötzliches Erkalten mehr oder. weniger vollstän- 
dig verhindern läfst. 

Unser metallenes Geschütz ist daher, — eben so wie das gegos- 
sene eiserne, — keine chemische Verbindung zweier Metalle, sondern 
ein Gemenge von wenigstens zwei Verbindungen: des 'Kupfers mit Zinn, 
welche, so zu sagen, mechanisch in einander geflochten sind. Eine aus 
100 Zinn und 1100 Kupfer bestehende Mischung, würde also nur dann 
eine gleichartige Verbindung seyn können, wenn es möglich wäre, das 
flüssige Gemisch plötzlich zur Erstarrung zu bringen, oder das langsam 
erstarrie metallene Geschütz einer starken Glühhitze auszusetzen und 
plötzlich im Wasser abzukühlen. Beides ist aber wegen der grofsen 
Masse des Gufsstücks unausführbar. Ueberläfst man, wie es nicht an- 
ders seyn kann, die flüssige Metallmischung der langsamen Abkühlung 
in der Geschützform; so sollte der Erfolg des Frstarrens für die Be- 
schaflenheit des Geschützes um so günstiger seyn, d. h. die Metall- 
mischung sollte um so homogener ausfallen, je mehr die Erstarrung 
beschleunigt würde. Die Erfahrung zeigt aber das Gegentheil. Der 
Widerspruch in den Erscheinungen ist indefs nur scheinbar, indem es 
nicht mehr darauf ankommt, durch plötzliches Erstarren eine homogene 
Beschaflenheit des Metallgemisches zu bewirken, welche sich bei so star- 
ken Massen nicht erzwingen läfst; sondern durch ein sehr langsames 
Erstarren eine möglichst regelmäfsige und gleich vertheilte Nebeneinan- 
derlagerung der sich ausbildenden Verbindungen hervorzubringen. Ist 


über die chemische Verbindung der Körper. 37 


daher die Masse, woraus die Gufsform besteht, ein starker Wärmelei- 
ter; so wird die strengflüssigere Verbindung schnell zum Erstarren ge- 
‚bracht und es tritt die sehr belehrende und über den Erfolg. des Erstar- 
vungsprozesses vieles Licht verbreitende Erscheinung ein, dafs sich, 
nachdem das Metall in der Form schon erstarrt ist, die aus- 
gebildete leichtflüssigere Metallmischung in die Höhe begiebt und auf 
dem sogenannten verlornen Kopf des Geschützes aussprudelt. Statt sich 
zu senken und durch das Erstarren zusammen zu ziehen, scheint die 
Metallmischung vielmehr sich auszudehnen, indem sie in der Form in 
die Höhe steigt. Untersucht man den Zustand eines auf solche Art 
erstarrten Geschützes, so findet man die Bruchfläche voll Blasen und 
Höhlungen und das Geschütz ist unbrauchbar. Ein solches ausgequol- 
lenes Metallgemisch, — welches eine weilse Farbe hat und grofse Sprö- 
digkeit besitzt, — fand ich aus 21 Zinn und 79 Kupfer zusammenge- 
setzt, welches, nach den Verhältnifsgewichten von Berzelius, mit ei- 
nem Gemisch aus 1 M. G. Zinn und 7 M.G. Kupfer fast ganz genau 
übereinstimmt. — Ist die Formmasse, — wie dies bei der neueren 
Giefsmethode der Fall ist, — mit eisernen Formkapseln umgeben, 
so erhitzen sich dieselben nach dem Gufs jedesmal sehr stark, sobald 
die eben erwähnten Erscheinungen des Aufsteigens der leichtlüssigeren 
Metallmischung eintreten. Wählt man aber die ältere Formmethode in 
Lehm, oder bedient man sich beim Kapselgufs einer möglichst wenig 
Wärme leitenden und dichten, wenig porösen Formmasse; so erhitzen 
sich die eisernen Formkapseln nicht, das Metall senkt sich und erstarrt 
ohne dafs ein Aufsteigen der leichtlüssigeren Metallmischung statt fände. 
Das Metallgemisch wird länger flüssig erhalten, indem es eines drei bis 
viermal längeren Zeitraumes zum Erstarren bedarf, so dafs das sireng- 
flüssigere Metallgemisch, im Augenblick der Bildung nicht plötzlich er- 
starrt, sondern dem leichtflüssigeren Metallgemisch noch Wärme entzieht, 
wodurch eine regelmäfsige Nebeneinanderlagerung dieser beiden Verbin- 
dungen herbeigeführt wird. Beide Verbindungen stellen sich auf der 
frischen Bruchfläche, schon dem unbewallneten Auge, sehr auflallend 
dar. Die chemische Zusammensetzung der strengflüssigeren Verbindung 
läfst sich nicht ausmitteln, weil es nicht möglich ist, dies rothe und zähe 


Metallgemisch von dem mechanisch eingeflochtenen weifsen und spröden 


35 KıAırs TEN 


zu trennen. Das letztere kann man aber rein erhalten, indem es sich 
wegen seiner Leichtflüssigkeit zum Theil in die Formmasse zieht, wenn 
das strengflüssigere Gemisch schon erstarrt ist, so dafs es von der mecha- 
nischen Verbindung mit dem letzteren frei bleibt. Dieses weifse, spröde 
und harte, von den Geschützgiefsern so genannte Krätzmetall, habe ich 
aus 17,7 Zinn und 82,3 Kupfer zusammengesetzt gefunden, eine Zu- 
sammensetzung die, nach den Verhältnifsgewichten von Berzelius, mit 
einem Gemisch aus 1M.G. Zinn und 9M.G. Kupfer ganz genau über- 
einstimmt. Es bilden sich also leichtflüssige Verbindungen von Zinn 
und Kupfer nach zwar bestimmten, aber sehr verschiedenen Verhältnis- 
sen aus, bei denen der Kupfergehalt in dem Grade wächst, wie die 
Erstarrung beschleunigt wird. In einem solchen Erfolge mögte auch 
der Grund zu suchen seyn, warum sich, nach den Erfahrungen der Ar- 
tilleristen, die Stücken von schwererem Kaliber nie so dauerhaft zeigen 
als die von schwächerem, wenn sie nicht allein aus einem auf dieselbe 
Art zusammengesetzten Metallgemisch, sondern auch gleichzeitig bei ei- 
nem und demselben Gufs angefertigt werden. Die Scele des schweren 
Geschützes ist weicher und erweitert sich daher durch den Gebrauch 
schneller als die Seele des Geschützes von leichteren Kaliber, weil das 
Geschütz von schwererem Kaliber beim Gufs eine ungleich gröfsere und 
weit langsamer erkaltende Masse darbietet, in welcher die durch das 
langsame Erkalten entstehende leichtflüssige Metallmischung weniger Zinn 
enthält, folglich weicher ist, als die leichtflüssige Verbindung, welche 
bei dem schnelleren Erstarren gebildet wird. 

So führen also auch diese Erscheinungen zu dem Resultat, dafs 
nicht allein die Mischungsverhältnisse der entstehenden Verbindungen, 
in manchen Fällen durch die Temperaturverschiedenheiten bestimmt wer- 
den, sondern dafs auch schon entstandene Verbindungen, durch 
blofses Glühen, eine Veränderung ihres Mischungsverhältnisses erleiden 
können, ohne dafs ein flüssiger Zustand der Mischung, oder die Ent- 
wickelung gasartiger Stoffe nothwendig erfordert wird. 


® 


IIIINDONNNNIIN 


Ueber 
den Saigerhuttenprozefs. 


Ar -Von 
H"- KARSTEN. 


mummnnvirrrrrn 


[Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 19. Februar 1824.] 


Schon seit einigen Jahrhunderten wird der Saigerhüttenprozefs, mit 
unwesentlichen Abänderungen, fast eben so ausgeübt, wie Agrikola, 
Erker und Löhneys ihn beschreiben. So einfach die Saigerarbeit 
erscheint, so mögte sie doch zu den schwierigsten und in ihren Grün- 
den am wenigsten erkannten metallurgischen Operationen zu zählen seyn, 
und kaum ist es zu glauben, dafs sie einem anderen Umstande als dem 
Zufall ihre Entstehung verdankt. Die Geschichte des Saigerhüttenbe- 
triebes vor Agrikola’s Zeit kennen wir nicht und daher läfst sich 
auch nicht mehr ausmitteln, welche Vervollkommnungen und Verbesse- 
rungen dieser Prozefs nach und nach erhalten haben mag, bis ihm der 
Grad von Vollkommenheit zu Theil ward, in welchem wir ihn in der 
Mitte des sechszehnten Jahrhunderts erblicken. 

Der Zweck der Saigerhüttenarbeit ist die Trennung des Silbers 
von dem silberhaltigen Kupfer, vermittelst des Bieies. Man erreicht ihn 
dadurch, dafs man das Kupfer mit einer angemessenen Menge Blei ver- 
bindet und .die entstandene Verbindung auf eine eigenthümliche Weise 
wieder aufhebt. Das Silber trennt sich dabei vom Kupfer, indem es 
sich mit dem Blei vereinigt, in dessen Verbindung es im flüssigen Zu- 
stande, bei einem gewissen Temperaturgrade, das alsdann noch starr 
bleibende Kupfer verläfst. Es liegt also diesem Prozefs eigentlich die 
Absicht zum Grunde, den Silbergehalt des Kupfers mit Blei in Verbin- 
dung zu bringen, weil diese Metallmischung sich durch einen einfachen, 
aber sehr sinnreichen Oxydationsprozels, der unter dem Namen der 


40 KArRrsTeEen 


Treibarbeit bekannt ist, leicht aufheben und auf diese Weise das Sil- 
ber rein darstellen läfst, welches in Vereinigung mit dem ungleich streng- 
flüssigeren und weniger oxydablen Kupfer uicht geschehen konnte. 

Sehr einfach würde der Saigerprozefs seyn, wenn die Verbindung 
von Blei und Kupfer, in einer Temperatur, welche zum Flüssigwerden 
des Kupfers noch nicht hinreicht, vollständig wieder aufgehoben wer- 
den könnte. Die Trennung beider Metalle ist aber nur bis zu einem 
gewissen Verhälwmifs durch die Saigerung zu bewirken. Einen Theil 
des in dem abgesaigerten Metallgemisch, oder in dem Kiehnstock zurück- 
gebliebenem silberhaltigen Bleies, sucht man durch starkes Glühen, un- 
ter Zutritt von atmosphärischer Luft, oder durch die sogenannte Darr- 
arbeit zu gewinnen. Ein andrer Theil läfsı sich aber auch auf diese 
Weise aus dem Kiehnstock nicht abscheiden, sondern der Bleigehalt 
des abgedarrten Kiehnstocks, oder des Darrlings, mufs durch Einschmel- 
zen des bleihaltigen Kupfers vor dem Gebläse, oder durch das soge- 
nannte Gaarmachen, entfernt werden. 

Die Entsilberung des Kupfers wird folglich durch die Operatio- 
nen des Frischens, des Saigerns, des Darrens, des Treibens und 
des Gaarmachens verrichtet. Bei einer jeden dieser Operationen fal- 
len Zwischenprodukte verschiedener Art, welche unter dem Namen der 
Dörner oder Krätzen bekannt sind. Durch sie wird der Saigerhüt- 
tenprozefs sehr verwickelt und kostbar und seine Ausführbarkeit in öko- 
nomischer Rücksicht zum grofsen Theil von ihrer zweckmäfsigen Be- 
nutzung abhängig. 

Die Verwandtschaft des Bleies zum Silber scheint, wenn das Re- 
sultat des Prozesses das Anhalten zur Beurtheilung geben soll, — und 
das ist es ja, welches bei allen Verwandtschaftserfolgen zum Grunde ge- 
legt wird, — so bedeutend gröfser zu seyn, als die des Kupfers zum 
Silber, dafs die letztere fast als verschwindend erscheint. Der Rückhalt 
an Silber im Kupfer steht daher auch beinahe im Verhälinifs zu der 
Menge Blei, welche nach dem Darren mit dem Kupfer verbunden bleibt. 
Sehr silberreiches Kupfer läfst sich deshalb durch eine einmalige Saige- 
rung nicht entsilbern, vorzüglich weil das Verhälwifs des Bleies zum 
Kupfer beim Frischen, aus technischen und ökonomischen Gründen, 
nicht über eine gewisse Gränze hinaus vergröfsert werden darf. 


über den Saigerhüttenproze/s. 41 


Die theoretischen Gründe worauf der Saigerhüttenprozefs beruht, 
werden sich bei der Betrachtung der einzelnen Arbeiten, durch welche 
die Silberscheidung bewirkt wird, besser übersehen lassen. 

1. Das Frischen. So heifst die Operation, durch welche die 
Verbindung des silberhaltigen Kupfers mit Blei bezweckt, und welche 
in der Regel in einem gewöhnlichen Krummofen verrichtet wird. Dem 
durch dieses Schmelzen erhaltenen Metallgemisch giebt man die Gestalt 
von Scheiben, deren Form und Gröfse nicht so gleichgültig sind, als 
es scheinen könnte. Nur durch die Scheibenform der Frischstücke läfst 
sich, ohne grofse Schwierigkeit, eine so vollständige Aussonderung des 
silberhaltigen Bleies durch die Saigerung bewirken, als es die Natur die- 
ses Prozesses überhaupt zulässig macht. Aber wichtiger noch, als Ge- 
stalt und Gröfse der Frischstücken, ist das Verhältnifs des Bleies zum 
Kupfer. Je geringer dieses seyn kann, mit desto gröfserem Vortheil 
würde der Saigerhüttenprozefs, unter übrigens gleichen Umständen, aus- 
geübt werden, weil sich mit dem vergröfserten Verhältnifs des Bleies 
auch die Menge der Zwischenprodukte bei den verschiedenen Arbeiten 
vermehren mufs. Die möglichst reine Abscheidung des Silbers fordert 
dagegen die möglichste Vergröfserung des Verhältnisses des Bleies zum 
Kupfer, weil der Rückhalt an Silber mit dem in den Darrlingen zu- 
rückbleibenden Blei im Verhältnifs steht. Das Beschickungsverhältnifs 
beider Metalle würde daher, diesen beiden Rücksichten gemäfs, für je- 
den einzelnen Fall gewählt werden müssen, wenn nicht ein andrer Um- 
stand hinzuträte, welcher jenes Verhältnifs noch näher bestimmte. Eine 
wenigstens hundertjährige Erfahrung hat nämlich gelehrt, dafs die Saige- 
rung am besten von statten geht, wenn Kupfer und Blei in den Frisch- 
stücken in dem Verhälwnifs von 3 zu 10, oder auch von 3 zu 11 vor- 
handen sind, und dafs bei einem bedeutend gröfseren Verhältnifs des 
Bleies, zu leicht ein Flüssigwerden der Frischstücken herbeigeführt, und 
bei einem bedeutend geringeren Verhältnifs, wegen der gleich anfäng- 
lich erforderlichen grofsen Hitze, ebenfalls eine Schmelzung der Frisch- 
stücken veranlafst werden würde. Obgleich der Erfolg in beiden Fällen, 
wenigstens bis zu einer gewissen Gränze beider Verhältnisse, keinen che- 
mischen Grund hat; so bleibt es doch merkwürdig, dafs eine so alte Er- 


9? 


Phys. Klasse 1824. F 


42 KARrsTtEn 


fahrung schon das Verhältnifs von 3 zu 10.als das beste kennen gelehrt 
hat, indem dasselbe ziemlich genau mit den chemischen Mischungsge- 
wichten des Kupfers und des Bleies übereinstimmt. 

Von welcher Art ist aber die Verbindung, welche durch das Zu- 
sammenschmelzen von Kupfer und Blei, in. dem Verhältnifs ‚von: 3 zu 10 
oder zu 11 erhalten wird? ‚So lange sie ‚sich im. geschmolzenen oder 
flüssigen Zustande belindet,. muls, sie. wegen ihrer völligen Gleicharug- 
keit als eine vollkommene chemische Vereinigung beider Metalle ange- 
sehen werden. Eirkaltet sie schnell, wie dies im Stichheerd immer der 
Fall ist, indem man die Erstarrung des  Frischstücks durch Begiefsen 
mit Wasser zu befördern sucht, so bleibt die Gleichartigkeit der Masse 
bei. Wird die Erstarrung, unter. Zutritt der atmosphärischen Luft ab- 
sichtlich verzögert, so tritt eine Ungleichartigkeit der Mischung ein, in- 
dem sich die Oberfläche bald mit einer Kupferoxydul haltenden und im- 
mer stärker werdenden Lage von Bleioxyd bedeckt, ein Erfolg, welcher 
später durch die Erscheinungen beim Gaarmachen seine Erklärung fin- 
den wird. Durch ein höchst langsames Erkalten der geschmolzenen 
Masse in bedeckten Tiegeln, scheint zwar wirklich eine weichere , blei- 
haltigere Verbindung, welche die untere Schicht bildet, und eine här- 
tere, kupferhalugere, die den oberen Theil des Regulus ausmacht, ge- 
bildet zu werden; aber das langsame Erstarren der flüssigen Masse al- 
lein, ist, bei dem Verhältnifs des Bleies zum Kupfer, wie es in den 
Saigerstücken statt findet, noch nicht genügend, die Verbindungen nach 
bestimmten Mischungsverhältnissen vollständig auszubilden, weil das 
Verhältnifs des Bleies zu grofs ist, als dafs sich die Kohäsionskraft des 
nach bestimmten Mischungsgewichten strebenden Gemisches aus Kupfer 
und Blei, kräfug äufsern könnte. Es scheint hier dasselbe Verhalten 
statt zu finden, welches das d’Arcetsche Metallgemisch aus Kupfer und 
Zinn befolgt. 

2. Das Saigern. Was durch langsames Erstarren eines Metall- 
gemisches, woraus das zu saigernde Frischstück zusammengesetzt ist, 
nur höchst unvollkommen bewirkt werden konnte, wird ungleich voll- 
ständiger erreicht, wenn das Frischstück, — wie es beim Saigern der 
Fall ist, — einer Glühhitze ausgesetzt wird, welche die Kupferschmelz- 


über den Sargerhüttenproze/s. 43 


hitze noch nicht erreicht. Ob die leichiflüssige Verbindung, welche sich 
durch die Operation des Saigerns von dem auf den Saigerscharten zu- 
rück bleibenden strengflüssigeren Metallgemisch trennt, reines Blei, oder 
ob sie eine, nach bestimmten und unveränderlichen Mischungsgewich- 
ten zusammengesetzte Verbindung von vielem Blei mit wenig Kupfer 
ist, ändert in der Erklärung der Erscheinungen welche beim Saigern 
vorgehen, nichts ab. Immer sehen wir in einem homogenen Metailge- 
misch, durch das Glühen, zwei Verbindungen sich ausbilden, von denen 
die eine ungleich strengflüssiger ist als die andere, so dafs sie durch 
diese Eigenschaft zugleich Veranlassung zur Trennung geben. Die Mög- 
lichkeit der Trennung setzt aber eine Veränderung in den Mischungs- 
verhältnissen voraus; die Abscheidung des Dleies, oder vielmehr des 
kupferhaltenden Bleies, ist also nicht das Wesentliche des Prozesses, 
sondern ein denselben begleitender und in den Eigenschaften der gebil- 
deten Mischungen begründeter Erfolg desselben. Dafs er wirklich in der 
angegebenen Art eintritt, davon kann man sich eine genügende Ueber- 
zeugung verschaffen, wenn man ein, aus drei Theilen Kupfer und zehn 
Theilen Blei bestehendes Metallgemisch, in einer eisernen Form zu einem 
Zain ausgiefst und schnell zur Erstarrung bringt. Das Gemisch ist voll- 
kommen gleichartig und stellt eine chemische Verbindung beider Metalle 
dar. Wird dieser Zain sorgfältig in einer anhaltenden Glühhitze erhal- 
ten, welche noch nicht zureichend ist um das Gemisch zum Schmelzen 
zu bringen, so ist der Erfolg des Glühens höchst verschieden, je nach- 
dem der glühende Zain plötzlich oder langsam erkaltet. Beim langsa- 
men Abkühlen an der Luft, behält er auf der Bruchfläche dasselbe ho- 
mogene Ansehen, welches er vor dem Glühen besafs. Beim plötzlichen 
Erkalten (durch Ablöschen im Wasser) zeigen sich auf der Bruchfläche 
ganz bestimmt zwei verschiedene Metallmischungen , welche sich an der 


grauen ‚Farbe sehr deullich unterscheiden lassen. Die 


Glühhitze hatte also eine Trennung bewirkt, welche bei der langsamen 


rothen undıan der 


Abkühlung wieder aufgehoben ward. Diese Trennung tritt folglich vor 
dem Flüssigwerden der Mischung ein und sie würde sogar verhindert 
werden, sobald das Gemisch den Zustand der Flüssigkeit erlangt, wenn 
nicht durch eine besondere Vorrichtung die im flüssigen Zustande sich 


F2 


44 Kirsten 


trennende leichtflüssigere Verbindung, von der strengflüssigeren Metall- 
mischung entfernt würde. 

Das Resultat der Saigerung sind die sogenannten Werke, näm- 
lich silberhaltiges Blei, welches sich im flüssigen Zustande abgeschieden 
hat, und die unter dem Namen des Kiehnstocks bekannte Verbindung 
von Kupfer und Blei, welche sich durch Glühen nicht weiter trennen 
läfst und im starren Zustande auf dem Saigerheerde zurück bleibt. Die 
Zusammensetzung der Werke und Kiehnstöcke würde daher über den 
Erfolg des Saigerprozesses Aufschlufs geben müssen. Von den bei einer 
und derselben Saigerung niedergeschmolzenen Werken wurden in sieben 
verschiedenen Perioden, nämlich zu Anfange und zu Ende des Prozes- 
ses, und aufserdem etwa von dreifsig zu dreifsig Minuten, mit grofser 
Sorgfalt Schöpfproben genommen, in denen ein ziemlich gleich bleiben- 
des Verhältnifs des Kupfers zum Blei gefunden ward (!). Dies Verhält- 
nifs würde am mehrsten. mit einer Verbindung aus zwölf Mischunsge- 
wichten Blei und einem Mischungsgewicht Kupfer übereinsimmen, einer 
Verbindung, deren V orhandenseyn gerade nicht sehr grofse Wahrschein- 
lichkeit für sich hat und daher aus dem Erfolg dieser Untersuchungen 
nicht mit Zuverlässigkeit angenommen werden darf. Auch der Silber- 
gehalt der Werke zeigte keine bedeutende Verschiedenheit (?). Beide 
Erfolge beweisen aber wenigstens, dafs die Scheidung der Metallgemische 
bei der Saigerung, vom Anfange bis zu Ende derselben, nach einem 


(1) Die Zusammensetzung der Werke geht aus folgender Zusammenstellung hervor, 
in welcher No.1 die zu Anfange, und No.7 die zu Ende der Saigerung gefallenen 
Werke bezeichnen 

N0.4. ; ,N0,25,7., NO... ENOSA 2 N0..5: N 00 NO: Ze 
EEE ARE I I E NZE 
Bier. AN ITISHEIRGT NG 97,3 97,6 97,1 97,5 978. 
Kupfer... 2,2 2,1 2,7 2,3 2,8 218 2,7 


(2) Der Silbergehalt (nach Lothen in 200 Pf. Werken) war folgender : 


Not, No:2. : No.3. No, 4. No: 5. No. 6. No. 7. 
ir 2er lab ER, in) MIEHDSEI ED et 


10,5 4104651: 2140,:759924.05:75 7 "2057. 10, 8119 '1058% 


über den Saigerhüttenproze/s. 45 


und demselben Gesetz statt findet, und dafs schwerlich eine mechanisch 
wirkende Kraft diese Scheidung hervorbringt. 

Die Zusammensetzung der Kiehnstöcke sollte freilich, wenn die 
Saigerung vollständig erfolgt ist, von der Art seyn, dafs sich daraus das 
bestimmte Mischungsverhältnifs, nach welchem beide Metalle bei der 
Saigerung streben, erkennen liefse. Es leuchtet aber ein, dafs es schwer- 
lich gelingen kann, dies Mischungsverhältnifs mit völliger Zuverlässigkeit 
aufzufinden, weil der Saigerprozefs in jedem Augenblick unterbrochen 
werden kann und weil diese Unterbrechung in der Ausübung wirklich 
statt findet, indem die Trennung der letzten Antheile Werke eine sehr 
ganzen Kiehnstock in Fluss 
zu bringen, und die Werke durch einen zu grofsen Kupfergehalt zu 


grofse Hitze erfordert, bei welcher man den 


verunreinigen fürchtet. Dies ist der Grund warum in den von mir un- 
tersuchten Kiehnstöcken, der Kupfergehalt von 67, 1 bis 75,4 und der 
Bleigehalt von 32,9 bis 24,6 differirend gefunden ward. Dafs sich 
bei so abweichenden Verhältnissen kein bestimmtes Mischungsverhältnifs 
durch Vergleichung der Analysen ausmitteln läfst, bedarf keiner Erwäh- 
gesuchten be- 
stimmten Mischungsverhältnifs am mehrsten nähert, in welchem das Ver- 


nung; aber es ist klar, dafs sich der Kiehnstock dem 


hältnifs des Bleies das kleinste ist. Wäre es erlaubt, auf einer Vermu- 
thung eine zweite zu begründen, so würde man die wahre Zusammen- 
setzung eines ganz vollkommen abgesaigerten Kiehnstocks aus zwölf 
Mischungsgewichten Kupfer und einem Mischungsgewicht Blei anzuneh- 
men haben. Ein so zusammengesetzter Kiehnstock mülste 21,43 Pro- 
zent Blei enthalten, so dafs sich das Frischstück bei der Saigerung in 
zwei Verbindungen zerlegte, von denen die eine aus 12M.G. Blei und 
1M.G. Kupfer, und die zweite aus 12 M.G. Kupfer und {M. G. 
Blei bestände. Ein solcher Erfolg würde zugleich einen schönen Auf- 
schlufs darüber geben, warum nach uralter Erfahrung, die Saigerung 
am besten von statten geht, wenn die Frischstücken aus 1 M.G. Blei 
und 1 M.G. Kupfer zusammengesetzt sind. 

Wenn die abgesaigerten Kiehnstöcke im glühenden Zustande mit 
Wasser begossen werden, lassen sie, bei einem gewissen Grade der Tem- 


peratur, aber nicht wenn sie noch zu heifs oder schon zu kalt sind, aber- 


46 KAxrsten 


mals Werke fallen, so dafs es scheint als ob die Saigerung von Neuem 
wieder beginnen wollte. Diese Erscheinung ist ganz dazu geeignet, über 
den Vorgang beim Saigerprozels mehr Licht zu verbreiten. In der zu 
grofsen Hitze hat sich nämlich eine allgemeine Verbindung von Kupfer 
und Blei gebildet, welche durch das plötzliche Ablöschen mit Wasser 
zum Erstarren gebracht wird. Durch die allmälige Abnahme der Tem- 
peratur konnten sich die bestimmten Verbindungen schon wieder aus- 
bilden, und wenn der Kiehnstock in diesem Zustande mit Wasser be- 
gossen wird, mufste die leichtflüssigere Verbindung, beim plötzlichen 
Zusammenziehen der erkaltenden strengflüssigeren Mischung, mechanisch 
ausgeprefst werden; eine Wirkung die man deutlich eintreten sieht, 
wenn man den Vorgang genau beobachtet, indem die Bleikörner recht 
eigentlich tropfenweise ausschwitzen. Warum dies Ausschwitzen von 
Werken nicht statt findet, wenn der Kiehnstock schon zu sehr abge- 
kühlt ist, bedarf der Erklärung nicht; wohl aber mufs es bemerkt wer- 
den, dafs ein solcher Kiehnstock beim neuen Glühen abermals wieder 
Werke fallen läfst, welche sich beim langsamen Abkühlen gebildet hat- 
ten und durch die allmälig erfolgte Erstarrung nicht ausgeprefst wur- 
den, sondern sich gleichförmig in der ganzen Masse des Riehnstocks 
verbreiteten. Die Werke welche beim Begiefsen der glühenden Kiehn- 
stöcke mit Wasser ausgeprefst werden, enthalten 2,9 Prozent Kupfer 
und sind also etwas kupferhaltiger als die reinen Saigerwerke; indefs 
kann dieser unbedeutend gröfsere Gehalt auch zufällig seyn. Dies ist 
um so wahrscheinlicher, als in den Werken, welche beim aberma- 
ligen Erhitzen der abgesaigerten Kiehnstöcke erhalten werden, bei der 
Untersuchung ebenfalls nur ein Kupfergehalt von 2, 39 Prozent ge- 
funden ward. 

Diese Erscheinungen geben aber auch zugleich darüber einen Auf- 
schlufs, warum es nicht möglich ist, die Frischstücke vollständig zu sai- 
gern, d.h. zu dem bestimmten Mischungsverhältnifs des Kupfers und: 
Bleies in den Kiehnstöcken zurückzuführen. Die letzten Antheile der 
leichtflüssigen Mischung erfordern nämlich, zur völligen Trennung, schon 
eine starke Hitze, weil sie von einer srofsen Menge der strengflüssigen 


Mischung umgeben sind. Deshalb wird eine zu schwache Hitze keine 


über den Saigerhültenproze)s. 47 
Absaigerung ınehr bewirken. Wird die Hitze aber zu sehr verstärkt, 
so werden die Verbindungen nach bestimmten Mischungsverhältnissen 
wieder zerstört und es wird dann die Saigerung aus chemischen Grün- 
den unmöglich. 

3. Das Darren. Läfst sich gleich die Gränze nicht genau be- 
summen, ‘bis zu welcher die Ausscheidung des Bleies aus dem Frisch- 
stück durch das Saigern noch möglich ist, und beruht es gleich nur 
auf Vermuthung, dafs die Enıbleiung durch die vollständigste Saigerung 
nur bis zu einem Bleigehalt des Kiehnstocks von 21, 43 Prozent ge- 
bracht werden kann; so ist doch so viel gewifs, dafs eine solche Gränze 
vorhanden ist und dafs der ganze Prozefs des Saigerns schon unter die- 
ser Gränze durch zu starke Temperaturerhöhung, welche die Schmelz- 
hitze des Kupfers noch nicht erreicht, gänzlich unterbrochen wird. 
Wahrscheinlich ist es eine Folge der gegen das Ende der Saigerarbeit 
zu sehr verstärkten Hitze, dafs die am besten abgesaigerten Kiehnstöcke 
noch einen Bleigehalt von 24 bis 28 Prozent behalten und dadurch zu 
einer noch gröfseren Unvollkommenheit des Scheidungsverfahrens, als 
die Natur desselben schon ohnedies mit sich bringt, Veranlassung ge- 
ben. Um einen so grofsen Gehalt an Blei, und in demselben Verhält- 
nifs auch an Silber, nicht zu verlieren, werden die Kiehnstöcke zum 
Darren abgegeben. So nothwendig es war, die Frischstücken beim Sai- 
gern mit Kohle zu umgeben und den Zutritt der unzerlegten atmosphä- 
rischen Luft möglichst abzuhalten; eben so nothwendig ist es, den 
Kiehnstöcken beim Darren jedes Reduktionsmittel zu entziehen und die 
Erhitzung durch Flammenfeuer und mit Luftzutritt zu bewirken. Im 
Darrofen werden die Kiehnstöcke einer ungleich gröfseren Hitze, als auf 
den Saigerheerden gegen das Ende der Saigerarbeit, ausgesetzt. Nur zu 
Anfange der Darrarbeit darf das Feuer nicht zu stark seyn, weil die 
Kiehnstöcke wie vorhin erwähnt, noch Werke fallen lassen, die sich 
beim Erkalten auf den Saigerscharten in der Masse des Kiehnstocks aus- 
gebildet hatten. Eine zu schnell gesteigerte Hitze im Darrofen würde 
durch das Zurückführen zu einer allgemeinen Verbindung, das Schmel- 
zen des Kiehnstocks bewirken. Erst wenn keine Werke mehr nieder- 
wopfen, sondern wenn, statt des regulinischen Metalles, ein verkalktes 


48 KARSTEN 


Metallgemisch, welches den Namen Darrost erhalten hat, in den Darr- 
gassen häufiger zum Vorschein kommt, kann die Hitze ohne Nachtheil 
verstärkt werden. Gewöhnlich zeigt sich erst in fünf bis sechs Stunden 
nach dem erfolgten Anstecken des Ofens, der erste Darrost. Dies OXY- 
dirte Metallgemisch fliefst, bei starker Hitze und unter geöflneien Zügen 
in dem Gewölbe des Ofens, neun bis zehn Stunden lang ununterbrochen 
in den Darrgassen nieder. Dann tritt ein Zeitpunkt ein, wo es sparsamer 
zum Vorschein kommt. Die Zugöffnungen werden alsdann geschlossen, 
wodurch die Hitze im Öfen wegen der Verminderung des Lufizuges 
geschwächt wird, obgleich mit der Feurung in den Darrgassen unun- 
terbrochen fortgefahren werden mufs. In diesem Zustande des gedämpf- 
ten Zuges wird der Ofen drei bis vier Stunden lang erhalten. Wäh- 
vend dieses Zeitraums tropft der Darrost weniger häufig in den Gassen 
nieder. Sobald er in gröfserer Menge zum Vorschein kommt, werden 
die Luftzüge im Gewölbe wieder geöflnet, wodurch die Hitze verstärkt 
und das Abfliefsen des Darrostes befördert wird. Nach Verlauf von 
sechs bis acht Stunden nach wieder geöflneten Zügen, pflegt keine Ab- 
sonderung des Darrostes mehr statt zu finden, weshalb die abgedarr- 
ten Kiehnstöcke, oder die Darrlinge, noch glühend ausgebrochen und in 
einen mit Wasser angefüllten Sumpf geworfen werden, um durch das 
plötzliche Ablöschen, die Ablösung des fast im verglasten Zustande sich 
befindenden Kupferoxyds (Pickschiefers) von der Oberfläche des Darr- 
lings zu erleichtern. 

Die Produkte des Darrens, welche Aufschlufs über den Vorgang 
bei diesem Prozefs geben sollen, sind also Darrlinge, Darrost und Pick- 
schiefer. Die verschiedenen Darrlinge welche ich untersucht habe, zeig- 
ten einen abweichenden Gehalt an Kupfer von 82,7 bis 90,6 und an 
Blei von 17,3 bis 9, 4 Prozent. Der Darrling ist also keine bestimmte 
chemische Verbindung von Kupfer und Blei, sondern es hängt von 
der gröfseren oder geringeren Vollkommenheit ab, womit der Darr- 
prozefs ausgeübt wird, ob sich das Blei mehr oder weniger vollstän- 
dig ausscheidet. 

Der Pickschiefer ist ein mechanisches Gemenge von regulinischem 
Kupfer, welches beim Ablösen vom Darrling als eine feine Schaale 


über den SargerhüttenprozeJs. 49 


am Pickschiefer hängen bleibt, ferner von Kupferoxyd, von Kupfer- 
oxydul und von Bleioxyd. Das Kupferoxyd ist der überwiegendste Ge- 
mengtheil und beträgt 60 bis 70 Prozent. Ganz reiner Pickschiefer, 
welcher beim Ablöschen des Darrlings im Wasser von selbst abfällt, 
besteht fast ganz aus Kupferoxyd. 

Die Zusammensetzung des Darrostes nähert sich im Allgemeinen 
der eines Silikats, dessen Basen Bleioxyd und Kupferoxydul, nebst et- 
was Thonerde und Eisenoxydul sind. Er würde eine Verbindung von 
Bleioxyd mit Kupferoxydul seyn, wenn das in den Darrgassen herab- 
schmelzende oxydirte Metallgemisch, nicht den Lehm oder Thon, woraus 
die Ofensohle und Bänke aufgeführt werden, auflösete. Von der ver- 
änderlichen Beschaffenheit dieses Materials wird also auch die Verunrei- 
nigung der Metalloxyde im Darrost abhängig seyn. 

Um einen vollständigen Aufschlufs über den Vorgang beim Darr- 
prozefs zu erhalten, mufste nothwendig ausgemittelt werden, wie sich 
Kupfer und Bleioxyd, so wie Kupferoxyd und Blei, in verschlossenen 
Thontiegeln, ohne Zutritt von Kohle, beim Zusammenschmelzen verhal- 
ten würden. Die Versuche welche ich bei sehr abgeänderten Verhält- 
nissen des Kupfers zum Bieioxyd, so wie des Kupferoxyds zum Dlei 
angestellt habe, gaben mir das Resultat, dafs Blei und Kupferoxyd, so 
wie Bleioxyd und Kupfer sich nach einerlei Gesetz beim Zusammen- 
schmelzen verhalten, dafs sie sich nämlich wechselseitig in der Art zer- 
setzen, dafs in dem entstehenden oxydirten Gemisch, das Blei sechsmal 
so viel Sauerstoff als das Kupfer enthält und dafs diesem Gesetz gemäls 
die Reduktion des Kupferoxyds oder des Bleioxyds theilweise erfol- 
gen mufs. 

Zur Untersuchung des Darrostes sind Proben angewendet worden, 
welche im Verlauf eines ganzen Darrprozesses, vom Anfange bis zu 
Ende desselben gesammelt wurden. Weil sich drei Hauptperioden des 
Prozesses annehmen lassen, nämlich das Darren in den ersten acht bis 
zehn Stunden bei geöflneien Zügen des Öfens, das Darren in den fol- 
genden drei bis vier Stunden bei gedämpftien Zügen, und das Darren 
in den letzten sechs bis acht Stunden, bei wieder geöllneten Zügen, so 
wurden auch die Darrostproben von diesen drei Stadien besonders 

Phys. Klasse 1824. G 


50 KaArRrs-TEnN 


genommen, und zwar bei einem jeden vom Anfange bis zu Ende dessel- 
ben (!). Diese Analysen zeigen, dafs das Bleioxyd den gröfsten Bestand- 
y 5 5 
ıheil des Darrostes ausmacht, dafs dasselbe in dem Darrost, welcher bei 
geschlossenen Zügen des Öfens erhalten wird, in der gröfsten Menge vor- 
handen ist und das sich der Bleioxydgehalt in dem Darrost vom Anfange 
bis zu Ende des ersten Stadii, fast in demselben Verhältnifs vermin- 
a 
dert, wie in dem Darrost vom Anfange bis zu Ende des letzten Stadii. 
5 
Der Gehalt an Kupferoxydul steht dabei weder im graden noch im um- 
l A 5 

gekehrten Verhältnifs mit dem Bleioxydgehalt. 

Nach diesen Erfahrungen mufs der Erfolg bei der Darrarbeit darin 
bestehen, dafs sich der Darrost durch die Einwirkung des regulinischen 

5 5 

Bleies auf das Kupferoxyd bildet, womit sich die Oberfläche der Kiehn- 


(1) Darrost von dem ersten Stadio, bei geöffneten Zügen 


No.1. No. 2. No. 3. 

wre Se ee 

Bleioxydns ee ac: 84,2 78,5 76,50 
Kupferosydul..... 4,1 7,9 7,88 
Eisemosydul- A... 0,4 0,5 0,50 
Thöonerde .... 2... 4,1 157 1,80 
Kieselerde...... . 10,2 RZ 13,30 

Darrost vom zweiten Stadio, bei geschlossenen Zügen 

No.1. No. 2. 

I er, 

Bile nom ydenE pe ee 79,8 89-4 
Kuptenor vide ee 3 4,1 
Bistenomyidul ec nd. ehe ONE 0,3 
Thonerde: ...... ee 1;2 1.0 
Kueselkerde as% 2% 5 .uedtke 13,5 9,5 


Darrost von dritten Stadio, bei wieder geöffneten Zügen 
No.1. N0.’2: INo-i3: 


en, eo — 
Biletoxyd. se. une 81,2 78,9 7 Dee 
Kupferoxydul. 4,3 6,3 7,6 
Eisenoexydul...... 0,3 0,5 0,3 
TDhonerdes. is... P 1,12 1,8 1,8 


Kieselende „1... 1% 13,0 12,5 13,2 


über den Saigerhüttenprozefs. 51 
stöcke in der starken Glühhitze überzieht. Ein bestimmtes Mischungs- 
verhältnifs der oxydirten Masse kann aber deshalb nicht hervorgebracht 
werden, weil die hinzuströmende atmosphärische Luft das oxydablere 
Metall, — das Blei, — wenn es im Uebermaafs vorhanden ist, auch vor- 
zugsweise oxydiren wird. Das durch die Einwirkung des Bleies auf das 
Kupferoxyd sich bildende Metallgemisch, wird, in dem Augenblick des 
Entstehens, durch den Sauerstoff der Atmosphäre und in vielen Fällen 
auch zugleich durch die im Uebermaafs vorhandene, durch die Oxydi- 
rung des Bleies sich bildende Glätte, wieder zerstört und hilft den Dar- 
rost mit bilden. Das Kupferoxyd, welches sich durch das Blei in Oxydul 
und in regulinisches Kupfer umändert, ist wirklich vorhanden, wie die 
Zusammensetzung des Pickschiefers zeigt, der die Oberfläche des Darr- 
lings bekleidet. Der ganze Prozefs geht also auf der Oberfläche der 
Kichnstöcke vor und es bleibt nur zu erklären, woher das Blei kommt, 
welches alle diese Erscheinungen veranlafsı. 

Ein vollständig abgesaigerter Kiehnstock stellt eine chemische Ver- 
bindung des Kupfers mit Blei, nach bestimmten und unabänderlichen 
Mischungsgewichten dar, welcher durch Glühen kein Blei mehr entzo- 
gen werden kann. Beim Darren erfolgt also die Verminderung des Blei- 
gehaltes des Kiehnstocks offenbar nur dadurch, dafs sich das Blei nach 
und nach an die Oberfläche des Kiehnstocks begiebt, und dort ıtheils 
durch das Kupferoxyd, welches sich auf der Oberfläche des glühenden 
Kiehnstocks gebildet hatte, theils durch die atmosphärische Luft oxydirt, 
und in Verbindung mit Kupferoxydul als Darrost abgeschieden wird. 
Es erfolgt hier also die Entmischung einer chemischen Verbindung, und 
sogar einer chemischen Verbindung nach bestimmten Mischungsverhält- 
nissen, ungeachtet sich diese Verbindung nicht im flüssigen Zustande 
befindet. Dieser Erfolg läfst sich auf keine andere Weise erklären, als 
durch das Bestreben des Bleies, sich mit der ganzen Masse des Kupfers 
in der starken Glühhitze wieder in ein Gleichgewicht zu setzen, sobald 
dasselbe, durch die Einwirkung einer kräftiger wirkenden Potenz, als 
es die Verwandstchafiskraft des Kupfers zum Blei ist, auf irgend einem 
Punkte gestört wird. Die Wirkung des Sauerstoff, unterstützt durch 
die nach bestimmten Mischungsgewich- 


G 2 


die Glühhitze, ist stark genug, 


52 Karsten 


ten zusammengesetzte Verbindung des Kupfers mit Blei, auf der Ober- 
fläche des Kiehnstocks aufzuheben. Diese Aufhebung zerstört aber das 
Gleichgewicht in der ganzen Masse, weshalb das Blei dasselbe in der 
glühenden Verbindung immer wieder herzustellen strebt und auf der 
Oberfläche des Kiehnstocks stets wieder abgeschieden wird, so dafs der 
Erfolg die Verminderung des Bleigehalts des Kiehnstocks seyn mufs. 

Der Prozefs des Darrens giebt ein überzeugendes und lehrreiches 
Beispiel von Entmischungen, welche in einer gewissen Temperatur ohne 
einen flüssigen Zustand der Mischung stau finden können, so wie fer- 
ner von Verbindungen, welche sich in allen Verhältnissen, selbst in ei- 
ner nach bestimmten Mischungsgewichten zusammengesezten Mischung, 
unter gewissen Umständen ausbilden. Betrachtet man genauer die Zu- 
sammensetzung des Darrostes in den verschiedenen Stadien des Darr- 
prozesses, so ergiebt sich eine merkwürdige Uebereinsimmung zwischen 
dem Daärrost vom ersten und vom dritten Stadio. Erwägt man, dafs 
der Darrost zu Ende des ersten Stadii immer reicher an Kupferoxydul 
ward, dafs er schon sparsamer niedertropfte und fast ganz zu fliefsen 
aufhörte; dafs im zweiten Stadio verhältnifsmäfsig nur wenig, aber an 
Bleioxyd reicherer Darrost erfolgte und dafs im dritten Stadio wieder 
ein starkes Niederfliefsen von Darrost, von derselben Zusammensetzung 
wie der vom ersten Stadio statt fand, so mufs man die Ursachen dieses 
Erfolges darin suchen, dafs sich das Blei aus der Mitte des Kiehnstocks 
nicht so schnell nach der Oberfläche begeben, oder sich vielmehr nicht so 
schnell gleichmäfsig in der ganzen Masse des Kupfers vertheilen konnte, 
um immer Darrost von gleicher Zusammensetzung zu bilden. Das mitt- 
lere Stadium des Darrprozesses hat also vorzüglich den Zweck der gleich- 
mäfsigen Vertheilung des zurück gebliebenen Bleies in der ganzen Masse 
des Kiehnstocks, nnd dient zur Vorbereitung für das dritte Stadium. 

Man sollte vermuthen, dafs der Silbergehalt des Bleies nicht mit 
in den Darrost übergehen, sondern dafs das oxydirte Silber bei der Ein- 
wirkung des Bleioxyds auf das Kupfer regulinisch wieder hergestellt 
würde. Die Erfahrung bestätigt diese Vermuthung nicht, indem der 
Pickschiefer fast zu den silberärmsten Abgängen gehört, welche bei dem 


ganzen Saigerhüttenprozefs vorkommen. -Es liegt darin ein neuer Be- 


über den Saigerhüttenproze/s. 53 


weis, dafs das Silber, bei dem ganzen Prozefs des Saigerns dem Blei folgt 
und dafs die Verwandtschaft des Kupfers zum Silber im Vergleich zu 
der des Bleies zum Silber sehr unbedeutend ist. 

4. Das Gaarmachen. Diese Operation hat den Zweck, das 
Kupfer von dem in den Darrlingen zurück gebliebenen Blei zu be- 
freien. Sie wird dadurch verrichtet, dafs man die Darrlinge in einer 
Heerdgrube vor dem Gebläse einschmelzt und nach dem erfolgten Ein- 
schmelzen das Gebläse auf die flüssige Masse wirken läfst. Der Vor- 
gang bei diesem Prozefs würde sich schwer erklären lassen, wenn nicht 
die Erscheinungen beim Darren darüber einen vollständigen Aufschlufs 
gegeben hätten. Das Gaarmachen ist in der That ein vollkommneres 
Darren, indem die Flüssigkeit der Masse die schnellere Wiederherstel- 
lung des Gleichgewichts zwischen dem Blei und Kupfer befördert. 
Wie beim Darren der ganze Entmischungsprozefs auf der Obertläche 
des Kiehnstocks vor sich ging, so findet er beim Gaarmachen auf 
der Oberfläche der geschmolzenen Masse statt. Diese bedeckt sich mit 
Schlacke, welche man durch Abziehen, oder durch ein freies Ablau- 
fenlassen entfernt. Die Analyse der Gaarschlacken zeigt, dafs sich das 
Verhälwifs des Kupferoxyduls zum Bleioxyd in allen Perioden der Ar- 
beit verändert und zu Anfange des Gaarmachens am kleinsten, zu Ende 
des Prozesses aber am gröfsien ist ('). Die Gaarschlacke nähert sich 
übrigens in ihrer Zusammensetzung einem Bisilikat. | 

Das Uebereinsiimmende des Vorganges beim Gaarmachen mit dem 
Erfolge beim Darren, lieg am Tage. Nur darin findet eine merkwür- 


(1) No.1. ist die Schlacke gleich vom Anfange der Arbeit; No. 2. und 3. sind von zwei 
mittleren Perioden und No.4. ist nach dem Zuschützen des Gebläses, also nachdem das 
Kupfer für gaar erkannt war, genommen, 


No. 1. !!No.2.° No.3:' No: 4. 

a Er 

Blerosydwasa a. 20..07,4 62,1 54,8 91,7 
1 1 


Kupferoxydul ask 6,2 10,4 9,2 9,8 
Bisenmoxydulrsrs ie een 1,0 158 1,2 1,2 
Thonertletul., ven 3:1 Bu 3,4 BRU 
Kreselerde 4... 2253 22,9 21,4 23,9 


54 KArsrten 


dige Verschiedenheit statt, dafs die Gaarschlacke im Vergleich mit dem 
Darrost sehr wenig Silber enthält. Die Reduktion des mit dem Blei- 
oxyd verbundenen Silberoxyds, welche in der Darrofenhitze nicht ge- 
schehen konnte, mufs also in der Schmelzhitze des Kupfers bewirkt, 
vielleicht auch dadurch veranlafst werden, dafs das oxydirte Gemisch 
länger auf der Oberfläche der metallischen Verbindung verweilt. Der 
Silbergehalt der Darrlinge ist also gröfstentheils als verloren zu betrach- 
ten, weil er in das Gaarkupfer mit übergeht, woraus die Nothwendig- 
keit eines möglichst vollständigen Abdarrens der Kiehnstöcke zur Ver- 
minderung des Silberrückhalts in den Gaarkupfern hervorgeht. 

5. Das Treiben. Die Scheidung des Silbers vom Blei in den 
sogenannten Werken, geschieht bekanntlich auf die Weise, dafs die 
Werke geschmolzen und durch die Wirkung eines Gebläses auf die 
Oberfläche der geschmolzenen Masse, oxydirt werden, wobei das entste- 
hende Oxyd steis entfernt wird, bis es sich endlich nicht mehr bildet 
und der Silbergehalt der Werke rein zurück bleibt. 

Man wird sogleich die auflallende Uebereinstiimmung des Gesetzes 
warnehmen, worauf die Treibarbeit und das Gaarmachen beruhen. Hier 
beabsichtigt man die Scheidung des Bleies vom Kupfer, dort die des 
Bleies vom Silber. Hier wie dort findet der Prozefs der Oxydation auf 
der Oberfläche der flüssigen Masse statt, und in beiden Fällen wird das 
Mischungsverhältnifs beider Metalle in jedem Augenblick in der ganzen 
Masse zerstört und wieder hergestellt. Weil aber das Silber ungleich 
weniger oxydabel ist wie das Kupfer, so geht auch bei der Treibar- 
beit ungleich weniger Silberoxyd in die Schlacke (Glätie) als beim Gaar- 
machen Kupferoxydul in die Gaarschlacke geführt wird. 

Deutlicher lassen sich die Erfolge bei der Treibarbeit und das 
Verhalten, welches die Metallmischung dabei befolgt, dann warnehmen, 
wenn das Verhältwnifs des Silbers zum Blei sehr grofs ist, oder wenn 
dem Silber die leizien Antheile Blei entzogen werden sollen, wie es 
beim Feinbrennen des Silbers geschieht. Das Blei oxydirt sich auf 
der Oberfläche des flüssigen Silbers, zieht als Glätte in die Heerdmasse 
und stellt in der ganzen Metallmischung immer wieder ein gleiches, sich 
steis verminderndes Mischungsverhältnifs dar. Befindet sich glühende 


über den Satrgerhüttenproze/s. 55 


Kohle auf der Oberfläche des flüssigen Metalles, so wird, auch bei der 
Einwirkung der Gebläseluft, die Abscheidung des Bleies unmöglich, oder 
das Silber läfst sich alsdann nicht feinbrennen, weil keine Oxydation 
auf der Oberfläche der Masse vorgehen kann. 

Die verschiedenen, bei der Saigerarbeit vorkommenden metallur- 
gischen Prozesse geben daher sehr interessante, und, wie es scheint, 
bisher nicht beachtete, wenigstens in ihren Gründen nicht gehörig er- 
kannte Beispiele, von der Art und Weise, wie Mischungen und Ent- 
mischungen in der erhöheten Temperatur unter gewissen Umständen 
erfolgen. Es leuchtet aus dem Vorgetragenen aber auch ein, wie un- 
richtig die gewöhnliche Ansicht ist, die Operation des Darrens als eine 
Fortsetzung des Saigerprozesses zu betrachten. Beim Saigern soll eine 
chemische Verbindung nach unbestimmten Mischungsverhältnissen, durch 
das Glühen, zu Verbindungen nach bestimmten Mischungsgewichten zu- 
rück geführt; beim Darren hingegen soll eine chemische Verbindung 
nach bestimmten Mischungsverhältnissen, durch Glühen, unter Zutritt 
der atmosphärischen Luft, mehr oder weniger vollständig entmischt 
werden. 


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Versuche und Beobachtungen 
über 
den Einflufs der Düngungsmittel, auf die Erzeugung der nähern 
Bestandtheile der Getreidearten. 
Von 
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H”- SIGISM. FRIEDR. HERMBSTÄDT. 


RIVER 
[Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 22. Juli 1824.] 


Einleitung. 


n; Pflanzen sind, gleich den Thieren, organische belebte Geschöpfe; 
sie müssen daher auch in den Funktionen, welche von ihrer Lebensthä- 
tigkeit abhangen, mit den Thieren mehr oder weniger übereinkommen. 
Gleich den Thieren sind die Pflanzen mit eigenen, unter sich selbst 
verschiedenen Organen begabt; und diese sind dazu bestimmt, diejenigen 
Verrichtungen derselben, im lebenden Zustande, auszuüben, ohne welche 
ihre Gesundheit, ihr Gedeihen, ihre Massenerweiterung und ihre Frucht- 
barkeit nicht möglich seyn könnte. 

Der Keim zur künftigen Pflanze ist im befruchteten Samenkorn 
derselben gegeben. Pflanzen, welche nicht des Samenkorns zu ihrer Ver- 
vielfältigung bedürfen, sondern durch Blätter und Stecklinge fortgepflanzı 
werden können, wie die Cactusarten, die Stapelien u. s. w., ja 
selbst mehrere Stauden-, Strauch- und Baumgewächse, scheinen 
einen polypenartigen Karakter zu besitzen. 

Bei denjenigen Pflanzen, welche nur allein aus Samen fortgepflanzt 
werden können, bedarf das Samenkorn derselben reizender Potenzen zur 
Belebung und Entwickelung des schlafenden Keims, wenn er zur Pflanze 
ausgebildet werden soll. Ist aber die Belebung und erste Entwickelung 

Phys. Klasse 1824. H 


55 Henusstäpr über den Einflufs der Düngungsmilttel 


des Keims erfolgt: dann bedarf derselbe die ihm angemessenen Nahrungs- 
mittel zur fernern Ausbildung und Gestaltung der einzelnen Organe, die 
den Habitus der Pflanze begründen. 

Das Samenkorn der Pflanzen zeigt eine grofse Uebereinstimmung 
mit dem Ei eines Vogels. Im Ei des Vogels bemerkt man, von Aufsen 
nach Innen betrachtet: 1. die harte aber poröse Schale; 2. das Ei- 
weifs, welches durch eine dünne Haut von der äufsern Schale ge- 
trennet ist; 3. den Eidotter, wieder mit einer dünnen Haut umgeben; 
4. den Keimpunkt in dem Dotter eingeschlossen, aus welchem das 
werdende Geschöpf sich gestaltet. 

Beim Ei des Vogels sind: 1. vorausgegangene Befruchtung dessel- 
ben; 2. eine Temperatur von 28 bis 30 Grad Reaumür; 3. Einwir- 
kung der atmosphärischen Luft, unerläfsliche Potenzen, ohne welche die 
belebende Entwickelung und körperliche Ausbildung des Embryo nicht 
erfolgen kann. 

Bringt man ein befruchtetes frisches Hühner-Ei in einem Ge- 
fälse mit ausgekochtem desullirten Wasser übergossen, und mit einem 
zweiten Gefäfs überstürzt, unter die Glocke einer Luftpumpe, so wird, 
nach dem Mafse der Verdünnung der äufsern atmosphärischen Luft, eine 
bedeutende Menge gasförmiger Flüssigkeit aus den unsichtbaren Poren 
der Eierschale entwickelt. 

Bringt man das seiner Luft beraubte Ei auf den vorigen Zustand 
der Trockenheit, so erscheint solches bedeutend im Gewicht vermehrt: 
der Raum der ausgetretenen Luft ist also durch eingedrungenes Wasser 
ersetzt worden. 

Wird ein solches der eingeschlossenen Luft beraubtes Ei einem 
brütenden Huhn untergelegt, so wird das Embryo zwar entwickelt; es 
witt aber nicht in das wirkliche Leben, kann also auch nicht ausge- 
brütet werden. 

Die auf jenem Wege aus dem Ei entnommene Luft zeigt, durch 
die eudiomeirische Prüfung, mittels dem Voltaschen Eudiometer, nur 
sechs Procent Sauerstoffgas;'das übrige ist Stiekstoffgas mit einer 
unbedeutenden Menge kohlenstoffsaurem Gas gemengt. 

Eier, die aufserhalb: mit einem Firnifs überzogen und dadurch der 
von aufsen einwirkenden Luft beraubt worden sind, können nicht aus- 


auf die Bestandthelle der Pflanzen. 59 


gebrütet werden; wie unser verehrter College Erman bereits vor meh- 
reren Jahren bewiesen und ich durch vielfälüige Versuche bestätigt ge- 
funden habe. 

Das Embryo im Ei wird auf solche, Weise zwar entwickelt, tritt 
aber nicht in die lebende Ausbildung. Wärme allein ist also zur be- 
lebten. Entwicklung des Embryo nicht hinreichend; sondern das Leben 
bedarf einer Mitwirkung der Luft von Aufsen nach Innen. Dafs die 
Respiration des Geschöpfes, innerhalb dem Ei, hierdurch begründet 
wird, ist wohl keinem Zweifel unterworfen. 

Untersucht man Hühnereier, in verschiedenen Zeiträumen, wäh- 
rend dem Bebrüten derselben: so siehet man den Dotter sich immer 
mehr vermindern, während das Eiweifs in eine dem Blute analoge 
rothe Flüssigkeit umgewandelt wird. 

Der Dotter; vermindert sich in dem Mafse, als die Ausbildung 
des jungen Geschöpfes im Ei vorschreitet. Zwei Tage vor seinem Durch- 
brechen durch die Schale, ist von dem Dbotter nichts mehr zu bemer- 
ken. Der Dotter scheint also die ersie Nahrung darzubieten, die dem 
Embryo, nach dem Eintritt ins bewegliche Leben, auf einem nicht 
weiter bekannten Wege, zugeführt wird; bis selbiges Kraft und Selbst- 
thätigkeit genug bekommt, die äufsere harte Schale des Eies zu durch- 
brechen, um in das freie Leben eintreten zu können. 

Die gröfste Aehnlichkeit mit den Eiern der Vögel, besitzen die 
Samenkörner der so genannten Oelpflanzen. Bei diesen findet sich 
jedes einzelne Samenkorn, von Aufsen nach Innen zu untersucht, 
bestehend aus: 1. einer mehr oder weniger harten porösen Schale; 
2. einer unter derselben liegenden, dem geronnenen Eiweifs ähn- 
lichen, zum Theil mit Oel durchdrungenen hautartigen Substanz; 3. im 
Mittelpunkte des Samenkorns, einer mit wenigem geronnen Pflan- 
zen-Eiweifs gemengten Fettigkeit, in der 4. der Keimpunkt eingehüllet 
ist. Alle diese Materien sind mit einem leicht säuerbaren Schleim 
durchdrungen. 

Statt dafs die Schale der Vogeleier eine Verbindnng von kohlen- 
stoffsaurem und von phosphorsaurem Kalk, mit verhärtetem Ei- 
weifs ausmacht, ist die äufsere Schale der Pflanzensamen mit Harz 


H2 


60 Henmsstäpr über den Einflufs der Düngungsmittel 


und ätherischem Oel durchdrungen, welche Materien einen Schutz 
vor äufsern zerstörenden Einwirkungen gewähren. 

Weniger Aehnlichkeit mit den Eiern der Vögel besitzen die Sa- 
menkörner der Getreidearten und der Hülsenfrüchte. Bei diesen 
findet sich, unter der äufsern mit vielem Schleim durchdrungenen Schale, 
der innere Kern, aus einem Gemenge von Amylon, von Kleber 
(Tritiein) und Eiweifs gebildei. Der abgesondert darin vorhanden lie- 
gende Keimpunkt, enthält ein daraus scheidbares fettes Oel. Das 
Ganze, besonders die Schale und der mehlreiche Kern, sind mit 
Phosphorsäure und phosphorsaurem Kalk mehr oder weniger 
durchdrungen. 

Bringt man frische gesunde Samenkörner in destillirtes Wasser, so 
dafs sie vollkommen damit bedeckt und von der äufsern einwirkenden 
Luft abgeschnitten sind: so quellen sie auf, der Keim wird entwickelt, 
aber er stirbt bald ab, und das Ganze geht in wenig Tagen in eine 
stinkende Jauche über. 

Ist das Samenkorn hingegen nur so weit mit Wasser in Berührung 
gebracht, dafs drei Viertheile desselben über dem Wasser hervorstehen, 
also mit der äufsern Luft Gemeinschaft haben: so wird das Wasser sehr 
bald eingesaugı, der Keim entwickelt sich nach oben, die Wurzel nach 
unten, die junge Pflanze wächst empor; sie bilder endlich Zweige und 
Blätter, kommt selbst zur Blüthe; aber sie wird nie fruchtbringend. 

So wie die junge Pilanze sich mehr ausbildet, bedarf sie eine 
Zeitlang blofs des Wassers und der Luft, um fort zu wachsen; aber der 
Wachsthum läfst nach, ‘wenn, unter einer gläsernen Glocke einge- 
schlossen, das Sauerstoffgas der darin enthaltenen. atmosphärischen 
Luft absorbirt worden ist. 

Wird jene Operation im reinen Stickstoffgas, unter einer glä- 
sernen Glocke eingeschlossen , veranstaltet, so kommt der entwickelte 
Keim nicht zur Ausbildung. ‘Wird die Operation in atmosphärischer 
Luft veranstaltet, so bleibt ihr Gehalt an Stickstoffgas unverändert; 
das Sauerstoffgas verschwindet dagegen ganz, es wird kohlenstoff- 
saures Gas erzeugt, dessen Volum genau eben so viel beträgt, als das 
des verloren gegangenen Sauerstoffgases. 


auf die Bestandtheile der Pflanzen. 61 


Es ist also keinem Zweifel unterworfen, dafs der Sauerstoff 
der atmosphärischen Luft hier als eine Potenz für die Belebung, 
dieEntwickelung und die fernere Ausbildung des Keims zur Pflanze, 
eine wichtige Rolle gespielt hat. 

Da aber in trockner Luft allein keine ‚Entwickelung des Keims 
möglich ist; da hiezu die Mitwirkung des Wassers erfordert wird; da er 
ferner auch, ohne Mitwirkung der Luft, blofs unter reinem Wasser, 
zwar entwickelt wird, von nun an aber, ohne Mitwirkung der Luft, 
sich nicht ferner zur Pflanze ausbilden kann; so folget hieraus: 1. dafs 
anfangs ein Theil des vom Samenkorn eingesaugten Wassers zerlegt 
wird; 2. dafs der Sauerstoff desselben den zureichenden Grund von 
der erstern belebten Entwickelung des Keims enthält. Ist aber der Keim 
einmal belebt und entwickelt, dann bedarf er der Mitwirkung des Sauer- 
stoffes also der Atmosphäre; und nun erst erfolgt ein Prozels der 
Respiration, der Sauerstoff wird eingesaugt und als kohlenstoff- 
saures Gas exspirirt; dagegen eine Exhalation von reinem Sauerstoff- 
gas, wie bei Pflanzen die in der Erde wachsen, hier noch nicht statt 
findet. 

Alles dieses giebt einen Beweis, dafs so wie das belebte und ent- 
wickelte Geschöpf aus dem Keim im Ei des Vogels, anfangs unter 
Mitwirkung der‘ Luft von Aufsen her, von dem Dotter des Eies ge- 
nähret wird; so auch der Keim Jdes Samenkorns seine erste Nah- 
rung aus einer dem Eidotter sehr analogen Substanz eninimmt, welche 
den Keim im Samenkorn einhüllet. 

Von nun an aber und zwar so bald als die junge Pflanze die Sa- 
menlappen verloren hat, bedarf sie organischer Materien zur Nahrung. 
In dem Mafse dafs ihre Organe ausgebildet sind, nämlich: Wurzel, 
Stamm und Blätter, treten nun in die ihnen zukommenden Funktio- 
nen ein, die zur gröfsern körperlichen Ausbildung der ganzen Ptlanze, 
so wie zur Erzeugung der Blüthe und der daraus hervorgehenden 
Frucht erfordert werden ;: wozu alle einzelne Organe derselben , unter 
Mitwirkung der mit organischen Materien (d. i. mit Humus) durch- 
drungnen Erde, des Wassers und der Atmosphäre, unter einflufs- 
reicher Thätigkeit des Lichtes und der Wärme, in Wirksamkeit ge- 
setzt werden. 


62 Herusstänn über den Einflufs der Düngungsmittel 


Es ist hier nicht meine Absicht, über dasjenige mich weiter aus- 
zulassen, »was über das Däseyn ‚der. chemischen Elemente der Pflanzen 
und‘ deren: Abstammung, durch die Herren Sennebier, Thenard, 
v.Saussüre, Schrader, Decandolle,: Woodhouse, Wahlenberg, 
Einhof, Bracconot, Brown, Chaptal, Humphry Davy und un- 
sern trefflichen Collegen. Alexander v. Humboldt, gedacht, gesagt 
und vielfälug niedergeschrieben worden ist, und wodurch sie die Grund- 
lage zu einer naturgemäfsen Physiologie der Pflanzen gelegt haben, 
deren weitere Ausbildung rasch vorschreitet. Ich halte mich vielmehr 
allen an den Hauptgegenstand: dieser Abhandlung, der im Folgenden 
bestehet: 

Versuche 
über den Einflufs der Düngungsmittel auf die Bildung 
der nähern Gemeng- und Bestandtheile 
der Getreidearten. 


Wenn ich hier von den nähern Bestandtheilen oder vielmehr 
Gemengtheilen der Pflanzen überhaupt und der Getreidearten 
insbesondere rede: so begreife ich, darunter diejenigen, sowohl in der 
Form als in den chemischen Qualitäten verschieden gearteten 
Materien, welche in den Pflanzen und deren einzelnen Zweigen, in be- 
sondern Organen derselben abgelagert gefunden werden; wie in der 
Wurzel, dem Stamm, dem Splint, der Rinde, den Blättern, 
der Frucht u.s.w. und sich, wie bei den Thieren, bei einer grofsen 
Anhäufung in ihnen entweder freiwillig daraus ergiefsen ; oder durch 
eine zweckmäfsige mechanische Zergliederung (wie das Amylon und die 
fetten Oele), oder eine chemische Zergliederung derselben (wie Gummi, 
Schleim, Kleber, Firnifs, Zucker, Harz, ätherischen Oel u.s. w.) 
daraus dargestellt werden können. 

Dafs jene Materien als Erzeugnisse des Lebens und der organischen 
Thätigkeit der Pflanzen anerkannt werden müssen, wird wohl Niemand 
leugnen! Wie solche aber gebildet werden? welchen Einflufs auf ihre 
Erzeugung die Individualität der Pflanze selbst hat? welchen Einflufs 
die ihr, in Form des Düngers, dargebotenen Nahrungsmittel dar- 


auf die Bestandtheie der Pflanzen. 03 


auf. haben? dieses sind Fragen, welche zur Zeit noch nicht mit Be- 

stimmtheit gelöset worden sind. 

In einer frühern der Akademie mitgetheilten Abhandlung (über 
den Instinkt der Pflanzen (‘)), habe ich gezeigt, dafs Pflanzen ei- 
nerlei Art, in welchem Boden sie auch gewachsen sind, der Qualität 
nach, auch immer nur einerlei Gemengtheil produeiren; dafs hingegen, 
individuell verschieden geartete Pflanzen, in einerlei Boden von gege- 
bener Grundmengung kuluvirt, in der Qualität ihrer Gemengtheile 
und Bestandtheile auch wieder eben so verschieden sind. 

Da aber die nähern Gemengtheile und Bestandtheile der 
Pflanzen, nicht als solche, aus den verschiedenen Materien aufge- 
nommen werden können, in und durch welche die Pflanze lebt und 
genährt wird; da jene Materien vielmehr in ihren elementaren Bestand- 
theilen und deren proportionellen Verhältnissen, eben so sehr von ein- 
ander abweichen, als sie, in der Form und den chemischen (Qualitäten 
von einander verschieden sind: so müssen es die eigenthümlichen ein- 
fachen Elemente seyn, welche die Pflanze, als nährende Mittel auf- 
nimmt und sie, durch den Prozefs der Assimilauion, in diejenigen Sub- 
stanzen umwandelt, welche sich als wahre Gemengtheile derselben reprä- 
sentiren. Es entstehen daher folgende Fragen: 

4. Können die nährenden Materien, welche den lebenden Pflanzen. 
in Form des Düngers, dargeboten werden, entweder ganz, oder 
in ihre einfachern Elemente aufgelöst, in die Organe der Pflan- 
zen übertreten ? 

2. Können sie zur Erzeugung der nähern Gemengtheile in den Or- 
ganen der Pflanzen beitragen ? 

3. Kann die Quantität jener Gemengtheile der Pflanze, durch die 
vermehrte Masse der zu ihrer Erzeugung geeigneten ‘Elemente, in 
der Pflanze vermehrt werden? 

4, Läfst sich aus der Erfahrung 
wie solches die Wechselwirthschaft begründet, eine und eben die- 


etwas für die Erfolge ableiten, dafs, 


selbe Getreideari, wenn sie mehrere Jahre hinter einander in dem- 


(1) Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften, aus den Jahren 


1812 und 1813. S. 107. 


Henusstäpr über den Einflufs der Düngungsmitel 


[eo 
S 


selben Boden gebauet wird, im Ertrage der Frucht mit jedem Jahr 
abnimmt; dagegen bei einem hintereinander folgenden Wechsel von 
verschiedenen Getreidearten, noch besser aber von Körner-, 
Wurzeln und Knollengewächsen, ein höherer Ertrag des Ge- 
treides erzielet wird. 

Jenes waren die Aufgaben, die.ich, durch eine Reihe von Ver- 
suchen zu lösen gesucht habe, und deren Resultate ich hier vorlege. 
Sie scheinen mir wichtig genug zu seyn, um sowohl der Pflanzen- 
Physiologie als der Agronomie einige bedeutende Aufklärungen dar- 
bieten zu können, die weiter verfolgt zu werden verdienen. 

Eine chemische  Zergliederung der, Getreidekörner, nämlich 
Weizen, Roggen und Gerste, rücksichliich ihrer nähern Gemeng- 
theile, führt stets zur Erkenntnifs vom Daseyn des Amylons, desKle- 
bers, des Pflanzeneiweifs, des Schleimzuckers, des Gummi, des 
sauren phosphorsauren Kalks, und einer geringen Menge Feutig- 
keit, die vorzüglich im Keimpunkte ihren Sitz hat. 

Während jene Materien, der Qualität nach, in allen Getreidear- 
ten ohne Unterschied vorkommen, sind solche im quantitativen Verhält- 
nils, selbst bei einer und derselben Getreideart, oft sehr verschieden ; 
und dieser Unterschied findet sich ganz besonders in der besondern Na- 
tur des Düngers begründet, welcher dem Acker zur Nahrung dargebo- 
ten wurde. 

So steigt z.B. der Gehalt des Klebers (des Tritiein’s) im Weizen 
von einerlei Art, oft von 12 bis zu 36 Procent, je nachdem derselbe 
mit der einen oder der andern Art Dünger kultivirt worden war; folg- 
lich ist der Einflufs welchen der Dünger auf die Erzeugung des Tritiein’s 
im Weizen hat, dadurch völlig aufser Zweifel gesetzt. 

Anmerkung. Der sehr achtbare französische Agronom Herr Tessier, 
hat bereits im Jahr 1791 eine Reihe von Versuchen angestellt, um 
die Wirkungen des Düngers auf die Erzeugung des Klebers 
im Weizen zu erforschen, indem er ihn mit Schaafmist, mit 
Ziegenmist, mit Pferdemist, mit Kuhmist, mit Menschen- 
koth, mit Taubenmist, mit Menschenharn, mit Rindsblut 
und mit Pflanzenerde kultivirte. Er hat aber das Versehen 
dabei begangen, dafs er die Massenverhältnisse jener Düngerarten 


auf die Bestandthelle der Pflanzen. 65 


nicht auf den Zustand der atmosphärischen Trockenheit redueirt 
und die Anwendung gleich grofser Massen derselben, im gleichen 
Zustande der Trockenheit gebraucht hat: daher die Resultate 
seiner Versuche, so interessant sie übrigens auch sind, dennoch 
keine gegründete Folgerung zulassen. 

Meine eigenen über denselben Gegenstand angestellten Versuche 
gehen von demselben Gesichtspunkte aus, den Herr Tessier vor Au- 
gen hatte; ich habe im Ganzen auch dieselben Düngerarten in Anwen- 
dung gesetzt. Um aber zu genaueren Resultaten zu gelangen, wurden sie 
sämmtlich vorher auf einen gleichen Zustand der Trockenheit gebracht, 
und für eine gegebene Fläche Ackerland auch immer nur eine gleich 
grofse Gewichtsmasse des trocknen Düngers in Anwendung gesetzt. 

Der Boden, in welchem meine Versuche angestellt wurden, ist 
sandiger Lehm. Er wurde in einzelne Beete abgetheilt, jedes zu 
hundert Quadratfufs Flächenraum. Jedes einzelne gedachter Beete wurde 
mit 25 Pfund der folgenden, auf einen gleichen Zustand der Trocken- 
heit gebrachten Düngerarten gedüngt, der Dünger unter gegraben, welches 
im October geschahe, und das so vorbereitete Land bis zum Monat Fe- 
bruar des folgenden Jahres in Ruhe gelassen. Die Düngerarten selbst 
bestanden, in 1. Schaafmist; 2. Ziegenmist; 3. Pferdemist; 
4. Kuhmist; 5. Menschenkoth; 6. Taubenmist; 7. Menschen- 
harn; 8. Rindsblut; 9. Pflanzenerde. 

Anmerkung. Die Kotharten waren rein ohne Vermengung mit Streu- 
mitteln gesammelt und in einem mit Dämpfen geheizten Trocken- 
ofen, bei einer Temperatur, die 70 Grad Reaumur nicht überstieg, 
ausgetrocknet worden; eben so die Pflanzenerde. Das Blut 
und der Harn wurden gelinde abgedünstet, und zuletzt bei der- 
selben oben genannten Temperatur, vollends ausgetrocknet. 

Im Anfang des Märzmonats wurden sämmtliche Beete aufs 
Neue umgegraben, und nun mit einerlei Art Sommerweizen, in 
Reihen, besäet. Jedes einzelne Beet erhielt 16 Loth Samenkörner zur 
Aussaat. Ein gleiches im Herbst und im Frühjahr umgegrabenes 
Beet von derselben Bodenart, wurde mit demselben Weizen besäet, ohne 
Düngung empfangen zu haben. 


Phys. Klasse 1824. i 


66 Henmsstäor über den Einflufs der Düngungsmittel 


Der Same ging auf allen Beeten gleichförmig auf, und die Aehren 
konnten von alien im Ausgang des Augusts geerntet werden. Hier 
zeigte sich aber, sowohl in der Länge und Dicke der Halme, als 
auch in der Ausbildung der Aehren so wie der Zahl der darin ent- 
haltenen Körner, ein merklicher Unterschied. 

Nach dem Ausdreschen des Ertrages von jedem einzelnen Beete, 
ergaben sich folgende Resultate. Es wurde gewonnen an Körnern: 

a) Von dem mit Schaafmist gedüngten Beete 6 Pfund; also das 
zwölfte Korn. 

6) Von dem mit Ziegenmist gedüngten, eben so. viel. 

c) Von dem mit Pferdemist gedüngten (sie wurden mit Hafer 
genährt), 5 Pfund, also das zehnte Korn. 

d) Von dem mit Kuhmist gedüngten 34 Pfund, also das siebente 
Korn. 

e) Von dem mit Menschenkoth gedüngten 7 Pfund, also das 
vierzehnte Korn. 

f) Von dem mit Taubenmist gedüngten 44 Pfund, also das 
neunte Korn. 

8) Von dem mit trocknem Menschenharn gedüngten 6 Pfund, 
also das zwölfte Korn. (Er war von Bier trinkenden Personen ge- 
sammelt.) 

h) Von dem mit trocknem Rindsblute gedüngten 7 Pfund, also 
das vierzehnte Korn. 

!) Von dem mit Pflanzenerde gedüngten (sie war aus verwese- 
tem Kartoffelkraut gewonnen), 24 Pfund, also das fünfte Korn. 

k) Von dem nicht gedüngten Boden 14 Pfund, also das dritte 
Korn. 

In Rücksicht der Vermehrung: des Körnerertrags, kommt also 
die Wirkung der gebrauchten Düngungsmittel in folgender Ordnung zu 
stehen: 4. Blut; 2. Menschenkoth; 3. Schaafmist; 4. Ziegen- 
mist; 5. Menschenharn; 6. Pferdemist; 7. Taubenmist; 8. Kuh- 
mist; 9. Pflanzenerde. 

Es kam nun darauf an, durch eine genaue Zergliederung der von 
jedem einzelnen Düngungsmittel geernieten Samenkörner zu unter- 


auf die Bestandthelle der Pflanzen. 67 


suchen, wie sich die Gemengtheile derselben ina proportionalen Ver- 
hältnifs gegen einander verhalten würden; und hier fand sich in der 
That der Unterschied über alle Mafsen auffallend. 

Die nicht wenig umständliche Zergliederung jener zehn Sorten 
des geernteien Weizens ist von mir nach derselben Meıhode veran- 
staltet worden , welche ich früher (!) mitgetheilt habe, daher ich mich 
hier darauf beziehe. 

Hier begnüge ich mich blofs, die Resultate der jetzigen Zergliede- 
rungen mitzutheilen. 

1. 5000 Gewichtstheile des mit Rindsblut kultivirten Weizens 
haben geliefert: 


Natürliche Feuchtigkeit... .... .... 215 Theile. 
Hülsensubstanz 2: 2.:-.2..2.0...s. 695 _ 
Kleber oder Tritien. ......... ea — 
Amylon eher ee 2000 _ 
Getreide-Vel ii... 2:4 200004 45 — 
IEsverlssen daR. fen EN 53 = 
Schleimzucker . .... 2.222.222 020. 94 —. 
110.2. 92 — 
Sauren phosphorsauren Kalk... ... 26 — 
Verluste en ar ee 3 — 
5000 _ 


2. 5000 Gewichtstheile des mit Menschenkoth kultivirten Wei- 
zens haben geliefert: 


Natürliche Feuchügkeit. , „a... .... 2 217 Theile. 
Hiilsensubstanzi nee 0 a ee aa 700 — 
Kleber oder Tritien. .... 2. .... 1697 — 
Amylon a... RE BER — 
Gerede een 55 — 
Iaweils verbunden. See SE 015, —_ 
Schleimzucker ....... 2... 2.2.2.0. 80 — 
Emm. re re s0 — 


(1) Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften aus den Jahren 
1816 und 1817. Berlin 1819. S. 39. w.Äf. 
I 2 


68 Hermsstäor über den Ein ufs der Düngungsmittel 


Sauren phosphorsauren Kalk era: 30 Theile. 
Verlust :. . us. zuge. vfnıker, ; 4 eur 
5000 zu 


3. 5000 Gewichtstheile des mit Schaafmist kultivirten Weizens 
haben geliefert :: 


Natürliche Feuchtigkeit... ...... ;. 214 Theile. 
Hülsensubstanz. ..... FR AR RN FRE BE 698 nn 
Kleber oder Zritiein »'. „1... „. nn 1645 Zn 
Ayla 2%. een een 2140 — 
Getreide Od. „alhan!t Sie mir aus, 54 _ 
Eiwells:. ze AB ae ee 65 — 
Schleimzucker .......:... la 75 _ 
ln BER AN ARE ee 78 —_ 
Sauren phosphorsauren Kalk ...... 36 = 
Verlust, Be ee 4 _ 
5000 _ 


4. 5000 Gewichtstheile des mit Ziegenmist kultivirren Weizens 
haben geliefert: 


Natürliche Feuchtigkeit... ........ 215 Theile. 
Hülsensubstanz.».. ..: 22 Bo 2 2: 714 — 
Kleber oder Tritiein. 222.2 222... 1644 — 
Amylony Ma. Sean ee an N — 
Getreide-Oel i:13:13202 21.80 2. Hr 45 _ 
Eesti sen ne bau laN— 
Schleimzueker ......... u... 75 -_ 
Ca N er 78 — 
Sauren phosphorsauren Kalk... .... 35 _ 
Verlust STE 2 ee ER 4 = 
5000 _ 


5. 5000 Gewichtstheile des mit Menschenharn kultivirten Wei- 
zens haben geliefert : 


Natürliche Beuchliekeit.;.» . . --: 250 Theile. 
Hülsensubstanz.. . . . 2 .., . al 7112 — 
Kleber oder Tritiein . 2 cc. 1755 — 


auf dıe Bestandtheille der Pflanzen. 69 


Getrele- OA 54. Theile. 
Pflanzen-Eiweils. :.. 22.222000. 70 — 
Schlemmzucker + ...42.43 1.2 wm 9 74 = 
Gummi ..:... a rn so 2x 
Sauren phosphorsauren Kalk ....... 40 wu 
ER 7 EN 5 — 
5000 _ 


6. 5000 Gewichtstheile des mit Pferdemist kultivirten Weizens 
haben geliefert: 


Natürliche Feuchtigkeit... ....... 217 Theile. 
Hülsensuhstanz. su... 22.2.8. oa 700 — 
Kleber oder Tritein. . 2222.22... 654 — 
USTERS IOTIIt Shen ST 5.5 aharte en Bremse 3082 — 
Getreide-Oel sin. 2 ar. 28% 50 a 
Eee N rs 56 — 
Schleimzueker % ....... 2 vu ltd S4 a 
Cm a RB —= 
Sauren phosphorsauren Kalk ... et u 
Merle ee De I 3 — 
5000 - 


- 


7. 5000 Gewichtstheile des mit Taubenmist kultivirten Weizens 
haben geliefert: 
Natürliehei Feuchtigkeit... .% 2.0. 215 Theile. 


Hülsensubstanz.; %.. .... 2.4 waeaı 700 Ben 
Kleber oder Tritien. ........... 610 — 
Mr or ah re 1 ER, 3159 — 
Betreide-Oehui 2.7.2. 2m. Alla 46 _ 
Biwells; 2.2 Se nn A: 48 = 
Schleimzucker . ... 2... . 2.2... 98 = 
Cum a in a ee 96 — 
Sauren phosphorsauren Kalk... . . 7225 — 
Merlust., SEREEN nee se 5 = 


5000 _ 


70 Hrermssträor über den Einflufs der Düngungsmittel 


s. 5000 Gewichtstheile des mit Kuhmist kultivirten Weizens 


haben geliefert: 


Natürliche Feuchtigkeit... ....... 211 Theile. 
Hülsensubstanz.= . » =. 2. ex 2.09. 697 — 
Kleber oder Trıücinz - 2 Sa. senele nee 598 — 
Amylon. &..0 20 wenns pelean 3117 — 
Getreide- Oele 2: sn en. 52 = 
Fiweils. is. ale mn «kan una len: 50 — 
Schleimzucker 2. 2 ce 99 — 
tion DEN ee eher 95 — 
Sauren phosphorsauren Kalk... .... 25 — 
’ Verlust „SA: ar ae ern are 3 ee 4 — 
5000 _ 


9, 5000 Gewichtstheile des mit Pflanzenerde kuluvirten Wei- 
zens haben geliefert: 


Natürliche, Feuchtiskeit........-: 211 Theile. 
Hiulsensubstenze se eos. 702 — 
Kleber oder Trıitiein.... - He „een 480 — 
Nylon u an een 3297 — 
Getzeide-OebR - #225 93122257 49 — 
Biweilseat yaisıaa da e Srodelc-hims 40 — 
Schleimzuckene ae en 99 — 
Gummi. era: Zee 95 — 
Sauren phosphorsauren Kalk... ... 24 au 
Vierluste en 3 = 
5000. We 


10. 5000 Gewichtstheile des in nicht gedüngtem Boden kulu- 
virten Weizens haben geliefert: 


Natürliche Feuchtigkeit. :........ 210 Theile. 
Hülsensubstanz.. . -:2a:2 22 204, 700 — 
Kleber oder Tritien. . »:::. 2.2... 460 == 
Arylon: ss SER. a 3338 _ 
Getreide-DdE . . u 2. 32 2. a 50 — 
EIWEels..: ee ee, 36 — 


auf die Bestandtheile der Pflanzen. 21 


Comet. ERS Mit. 2 RI ‚Mihenle. 

Sauren phosphorsauren Kalk ....... 18 — 

VER UISth Sfe. ne N: 3 == 
i 50007 a 


Vergleicht man die Resultate jener mit den auf eine verschiedene 
Weise kultivirten Weizenkörnern angestellten Analysen, mit Bezug- 
nahme auf den Körnerertrag, der aus immer gleichen Massen des 
ausgesäeten Weizens, durch die Anwendung verschieden gearteter Dün- 
gungsmittel , in immer gleichem Gewicht, erzielet worden ist: so wird 
man dadurch zu folgenden Schlüssen hingeleitet. 

1. Die verschiedenen Düngerarten haben einen entschiedenen Eintlufs 
auf den vermehrten Ertrag der Fruchtkörner, bei einer und 
eben derselben Getreideart. 

2. Eben diese verschiedenen Düngerarten, haben einen entschiedenen 
Einflufs auf die Erzeugung der nähern Gemengtheile der Körner; 
wie solches die Resultate der damit angestellten Analyse nach- 
weisen. 

3. Die Masse dieser nähern Gemengtheile stehet wieder im Verhält- 
nifs mit der Masse der Fruchtkörner, welche aus einem gege- 
benen G&wichte der Aussaat producirt worden sind. 

4. Die elementaren Bestandtheile der Düngerarten stehen mit 
den elementaren Bestandtheilen der producirten Fruchtkörner, 
so wie mit denen ihrer einzelnen Gemengtheile im Verbältnifs. 

Den reichsten Ertrag an Körnern haben geliefert: 1. der Men- 
schenkoth; 2. das Blut. Einen geringern Ertrag an Fruchtkörnern 
haben geliefert: 1. der Schaafmist; 2. der Ziegenmist; 3. der 
Menschenharn. Einen noch geringern Ertrag haben geliefert: 1. der 
Pferdemist; 2. der Taubenmist; nämlich, jener das zehnte, der 
Letztere das neunte Korn. Einen noch geringern Ertrag hat gelie- 
fert die Pflanzenerde, nämlich nur das fünfte Korn. Den aller- 
geringsten Ertrag hat endlich der nicht gedüngte Boden geliefert, 
nämlich nur das dritte Korn. 

Die Hauptbestandtheile im Weizen bleiben immer der Kleber 
oder das 7’ritiein, und das Amylon. Jener ist rein animalischer. 
das Letztere rein vegetabilischer Natur. 


Herusstänr über den Einflujs der Düngungsmittel 


—I 
W 


Nun haben geliefert 5000 Gewichtstheile Weizenkörner, an 
Kleber oder Triticın : : 
gedüngt mil Menschenkoth . . . . 1697 oder 33,14 Procent. 


2 > Bondsblur-. ...%) ©. „4712 = 321,17 — 
- -j. Schaafmist «se 4 1,1645, 15-132, sl 
- -- Ziegenmist.. = + »..) 1644. - 132,88 :;,— 
- - Menschenharn:;. .. 1755 , -: 35,10, — 
< -:, Pferdekotki.r 1:4 4b 084,5- „413,687. 
- -, Taubenmist!..... 4.1040, -14:12,20: _— 
= - Kuhmistians. wuste 3098 = 4196 
- - Pflanzenerde. .... 480 - . 9,60. — 
Kultivirt mit nicht gedüngter Erde 460 - 9,20 — 


Desgleichen haben geliefert an Amylon, 5000 Gewichtstheile 
Weizenkörner: 
gedüngt mit Menschenkoth. . . . 2072 oder 41,44 Procent. 


- = yRandsbllub,sch =: 2065 - 41,30. — 
_ - Schaafmist. D4A0 ==. 42,80 
- + Ziegenmistw ae 7..2421ı da, 43: ul 
- - Menschenharn... . 199 - 3990 — 
- so; Pferdemist. . :....3082:u - 2:01,04. — 
- aber ln 63,18. 1 — 
- rt Kwhmüsit+ such unlser AT, 02, 
- =, Pflanzenerde..:.'...:-.,3297:.-5:05,94., — 
Kultivirt ohne Dünger. ..... . 3333 - 66,69 . — 


Es ist aber der Kleber oder das Tritiein zusammengesetzt aus 
Kohlenstoff, Stickstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Phos- 
phor, als seinen chemischen Elementen; und in der That finden sich 
eben diese Elemente in denjenigen Düngerarten am meisten angehäufet, 
welche in einem gegebenen Gewicht der Körner, auch die gröfste 
Ausbeute an Kleber oder Tritiein geliefert haben; es ist also offen- 
bar, dafs jene Elemente, zur Erzeugung des genannten Gemengtheils 
im Weizen, aus dem angewendeten Dün gungsmittel eninommen 
worden sind. 

Das reine Amylon enthält weder Stickstoff noch Phosphor 
unter seinen elementaren Bestandtheilen ; diese sind blofs Kohlenstoff, 


auf dıe Bestandthelle der Pflanzen. 73 


Wasserstoff und Sauerstoff; sie müssen also gleichfalls aus den 
zur Kultur angewendeten Düngungsmitieln entnommen worden seyn. 
Die Ausbeute an Amylon, aus gleichen Gewichten der mit verschie- 
denen Düngungsmitteln kultivirten Körner, stehet aber wieder im Ver- 
hältnifs mit der mehr vegetabilischen und weniger animalischen 
Natur der dazu gebrauchten Düngerarten. 

Es ist also wohl keinem Zweifel unterworfen, dafs die Grund- 
mischung des Weizens, und, sowohl sein Gehalt an Kleber als an 
Am ylon, beide nach dem proportonalen Verhältnifs betrachtet, durch 
die specifische Natur und Grundmischung des Düngers, womit sie 
kultvirt worden, geleitet wird; auch ist es einleuchtend, dafs ein gleicher 
Erfolg bei allen übrigen Getreidearten statt finden mufs. 

Ist jenes aber in der Wahrheit begründet, so sind jene aus der 
Erfahrung entnommenen Resultate, so für die Pflanzen-Physiologie, 
wie für die Agronomie, von Bedeutung, denn es wird dadurch ein 
Problem gelöst, das bisher ganz im Dunkeln schwebte. 

Es ist nämlich bekannt, dafs eine und eben dieselbe Arı Weizen, 
in einerlei Art Erdreich gebauet, ein sehr verschiedenes Korn dar- 
bietet: d.i. welches in seiner Grundmischung und den davon abhängi- 
gen Leistungen in den mit der Agronomie in Relation stehenden tech- 
nischen Gewerben, sich sehr verschieden beweiset. 

So giebt es manchen Weizen einerlei Art, aber mit verschie- 
den gearteten Düngungsmitteln kuluvirt, der bald mehr, bald we- 
niger Ausbeute an Amylon, an Brantwein, an kraftvollem 
Bier und an Essig darbietet, wenn er auf jene Gegenstände, in den 
ökonomisch-technischen Gewerben, verarbeitet wird. 

Da aber Brantwein, Bier und Essig nur allein aus dem 
Amylon gebildet werden; da der Kleber zu deren Erzeugung nichts 
beiträgt: so mufs auch die Ausbeute der genannten Erzeugnisse mit dem 
Gehalte des Amylons im Weizen (eben sowohl auch in den übrigen 
Getreidearten), im Verhältnifs stehen. 

Anders dagegen verhält es sich mit dem Brote, zu welchem das 
Mehl des Weizens verarbeitet wird. Dieses ist um so kraftvoller 
und nährender, je reichhaltiger das Mehl an Kleber und je ärmer 
dasselbe an Amylon war. 

Phys. Klasse 1824. K 


TA Hermsstäor über den Einflufs der Diüngungsmittel u.s.w. 


Die aus den oben mitgetheilten Resultaten meiner angestellten und 
beschriebenen Versuche und dadurch gemachten Erfahrungen, machen es 
sehr wahrscheinlich, dafs in der Wahl des Düngers dem Agronomen 
die Mittel zu Gebote stehen, den Gehalt des Klebers und des Amylons 
in den Getreidearten, nach Willkühr zu reguliren, um die specifische 
Anwendbarkeit desselben für das eine oder das andere ökonomisch - tech- 


nische Gewerbe, das derselben bedarf, näher zu begründen. 


te 


Ueber 
die Grundlehren der Akustik. 


VW Von 
2.8 1,S.C HB ;R. 


arnannannannnnn 


[Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 17. und 24. Juny, und 15. July 1824.] 


Einleitung. 


Wen die Theorie der Akustik in der vollkommensten Strenge ausge- 
führt werden soll, so kann dieses nur durch Hülfe der höhern Mecha- 
nik geschehen: denn die Öscillationen durch welche der Schall entsteht, 
sind eine der allerfeinsten und verwickeltesien Arten von Bewegungen, 
wobei die bewegten Punkte der Materie ihren Ort nur unermefslich 
wenig verändern, diese Bewegungen selbst aber von Stelle zu Stelle in 
dem Innern der Materie forıschreiten, und sich daselbst auf die man- 
nigfaltigste Art durchkreuzen, verbinden und trennen. Wie schwierig 
diese Theorie sei, geht schon daraus hervor, dafs die gröfsten Analytiker 
des verflossenen Jahrhunderts mit eifersüchüger Anstrengung versucht 
haben, die wichugsten Probleme aufzulösen, und man dennoch nicht 
sagen kann, dafs es ihnen gelungen sei, uns eine vollendete Grundlage 
der Theorie zu geben. 

Newton, der zu allen Untersuchungen der höheren Bewegungs- 
lehre den ersten festen Grund gelegt hat, untersuchte zuerst die Oscil- 
lationen der Luft; Taylor zunächst nach ihm, die einer gespannten 
Saite. Ihre Schlüsse und Rechnungen wurden mit grolser Strenge ge- 
prüft, von den beiden Bernoulli, Johann und Daniel, von L. Euler, 
von d’Alembert, von Lagrange und Andern, und dieses nicht ohne 


fo) 


Eifersucht gegen die ersten Erfinder, und. gegenseitig unter einander. 


Das Ergebnifs dieser Prüfungen war, dafs sich zwar gegen die Voraus- 
K2 


76 FıscHERr 


setzungen, die Newton und Taylor gemacht hatten, gegründete Erinne- 
rungen machen liefsen , dafs man aber ihren Hauptformeln durchaus 
keinen Fehler nachweisen konnte. 

Diese Anstrengungen sind für die höhere Analysis und Mecha- 
nik eine Quelle schr wichtiger Erweiterungen geworden. Die Akustik 
selbst aber hat dadurch nicht sowohl neue Ansichten, als gröfsere Be- 
suimmtheit und Sicherheit in ihren Erklärungen gewonnen: denn die- 
jenigen Eigenschaften der Oscillauonen, von denen der Schall abhängt, 
waren schon vor der Rechnung, den Physikern unmittelbar aus Be- 
 trachtung der akustischen Erscheinungen bekannt. 

Man wuiste vor Newton und Taylor, dafs die Empfindung des 
Schalles durch Öseillationen der Luft entstehe, und dafs diese meistens 
durch Oscillationen fester Körper erregt werden; dafs die Luft in Blas- 
Instrumenten Longitudinal-Oseillationen mache; dafs alle diese Öscilla- 
tionen vollkommen gleichzeiug, und ihre Schläge ungemein schnell seyn 


9? 
müssen, wenn die Empfindung eines Tones entstehen soll; und dafs die 


Höhe des Tones von der bestimmten Anzahl der Öscillations - Schläge 
in einer Sekunde abhänge. Man kannte ferner den Zusammenhang der 
musikalischen Intervalle mit der Schnelligkeit der Oscillationen, und 
Sauveur hatte schon vor Taylor auf eine sehr sinnreiche Art versucht, 
die Anzahl der Öscillationen, die ein Ton von bestimmter Höhe er- 


fordert, durch Beobachtung zweier Orgelpfeifen, die beinahe densel- 


5 
ben Ton gaben, zu bestimmen. In Rücksicht aller dieser Gegenstände 
gewann aber die Akusuk durch die mathematische Theorie nicht 
neue Wahrheiten und vergröfserten Umfang, sondern nur gröfsere Be- 
summtheit und Evidenz. Was sie durch die mathematische Theorie ge- 
wann, war hauptsächlich die bestimmte Kenntnifs der Gesetze, nach 
welchen die Höhe des Tones von der Gröfse und Masse und von der 
Spannung oder Elastieität der oscillirenden Theile abhängt. Die ent- 
scheidensten Untersuchungen verdanken wir dem Scharfsinn des trefl- 
lichen Lagrange, der so wie mehrere der genannten berühmten Männer, 
einst eine Zierde unserer Akademie war. Er zeigte in seinen höchst 


scharfsinnigen Recherches sur la propagation du son ('), worin Newton, 


(1) Miscellanea Taurinensia, Tom.1 et 11. 


über die Grundlehren der Akustik. HT, 


Taylor, und alle seine Vorgänger gefehlt hatten, und wie die Untersuchung 
anzugreifen sei, um nicht nur fehlerfreie Resultate zu erhalten, sondern 
auch allen Foderungen der strengsten Methode Genüge zu leisten. 

Demohngeachtet kann man nicht sagen, dafs Lagrange eine voll- 
ständige Theorie der Osecillationen geliefert habe. Noch ist mehr als 
ein Problem rückständig, dessen Auflösung man von den Fortschritten 
der Analysis und höhern Mechanik erwarten mufs. Dahin gebört die 
Berechnung der Öscillauionen ganzer Flächen, desgleichen die Theorie des 
Ueberganges der Oscillationen aus einer Materie in eine anderarüge. In 
Ansehung dieses letztern Problems scheinen die genannten grofsen Män- 
ner noch gar nicht auf die Nothwendigkeit dieser Theorie aufmerksam 
geworden zu seyn, denn alle von Newton bis auf Lagrange, betrachten 
immer nur die Oscillationen in so fern sie in einem und demselben 
Mittel statt finden; erwähnen aber des Ueberganges aus einem Mittel 
in das andere, entweder gar nicht, oder so als ob derselbe gar kei- 
ner eigenen Theorie bedürfe. Wir werden aber sehen, dafs man ohne 
eine genauere Kenntnifs der Gesetze dieses Ueberganges von den mei- 
sten akustischen Erscheinungen gar keine befriedigende Erklärung geben 
könne (!). 

Die genannten Analytiker haben also in der höhern Mechanik noch 
eine grofse Lücke auszufüllen übrig gelassen; nämlich die Entwicklung 
der Gesetze nach welchen körperlich sich berührende Punkte bewe- 
gend auf einander wirken, wenn sie sich im Zustande einer ge- 
genseitigen Spannung befinden. Die bekannten Gesetze des An- 
stofses setzen eine solche Spannung nicht voraus; der Erfolg nach die- 
sen Gesetzen kann also auch eigentlich nur dann vollkommen statt fin- 
den, wenn die sıch berührenden Körper als frei, also in einem von al- 


ler widerstehenden Materie leeren Raum angenommen werden. Und 


(1) Einige neuere Analytiker in England und Frankreich, besonders Fresnel und 
Poisson scheinen in der That die Theorie bedeutend weiter geführt zu haben; doch 
nicht in Beziehung auf den Schall, sondern auf das Licht. Aber die Verhältnisse des Ver- 
fassers haben ihm noch nicht erlaubt, sich mit diesen Arbeiten genau bekannt zu machen ; 
welches indessen für die gegenwärtige Abhandlung nicht nothwendig schien, da diese 
mehr den Zweck hat zu zeigen, was die Beobachtung, als was die Rechnung über die Ge- 


setze der Oscillationen lehre. 


Rı.1S e- BER 


4 


Rn 


[® 


für diese Voraussetzung hat man in der That die Theorie der Bewegun- 
gen zu einem völlig befriedigenden Grad der Vollendung gebracht. Für 
die Bewegungen im Zustande der Spannung aber, sind die oben er- 
wähnten scharfsinnigen Untersuchungen über die Öseillationen in gleich- 
artigen Mitteln ein sehr schätzenswerther Anfang, aber in der That 
auch nur ein Anfang, der die Möglichkeit einer vollständigen Ausfüh- 
rung anschaulich macht, die aber in der That nichts weniger als leicht 
seyn dürfte. Nothwendig ist aber solche Ausführung: denn alle Bewe- 
gungen innerhalb des Raumes wo wir leben, geschehen zwischen kör- 
perlichen Theilen, die sich im Zustande einer gegenseitigen Spannung 


5 
berühren. Und eben darin dürfte vielleicht der eigentliche Grund lie- 
gen, warum die geprüftesten Formeln der Mechanik dennoch oft so 
sonderbar von der Wirklichkeit abweichen, wie z. B. Newtons Formel 
für die Geschwindigkeit des Schalles. 

Selbst die Idee einer allgemeinen Spannung, in welcher sich 
alle körperliche Punkte nicht nur im Innern der Körper, sondern auch 
in der Oberfläche, wo sich ungleichartige Materien berühren, beiinden, 
(der Aggregatzustand beider sey wie man will), gehört zu den Ideen, die 
eine sehr feine Analyse aller Erscheinungen vorausseizen, und daher 
erst nach und nach zum deutlichen Bewufsiseyn in dem menschlichen 
Vorstellungsvermögen gelangen können. 

Häue ich auch in den Jahren des kraftvollen männlichen Alters 
zu meinen Kräften das Vertrauen haben dürfen, die Auflösung so schwie- 
riger Aufgaben zu versuchen, so war dieses doch unmöglich in den Ver- 
hältnissen nicht nur eines Schulmannes, sondern überhaupt eines ander- 
weitig beschäftigten Gelehrten: denn Untersuchungen dieser Art erfor- 
dern nicht Wochen und Monate, sondern Jahre einer ungestörten wis- 
senschaftlichen Mufse. 

Unausweichlich gezwungen, auf ein höheres Ziel, was mir vor- 
schwebt, zu verzichten, habe ich mir ein näheres leichter erreichbares 
gewählt. Der vollständigen mathematischen Theorie eilt gewöhnlich 
eine empirische, d. i. unmittelbar aus den Erscheinungen abgeleitete 
voraus. Kepler entdeckte die Hauptgesetze, unter welchen die Bewe- 
gungen der Planeten stehen, durch eine sehr mühsame Entzifferung aus 
ihrem scheinbaren Lauf, ehe Newton diese Gesetze auf die ersten Grund- 


über die Grundlehren der Akustik. 79 


begriffe von der Bewegung zurückführte. Eben so kannte man die ' 
Hauptgesetze der akustischen Oseillatonen aus unmittelbarer Beachtung 
der Erscheinungen früher, als die genannten Analyuker ihre rationale 
Theorie erfanden. Ja man kann behaupten, dafs den rein mathema- 
tischen Theorien physikalischer Erscheinungen allezeit eine blofs auf 
Erfahrungen beruhende vorausgehen müsse, wenn Mathematik und 
Physik Schritt halten, und in gleichem Grade zur Vollkommenheit reifen 
sollen. Es läfst sich erweisen, dafs die wichügsten Erweiterungen, welche 
die Mathematik, besonders in dem verflossenen Jahrhundert, in dem Ge- 
biete der höhern Analysis und Mechanik erhalten hat, fast ohne Aus- 
nahme veranlafst sind durch Probleme, weiche die Naturlehre aufstellte. 
Mathematische Theorien, die nicht diesen Ursprung haben, und welche 
nicht etwa blofs zur Vervollkommnung schon begründeter Theorien die- 
nen, sondern als ganz neue und isolirte Erzeugnisse im Gebiete der Ma- 
thematik da stehen, haben als blofse Wahrheiten einen unbestrittenen 
Werth, aber wichtig und fruchtbar werden sie erst dann, wenn sich 
gleichsam zufällig, eine Art von Naturerscheinungen an sie anschliefst. 
So war bisher die Theorie der regulären Körper eine rein mathema- 
tische Speculation, und hatte als Wahrheit ihren unbestrittenen Werth; 
aber durch die Entdeckungen, die neuerlich über die Structur der Kry- 
stalle gemacht worden, hat sie offenbar an Wichtigkeit und Fruchtbar- 
keit ungemein gewonnen. Je mehr aufzulösende Aufgaben also die Na- 
turlehre der Mathematik vorlegt, desto mehr fruchtbare Erweiterungen 
der mathematischen Theorien darf man erwarten. Soll aber dieser 
Zweck sicher erreicht werden, so mufs die Naturlehre ihren Aufgaben 
die gröfste Bestimmtheit zu geben suchen. Geschieht dieses nicht, so 
wird der Mathematiker mit allem Scharfsinn, den er anwendet, dennoch 
keine vollständigen und erschöpfenden Theorien zu Stande bringen. So 
fand Lagrange die Probleme der Akustik noch nicht vollständig von den 
Physikern aufgestellt, und um etwas bestimmtes zu erwähnen, so ist 
selbst jetzt noch der Begriff der Resonanz nicht scharf genug bestimmt: 
denn man schreibt der Resonanz Erscheinungen zu, die gar nichts mit 
ihr gemein haben. Es ist daher kein Wunder, dafs Lagrange und noch 
weniger seine Vorgänger eine vollständige, d.i. auf alle Fälle anwend- 
bare Theorie geben konnten. Es ergiebt sich hieraus sehr bestimmt, was 


s0 FıscHEr 


das Hauptgeschäft des Naturforschers sey, und seyn müsse. Er mufs 
die Gesetze der Erscheinungen aus den Erscheinungen selbst 
so genau als möglich zu bestimmen suchen. Er kann dabei 
der Hülfe der Mathematik nicht entbehren; doch ist es mehr der Geist 
mathematischer Ordnung, Deutlichkeit und Genauigkeit, als die Kennt- 
nifs der höhern Rechnungen. Denn in der That sind gegenwärtig Ma- 
thematik und Physik so überaus weitläufug geworden, dafs in einem 
Kopfe nicht Umfang genug für beide Wissenschaften ist, d.h. es ist 
eben so unmöglich, dafs der Physiker ein vollendeter Mathematiker, als 
dieser ein vollendeter Physiker sey. Arbeitet aber der Physiker dem Ma- 
thetiker auf die angedeutete Art vor, so ist sichtbar, dafs beide Wis- 
senschaften gewinnen werden. 

Ich habe versucht, dieses in Ansehung der Akustik zu leisten, 
indem ich ıheils für die Fälle, die schon als theoretisch feststehend an- 
zusehen sind, theils für die, wo die Theorie noch mangelhaft ist, die 
Haupterscheinungen und die Gesetze derselben, so fern sie empirisch 
erkennbar sind, auf deutliche Begriffe zu bringen gesucht habe. Hiemit 
ist der Zweck und Inhalt der gegenwärtigen Abhandlung ausgesprochen; 
wobei ich nur um gefällige Nachsicht bitten mufs, wenn ich, um Deut- 
lichkeit und Ueberzeugung zu bewirken, manches Bekannte nicht mit 
Stullschweigen übergehen kann, wobei ich mich indessen aller Kürze, 


welche nur der Zweck zuläfst, befleissigen werde. 


Von Oscillationen überhaupt. 


S.1. Oscillationen nenne ich diejenige Art von pendelartigen 
Schwingungen oder Vibrationen, welche innerhalb so enger Grenzen, 
die ich die Oscillations- Weite nenne, geschehen, dafs sie sich in 
den meisten Fällen der unmittelbaren Wahrnehmung entziehen, ja in 
manchen Fällen, im eigentlichsten Sinne des Wortes, unendlichklein 
seyn dürften. Da aber alle wissenschafilichen Forschungen, wenn sie 
gründlich seyn sollen, von ganz bestimmten und möglichst deutlichen 
Grundbegriffen ausgehen müssen, so ist nothwendig, zuerst einiges All- 
gemeine über diejenigen Eigenschaften aller körperlichen Materien vor- 
aus zu schicken, wodurch Öscillationen möglich werden. 


über die Grundlehren der Akustik. si 


$.2. Die Möglichkeit oseillirender Bewegungen beruhet darauf, 
dafs alle Theile der uns umgebenden körperlichen Materie sich in dem 
Zustande einer gegenseitigen Spannung befinden, vermöge deren die 
relative Ruhe der Theile gegeneinander, nicht daher rührt, weil keine 
Kraft auf sie wirke, sondern daher, weil jeder Theil nach allen Seiten 
gezogen oder getrieben wird, durch Kräfte, die sich gegenseitig ins 
Gleichgewicht gesetzı haben. Eine solche Spannung findet nicht nur 
in dem Innern eines jeden gleichartigen Körpers ohne Ausnahme statt, 
sondern sie entsteht nothwendig auch bei der äufsern Berührung un- 
gleichartiger Materien, also mit einem Wort überall in der uns umge- 
benden Körperwelt. Man pflegt diese Spannung ziemlich allgemein 
Elastieität zu nennen; gegen welchen Ausdruck nichts zu sagen ist, 
wenn dadurch blofs die Thatsache einer allgemein vorhandenen Span- 
nung bezeichnet werden soll. Als Benennung einer Kraft aber, die 
nach bestimmten allgemeinen Gesetzen wirke, ist die Benennung zu un- 
bestimmt; denn es läfst sich leicht sichtbar machen, dafs diese Spannung 
von mehreren unterschiedenen Kräften herrühre, und dafs sich beson- 
ders die verschiedenen Aggregatzustände der Körper in dieser Rücksicht 
unläugbar und unzweideutig von einander unterscheiden. 

$.3. Bei lufiförmigen Körpern liegen die Kräfte, welche eine 
Spannung aller Theile hervorbringen, am deutlichsten vor Augen. Sie 
ist die Folge einerseits von der Expansivkraft der Luft, andererseits 
aber von einem blofsen äufsern Drucke; im Freien von dem Ge- 
wicht der überstehenden Luft; in geschlossenen Gefäfsen, von der Co- 
häsionskraft der sperrenden Wände. Dieser äufsere Druck ist gewöhn- 
lich von einer beständigen Gröfse; die Gesetze der Expansivkraft aber 
sind hinlänglich bekannt. Sie verhält sich bei gleicher Temperatur wie 
die Dichtigkeit, und bei gleicher Dichtigkeit wie die Temperatur nach 
dem Luft-Thermometer. 

$.4. Bei ıwropfbaren Körpern ist schon das Spiel der thätigen 
Kräfte nicht so einfach; ja man mufs bei ihnen eine doppelte Art 
der Spannung unterscheiden. Die eine hängt ab einerseits von der 
Schwere, deren Druck sich durch alle Theile der Flüssigkeit verbreitet, 
andererseits von dem Widerstand der unten und seitwärts sperrenden 
Wände. Sie besteht also eigentlich in nichts, als in dem hydrosta- 

Phys. Klasse 1824, L 


82 Fısceuer 


uschen Gleichgewicht. Von einer freien Expansivkraft zeigt sich bei 
tropfbaren Flüssigkeiten keine Spur. 

Dagegen ist man genöthigt, bei jeder solcher Flüssigkeit noch das 
Daseyn einer eigenen Spannung anzuerkennen, die lediglich von dem 
Daseyn einer innern zwischen den Theilen herrschenden Attractiv- und 
Repulsivkraft herrührt, deren Gesetze eigentlich noch gar nicht unter- 
sucht sind, und vor der Hand nur nach Analogien antieipirt werden 
müssen. Wäre es auch nicht jn neuern Zeiten durch Perkin’s directe 
Versuche erwiesen, dafs Wasser durch mechanische Kraft ein wenig 
zusammengedrückt werde, und wenn der Druck nachläfst, wieder zu 
seiner ersten Dichtigkeit zurück kehre, so müfste man doch das Daseyn 
solcher Eigenschaft schon deswegen einräumen, weil man sonst gar kei- 
nen deutlichen Grund angeben könnte, warum sich jeder Druck durch 
eine Flüssigkeit, nicht blofs in der Richtung des Druckes, söndern nach 
allen Seiten in gleicher Stärke fortpflanze. Auch giebt es eine Menge 
anderer Erscheinungen, welche diese Voraussetzung zu machen nöthigen, 
und besonders würde man schwerlich ohne dieselbe die Entstehung 
akustischer Oscillationen im Wasser begreiflich machen können, deren 
Daseyn doch nicht bezweifelt werden kann. 

$.5. Elasticität oder Federkraft im engeren Sinne des Wor- 
tes findet nur bei festen Körpern statt, ist aber eine allgemeine Eigen- 
schaft derselben. Feste Körper zeigen keine Spur von einer freien Ex- 
pansivkraft oder Contractivkraft, noch von einer solchen Beweglichkeit 
der Theile, wie wir sie bei flüssigen Körpern finden, sondern im Ge- 
gentheil ein Bestreben, in einem gewissen Zustand zu beharren. Doch 
können durch Drücken, Ziehen, Beugen oder Drehen einzelne Theile 
ein wenig aus ihrer natürlichen Lage gebracht werden; aber alsdann 
zeigen die Theile jederzeit das Bestreben in ihren ersten Zustand zu- 
rückzukehren, sobald die störende Kraft nachläfst. Ist diese störende 
Kraft nur schwach, so geschieht die Wiederherstellung des ersten Zu- 
standes vollständig. Ueberschreitet diese Kraft eine gewisse Gröfse, so 
zeigt sich zwar auch jetzt noch das Bestreben den ersten Zustand her- 
zustellen, aber die Herstellung erfolgt unvollständig. Jenes nennt man 
die Wirkung einer vollkommenen, dieses einer unvollkommenen 


Elasticität. Beide finden bei jedem festen Körper statt, nur sind die 


über die Grundlehren der Akustk. 


[e'e) 
[u 


Gränzen beider sehr verschieden, und bei Körpern die man gewöhnlich 
unelastisch nennt, sind sie schr enge. Man würde sich aber von der 
Elasticität harter Körper eine unrichtige Vorstellung machen, wenn man 
annehmen wollte, dafs ihre Theile nur einem starken Druck nachgäben. 
Man ist vielmehr genöthigt anzunehmen, dafs der leiseste Druck, an der 
berührten Stelle einige wiewohl unermefslich kleine Zusammendrückung 
hervorbringe. 

8. 6. Die Elastieität gehört unstreitig zu den eigenthümlichen W ir- 
kungen der Cohäsionskraft. Aber die Gesetze ihrer Wirkungen 
dürften wohl, wie ich glaube, Stoff zu manchen sehr wichtigen Unter- 
suchungen geben. Doch hat sich aus einer Menge angestellter Versuche 
ein allgemeines Gesetz ergeben, welches in den Gränzen der vollkom- 
menen Elasticität, entweder genau, oder mit einer grofsen Annährung 
richüg ist. Es sei „/ Fig. 1. ein Punkt eines festen Körpers, und er sei 
durch Druck oder Zug, durch Beugen oder Drehen, aus der Stelle 4 
in 3 gebracht. Hat die Kraft die Gränze der vollkommenen Elasticität 
nicht überschritten, so strebt der Punkt nach / zurück mit einer 
Kraft, welche der Entfernung 34 proportional ist. So ver- 
hielt es sich wenigstens bei gespannten Saiten. 

Aber die neuern Entdeckungen über die Structur der Krystalle 
deuten auf höchst merkwürdige Eigenthümlichkeiten der Cohäsionskraft, 
deren Gesetze aber vor jetzt noch in ein ziemlich tiefes Dunkel gehüllt 
sind, deren Enthüllung aber der höhern Mechanik ein ganz neues Feld 
eröffnen dürfte. Diese Entdeckungen setzen es nämlich ausser Zweifel, 
dafs der Purkt 4, er sei im Innern, oder an der Oberfläche eines festen 
Körpers, nicht in allen Richtungen mit gleicher Kraft gezogen wird, 
und ziehet. Daher wird er auch, wenn er aus 4 nach 3 getrieben ist, 
nicht in allen Fällen mit gleicher Kraft zurückgetrieben. Ob diese 
Kraft nun unter allen Umständen, wenn der Punkt von 3 nach A zu- 
rückkehrt, wie die Entfernung von 4 abnehme, ist wahrscheinlich, aber 
nicht unmittelbar deutlich, und würde erst nach den Grundsätzen der 
höhern Bewegungslehre auszumitteln seyn. Aber der Mathematiker wird 
sich immer nur auf Hypothesen stützen müssen, so lange sich der Na- 
turforscher der Gesetze dieser Kräfte die nur in der Berührung wirken, 

2 


84 Fischer 


und in verschiedenen Richtungen ungleiche Spannung hervorbringen, 
noch nicht vollständig bemächuügt hat. 

SET. Dadurch dafs die Gesetze der Expansivkraft der Luft, und 
der Elasticität gespannter Saiten hinlänglich bekannt sind, ist es möglich 
geworden, zwei Grundprobleme der Akustik, die Öscillationen der Luft 
und gespannter Saiten der Rechnung zu unterwerfen, und ihre Gesetze 
mit mathematischer Genauigkeit zu bestimmen. 

Ich setze Jdiese Theorie als bekannt voraus, und bemerke blofs zur 
Verständlichkeit alles folgenden, dafs wenn Oscillationen entstehen sollen, 
unmittelbar nicht der ganze Körper, sondern nur einzelne Theile dessel- 
ben in Bewegung gesetzt werden müssen. Denn ein Stofs, der gegen ei- 
nen Theil eines Körpers gerichtet ist, wirkt immer unmittelbar nur auf 
diesen Theil, und theilt sich erst nach und nach der übrigen Masse mit. 
Daher bewirkt nicht nur bei der Luft, sondern bei jedem Körper, ein 
Stofs, der irgend einen Theil um eine äufserst geringe Weite aus seiner 
natürlichen Lage bringt, allezeit eine Verdichtung der Masse an der 
Stelle wohin ein Punkt derselben getrieben wird, welche in jedem Fall 
dadurch in eine erhöhte Spannung versetzt wird, aus welcher das Be- 
streben entsteht, in die erste Stelle zurückzukehren. 

$. 8. Es sei nun wieder 4 Fig. 1. ein aus seiner natürlichen Lage 
nach 3, innerhalb der Grenzen der vollkommenen Elastieität verrückter 
Punkt, so sieht man leicht ein, dafs er mit zunehmender Geschwin- 
digkeit, aber mit abnehmender Beschleunigung, nach 4 zurück- 
kehren wird, (die Beschleunigung in jedem Punkte D sei dem Abstand 
von 47 proportional oder nicht). In 4 ist daher die Beschleunigung 
Null, die Geschwindigkeit aber ein Maximum. Daher kann er in 4 
nicht stllsiehen, und wäre seine Bewegung frei, so würde er bis C 
gehen (wenn {0 = AB), und alsdann fortfahren zwischen 3 und C wie 
ein Pendel hin und her zu schlagen. Aber seine Bewegung ist nicht 
frei. Denn wegen des Zusammenhanges mit der übrigen Masse, kann 
er nicht oscilliren, ohne die ihn berührenden Theile mit fortzudrücken 
und zu ziehen. Soviel Bewegung er aber anderen Punkten mittheilt, 
eben soviel verliert er an seiner eigenen. Die zweite Hälfte des Weges 
den er durchläuft, ist also kürzer als die erste, und indem er von C 


über die Grundlehren der Akustik. 85 


gegen A zurückschlägt, so wird er sich auf der ersten Seite noch we- 
niger von 7 entfernen. Kurz, er wird in den allermeisten Fällen, nach 
sehr wenigen Öscillationen, wie man an jeder Qlaviersaite sieht, wieder 
zur Ruhe kommen, wofern nicht die bewegende Kraft, wie bei dem 
Streichen mit einem Bogen, immer fortwirkt. 

8.9. Es ist aber theoretisch erwiesen, und durch die Beobach- 
tung vollkommen bestätigt, dafs die Dauer einer Oscillation von der 
Gröfse der Oscillauonsweite unabhängig ist, so dafs alle Oscillationen 
desselben Punktes vollkommen gleichzeitig sind, er mag zwischen 2 
und C, oder nur zwischen D und Z oscilliren. Wenigstens verhält es 
sich so, wenn der oscillirende Punkt nicht über eine gewisse Gränze 
aus seiner natürlichen Lage herausgetrieben wird. Da ich als bekannt 
und ausgemacht voraussetze, dafs die Höhe eines Tones lediglich von 
der Dauer seiner Öscillaionen abhängt, so kann man sich auf die ein- 
fachste Art von der Gleichzeitigkeit der Oscillaionen überzeugen, wenn 
man den Ton einer Saite oder einer Stmmgabel verklingen läfst, wo 
man nicht die allergeringste Veränderung in der Höhe des Tones wahr- 
nehmen wird. 


Unterschied zwischen ursprünglichen und mitgetheilten 
Oscillationen. 


8.10. Ursprünglich nenne ich eine Öscillation, wenn ein ein- 
zelner Punkt irgend eines Körpers durch einen äufsern Druck oder 
Zug, in oscillirende Bewegung gesetzt wird. Mitgetheilt nenne ich 
sie, wenn ein ruhender Punkt durch unmittelbare Berührung eines schon 
oscillirenden, mit zu oscilliren genöthigt wird, wobei es weiter keinen 
Unterschied macht, ob der mittheilende Punkt ursprünglich, oder selbst 
schon durch Mittheilung oseillirt. 

Es ist nicht schwer einzusehen, dafs mitgetheilte Öscillationen an 
sich keine andere Gesetze befolgen können, als ursprüngliche. Denn 
wenn ein Punkt deswegen oscillirt, weil ein anderer, der durch Berüh- 
rung und Spannung mit ihm verbunden ist, oscillirt, so mufs die Be- 
wegung desselben genau in dem Maafse zu- und abnehmen, wie die des 
mittheilenden. Nur in der Vibrationsweite kann, wie wir in der Folge 


86 F, IssuchHrEıR 


sehen werden, zwar eine, aber nur im eigentlichsten Sinne unendlich 
kleine Veränderung vorgehen. 

Demohngeachtet halte ich die schärfste Auffassung des Unterschie- 
des zwischen ursprünglichen und mitgetheilten Oscillauionen für so wich- 
tig, dafs man ohne dieselbe schwerlich zu deutlichen Begriffen und Er- 
klärungen über akustische Erscheinungen gelangen wird. Denn wir wer- 
den uns in der Folge überzeugen, dafs die Dauer und die Gröfse 
der Osecillationen in einer sehr verschiedenen Abhängig- 
keit von der Beschaffenheit des Mittels stehen, in welchem 
sie statt finden, je nachdem sie ursprünglich oder mitge- 
theilt sind. 


Anmerkung. Dieser Unterschied ist bisher entweder ganz übersehen, oder nicht 
gehörig benutzt worden. Unser Chladni ist der einzige mir bekannte Akusti- 
ker, der ihn in seiner Akustik ($. 163. ff.) bestimmt ausspricht; nur nennt er 
eigenthümliche Oscillationen, was ich ursprüngliche nenne. Doch las- 


sen sich aus der genaueren Beachtung dieses Unterschiedes weit mehr für die 


Theorie fruchtbare Folgerungen ableiten, als Chladni in seinem schätzbaren 
Werke abgeleitet hat. Die mathematischen Akustiker, selbst Lagrange, ken- 


nen diesen Unterschied gar nicht. 


Ursprüngliche Oscillationen. 


$. 11. Wenn Theile eines Körpers, auf die oben ($. 8.) beschrie- 
bene Art zu oscilliren genöthigt werden , so hängt die Dauer eines 
Schlages ganz und gar nicht von der Stärke des erregenden Anstofses 
ab, sondern lediglich von der Kraft, mit welcher die verscho- 
benen Theile wieder in ihre natürliche Lage zurückgetrieben 
werden, also von der vorhandenen Spannung und von der Masse 
der verschobenen Theile. Der Grund ist leicht einzusehen. Ist der 
Punkt 4 durch äufsere Kraft aus 4 nach B getrieben, so kann er nicht 
eher anfangen zu oscilliren, als bis diese äufsere Krafı ihn frei läfst. 
Dann kann er lediglich derjenigen Kraft folgen, mit welcher ihn die 
vorhandene Spannung wieder nach 4 hintreibt. 

Von der Stärke des Stofses hängt blofs die Gröfse der Osecillations- 
weite BC ab, durch welche aber die Dauer der Schläge, und die Höhe 
des Tons nicht geändert wird ($.9.). 


über die Grundlehren der Akustik. 87 


8. 12. Dieses Gesetz der ursprünglichen Öseillauonen würde sich 
sehr vollständig empirisch erkennen lassen, wenn es nicht schon hin- 
reichend durch die Mechanik begründet wäre. 

In jedem Körper kann man unter gegebenen Umständen, nicht 
jeden beliebigen, sondern nur ganz bestimmte Töne hervorbringen. In 
manchen nur einen, in anderen mehrere, oder eine ganze Reihe, die 
aber sämmtlich nach bestimmten Verhältnissen von einander abhängen. 
Dieses ist vorzüglich der Gegenstand, über welchen unser Chladni durch 
seine sinnreiche Beobachtungsart so viel Licht verbreitet hat. Er hat 
nämlich gezeigt, dafs bei dem Öscilliren sich der Körper sehr häufig in 
mehrere Theile theilt, welche sämmilich, jeder für sich, aber gleichzei- 
ug, 
Regel der Ton; doch hat auch die Gestalt der oscillirenden Theile und 


oscilliren. Je kleiner nun diese Theile sind, desto höher ist in der 


ihr Zusammenhang mit dem Ganzen Eintlufs darauf, weil dadurch die 
Krafı, mit welcher sie in ihrer natürlichen Lage erhalten werden, einige 
Aenderung erleiden kann. Von allen Tönen nun, die derselbe Körper 
geben kann, mufs einer der tiefste seyn, und diesen nenne ich den 
Grundton, die übrigen nenne ich Nebentöne. Bei dem Grundton 
ist es klar, dafs seine Höhe lediglich von der Beschaffenheit des oscilli- 
renden Mittels abhängt, und zwar theils von der Spannung, theils von 
der Masse oder Dichtigkeit desselben: denn jede Veränderung in der 
materiellen Beschaffenheit, oder in der Gröfse des Körpers, ändert den 
Grundton, und da die Nebentöne nach bestimmten Gesetzen vom Grund- 
ton abhängen, so ist klar, dafs auch bei diesen die Dauer der Oscilla- 
tionen ganz von der Beschaflenheit des Mittels, in welchem sie statt 
finden, abhängt. Bekanntlich kann auch die in einer langen Röhre ein- 
geschlossene Luftsäule sich nach der Länge in zwei, drei, vier und mehr 
gleiche Theile theilen, wodurch ausser dem Grundton in offenen Pfeifen 
eine Reihe von Tönen nach der harmonischen Scale hervorgebracht wird. 
In diesem Fall ist bei gleicher Spannung die oscillirende Masse verschie- 
den; also die Dauer der Öscillauion wieder von der Beschaffenheit des 
Mittels abhängig. 

Gespannte Saiten haben das eigenthümliche, dafs aufser der gan- 
zen Länge, auch die Hälfte oder ein Drittel u. s. w. oscilliren kann, 
also aufser dem Grundion noch ein oder ein Paar Nebentöne, aber 


88 ir ss,€ HuByR 


nur schwach, mitklingen können. Doch geschieht dieses nicht immer, 
und wenn der Ton durch Sweichen mit dem Bogen erregt wird, wie 
es mir scheint, nie. 

Uebrigens bemerke ich noch, dafs die Nebentöne für unsern Zweck 
kein besonderes Interesse weiter haben, und dafs zwischen ihnen und 
den Grundtönen, so fern man sie als ursprüngliche betrachten mufs, 
kein wesentlicher Unterschied statt findet. 


Mitgetheilte Oscillationen. 


8. 15. Der wichtigste Unterschied zwischen ursprünglichen und 
mitgetheilten Oscillationen liegt darin, dafs die Dauer einer mit- 
getheilten Öseillation, von der Spannung und Dichtigkeit, 
kurz von der Beschaffenheit des Mittels in welchem sie er- 
regt wird, völlig unabhängig, und in jedem Fall der mit- 
theilenden OÖscillation gleichzeitig ist. 

Der Grund dieses Gesetzes liegt nicht so tief, dafs er sich nicht 
auch ohne höhere Rechnung deutlich machen liefse. Man stelle sich 
eine Reihe körperlicher Punkte 4, BD, C, D, E u.s.w. vor, welche 
sämmtlich einander berühren, also unendlich nahe beisammen sind, so 
ist aus dem oben $. 2. ff. gezeigten klar, dafs sie sämmtlich sich in 
einem Zustand gegenseitiger Spannung befinden, vermöge deren jeder 
ein wenig aus seiner Stelle gedrängt werden kann, dann aber allezeit zu 
derselben wieder zurück zu kehren strebt, und zwar mit desto gröfse- 
rer Kraft, je weiter er aus seiner Stelle gedrängt worden. Es macht 
hierin keinen wesentlichen Unterschied, ob wir uns diese Punkte aus 
gleichartiger oder aus ungleichartiger Materie bestehend vorstellen wol- 
len. Denn auch ungleichartige-Materien, die sich berühren, befinden sich 
in einer solchen gegenseitigen Spannung, dafs jeder Punkt, der einen 
Materie, ein wenig nachgeben mufs, wenn er von einem berührenden 
Punkte der andern gedrückt wird ($. 5.). 

Denken wir uns also die Punkte ZB, C, D, E u.s.w. als gleich- 
arüg, und in Ruhe, den Punkt 4 aber gleichartig oder anderartig, aber 
in Oscillation gesetzt, so ist klar, dafs der Punkt 2, weil er sich von 4 
wegen der vorhandenen Spannung nicht trennen kann, gezwungen ist, 


über die Grundlehren der Akustik. 39 


gerade so vorwärts zu gehen, wie 4 geht. Schlägt aber der Punkt 
4 zurück, so mufs ihm 3 eben so nachfolgen, also völlig wie 4, und 
gleichzeitig mit demselben osceilliren. Was aber 4 auf 2 wirkt, eben 
das wird DB auf C, C auf D u.s.f. wirken, und es ist daher klar, 
dafs alle diese Punkte nach und nach gezwungen werden, gleichzeitig 
mit 4 zu oscilliren. Daraus folgt indessen nicht, dafs die Oscillations- 
weiten der Punkte C, D, E u.s. w. eben so grofs als bei dem Punkte 
4 seyn werden. Denn die erste Wirkung, welche 4 gegen B ausübt, 
ist in jedem Fall eine Zusammendrückung der hinter 2 liegenden Theile. 
Hierdurch entsteht ein Widerstand, der selbst die Öscillationsweite von 
4 kürzer macht, als sie aufser der Berührung mit 3 im leeren Raume 
seyn würde, woraus eine allmälige Verkürzung der Oscillations- 
weiten, aber nicht eine Verkürzung ihrer Dauer entstehen mulfs. 
In der Folge wird sich Veranlassung finden, dieses noch genauer zu 
erörtern. 

8. 14. Was wir im vorigen $. aus blofsen Begriffen zu erweisen 
gesucht haben, ergiebt sich auf das unzweideutigste aus einer allgemei- 
nen akustischen Erfahrung. Jedermann weils, dafs die Höhe eines 
Tones nicht die geringste Veränderung leidet, der Ton pflanze 
sich durch die Luft, auf einem kurzen oder langen Wege fort, er 
dringe durch dünne oder dicke Wände, oder überhaupt durch Körper 
von ganz beliebiger Beschaffenheit. Schwächer wird wohl der Ton 
durch die Fortpflanzung, aber seine Höhe verändert er nicht, also auch 
nicht die Dauer der Öscillationen. 

8. 15. Wenn ich behaupte, dafs eine mitgetheilte Öscillauon in 
Ansehung der Dauer jedes Schlages von der Beschaffenheit des Mittels 
unabhängig ist, so wird damit nicht gesagt, dafs sie in jeder Bezie- 
hung davon unabhängig sei. Es läfst sich in der That in mehr als einer 
Rücksicht eine Abhängigkeit nachweisen. Besonders gehört dahin die 
Geschwindigkeit, mit welcher sich die Oscillationen von Punkt 
zu Punkt fortpflanzen, denn diese ist von der Geschwindigkeit, mit 
welcher die oscillirenden Punkte ihre kleine Bahn zurücklegen, völlig 
unabhängig, und ohne Vergleich gröfser als diese. Diese Geschwindig- 
keit der Fortpflanzung ist lediglich eine Function von der im fortpflan- 

Phys. Klasse 1824. M 


90 F. 1,5 0,H:EıR 


zenden Mittel herrschenden Spannung. Um dieses deutlich zu machen, 
ist zuerst einiges über die Geschwindigkeit des Schalles zu sagen. 


Von der Geschwindigkeit des Schalles. 


$. 16. Alle theoretische Bestimmung der Geschwindigkeit des 
Schalles ist unsicher, da Newton’s Formel für diese Geschwindigkeit 
in der Luft, ob ihr gleich die allerstrengste Prüfung keinen Fehler 
hat nachweisen können, dennoch die absolute Gröfse bedeutend zu klein 
angiebt. Es ist aber für die wissenschaftliche Begründung des physi- 
kalischen Theiles der Akustik dasjenige, was aus Beobachtungen 
hierüber bekannt ist, völlig hinreichend. Am wichtigsten ist es, die 
Geschwindigkeit des Schalles in der Luft zu kennen, da der Schall 
einem menschlichen Ohre äufserst selten durch ein anderes Mittel als 
die Luft mitgetheilt wird. Für unsern gegenwärtigen Zweck ist es 
hinreichend zu bemerken, dafs die Geschwindigkeit des Schalles voll- 
kommen gleichförmig ist, und dafs sie mehr als 1000 Fufs in der 
Secunde beträgt. Was die Fortpflanzung durch feste Körper betrifft, 
so ist es zwar viel schwieriger, sie durch Versuche sicher zu bestimmen ; 
indessen haben gelegenllich gemachte Beobachtungen gezeigt, dafs sich 
der Schall durch feste Körper noch ungleich schneller als durch Luft 
fortpflanzt. So beobachtete Biot, bei einer gegen 3000 Fufs langen 
Wasserleitung, die aus zusammengefügten Röhren von Gufseisen be- 
stand, dafs sich der Schall durch dieses Eisen mehr wie zehnmal so 
schnell als durch die Luft fortpflanzte. Andere Beobachter haben diese 
Geschwindigkeit durch Holz oder andere feste Körper so schnell gefun- 
den, dafs sich die Geschwindigkeit nicht schätzen liefs. 

Diese Beobachtungen, verbunden mit der allgemeinen Erfahrung, 
dafs hohe und tiefe Töne sich mit völlig gleicher Geschwindigkeit durch 
die Luft und durch alle Körper fortpflanzen, sind mehr als hin- 
reichend, um die Unabhängigkeit der Fortpflanzungs - Geschwindigkeit 
von der Öscillations - Geschwindigkeit aufser allen Zweifel zu setzen. 

Beide Arten von Geschwindigkeit lassen sich allgemein auf folgende 
Art vergleichen. Ein Ton mache in einer Secunde „ Schläge, und 
sein kleiner Oseillationsraum, den er also in — Secunde zurücklegt, 


über die Grundlehren der Akustik. 9 
sey s. Die Geschwindigkeit des Schälles, also der Weg, den er in 
einer Secunde zurücklegt, sey c; so legt er in > Secunde den Weg < 
zurück. Betrachtet man nun die Bewegung, mit welcher ein oscilliren- 
der Punkt seine Bahn durchläuft, als gleichförmig, (was bei einer 
so kleinen Gröfse verstattet ist), so verhalten sich die in gleichen 


5 
dessen Oscillationen ungemein schnell sind, z. B. das viermalgestrichene 


5 + “ c R 
Zeiten gemachten Wege, wie s:—. Man betrachte nun einen Ton, 


c, welches mehr als 4000 Oscillauonen in einer Secunde macht. Man 
setze s— 0,01 Zoll, = 4000, und c= 12000 Zoll, so verhält sich 
et :300. Bei einem tiefen Ton wird das Verhältnifs noch viel 
gröfser. 

Da also die Geschwindigkeit der Fortpflanzung von der Oscilla- 
tions-Geschwindigkeit unabhängig, und so weit die Beobachtungen und 
Untersuchungen reichen, in jedem Mittel anders ist, so folgt, dafs 
sie lediglich durch die Beschaffenheit des fortpflanzenden Mittels be- 
stimmt ist. 

$. 17. Um die Art, wie sich Öscillationen fortpflanzen, noch 
anschaulicher zu machen, betrachte man die Fortpflanzung eines Tones 
durch die Luft, und zwar für jetzt nur in einer einzigen geraden 
Linie 4H Fig. 2. 

Zwischen B und C oscillire ein Pnnkt (etwa eimer gespannten 
Saite), der in einer Secunde r Schläge macht. Seine natürliche Stelle 
sei mitten zwischen 3 und C in 4, und er sei aus derselben auf 
irgend eine Art bis 3 zurückgezogen, vor ihm liege aber in der Linie 
BH ruhende Luft. Es ist nun zu überlegen, was in der Luft ge- 
schehen wird, wenn man den Punkt in 2 losläfst? 

Es ist klar, dafs er während der ganzen Bewegung von B bis C 
gegen die ihn unmittelbar berührende Luft drückt. Jeder Druck bringt 
aber einige, wenn auch noch so geringe Verdichtung hervor. Die 
unmittelbar durch den oscillirenden Punkt verdichtete Luft drückt aber 
nun eben so stätig gegen die ihr nächste, und diese gegen die weiter 
liegende u.s. w.; kurz, diese Verdichtung pflanzt sich auf der Linie 
BH schnell von Punkt zu Punkt fort. Die Geschwindigkeit, mit der 
die Verdichtung fortrückt, ist aber nichts anders als die Geschwindig- 


keit des Schalles, die wir, wie oben, c nennen. Nun legt der oscil- 
M2 


92 Fi, dasıe HER 


e 


lirende Punkt seine kleine Bahn BC =s in — Secunde zurück, der Schall 
aber legt in eben der Zeit den Weg —- zurück. Man nehme nun an, 
dafs CD=-DE=EF=FG=GHA u.s.w. dieser Gröfse — gleich 
sei, so ist klar, dafs in dem Augenblicke, wo der oscillirende Punkt 
die Gränze C erreicht, die erste Luftverdichtung, die er bei dem An- 
fang seiner Bewegung in 3 hervorbrachte, bis D fortgerückt, die 
jenseits D liegende Luft aber noch in Ruhe und in ihrem natürlichen 
Zustand seyn wird. Hieraus ist nun aber klar, dafs alle Luft, die vorher 
zwischen 3 und D ausgedehnt war, nun in dem Raum CD zusammen- 
gedrängt, also verdichtet seyn wird. Diese ganze Verdichtung entsteht 
also dadurch, dafs jeder Punkt derjenigen Luft, die anfangs zwischen 
Bund D enthalten war, eben so, wie der ursprünglich oscillirende 
Punkt selbst, eine sehr kurze Bewegung gegen D hin gemacht hat. 
Schlägt nun der oseillirende Punkt von C gegen D zurück, so folgt 
ihm die bei C befindliche Luft nach, d.h. die verdichtete Luft fängt 
bei C an, sich zu verdünnen, und diese Verdünnung schreitet eben 
so schnell, wie vorher die Verdichtung gegen D hin, fort. Da aber 
die Verdichtung fortfährt, bei D eben so schnell gegen EZ fortzu- 
schreiten, so: ändert sich die Länge der verdichteten Schicht nicht, 
sondern die Verdichtung, (nicht die verdichtete Luft), rückt nur 
mit der Geschwindigkeit des Schalles gegen Z hin fort. Hat also der 
oscillirende Punkt wieder die Gränze B erreicht, so befindet sich die 
Luft- Verdichtung zwischen D und Z; dagegen ist die Luft zwischen 
D und C nun in einem verdünnten Zustand, und dieser entstehet da- 
durch, dafs jedes anfangs zwischen © und D belindliche Lufttheilchen 
eine kleine Bewegung gegen 3 hin gemacht hat. 

Man sieht leicht, wie diese Betrachtung weiter fortzusetzen ist. 
Schlägt der oscillirende Punkt zum zweitenmal von 3 nach C, so geht 
die erste Luft- Verdichtung in ZF, und die erste Verdünnung in DE 
über. Bei dem zweiten Rückschlag kommt die erste Verdichtung in 
FG, die erste Verdünnung in EF, die zweite Verdichtung in DE, 
und eine dritte Verdünnung in CD u. s. f. 

Es müssen also längs der ganzen Linie 3 HY lauter abwechselnde 
Schichten von verdichteter und verdünnter Luft enistehen, und dieses 
wenigstens so weit, als der durch den oscillirenden Punkt erregte 


über die Grundlehren der Akustik. 03 


Schall hörbar ist. In jeder Verdichtung oscilliren die Punkte der Luft 
vorwärts, in jeder Verdünnung rückwärts. Die Länge der Verdich- 
tungen oder Verdünnungen ist 5 also, da c eine beständige Gröfse ist, 
blofs eine Function von z, d.i. von der Anzahl der Schläge, die der 
Ton in einer Secunde macht; also von der Zeit oder Dauer einer 
Öscillation, aber ganz und gar nicht von der Oscillationsweite BC. 
In eben dem Maafse aber, in welchem 3C gröfser oder kleiner ist, 
sind auch die Räume, innerhalb deren jedes Luft-Theilchen oscil- 
liret, gröfser oder kleiner. Doch werden wir in der Folge sehen, dafs 
die Oscillationsweiten der Luft- Theilchen nach einem bestimmten Ge- 
setz, mit der Entfernung von den ursprünglichen Öscillationen kürzer 
werden müssen. 


Von der Verbreitung des Schalles in der Luft. 


8. 18. Wir haben im vorhergehenden gesehen, wie sich die 
Öscillationen in einer einzigen geraden Linie fortpflanzen ; jeszt ist zu 
untersuchen, ob, und auf welche Art sie sich von einem einzigen 
Punkte aus seilwärts verbreiten. 

In € Fig. 3 befinde sich ein körperlicher Punkt, der zwischen 
den Gränzen 4 und 2 ursprünglich oscilliret. Wir haben bemerkt, 
dafs so wie er von 4 gegen B schlägt, die vor ihm liegende Luft zu- 
sammengedrückt wird. Diese Verdichtung entsteht aber offenbar nicht 
erst dann, wenn der oscillirende Punkt den Weg 4B schon zurück 
gelegt hat, sondern in jedem Punkte des Raumes 4B dauert die Ver- 
dichtung der vorliegenden Luft stätig fort. Verdichtete Luft aber strebt 
in jedem Fall, sich nach allen Seiten auszudehnen; daher werden sich 
die Oseillationen nicht blofs in der verlängerten Richtung 4B, (also 
in ZN) fortpflanzen, sondern in allen Richtungen, wohin man von 
den Punkten des Raumes 4B aus, eine gerade Linie ziehen kann. Da 
aber 42 in jedem Fall ungemein klein ist, so reicht es hin, alle Rich- 
tungen, als von der Mitte C ausgehend zu betrachten. Zieht man also 
CM in beliebiger Richtung, so müssen in dieser die verdichteten und 
verdünnten Luftschichten, gerade so wie in der Richtung CN wechseln. 
Da nun eben dieses von jeder Linie gilt, die man von C aus in der 


04 Fi. c HER 


Luft ziehen kann, so sieht man leicht ein, dafs sich diese Verdichtungen 
und Verdünnungen, in der Gestalt concentrischer Kugelschichten 
von C aus verbreiten werden. In der Figur ist angenommen, dafs 
die Linien CD, DE, EF, FG gleich sind, und die oben bestimmte 
Länge einer Verdichtung oder Verdünnung vorstellen; dafs ferner aus 
C durch D, E, F, G u. s. w. Kugelflächen dö, ee, f$, gy u. s. w. 
gelegt sind, und dafs endlich sich zwischen C und dö eine Verdünnung, 
zwischen dö und es eine Verdichtung u. s. f. befinde. 

Eine solche kugelförmige Verdichtungs - Schicht wie döee oder 
fpgy, nebst der ihr folgenden Verdünnung Cdö oder eef® u. s. w. 
nennt man eine Schall-Welle, die Länge einer Verdichtung und 
Verdünnung zusammen, wie CE oder EG, das Maafs oder die Breite 
einer Schall- Welle, endlich jede aus C gezogene Linie, wie CN oder 
CM, einen Schall-Stral. Dafs die Breite jeder Schall-Welle =" sei, 
ist aus $. 17. klar. 

8. 19. Auf diese Arı hat es gar keine Schwierigkeit, nicht nur 
deutlich, sondern auch anschaulich zu machen, was bei der Verbreitung 
des Schalles von einem Punkte aus, in der Luft geschieht. In der 
Wirklichkeit kommt aber nie der Schall aus einem einzigen Punkte; 
doch begreift man leicht, dafs eine starke Annäherung an die gegebene 
Vorstellung statt finden müsse, wenn entweder die ursprünglich oscilli- 
renden Punkte sich innerhalb eines kleinen Raumes befinden (z.B. in 
der Oeflnung eines Blase-Instrumentes, aus welcher der Schall hervor- 
tritt), oder wenn dieser Raum zwar von einiger Ausdehnung ist, wie 
bei Saiten-Instrumenten, der Hörer sich aber in solcher Entfernung 
befindet, dafs er die ganze Länge unter einem ziemlich kleinen Winkel 
sehen würde. 

Verwickelter wird aber die Sache, wenn sich das Ohr nahe bei 
der Quelle eines solchen Schalles befindet. Es sei Fig. 4, IB eine 
tönende Saite, in C befinde sich ein Ohr, so ist klar, dafs ein Luft- 
Theilchen in C von jedem Punkt der Saite einen Schall - Stral, wie 
4C, DC, IC, BC u.s.w. erhält. In jeder solchen Richtung erhält 
also der Punkt C einen Öscillationsschlag; da aber alle diese Stralen von 
sehr verschiedener Länge sind, so wird der Punkt C in einigen der- 


selben in einer Verdichtung, in andern in einer Verdünnung zu liegen 


über die Grundlehren der Akustik. 95 


kommen, d.h. er wird in einigen Stralen einen Stofs erhalten in der 
Richtung gegen die Saite, in andern hingegen abwärts. (S. 17). Der 
Anstofs den C erhält, ist also in der That sehr zusammengesetzt, und 
es würde nicht ganz leicht seyn, aus allen diesen Anstöfsen die Rich- 
tung des zusammengesetzten Stofses zu berechnen. Es ist indessen die 
Bestimmung dieser Richtung in akustischer Hinsicht nicht wichtig. Es 
ist völlig hinreichend zu wissen, dafs alle Schläge, die der Punkt € er- 
hält, gleichzeitig sind, und dafs daher auch das Ergebnifs aller dieser 
Schläge nichts als eine einzige gleichzeitige Oscillation seyn könne, wie 
sich leicht aus den ersten Begriffen von der Zusammensetzung jeder 
beliebigen Art von Bewegungen deutich machen läfstı. In welcher 
Richtung diese zusammengesetzten Oscillauons-Schläge das Ohr treffen, 
ist für die Höhe des Tones gleichgültig. 

Ob man unter solchen Umständen noch von regelmäfsigen Schall- 
Wellen reden könne, ist nicht leicht deutlich zu machen; und diese 
Betrachtung mag wohl der Grund seyn, warum Lagrange in mehreren 
Stellen seiner Recherches, die Vorstellung von Schall-Wellen, die zu- 
erst Newton aufgestellt hatte, gänzlich verwirft, obgleich ihre Realität 
unbestreitbar ist, sobald man den Schall, als von einem Punkte, oder 
auch von einem kleinen Raume ausgehend, betrachtet. 

$. 20. Noch verwickelter wird das Spiel der Oscillauionen, wenn 
eine Menge von verschiedenen Tönen zugleich klingen. Auf An- 
schaulichkeit mufs man dabei gänzlich Verzicht thun. Aber der 
Verstand reicht weiter als die Einbildungskraft oder das Anschauungs- 
Vermögen: denn er vermag, Deutlichkeit in die verwickeltsten 
Erscheinungen zu bringen, welche die Einbildungskraft nicht vermö- 
gend ist, in ein anschauliches Bild zusammen zu fassen, wofern er nur 
im Stande ist, die einfachen Bestandtheile der Erscheinung auf deut- 
liche Begriffe zu bringen. Es kommt nämlich hierbei auf die Anwen- 
dung eines Satzes an, der aus den ersten Begriffen der Bewegungslehre 
deutlich hervorgeht, wenn diese Lehre rein mathematisch und 
von allen physikalischen Begriffen abgesondert vorgetragen wird. Legt 
man nämlich einem Punkte vielerlei relative Bewegungen 
(z.B. dem Punkte C Fig. 4 in den Richtungen FE, DF, IG, BH etc.) 
mit gegebenen Geschwindigkeiten bei, und bestimmt dar- 


96 Fiirssıc DIE R 


aus seine absolute Richtung und Geschwindigkeit, so ist 
es in jedem Fallabsolut einerlei, ob man sagt, der Punkt 
habe die einzige absolute Bewegung, oder er habeaalle die 
einzelnen Bewegungen, die man ihm in Beziehung auf die 
gegebenen Richtungen beilegt. Man darf daher in jedem Fall 
beide Vorstellungsarten, ohne einen Irthum zu besorgen, vertauschen. 
Aus diesem Satze folgt aber, dafs man bei der Zusammensetzung noch 
so vieler Bewegungen , dennoch jede einzelne für sich so betrachten 
kann, als ob sie ganz allein da wäre. 

Wendet man diesen Satz auf unsern Gegenstand an, so ist man 
berechtigt, jeden Schall-Stral, der durch € geht, z.B. /G so zu be- 
trachten, als ob er ganz allein da wäre; d.h. man kann und mufs an- 
nehmen, dafs in jedem Punkte € dieses Strales die Osecillatons - Bewe- 
gung wirklich realisirt sei, die an dieser Stelle statt finden würde, wenn 
er ganz allein da wäre. Denn obgleich seine absolute Bewegung in 


5 
diesem Punkte ganz anders seyn mag, so ist doch in derselben die 


8; 
Wirkung derjenigen Oscillation mit enthalten, die er in dem einzigen 
Stral, wenn dieser allein da wäre, erhalten würde. 

Hieraus wird auch begreiflich, obgleich nicht anschaulich , dafs 
wenn das Ohr in C nicht gleichzeitige, sondern Öscillaionen von ver- 
schiedener Dauer, also von verschiedenen Tönen erhält, man jederzeit 
berechtigt sei zu behaupten, das Ohr werde von jeder Oscillation gerade 
so gerührt, als ob sie ganz allein da wäre. 

Um indessen die Kräfte der Phantasie bei diesen Ansichten nicht 
ganz ungenutzt zu lassen, so giebt uns die Natur ein recht lehrreiches 
und anschauliches Bild von einer Verbindung vieler Bewegungen, die 
sich auf die mannigfaltigste Art durchkreuzen und schneiden, ohne dafs 
eine die andere stört, in den kreisförmigen Wellen, welche auf der 
Oberfläche eines ruhigen Wassers entstehen, wenn man kleine Körper 
hineinwirft. Man sieht leicht, dafs die Benennung von Schall-Wellen, 


von dieser Erscheinung entlehnt ist. 


Zurückwerfung des Schalles. 


$. 21. Auch hier mufs die Betrachtung von den einfachen Be- 
standtheilen der Erscheinung ausgehen. Es sei also in C Fig. 5. die 


über die Grundlehren der Akustik. 97 


ursprüngliche Quelle eines Schalles, 42 sei die Oberfläche irgend eines 
festen (oder auch flüssigen) Körpers, und auf den Punkt D derselben 
falle der Schall-Swal CD. Da wir oben gezeigt haben, dafs alle kör- 
perliche Materie ohne Ausnahme die Eigenschaften besitzt, durch welche 
Öscillaiionen möglich werden, (Prefsbarkeit und Spannkraft), so mufs der 
Punkt D durch die Schläge des äufsersten Luft-Theilchens in dem Stral, 
nothwendig in gleichzeitige Oscillationen versetzt werden. Hierbei 
wirken die Schläge der Luft nicht anders als jede andere mechanische 
Kraft, auf D, d.h. man wird die Oscillationen dieses Punktes als ur- 
sprüngliche betrachten können. Es wird folglich durch dieselben die 
Luft gerade so, wie $. 18. in Öscillationen versetzt, die sich nach allen 
Seiten verbreiten, wohin man nur von D aus eine gerade Linie ziehen 
kann. Es spaltet sich folglich der Stral CD in unendlich viele Stralen. 
Man kann also nicht sagen, wie man oft angenommen hat, dafs der 
Stral CD, von dem Punkte D in einer einzigen Richtung, nach den 
Gesetzen des elastischen Stofses reflectirt werde, so dafs der zurückge- 
worfene Schall in der einzigen Richtung DE fortgehe, wenn man den 
Winkel BDE= ADC macht. 

\Vürde der Schall auf solche Art zurückgeworfen, so geschähe 
es eben so, wie ein Lichtstral CD von einer polirten Fläche 42 
zurückgeworfen wird. Dieses ist schon deswegen als allgemeiner Satz 
höchst unwahrscheinlich, da die Fläche 42, in Beziehung auf bewegte 
Lufttheilchen, gar nicht als polirt angesehen werden kann; was doch 
ohne Zweifel nöthig ist, wenn so kleine Bewegungen, als Oscillauonen 
sind, in einer so genau bestimmten Richtung zurückgeworfen werden 
sollten. Dagegen hat die Zurückwerfung des Schalles die gröfste Aechn- 
lichkeit mit der Art, wie ein Lichtstral von einer unpolirten Fläche 
reflectiret wird. Denn ist CD ein Lichtstral, so zerstreut sich auch 
das Licht nach allen Seiten. 

$. 22. Es giebt indessen manche Erscheinungen, welche doch eine 
Reflexion nach den Gesetzen des elastischen Stofses vorauszusetzen schei- 
nen: aber diese lassen sich ohne Schwierigkeit erklären, wenn man an- 
nimmt, dafs die Zurückwerfung des Schalles mit der Zerstreuung des 
Lichtes völlig gleiche Gesetze befolge. Man darf nämlich eine nur 
einigermaafsen ebene Fläche sehr schräge gegen ein lebhaftes Licht 


5 
Phys. Klasse 1324. N 


98 FuscHer 


kalten, um sich zu überzeugen, dafs das zerstreute Licht nicht in allen 
Richtungen von gleicher Stärke ist. Am lebhaftesien ist es immer in 
der Richtung DE; auch wird es lebhafter, je kleiner die Winkel 4DC 
und BDE sind. Nimmt man nun an, dafs es sich bei der Reflexion 
des Schalles eben so verhalte, so wird dadurch manche Erklärung akusti- 
scher Erscheinungen an Ungezwungenheit gewinnen. 

$. 23. Es erklären sich hieraus sehr befriedigend die Erschei- 
nungen des Wiederhalles und des Echo. 

Der Wiederhall entstehet allezeit, und unvermeidlich , in einge- 
schlossenen Räumen von einigem Umfang, und es hat damit folgende 
Bewandnifs. Es sei 4B Fig. 6. die Wand eines Zimmers; in C sei 
die ursprüngliche Quelle eines Schalles; in D befinde sich das Ohr. 
Unter diesen Voraussetzungen erhält das Ohr den Schall unmit- 
telbar nur durch den Stwal CD. Da aber auch jeder Punkt der 
Wand, wie 4, E, F, G von C aus einen Stral erhält, von jedem 
solchen Punkte aber der Schall nach allen Seiten zurückgeworfen wird, 
so erhält das Ohr auch durch unendlich viele reflecurte Stralen, AD, 
ED, FD, GD, gleichzeitige Oscillauonsschläge.. Nun mufs zwar jeder 
einzelne zurückgeworfene Stral weit schwächer seyn, als jeder ur- 
sprüngliche. Aber was jedem einzelnen an Stärke abgeht, wird voll- 
kommen durch ihre unendliche Menge ersetzt. Denn in der That be- 
kommt das Ohr von jedem Punkte der Wände, von wo man zwei freie 
Linien, die eine nach C, die andere nach D ziehen kann, einen reflectir- 
ten Stral. 

Diese Stralen verstärken den Schall beträchtlich, so fern man 
annehmen kann, dafs ihre Oscillauonen zugleich, oder in äufserst 
kleinen Zwischenzeiten, zum Ohr kommen. Diese Annahme findet aber 
blofs in kleinen Räumen statt. Es ist nämlich klar, einmal: dafs reflec- 
ürte Oscillauionen sich eben so schnell als ursprüngliche in der Luft 
fortpflanzen; und dann: dafs der Weg jedes reflectirten Schalles, z. B. 
CG+ GD gröfser ist, als der Weg des ursprünglichen CD. Folglich 
kommt jede reflectirte Oseillation später nach D, als die ursprüngliche. 
Bei der grofsen Geschwindigkeit der Fortpflanzung aber ist in Zimmern 
von mäfsiger Gröfse der Unterschied der Zeit, in welcher die ursprüng- 
lichen und reflectirten Stralen in das Ohr kommen, so klein, dafs er 


über die Grundlehren der Akustik. 99 


unserm Gefühl für Einen Augenblick gelten kann. Denn wäre auch 
z.B. der Weg CE + ED um 50 Fufs länger als CD, so legt der 
Schall diese 50 Fufs in /; Secunde zurück, welches für das Ohr so 
gut als ein Augenblick ist. 

In grofsen Sälen hingegen kann der Fall vorkommen, dafs der 
Weg der refleeurten Stralen, den der ursprünglichen um 100 und mehr 
Fufs übertrifft; dann gewinnt ein augenblicklicher Schall eine bemerk- 
bare Dauer, und dieses ist es, was man den Wiederhall nennt. 

&. 24. Gänzlich vermeiden kann man in umschlossenen Räumen 
den Wiederhall nie, und er kann da, wo öffentlich gesprochen werden 
soll, sehr beschwerlich werden. Denn, wird z.B. der Klang einer ein- 
zigen Sylbe durch den Wiederhall in den Zeitraum zweier Sylben aus- 
gedehnt, wozu eben keine sehr lange Dauer des Wiederhalles erforder- 
lich ist, so begreift man leicht, dafs dadurch die Rede unverständlich 
werden mufs, weil man die zweite Sylbe schon höret, während die erste 
noch nicht verklungen ist. 

Vermindern kann man den Wiederhall hauptsächlich durch eine 
schickliche Gestalt des Saales. Die lange und schmale Gestalt fast aller 
unserer Kirchen und Säle, die zu öffentlichen Vorträgen bestimmt sind, 
ist unter allen die man wählen kann, die ungünstigste, nicht blofs des- 
wegen, weil der reflectirte Schall in manchen Richtungen einen sehr 
langen Weg machen mufs, sondern auch, weil zwischen den langen 
Seitenwänden, wegen ihrer geringen Entfernung von einander, eine 
doppelte oder mehrfache Reflexion entstehen kann. Bisweilen kann der 
Sprechende dadurch den Wiederhall unschädlicher machen, dafs er 
nicht sehr laut, aber langsam und deutlich spricht. Denn je stärker 
die Sprache ist, desto lauter spricht auch der Wiederhall mit. Aus 
Erfahrung und Gründen scheint die Gestalt, welche sich der quadrati- 
schen nähert, die vortheilhafteste zu seyn. 

Für die Musik ist der Wiederhall, wenn er nur nicht allzustark 
ist, eher vortheilhaft als nachtheilig. 

8.25. Vom Wiederhall unterscheidet sich das Echo nur dadurch, 
dafs zwischen dem ursprünglichen und reflectirten Schall eine bemerk- 
bare Zeit verstreicht. 


[S6} 


N b 


100 Börisve HIER 


In.den meisten Fällen läfst sich das Echo aus den Gesetzen des 
elastischen Stofses nicht erklären. Dagegen lassen sich die Bedingungen 
der Entstehung aus der vorgetragenen Theorie ungezwungen, und auf 
eine mit der Erfahrung völlig einsiimmige Art erklären. Die Bedin- 
gungen des Entstehens eines einfachen Echo sind folgende. 

Man denke sich im Freien um den Ort eines Beobachters zwei 
grofse Kreise beschrieben; den kleineren mit einem Halbmesser von 
einigen hundert Fufsen; wir wollen 300 annehmen; den anderen mit 
einem 25 Fufs gröfsern. Den innern Raum des kleinern Kreises denke 
man sich ziemlich eben und frei von hohen Gegenständen. In dem 
Zwischenraum beider Kreise aber befinden sich in beliebigen Lagen kleine 
Gruppen hoher Gegenstände, Häuser, Mauern, Felswände, Bäume, hohes 
Gebüsch und dergleichen. Unter diesen Voraussetzungen mufs der 
Beobachter ein deutliches Echo nach etwas mehr als einer halben 
Secunde hören. Denn von den 300 Fufs entfernten Gegenständen hat 
der zurückgeworfene Schall einen Weg von 600 Fufs, von den 325 
Fufs entfernten, einen Weg von 650 Fufs zu machen. Jener wird 
ungefähr in 0,60, dieser in 0,65 Secunden zurückkommen. Der Unter- 
schied von 0,05 ist klein genug, um allen reflectirten Schall als einen 
augenblicklichen zu empfinden, und man hört ihn ungefähr 0,6 Secun- 
den nach dem ursprünglichen. 

Man sieht hieraus, dafs zur Entstehung eines Echo ausgedehnte 
Flächen gar nicht nothwendig sind, und dafs, wie die Erfahrung viel- 
fällig lehrt, Waldungen von einer schicklichen Lage ein sehr gutes 
Echo machen können, indem jede Oberfläche, auf welche der Schall 
trifft, wäre es auch nur die Oberfläche eines leichten Blattes, zurück- 
kehrende Öscillationen hervorbringl. Auch ist klar, dafs gar. nicht 
nothwendig der ganze Zwischenraum der beiden angenommenen Kreise 
mit hohen Gegenständen besetzt sein mufs. Sie können in ganz be- 
liebiger Ordnung und Stellung, und gruppenweise stehen, wofern nur 
die reflectirenden Punkte zahlreich genug sind, um den zurückkehren- 
den Schall bemerklich zu machen. 

$. 26. Ein doppeltes oder mehrfaches Echo kann auf 
mehr als eine Art entstehen. Man denke sich in dem Zwischenraum 


über die Grundlehren der Akustik. 101 


der beiden angenommenen Kreise zwei hinlänglich ausgedehnte Gruppen 
von Gegenständen einander gerade gegenüber, so erhält man das erste 
Echo, wie vorher, nach 0,6 Secunden; aber der beiderseitige Schall 
geht nun über den Ort des Beobachters hinaus nach der gegenüber- 
stehenden Gruppe, und kehrt nun als zweites Echo, 1,2 Secunden nach 
dem ursprünglichen Schall zurück. Ist das zweite Echo noch lebhaft 
genug, so kann eben so ein drittes u. s. w. entstehen. Oder man denke 
sich, aufser den beiden angenommenen Kreisen, noch zweie, mit Halb- 
messern von 600 und 625 Fufs beschrieben. Befinden sich in den 
Zwischenräumen der letztern an einer oder mehr Stellen, Gruppen von 
Gegenständen , und zwar gerade an solchen Stellen, wo der Zwischen- 
raum der kleineren Kreise leer ist, so hört der Beobachter, 0,6 Secunden 
nach dem ursprünglichen Schall, das erste Echo von den näheren, und 
nach 1,2 Secunden ein zweites von den entfernteren Gegenständen. Man 
sieht leicht, wie mancherlei Abänderungen dabei statt finden können. 
$. 27. In elliptischen Sälen hört man bekanntlich einen Schall, 
der in dem einen Brennpunkte entsteht, in dem andern Brennpunkte 
deutlicher und stärker, als an jeder andern Stelle. Es ist möglich, 
aber gar nicht nothwendig, dieses aus einer Zurückwerfung des Schalles 
nach den Gesetzen des elastischen Stofses zu erklären. Zur Erklärung 
genügt es schon zu bemerken, dafs (wegen einer bekannten Eigenschaft 
der Ellipse) aller Schall, der von einem Brennpunkt zum andern durch 
Zurückwerfung gelangt, einen gleich langen Weg, von der Länge 
der grofsen Achse zu machen hat. Jeder augenblickliche Schall, der 
in dem einen Brennpunkt erregt wird, kommt eigentlich doppelt im 
andern Brennpunkte an, einmal unmittelbar, und dann auch durch 
Zurückwerfung von den Wänden; aber (wenn der ellipüsche Raum 
nicht viele hundert Fufs lang und breit ist), so schnell hinter einander, 
dafs das Ohr nur einen Schall hören wird. Hierzu kommt, dafs der 
unmittelbare Schall, der nur von sehr wenigen Schallstralen her- 
rührt, weit schwächer seyn dürfte, als der von unendlich vielen 
Stralen herrührende refleclirte. Der zweite Schall würde eben so 
sanze Cubik - Raum die 


5 
Gestalt eines länglichen Ellipsoides hätte. Haben aber nur die Wände 


augenblicklich seyn als der erste, wenn der 


102 FEırsc#E& 


27 


eine ellipische Krümmung, so wird der Wiederhall von den obern 
Theilen derselben allerdings etwas später als von den untern im zwei- 
ten Brennpunkt anlangen. 

Diese Erscheinung macht übrigens doch die oben $. 22 bemerkte 
Hypothese, dafs der reflectirte Schall in der Richtung, wohin ein Licht- 
stral von der Spiegelfläche gehen würde, am stärksten sei, ziemlich 
wahrscheinlich. Denn auf diese Art wird der Schall im zweiten Brenn- 
punkte nicht nur fast augenblicklich, sondern auch stärker als in an- 
dern Stellen anlangen. 

Sehr entscheidend für das $. 21 aufgestellte Hauptgesetz ist die 
Erfahrung, dafs auch in grofsen kreisförmig ummauerten Räumen, 
besonders unter einer halbkugelförmigen Kuppel, etwas ähnliches statt 
findet, indem zwei Personen die einander gegenüber, und fast um den 
ganzen Durchmesser von einander entfernt stehen, sich ziemlich leise 
mit einander unterhalten können, wenn der Sprechende gegen die nahe 
Wand redet. Es dürfte schwerlich möglich seyn, diese Erscheinungen 
aus Reflexionen nach den Gesetzen der Spiegelung zu erklären. Ver- 
gleicht man aber die Längen der Wege, auf welchen der Schall von 
einem Endpunkte des Durchmessers zu dem andern gelangen kann, so 
läfst sich zeigen, dafs der Unterschied des längsten und kürzesten Weges 
sehr wenig mehr als 0,4 des Durchmessers beträgt. Setzt man diesen 
120 Fufs, so ist dieser Unterschied ungefähr 48 Fufs. Hieraus läfst 
sich aber leicht berechnen, dafs aller von dem Kugelgewölbe retlecurter 
Schall, fast in einem Augenblick (nämlich in weniger als 4; Secunde) am 
andern Endpunkte des Durchmessers anlangt. Irre ich nicht, so ist dieses 
die einzig mögliche Art, diese Erscheinung befriegend zu erklären. 


Von der Stärke des Schalles. 


$. 28. Zuerst müssen wir ganz im Allgemeinen überlegen, wovon 
die Stärke des Schalles abhängig sei, wobei wir uns wieder auf den 
Schall in der Luft beschränken, weil ein menschliches Ohr selten oder 
nie den Schall durch ein anderes Mittel erhält, und weil das, was in 
Ansehung der Luft zu bemerken ist, sich leicht auch auf andere Mittel 
anwenden läfst. | 


über die Grundlehren der Akustik. 103 


Unmittelbar kann unstreitig die Stärke des Schalles, so fern man 
einen einzigen Schallstral betrachtet, von nichts abhängen, als von der 
ebhaftiskeit oder Kr mi cher die Öscillationsschläge der Luf 
Lebhaftigkeit oder Kraft, t welcher die Öscillat hläge der Luft 
as Trommelfell des Ohres treffen. ist aber aus den ersten Elemen 
das T lfell des Ohres treffen. Es ist ab d ten El ten 
der Mechanik bekannt, dafs sich die Kraft der Bewegungen bei gleicher 
Geschwindigkeit, wie die bewegten Massen, und bei gleichen Massen, 
wie die Geschwindigkeiten verhalte. Es entsteht also nun die 
rage, wie die Begriffe v asse un eschwindigkeit au aillire 
F die Begriffe von Mas d Gesch digkeit auf oscillirende 
Bewegungen angewendet werden können. 

8. 29. Körperliche Massen, welche sich Oscillauonen mittheilen, 
befinden sich allezeit in Berührung mit einander. Es scheint daher 
nöthig, erst die Vorstellung einer Berührung auf deutliche Begriffe zu- 
rück zu führen. 

Wenn sich zwei gleichartige oder ungleichartige körperliche Flächen 
berühren, so kann man mit gleichem Rechte sagen, die Berührung ge- 
schehe in einer oder in zwei Flächen. Denkt man sich nämlich an 
der Stelle, wo man eine Berührung betrachtet, eine blofs geometrische 
Fläche, so kann man sagen: die Berührung geschehe in dieser einzigen 
Fläche. Erwägt man aber, dafs diese geometrische Fläche zwei Seiten 
hat, deren eine diesseits, die andere ganz jenseits liegt, und von denen 
jede wieder mit einer der angenommenen körperlichen Oberflächen zu- 
sammen fällt, so kann man sagen, die Berührung geschehe in diesen 
beiden Flächen. Nun kann man aber jede Fläche vorstellen als einen 
Körper von unendlich kleiner Dicke; daher kann man eben so richtig 
sagen: dafs die sich berührenden Massen zwei körperliche Schichten oder 
Scheiben sind, denen man gleiche, aber unendlich kleine Dicken 
beilegen kann. Hierdurch entstehet der Begriff eines Volumens, auf 
welches sich der Begriff der Masse bestimmt anwenden läfst. 

Das Volumen zweier sich berührenden Scheiben mufs aber in 
der Regel als gleich betrachtet werden: denn dafs sie in Länge und 
Breite congruent sind, ist unmittelbar klar; legt man ihnen aber auch 
noch zwar unendlich kleine, aber gleiche Dicke bei, so sind alle Be- 
dingungen der Congruenz vollständig vorhanden. Haben aber die sich 
berührenden Scheiben gleiches Volumen, so verhalten sich ihre Massen 


104 FE %s.C HER 


wie ihre Dichtigkeiten. Und aus dieser Betrachtung ergiebt sich 
das Recht, diese statt der Massen zu setzen. 

Um keiner Dunkelheit Raum zu lassen, bemerke man noch folgen- 
des. Es macht einen zwar nur unendlich kleinen, aber dennoch nicht 
zu übersehenden Unterschied in der Anwendung des Begriffes der Masse, 
ob man die sich berührenden Scheiben als ebene, oder ob man sie als 
gekrümmte betrachtet. Im ersten Fall ist das Volumen derselben ab- 
solut congruent. Denkt man sich aber zwei sich berührende concen- 
trische Kugelschichten, so ist die vom Mittelpunkt entferntere allerdings 
gröfser als die nähere. Betrachtet man aber ihre Dicke als ein Unend- 
lichkleines der ersten Ordnung, so ist der Unterschied des körperlichen 
Volumens von der zweiten Ordnung, und kann daher in der Regel mit 
vollkommenem Rechte als Null betrachtet werden. Doch würde die 
stätige Zunahme des Volumens, wenn man sich den Halbmesser einer 
Kugel als stäug wachsend vorstellt, nicht auf deutliche Begriffe zu 
bringen seyn, wenn man diesen Unterschied unbeachtet lielse. 

Was hier von berührenden Flächen gesagt worden, findet auch 
Anwendung auf berührende Punkte. Man kann sie in jedem Fall als 
zwei unendlich kleine Körper von gleichem Volumen vor- 
stellen, deren Massen sich folglich wie ihre Dichtigkeiten ver- 
halten. Doch findet auch hier der eben erörterte Unterschied statt, ob 
man die beiden sich berührenden Punkte vorstellt, als einer Ebene, 
oder als einer gekrümmten Fläche angehörig. 

S. 30. Was aber die Geschwindigkeit betrifft, so ist schon 
oben ($. 8.) bemerkt worden, dafs die Geschwindigkeit einer Oscillauion 
in jedem Punkte des Oseillauons- Raumes eine andere isı. Nun sind 
aber alle Öscillationen, welche einen Ton erregen, so schnell, dafs jeder 
Schlag für einen Augenblick gelten mufs. Legt also ein oscillirender 
Punkt der Luft, welcher in einer Secunde z Schläge macht, in dem 
kleinen Zeitraum einer ern Secunde den äufserst kleinen Raum s zurück, 
so ist es für unser Gefühl einerlei, ob der fast augenblickliche Schlag 
den Weg s in der Zeit — Secunde gleichförmig oder ungleichförmig 
zurücklegt. Betrachten wir nun die Bewegung als gleichförmig, so ver- 


5 fe 
hält sich die Geschwindigkeit, alles übrige gleich gesetzt, wie der Öseilla- 


über die Grundlehren der Akustik. 105 


tions-Raum s. Hieraus folgt also das zweite Gesetz: dafs bei un- 
veränderter Dauer der Öscillationen, d.i. bei gleichblei- 
bender Höhe eines Tones, die Stärke desselben sich wie die 
Gröfse der Öscillationsweite verhält. 

Auch dieses Gesetz bestäugt sich durch eine sehr einfache und 
allgemein bekannte Erfahrung. Wenn man eine angeschlagene Saite, 
oder noch besser eine oscillirende Summgabel verklingen läfsı, so ändert 
sich die Höhe des Tones auf keine dem geübtesten Ohr bemerkbare 
Art, d.h. die Dauer der Öscillauonen bleibt gleich; aber die Oscilla- 
tionsweiten werden immer kleiner, und mit ihnen nimmt zugleich die 
Stärke des Tones ab. 

$. 31. Hieraus ergiebt sich nun, dafs die Abnahme des Schalles 
mit der Entfernung von der Quelle des Schalles, von nichts anderem 
herrühren könne, als davon, dafs die Oscillationsweiten bei Ver- 
breitung des Schalles mit der Entfernung immer kürzer werden; denn 
die Dichtigkeit der Luft könnte nur dann einigen Einflufs haben, wenn 
der Schall aus sehr grofsen Höhen nach der Tiefe, oder umgekehrt 
fortginge. Die ersten Elemente der rein mathematischen Bewegungslehre 
sind völlig hinreichend, die Ursache und das Verhältnifs dieser Ab- 
nahme genau zu bestimmen. 

Man betrachte wieder Fig. 3, und erinnere sich alles dessen, was 
$. 18. über die Verbreitung des Schalles durch die Luft gesagt worden. 
Unter CN lege man einen Winkel NCO=NCM, und stelle sich 
unter CN die Achse eines Kegels MCO vor, dessen Spitze in C liegt. 
Dieser Kegel umfasser alle Schall-Stralen, die sich von C aus inner- 
halb seines Raumes ausbreiten können. Man wähle auf einer der von 
C aus gezogenen Linien, etwa auf CN, zwei Punkte Y und K beliebig, 
und lege durch diese aus dem Mittelpunkt C zwei Kugelflächen, von 
welchen die in den Kegel fallenden Stücke PQ und RS kreisförmige 
Abschnitte sind. In jedem dieser Abschnitte befinden sich alle Punkte 
der Luft in gleicher und gleichzeitiger Oscillaion; und zwar, wenn PQ 
in einer Verdichtung liegt, von C abwärts; wenn aber RS in einer Ver- 
dünnung liegt, gegen C hinwärts. Nun kann, nach den Grundlehren 
der Mechanik, kein Körper mehr Bewegung mittheilen, als er selbst hat, 

Phys. Klasse 1824. OÖ 


106 FıscHer 


woraus folgt, dafs in der kreisförmigen Fläche PQ nicht mehr oder 
weniger Bewegung seyn kann, als in RS. Da nun die oscillirenden 
Massen in beiden Flächen gleiche Dichtigkeit haben, so kann der Fode- 
rung, dafs in PQ und RS gleichviel Bewegung seyn soll, nur da- 
durch Genüge geschehen, dafs die Öscillationsweiten in RS in dem- 
selben Verhältnifs kleiner sind, als in PQ, in welchem die Fläche 
RS gröfser ist als PQ. Nun stehen diese Flächen im geraden Ver- 
hältnifs mit den Quadraten der Halbmesser CH und CK; folglich 
mufs die Gröfse der OÖscillationsweiten, und mit ihnen die 
Stärke des Schalles im umgekehrten Verhältnifs mit den 
Quadraten der Entfernung stehen. 

$. 32. Da wir bei dem Beweise vorausgesetzt haben, dafs der 
Schall von dem einzigen Punkte C ausgehe, so ist klar, dafs es in 
voller Strenge auch nur für diesen idealischen Fall gelte. Verbreitet 
sich aber ein Schall von mehreren Punkten, das Ohr hat aber eine 
solche Stellung, dafs man ohne erheblichen Fehler sagen kann: es sei 
von jedem schallenden Punkte gleichweit entfernt, so befolgt die Stärke 
des Schalles in jedem Stral den das Ohr erhält, dieses Gesetz, und so 
wird das Gesetz auch unter diesen Voraussetzungen anwendbar bleiben. 
Dieses wird also der Fall seyn, wenn entweder der Raum aus welchem 
der Schall kommt, wirklich sehr klein, oder wenn er wenigstens im 
Verhältnifs gegen die Entfernung des Ohres klein ist. 

Kommt dagegen der Schall aus mehreren Punkten, deren Enifer- 
nung vom Ohr sehr verschieden ist, wie wenn z.B. 4B Fig. 4. eine 
schallende Saite, in C aber das Ohr wäre, so würde es zwar nicht 
unmöglich, aber doch immer etwas schwierig seyn, die Stärke des 
Schalles in C zu bestimmen, weil man dazu die Öscillationsweite des 
Luft-Theilchens € berechnen müfste, welche das Resultat aller Oscilla- 
tionsschläge ist, welche der Punkt C durch alle von 42 kommenden 
Stralen erhält. Indessen ist eine genauere Schätzung der Stärke des 
Schalles unter diesen Umständen selten oder nie ein Bedürfnifs, und es 
ist hinreichend, nur zu bemerken, dafs der Schall um so stärker 
wird, je gröfser die Anzahl der Punkte ist, von welchen 
das Ohr in C Schall-Stralen erhält. Welches dritte Gesetz, 


über die Grundlehren der Akustik. 107 


ungeachtet seiner Unbestimmtheit, demohngeachtet sorgfälig zu be- 
merken ist, weil man es zur richtigen Beurtheilung vieler Erschei- 
nungen nicht entbehren kann. 

$. 33. Mit dieser Theorie von der Stärke des Schalles müssen 
wir eine sehr merkwürdige und lehrreiche Beobachtung des Herrn Biot 
verbinden. An eben der cylindrischen gegen 3000 Fufs langen Röhre 
von Gufseisen, die schon oben ($. 16.) erwähnt worden, beobachtete er, 
dafs der leiseste Schall (z.B. das Schlagen der Unruhe einer Taschenuhr) 
an dem anderen Ende, ungeachtet der grofsen Entfernung, so unge- 
schwächt gehört wurde, als ob man dichte dabei wäre. 

Dieser Erfolg konnte nur statt finden, wenn die Oscillauonsweiten 
die ganze Röhre hindurch von gleicher Gröfse blieben. Von gleicher 
Gröfse aber konnten sie nur bleiben, wenn sie sich nicht ausbreiteten, 
und selbst nicht der innern Fläche des Eisens Oscillauonen mittheilten. 
Dieses führt aber nothwendig zu der Folgerung, dafs die Schallstralen 
längs der ganzen Röhre parallel mit der Achse fortgingen;  des- 
gleichen, dafs Schallstralen die einer Fläche parallel laufen, derselben 
keine, oder unmerklich wenig Oscillations - Bewegung mittheilen. 

8. 34. Diese Folgerungen werfen wieder Licht auf die Theorie 
der Sprach- und Hör-Röhre, an deren Gestalt man so viel, aber 
ohne allen Erfolg gekünstelt hat, weil man dabei von einer Reflexion 
der Stralen nach katoptrischen Gesetzen ausging. 

Die Erklärung der Wirkungen des Sprachrohrs ist ganz einfach 
folgende. In einer etwas langen kegelförmigen Röhre, deren entgegen- 
gesetzte Seiten nur unter einem kleinen Winkel divergiren, werden die 
Schallstralen verhindert, sich seitwärts auszubreiten, und gezwungen, fast 
parallel zu bleiben. Die äufsersten Stralen laufen parallel längs den 
Wänden, und theilen denselben wenig oder gar keine Oscillations-Bewe- 
gung mit. Daraus erklärt sich, warum zu Folge der Erfahrung die 
Materie, woraus das Rohr besteht, ziemlich gleichgülug, und dafs die 
ganz einfache schlichte Kegelgestalt die beste ist. So lange die Oscilla- 
uonen innerhalb des Rohres bleiben, können sich die Oscillauonsweiten 
nur wenig verkürzen. Tritt aber der Schall aus dem Rohre hervor, so 
werden sich zuerst nur die äufsersten Stralen seitwärts ausbreiten; in 


O2 


108 Foııssc#er 


der Mitte behalten sie aber, bis in ziemlich grofsen Entfernungen, die 
Richtung bei, welche sie im Rohr erhalten haben, bis allmälig die Seiten- 
verbreitung der äufsersten Stralen bis zur Achse des Rohres fortschreitet, 
wo dann der Schall nach den Gesetzen der freien Verbreitung fortgeht, 
doch mit einer Stärke, als käme er aus einem näher liegenden Punkte 
als aus der Mundöflnung des Rohres. 

8. 35. Auch alle Künsteleyen an der Gestalt des Hörrohres sind 
ohne alle Wirkung geblieben, oder haben wohl gar die Wirkung beein- 
trächtigt. Meines Erachtens würde auch bei''diesem die ganz schlichte 
Kegelgestalt die beste seyn. Denn die Wirkung beruhet unstreitig dar- 
auf, dafs man die Schallstralen zwingt zu convergiren, wodurch eine 
Vergröfserung der Öscillationsweiten, also eine Verstärkung des Schalles, 
entstehen mufs. Ich kann es auch nicht für vortheilhaft halten, wenn 
man das Hörrohr krümmt, ‘und den Schall nöthigt, von den innern 
Flächen reflectirt zu werden. Es giebt Hörröhre, ‘wo man dem Schall 
allerlei Flächen, an denen er sich brechen mufs, recht künstlich ent- 
gegenstellt. Die Folge ist, dafs jedes kleine in der Luft vorhandene 
Geräusch verstärkt zum Ohr gelangt, so dafs man stets ein ähnliches 
Brausen als an gewissen Muscheln hört, wodurch natürlich die Haupt- 
töne, die gehöret werden sollen, an Deutlichkeit verlieren. 


Von der Mittheilung der Oscillationen zwischen ungleichartigen 
Mitteln. 


$. 36. Bis jetzt haben wir den Schall blofs betrachtet, wie er 
sich in der Luft oder auch in einem anderen völlig gleichartigen Mittel 
fortpflanzt, oder auch in demselben Mittel durch Zurückstralung ver- 
breitet. Und wenn von der Mittkeilung der Oscillationen einer Saite, 
einer Stummgabel oder eines andern schallenden Körpers an die Luft, 
oder von der Luft an die Oberfläche eines andern Körpers die Rede 
war, so genügte es zu zeigen, dafs die mitgetheilten Osecillationen den 
mittheilenden gleichzeitig seyn müssen. Es ist aber jetzt genauer zu 
untersuchen, ob und was für Veränderungen dabei in der Gröfse der 


Öscillationsweiten, in der Stärke des Schalles, und vielleicht auch in 


über die Grundlehren der Akustik. 109 


der Art, wie sich die Stralen im Innern des Körpers verbreiten, vor- 
gehen möchten. 

Soll diese Frage mathematisch behandelt werden, so führt sie zu 
schwierigen Problemen. Aber nach dem Plane, den ich mir in dieser 
Abhandlung vorgezeichnet habe, ist die Frage mehr physikalisch als 
mathematisch zu behandeln. Doch wird es dienlich seyn, zuerst zu 
untersuchen, was aus den anerkannten Gesetzen des elastischen Stofses, 
zur Beantwortung der Frage folge. 

8.37. Dafs alle Mittheilung der Oscillationen durch den Stofs ge- 
schehe, liegt unmittelbar in dem Begriff, und aus der ungemeinen Klein- 
heit aller Oscillationsweiten darf man mit Sicherheit schliefsen, dafs die 
durch einen Öscillationsschlag entstehende Verschiebung der Theile nie 
die Gränzen der vollkommenen Elasticität überschreite. Wir haben 
ferner im 29sten $. gezeigt, dafs man zwei körperliche Punkte, die sich 
berühren, als unendlich kleine Körper von gleichem Volumen be- 
trachten könne, deren Massen sich daher wie die Dichtigkeiten der 
Materien verhalten, denen sie angehören. Nach diesen Betrachtungen 
kann man alles als gegeben betrachten, was zur Anwendung der Gesetze 
des Stofses auf die Oscillationen bekannt seyn mufs. Der Grund aber, 
warum dennoch diese Gesetze keine vollständige Beantwortung der Frage 
geben können, ist folgender. In der Theorie des Stofses betrachtet man 
zwei Körper 4 und B als völlig frei, d.h. man siehet ab von jeder 
andern mitwirkenden Kraft, obgleich in der Wirklichkeit die Mitwir- 
kung anderweitiger Kräfte gar nicht zu vermeiden ist. Dafs aber den- 
noch die Versuche, welche man mit elastischen Kugeln anstellt, den 
Erfolg ziemlich genau der Theorie gemäfs zeigen, rührt daher, weil der 
Widerstand der Luft und andere Hindernisse der Bewegung, in Rück- 
sicht des Gewichtes der Kugeln, immer nur klein sind. Ganz anders 
ist aber der Fall, wenn ein oscillirender Punkt 4 gegen einen ander- 
artigen Punkt 2 stöfst, denn dieser hat hinter sich und rund um sich 
herum eine unendliche Menge gleichartiger Punkte C, D, E, F etc., 
denen er nun seinerseits die durch den Schlag des Punktes 4 empfangene 
Bewegung mitzutheilen genöthigt ist. Aber weder der Punkt 2 selbst, 


e, in der sie sich 


noch die um ihn liegenden, können wegen der Spannung, 


110 Firis ie HER 


gegenseitig befinden, die Bewegung wirklich machen, welche sie nach 
den Gesetzen des freien Stofses machen würden. Aber dennoch ist 
klar, dafs in dem Augenblicke des Stofses in beiden das Bestreben 
nach der dadurch bestimmten Geschwindigkeit entstehe, und dafs diesem 
Bestreben auf irgend eine Art Genüge geschehen müsse. Da sich aber 
B von 4 nicht trennen, also keine andere Bewegung als 4 machen 
kann, so ist ferner klar, dafs dieses Bestreben auf die anliegenden 
Punkte ZB, C, D etc. übergehen, und allmälig durch unendlich kleine 
Incremente, oder Decremente, eine Abänderung der OÖscillationsweiten 
bewirken müsse, welches eigentlich der durch höhere Rechnung auszu- 
mittelnde schwierige Punkt ist. Man sieht indessen leicht ein, dafs man 
aus den Elementarsätzen vom Anstofs doch in jedem Fall richtig be- 
urtheilen könne, ob eine Vergröfserung oder Verkleinerung erfolgen 
müsse, und ob diese beträchtlich oder unbedeutend seyn werde. Nur 
das eigentliche genauere Maafs der Veränderungen mufs höheren Rech- 
nungen vorbehalten bleiben. 

$. 38. Die Fälle, auf deren Beurtheilung es hier besonders an- 
kommt, gehören zu den einfachsten, wo sich die Art des Erfolges selbst 
ohne Rechnung beurtheilen läfst. Die zu beantwortende Frage ist nämlich 
bestimmt folgende. Zwei körperliche Punkte 4 und Z, von gleicher 
Gestalt und Gröfse, aber verschiedener Dichtigkeit oder Masse, berühren 
sich; 3 ruht, und 4 macht einen Öscillatuonsschlag. gegen D; es fragt 
sich, was würde 3 dadurch für eine Geschwindigkeit erhalten, wenn 
es sich frei bewegen könnte. Ist die Dichtigkeit oder Masse 4 bei 
weitem kleiner als 2, so ist in seinem Schlage wenig Kraft, und in 3 
wird daher nur ein geringes Bestreben nach Geschwindigkeit entstehen. 
Ist hingegen die Masse 4 bei weitem gröfser als D, so ist der Schlag 
kräfig, und wird den Punkt Bin eine gröfsere Geschwindigkeit, als 
4 selbst hatte, zu versetzen suchen. Bestimmter läfst sich aber der 
Erfolg aus der Theorie des Stofses bestimmen. 

Die Masse 4 schlage mit der Geschwindigkeit ec gegen die Masse 
B, und diese erhalte dadurch die Geschwindigkeit » (angenommen, dafs 
sie sich frei bewegen könnte), so ist unter Voraussetzung vollkommener 
Rlasticität 


über die Grundlehren der Akustik. 441 


v= 550; woraus folgt: 4+B:24=c:!v; 
hieraus lassen sich alle hier zu beachtende Fälle beurtheilen. Nämlich: 
1)IktıB= 4, solisi ac. 
2) Setzt man BA< 4, so nähert sich das Verhältnifs 4+ 2:24 dem 
Verhältnifs 1:2 desto stärker, je kleiner 3 ist. Also ist v»>e 
und liegt zwischen den Gränzen c und zc. 


3) It 3>_4, so ist das Maafs des Verhältnisses + 2:24, nämlich 
24 
d+B’ 
diesem Fall ist also »<c, und dieses unbegränzt um so mehr, 
je kleiner 4 ist. Der Werth von » ist allezeit innerhalb der 


ein desto kleinerer Bruch, je kleiner / gegen BD ist. In 


Gränzen O0 und ce. 

Dafs die Zahlenwerthe, welche diese Formeln geben, in der An- 
wendung auf Öscillationen nicht richüg sind, dafs sie aber dennoch 
richtig anzeigen, ob eine Vergröfserung oder Verkleinerung der Oscilla- 
tionsweiten statt finde, ist leicht einzusehen. 

8. 39. Bei der Entwickelung der Theorie des Stofses denkt man 
gewöhnlich nur an gleichartige Körper. Man kann daher zweifeln, ob 
man berechtigt sei, die Formeln auch auf den Anstofs ungleichartger 
Körper anzuwenden. Es scheint indessen die qualitative Beschaffenheit 
auf den Erfolg nur in so fern Einflufs zu haben, als davon die Dichtig- 
keit und die Gränzen der vollkommenen Elasuicität abhängen; doch ver- 
dienten die Gesetze des Anstofses ungleichartiger Körper wol eine 
eigene Experimental - Untersuchung. 

Wir haben oben ($. 29.) gezeigt, dafs man zwei sich berührende 
Punkte als unendlich kleine Körper betrachten könne, deren Massen 
sich wie ihre Dichtigkeiten oder specifischen Gewichte verhalten. Wir 
dürfen also nur für 4 und Z in den Formeln die Dichugkeiten beider 
Materien setzen, um mit Sicherheit beurtheilen zu können, ob unter 
bestimmten Umständen eine allmälige Vergröfserung oder Verkleinerung 
der Oscillationsweiten zu erwarten sey. 

$. 40. Betrachten wir nun zuerst die Mittheilung der Oscilla- 
tionen in der Luft oder einem andern völlig gleichartigen Mittel, so 
sind die Massen 4 und B gleich, also »=:c (Nr. 1 des vorigen $.), 
d.h. in B enısteht kein Bestreben nach einer andern Geschwindigkeit, 


aD Fir:.stic 'HAE\R 


als 4 hat. Wenn daher, wie in einer cylindrischen Röhre, die Schall- 
stralen parallel sind, so müssen die Öscillationsweiten gleich, also die 
Stärke des Schalles unverändert bleiben. Divergiren hingegen die Stralen, 
so kann man die Massen / und B (nach $. 29.) nicht mehr als absolut 
gleich betrachten, sondern die Öscillationen müssen immer ausgebreite- 
teren Massen mitgetheilt werden; hierin liegt der Grund, warum die 
Öscillauionsweiten mit der Entfernung, wie oben ($. 31.) gezeigt wor- 
den, abnehmen. Convergiren die Stralen, wie in dem Hörrohr, so 
müssen sich die Oscillationsweiten (nach Nr. 2. des vorigen $.) ver- 
grölsern. 

$. 41. Wenn Öscillationen an eine anderartige Materie mitge- 
theilt werden, so sind beide fast in jedem Fall an Dichtigkeit sehr ver- 
schieden; also ist der Erfolg immer nach Nr. 2. und 3. des 38sten $. 
zu beurtheilen. 

Ist z.B. 4 Messing oder Stahl, 3 Luft, so verhält sich die Dich- 
ügkeit beider ungefähr wie 6000:14. Setzt man also 4=6000, B=1, 
so ist 4-+ 23:24 = 6001:12000, d.i. fast genau wie 1:2; also wer- 
den sich die Öscillationsweiten in der Luft von der Saite aus bis zu 
einer vermuthlich sehr kleinen Weite zuerst vergröfsern, und dann 
erst nach dem Gesetz $. 31. abnehmen. 

Wäre umgekehrt 4 Luft und 2 Stahl oder Messing, so ist 

—=4 und ZB = 6000; also 4 + B: 24 = 6001 : 2, oder ziemlich 
genau 3000 : 1; es werden also die Öscillaionsweiten ungemein klein 
ausfallen, u. dergl. m. 

Wir wollen nun versuchen, diese Ergebnisse auf einige akustische 

Erscheinungen anzuwenden. 


Von der Resonanz. 


$. 42. Was in den akustischen Schriften zur Erklärung der Reso- 
nanz gesagt wird, ist nicht nur unbefriedigend, sondern ich erinnere 
mich auch nicht einmal, irgendwo eine recht bestimmte Erklärung des 
Begriffes gefunden zu haben, indem häufig Erscheinungen, die in ihren 
äufsern Bedingungen und in ihrer Beschaffenheit das Gegentheil der 
Resonanz sind, dennoch einer Resonanz zugeschrieben werden. 


über die Grundlehren der Akustik. 143 


Den unzweideutigsten Fall einer Resonanz bietet unstreitig der 
Resonanzboden eines Saiten-Instrumentes dar. An einem Qlaviere wird 
eine Metallsaite an dem einen Ende gegen einen hölzernen Steg ge- 
drückt, der auf einem dünnen und sehr elastischen Brei, das man 
den Resonanzboden nemnt, befestigt ist. Bei Violinen findet dasselbe 
statt, nur ist der ursprünglich oscillirende Körper eine Darmsaite. Unter 
diesen Umständen werden die Öscillationen der Saite dem Steg und 
Resonanzboden mitgetheilt, die wir hier als einen Körper betrachten 
können; von dem Resonanzboden aber werden sie wieder der Luft mit- 
getheilt. Die äufsern Bedingungen der Resonanz sind also: dafs die 
Öscillationen der Saite an Holz, und von diesem an die Luft mitge- 
theilt werden. Und die Wirkung dieser Construction besteht darin, 
dafs der Ton weit stärker klingt, als wenn die Öscillationen der Saite 
blofs unmittelbar der Luft mitgetheilt werden, wie dieses der Fall ist, 
wenn man eine Saite über einen wenig elastischen Körper, z.B. über 
einen Stein oder feuchtes Holz spannt. 

Die Verstärkung des Schalles rührt von zwei Ursachen her. 

1) Aus Vergröfserung der Oscillauionsweiten. Auf einem Clavier 
gehen zuerst die Öscillaionen aus Messing in Holz über. Da nun 
Messing ungefähr 15 mal so schwer als Tannenholz ist, so kann man 
4=15, B=1 setzen. Dann ist 

4 -r B224=:16 330; 
folglich werden die Oscillaionsweiten im Holze sich fast verdoppeln. 
Dann gehen sie aus Holz in die Luft über, die ungefähr 400 mal 
leichter als Tannenholz ist. Setzt man also /=400, B=1, so ist 
A4A-+B:2Ä4= 401 :800; 
also werden die im Holze schon verdoppelten Osecillaionsweiten ungefähr 
gegen die Öscillationsweiten der Saite fast viermal vergröfsert seyn. 

Theilte dagegen die Saite ihre Oscillation der Luft unmittelbar mit, 
so ist Messing ungefähr 4000 mal dichter als Luft. Setzt man also 
A4=4000, B=1, so hat man 

A+B:24= 4001 :8000. 
Die Oscillationsweiten, welche bei dem Durchgang durch Holz vervier- 
facht worden, werden in diesem Fall nur verdoppelt. Und wenn man 

Phys. Klasse 1824. P 


114 Ehııssie MEIR 


sich auch hier auf die Zahlen 4 und 2 nicht verlassen kann, so ist 
doch gewifs, dafs die Oseillationsweiten durch die Resonanz vergröfsert 
werden. 

2) Die zweite und wichtigste Ursache der Verstärkung ist, dafs 
das Ohr nunmehr eine viel gröfsere Menge von Schallstralen erhält, 
nämlich nicht nur von jedem einzelnen Punkte der Saite, sondern auch 
von allen mitoscillirenden Punkten des Resonanzbodens. Hierbei ent- 
steht die Frage, wie weit sich wohl die Oscillauienen dem Holze mit- 
theilen, ob nur in der Nähe der oscillirenden Saite, oder in dem 
ganzen Umfang des Resonanzbodens. Begreiflich können die Oscilla- 
tionen nicht in allen Punkten von gleicher Stärke seyn; am lebhaftesten 
sind sie da, wo die oscillirende Saite den Steg drückt; von da aus 
müssen sie abnehmen, und wahrscheinlich im umgekehrten Verhältnifs 
mit den Quadraten der Entfernung; doch dürfte wohl die Lage der 
Fibern des Holzes eine andere minder regelmäfsige Abnahme der Öscil- 
lationen veranlassen. Auf jeden Fall geschieht die Abnahme allmälig 
und stätig, so dafs sich gar keine bestimmte Gränze der Öscillationen 
angeben läfst, und sie sich daher unstreitig über den ganzen Resonanz- 
boden, so weit er frei ist, verbreiten. Diese Vorstellung hat keine 
Schwierigkeit, so lange man an einen einzigen Ton denkt. Klingen 
aber mehrere Töne zusammen, so ist zwar die Einbildungskraft nicht 
mehr im Stande, anschaulich zu machen, wie in demselben Punkt zu 
gleicher Zeit, mehrere Oscillauonen bestehen können, ohne sich zu ver- 
wirren. Es ist aber schon oben ($. 19.) gezeigt worden, dafs aller- 
dings in einem Punkte der Luft vielerlei Öscillauonen zugleich be- 
stehen können, ohne sich in der Wirklichkeit und für das Gefühl zu 
verwirren. Was aber dort in Ansehung der Luft gesagt worden, ist 
für jeden anderartigen körperlichen Punkt gülug. 

8. 43. Die Richtigkeit dieser Theorie der Resonanz bestätigt sich 
auf eine sehr befriedigende Art durch die Erscheinungen der Stimm- 
gabeln. Chladni hat in seiner Akustik sehr deutlich die Art ihrer 
Öscillationen nachgewiesen. Wenn die Arme derselben durch einen 
Schlag oder auf andere Art in Oseillation gesetzt werden, so theilt sich 
die Gabel in drei Stücke vermittelst zweier Schwingungsknoten, die am 


über die Grundlehren der Akustik. 115 


untern Ende der Arme, ganz nahe bei der Verbindung beider liegen. 
Die beiden Arme schwingen zugleich einwärts und zugleich auswärts. 
Das mittlere Stück aber schlägt aufwärts und abwärts, jenes, wenn die 
Arme auswärts, dieses, wenn sie einwärts schwingen. Die Öscillationen 
dieses Mittelstückes sind also in Beziehung auf den Griff als Longitu- 
dinalschwingungen zu betrachten. 

Ist nun die Gabel in Oscillation gesetzt, und man hält den Griff 
frei zwischen den Fingern, so fühlt man zwar deutlich ihre zitternde 
Bewegung, aber der Ton den man hört ist nur schwach. Setzt man 
aber den Griff auf einen Resonanzboden, oder auch nur auf ein recht 
trockenes Brett, so wird der Ton unerwartet laut. Dafs hierbei die 
Oberfläche des Holzes rings umher oscillire, kann man mit der Hand 
fühlen, und wenn der Ton kräfug ist, selbst noch in einer nicht 
unbeträchtlichen Entfernung von der Gabel. Setzt man zwei Gabeln, 
welche verschiedene Töne geben, zugleich auf das Holz, so fühlt man 
ein verstärktes Zittern, aber das Ohr unterscheidet beide Töne deutlich, 
so dafs offenbar die in demselben Punkt des Holzes vereinigten Oscil- 
lationen sich dennoch für das Ohr nicht verwirren. 

Man sieht leicht, dafs die Erklärung dieser Erscheinungen gar nicht 
verschieden ist von der, die im vorigen $. in Ansehung des Claviers 
gegeben worden. Auch hier verhält sich die Dichtigkeit des Stahles 
zu der des Holzes ungefähr wie 15:1, und die des Holzes zu der- 
jenigen der Luft wie 4000 :4. Es müssen daher die Oscillauonen, 
welche die Luft mittelbar durch das Holz erhält, gröfser seyn, als die, 
welche sie unmittelbar vom Stahle erhält. Ueberdiefs erhält das Ohr 
hier wie dort von allen oscillirenden Punkten des Holzes, so wie von 
allen Punkten der Gabel, Schallstralen, statt dafs sie nur die letztern 
allein erhält, wenn man die Gabel frei hält, deren verhältnifsmäfsige 
Menge aber, wegen des geringen Umfanges der Gabel, viel kleiner ist. 

Durch einen kleinen Versuch kann man die Richtigkeit dieser 
Erklärung sehr anschaulich machen. Wenn man die oscillirende Gabel 
nicht wirklich auf das Holz aufsetzt, sondern demselben gleichsam nur 
unendlich nahe bringt, so treffen nur die abwärts gerichteten Schläge 
des Griffes das Holz. Dieses empfängt daher immer nur einen Schlag, 


P2 


116 HurssiocH ER 


während der Griff zweie macht. Die Folge ist, dafs man aufser dem 
Ton der Gabel auch noch ihre tiefen Octaven hört. 


Von dem Mitklingen gleichgestimmter Saiten und von der 


Aeolsharfe. 


8.44. Wenn man zwei Saiten genau in den Einklang stimmt und 
die eine allein anschlägt, so oscillirt die andere freiwillig mit, doch nur 
schwach. Man schreibt diese Erscheinung einer Resonanz zu. Es ist 
aber aus dem Inhalt der vorigen 88. klar, dafs sie mit der Resonanz 
gar nichts gemein ‚hat, weder in Ansehung der äufsern Bedingungen, 
noch in Ansehung der Wirkungen. Die Oscillaion geht hier von 
Metall in die Luft, und von dieser wieder zu dem Metall der zweiten 
Saite über, und der so erregte Ton ist sehr schwach. 

Wenn die Ösecillauionen der Luft die zweite Saite treffen, so 
wirken ihre Schläge nicht anders auf sie, als jede andere schwache 
mechanische Kraft wirken würde. Sie setzen sie in diejenigen Oscilla- 
uonen, welche die Saite vermöge ihrer Spannung leichter als jede 
andere annimmt. Diese Öscillaionen sind also als ursprünglich 
erregte, nicht als mitgetheilte zu betrachten. Und was die Stärke 
des Tones betrifli, so sind zwar die Oscillationsweiten der Luft gröfser, 
als die der ersten Saite; gehen aber diese Oscillationen aus der Luft in 
die zweite Saite über, so hat man, wenn /=1 gesetzt wird, ungefähr 
B=4000; also 4+B:24=4001:2, d.h. die Öscillationsweiten der 
Saite können gegen 2600 mal kleiner seyn, als in der Luft. Bei dem 
neuen Uebergang von der zweiten Saite in die Luft vergröfsern sie sich 
zwar wieder, können aber dennoch gegen 1000 mal kleiner bleiben, 
als die von der ersten Saite kommenden. Zwar sieht man leicht ein, 
dafs die hier gegebenen Zahlenwerthe nicht sicher sind, aber das Sach- 
verhältnifs kann kein anderes seyn. 

Eben so wenig hat das artige Spiel der Aeolsharfe den geringsten 
Zusammenhang mit der Resonanz. Der an den Saiten hinstreichende 
Luftzug, wirkt auf einzelne Theile derselben, wie jede andere mecha- 
nische Kraft, und seızt irgend einen aliquoten Theil derselben in Oseil- 


über die Grundlehren der Akustik. 117 


lationen. Das harmonische in diesem Spiel rührt aber daher, dafs die 
entstehenden Töne keine andern als die 6 oder 7 tiefen Töne der har- 
monischen oder natürlichen Tonleiter sind, also Octave, Quinte, Quarte, 
Tertie, Sexte, auch wohl Sepuime des Grundions, auf welchen alle 
Saiten des Instruments gestimmt sind. 


Ueber die Verbreitung der Oscillation in andern Mitteln 


5 
als Luft. 


8. 45. Wenn Öscillauionen auf irgend eine Art in einem Mittel 
erregt werden, welches man, so wie Luft, in allen Richtungen als 
völlig gleichartig betrachten kann, so kann sich der Schall in dem- 
selben offenbar nicht anders fortpflanzen und verbreiten, als in der Luft. 
Dieser Fall findet aber im strengsten Sinne wohl nur bei Flüssigkeiten 
statt, sie mögen tropfbar oder ausdehnsam seyn. Betrachtet man also 
den Schall als von einem einzigen Punkte eines solchen Mittels aus- 
gehend, so müssen regelmäfsige Schallwellen entstehen, deren Breite 
nur anders seyn wird als in der Luft, weil die Geschwindigkeit mit 
welcher sich der Schall fortpflanzt, in jedem Mittel anders ist. Sofern 
aber der Schall von vielen Punkten ausgeht, wie, wenn die Oberfläche 
einer Flüssigkeit durch die Luft in oscillirende Bewegung gesetzt wird, 
so werden sich zwar die Stralen auf unendlich mannigfaltige Art durch- 
kreuzen, aber dennoch werden sie eben so wenig als in der Luft ein- 
ander stöhren, und man wird nie zu einem Irrthum verleitet werden, 
wenn man jeden Schallstral, oder jeden Schallkegel gerade so betrachtet, 


als ob er ganz allein da wäre, d.h. in dem betrachteten Stral, oder in 


5 
dem betrachteten Kegel wird alles wirklich seyn, was da seyn würde, 
wenn er allein vorhanden wäre. Alle von andern Richtungen herkom- 
menden Bewegungen sind zwar in jedem Punkte auch vorhanden, heben 
aber die besonders betrachteten nicht auf, und können daher bei der 
Betrachtung aufser Acht gelassen werden. 

8. 46. Die Fortpflanzung und Verbreitung der Oscillationen durch 
das Innere fester Körper ist eigentlich der schwierigste Theil der Aku- 
stik, und man kann kaum erwarten, dafs es dem menschlichen Fleifse 


118 FıscHer 


je gelingen dürfte, die Gesetze der Öscillationen für diesen Fall, es sey 
auf dem Wege der Beobachtung oder der Rechnung, völlig ins Klare 
zu bringen. Die neuern Entdeckungen über das Gefüge der Krystalle 
haben es sichtbar gemacht, dafs selbst bei solchen Körpern, die unseren 
Sinnen sich als völlig stätige und gleichartige Massen darstellen (wie Glas, 
Metalle ete.), dennoch im Innern nicht in allen Richtungen gleiche Span- 
nung vorhanden sey, welches unstreitig einen grofsen Einflufs auf die 
Art haben mufs, wie sich die Oscillationen im Innern verbreiten. Diese 
Dunkelheit in der Theorie dürfte indessen doch keine sehr nachtheiligen 
Folgen für die Anwendungen der Akustik haben. Denn wenn wir etwa 
unsere Fensterscheiben ausnehmen, so kommt der Fall selten oder nie 
vor, dafs der Schall durch eine ganz gleichartig scheinende Masse fort- 
gepflanzt wird. Unsere massiven Wände bestehen eigentlich aus einem 
höchst unregelmäfsigen Conglomerat kleiner Körner von verschiedener 
Gröfse und Gestalt; und eben diese Unregelmäfsigkeit nähert sich wie- 
der einer nicht blofs scheinbaren, sondern wirklichen Gleichartigkeit in 
allen Richtungen. Denn wenn man in Gedanken Linien in den man- 
nigfaltigsten Richtungen zieht, so wird man schwerlich behaupten kön- 
nen, dafs in der einen mehr Spannung sey, als in der andern. Doch 
nimmt unstreitig die Spannung von oben nach unten zu wegen des im- 
mer gröfser werdenden Druckes der überstehenden Massen; aber eben 
so verhält es sich mit der Luft, mit dem Wasser, und überhaupt mit 
allen Körpern. Man darf daher wohl annehmen, dafs die Gesetze, nach 
welchen sich der Schall durch unsere Wände, oder andere grofse feste 
Massen fortpflanzt,"nicht wesentlich von denen verschieden seyn könne, 
nach welchen er sich durch ganz gleichartige Mittel verbreitet. Der 
Hauptunterschied möchte nur darin liegen, dafs die Kraft der Oscilla- 
tionen nach einem höheren Verhältnifs mit der Entfernung von der 
Stelle, von wo die Öscillationen ausgehen, abnimmt, als in der Luft, 
weil der Durchgang durch eine Menge ungleichartiger Körner, und die 
zwischen ihnen vorhandenen Pori, wohl nicht anders, als schwächend 
wirken kann. Der Durchgang durch Holz möchte vielleicht eine beson- 
dere Aufmerksamkeit der Beobachter verdienen, weil hier in verschie- 
denen Richtungen die Spannung offenbar sehr verschieden ist. 


über die Grundlehren der Akustik. 119 


8. 47. Dafs übrigens, auch abgesehen von dieser Dunkelheit, der 
Schall bei dem Durchgang durch jeden festen Körper sehr geschwächt 
werden müsse, ergiebt sich deutlich, aus der vorgetragenen Theorie. 
Wenn in einem Zimmer die Öscillationen der Luft in eine Wand, also 
aus einer sehr dünnen in eine viel dichtere Materie übergehen, so müs- 
sen sich die Öscillationsweiten schon auf der Oberfläche sehr verkleinern. 
Pflanzen sie sich dann im Innern der Wand fort, so werden sie sich 
noch stärker, als bei dem Fortgang in der Luft verkleinern. Teiler 
sie sich endlich auf der anderen Seite wieder der Luft mit, so werden 
zwar die Oscillationsweiten wieder etwas grölser, aber doch lange nicht 
so stark, als wenn sie durch blofse Luft bis dahin gelangt wären. Dafs 
übrigens der Schall destoweniger geschwächt werde, je dünner der Kör- 
per ist, durch welchen er dringt, bedarf keiner Erwähnung. Uebrigens 
folgt noch aus unserer Theorie, dafs jeder Körper olıne alle Ausnahme 
dem Schalle durchdringlich ist. 

$. 48. Wir haben oben ($. 21. f.) gezeigt, dafs die Schallstralen 
von der Oberfläche eines Körpers, nicht wie das Licht von einem Spie- 
gel sondern wie von einer unpolirten Oberfläche, zurückgeworfen wer- 
den. Erfahrung und Gründe verstatten keine andere Vorstellung. Denn 
die Erscheinungen des Wiederhalles und des Echo lassen sich auf keine 
andere Art erklären, und die Unebenheiten einer Wand verstatten den so 
feiner Theilen der Luft in keinem Fall eine so regelmäfsige Reflexion, 
als den Lichtstralen wenn sie auf eine Spiegelfläche fallen. Eben so 
kann man, meines Erachtens, durchaus nicht annehmen, dafs bei dem 
Durchgang des Schalles durch feste Körper eine solche Refraction statt 
finde, als das Licht befolgt, wenn es durch die polirte Oberfläche eines 
durchsichtigen Körpers hindurchgehet. So wie wir indessen oben als 
wahrscheinlich gezeigt haben, dafs ein Schallstıral von einer mäfsig 
ebenen Fläche nach der entgegengesetzten Seite stärker als in andern 
Richtungen reflectirt werde, eben so möchte ich es nicht für unmöglich 
halten, dafs eine Annäherung an die Refractions-Gesetze, auch bei dem 
Durchgang des Schalles durch feste Körper statt finde; und eine ganz 
regelmäfsige Refraction dürfte man schwerlich in irgend einem Fall, es 
müfste denn etwa im Wasser seyn, erwarten. 


120 Fıscuer über die Grundlehren der Akustik. 


S:c.h}uls. 


8. 49. Es scheint mir, dafs die Ansicht von den Grundlehren 
der Akustik, die ich in dieser Abhandlung entwickelt habe, zu richtige- 
ren, bestimmteren und deutlicheren Erklärungen der meisten Erschei- 
nungen führe, und dafs sie da, wo sich unausweichliche Schwierigkei- 
ten finden, wenigstens sehr bestimmt die Punkte andeute, auf deren 
fernere Erledigung es eigentlich ankommen dürfte. Glücklichere Ana- 
lytiker, denen nicht zerrissene Stunden, sondern zusammenhängende und 
ungestörte Mufse zu Gebote steht, mögen nun versuchen, ob die aus 
den akustischen Erscheinungen selbst abgeleiteten Gesetze, durch Rech- 
nung gerechtfertigt oder widerlegt werden können; und ob es überhaupt 
möglich sey, die noch vorhandenen Lücken auf dem Wege der Theorie 
auszufüllen. 


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RMANIN Ten AN SEEN SINN u: 


Ueber 
den Wasserkopf vor der Geburt, 


nebst 


allgemeinen Bemerkungen über Misgeburten. 


Von 
Hm- K. A.YRUDOLPHI. 


[Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 1. April 1824.] 


D. innere Wasserkopf ist eine der häufigsten Krankheiten, welche 
den Embryo trifft, und die nach der verschiedenen Periode, in der sie 
beginnt, sich in ganz andern Gestalten zeigt. 

Das eine Mal beginnt der innere Wasserkopf mit der Kopfbil- 
dung des Embryo’s, wenigstens früher als sich am Oberschedel Ver- 
knöcherungspunkte finden. Wir besitzen einen solchen Embryo auf 
dem Anatomischen Museum, von dem ich hier eine Abbildung vor- 
zulegen die Ehre habe, und der seiner Gröfse nach etwa zwei Monate 
alt zu seyn scheint (!). Bei diesem ist die Wasserblase über die ganze 
Basis des Schedels gleichförmig erhaben und so durchsichtig, dafs man 
bestimmt sagen kann, dafs in den obern Schedeldecken keine Verknöche- 
rungspunkte enthalten sind. Einen ähnlichen Embryo besitzt das Ana- 
tomische Museum in Breslau, wie mir Otto, der Director desselben , 
gesagt.hat. Ich selbst habe keinen solchen Fall weiter gesehn, weils 
auch von keiner Abbildung davon. Es ist auch leicht begreiflich, dafs 
nur ein seltener Zufall ein Ey darbieten kann, in dem die zarte Blase 


(') Walter (Museum anat. p.115. n.790.) nennt das Fy sechs Wochen alt, allein 
er hat alle kleinen Foetus seiner Sammlung zu jung angegeben; namentlich gilt diefs von 
seinen Skeletten der Embryonen, wovon manche um Vieles zu jung aufgeführt sind. 


Phys. Klasse 1824. Q 


1232 Buponepmı 


ganz erhalten ist. Dagegen kommen oft ältere Embryonen vor, in de- 
nen die Kopfblase zerrissen ist, und zwar in doppelter Art. Entweder 
es sind Embryonen von drei bis vier oder fünf Monaten, wo die Lap- 
pen der geplatzten Blase noch deutlich am Kopfe hängen, dergleichen 
ich hier einen Fall in einer Abbildung (Fig.2.) vorzeige, wovon wir aber 
noch mehrere besitzen: oder wir finden nur theilweise etwas von den 
Lappen der Blase, und der Schedelgrund liegt offen vor; diefs ist bei 
älteren Foetus der Fall, die häufig genug zu vollen Tagen ausgetragen 
werden, selbst zuweilen lebend auf die Welt kommen, und eine kurze 
Zeit ihr kümmerliches Daseyn fortselzen. 

Diese ist unter allen angebohrnen Misbildungen des Kopfes die 
häufigste, und solche Kinder nannte man ehmals mit Unrecht Aeephali, 
oder Acephali spurü, in neuerer Zeit Anencephali, oder Hemicephali, 
deutsch Katzenköpfe. 

Die andere Art des Wasserkopfs entsteht erst nach dem Beginnen 
der Knochenbildung, so dafs man daher keinen Knochen vermifst. In- 
dem aber das Wasser die Gehirnhölen immer stärker ausdehnt, so dafs 
sich die Wände derselben immer mehr verdünnen, nimmt die Gröfse 
des Kopfes bedeutend zu, fo dafs Schedelknochen in der gewöhnlichen 
Gröfse und Menge denselben nicht umfassen könnten. Daher bekom- 
men theils einzelne Knochen einen gröfseren Umfang, theils aber bildet 
sich in den Zwischenräumen derselben eine oft sehr grofse Menge eige- 
ner Knochenstücke. 

Von dieser Art ist mir im vorigen Jahre ein sehr seltener Fall 
vorgekommen. Die Frau eines Kutschers hieselbst gebahr nämlich den 
28. Mai ein Kind mit einem Wasserkopfe, das bis zum 20. Juni lebte. 
Am folgenden Tage erhielt ich es, nachdem ich dasselbe schon wäh- 
rend seines Lebens beobachtet hatte. 

Der Kopf hatte eine schr ausgezeichnete Gestalt, wie Fig. 3. zeigt. 
Die Stirn steigt sehr gerade zu einer beträchtlichen Höhe, und von 
der Scheitel senkt sich wieder die hintere Schedelwand jäh und sehr 
tief hinab, so dafs der Schedel hinten und nach unten am stärksten 
ausgedehnt ist. Nach Wegnahme_ der Schedeldecken sieht man auch 
eine eigenthümliche Knochenbildung (Fig. 4.5.6.). Die Surnbeine sind 
aufserordentlich grofs, und fast senkrecht aufsteigend. Die Scheitel- 


über den Wasserkopf vor der Geburt. 123 


beine sind von einer aufserordentlichen Ausdehnung, zugleich aber fast 
der ganzen Länge nach unter sich verwachsen, Etwas, wovon ich we- 
der in der Natur noch bei irgend einem Schriftsteller etwas ähnliches 
gefunden habe. Die vordere Fontanelle ist sehr grofs, allein am stärk- 
sten sind die Scheitelbeine von den Schlafbeinen, und besonders von 
dem Hinterhauptsbein entfernt; so dafs hier auch eine Menge, zum 
Theil nicht unbeträchtlicher Knochenstücke eingesprengt ist. 

Der durchsägte Schedel ward unter Wasser geöllnet, so dafs das 
Gehirn nicht zusammenfiel, und es gelang mir auf diese Art, das ganze 
Gehirn unverletzt zu erhalten, und so ist es auch noch auf dem Ana- 
tomischen Museum, und zwar als das erste Präparat der Art. Ich habe 
den Vortheil des Präparirens unter Wasser vorzüglich bei den Augen 
kennen gelernt; auf andere Weise ist es auch gar nicht möglich, das 
Gehirn zu erhalten, und deswegen ist in keinem andern Museum bis 
jetzt etwas Aehnliches vorhanden; doch hatte man auch ehemals zu sehr 
sein Augenmerk auf den Schedel bei solchen Wasserköpfen”gerichtet, 
und Gall hat das Verdienst, gegen den älteren Walter bewiesen zu ha- 
ben, dafs die grofsen, sämtlich nur innere, niemals äufsere Wasserköpfe 
sind. Gall hat auch in seinem grofsen Werke (Taf. 25.) das geöffnete 
Gehirn einer Person abgebildet, welche mit einem sehr grofsen innern 
Wasserkopfe (vier Pfund Wasser enthaltend) fünfundfunfzig Jahre alt 
geworden war. 

Die schöne Zeichnung (Fig.7.), welche ich hier von der Basis 
des Gehirns darlege, und welche ich D’Altons Meisterhand verdanke, 
sanz der beschriebenen Schedelbildung. Man findet näm- 


5 
lich, dafs das Wasser sich nach unten und hinten Platz gemacht hat, 


entspricht 


so dafs daselbst nur die Hirnhäute, kein Gehirn, zu sehen sind, und 
dieses wie scharf abgeschnitten neben den Häuten durehscheint. Auf- 
fallend ist daher auch die ungeheure Entfernung des kleinen Gehir- 
nes vom hintern Rande des grofsen. Von der obern Gehirmfläche habe 
ich keine Zeichnung besorgt, weil das Gehirn hier ganz natürlich be- 
schaffen erscheint. 

Ich habe vier bis fünf grofse innere Wasserköpfe frisch geöffnet, 
in denen aber stets die Verdünnung des Gehirns oben war, so dals es 
hier wie ein Hauch über dem Wasser unter den Gehirnhäuten lag. 


Q2 


124 Ruveoreäil 


Die Gehirnhölen waren also nach oben ausgedehnt, statt dafs sie hier 
nach unten (besonders im hinteren Horn) erweitert waren. Einmal habe 
ich, bei einem etwas über dreifsig Jahre alten Manne, der von Jugend 
auf etwas stumpfsinnig war, einen innern und äufsern Wasserkopf zu- 
gleich gefunden, und das merkwürdige Präparat ist ebenfalls auf dem 
Anatomischen Museum. Zweimal habe ich den äufseren Wasserkopf al- 
lein, allein beide Male sehr unbedeutend gefunden. 

Aufser den bisher genannten beiden Arten des inneren Wasser- 
kopfs, wo das Wasser eine gröfsere, oder allgemeine Ausdehnung bil- 
det, kommen nun auch partielle innere Wasserköpfe und zwar von 
zweierlei Art vor. 

Bei der einen ist der Schedel übrigens natürlich gebildet; nur an 
einer Stelle z.B. am Hinterhaupt ragt ein Wassersack hervor, und hier 
fehlt ein Stück des Knochens, so dafs jener Sack aus der Lücke her- 
vorhängt, Wahrscheinlich hat hier eine geringere Wasseransammlung 
früh auf eine Stelle hingewirkt, dafs nur hier der Knochen sich nicht 
hat ausbilden können, während alles Uebrige gehörig entwickelt ist. 

Bei der andern Art ist der Kopf nach Art der Katzenköpfe stark 
niedergedrückt, allein es fehlt die obere Schedeldecke nicht, sondern 
nur an einer Stelle ist eine Lücke, aus welcher der Sack hervorhängt. 
Diese Art ist sehr merkwürdig, und je nach dem Ort, wo die Lücke ist, 
verschieden ; doch ist es sehr überflüssig, 
den Grund zu einer eigenen Species hernehmen, und diese mit einem 


aus jedem verschiedenen Orte 


eigenen Namen belegen zu wollen, wie Geoffroy in dem gleich zu 
nennenden Werke thut. 


Der Wasserkopf der ersten Art, aus dem die Halbköpfe entstehen, 
ist als solcher häufig bestritten; doch glaube ich, dafs es weniger oft 
geschehen seyn würde, wenn die Schriftsteller solche Präparate, wie 
Fig.1. und 2., zur Hand gehabt hätten. Denn hier läfst sich auf das 
Deutlichste die Zerreifsung der Blase nachweisen, welche Manche geläug- 
net haben, indem sie glaubten, dafs der Foetus eine solche Zerreilsung 
nicht überleben würde. Dagegen hat aber Meckel (im ersten Stück 
des ersten Bandes seines Archivs) schon sehr gute Gründe beigebracht, 
und der Augenschein beweiset es dort. 


über den MWasserkopf vor der Geburt. 125 


Zu denen, welche in dieser Misbildung keinen Wasserkopf als Grund- 
ursache ansehen wollen, hat sich neuerdings Geoffroy-St-Hilaire 
(Philosophie anatomique des Monstruosites humaines. Parıs 1822. 8.) 
gesellt, und da er einige eigenthümliche Behauptungen darüber vor- 
bringt, so will ich diese in der Kürze durchgehen, denn sonst ist die 
Sache durch Haller, Sandifort, Walter, Meckel und Otto schon 
hinreichend auseinandergesetzt, und die benannten Präparate geben den 
Ausschlag. 

Geoffroy trifft der Vorwurf, dafs er erstlich fast gar keine No- 
tz von seinen Gegnern genommen, und zweitens zu wenige Fälle beob- 
achtet hat, denn sonst würde er hier unmöglich die gröfste Gleichför- 
migkeit behaupten, wo sie nicht ist. Erslich sind die Köpfe der Em- 
bryonen, an welchen die Wasserblase zerrissen ist, sehr verschieden ; 
bald ist mehr nach vorne, bald mehr nach hinten, oder in der Mitte 
die Zerreifsung geschehen; von den Knochen, z. B. dem Hinterhaupts- 
bein, ist bald mehr, bald weniger vorhanden; bald ist das Gesicht unver- 
ändert, bald hingegen hat auch die Zerstörung dahin eingewirkt, wenn 
nämlich auch das Wasser nach unten hindrängte, wie denn die aller- 
mehrsten Verunstaltungen des Kopfs von abnormer Wasseransammlung 
herrühren. Was aber die Hauptsache isı, und worauf schon Walter 
und Meckel aufmerksam gemacht haben, bald ist viel, bald wenig vom 
Gehirn vorhanden; bald ist das Rückenmark da, bald fehlt es. 

Der Druck des Wassers hat auch keineswegs immer in dem Maafse 
Statt, dafs die Zahl der Halswirbel bis auf drei, vier oder fünf verrin- 
gert ist, wovon besonders Otto in seinen beiden Dissertationen über 
Misgeburten mehrere Fälle erzählt. Unter fünf Skeleuten von Halbköpfen 
auf dem Anatomischen Museum fehlt nur bei einem ein Paar der Hals- 
wirbel, die übrigen haben die vollständige Zahl. Unter den nicht ske- 
lettirten Katzenköpfen des Museums kann man auch leicht an der Kürze 
oder Länge des Halses auf die verschiedene Beschaffenheit schliefsen ; 
denn bei einigen ist der Kopf zwischen die Schultern niedergedrückt, 
bei andern hingegen hat der Hals die gewöhnliche Länge. 

Eine Hemmungsbildung mit Meckel und Geoffroy in diesem 
oder in jedem Wasserkopf zu sehen, scheint mir nicht richig. So lange 
der Kopf des Embryo normal beschaflen ist, kann keine widernatürliche 


126 R w:D (0: GSP. H\I 


Wasseranhäufung Statt finden; ‚mit der vermehrten Wasserbildung ist 
die Krankheit zugleich gegeben, rühre sie auch von noch so verschie- 
denen Ursachen her. 

Ich bezweifele jedoch, dafs hier je eine andere Ursache, als ein 
entzündlicher Zustand vorhanden ist, oder wenigstens eine ihm nahe tre- 
tende Congestion des Bluts, bestehe diese in Zurückhaltung oder: in An- 
drängen des Bluts. Eine Menge Abortus, besonders der späteren Zeit, 
rühren gewifs davon her, und bei einer unthäuigen Lebensart und zu 
reichlichen Nahrung der Mutter kommt. das sehr leicht. Ich habe bei 
einem nur wenig zu früh gekommenen Kinde, durchaus alle Theile des 
Körpers, selbst den Uterus nicht ausgenommen, mit Blut überfüllt und 
wie injicirt gesehen ; ich habe öfters den Kopf solcher Kinder, wie bei 
Erwachsenen beschaffen gesehen, die am blutigen Schlagflufs gestorben 
sind; bei einem sechsmonatlichen Foetus waren die Plexus choroidei der 
Seitenhölen sogar zwei dicke mit Blut erfüllte Säcke. Bei allen inneren 
Wasserköpfen, sie mochten lebend oder todt auf die Welt gekommen 
sein, fand ich einen starken Niederschlag auf der Basis der Hirmhölen, 
grade wie man es bei später entstandenen acuten Wasserköpfen antrifft, 
deren Entstehung man seit Formey mit Recht einer Entzündung zu- 
schreibt; oder wie man es in der Entzündung der äufseren Fläche des 
Herzens, oder der inneren der Bauchwände (die man fälschlich Pericar- 
ditis und Peritonitis nennt) überall findet. 

Gall’s Hypothese, dafs bei dem inneren Wasserkopf sich das 
Gehirn entfaltei, verdient wohl keine neue Widerlegung, obgleich sie 
Geoffroy auf das Neue, jedoch ohne neue Gründe, vertheidigt. 

Geoffroy’s Erklärungsweise der Katzenköpfe ist wohl die aller- 
unwahrscheinlichste. Er glaubt nämlich, dafs widernatürliche Verbin- 
dungen des Mutterkuchens mit dem Kopf des Kindes daran Schuld sind. 
Allein wenn bei dem von ihm beobachteten Falle eine solche widerna- 
türliche Verbindung Statt fand, so war diefs eher eine Folge als eine 
Ursache jenes Zustandes. Auf dem Anatomischen Museum ist ein Prä- 
parat, das ich, wie so vieles Andere Heim’s Güte verdanke, wo die 
Placenta ihren gewöhnlichen , nur sehr langen, Nabelstrang hat, über- 
diefs aber sie auch mit dem Kopfe des ungefähr fünfmonatlichen Foetus 
an einer Stelle verwächsen ist; hier ist aber kein Katzenkopf., Dagegen 


über den Wasserkopf vor der Geburt. 41.27 


haben alle unsere Fälle von diesen keine solche Verbindung gezeigt, und 
der kleine Embryo mit Wasserkopf (Fig.1.) liegt mit völlig freiem 
Kopfe. 

Nichts ist bäufiger als der Wasserkopf, nichts seltener als jene Ver- 
bindungen; man wird auch bei den Schriftstellern wenige Fälle davon 
finden; und aufser jenem oben erwähnten ist nur ein von Walter 
(Anat. Mus. p. 129. n.3016.) beschriebenes Präparat vorhanden, wo die 
Nabelschnur mit dem einen Arme verwachsen ist, obgleich der Fall auch 


nur kaum hieher gehört. Darauf ist also gewifs nicht zu rechnen. 


Zum Schlufse seyen mir noch ein Paar Bemerkungen erlaubt. 

Erstens sind gewils sehr viele Misgeburten der Schriftsteller nur 
als kranke oder durch Krankheit veränderte Embryonen zu betrachten. 
Dahin gehören alle Wasserköpfe, und zwar eben so gut, wie man Kin- 
der mit Wasser im Herzbeutel, im Bauche oder in den Nieren als kranke 
Kinder betrachtet; bei den letzteren habe ich auch gradezu einen Nie- 
derschlag der Lymphe bemerkt, wie bei den obenerwähnten Entzün- 
dungen. 

Eben so sind die Kinder, deren Extremitäten gegen den Kopf 
so sehr zurückgeblieben sind, und deren ich mehrere untersucht habe, 
nur als solche zu betrachten, bei denen die Knochenbildung fehlerhaft 
ist, ungefähr wie bei der englischen Krankheit, wohin sie auch schon 
J. H. Klein in einer (1763. 4.) zu Strafsburg erschienenen Diss. de 
Rhachitide congenita brachte. Vergl. Maur. Romberg Diss. de Rhachi- 
ide congenita. Berlin 1817. 4. 

Nicht wenige Misbildungen rühren ferner von dem kranken Ner- 
vensystem her. Dahin rechne ich namentlich alle Verdrehungen der 
Gliedmafsen , Klumphände und Klumpfüfse. In der gröfsten Mehrzahl 
finde ich sie nur bei fehlerhaft gebildetem Kopfe, wo das Gehirn be- 
trächtlich gelitten hat; sie finden sich auch daher schon bei sehr jungen 
Embryonen, wovon mehrere Beispiele auf unserm Museum vorkommen. 
An mechanische Ursachen ist bei diesen am allerwenigsten,, doch auch 
sonst nirgends bei dieser Misbildung zu denken. Nicht zu vergessen aber 
ist es, dafs ein Nervenleiden Statt finden kann, ohne dafs sichtbare Krank- 


128 Rupoourmı 


heitszustände des Gehirns gefunden werden. Wie oft leiden Schwan- 
gere von den heftigen (gewils krampfhaften) Bewegungen ihrer Früchte, 
und zu rechter Zeit bringen sie wohlgestaltete Kinder zur Welt; so kön- 
nen auch übrigens gutgebildete Kinder nur in den verzogenen Füfsen 


5 
oder Händen einen Beweis ihres ehemaligen krankhaften Zustandes 
darbieten. 

Die Fettanhäufungen, die Geschwülste aller Art sind einer krank- 
haften Reproduction zuzuschreiben, und auch sie gehören zu den Krank- 
heitsfällen, nicht zu den Misgeburten. Das Fehlen einzelner Theile 
z. B. einer Extremität, oder aller, gehört auch wohl dahin. 

Nur das sind wohl eigentlich Misgeburten, deren Entstehung in 
einer gewissen Breite des Bildungsacts seinen Grund hat, und wo da- 
durch etwas sehr Abweichendes entsteht, das als Monstrnm auffällt. 

Wenn zwei oder mehrere Keime sich jeder für sich entwickeln, 
so finden wir natürlich in jedem Kinde die Regel wieder; wenn zwei 
oder drei sich so im Bildungsact durchdringen, dafs sie einen gröfseren 
oder geringeren Zusammenhang haben, so nennen wir es ein Monstrum, 
und wenn auch alles übrigens gerundet und in der Wohlgestalt gesun- 
der Kinder erscheint. 

Wenn das Herz etwas mehr nach rechts liegt, als gewöhnlich, so 
nennen wir es noch nicht monströs, selbst kaum, wenn das Herz allein 
sich stark nach rechts gewendet hätte; wären aber dabei die Gefäfse 
aus den entgegengesetzten Hölen desselben entsprungen, läge die Leber 
links, der Magen und die Milz rechts, so ist es eine monströse Lage, 
obgleich dabei alle Theile normal gebildet seyn, und Menschen, bei de- 
nen es vorkommt, ein hohes Alter erreichen können. 

Je mehr wir die Anzahl der Misgeburten mit Grund verringern 
können, um desto mehr ist unsere Einsicht in die Krankheiten des Foe- 
tus erweitert, und ich hoffe, dafs die jetzt von so vielen Seiten mit der 
gröfsten Gründlichkeit geführte Untersuchung der Misgeburten dahin 
führen wird. 

Zweitens aber scheint mir daher keine andere Eintheilung der 
Misgeburten zulässig, als eine beschreibende. Die Eintheilung nach den 
Ursachen der Misgeburten, so oft sie auch versucht ist, halte ich für 
gänzlich unbrauchbar. Wer will sagen, ob gröfsere oder geringere 


über den Wasserkopf vor der Geburt. 129 


Energie im Zeugungsact ein in einander Greifen der Keime veranlafst; 
welche Ursache läfst sich auch nur entfernt denken, warum die Einge- 
weide in dieser oder jener Lage vorkommen ? 
Wülsten wir das, so wülsten wir Alles in der physischen Welt. 
Seit acht Jahren habe ich mich daher einer blofs auf die Bildung 
der Mis 
bedient, 
Ich theile die Misgeburten erstlich in zwei grofse Klassen ein, je 


geburten selbst beziehenden Eintheilung in meinen Vorlesungen 


nachdem sie nämlich entweder einfach oder mehrfach sind. 

Die aus einem Körper bestehenden oder einfachen Mis- 

geburten sind es entweder 
a) der Form, 
b) der Lage nach, oder 
c) nach beiden. 

Jene der Form nach monströsen Foetus haben entweder a) eine 
Bildung, die eine frühere Periode bezeichnet, oder 2) eine nicht daranf 
zurückzubringende. Die Unterabtheilungen machen sich nach den mon- 
strösen Organen. Man könnte auch noch füglich eine eigene Abthei- 
lung der ersten Ordnung aus den Misgeburten machen, die nur aus 
einem Theil bestehen, z. B. aus einem blofsen Kopf u. s. w. 

Die mehrfachen Misgeburten sind aus zwei oder drei organisch 
verbundenen Körpern gebildet. 

Diese bestehen wiederum entweder aus gleich oder aus ungleich 
entwickelten Körpern. 

Die gleich entwickelten Körper haben sich entweder nur in ein- 
zelnen Theilen verbunden, wo man sie nach diesen aufzählt, oder die 
Körper haben sich so durchdrungen, oder sind so zusammen geschmol- 
zen, dafs zum Beispiel die beiderlei Kopfknochen so verbunden sind, 
dafs vorne und hinten an dem grofsen Kopfe ein Gesicht, oder vorne 
und hinten ein Hinterkopf vorhanden ist; dafs beide Stämme nur eine 
Brust-, eine Bauchhöle ausmachen, wonach wieder abgetheilt wird. 

Die ungleich entwickelten sind entweder so beschaffen, dafs der 
gröfsere den kleinen umfafst, Foetus in Foetu, und der kleinere kann 
an verschiedenen Stellen liegen, wonach am besten die Unterabtheilung 
geschieht; oder ein mehr oder weniger entwickelter Körper, oder ein 


Phys. Klasse 1824. R 


130 Rupoupmı über den Wasserkopf vor der Geburt. 


Theil, ist an den andern angehängt, und zwar wieder auf sehr verschie- 
dene Art. — Auf die Misbildungen nach Form und Lage kann bei den 
mehrfachen Misgeburten noch besondere Rücksicht genommen werden. 
Diese Eintheilungsweise bietet den Vortheil dar, dafs man alle in 
Monographien oder andern Schriften bisher verzeichneten Misgeburten 
leicht unterbringen, und jeden vorkommenden Fall damit eben so leicht 
vergleichen kann; etwas das bei der bisherigen Behandlung unmöglich 
war. Eine gute Uebersicht aller Misgeburten wüfste ich auf keine an- 


dere Arı zu geben. 


—Z NANNTEN 


Anatomische Bemerkunsen 


o 
von“ 
. 


H” K. A. RUDOLPHI. 


[Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 21. October 1824.) 


8 


Ueber den Orang-Utang, und Beweis, dafs derselbe ein 


junger Pongo sel. 


Tiiesius ('!) hat der Naturgeschichte einen sehr wesentlichen Dienst 
geleistet, wie er die Meinung aufstellte, dafs der. kleine (oder eigentlich 
gewöhnlich allein so heifsende) Orang-Utang mit dem grolsen, oder 
Wurmb’s Pongo (?) Ein Thier sei, während man sie sonst in ganz ver- 
schiedene Abıheilungen der Allen brachte, wie auch noch von Cuvier 
in seinem Regne animal distribue d’apres son organisation (Paris AS1T. 8.) 
geschehen ist, indem er die Orangs (S. 102.) und die Pongos (S. 111.) 
weit auseinander stellte. Späterhin hat er jedoch auch die Vermuthung 
aufgestellt, dafs der Pongo ein erwachsener Orang-Utang sei, wie sein 
Bruder (F. Guvier Des Dents des Mammiferes 1. livr. Paris 1821.8. p.10.) 
angiebt. Tas Pa! 


(') Naturhistorische Früchte der unter Krusenstern vollbrachten Erdumseglung. 
St. Petersburg 1813. 4. S. 109-130. Bemerkungen über den Jocko oder Orang-Outang 
von Borneo, Simia Satyrus L. mit zwei schönen Kupfertafeln, Tab. 94. u. 95. des 
Krusensternschen Atlas. 

(?) Beschryving van de groote Borneoosche Orang- Qutang .of.de Oost-Indische 
Pong», door F. Baron van Wurmb. In Verhandelingen van het Bataviaasch Genot- 
schap der Konsten en Wetenschappen. T’'weede Deel. Roterdam en Amsterdam 1784. 8. 


p. 245-261. 
R.2 


132 Rupdorernuı 


Das Thier, welches Tilesius in Macao in China lebendig zu unter- 
suchen Gelegenheit hatte, war weiblichen Geschlechts, ungefahr 30 Zoll 
lang, mit langen Armen versehen, so dafs diese von der Achselgrube bis 
zur äufsersten Fingerspitze 27 bis 28 mafsen, während die Entfernung 
von dem Schenkel bis zur Fufssohle nur 14 bis 15 Zoll bewug. Das 
Thier war sehr jung, jedoch schon von verhältnifsmäfsig grolser Stärke, 
und hatte die Nägel an allen vier Daumen, die P. Camper den srolsen 
Zehen des Orang-Utangs, nach den ihm davon zu Gesicht gekommenen 
Exemplaren, gänzlich absprechen wollte. 

Der grofse männliche Orang-Utang, welchen der Baron v. Wurmb 
untersuchte, und welcher auch an allen vier Daumen kleine Nägel hatte, 
war 3 Fuls 10% Zoll Rheinl. lang, und die Länge der Arme betrug 
3 Fufs 5 Zoll. Er spricht zwar von breiten Schneidezähnen und grolsen 
Eckzähnen des T'hiers, jedoch ohne deren Maafse anzugeben, und ohne 
Frage war dasselbe auch noch nicht völlig ausgewachsen , oder wenig- 
stens kein grofses Exemplar, obgleich Wurmb angiebt, dafs dieser 
Orang-Utang wegen seiner Stärke schwer zu erhalten sey, und dafs 
sich auch dieses Thier mit starken abgebrochenen Baumzweigen so 
hefüg zur Wehr gesetzt hatte, dafs es unmöglich war, dasselbe lebend 
zu fangen. 

Die nach Europa lebend gekommenen Orang-Utangs waren, bis 
auf. eine gleich zu nennende Ausnahme, klein und schwächlich und 
starben bald. ‚Nur das von Abel (!) mitgebrachte Thier nämlich hat 
sich länger erhalten; doch weifs ich nicht, ob es noch lebt; allein 
Lawrence (?), der es länger beobachtete, giebt zugleich an, dafs es 
sich immer mehr dem Pongo in der Bildung zu nähern anfange. 

\Wenn man. die. genaue. Beschreibung des Orang-Utangs bei dem 


wefllichen Peter Camper (*) durchgeht, so sieht man auf den (ersten 


(') Clarke Abel Narrative of a Journey in the interior of China. Lond. 1818. 
4.,p. 320. u. p.365., mit. einer illum. Abbildung des O. U, 

() W. Lawrence Lectures on Physiology, Zoology and the Natural History. of 
Man. Lond. 1819. 8. p. 131. Er sagt auch, dafs Cuvier in einer (nicht gedruckten) 
Abhandlung die Identität. des Orang-Utang und Pongo vermuthe. 

2) Naturgeschichte ‚des Orang - Utang und einiger andern ‘Allenarten. Düsseldorf 


1791. 4. 8.186. u. 188. 


anatomische Bemerkungen. 153 


Blick, welch’ ein junges Thier er beschreibt, und er spricht auch selbst 
davon, indem er der getheilten Beckenknochen und der noch knorpe- 
ligen Sesambeinchen erwähnt. Wäre er darauf gefallen, die vordere‘ 
Wand der Kiefer. wegzunehmen, so wäre freilich die Sache gleich ent- 
schieden gewesen. 

Mir schien Tilesius Hypothese höchst annehmlich, weil ich junge 
und alte Mandrils (Simia Maimon) zu vergleichen Gelegenheit hatte, und 
den Schedel der jungen Thiere durchaus nicht Pavians-artig fand, wie 
ich auch in meiner Physiologie (T.1.S. 23.) bemerkte. 

Um zur völligen Gewilsheit zu gelangen, liefs ich bei dem jungen 
Mandril-Schedel auf der einen Seite die Keime der bleibenden Zähne 
blofs legen, und d’Alton hat denselben in seinen Skeletten der Vier- 
händer (Taf. VIII. Fig. d.) auf das Genaueste abgebildet. 

Nach der Zeit bekam unser Museum den Schedel eines Orang- 
Utangs aus der Sammlung des für die Wissenschaften viel zu früh 
heimgegangenen Albers in Bremen, und d’Alton hat ihn auf dersel- 
ben Tafel Fig. d., so wie den Schedel des grofsen Orang-Utangs oder 
Pongo des Pariser Museums unter Fig. a. dargestellt, 

Zuerst, wie es gewöhnlich geht, war ich schon sehr erfreut, ihn 
nur äufserlich betrachten zu können, und ich hielt die nicht dicht an- 
einander stehenden Zahne, die wenigen Backenzähne, und das lockere 
Korn der Knochen für hinreichende Beweise; da ich indessen noch 
immer Zweifel hörte, ob der Orang-Utang ein junges Thier sei, so 
legte ich, wie bei dem jungen Mandril, auf einer Seite des Schedels 
die Keime der bleibenden Zähne blofs, und gebe hier davon Abbildun- 
gen in natürlicher Grölse, welche die Sache auf das Bestiimmleste ent- 
scheiden. 

Das Vorhandenseyn der Keime bleibender Zähne im Schedel des 
Orang - Utangs würde blofs beweisen, dafs es ein junges Thier sei; 
allein wenn man diese Keime naher betrachtet, vorzüglich die der mitt- 
leren Schneidezähne, so ist es klar, dafs der Kopf zu einer sehr bedeu- 
tenden Gröfse wachsen müsse, um für dieselben in ihrem entwickelten 
Zustande Raum zu haben. Alle diese Keime sind noch blofse Kronen 
ohne Schmelzüberzug, durch welchen sie natürlich an Umfang gewinnen; 


besonders gilt dies von den Eckzahnen. 


134 Ruporrınıu 


Die Gröfse der Keime der bleibenden Schneidezähne ist so be- 
trächtlich, dafs sie in dem jungen Kopfe nicht neben einander Raum 
haben, sondern der mittlere Schneidezahn liegt vorne, der äufsere hinter 
diesem, und zwar so, dafs eine dünne Knochenplatte sie von einander 
trennt. Ich kann mich nicht erinnern, irgendwo eine ähnliche Ein- 
richtung gesehen zu haben, und sie ist der schlagendste Beweis, dafs 
der Orang-Utang das Junge eines grofsen Thiers ist, und wahrscheinlich 
noch einer langen Entwicklung bedarf, denn die andern Zahnkeime sind 
gegen jene, die früher ausbrechen, noch gewaltig zurück, sowohl die 
der Eckzähne als die der hinteren Backenzähne. 

Die Länge des Keims der Krone des mittleren obern Schneidezahns 
beträgt eiwas über sieben, und die gröfste Breite beinahe sieben Linien; 
die runde Höle der Krone hat einen Durchmesser von fünf Linien. 

Die Schedel des Orang-Utangs, welche Camper (a. a. O.) und 
Blumenbach (Naturhistorische Abbild. Taf. 52.) abgebildet haben, be- 
sitzen nur zwei Backenzähne; das dem Professor Mulder in Gröningen 
zugehörige Exemplar (1) ist mit zwei oberen und drei unteren Backen- 
zähnen vorgestellt. 

Aelter ist der Schedel, den unser Museum besitzt, da sowohl oben 
als unten auf jeder Seite drei Backenzähne vorhanden sind; eben so 
viele bildet Fr. Cuvier (a. a. O. Taf. 2.) ab, vermuthet jedoch, dafs 
dem Orang - Utang eigentlich fünf Schneidezähne zukommen. Unser 
Illiger (Prodromus systematis mammalium et avium. Berolini 1811. 8.) 
schreibt ihm, wie dem Troglodytes, gradezu fünf Backenzähne zu, je- 
doch ohne zu sagen, worauf er sich stützt, denn einen Orang-Schedel mit 
so vielen Backenzähnen hat Niemand gesehen und wird ihn nicht sehen, 
weil ein so junges Thier nicht in den Kiefern für so viele Zähne Platz 
hat; und Edw. Tyson (The Anatomy of a Pygmie. Lond. 1699. 4. p. 65.) 
sagt ausdrücklich von seinem Orang von Angola oder Simia T'roglodytes, 
dafs er auf jeder Seite oben und unten vier Backenzähne habe, während 


er in der Abbildung nur oben und unten zwei Backenzühne darstellt. 


(‘) Walter Heinr. Crull: Diss. de cranio eiusque ad faciem ratione. Groning. 


1810. 8. Tab. 1. Fig.1. 


anatomische Bemerkungen A 135 


Von den drei Backenzühnen, welche bei unserm Orang - Utang- 
Schedel hervorstehen, sind wie bei einem Kinde, das diese Zahl zeigt, 
die beiden ersten Milchzähne, und der dritte ein bleibender Zahn, der 
zwar nicht ganz vollendet ist, jedoch schon zwei ziemlich starke Wur- 
zeln zeigt. Vor ihm liegen im Kiefer zwei Kronen bleibender Zähne, 
und hinter ihm eine, sowohl im Ober- als Unterkiefer. Die Krone des 
fünften bleibenden Zahns ist noch gar nicht gebildet, wie ja auch bei 
Kindern von drei Jahren noch der Keim des sogenannten Weisheits- 
zahns fehlt. 

Die Lage der Keime der bleibenden Eck- und Backenzähne beim 
Orang-Utang ist offenbar der analog, welche wir bei kleinen Kin- 
dern finden; nur die der Schneidezähne ist abweichend, wie oben an- 
gegeben ist. 

Ich glaube hinlänglich dargethan zu haben, dafs aus dem ÖOrang- 
Utang ein grofses Thier werden mufs, und bei der Aehnlichkeit des 
Pongo mit jenem, und da kein anderer grofser Affe in Java lebt, so ist 
es wol für gewifs zu halten, dafs der Orang-Utang ein sehr junger 
Pongo ist. 


136 BR%v-Do 1, P Hu 


Erklärung der Kupfertafeln. 


Taf.I. Stellt den auf dem anatomischen Museum in Berlin be- 
findlichen Schedel des Orang-Utangs von vorne vor. Auf der linken 
Seite sind die Keime der bleibenden Zähne blofsgelegt; man sieht nur 
den Keim des mittlern obern und untern Schneidezahns, weil die Keime 
der äufsern Schneidezähne hinter jenen liegen. Neben dem Keim des 
mittlern Schneidezahns liegt zunächst oben und unten der Keim des 
Eckzahns, und dieser liegt oben über den Keimen der ersten beiden 
bleibenden Backenzähne und im Unterkiefer unter denselben. 

Taf. II. Stellt denselben Schedel von der linken Seite dar. 

1) Der Keim des mitllern bleibenden Schneidezahns. 

2) Der Keim des bleibenden Eckzalıns. 

3) Der Keim des ersten, und 

4) der Keim des zweiten bleibenden Backenzahns. 

5) Die noch unvollkommenen Wurzeln des schon hervorgetrete- 

nen dritten Backenzahns ; der Keim des vierten Backenzahns. 
a) Der Keim des bleibenden mitlern obern Schneidezahns 
von vorne; 

- b) derselbe von hinten. 

c) Die Höle der Krone desselben. 
d) Der Keim des obern Eckzahns von vorne; 
e) derselbe von hinten. 

Alle Figuren sind in natürlicher Gröfse. 


wrmm.mm.nnmmev 


anatomısche Bemerkungen. 137 


IH. 
Ueber den Zitterwels. 


Der Zitterwels (‚Sdurus electricus L., nach Lacepede Malapteru- 
rus, oder richtiger Malacopterurus) ward den Naturforschern zuerst durch 
den um die Naturgeschichte vielverdienten Adanson (Histoire naturelle du 
Senegal. Paris 1757.4.8.134.) bekannt gemacht, der ihn jedoch auch 
nur flüchtig beschreibt und ohne seine Gröfse anzugeben. Er sagt: 
die Franzosen nennten ihn tremblevr, weil er nicht wie der Rochen 
(Torpedo) ein Einschlafen oder eine Betäubung (engourdissement), sondern 
ein sehr schmerzhaftes Zittern des von ihm berührten Gliedes errege. 
Das scheint jedoch nur eine Sage. Adanson selbst sagt nicht, dafs er 
ein solches Zittern empfunden habe, sondern er vergleicht es mit der 
Empfindung von dem Schlage der Leydner Flasche, und setzt hinzu, dafs 
man bei der Berührung fallen lasse, was man in der Hand habe. Das 
ist ja aber grade derselbe Fall bei der Berührung der Zitterrochen. 

Wie Adanson jenen Fisch im Senegal gefunden, so fand ihn 
Forskahl (Deserptiones animalium, quae itinere orientali observavit. Havn. 
1775. 4. p. 15. 2. 14.) im Nil; er beschreibt ein Exenplar von der 
Länge einer Spanne, also ein sehr kleines, daher giebt er auch eine 
sehr geringe Wirkung desselben an. Motus tremoris levissimus erat, adeo 
ut ex eins vi et celeritate ineptum sit derivare doloris sensum. Nihil vero 
eleetricitati magis convenit quam hie ıctus. In manum sublatus piscıs, 
aqua recens extractus, fortiter percutit cauda; fortius si sub ventre tanga- 
tur, quam lateribus, et levius, si unum tanlum attrectaveris latus. Das 
habe ich grade so bei dem Zitterrochen beobachtet. Sehr zweifelhaft 
scheint mir aber, was Forskähl hinzusetzt, falls er es nicht an einem 
ganz erschöpften Fische beobachtete. /n sola caudae werberatione vıs 
consistit; ıllam enim si tangis, aut. illa apprehensa piscem sublevas, nullo 
te ferit ietu. Die Berührung des Schwanzes könnte ja unmöglich ohne 
Erfolg seyn, wenn darin die Krafı gerade säfse. 

Phys. Klasse 1324. Ss 


138 Rvporrnı 


Forskahl beschreibt den Fisch ganz richüg, verwechselte ihn je- 
doch dem Namen nach mit dem Zitterrochen, welches auf der Reise 
wohl geschehen konnte; wäre Forskähl kein Opfer derselben gewor- 
den, so würde er wohl eine eigene Gattung daraus gemacht haben, 
welches ihm so schon das Passendste schien. 

Broussonet (Memoire sur le Trembleur, espece peu connue de pois- 
son electrigue. Mem. de d’dc. des Sciences de Paris pour 1782. 4. p. 692 
bis 698. Tab. 17.) beschrieb ihn als einen Wels. Lebend mufs er den 
Fisch nicht gesehen haben, da er nur die folgenden wenigen Worte über 
seine electrische Wirkung hat: Forskahl dit, que ses effeis electriques 
n’eloient sensibles que vers la queue; la peau qui recouvre cetie parlie nous 
a paru beaucoup plus Epaisse que celle du reste du corps, el nous y avons 
bien dislingue un tissu partieulier, blanchätre et fibreux, que nous avons 
pris pour les batteries du poisson. Diefs ist ganz falsch, wie späterhin 
aus der Beschreibung sich ergeben wird. Uebrigens hat Broussonet 
Exemplare des Fisches gesehen, die über 20 Zoll lang waren. 

Geoffroy hat ein beinahe vierzehn Zoll langes Exemplar in dem 
grofsen Werk über Aegypten (Zoologie, Poissons. Tab. 12. Fig. 1.) sehr 
gut abgebildet. Er läfst auch das electrische Organ des Fisches unter 
der ganzen Haut liegen, und aus sich kreuzenden Fibern bestehen, zu 
denen der Nerve der Seitenlinie (NV. vagus) sich begiebt. Man sieht hier- 
aus, dafs er die erste Untersuchung des Organs angestellt hat (Memoire 
sur l’anatomies comparde des organes electriques de la Raie Torpille, du 
Gymnotus engourdissant et du Suure trembleur. Annales du Musce d’Hist. 
nat. T.1.p. 392 bis 407. Tab. 26. 4.), allein seine Abbildung des Organs 
sowohl in diesem Aufsatz, als in dem gedachten grofsen Werke über 
Aegypten, ist so roh und ungenügend, dafs man darin weder den Ner- 
ven noch das Organ erkennt; es scheint eine flüchtge Skizze aus dem 
Gedächtnifs. 

Cuvier scheint den Fisch kaum selbst untersucht, oder wenigstens 
ein sehr schlecht erhaltenes Exemplar vor sich gehabt zu haben, denn 
er sagt (Regne animal T.11. p. 208.): ,‚,i paroit, que le siege de cette 
Jaculte eleetrique est un lissu parlieulier situe entre la peau et les muscles, 
et qui presente l’apparence d’un tssu cellulaire graisseux, abondamment 
pourvu de nerfs.' 


anatomische Bemerkungen. 139 


Tuckey (Relation d’une expedition au Zaire. Trad. de U’ Anglois. 
Paris 1818.8. T. 11. p.261.) erzählt von einem Fisch, der im Zaire (Congo) 
gefangen ward, und dem ‚Silurus electricus glich. Mir scheint es nach 
der kurzen Beschreibung völlig derselbe Fisch zu seyn, nur dafs er sehr 
grofs war, nämlich drei und einen halben Fufs lang. ,,Suivant le rap- 
port des naturels, lorsque ce potsson est vivant et qwon le touche, Ü com- 
munique a la main et au bras une impulsion violente, ou pour employer 
leurs expressions, Ü blesse tout a travers du bras.’’ 

Zu meiner grofsen Freude haben unsere eifrigen ägypüschen Rei- 
senden Hemprich und Ehrenberg uns ein Paar Exemplare gesandt, 
die im Nil gefangen sind, von der Grölse, wie sie Broussonet sah, 
denn das hier abgebildete Exemplar ist fast 21 Zoll lang, und das an- 
dere wenig kleiner. Die Farbe war durch den Weingeist verändert, so 
dafs man die dunkeln Flecke des Rückens nicht mehr erkennen konnte; 
allein sonst war das eine Exemplar vorzüglich so schön erhalten, dafs 
es eine genaue Zergliederung erlaubte. 

Wenn man die äufsere Haut, wie mit dem auf der ersten Tafel 
in natürlicher Gröfse vorgestellten Fisch geschehen ist, durschneidet und 
nach oben und unten zurückschlägt, so erblickt man eine eigenthüm- 
liche Haut, die, wie in der Abbildung gut angedeutet ist, aus kleinen 
länglich rautenförmigen Zellchen besteht, deren Wände blättchenarug 
an einander liegen. Auf dem Rücken und am Bauche ist diese Haut 
von der der andern Seite durch eine von der, äufsern Haut zu den 
Muskeln gehende sehnige Haut getrennt. Nach vorne geht diese Haut 
unten bis an die Kiemen, oben aber mit einem rundlich auslaufenden 
Fortsatz über die Armflofse und den hintern obern Theil des Kopfes, 
bis zum Auge hin. Nach hinten geht die Haut freilich anscheinend bis 
zur Schwanztlofse; allen nur bis etwas hinter die Bauchflofse behält 
sie ihr zelliges Wesen, und daselbst sieht man blofs eine sehnige Haut, 
(wie es auch auf der Tafel dargestellt ist,) von der gleich die Rede 
seyn wird. 

Schlägt man diese äufsere Haut zurück , (wie es auf der zweiten 
Tafel dargestellt ist,) so sieht man, dafs ihre ganze innere Fläche mit 
einer silber-glänzenden sehnigen (aponeurotischen), aus sich in verschie- 


52 


140 R\v.DYo: 1 PrmU 


denen Richtungen kreuzenden Fasern bestehenden Ausbreitung belegt ist, 
auf welcher eigentlich jene äufserlich zu sehenden Plätichen oder Zellen, 
jedoch nur bis hinter die Bauchflofse, stehen, denn hier erscheint die 
Sehne äufserlich nackt. An der innern Fläche dieser Sehnenhaut ver- 
läuft in der Mittellinie der herumschweifende Nerve, und schickt 
überall, nach unten und oben, Zweige in die Aponeurose, welche die- 
selbe durchbohren und sich in die eigentliche Zellenmasse verbreiten. 
Den Nerven begleitet ın der nämlichen Richtung eine aus dem vordern 
Theile der Aorta entspringende, und sich auf ähnliche Arı in das häu- 
tige Organ verzweigende Arterie; so wie eine Vene auf eine ganz ähn- 
liche Weise an dem Organe nach vorne verläuft, und sich in die Hohl- 
vene nahe am Herzbeutel öffnet. 

Unter dieser sehnigen Haut liegen aber keineswegs die Muskeln, 
wie Geoffroy (Ann. du Mus. p. 402. u. p. 407.) sagt, sondern es kommt 
eine diesem Fisch ebenfalls eigenthümliche, von wenigem Zellgewebe be- 
deckte, zweite Haut zum Vorschein, die auf der zweiten Tafel (6. 6. 6.) 
in ihrer natürlichen Lage vorgestellt ist, und die aus einem regellosen 
flockigen Gewebe besteht, desgleichen ich nirgends weiter gesehen habe. 
Nimmt man etwas mit der Pincette weg, so bildet es lockere Büschel 
von unordentlich verlaufenden sehr weichen Fasern. 

Schlägt man diese flockige Haut zurück, wie es auf der dritten 
Tafel dargestellt ist, so sieht man unter ihr die Muskelschicht des Kör- 
pers (4.4.) Man sieht auch einen Nerven seitlich an ihr verlaufen; 
einen Nervenast des fünften Paars nämlich, welcher mit den Rücken- 
marksnerven sich verbindet, und unter der Seitenlinie (mehr nach der 
Bauchseite) nach hinten geht, und hinter der Mitte des Körpers in die 
Muskelschicht selbst eindringt. 

Zu der flockigen Haut aber dringen von innen sehr dünne Zweige 
der Wirbelnerven (rami intercostales). 

Aus dieser Beschreibung ergiebt sich also eine gröfsere Zusam- 
mensetzung des electrischen Organs im Ziuterwels, als bisher angenom- 
men ist. Die unter der Haut (corium) liegende, aus kleinen Bläuchen 
und Zellen gebildete, an der innern Seite mit einer Aponeurose be- 
deckte Haut, zu welcher der Nervus vagus geht, ist wol ohne Zweifel 


anatomische‘ Bemerkungen. 141 


der Haupttheil; es hat auch Geoffroy in seinen Zellchen eine eyweils- 
artige Materie (!) angetroffen; allein dafs die zweite ebenfalls ganz eigen- 
thümliche, mit eigenen Nerven versehene Haut, die auch eben so wenig 
als die vorige in unserm Wels (Silurus Glanis) gefunden wird, gleich- 
falls zum electrischen Organ gehört, scheint mir aufser Zweifel, und 
ich begreife nicht, wie Geoffroy sie übersehen konnte. Es ist arch 
nicht ein einziges Organ, welches den ganzen Fisch umhüllt, sondern 
ein rechtes und linkes, die, wie ich oben gesagt, sowohl am Rücken 
als am Bauch durch eine sehnige Scheidewand getrennt sind. 

Interessant ist zu sehen, wie auch hier () die Nerven sowohl zu 
der zelligen, als zu der flockigen Haut von innen, und in ganz entge- 
gengeseizten Richtungen laufen; findet man sie dünn, so mufs man be- 
denken, dafs sie auch nur zu dünnen Häuten gehen, von denen sogar 
die eine zum Theil aponeurotisch, also nervenlos ist. Geoffroy bildet 
den Nerven des äufsern Organs sehr colossal, allein ganz widernatür- 
lich ab; er hat den Fisch aufserordentlich verkleinert, den Nerven aber 
vergröfsert. 

Vergleicht man die Bildung 


H 
welses mit dem des Zitterrochens und des Zitteraals, über welche ich 


des electrischen Organs des Zitter- 


vor drei Jahren hier ebenfalls zu lesen die Ehre gehabt habe, so geht 


(') A.a0.S.402. Ich will seine ganze Beschreibung hersetzen. L’organe eleetri- 
que du silure trembleur est etendu tout autour du poisson; il exıste immediatement 
au-dessous de la peau, et se trouve formed par un amas considerable de tissu cellu- 
laire tellement serre et epais, quau premier aspect on le prendroit pour une couche 
de lard: mais quand on y regarde de plus pres, on s’apercoit que cet organe est 
compose de wveritables fibres tendineuses ou apondvrotiques, qui sientrelacent les unes 
dans les autres, et qui par leurs diflerens entrecroisemens, forment un reseau, dont 
les mailles ne sont distinctement wisibles qua la loupe. Les petites cellules ou alveo- 
les de ce reseau sont remplies d’une substance albumino-gelatineuse. Elles ne peu- 
vent communiquer a ÜUinterieur, a cause d’une Ir&s-forte aponevrose, qui s’diend sur 
tout le reseau dleetrique, el qui y adhere au point, qu'on ne peut len separer, sans le 
dechirer: d’ailleurs cette aponevrose tient seulement aux muscles par un tissu cellu- 
laire rare et peu consistant. 

(?) Bekanntlich hat Soemmerring darauf zuerst aufmerksam gemacht, dafs die 
Nerven überall von innen zu ihren Theilen gehen, so wie auch darauf, dafs sie eigent- 


lich nach den peripherischen Ende hin zunehmen. 


142 R vD26 up mu 


eine grofse Verschiedenheit hervor, wenn man auf die äufsere Form 
sieht, allein das Wesentliche kommt doch überein. 

Hoffentlich haben Hemprich und Ehrenberg Gelegenheit ge- 
funden, das Organ ganz frisch zu untersuchen, vielleicht sogar bei dem 
lebenden Fisch, wo sich leichter das Verhältnifs der zelligen und das 
der flockigen Haut bestimmen liefse. Geoffroy sagt, dafs jene das An- 
sehen eines Specks habe, sie mufs also frisch weifs aussehen; bei den 
im Weingeist erhaltenen Fischen fand ich beide Häute von schwarzer 
Farbe, und nur die Aponeurose weils. Von Fett habe ich nichts darin 
gefunden, das würde sich nicht haben verbergen können; es erscheint 
auch weder bei dem Zitteraal noch bei dem Zitterrochen in oder an 


dem eleciwrischen Organ. 


anatomische Bemerkungen. 143 
Erklärung der Kupfertafeln. 


Tafsl: 


1.1.1.1. Die äufsere Haut in der Seitenlinie vom Kopfe bis zur 
Schwanzflofse durchschnitten und nach oben und unten 
zurückgelegt. 
2.2. Die äufsere Fläche des zelligen oder äufseren electrischen 
Organs. 
3. Vorderer Fortsatz desselben. 


> 
° 


Hinterer Theil desselben, wo nur die Aponeurose übrig 


bleibt. 
Tat. II. 


. 1.1. Die äufsere zurückgeschlagene Haut. 

2.2. Die innere oder aponeurotische Fläche des zelligen Organs. 
3.3.3. Der Nervus vagus. 
4.4.4. Die Arterie. 
5.5.5. Die Vene des electrischen Organs. 
6.6.6. Die äufsere Fläche des flockigen oder inneren elecwrischen 
Organs. 


Taf. 3]. 


1.1.1. Die äufsere zurückgeschlagene Haut. 

2.2.2. Die innere oder aponeurotische Seite der zelligen Haut. 

3.3.3. Nach oben und unten zurückgeschlagene innere Seite der 

flockigen Haut. 

4.4.4. Seitliche Muskeln des Körpers. 

5.5.5. Ein Ast des fünften Nervenpaars, welcher mit den vordern 
Rückenmarksnerven Verbindungen eingeht, und so nach 
hinten verläuft. 

An einigen Stellen hinten sieht es aus, als ob er in Zellen 
läge, die mit Wasser gefüllt wären. 


Zwischen vippennerven ‚ Nervi intercostales. 


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. Dünne Zweige derselben zur flockigen Haut. 


> 


Ss 


Rupourur anatomische Bemerkungen. 


Taf. IV. 


Zurückgeschlagene Kaumuskel. 

Geöffnete Schedelhöle. 

Das fünfte Nervenpaar. 

Ein Zweig desselben (5. 5.5. auf der dritten 
Nervus vagus. 

Dessen Kiemenast. 

Der erste Wirbelnerve. 

Die Arterie. 

Die Vene des electrischen Organs. 


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Entwurf 


eines phytologischen Pflanzensystems 


nebst 
einer Anordnung der Kryptophyten 


von 


I" H. F.LINK. 


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[Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 15. December 1824.] 


D. natürliche System ist keinesweges der Zweck der Wissenschaft, 
wie Linne wollte; es ist keinesweges die Wissenschaft selbst auf ihren 
kürzesten Ausdruck gebracht, wie Cuvier meint; aber es ist der Anfang 
der Wissenschaft, oder der Grund und Boden, woraus die Wissen- 
schaft entspriefst; es liefert die behauenen Steine, woraus das eigent- 
liche Pflanzensystem erbauet wird. Aus dem Spiele mit Achnlichkeiten 
wird man bald aufgeregt durch die Frage: wozu denn Dieses diene? 
und kommt es blofs auf Erkennung der Naturkörper an, um sich der- 
selben zu andern Zwecken zu bedienen, so bleibt immer die Frage, ob 
nicht das künstliche System weit brauchbarer sei, als das natürliche, 
besonders wenn man es in aller Strenge anwendet, ohne sich durch 
das natürliche System ‚von dem geraden Wege ableiten zu lassen. 

In allen Naturwissenschaften suchen wir das Gesetz, das heifst, 
das Beständige in der Mannichfaltgkeit der Begebenheiten und der Er- 
scheinungen. Das Gesetz bestimmt die Bedingungen, unter welchen 
diese Erscheinung wiederum hervorgebracht wird und hervorgebracht 
werden mufs, so lange die Natur als solche bleibt. Der Begriff von 
Art in der Naturgeschichte ist eine solche Gesetzesbesiimmung; er be- 
zeichnet die Beständigkeit der Gestaltung in der Reihe der Zeugungen. 
Es liegt der Begriff von Art nicht allein der ganzen Wissenschaft zum 
Grunde, sondern die Besimmung der Arten macht sogar den gröfsten 
Theil derselben aus. Allerdings haben wir hier eine Menge einzelner 

Phys. Klasse 1824. T 


146 Le & 


Gesetze, denn jede Art ist ihr Gesetz, aber es ist ein Verlangtes, ob- 
wohl nicht immer Erreichtes, diese vielen einzelnen Naturgesetze auf 
höhere zu bringen, und so die Ableitung von hohen und folglich ein- 
fachen Gesetzen darstellen zu können. Soll das System in der Natur- 
kunde irgend einen wissenschaftlichen Werth haben, so mufs es eine 
solche Ableitung von höhern Gesetzen, wenigstens vorbereiten. 

Wir setzen in den höhern Eintheilungen der Naturkörper, wie 
sie das System liefert, die Bestimmung der Arten voraus, und küm- 
mern uns nicht um die Schwierigkeiten, welche diese hat oder haben 
kann. Aber wir sollen weiter fortgehen von der Art zur Gattung, zur 
Ordnung u.s. w. und zwar auf demselben Wege, auf welchem wir zur 
Bestimmung der Art gelangten, damit wir lernen, die letztere von höhern 
Eintheilungen abzuleiten. Das Beständige der Gestaltung in der Reihe 
der Zeugungen unter den verschiedenen Einwirkungen äufserer Ein- 
flüsse bestimmten die Art; es mufs also die Beständigkeit der Gestal- 
tung auch in-den höhern Eintheilungen dasjenige seyn, worauf wir vor 
allen andern Bestimmungen sehen müssen. Es wird also das Veränder- 
liche zuerst aus den Kennzeichen aller höhern Ordnungen eben so aus- 
geschlossen, wie aus den Kennzeichen der Art; und dieses ist die erste 
Regel, welche wir zu befolgen haben. Davon waren alle Naturforscher 
überzeugt, sobald sie anfingen über Natursysteme zu urtheilen. Es bleibt 
der schlimmste Vorwurf, welchen man dem Linneischen Sexualsystem 
machen kann, dafs die Zahl der Staubfäden gar oft, die Zahl der Staub- 
wege nicht selten veränderlich ist. Aber wir gehen weiter. Das Ver- 
änderliche wird durch Beobachtung gefunden, und wir wenden es ent- 
weder nur im Allgemeinen oder Besondern an. Die Zahl der Staub- 
fäden und die davon abhängige Zahl der Blumenblätter und der Kelch- 
blätter kann allerdings nicht als Kennzeichen der Art dienen, an welchen 
man sie veränderlich beobachtet hat, aber wohl als Kennzeichen an- 
derer Arten, an welchen man sie niemals abändernd gefunden hat. 
Denn man sieht keinen Grund, warum das Kennzeichen nicht in einem 
Falle veränderlich, in einem andern hingegen beständig seyn sollte. 
Aber, indem wir uns von dem Besondern zum Allgemeinen, von der 
Bestimmung der Arten zur Bestimmung der Gattungen und Ordnungen, 
überhaupt zur höhern Eintheilung begeben, verlangen wir, dafs dieses 


Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 147 


in Folge eines Grundsatzes geschehen solle, welcher auf die Bestimmung 
der Art den gröfsten Einflufs hat, oder der Art die Besiimmung giebt, 
des Grundsatzes nämlich, welcher die Beständigkeit der Natur ausspricht. 
Es wird hieraus folgern, dafs in der Bestimmung höherer Abtheilungen 
und Ordnungen nicht allein die Kennzeichen ausgeschlossen werden, 
welche wie bei den Arten in dem besondern vorliegendem Falle, sondern 
welche in irgend einem Falle innerhalb des ganzen Gewächsreiches oder 
wenigstens in den Normalgewächsen veränderlich gefunden wurden. 

Die Naturforscher sind ins Geheim von diesem Grundsatze geleitet 
worden, ohne ihn auszusprechen. Nachdem Morison gesagt hatte, die 
Kennzeichen der Gattungen im Pflanzenreiche müsse man nur von dem 
letzten Zwecke der Vegetation (/finis ultimus), der Blüte und Frucht 
hernehmen, hat es kaum einer oder der andere Naturforscher gewagt, 
die Blätter zur Bestimmung der Gattungen und höheren Abtheilungen zu 
Rathe zu ziehen, ungeachtet man Morison sehr gut einwenden konnte, 
die Blüte sowohl als die Frucht sei nur der künftigen Blätter wegen 
vorhanden. Aber die Beobachtung, wie leicht das Blau von der unge- 
theilten zur getheilten Gestalt übergehe, ergriff die Beobachter so sehr, 
dafs sie sogleich das Blatt als höchst veränderlich für die höhere Ein- 
theilung der Gewächse verwarfen. Einige sprechen dieses klar aus, an- 
dere nehmen es stillschweigend an, ohne sich darüber zu äufsern. Sie 
bedenken nicht, dafs es weit weniger in die Augen fallende Kennzeichen 
sind, als diese Zertheilung, wodurch das Blatt nicht weniger als die 
Blüte sich das Recht erwirbt, als Quelle von Kennzeichen für höhere 
Abtheilungen angesehen zu werden. 

Die Beständigkeit des Merkmals ist also die Bedingung, ohne welche 
es nicht als auszeichnendes Merkmal anerkannt wird. Aber giebt es 
einen Rang unter diesen beständigen Merkmalen? Sind einige mehr ge- 
eignet, die höhern Abıheilungen zu bestimmen, als andere, und welche 
müssen zur Bestimmung der Gattungen, welche zur Bestimmung der 
Familien, Ordnungen und Klassen ausgewählt werden? Es ist nothwen- 
dig, bei dem Grundsatze zu bleiben, nach welchem wir die Arten un- 
terschieden haben, wenn wir nicht die höhern Abıheilungen einer blofsen 
Willkühr überlassen wollen, bei der Veränderlichkeit der Merkmale. 
Da wir nun für diese Abtheilungen alle diejenigen Kennzeichen ausge- 


T2 


148 Lınmx 


schlossen haben, welche an irgend einer ausgebildeten Pflanze veränderlich 
befunden worden, so bleibt uns hier kein anderer Unterschied übrig, als 
zwischen der gröfsern und geringern Leichtigkeit, womit die Kennzeichen 
in einander übergehen könnten. Da die Nerven eines Blattes sich ge- 
gen den Umfang immer mehr zertheilen, so ist der Uebergang aus einem 
ganzrandigen zum gesägten Blatte viel leichter, als aus einer Blattscheide 
zu einem eingesenkten Blattstiele, wo die Wendung aller Gefäfsbündel im 
Umfange des Stammes nach einer Seite erfordert wird, um den Suel 
zu bilden. Eben so kann die Verlängerung eines oder mehrerer Blu- 
menblätier vor den übrigen viel leichter geschehen, als die Verwand- 
lung einer Blüte mit unten stehenden Fruchtknoten in eine andere mit 
dem Fruchtknoten in der Mitte. Mit Recht hat man das Kennzeichen, 
ob der Embryo aufrecht oder verkehrt im Samen liege, der Gestalt 
der Frucht und des Samens zu den höhern Abtheilungen weit vorge- 
zogen, weil viele Aenderungen nöthig sind, um aus der aufrechten Lage 
eine verkehrte zu machen. Ob die Pflanzen mit einem oder zwei Blät- 
tern keimen, könnte nur ein sehr untergeordnetes Kennzeichen, höchstens 
nur zur Unterscheidung der Gattungen geben, aber der ganze Bau des 
monokotyledonen Embryo ist so sehr von dem Baue des dikotyledonen 
verschieden, dafs man dieses Kennzeichen mit Recht an die Spitze aller 
Abtheilungen gestellt hat. 

Der Uebergang aus einer Gestalt in die andere kann als Entwicke- 
lungsstufe angeschen werden. Denn in jeder Verschiedenheit kann man 
ein Mehr oder Weniger finden, und in jeder Verschiedenheit zweier 
Gestalten folglich einen Schritt zur gröfsern Entwickelung. So erhe- 
ben wir uns auch in der Betrachtung dieser Gegenstände, und entfer- 
nen uns immer mehr von dem dürren Namenverzeichnifs der Natur- 
körper, welches, obwohl nothwendig für andere Zwecke, doch niemals 
als sein eigener zu betrachten ist. Das System wird auf diese Weise 
eine Entwickelungslehre, und die Entwickelungslehre führt uns auf die 
Entstehung des Gegenstandes, welche zu kennen der höchste Zweck der 
Wissenschaft ist. 

Aber es ist nicht nothwendig, dafs alle Theile eines und desselben 
Naturkörpers auf einer und derselben Stufe der Entwickelung stehen, 
sondern ein Theil kann weiter fortgerückt seyn, als der andere. Wir 


Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 149 


sehen Pflanzen mit Schmetterlingsblüten, deren Blätter höchst unent- 
wickelt sind; wir sehen Acacien mit höchst zusammengesetzten Blättern, 
deren Blüten sehr einfach sind. Es entsteht nun die Frage: Wie ver- 
halten sich die Theile zu einander nach den Stufen ihrer Entwickelung, 
und giebt es Gesetze, welche diese Verhältnisse aussprechen? In einer 
Abhandlung über diesen Gegenstand (Abhandlungen der Königl. Akadem. 
d. Wissensch. v. J. 1822-1823. 8. 157.) habe ich folgende Gesetze fest- 
gestellt: 

1) Indem ein Theil auf derselben Stufe der Entwickelung stehen bleibt, 
gehen alle andere für sich ihre Reihen der Entwickelung durch. 
Es ist das Centrifugalgesetz der Bildungen. 

2) Befinden sich alle Theile auf ähnlichen Stufen der Entwickelung, 
so kommen diese Gestalten häufig vor, und sind nur in geringen 
Abweichungen von einander verschieden. 

3) Befinden sich aber die Theile auf verschiedenen Stufen der Ent- 
wickelung, so kommen solche Gestalten nicht allein seltener vor, 
sondern ein Theil hat auf den andern Einflufs, so dafs die Ent- 
wickelungsstufen der Theile dadurch einander genähert werden. 
Es ist das Centripetalgesetz der Bildungen. 

Die Verwandschaften der Pflanzen stellen also nicht eine einfache 
Reihe vor, oder einen Kreis, oder eine Ellipse, oder auch einen Stamm, 
eine Wurzel, sondern eine Reihe von veränderlichen Gröfsen. Man be- 
zeichne die Hauptiheile der Pflanzen mit a, 2, c,d, e u.s.w. Man 
bestimme für jeden Theil die Entwickelungssiufen a, a', a", a", a“ 
und 2, 2‘, b" u.s.w., so wird sich jede Pflanze nach ihrer Verwand- 


v 
b) a ’ 


schaft, oder ihrer Stelle im natürlichen System ausdrücken lassen, wenn 
man alle Glieder der Reihe, jedes auf seiner gehörigen Stufe beständig 
setzt. Es bedeute a den Stamm oder vielmehr die Gestalt des Stam- 
mes, b eben so das Blatt, c den Blütenstand, d die Blüte, e die Frucht. 
Nun läfst sich ein Gras überhaupt folgendermafsen ausdrücken =a-+b 
+c’"+d-+e indem die Gestalten aller Theile sehr einfach sind, und 
nur der Blüthenstand sich veränderlich zeigt, auf dieselbe Weise, wie 
an andern Gewächsen. Für ein bestimmtes Gras müfste nun noch die- 
ser Blütenstand, als eine höchst einfache Aehre c, wie an Monerma, 
oder als mehr zusammengeseizte c', wie an Zriticum u.s w. bestimmt 


150 Lınk 


werden. Eine Orchidee würde sich durch «+2'’+c'+d" re" aus- 
drücken lassen, da die Blüte als Lippenblüte einen bedeutenden Grad 
von Ausbildung erreicht hat, und eben so die Frucht als dreifächerigte 
vielsamige Kapsel. Es giebt in der Natur gar selten scharfe Abschnitte 
zwischen den Gestaltungen, daher wird es oft nöthig seyn, die Mittel- 
stufe zu bezeichnen, welches sich durch a”', a'=", a"="" u.s. w., oder 
genauer a<', a"”" u.s.f. ausdrücken läfsı. Wenn ein Glied mit 2° 
bezeichnet in der Reihe vorkommt, so würde dieses bedeuten, dafs der 
Theil zwar fehle, der Ort dafür aber vorhanden sei. 

Eine solche Reihe bezeichnet die natürliche Stelle eines Gewächses 
nur in Rücksicht auf eine bestimmte Klasse, Ordnung oder Unterord- 
nung. Der Ausdruck a’ als beständig für eine höhere Ordnung, kann 
innerhalb der Grenzen von a" für eine niedere Ordnung veränderlich 
seyn. Es ist eine geringere Veränderung, der Uebergang aus einer in 
die andere ist leichter möglich, und eben darum auch die Gestaltung 
mehr für eine niedere Ordnung bestiimmend. Eben so ist es mit den 
Theilen selbst. Für eine höhere Ordnung müssen a, b, c, d, e Theile 
bedeuten, welche für eine niedere Ordnung in kleinere zerfallen, und 
folglich mufs die Zahl der Glieder vermehrt werden, wenn die Reihe 
für eine Unterordnung gelten soll. So verwandeln wir die Reihen für 
höhere Ordnungen in Reihen für niedere, wenn wir sowohl die Theile, 
oder die Gröfsen selbst als ihre Exponenten in kleinere zerlegen. 

Nicht alle Verbindungen können wir in der Natur nachweisen, 
sondern wir treffen auf manche Lücken, welche vielleicht in der Zu- 
kunft ausgefüllt werden möchten, vielleicht in einer Vorwelt ausgefüllt 
waren, und in einer Nachwelt seyn werden. Jene Formeln machen uns 
aufmerksam auf die Lücken, und lehren uns einigermafsen im Voraus 
die Formen zu bestimmen, welche noch könnten entdeckt werden. 

Einige Veränderungen leiden jene Reihen durch das dritte Gesetz, 
welches verursacht, dafs die Glieder der Besiimmungsreihe von einander 
abhängig sind. So ist z.B. d"" nicht einerlei in der Reihe, welche mit 
a‘ anfängt, und in der-Reihe, welche mit a" anfängt. So haben die 
Orchideen eine Lippenblume, aber sie ist doch anders gebildet, als 
die Lippenblume der Labiaten. Um jedoch die Vergleichung nicht 
zu verlieren, ist es durchaus nothwendig, Theile und Gestalten nach 


Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 151 


der Analogie zu benennen, und ihnen nicht nach den verschiedenen 
Ordnungen verschiedene Namen zu geben. Es ist sehr zu tadeln, wenn 
man den Stamm der Gräser nicht caulis sondern culmus nennt, und 
wenn gar Hedwig für den Stamm der Moose einen besondern Namen 
surculus ersinnt. Es ist durchaus kein Grund vorhanden, warum man 
den Früchten der Lichenen einen andern Namen giebt, als den Früch- 
ten der Pilze. So hat man oft mit Unrecht auf Nebenbesiimmungen 
gesehen, indem man die Kunstwörter in der Wissenschaft bestimmte, 
und der vielblättrigen Blume den Namen einer corolla labiata versagt, da 
es doch nur auf die Gestalt überhaupt ankam. Am unrechten Orte hat 
man hier oft zu grofse Genauigkeit angewandt, und bei dem Blicke auf 
das Einzelne den Blick auf das Ganze verloren. Da wo es der allge- 
meinen Bestimmungen bedarf, müssen auch solche angewendet werden, 
und wo sie nicht vorhanden oder übersehen sind, mufs man sie her- 
vorheben oder machen. 

Das zweite Gesetz hat nicht sowohl Einflufs auf die phytologische 
Bestimmung der natürlichen Ordnung durch jene Reihen, als auf die 
Technik des natürlichen Systems, wie es gewöhnlich zusammengestellt 
wird. Man fand, dafs solche Ordnungen, welche man allgemein für 
natürlich erkennt, sehr viele Gattungen und Arten haben; es sind näm- 
lich solche, wo alle Theile des Gewächses auf derselben Stufe der Ent- 
wickelung stehen. Nun forderte man aber durchaus im ganzen Ge- 
wächsreiche solche gleichsam gerundete natürliche Ordnungen, und um 
diese hervorzubringen, rechnete man einzeln stehende Gattungen den 
schon bestehenden Ordnungen an, wenn sie gleich in vielen Stücken 
nicht damit übereinkamen; so wurde Eryngium eine Umbellate, Cassia 
eine Leguminose u.s. w. Ja sehr oft erklärte man geradezu, dafs man 
die Gattung vorläufig nur zu einer schon bestehenden Ordnung bringe, 
indem man hoffe, dafs daraus eine natürliche Ordnung erwachsen werde, 
wenn man noch mehr Arten kennen lerne. Diese Hoflinung ist aller- 
dings hier und da erfüllt worden; so sind die Gattungen Cueullaria und 
Qualea, jede aus ein oder zwei Arten bestehend, bereits zu einer ziem- 
lich ansehnlichen natürlichen Ordnung herangewachsen. Aber wenn die- 
ses auch hin und wieder geschieht, so mehren sich doch zugleich die 


152 LIısk 


e 


Arten der gröfsern Ordnungen so sehr, dafs im Grunde dasselbe Ver- 
hältnifs bleibt, wenn es auch nicht mehr so auffallend ist, als vorher. 

Dieses Bestreben nach gerundeten natürlichen Ordnungen, dieses 
Anreihen der Mittelgattungen oder einzeln stehenden Gattungen an schon 
bestehende Ordnungen ist nicht ganz zu tadeln, und durch alles Ta- 
deln wird man es doch nicht verbannen. Denn die Art tritt individuell 
auf, und da sich auf Kenninifs der Arten alle Kenntnifs der höhern 
Abtheilungen gründet, so verlangt man diese Individualität überall. 
Darum will man keine Mittelgattungen, keine einzeln stehende von un- 
gewisser Stellung, sondern man verlangt Ordnungen, welche aus meh- 
reren Gattungen und Arten bestehen, wie die Art nur vorhanden ist, 
wenn sich mehrere Individuen zu derselben finden. 

Wir mögen daher die natürlichen Ordnungen beibehalten, ja die 
ganze Technik des natürlichen Systems, nur wollen wir jeder natür- 
lichen Ordnung die gehörige Bestimmungsreihe vorsetzen. Pflanzen, 
welche mit der Bestimmungsreihe ganz überein kommen, sind kabitus 
genuini, angehörende; Pflanzen, welche in einem oder dem andern 
Stücke abweichen, sind habitus deliquescentis, oder angenommene. So 
ist Eryngium eine angenommene Gattung in der Ordnung der Dolden- 
gewächse, Cassia in der Ordnung der Leguminosen u.s.w. Es sind 
solche Pflanzen, bei denen einzelne Glieder der Bestimmungsreihe, welche 
sonst für die ganze Ordnung beständig sind, veränderlich werden. Wir 
mögen ferner auch diejenigen natürlichen Ordnungen beibehalten, welche 
nach einem oder einigen wenigen Theilen gebildet sind, ohne dafs man 
auf alle übrigen Rücksicht genommen, wie dieses eigentlich mit den 
Leguminosen der Fall ist, wo man nur auf die Hülse (Zegumen) sieht, 
und gar nicht auf die Blume, wie bei der Sippschaft der Mimosen, bei 
der Ceratonia Siligua u.a., oder gar nicht auf die Blätter, wie bei vie- 
len Neuholländischen Pflanzen, Platylobium u. dgl. Hier ist nur ein 
Glied der Bestimmungsreihe beständig, alle anderen sind veränderlich. 
Eben so mögen wir auch die natürlichen Ordnungen beibehalten, für 
welche sich kein einziges bestimmtes Kennzeichen angeben läfst, sondern 
viele kleine Kennzeichen den Charakter der Ordnung bilden, wie dieses 


mit den Urticeae der Fall ist. Hier sind alle Glieder der Bestimmungs- 


Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 153 


reihe veränderlich. Aber ihre Veränderungen sind innerhalb bestimm- 
ter Gränzen eingeschlossen, oder schwankend zwischen zwei nahe gele- 
genen Grenzen. Endlich mufs man wohl Rücksicht darauf nehmen, 
dafs man manche natürliche Ordnungen zum ersten Range erhoben hat, 
welche nur in einem unteren Range stehen sollten. So hat Brown mit 
Recht gesagt, dafs verschiedene kleine natürliche Ordnungen wie sie 
Jussieu in den Monokotyledonen angenommen, oder wie er selbst sie 
bestimmt hat, eigentlich in eine, die Ziliaceae, sollten zusammengestellt 
werden. Die Bestimmungsreihe für jene natürliche Ordnungen kann 
nur eine niedere seyn, als für die Ziliaceae. 

Soll die Ordnung der Natur sich deutlich darstellen, so ist es 
nöthig, nicht allein die Besimmungsreihe beständig vor Augen zu ha- 
ben, sondern auch in ihr die Reihe der Zeichen unverändert zu be- 
halten. Oder mit andern Worten: Wir werden das wahre natürliche 
System nie kennen lernen, so lange man die Kennzeichen nach Will- 
kühr bald von diesem, bald von jenem Theile nimmt, und viele ganz 
als ohne Bedeutung verwirft. Es ist nothwendig, alle Theile durchzu- 
gehen, und zwar nach der Ordnung durchzugehen, zu bestimmen, ob sie 
veränderlich oder beständig sind, auch die Gränzen innerhalb welcher 
die Veränderlichkeit fällt. Es kann oft vorkommen, ja es ist sogar noth- 
wendig, dafs eine Art oder Gattung in mehreren natürlichen Ordnungen 
oder Abtheilungen aufgeführt werde, wenn die Gestaltung zwischen 
zwei Stufen fälll. Ueberhaupt wird man davon abgehen, eine Reihe 
sowohl der Ordnungen selbst, als der Familien und Gattungen heraus- 
zwingen zu wollen, welche den Gesetzen der natürlichen Verbindungen 
ganz widerspricht; ein altes Andenken an die Idee von einer Leiter 
der Natur. 

Nach diesen Grundsätzen wollen wir nun zu den Eintheilungen 
selbst fortgehen. Es ist nicht genug, bei den allgemeinen Abtheilungen 
stehen zu bleiben, sondern wir müssen wenigstens bis zu den Gattun- 
gen selbst herabsteigen, um die Gliederung eines solchen Systems be- 
merklich zu machen. Eine solche Darstellung kann aber nicht der Ge- 
genstand einer einzelnen Abhandlung seyn, dafür ist der Umfang des 
Pflanzenreiches viel zu grofs; wir wollen also nur den Anfang des Sy- 
stems liefern, und in der Fortsetzung gelegentlich weiter gehen. Ein 


5 
Phys. Klasse 1824. U 


154 Lınk 


System, welches auf die Entwicklungsstufen des Pflanzensystems ge- 
gründet ist, mufs von dem Einfachen anfangen, und von diesem nach 
und nach zum Zusammengesetzten fortschreiten. 

Die fünf Klassen, in welche die Pflanzen nach ihren Entwick- 
lungsstufen einzutheilen sind, habe ich bereits in der Abhandlung über 
die natürlichen Ordnungen der Gewächse (s. Abhandl. für 1822-1823) 


angegeben. 


Cl. I. Cryptophyta. 


Wurzel, Stamm und Blätter sind nicht von einander getrennt. 

Wurzel, Stamm und Blätter sind in einen Theil übergegangen, 
den wir, sofern er zur weitern Verbreitung der Pflanze dient, mit 
Acharius, thallus und deutsch Sprofstheil nennen wollen. Doch hat 
Acharius das Wort nur auf die Lichenen angewandt. Das Wesentliche 
des Sprofstheiles, welches jener Schriftsteller übersah, besteht darin, dafs 
die Pflanze durch ihn fortwächst, oder Sprossen treibt. Ich habe die- 
sen Begriff von thallus in Element. Philos. botan. Berol. 1824. p. 196. 
festgesetzt. 

Die Zellen des Zellgewebes sind klein, rundlich, unregelmäfsig 
neben einander gelegt oder zusammengehäuft. Sie bilden dadurch Mem- 
branen oder zusammengesetzte rundliche Haufen. Aufser diesen Zell- 
geweben, giebt es auch noch lange Zellen oder Faserzellen, welche ent- 
weder Röhren ohne Querwände, oder auch Röhren mit Querwänden dar- 
stellen. Sie sind entweder einfach oder verästelt, und stellen den Ueber- 
gang von der Zelle zum Fasergefäfs vor. Endlich giebt es noch Zel- 
len von verschiedener Gröfse einzeln zwischen den Faserzellen zerstreut, 
und in einigen seltenen Fällen besteht die ganze Pflanze aus solchen 
grofsen Zellen (Phallus). Es scheint als ob die Natur auf diesem zu 
einfachen Wege nicht weiter konnte, und daher bald in ihren Bildun- 
gen stehen blieb. 

Es ergeben sich daraus für die innere Bildung folgende Entwick- 
lungsstufen. 

1. Der Sprofstheil fehlt ganz und gar. Zwischen Fehlen und 
Fehlen ist aber ein grofser Unterschied. Oft fehlt ein Theil so, dafs auch 
nicht ein analoger Theil dafür vorhanden ist, welches ich (Zlem. Phi. 


Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 155 


bot. p.64.) carere genannt habe. Deutsch mag es Fehlen heifsen. So 
fehlen den Kryptophyten die Blätter. Oder ein Theil fehlt so, dafs die 
analoge Stelle dafür sogleich erkannt wird, welches ich (das.) deficere 
genannt habe, und welches man deutsch Mangeln nennen kann. So 
mangelt die Blumenkrone in Alchemilla. Alles Fehlen macht ein Haupt- 
kennzeichen, aller Mangel ist unbedeutend. Hier tritt der Mangel nur 
in Rücksicht auf die unterste Bildungsstufe ein und fällt mit ihr zu- 
sammen, welches aber keinesweges im Pflanzenreiche immer der Fall ist. 
Wir treffen diesen Mangel nur bei den Pilzen an. 

Die unterste Bildung in Rücksicht auf die Structur ist, wo der 
Sprofstheil ganz und gar aus einfachen oder ästigen Röhren besteht, 
mit oder ohne Querwände. Wir wollen diesen Sprofstheil, den flocki- 
gen nennen. Die Röhren sind von einander gesondert, oder auch mit 
einander verwebt und verflochten. Diese Bildung ist der Uebergang 
aus der Zelle zum Fasergefäls, welches auf eine doppelte Weise ge- 
schehen ist; die Zellen haben sich nämlich an einander gereiht, wo- 
durch Querwände entstanden sind, oder die Zellen haben sich verlän- 
gert, und in eine Röhre ohne Querwand verwandelt. Die Pflanze ist 
hier gleichsam in ihre Gefäfse aufgelöset, und das, was in andern Ge- 
wächsen innerlich war, ist hier äufserlich geworden. Die Röhre, wie 
überhaupt die Bildung mit Querwänden steht auf einer untern Stufe, 
als da wo die Querwand völlig verschwunden und die Bildung gelun- 
gen ist, der Sprofstheil der Schimmel giebt ein Muster von dieser Bil- 
dungsstufe. 

2. Der Sprofstheil besteht aus einfachen gewundenen Fasern, 
welche ganz gefüllte Röhren oder dichte Fäden zu seyn scheinen. Ich 
finde solche Röhren oder Fasern in Spongia lacustris. Es ist immer schwer 
zu sagen, ob ein zarter Theil hohl sei oder nicht; hier spricht die Dicke 
und Gleichförmigkeit des einzelnen Fadens dafür dafs er dicht ist. 

3. Der Sprofstheil besteht aus Bündelweise zusammenliegenden, 
geraden, einander durchkreuzenden Röhren. Coenogonium. Ein eige- 
ner, sonderbarer Bau. 

4. Der Sprofstheil hat ein gleichförmiges Innere, nämlich in 
Rücksicht auf seine Structur und die einfachen Theile (partes similares) 
woraus er besteht. Es ist hier nicht von Keimkörnern, Fruchtbehältern, 


U2 


156 Lınk 


Gliederungen u. dgl. die Rede, wodurch allerdings ein Gewächs in sei- 
nem Innern sehr ungleichförmig werden kann, sondern nur von den 
Zellen, Fasergefäfsen, Membranen, woraus die Pflanze zusammengesetzt 
ist. Viele Algen. 

5. Der Sprofstheil besteht aus kleinen Zellen, welche mehr oder 
weniger rundliche Haufen bilden. Diese Haufen stellen Keimkörner 
oder Knospen (Gemmen) vor. Lichenes crustacei. 

6. Die Hauptstufe der Bildung ist wo der Ueberzug aus kleinen 
rundlichen Zellen, die Mitte hingegen aus langen Faserzellen besteht. 
Dieser Bau ist dem Baue der vollkommenen Pflanzen analog, indem die 
kleinen Zellen im Umfange die Rinde, die Faserzellen in der Mitte das 
Holz vorstellen. Doch aber leidet er manche Verschiedenheiten. .Die 
Faserzellen welche meistens einfach, seltner ästig sind, auch öfter keine 
Querwände haben, zeigen sich zuweilen ganz trocken, so dafs sie Haaren 
oder Baumwolle gleichen, wie in den Lichenen, zuweilen gallertartig, wie 
in den Tangarten. Es mangeln zuweilen die Faserzellen, wie in Gyro- 
& auf den untern Sei- 


5 
ten, wie in manchen Lichenen. Der äufsere Ueberzug besteht auch 


phora, oder es mangelt der rundzellige Ueberzu 


wohl aus gallertariigen Zellen, und nimmt den ganzen Sprofstheil ein, 
bis auf wenige, zerstreute, oft kleine Faserzellen, wie in Collema. Sehr 
selten finden sich neben den verfilzten Faserzellen noch andere in ein 
Bündel aus gleichlaufenden Fasern zusammengelegt wie in Usnea. 

Diese innere Bildung nennen wir Structur, und bezeichnen sie 
mit St., also die Stufen mit 1$t., 2$t. u.s. w. Der Bequemlichkeit 
wegen wollen wir die Zahlen vor, nicht oben an das Zeichen setzen, 
wie vorhin geschehen ist, obgleich der Ausdruck der Stufenfolge durch 
Exponenten naturgemäfser seyn möchte, als durch Coeffieienten. 

Zwar haben die Kryptophyten keine wahre Wurzel, aber viele 
derselben wurzeln doch im Boden, und oft besitzen sie daher einen oder 
mehrere Theile, welche man Wurzel nennen kann. Wenn wir also 
die äufsere Gestalt dieser Gewächse bestimmen wollen, müssen wir zu- 
erst von der Wurzel reden. Einigen fehlt die Wurzel ganz und gar, 
und diese verhalten sich auf eine doppelte Art. Die Wurzel = R. 
fehlt ihnen 1) weil der Sprofstheil überall wurzeln kann, oder weil er 
durchaus Wurzel ist wie der flockige. In diesem Falle nimmt der 


Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 157 


Sprofstheil auch zuweilen die Form der Wurzeln an, wie sie sich an 
den vollkommenen Pflanzen finden; eine Bildung, welche zwar selten aber 
doch an einigen Pilzen vorkommt. Oder die Wurzel fehlt auch, weil 
2) die Pflanze gar nicht wurzelt. Dieses findet bei einigen Wasserge- 
wächsen statt, selten auch bei einigen Gewächsen, welche lose auf der 
Erde liegen oder unter der Erde sich befinden. Oder die Pflanzen wur- 
zeln 3) mit der ganzen untern Fläche ohne besondere Theile. Die 
Theile wodurch diese Pflanzen wurzeln, sind 4) Warzen oder Verlän- 
gerungen. Endlich befindet sich an einigen 5) eine schildförmige Wurzel. 
Die drei letzten Wurzelungen sehen wir an den Lichenen. 

Die Gestalt des Sprofstheils = F erscheint 1) unbestimmt, so dafs 
von ihm etwas genommen oder ihm hinzugesetzt werden kann, ohne 
die Gestalt im Wesentlichen zu ändern, wie der flockige Sprofstheil der 
Pilze. Sie ist ferner 2) ganz rundlich; die unentwickelte Gestalt des 
Samens darstellend, wie bei den Nostochien. Oder sie zeigt sich 3) aus 
mehreren Individuen zusammengesetzt; eine Näherung zur unbestimmten 
Gestalt, z.B. die Zusammensetzung des Lichenenkörpers. Hat sich nun 
der Sprofstheil vollkommen zur Individualität ausgebildet, so erscheint er 
4) artkulirt, aus mehreren Stücken bestehend, als Uebergang zur zu- 
sammengeseizten Gestalt, wie wir es an vielen Algen sehen, oder nicht 
artikulirt, und dann 5) mehr in die Breite ausgedehnt, blattartiig, oder 
6) mehr ir die Länge ausgedehnt, eigentlich stammartig. Beide Gestal- 
tungen kommen in der Ordnung der Algen vor. 

Nach dem Sprofstheile kommt der Fruchttheil zur Untersuchung. 
Die Kryptophyten haben zweierlei Fruchtheile, wodurch sie sich fort- 
pflanzen. Die ersten sind die Keimkörner (sporonia, sporonulae) ; Kör- 
ner, welche durch die ganze Substanz des Gewächses verbreitet sind, 
und auf der Oberfläche überall, oder nur an einigen Stellen hervortre- 
ten. Diese Keimkörner habe ich an vielen Pilzen schon früher beob- 
achtet, und zwar mit den wahren Fruchtbehältern zugleich, aber ihnen 
keinen besondern Namen gegeben; auch schliefse ich nur analogisch, 
dafs die Pflanze durch sie vermehrt wird. In den Algen hat sie Vaucher 
als die Samen seiner Gattung Polyspermes angegeben, aber ebenfalls 
nicht von den Fruchtbehältern geschieden. Hedwig sah sie als die 
männlichen Geschlechtstheile der Lichenen an. Cassini säete sie aus, 


158 Lıwm x 


und erhielt daraus junge Pflanzen, eine Beobachtung, welche durch die 
wiederholten und genauen Versuche von G.F. W. Meyer nicht allein 
bestätigt; sondern auch vollkommner dargestellt ist. Es scheint, dafs die 
Keimkörner den Gemmen anderer Pflanzen ähnlich sind, und also das 
Individuum fortsetzen, da hingegen die Körner in den Fruchtbehältern 
dem Stamm analog scheinen und nur die Art fortsetzen mögen. Die Ver- 
mehrung durch Keimkörner, als allen Kryptophyten eigen, und nur we- 
nig Verschiedenheiten zeigend, denn die Entwicklung an der Oberfläche 
nähert sich nur einer bestimmten, tritt also nicht in die Reihe der Bil- 
dungsstufen ein, ausgenommen wenn der Fruchtbehälter fehlt. 

Die Reihe der Bildungen für die Kryptophyten geht von einem 
doppelten Ursprunge aus; entweder von dem Sprofstheile oder dem 
Fruchttheile. In der Gattung Sporotrichum sehen wir nur den flocki- 
gen Sprofstheil, oft ungeheuer ausgebreitet, und Keimkörner; in der 
Gattung Caeoma dagegen nur Fruchtbehälter und eine Andeutung vom 
Sprofstheil in dem Flecken des Blattes, worauf sich der Brand entwik- 
kelt. Von beiden Seiten treffen die Formen zusammen; der Fruchtbe- 
hälter bildet sich mehr aus, und fängt sogar an, selbst, unabhängig von 
dem Sprofstheile, welcher zugleich vorhanden ist, zu wurzeln und wur- 
zelähnliche Theile zu bilden, wie wir an einigen Arten von Jgaricus 
deutlich sehen; der Sprofstheil bildet sich ebenfalls aus und verwandelt 
sich in einen Theil, welcher die Pflanze nicht mehr durch Fortwachsen 
und Entwickeln neuer Theile vermehrt und vergröfsert, aus Faserzellen 
besteht mit rundlichen Zellen verwebt, der Frucht zwar zur Unter- 
stützung dient, aber doch von ihr gesondert ist. Diesen letzten Theil 
hat man Stroma, Unterlage genannt, und man sieht ihn an vielen Pilzen 
von gar verschiedener Gestalt. Das Schwanken der Gestaltung zwischen 
Fruchtbehälter und Sprofstheil mag die erste Stufe des Fruchtstandes 
seyn, welchen wir als analog dem Blütenstande, oder der Inflorescenz 
mit J bezeichnen wollen. Dann folgt 2) die Gestaltung wo der Frucht- 
behälter in dem Sprofstheile seine Entwicklung nicht allein beginnt, son- 
dern sie auch vollendet, und nun die Samen auswirft, wie es mit vielen 
Algen der Fall ist. Endlich 3) die Gestalt, wo der Fruchtbehälter inner- 
halb des Sprofstheiles die Entwicklung zwar anfängt aber nicht beendet, 
sondern ganz äufserlich wird, und auf der Oberfläche hervortritt. 


Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 159 


Da keine männliche Geschlechtstheile zu finden sind, da beim Kei- 
men auch die Fruchtkörner sich gerade zu verlängern, ohne irgend eine 
Umhüllung abzuwerfen, so bleibt es zweifelhaft ob man diese Frucht- 
körner Samen oder wie die Keimkörner Gemmen nennen soll. Ich habe 
ihnen daher den Namen sporae, Fruchtkörner, nicht Samen, gegeben, 
und dem Theile worin sie eingeschlossen, oder welchem sie zunächst an- 
geheftet sind, den Namen Fruchtbehälter (sporangium) = Sp. Er fehlt 
zuerst oft gänzlich, und an der Stelle der Fruchtkörner pflanzen Keim- 
körner die Pflanze fort. Wenn die Fruchtkörner 2) ganz nackt sind, 
so kann man nicht immer mit Sicherheit bestimmen, ob das einzelne 
Korn wirklich nur eine spora oder schon ein sporangium ist, und dann 
nenne ich das Fruchtkorn ein sporidium, eine sporidia. Zuweilen 3) lie- 
gen die Fruchtkörner innerhalb des Sprofstheils oder des stroma zer- 
streut, und nur durch ihre Gröfse von den Keimkörnern verschieden, 
wie in den Tremellen. Die Fruchtkörner befinden sich 4) an oder in 
dem Fruchtbehälter zusammengehäuft; sie sind 5) in längliche Schläuche 
(thecae) eingeschlossen, und diese wiederum in einem Fruchtbehälter 
verborgen, oder diese Schläuche überziehen 6) den Fruchtbehälter auf 
seiner äufsern Fläche. Unter Nr. 4 gehören auch die Formen, wenn in 
einem Fruchtbehälter mehrere kleinere, und in diesem erst die Frucht- 
körner befindlich sind, so wie unter Nr. 5 und 6 die Formen gehören, 
wo in einem Schlauche mehrere kleine sind. 

Nachdem wir nun die Theile der Kryptophyten nach ihren Ent- 
wicklungsstufen durchgegangen sind, wollen wir die Verknüpfungen der- 
selben aufsuchen. Wir haben zuerst: 1$. #IR+1F+1J +15. 
in einer Schimmelgattung, welche ich Sporotrichum genannt habe. Setzen 
wir zuerst das letzte Glied veränderlich, so kommen die ersten Glieder 
mit 2.$p. in den Schimmelgattungen Botrytis, Aspergillus u.s. w. vor; 
mit 3,5p. in Tremella; mit 4 Sp. in Zycoperdon u.s. w.; mit 5. Sp. in 
Sphaeria ; mit 6. Sp. in Agaricus u.s.w. Nur 1J erscheint zuweilen als 3J 
oder 5J aber höhere Formen von R und F kommen nicht vor. Kurz 
wir haben die Bezeichnung 1 St. +1R-+1F + 1.3.5 +.x5p. für 
die Pilze. Dieses giebt eine wohl gesonderte, und daher als sehr na- 
türlich erscheinende Ordnung. 


160 Lınk 


15. #HAR+F+3J + 45p. ist Spongia lacustris. Ich habe 
daran deutliche Fruchtbehälter und zwar in Menge gefunden, auch von 
bedeutender Gröfse fast wie ein Hirsekorn, von Panicum germanicum, 
grofs. Die Schale des Behälters (peridium) ist ziemlich dick, aber zer- 
brechlich, von braunrother Farbe, und hält eine Menge loser Frucht- 
körner eingeschlossen. Es ist sehr wahrscheinlich, dafs in der Gattung 
Spongia noch andere Verknüpfungen vorkommen, deren Untersuchung 
sehr zu wünschen wäre. Spongia lacustris gehört dem Thierreiche viel 
weniger an, als manche Algen. 

385. +3 R+3F+3J + 6Sp. ist das sonderbare Coenogonium. 
Wahrscheinlich giebt es in den Tropenländern noch andere Verknüpfun- 
gen mit diesem merkwürdigen Sprofstheile. 

4 St. oder die inwendig gleichförmige Swuctur ist auf mannigfaltige 
Weise verknüpft. Sie kommt vor ohne Wurzel und mit einer Wurzel, 
besonders mit einer schildförmigen, mit einem ganz runden, blattförmi- 
gen und stammförmigen Sprofstheile, mit Fruchtbehältern, welche in- 
nerlich bleiben oder auf die Oberfläche treten, und endlich mit Frucht- 
behältern von verschiedenem Baue, doch nicht mit den höhern, ausge- 
bildeten Formen derselben. Wir rechnen alle diese Gestaltungen zu 
den Algen. Doch sind Fälle, in welchen sie sich schwer von den Pil- 
zen unterscheiden lassen, und Bystus Jolithus ist bald in diese bald in 
jene Ordnung gebracht worden. Man kann nicht deutlich sehen, ob die 
Fäden hohl oder gefüllt sind; im erstern Falle wären diese Gewächse 
unbezweifelt Pilze, aber sie scheinen der Färbung wegen vielmehr ge- 
füllt. Die Fäden derselben schen allerdings aus, wie die aufrecht ste- 
henden Fäden der Schimmelarten, aber die Keimkörner bleiben inner- 
lich, und werden innerlich entwickelt und ausgeworfen, da sie hinge- 
gen in den Schimmelarten sich äufserlich sammlen. Daher möchte ich 
sie zu den Algen rechnen. Aber Byssocladium, welches die Algologen 
zu den Algen bringen. ist unbezweifelt ein Pilz, weil es die oben ange- 
gebnen Kennzeichen der Pilze hat. 

Eine sonderhare Form, zu diesen Reihen gehörig, finden wir an 
den Nostochien. Das Gewächs ist eine gallertartige, innerlich gleichför- 
mige Kugel, in welcher Faserzellen sich befinden, durch häufige Quer- 


Entwurf eines phyiologischen Pflanzensystems. 161 


wände so abgetheilt, dafs sie Reihen von rundlichen Zellen scheinen. 
In diesen Faserzellen entwickeln sich Keimkörner und schwellen oft so 
sehr an, dafs man sie für Fruchtkörner halten möchte. Die umgebende 
Gallerte schwindet nach und nach in dem Uebergange der Formen, und 
Batrachospermum ist das Innere der Nostochien für sich ausgebildet, 
und nur noch mit einem schlüpfrigen Ueberzuge versehen. 

Die inwendig gleichförmige Bildung kann zuweilen nur so erschei- 
nen, weil die gallertartigen Faserzellen sich nicht völlig entwickelt haben. 
Sie geht also zu der letzten Bildung über und die Tangarten folgen auch 
in der Reihe der Algen. 

5 St. oder der durchaus rundzellige Sprofstheil, welcher Gemmen 
darstellt, und die krustenförmigen Lichenen scharf bezeichnet, wurzelt 
immer nur mit der untern Fläche, hat eine unbestimmte Form und 
äufserliche Fruchthebälter (3 J), wenn sie auch innerlich scheinen, denn 
immer zeigt sich eine entsprechende Oeffnung in dem Ueberzuge des 
Sprofstheils. Nur der Bau der Fruchtbehälter ist verschieden und = x Sp. 
zu setzen wie in den Pilzen. Wir würden also hier wieder eine ausge- 
zeichnete natürliche Ordnung haben, wenn nicht die Kruste der Liche- 
nen sich in einen blattartigen Sprofstheil wirklich verwandelte und auch 
sonst auf mannichfaltige Weise dahin überginge. 

Die höchste Form 6 St. des Sprofstheils, welche den vollkomm- 
nen Pflanzen am nächsten steht, vereinigt sich nicht mit den niedri- 
gen Stufen der Wurzelung und der Gestalt des Sprofstheiles, auch 
nicht mit der untersten Stufe des Fruchtstandes, sonst aber mit allen 
andern Gestaltungen. Die Gewächse, welche einen solchen Sprofstheil 
haben, rechnen wir bald zu den Algen, bald zu den Lichenen. Wir 
sehen also hieraus, dafs eine scharfe Trennung zwischen diesen beiden 
natürlichen Ordnungen nicht vorhanden ist, und dafs Linne Recht hatte, 
wenn er sie vereinigte. 

Aber die Zahl der Gattungen und Arten ist für eine natürliche Ord- 
nung zu grofs, und umgekehrt ist die Zahl der natürlichen Abtheilungen 
zu grofs, wenn man sie alle trennen wollte. Wir wollen also nach 
der Bequemlichkeit verfahren, und die natürliche Ordnung der Lichenen 
herausziehen, die übrigen aber unter dem Namen der Algen vereinigt 
lassen. Die Ordnung der Lichenen wird bestimmt durch den krusten- 

Phys. Klasse 1824. X 


162 LınK&K 


artigen oder vielmehr gemmenartigen Sprolstheil 5 52. und denjenigen, 
worein er übergeht. Dieses ist der Sprofstheil mit trocknen haarförmi- 
gen Faserzellen im Innern, den wir kurz den blattartigen nennen wollen. 
Hieran schliefsen sich der Achnlichkeit wegen die Gyrophoren, denen 
die Faserzellen im Innern nur mangeln, und Collema, an denen die 
Faserzellen, durch die gallertartige zellige Umgebung von einander ge- 
trennt und entfernt sind. Auch mag man Coenogonium wegen der Aehn- 
lichkeit der Fruchtbehälter mit den Fruchtbehältern der Parmelien hier- 
her rechnen. 

Eine richtige Einsicht von der Verwandschaft der Algen und Liche- 
nen, so wie der Kryptophyten überhaupt, wird man nie erhalten, wenn 
man die Aehnlichkeiten nicht systematisch entwickelt, wenn man den 
Blick unbestimmt auf der Mannichfaltigkeit der Erscheinungen umher- 
schweifen läfst, und nach Willkühr die Ordnungen vereinigt und trennt. 
Und wenn man auch Willkühr anwendet, so mufs man nur wissen dafs 
es Willkühr ist, welche man angewendet hat. Man trenne immerhin 
die Lichenen von den Tangarten, wenn man nur weils, dafs der Tang 
ein unter das Wasser gesetzter Lichen ist, in welchem die trocknen Fa- 
serzellen zur gallertariigen Form aufgeweicht sind, und das Wasser die 
Fruchtbehälter verhindert hat, sich ganz nach aufsen zu kehren und zu 
entwickeln. Auf die Eintheilungen kommt weniger an, als auf den 
Schlüssel, welcher uns den Sinn derselben öffnet. 


O. 1. Fungit. 


Der Sprofstheil ist flockig 


oder mangelt ganz und gar. 


0’ 
Die Bedeutung dieser Besimmung, und die Reihe für die Pilze 
ist in dem Obigen deutlich genug angegeben worden. Es kommt hier 


also nur auf die Unterabtheilungen an. Der Sprofstheil hat in der gan- 
zen Ordnung dieselbe Gestalt, und sein Mangel kann keine Kennzeichen 
geben; es kann also nur das Verhältnifs des Sprofstheiles zum Frucht- 
theile und dieser selbst in Betrachtung gezogen werden. In Rücksicht 
auf jenes Verhältnifs befindet sich der Fruchttheil entweder auf dem 
Sprofstheil oder wird von dem letztern bedeckt, oder er steht neben 
dem letztern, in welchem Fall der Sprofstheil auch mangelt. Hiernach 


Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 163 


werden drei Unterordnungen bestimmt und zwar: 1. Mucedines, Schim- 
melpilze; 2. Fuligines, Brandpilze; 3. Mycetes, Schwammpilze. 


Subordo 1. Mucedines. Schimmelpilze. 


Der Sprofstheil dieser Pflanzen ist 1) gegliedert, oder an bestimm- 
ten Stellen mit Scheidewänden versehen, erscheint auch immer hohl und 
durchsichug, oder er hat 2) keine Scheidewand, erscheint daher auch 
inwendig oft dicht und undurchsichug. Er geht in dem letzten Falle 
nicht selten in eine Unterlage (stroma) über. Zwischen beiden Gestal- 
ten giebt es Uebergänge, wo nämlich die kleinen Fäden oder deren Spitzen 
nur Scheidewände haben, nicht die grofsen. Wir wollen diese zur zwei- 
ten Abtheilung rechnen. Diese Gestaltung des Sprofstheils setzen wir 
—= 4 (artieulatio). In Rücksicht auf die Frucht liegt er 1) entweder 
ganz nieder, und trägt die Fruchtkörner und Fruchtbehälter überall, 
oder 2) einzelne Fäden stehen aufrecht um Fruchtkörner oder Frucht- 
behälter zu halten, oder 3) die Fäden zerfallen durchaus in Frucht- 
körner. Hieher kann man 4) die Gestaltung bringen, wo die Enden 
der Fäden sich zusammenballen und dem Anscheine nach Fruchttheile 
machen. Wir bezeichnen dieses durch St. (situs). Bewrachten wir den 
Fruchtstand —= F genauer, so finden wir 1) die Fruchtkörner auf dem 
Sprofstheil zerstreut, an unbestimmten Stellen, oder 2) in der Mitte an- 
gehäuft, wo nicht selten der Sprofstheil später verschwindet, und eine 
Trennung vom Fruchttheil und Sprofsiheil anfängt, oder 3) die Früchte 
befinden sich an der Spitze, seltener an der Seite der Fäden lose zusam- 
mengehäuft, oder 4) sie sind an den Seiten oder an der Spitze regel- 
mäfsig gestellt, oder sie stehen 5) auf Fäden, als auf besondern Suelen. 
Die Früchte selbst —= Sp. sind 1) einfache Körner, 2) doppelte Körner, 
zwei dicht zusammengestellt oder mit einer Scheidewand, 3) mit An- 
hängseln versehen, 4) mit mehreren Scheidewänden, 5) in einem Behälter 
(sporangium) eingeschlossen, 6) nicht allein in einem Behälter, sondern 
auch innerhalb desselben in Schläuche (asci) eingeschlossen. 

Habitus genuini, 
14 +18. + 1F +15. 

Die einfachste Form. Sprofstheil mit Scheidewänden , niederlie- 
gende Flocken, zerstreute einfache Fruchtkörner. Sie entstehen oft 

x2 


164 Lınk& 


aus eingeschnürten Zellen; zuweilen werden sie wohl als eine Flüssig- 
keit abgesondert. 

Sporotrichum, Byssocladium, Alytosporium, Coccotrichum. Die letzte 
Gattung ist zweifelhaft; die zweite scheint mit der ersten zu vereinigen 
zu seyn, Capillaria Pers. ist ganz zu verwerfen, so wie seine Hypha und 
Fibrülarie; sie sind Sprofstheile anderer Pilze. 

Der Fruchtutheil variirt: + 25p. mit doppelten Fruchtkeimen; Trx- 
chothecium; + 3 Sp. und + 4 Sp. mangeln; + 5 Sp. Eurotium, mit einem 
wahren sporangium; + 6Sp. Erysibe, mit einem wahren sporangium und 
innerhalb Schläuchen. 

Der Fruchtstand variirt mit dem Fruchtbehälter zugleich. Also +2 F 
+-\15p. oder in der Mitte gehäufte aber einfache Fruchtkörner: Sepedo- 
nium, Fusisporium; + 2Sp. und + 3Sp. mangeln ; + 4,5p. Fruchtkörner 
mit Querwänden, Zpochnium, Bactridium ; die letzte Gattung weicht etwas 
ab, und nähert sich den Algen; + 55p. und + 6,$p. mangeln. Diese 
Reihe mit 2F nähert sich schon den Schwammpilzen, deren Fruchtbe- 
hälter für sich bestehen. + 3 und +4F mangeln und jenes scheint so- 
gar zu fehlen; + 5 F oder von den Spitzen der Fäden getragene einfache 
(also 1,99.) Fruchtkörner finden sich nur in cremonium, Vertieillium. 

Die beiden ersten Glieder dieser Verbindung, der Sprofstheil mit 
Querwänden und darnieder liegenden Fäden mögen der ersten Familie 
Byssaceae oder Byssinae zu Kennzeichen dienen. 

+14+2%S. +#41F+13%p. 

Der Sprofstheil hat Querwände, wie in der vorigen Familie, aber 
aufrechte Fäden machen den Anfang zur Suelbildung. In diesem ersten 
Falle liegen die einfachen Fruchtkörner zerstreut an und zwischen den 
Fäden. Hierher gehören: Aeladium, Goniosporium, Camptoum, Sporo- 
phleum, Der Fruchttheil geht in 25p. über, zu doppelten Fruchtkörnern 
in Polythrincium. 

2F mangelt. Aber 3 F an bestimmten Stellen zusammengehäufie 
Fruchtikörner kommt häufig vor und zwar mit 1 Sp. oder einfachen 
Körnern in Haplaria, Haploirichum, Botrytis, Polyactis, Aspergillus, Pe- 
nicillium, Coremium. In der letzien Gattung wickeln sich die Fäden 
schon zusammen zu einer Unterlage. Doppelte Fruchtkörner (+ 25p.) 


hat Diplosporium. 


Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 165 


4 F wirtelförmig gestellte Fruchtkörner oder Behälter ohne Schei- 
dewände (15p.) finden sich an Stachylidium, oder 4Sp. mit Scheide- 
wänden an Dactylium. 

5F Fruchtbehälter an den Spitzen der Fäden kommen nur mit 
5,$p. wahren Fruchtbehältern vor in Mucor, Sporodinia, Thamnidium, 
Thelactis, Syzygites, Stlbum, Pilobolus. Die Gauung T’hamnidium hat 
Keimkörner an den Spitzen der Fäden, oder auf Suelen, Z’helactis hat 
regelmäfsig gestellte Keime auf den Spitzen der Fäden. An manchen 
Arten von Sülbum ist der Sprofstheil dicht zur Unterlage verflochten 
wie an Coremium. 

Diese Familie, bezeichnet durch den Sprofstheil mit Scheidewänden 
und die aufrechten Fäden, mag 4spergillaceae oder Aspergileae heilsen. 

+41+3%. #1F +15. 

Der Sprofstheil zerfällt ganz und gar in Fruchtkörner. Höhere 
Formen als die angegebenen scheint der Bau dieser Gewächse nicht zu- 
zulassen. Man kann nur die Gattung Oidium durch die zarten, weilsen 
Fäden ihres Sprofsiheils von den Gattungen unterscheiden , welche 
schwarze, gröbere Fäden haben, nämlich: Tetracolium, Torula, Monilia, 
Alternaria. Diese durch das Zerfallen des Sprofstheils in Fruchtkörner 
scharf bezeichnete Familie mag: Oideae heifsen. 

24 +18. + 1F + 15p. 

Der Sprofstheil hat keine Scheidewände, wenigstens nicht durch- 
aus, sehr oft ist er aber an den Enden der Fäden gegliedert. Auf der 
einen Seite nähert sich der Sprofstheil einer Unterlage, auf der andern 
geht er zu den Algen über und ist oft schwer davon zu unterscheiden. 
Mit niederliegenden Fäden, zerstreuten, einfachen Körnern ist die erste 
Gestaltung in Acrothamnium, Colletosporium, Gonytrichum, Menispora, 
Circinotrichum. Aufser diesen kommen noch gegliederte Fruchtkörner 
(4$p.) in Helieotrichum, Scolieotrichum vor. Die letzte Gattung hat be- 
sönders Algengesualt. 

25. + 1F + 15». Aufrechte Fäden mit zerstreuten, einfachen 
Fruchtkörnern in: Chloridium, Cladosporium, Oedemium, Mysxotrichum, 
Campsotrichum, Actinocladium, Conoplea, Coelosporium. In den Gauungen 
Cladosporium und Oedemium schnürt sich der Sprofstheil an den Spitzen 
oder hier und da zusammen um Fruchtkörner zu bilden. Myxosporium 


166 Lıms«x 


besteht aus Fruchtkörnern in eine gallertartiige Masse verbunden, zu 
denen die Unterlage, oder auch der Fruchtbehälter zu fehlen scheint. 
Coelosporium weicht wegen der hohlscheinenden Fruchtkörner ab. Ge- 
gliederte Fruchtkömer (45p.) haben: Helicosporium, Arthrinium, Hel- 
minthosporium. 

+ 2F mangelt. + 3F, Fruchtkörner an der Spitze der Fäden 
gehäuft, und zwar einfache Fruchtkörner + 15p. kommt in dem son- 
derbaren Phycomyces vor, dessen Sprofstheil sehr algenartig ist. Aber 
das Hervortreten der Fruchtkörner auf der äufsern Fläche nähert das 
Gewächs den Pilzen. 

4 F + 15p. Regelmäfsig angewachsene einfache Fruchtkörner finden 
sich nur an Spondylocladium. 

Dematium ist eine Gattung, dem Sprofstheile nach, hierher gehörig, 
aber ohne Früchte. Wir wollen die ganze Familie deren Sprofsiheil 
nicht gegliedert ist, sonst mit allen Veränderungen des Fruchttheils, die 
folgende ausgenommen, verbunden, Conopleaceae nennen. 

14 +48. #1F + 15p. 

Ist die sonderbare Form, wo die Enden der Fäden zusammenge- 
ballt Fruchtuheile darstellen. In der Reihe der ungegliederten Pilze er- 
setzt sie die Stelle, welche die ganz in Fruchtkörner zerfallenden Pilze 
(3. St.) in der Reihe der gegliederten (1.7) einnehmen. Hierher gehören 
Racodium, Antennaria, Amphitrichum. Wir mögen diese fünfte Familie 
Racodiaceae nennen. 

Habitus deliquescentis. 

Ozonium gleicht gar sehr dem blofsen Sprofstheile der Schwamm- 
pilze, doch hat man noch keine Früchte daran wahrgenommen. 

Einige Arten von Mucor haben an der Basis des Stiels steife, 
gleichsam Wurzeln vorstellende Fäden, daher sonderte sie Ehrenberg 
in eine besondere Gattung Rhizopus. Eben so sind die Fruchtbehälter 
vieler Arten von Erysibe mit steifen Fäden umgeben, welche in die 
andern Fäden des Sprofstheils übergehen. Diese Schimmelpilze machen 
den Uebergang zu den Schwammpilzen, wo der Fruchtbehälter für sich 
wurzelt. 

Phragmotrichum Kze ist eine sehr sonderbare Gattung, welche we- 
gen der innerlichen Fruchtbehälter sich den Algen sehr nähert. 


Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 167 


Subordo 2. Fuligines. Brandpilze. 


Die Reihe fängt mit Trichothecium an, dessen Sprofstheil in eine 
rundliche Form zusammengewebt, die Fruchtkörner umschliefst. Dann 
folgen Trichoderma und Myrothecium, wo der Sprofsıheil eine im An- 
fang flüssige Masse von Fruchtkörnern umgiebt. Hierher kann man fer- 
ner alle Pilze rechnen, welche aus einer flüssigen Masse entstehen, und 
dieses ist zugleich das beste Kennzeichen der Unterordnung. An einigen, 
z.B. Aethalium (Fuligo Pers.) sieht man deutlich wie ein zarter Sprofs- 
theil den Fruchttheil umgiebt; an andern aber, schliefst er beim Aus- 
trocknen so dicht an die übrigen Theile, dafs man ihn nicht gesondert 
wahrnimmt. Doch bemerkt man sehr deutlich, wie eine Membran von 
dem Fufse des Pilzes sich verbreitet, und von hieraus als dem Pilze 
dicht anliegend zu verfolgen ist. Zuweilen lös’t sich der Sprofstheil in 
Schuppen auf, wie man besonders an Spumaria und an einem Physarum, 
welches ich stromateum nenne, sehen kann. Die Verschiedenheiten des 
Fruchtbehälters bestehen darin, dafs er bald gestielt bald ungesuelt ist, 
welches aber wegen der vielen unbedeutenden Uebergänge nicht zu den 
Kennzeichen der Gattungen zu rechnen ist, ferner, dafs er bald einen 
schuppigen, bald einen glatten Ueberzug hat, bald eine, bald mehr Frucht- 
hüllen, inwendig bald gar keine, bald wenige, bald viele Haare und diese 
unregelmäfsig oder regelmäfsig verwebt, und endlich inwendig mit einer 
Mittelsäule oder ohne dieselbe, und dann oft nur mit einer Andeutung, 
oder einer rundlichen Erhebung, welche zur Säule übergeht. Alle diese 
Gestalten finden sich auf sehr mannichfaltige Weise mit einander ver- 
knüpft. So entsteht folgende Reihe: Trichoderma, Myrothecium, dethalium, 
Lignydium, Lycogala, Diphtherium, Licea, Tubulina, Physarum, Cionium, 
Diderma, Didymium, Leocarpus, Leangium, Didyderma, Trichia, Jreyria, 
Stemonitis, Dietydium, Cribraria, C upularia, Craterium. 

Myriococcum Fries gehört ohne Zweifel hierher, aber zu einer 
besonderen Reihe. Der zarte, weifse, flockige Sprofstheil bedeckt ganz 
und deutlich gesondert die vielen kleinen, runden, mit einander ver- 
wachsenen Fruchtbehälter mit Fruchtkörnern gefüllt. Sie scheinen im 
Anfang flüssig gewesen zu seyn. Es wäre also eine höhere Form von 
Trichoderma. 


168 Lın 


Sobald diese Pilze trocken werden, hört die Verbreitung der 
Masse auf, und nur so lange sie ffüssig sind, wuchern sie fort. Auch 
in dieser Rücksicht kann man sie so betrachten, als ob sie in dem 
Sprofstheile eingeschlossen wären. 

Uebrigens ist diese Entwicklung und Ausbildung des Gewächses 
aus einer flüssigen Masse, in welcher aber das Vergröfserungsglas die 
Fruchtkörner schon deutlich zeigt, eine merkwürdige Erscheinung in 
der organischen Natur. 

Diese zweite Unterordnung macht nur eine Familie aus, die den 
Namen Fuligineae behalten kann. 


Subordo 3. Mpycetes. Schwammpilze. 


Der Sprofstheil sondert sich von den Fruchttheilen ganz und gar, 
wird ein Nebentheil und verschwindet oft ganz. Er zeigt keine Ver- 
schiedenheiten, und weicht daher aus der Klasse der Kennzeichen. 

Statt des Sprofstheils tritt die Unterlage (stroma) ein, welche eben 
so sehr zum Fruchttheile gehört, denn sie verbreitet sich nicht weiter, 
nachdem sie einmal gebildet ist, seızt also die Pflanze nicht fort und 
wuchert nicht wie der Sprofstheil. Sie steht in der Mitte zwischen den 
beiden Theilen die sie ungesondert begreift. Diese Unterlage ist zu- 
weilen nur angedeutet durch einen Flecken, durch einen dünnen Ueber- 
zug, oder sie mangelt ganz und gar, wo man den Mangel durch die 
gehäufte Stellung der Fruchtbehälter nur erkennt. Dieses ist der erste 
Zustand der Unterlage = Str. In der zweiten Entwickelungsstufe ist 
sie deutlich vorhanden und von den Fruchtkörnern oder den Frucht- 
behältern deutlich unterschieden. Auf der dritten Stufe ist sie wirklich 
zu dem geworden, was sie andeutet, zum Fruchtbehälter, und der Frucht- 
theil hat sich vom Sprofstheile völlig geschieden. 

Die Gestalt der Unterlage = F ist 1) unbestimmt ausgebreitet, als 
g..Er bildet 2) eine rund- 
liche Masse, oder 3) einen mehr oder weniger verlängerten Träger, der 
in seltenen Füllen 4) verästelt ist. 

Dem innern Baue (/fabrica) nach = f, besteht sie 1) aus Faser- 
zellen mit andern rundlichen Zellen durchwebt und verbunden. Bald 
herrscht die Faserzelle, bald die rundliche Zelle vor. Auch liegt wohl 


ein flacher mehr oder weniger dicker Ueberzu 


Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 169 


ein bedeutender Unterschied darin, dafs die Faserzellen entweder aus den 
gegliederten oder ungegliederten Flocken des Sprofstheiles entstand, 
doch ist er sehr schwer in der Natur zu bestimmen. Am meisten aus- 
gebildet ist der innere Bau, wo das Aeufsere aus rundlichen Zellen be- 
steht, das Innere aus Faserzellen, welche mit einander verwickelt und 
verwebt sind, wie in den Lichenen, welchen wir daher durch 3 f aus- 
drücken wollen. In einigen Fällen (2f) liegen die Fasern dicht und 
gleichlaufend zusammen, ohne, wenigstens ohne viele rundliche Zellen, 
so dafs der Bau dem Splinte der vollkommenen Pflanzen gleich zu 
setzen ist. Wir wollen dieses mit fa bezeichnen. Auch ist darauf zu 
sehen, doch nur für Abtheilungen einer niedern Stufe, dafs zuweilen 
die Zellen sehr bald schwarz werden und in einem verkohlten Zustand 
gerathen (/c), in andern Fällen hingegen das Gewächs sein ganzes Le- 
ben hindurch weich und gefärbt erscheint (rc), nicht wie dort gleich- 
sam bei lebendigem Leibe abstirbt. Es ist mir kein Beispiel bekannt, 
dafs ein Pilz zufällig aus einem Zustande in den andern übergegangen 
wäre. Die rothe Färbung ist am häufigsten in dieser Ordnung, dann 
folgt die gelbe, seltner ist die blaue und am seltensten die grüne; ja 
die rein grüne Farbe der Blätter und Algen kommt fast nie vor. Am 
häufigsten ist in den weichen, nicht verkohlten Pilzen, der Mangel an 
Färbung, oder die weifse Farbe. Selten sind auch die verkohlten Theile 
aus gefärbten entstanden, gewöhnlich aus weifsen, welches man im 
Innern des Gewächses erkennt. 

Der Fruchtbehälter (= Sp.) ist oft gar nicht vorhanden, sondern 
die Fruchtkörner sind 1) äufserlich auf der Unterlage oder dem Boden 
zerstreut, oder auch 2) von der Unterlage eingeschlossen. In seltenen 
Fällen mangeln die Fruchtkörner ganz und werden durch Keimkörner 
ersetzt. Die Fruchtbehälter umschliefsen 3) die Fruchtkörner, die 
sich auch 4) in besondern ausgezeichneten Fruchtbehältern oder 5) in 
Schläuchen befinden. Diese Schläuche sind 6) auf der Oberfläche des 
Fruchtbehälters ausgebreitet, oder 7) auf besondern Trägern (sporophora) 
des Fruchtbehälters befindlich. 

Lu 1S ER ft 

Hier ist entweder gar keine Unterlage vorhanden, oder nur eine 
Andeutung derselben, eine besondere Färbung der Theile worauf der 

Phys. Klasse 1824. x 


170 Lınmk 


Pilz sich befindet. Dann ist auch nothwendig die äufsere Gestalt unbe- 
stimmt, und die innere nicht entwickelt. Die Fruchtkörner aber schrei- 
ten in der Ausbildung sehr fort; sie sind rund, länglich, spindelförmig, 
doppelt, mit Querwänden: Verschiedenheiten, welche zur Unterschei- 
dung niederer Abtheilungen dienen können. Auch sind sie gestuelt 
oder nicht. Hier ist der Anfang des Gewächsreiches aus einem Frucht- 
behälter. 

Diese Gewächse entstehen unter der Oberhaut lebendiger Pflanzen, 
und sind dann nicht verkohlt. Hierher gehören: Caeoma, Spiocaea, 
Sporisorium, Septaria, Phragmidium, Puceinia, Podisoma. _Sporisorium 
ist eine sonderbare Zusammensetzung von dieser und der ersten Unter- 


ordnung; es finden sich nämlich zwischen den Körnern zerstreute Flocken. 


8; 
Podisoma ist die höchste Form, welche schon den Tremellenartigen Pil- 
zen nahe steht. 

Unter der Oberhaut trockner Pflanzen entsteht Cryptosporium. Eine 
Art C. aurantiacum ist nicht verkohlt. 

Oben auf trocknen Blättern und trocknem Holze liegen Fusidium 
und Conisporium. Die letztere Gattung rechne ich hierher. Längliche 
Fruchtbehälter aber ohne deutliche Fruchtkörner sind mit einem Staube, 
wahrscheinlich Keimkörnern bedeckt, und machen längliche Haufen, 
welche frei auf wocknem Holze liegen. 

Verkohlt sind: Cryptosporium atrum, welches man wohl als eine 


5 
mosporium, Stilbospora , Sporidesmium. 


besondere Gattung trennen könnte. Hypodermium, Melanconium, Didy- 


Phoma Fries. Die Fruchtkörner liegen in kleinen Haufen zusam- 
men und sind von der Oberhaut eingeschlossen. Im Anfange sind sie 
weils und zusammenklebend, dann werden sie schwarz. 

Melanosorium. An dem untern Stamme der Orobanche-Arten zeigt 
sich eine sonderbare Krankheit. Der Stamm schwillt auf, und enthält 
kleine zerstreute Haufen von schwarzen, kleinen, runden Fruchtkörnern. 
Ich habe das Gewächs nur trocken gesehen, wie es mir von dem ver- 
storbenen Palissot de Beauvois zugesandt wurde. 

Myxosporium. Ist Nemaspora crocea Pers. an der ich keine, von 
dem Holze, worauf dieser Pilz wächst, verschiedene Unterlage entdecken 
konnte, welche doch bei den andern Arten der Cytospora vorhanden 


Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 171 


scheint. Der Name Nemaspora schien mir zu verwerfen, da er sehr 
verschieden gebraucht ist. 
I. 18Sr. #1F+1f+25p. 

Ohne Unterlage. Die Fruchtkörner sind in dem Fruchtbehälter 
wie Keimkörner enthalten. Hierher könnte man Dothidea sphaeroidea 
(Sphaeromorphium) und Sclerotium durum (Leucostroma) vechnen, welche 
von den Gattungen zu trennen sind, womit man sie vereinigt hat. 

Il. 1857. #1F+1f+3S5p. 

Die Fruchtbehälter umschliefsen die Fruchtkörner, haben aber keine 
deutliche Unterlage. 

Mit halbirtem Fruchtbehälter, welche vielleicht zur zweiten Unter- 
abtheilung zu rechnen sind: Zetinothyrium und Leptothyrium. 

Mit ganzem, nicht verkohltem Fruchtbehälter: Taphria, der Gat- 
tung Caeoma verwandt. — Ferner Sporigastrum. Amphigastrum. 

Sphaeropleum und Botrydium, zwei neue Gattungen von Ehrenberg 
in Aegypten gefunden. Sie wachsen beide auf der Erde. 

Saccidium Schmidt, habe ich nicht gesehen. 

Dichosporium Nees, eine sonderbare Form, inwendig mit Frucht- 
körnern, äufserlich mit Keimkörnern. 

Es ist zweifelhaft, ob bei allen diesen die Unterlage Fruchtbehäl- 
ter geworden. 

Mit ganzem, verkohltem Fruchtbehälter. 

4piosporium Kze ist noch nicht ganz verkohlt, 

Prosthemium Kze ist eine Stilbospora unter der Hülle, oder Stlbo- 
spora ist ein Prosthemium ohne Hülle. 

Spermodesmia Kze ist mir nicht genau bekannt, so wie Pilidium ej. 

Chaetomium ist ein Exosporium wo die Unterlage sich zum Frucht- 
behälter ausgebildet hat, die äufsere haarähnliche Umgebung dagegen 
unfruchtbar geworden ist. 

Stegia Fries, Cytospora Ehrenb., Sphaeronema sind Anfänge von 
Sphaeria. 

Dothidea pyrenophora Fries, ist eine eigene Gattung (Pyrenochia). 
Das Aeufsere gleicht einer Sphaeria, das Innere besteht aus einer weifsen, 
erweichbaren Masse, das Innerste aus einem Haufen schwarzer pulveri- 
ger Körner. 


Y2 


172 Lınx 


Elpidophora Ehrenb., eine sonderbare Gattung auf den Palmenblät- 
tern in Aegypten. 

Schizoderma. Hierher müssen die Aysterıa Fr. gebracht werden, 
welche eine bestimmte Gestalt aber keine Schläuche haben, sondern an 
deren Statt Fruchtkörner. 

IV. 18er. #IF+1f+4Sp. 

Keine Unterlage, innerhalb des gröfsern Fruchtbehälters kleine, 

runde Fruchtbehälter. Hierher weifs ich nur Polyangium zu rechnen. 
V. 18Swr. #41F+1f+5Sp. 

Keine Unterlage. Die Fruchtkörner in Schläuchen (thecae), welche 
der Fruchtbehälter umschlieist. 

Sphaeria. Da diese Gattung noch einmal in der Reihe anzufüh- 
ren ist, welche mit 2 Str. anfängt, oder wo eine wirkliche Unterlage 
vorhanden ist, so will ich dort von ihr reden. 

Lophium Fr. gehört hierher, hat zwar thecae wie Hysterium, aber 
die Gattung ist wohl anzunehmen, da die Substanz des Fruchtbehälters 
wie das Zerfallen der Schläuche zu Pulver sie auszeichnet. 

Dothidea Fr. Nur D. Ribis, Sambuci und einige verwandte gehö- 
ren hierher, deren Inneres mit dem Innern der Sphärien überein- 
kommt. Sie unterscheiden sich nur durch die Gestalt der Fruchtbehälter, 
welche in der Jugend der Länge nach einen Eindruck und immer eine 
runzliche Oberfläche haben. Einige sind schon oben von dieser Gat- 
tung gesondert worden, andere werden noch in der Folge getrennt 
werden. 

Hysterium. Hierher gehören nur die Arten, welche das Innere 
einer Sphaeria haben, und sich nur durch die äufsere Form des Frucht- 
behälters, den länglichen Eindruck nämlich, unterscheiden. Auch zer- 
fallen die Schläuche nicht zuletzt in Pulver, welches bei vielen Sphärien 
der Fall ist. Man erkennt das wahre Aysterium durch die Lupe schon 
an dem weifslichen, dichten Kern; die übrigen von Fries zu Hysterium 
gebrachten Pilze (H. Rubi et afınia) müssen eine besondere Gattung unter 
dem Namen ‚Schizoderma ausmachen. Sie gehören zu der Reihe mit 3 Sp. 
oder Fruchtbehälter mit Körnern ohne Schläuche. 

Actidium. 

Corynelia Fr. (Caliecium colpodes Achar.) kenne ich nicht genau. 


Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 173 


v1. .1Sr. #+1F+1f+65. 

Der Mangel an Unterlage oder nur eine Spnr derselben ist hier 
mit einem Fruchtbehälter verbunden, dessen Schläuche aufserhalb sich 
befinden und einen Ueberzug bilden. 

Peziza. Mufs hier angeführt werden, da man nicht von allen 
Arten sagen kann, dafs die Unterlage zum Fruchtbehälter übergegangen 
sei. Einigen scheint die Unterlage zu mangeln, und andere haben eine 
deutliche Spur derselben, z.B. P. aeruginosa, rosella. 

Patellaria Fries. Der Charakter nach Fries ist Receptaculum mar- 
ginatum, patellaeforme, epidermide contigua. Hymenium laeve, subpersistens, 
sed ex ascorum dissolutione pulverulentum. Asci connall absque paraphy- 
sibus. Aber ich finde den Fruchtbehälter oft in der Jugend geschlos- 
sen, wie bei den Pezizen. Die Oberfläche ist zwar matt und gleich- 
sam etwas körnig, aber nie habe ich gesehen, dafs die Schläuche zu 
Pulver zerfallen. Auch sind allerdings genug Paraphysen oder Schläuche 
ohne Fruchtkörner vorhanden. Durch zwei Kennzeichen unterscheidet 
sich Patellaria von Peziza, 1) dafs der Fruchtbehälter aus dem Innern 
des Holzes oder der Rinde hervorbricht, und 2) durch die schwarz ge- 
färbte Materie, welche die Spitzen der Schläuche färbt und verbindet, 
wie in den Lichenen, wodurch die matte Oberfläche der Fruchtbehälter 
entsteht. Die Schläuche sondern sich in Wasser und werfen die Frucht- 
körner aus, wie Nees beobachtet hat, doch zerreifsen die Schläuche 
dabei nicht. 

Tympanıs Fr. Der Charakter nach Fries ist Receptaculum margi- 
natum, cyathiforme, epidermide cornea. Hymenium laeve Il. rugwlosum, primo 
velo partiali tectum, demum una cum ascis tenuibus fixis fatiscens. Sporidıa 
forma et numero varia secedentia. Aber der hornartige Ueberzug ist ein 
schwer zu unterscheidendes Kennzeichen. Dafs die Schläuche verschwin- 
den, ist hier nicht mehr der Fall als an allen Pezizenartigen Pilzen. Das 
velum partiale kenne ich nicht. Ich würde hierher 7. conspersa Fr. 
rechnen, welche eine sehr deutliche Unterlage hat, worauf die Frucht- 
behälter mit einander verbunden stehen. Die Haufen dringen unter 
der Oberhaut der Rinde hervor, worauf sie wachsen. Zu dieser so 
bestimmten Gattung gehören auch Cenangium Ribis Fr. (Peziza Rı- 
besia Bers:); 


474 Lın& 


Cenangium Fr. Eine sehr zusammengesetzte Gatlung, welche Fries 
durch den anders gefärbten Ueberzug unterscheidet; das Innere ist näm- 
lich weils, das Aeufsere schwarz. Die erste Abtheilung Scleroderris Fr. 
macht unstreitig eine besondere Gattung aus, welche sich dadurch un- 
terscheidet, dafs viele Fruchtbehälter beim ersten Hervorbrechen einen 
Körper ausmachen. Daher möchte ich Coenangium sagen, denn Ce- 
nangium von einem leeren Gefäfs hergenommen, ist unpassend. Die 
Schläuche sind von einem schwarzen Ueberzuge wie Patellaria umge- 
ben, doch sind sie weislich nicht braun, wie dort, und entwickeln sich 
mit dem Alter. 

Tryblidium kommt allerdings Coenangium nahe, mufs aber doch 
unterschieden werden. Oft theilt sich ein Fruchtbehälter in zwei; ge- 
wöhnlich entsteht aber nur der Anfang einer Theilung, welches sich 
durch eine erhabene Falte auf der Oberfläche zeigt. Der Ueberzug ist 
schwarz, das Innere weils und die Schläuche entwickeln sich darin. Zu- 
weilen schlägt sich der Ueberzug so herum dafs der Pilz im Innern 
schwarkörnig erscheint. Unter der Schlauchschicht ist oft ein gelblicher 
Kern, die eingewachsene Unterlage. Die Abtheilung Clithris von Cenan- 
gium Fr. gehört hierher. 

Schizoxylon steht T’ryblidium am nächsten, aber die Fruchtbe- 
hälter theilen sich nicht, sondern die Erhabenheiten des Fruchtbe- 
hälters stellen die Anfänge neuer Fruchtbehälter dar. Ist übrigens nur 
Abänderung von Lecidea dryina und zeigt wie nahe die Pilze den Flech- 
ten stehen. 

Phacidium gehört hierher. Die von der Schlauchsubstanz ganz 
verschiedene, äufsere, verkohlte, aufspringende Umgebung macht das 
Hauptkennzeichen, sie mag in mehr oder weniger Lappen, oder gar 
nicht zerreifsen. Hysterium quercinum ist hierher zu rechnen, wenn 
man es zu keiner besonderen Gattung erheben will. 

Stietis; Sphaerobolus Tode ist gewifs des sonderbaren Randes we- 
gen zu trennen, der eine wahre äufsere Hülle bildet. 

Excipula. Hierher würde ich nur die Pezizen und Hysterienartigen 
Pilze rechnen, in welchen man keine Schläuche entdeckt hat. Sie ge- 
hören zu der Reihe + 3 Sp. 

Die Form 1 Str. +41F+1/f+ 7Sp. ist nicht vorhanden. 


Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 175 


VI. 25. +#+1F+1f+1S. 

Die Unterlage ist deutlich entwickelt, aber noch von unbe- 
stimmter Gestalt, gewöhnlichem Bau und äufserlich aufgestreuten 
Fruchtkörnern. 

Trichostroma. Ein brasilianischer Pilz, die Unterlage flockig aber 
mit steifen ungegliederten Fäden wie Dematium. Die Fruchtkörner oben 
dick aufgestreut. 

Coniophora DeCand. Die Unterlage schwammig von dichtiem Gewe- 
ben. Die Fruchtkörner oben fein aufgestreut. 

Sarcopodium Ehrenb. Die Unterlage schwammig, die Fruchtkörner 
länglich mit Querwänden, festgewachsen. 

Gymnosporangium. Die Unterlage gallertartig wie T’remella, Frucht- 
körner wie Puccinia fest aufgewachsen. 

Typhodium (Sphaeria typhina Pers.). Eine sonderbare Form. Die 
schwammigte Unterlage hat rundliche Erhöhungen, welche mit Frucht- 
körnern bedeckt sind. 

VI 2857. #1rF+1f+ 25. 

Die Fruchtkörner sind in der deutlichen unbestimmt gestalteten 
Unterlage innerlich zerstreut. 

Aeufserlich verkohlt ist der Fruchtbehälter in Zeptostroma, worin 
man keine Fruchtkörner erkennen kann; Scelerotium dessen Gestalt sich 
einer bestimmten nähert; doch ist Sclerotium Semen und complanatum 
ganz auszuschliefsen; Ahytisma Fr., dem Selerotium nahe verwandt, un- 
terscheidet sich von Polystigma durch den Mangel an Schläuchen. Coc- 
copleum Ehrenb. ebenfalls, doch sind die Fruchtkörner deutlicher, ge- 
häufter als in Sclerotium ; Schizoderma Ehrenb. nähert sich der bestimm- 
ten Gestalt und begreift die Aysteria Fr. ohne Schläuche; Exeipula Fr. 
nähert sich der bestimmten Gestalt von Peziza, ist aber ohne Schläuche, 
daher gehören nicht alle Exeipiwlae Fr. hierher; Xyloglossum eine son- 
derbare Gattung von einer Gestalt welche sich C/avaria nähert, auch 
ist ein wahrer Sprofstheil vorhanden. 

Mit schwammiger Unterlage. Hymenella Fr. vielleicht der Anfang 
eines andern Pilzes. Hypochnus Fr. vielleicht unvollkommene Thelepho- 
ren. Auricularia hat eine fast bestimmte Gestalt. Der Name ist alt, und 
Exidia Fr. ist keine gut bestimmte Gattung. 


176 Lınm «x 


Mit gallertartiger Unterlage. Coccosphaerium, Allosphaerium, wohin 
Rhizoctonia muscorum Fr. gehört. Tremella, Encephalium, (der Name ist 
schlecht, aber Nematella Fr. ist nicht besser), Daeryomyces, Dacrydium, 
Agyrium, letzteres kenne ich nicht. 

Ich seize Schwammig dem Verkohlt entgegen... Die gallertartige 
Unterlage besteht gröfstentheils aus weichen, sehr ungleichen, rund- 
lichen Zellen, mit wenigen Faserzellen. 

Die Verbindung der unbestimmt gestalteten Unterlage mit einem 
besondern Fruchtbehälter, welcher die Fruchtkörner einschliefst (= 3 Sp.) 
ist mir nicht vorgekommen, auch nicht mit einem zusammengeseten 
Fruchtbehälter —= 4 Sp. 

IX. 28. #AiF+1f+55. 

Die deutliche Unterlage von unbestimmter Gestalt mit einem Frucht- 
behälter, welcher Schläuche enthält. 

Hierher gehört die Gattung ‚Sphaeria, welche allein eine ganze Fa- 
milie einnimmt. Es ist daher wohl zweckmäfsig, davon zu trennen was 
sich trennen läfst. Zuerst lassen sich die in andere Reihen gehörigen 
Gattungen wohl sondern, Cordylia, Hypoxylon, Poronia. Dann könnte 
man die mit einer haarigen Unterlage trennen, obgleich die Gattung in 
die haarigen Sphärien übergeht. Sphaeria ovina und chionea unterschei- 
den sich von den übrigen durch ihre schwammige nicht verkohlte Be- 
schaffenheit und ihre grofsen Schläuche. Ich würde sie Megathecium 
nennen. Die Pezizenartigen Sphärien mit nicht verkohltem Fruchtbe- 
hälter welcher becherförmig einsinkt, dessen Schläuche bedeutend grofs 
sind, nämlich: ‚Sph. Peziza, episphaeria, könnten vielleicht auch gesondert 
werden. Aber eine sehr gute Gauung würden die Sphärien machen, 
deren Fruchtbehälter oben abspringen (eircumscissa). Mesotome. Auch 
möchte Depazea wo der Sprofstheil durch einen Flecken in der Pflanze, 
worauf die Sphärie wächst, dargestellt wird, wohl zu trennen seyn. 
Endlich können auch die Sphärien gesondert werden, welche in der Oeff- 
nung Flocken, gleichsam als Ueberbleibsel des Sprofstheiles haben, z.B. 
Sphaeria sanguınea. 

Polystigma. Diese Gattung von De Candolle mufs wieder herge- 
stellt und von Dothidea Fr. getrennt werden. Sie unterscheidet sich 


leicht von Sphaeria dadurch, dafs die Fruchtbehälter keine besondere 


Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 177 


Hülle (peridium) haben, sondern der Kern mit seinen Schläuchen von 
der Unterlage geradezu umgeben wird. Von den übrigen Dothideen 
ist sie durch den Bau gehörig unterschieden. 

Solenarium Sprengel Glonium Fr. eine ausgezeichnete Gattung. 

Die Verbindung der deutlichen, unbestimmt gestalteten Unterlage mit 
einem Fruchtbehälter, den die Schläuche überziehen, ist mir nicht bekannt. 
X. 2Sr. #2 F+1f+1Sp. 

Die Unterlage erhebt sich zu einem rundlichen Kopf, und ist mit 
den nackten Fruchtkörnern überstreut, oder sie sind darauf angewachsen. 

Ueberstreut: Tubercularia, Fusarium, Dermosporium, Epicoccum. 

Aegerita. Die Fruchtkörner liegen einzeln und zerstreut auf der 
Unterlage, nicht haufenweise, wie an den vorigen. 

Angewachsen.: Exosporium, Coryneum, Setridium. 

T'yphodium (Sphaeria typhina) eine zusammengesetzte Form. Die 
Unterlage ist schwammig, unbestimmt, erhebt sich auf der Ober- 
fläche in kleinen rundlichen Erhabenheiten, welche mit Fruchtkörnern 
dicht bedeckt sind, wie Dermosporium. Ist also von Sphaeria sehr un- 
terschieden. 

Höhere Formen des Fruchtbehälters in dieser Verbindung mangeln. 

Al 2857. #+3F+1f+1S. 

Die längliche, keulenförmige oder Clavarien-Unterlage hat nackte, 
aufliegende Fruchtkörner. Hierher gehören Zsaria und Ceratium. 

+ 1f+ 25p. Die Unterlage ist zart, gröfstentheils flockig, die 
Fruchtkörner scheinen ihr eingestreut zu seyn. sSolenia. 

+1f+35Sp. Ein deutlicher Fruchtbehälter mit Körnern. Sulbum. 
Das wahre Kennzeichen dieser Gattung liegt in dem zuerst flüssigen 
Fruchtbehälter. Sie steht also zwischen dieser und der vorigen Unter- 
ordnung in der Mitte, 

+2f+15p. Die Unterlage besteht ganz aus gleichlaufenden Fa- 
serzellen mit wenigen rundlichen Zellen: Periconia und Cephalotrichum. 
Letztere hat an der Spitze der Unterlage einen Haarbüschel mit Frucht- 
körnern bestreut, und ist gleichsam eine Trichia ohne Fruchthülle 
(peridium), doch scheint sie nicht flüssig zu entstehen. 

+ 2f+5Sp. Chordostylum Tode. Ist in der folgenden Reihe noch 
einmal aufzuführen. 


Phys. Klasse 1324. 2 


178 Lıv'k 


XI. 28. + 4F + 1f+ 5Sp. 

Die ästige Unterlage bringt Sphärienartge Fruchtbehälter hervor 
an dem sonderbaren Z’hamnomyces. 

+ 2f + 55p. Chordostylum Tode. Hierher die Sphärien mit dün- 
nen, fadenförmigen, glatten, ästigen, selten einfachen Suelen. Der 
Name von Tode ist der älteste von den vielen, welche man dieser Gat- 
tung gegeben hat, obwohl Tode unter dieselbe allerlei Gestalten brachte, 
welche nicht dahin gehören, und die Fruchtbehälter eigentlich nicht 
kannte. 

+ 3f-+ 78p? Rhizomorpha. Die Körner, welche Herr Eschweiler 
in den Anschwellungen der Unterlage entdeckt hat, scheinen mir Keim- 
körner. Ich glaube, dafs Palissot de Beauvois recht beobachtete, als er 
einen Fruchtbehälter von Poria (Boletus) daran sah. Die Unterlage hat 
Lichenenbau, und ist an den Spitzen mit einem wahren flockigen Sprofs- 
theile besetzt. 

X 8 Sir. 

Wenn die Unterlage selbst zum Fruchtbehälter wird, kann von 
ihrer Gestalt F nicht mehr die Rede seyn, sondern 7 verwandelt sich 
in 5p. Der Bau J ist an allen diesen Pilzen, soweit wir sie kennen, 
immer derselbe. Es kommt also alles auf den Fruchtbehälter an, und 
hier mufs allerdings die erste Form, wo nackte Fruchtkörner auf der 
Unterlage sich befinden, wegfallen. Aber 2 Sp. isı vorhanden, wo die 
Fruchtkörner nicht lose zusammen liegen, sondern im Innern des Frucht- 
behälters zerstreut sind. Hier gehören : Spermomorphia (Selerotium Semen), 
Pyrenium Tode welches ich nicht genau kenne, Acinula Fr. und Pe- 
riola Fr. ebenfalls nicht, Aerospermum Tode, vielleicht auch Ahizoctonia 
cerocorum, welche mir aber ungeachtet aller meiner Bemühungen nicht 
zu Gesicht gekommen ist. Pachyma Fr. zweifelhaft. 

Etwas mehr ausgebildet ist Z’uber, welches runde Schläuche (spo- 
rangiola) in Adern enthält. Hieher gehört auch wol Ahizopogon Fr. und 
Polygaster Fr. 

+ 38p. Zusammengehäufte, lose Fruchtkörner sind in einem Be- 
hälter eingeschlossen. Onygena, Lycoperdon, Bovista, Twlostoma, Diplo- 
stoma (Twlostoma squamosum), Geastrum, Catachyon, eine neue Gattung 
von Ehrenberg in Nubien entdeckt, u.a. m. 


Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 179 


Einen zusammengesetzten Fruchtbehälter haben die Phalloidei: Cla- 
ihrus, Phallus, Lysurus Fr. Ascroe Fr. ete. Nähert: sich 7Sp. 

Asterophora, eine höchst sonderbare Form; die Gestalt von Agarı- 
cus, dessen Hut in den Zustand eines Zycoperdon zurückgegangen ist. 

+ 45p.. Kleinere Fruchtbehälter innerhalb der Grofsen. Die 
Fruchtkörner sind darin zerstreut. 

Nidularia, Arachnion Fr. Ich fürchte sehr, meine Zndogone ist 
eine unentwickelte Nidularia. Carpobolus, Atractobolus? Thelebolus?? 

+ 58p. Innere Schläuche (thecae) sind in einem Fruchtbehälter 
ohne Unterlage nicht vorhanden. 

+ 6,8». Der Fruchtbehälter ist ganz oder an der Spitze mit 
Schläuchen überzogen. 

Stictis, wovon Sphaerobolus Tod. zu unterscheiden ist, Pezisa, As- 
cobolus, Bulgaria Fr. ist wohl nur durch Auswerfen der Fruchtkörner 
von Peziza verschieden, (Cyphelia kenne ich nicht) Rhyzınia Fr. ete. 

Geoglossum, Ditiola Fr. Leotia, Vibrissea Fr. Spatularia, Mitrula, 
Helvella, Verpa Fr. Morchella, ete. 

Thelephora, Stereum, Merisma, Clavaria. 

+ 78p. Die Schläuche (thecae) sitzen auf besondern Theilen des 
Fruchibehälters selbst, z. B. weichen Stacheln, Röhren, Blättern. In 
jeder dieser Gattung ist deutlich bezeichnet, wie bei der Beständigkeit 
des einen Theils jeder andere seine Reihe durchläuft. So hält der dicht- 
gewebte Sprofstheil, der nun den Fruchtbehälter vorstellt, einige weiche 
Stacheln, worin die Schläuche sitzen; dann krümmt er sich an einer 
Seite um, und ist ein seitwärts angehefteter Pilz; dann verlängert sieh 
der Stiel, und endlich rückt der Fruchtbehälter auf die Mitte des Stiels 
als ein Hut. So besteht jede Gattung aus mehreren solchen Sipp- 
schaften. 

Hydnum, Sistotrema, Daedalea, Fistularia, Polyporus, Boletus, etc. 
Aylophagus, Merulius, Schizophyllus, Coprinus, Agaricus, Amanita. Mit 
dieser Gattung endigt sich die Reihe der Pilze sehr schrelf, und hart 
abgesetzt gegen die übrige Natur. 

Es ist schwer diese Reihen in natürliche Familien zu verwandeln. 
Die, Unterschiede zwischen der nur angedeuteten und wirklich entwik- 
kelten Unterlage sind schwer zu fassen, und wo die Unterlage sich in 

7.2 


180 Lıvk 


den Fruchtbehälter verwandelt, verschwinden die Kennzeichen von ihr 
hergenommen ganz und gar. Da die Unterlage selbst sehr unbestimmt 
erscheint, so mufs dieses auch in Rücksicht auf ihre Gestalt und ihren 
innern Bau seyn. Wir müssen also die Reihen umkehren und den 
Fruchtbehälter zum ersten Gliede machen, dann werden wir wenigstens 
genau bestimmte Familien erhalten. 

I. Die Fruchtkörner sind äufserlich auf eine Unterlage aufge- 
streut, oder äufserlich angewachsen, (15p.) Epiphyti. Diese Familie ent- 
hält die Anfänge vieler andern Familien. Kleinere Haufen sind. 1) Ure- 
dinei, wo die Fruchtkörner auf lebendigen Pflanzen ohne bedeutende 
entwickelte Unterlage hervorkommen: Caeoma, Cronartium, Spilocaea , 
Sporisorium, Septaria, Triphragmium, Puccinia, Phragmidium. 2) Stl- 
bosporei, wo die Fruchtkörner auf trockenen Pflanzentheilen ohne entwik- 
kelte Unterlage hervorkommen: Cryptosporium, Fusidium, Hypodermium, 
Melanconium, Didymosporium, Stlbospora, Phoma, Melanosorium. 3) Tu- 
bereulariacei, wo die Fruchtkörner auf einer gewölbten Unterlage lose 
aufliegen: Tubereularia, Fusarium, Aegerita, Dermosporium, Epicoccum. 
4) Isariacei, wo die Fruchtkörner auf einer Qlavarien- Unterlage lose 
aufliegen: Z/saria, Ceratium. 5) Exosporei, wo die Fruchtkörner auf 
einer verkohlten Unterlage aufgewachsen sind: Sporidesmium, Exospo- 
rum, Coryneum, Seirıdium. 6) Pucciniastri, wo die Puccinienartigen 
Fruchtkörner auf einer gallertartigen Unterlage angewachsen sind: Po- 
disoma, Gymmosporangium, Als einzelne Gattungen — Anfänge von Fami- 
lien — stehen: Myxosporium, eine verstümmelte Cytospora; Conisporium 
zweifelhaft; Coniophora eine unentwickelte T’helephora; T'yphodium eine 
unentwickelte Sphaeria; Periconia eine unvollendete Stemonitis, Cepha- 
lotrichum eine unvollendete TZrichia, Chromatium ein ausgebildetes 
Dematium. 

II. Die Fruchtkörner liegen innerhalb der nicht gallertartigen Un- 
terlage, oder des Fruchtbehälters zerstreut. (2.5p.) Sclerotiaceae: Sphae- 
riomorphium, Coccopleum, Spermomorphium, Elpidophora, Sclerotium, Ex- 
eıpula, Schizoderma, Rhytisma, Leptostroma. Alle sind unentwickelte 
Sphärien, IHlysterien, Pezizen; Solenia, Xyloglossum, Acrospermium sind 
unentwickelte Olavarien, Hypochnus eine unentwickelte Thelephora, Hy- 
menella bleibt zweifelhaft. 


Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 181 


III. Die Fruchtkörner sind innerhalb der gallertartigen Unterlage 
zerstreut, (2,$5p.) Tremelloidei: Coccosphaerium, Allosphaerium, Tremella, 
Encephalium, Dacryomyces, Dacerydium sind unentwickelte Collemata, 
überhaupt Lichenosae; Furieularia eine unentwickelte Thelephora. 

IV. Die Fruchtkörner sind innerhalb eines Fruchtbehälters ge- 
häuft (3 5p.). Man kann hierher auch die Form 4 Sp. rechnen, wo der 
Fruchtbehälter Schläuche voll Fruchtkörner enthält. Gastromycetes. 
Auch diese Familie ist aus mehreren kleinern Haufen zusammengesetzt. 
1) Dimidiati. Die Fruchtkörner liegen auf einer mehr oder weniger 
deutlichen Unterlage und sind nur mit der Fruchthülle (peridium) 
bedeckt: Prosthemium, Aetinothyrium, Leptothyrium. 2) Mehrere ein- 
zeln stehende Gattungen müssen hier aufgeführt werden: Taphria ein 
innerlich ausgebildetes Caeoma, AJpiosporium ein innerlich ausge- 
bildetes Spyoridesmium, Pyrenochium eine unausgebildete Sphärie, Ste- 
gia ebenfalls eine nicht völlig entwickelte Sphärie, Chaetomium ein 
innerlich ausgebildetes Exosporium. 3) Kleine zusammenstehende Frucht- 
behälter, welche die Fruchtkörner in eine Gallerte gehüllt auswer- 
fen: Nemasporei. Hierher Cytospora, Sphaeronema. 4) Kleine zu- 
sammenstehende Fruchtbehälter; die Fruchthülle eine zarte Membran. 
Sporigastrei: Sporigastrum, Sphaeropleum, Botrydium, Polyangium, 
Amphisporium, Dichosporium. 5) Der Fruchtbehälter ist zuerst flüssig. 
Stilbacei. Die Gattung Stlbum kann nach der Beschaffenheit der Un- 
terlage in mehrere getheilt werden. 6) Zycoperdei. Die Fruchtbehäl- 
ter stehen einzeln ohne Unterlage; die Fruchthülle ist aus Fasern und 
rundlichen Zellen deutlich zusammengewebt: Onygena, Lycoperdon, Bo- 
vista, Scleroderma, Tulostoma, Diplostoma, Geastrum, Catachyon. T) Cya- 
thoidei. Fruchtbehälter sind von andern umgeben. Nidularia, Arachnion. 
8) Carpobolei. Der innere Fruchtbehälter wird von dem äufseren 
herausgeschnellt: Carpobolus. 9) Tuberacei. Die Fruchtkörner sitzen 
in Adern. Tuber et afın. 10) Asterophora steht allein. 

V. Der Fruchtbehälter umschliefst Schläuche. Sphaeriacei: 
Depazea, Pustularia, Megathectum, Polystigma, Trichostroma, Sphaeria, 
Solenarıum, Poronia, Hyposxylon, Cordylia, Chordostylum, Thamnomyces. 

VI. Der Fruchtbehälter ist mit Schläuchen bedeckt. Sarcomy- 
cetes. 1) Mit grofsen Schläuchen und mehr oder weniger becherför- 


182 Lınk 


miger Gestalt. Pezizoidei: Stictis, Sphaerobolus Tod. Pezıza, Ascobo- 
lus, Bulgaria, Rhizinia. 2) Mit grofsen Schläuchen und einem geson- 
derten Stiel. Helvellacei: Ditiola, Leotia, Vibrissea, Spatularia, Mi- 
irula, Helvella, Verpa, Morchella. 3) Mit grofsen Schläuchen und keulen- 
förmiger Gestalt: Geoglossei, Geoglossum. 4) Mit kleinen Schläuchen 
und flacher Gestalt. T’'helephorei: Thelephora, Stereum. 5) Mit klei- 
nen Schläuchen und mehr oder weniger erhöhter Gestalt. Clavariacei: 
Merisma, Clavarıa. 

VI. Die Fruchtkörner sind in einen Schleim gehüllt, befinden 
sich auf einem besondern Theile innerhalb des Fruchtbehälters, Phal- 
loidei: Phallus et aff. 

VIII. Die Schläuche befinden sich an besondern Theilen und die- 
ser wird von dem Fruchtbehälter getragen. Agaricini: Hydnum ete. v.s. 


0.2. Lichenes. 


Der Sprofstheil ist gemmenartig oder blattartig. 

. Es ist durch die neueren Untersuchungen der Herren G. F. W. 
Meyer und Wallroth aufser allen Zweifel gesetzt worden, nicht nur, 
dafs die krustenförmige Gestalt des Sprofstheils eine unentwickelte blatt- 
förmige ist, sondern auch, dafs in einer und derselben Art, Verwande- 
lung dieser Gestalten in einander Statt findet. Wir wollen daher von die- 
ser Verschiedenheit für die Unterabtheilungen keinen Gebrauch machen, 
zumal da die Verknüpfungen dieser Formen schon oben dargestellt sind. 
Auch die übrigen Verschiederheiten des Sprofstheils, welche auf Man- 
gel und Ueberflufs beruhen, können hier nicht in Betracht kommen. 
Der sonderbare Bau der Gattung Usnea, da er nur an einigen Arten 
Statt findet, darf hier ebenfalls vernachläfsigt werden. 

Aber es scheint mir zu weit gegangen, wenn man die Verschie- 
denheiten des Sprofstheils auch aus den Kennzeichen der Gattungen aus- 
schliefsen will. Denn wie will man die Gattung Yerrucaria von Sphaeria, 
oder Peziza, besonders Patellaria Fries von Lecidea unterscheiden, wenn 
man nicht den Sprofstheil zu Hülfe nimmt? Ja giebt es ein Kenn- 
zeichen, wodurch man die Lichenen überhaupt von den Pilzen unter- 
scheiden kann, aufser der Beschaffenheit des Sprofstheils? Wir müssen bei 


Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 183 


der Regel bleiben: was beständig ist, kann ein unterscheidendes Merk- 
mal für die Gattungen geben. 

Der Fruchtbehälter stimmt auf eine sehr auffallende Weise mit 
dem Fruchtbehälter der Pilze überein, und durchläuft dieselbe Reihe 
mit dem einzigen Unterschiede, dafs in der Folge der Lichenen ei- 
nige Zwischenstufen fehlen. Wir haben nur drei Hauptstufen in der 
Reihe der Lichenen: 1) Fruchtbehälter, worin die Fruchtkörner enthal- 
ten sind, ohne in Schläuche (thecae) eingeschlossen zu seyn = 3 Sp. 
der Pilze; 2) Fruchtbehälter, welche die Schläuche einschliefsen, = 5 Sp. 
der Pilze, 3) Fruchtbehälter, welche von Schläuchen überzogen sind, 
— 65». der Pilze. Wir können also geradezu die drei Meyerischen 
Unterordnungen hier aufnehmen, da es auf die Reihe der Bildungen 
des Fruchtbehälters allein ankommt. 

Zuvor jedoch über einige Gattungen, welche an sich, oder in Rück- 
sicht auf ihre Stellung, zweifelhaft sind. Die Gattung Zepraria ist den 
Pilzen gleich zu setzen, welche keine Fruchtbehälter, sondern nur Keim- 
körner ragen. Die Uebereinsimmung geht so weit, dafs ich Zepraria 
latebrarum und chlorina zu Sporotrichum gebracht habe; der Bau ist völlig 
derselbe und allerdings von dem Baue der Z. fava verschieden; dort ge- 
gliederte Fäden, hier unregelmäfsig gehäufte und gebildete Körner. Nach 
Floerke ist Z. Zatebrarnm eine ausgebleichte Z. chlorina. 

Von den Gattungen Spiloma, Isidium und Yariolaria haben uns 
die Herren Meyer und Wallroth befreiet. Es ist ohne allen Zweifel, 
und zuweilen sehr deutlich wahrzunehmen, dafs die Variolarien verän- 
derte Porinen oder Parmelien sind. Aber die Art der Veränderung 
scheint mir nicht die von jenen Untersuchern angegebene. Die wahren 
Keimkörner der Lichenen, welche an bestimmten Orten hervorkommen, 
z.B. an der Steta verrucaria Ach. St. aurata A. Ramalina farinacea Ach. 
finde ich immer unter dem Mikroskop zwar klein, aber doch bei wei- 
tem gröfser, deutlicher gerundet und gleichförmiger, als die Körner, 
welcke auf dem Variolarien hervorkommen. Diese gleichen völlig den 
Leprarien. Ich kann daher nicht umhin, diese Körnermasse für parasi- 
tische Leprarien zu halten, welche die Flechten eben so zerstören, wie 
der Brand die gröfseren Gewächse, oder will man noch eine nähere 
Vergleichung haben, ein Sepedonium die gröfsern Pilze. So läfsı sich 


184 Lınsk&k 


die sonderbare, und doch äufserst häufig vorkommende Veränderung 
der Lichenen erklären, da sonst die Monstrositäten im organischen Reiche 
viel seltener gefunden werden. Denn hier ist nicht blofs Fehlgeburt, son- 
dern wirkliche Umgestaltung oder Monstrosität. Auch hat die Veränderung 
der Parmelien, das Aufschwellen, die Entfärbung eine grofse Aehnlichkeit 
mit den Veränderungen der Blätter durch Rost, z.B. der Birnblätter 
durch Roestelia cancellata. Ich möchte drei Arten von parasitischen 
Leprarien unterscheiden: erstlich die graue bittere Art mit etwas gröfse- 
ren Körnern, zweitens die weifse, unschmackhafte Art mit kleinern 
Körnern, und drittens die gelbliche ebenfalls nicht bittere Art. Die 
letztere bildet Zsidium phymatodes Ach. 

Spiloma verrucosum Floerke ist ein parasitischer Pilz, Torwa nahe 
verwandt oder eine Art dieser Gattung. Diese Pilze kommen zuweilen 
parasitisch vor, wie Tetracolium Tuberculariae zeigt. 

Für ZLeparia rubens habe ich ein Gewächs gehalten, welches um 
Berlin an Tannenbäumen, an Bretterzäunen, wo sie feucht sind, häufig 
wächst. Frisch ist es orangefarben, trocken gelblich grün. Herr Wall- 
roth hat davon umständlich geredet. Er bringt dahin Torula erocea Mart. 
welche ich also unrichtig unter Oidium in meiner Fortsetzung der Spec. 
pl. von Willdenow aufgeführt habe, weil ich sie nicht gesehen. Ich 
weifs nicht, ob ich dasselbe Gewächs vor mir habe, welches Herr Wall- 
roth commentirt hat, aber meines ist gewifs nicht die Ausgeburt einer 
Flechte; dafür bürgt der Bau, wie er unter dem Mikroskop sich zeigt. 
Es besteht nämlich aus vielen grofsen und kleinen in Wasser aufschwel- 
lenden und dann gallertartig erscheinenden Bläschen, welche sehr we- 
nig Aehnlichkeit mit den Keimkörnern der Lichenen, und eben so wenig 
mit den Leprarien haben. Es steht vielmehr den Tremellenartigen Pilzen 
nahe, Coccosphaerium oder Allosphaerium, und vermuthlich gehört dahin 
der Pilz, welcher den Schnee in Grönland roth färbt. Auf meinen Ex- 
cursionen um Berlin habe ich es den Zuhörern als Coccophysium nov. 
Gen. angegeben. 


Subordo 1. Coniocarpi. 


Der Fruchtbehälter schliefst — wenigstens im Anfange — die 
Fruchtkörner ohne Schläuche (thecae) ein. 


Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 185 


Calycium. Die Gattung Coniocybe ist nicht gehörig gesondert. Bei 
allen Calycien sind die Fruchtbehälter mit Keimkörnern, wenigstens in 
der Jugend überstreut, und die wahren Fruchtkörner finden sich inner- 
halb einer dichten zelligen Masse. Cal. tympanellum und albo-atrum Fl. 
gehören keinesweges hieher; sie haben Schläuche und C. ympanellum 
deutlich doppelte Fruchtkörner, C. albo-atrum weniger deutlich. Man 
könnte sie, wegen des nach unten verlängerten Fruchtbehälters, und 
der grofsen leicht sich sondernden Körner zu einer besondern Gat- 
tung erheben. Cal. tigillare. scheint auch dahin zu gehören. Ist Cat. 
roscidum ein abgeänderter Zustand der Zecidea dryina, so gehört es eben- 
falls dahin. 

Subordo 2. Miyelocarpi. 

Die Schläuche sind von dem Fruchtbehälter eingeschlossen. 

Chiodecton, Antrocarpium, Porophora, Mycoporium, Ocellularia, Stig- 
matıidium, Verrucaria, Trypethelium, Pyrenastrum, Sugmatidium, Endo- 
carpon. Oft fehlt die Fruchthülle (peridium), dann machen die Schläuche 
einen Kern. 

Subordo 3. Hymenocarpi. 

Eine Schicht von Schläuchen überzieht die Fruchtbehälter. 

Es ist wohl zu merken, dafs diese Gestaltung sich weit mehr der 
vorigen nähert, als in den Pilzen. Die Spitzen der Schläuche sind durch 
eine oft ziemlich dicke, gefärbte Materie bedeckt, welche sie von oben 
einschliefst. Die Schläuche enthalten oft noch andere Schläuche (asci), 
in welchen sich die Körner als ein schwarzes Pulver befinden, und wer- 
den dadurch den Schläuchen der vorigen Unterordnung sehr ähnlich. 
In Opegrapha neigen sich die Ränder so zusammen, dafs sie fast Hyste- 
rien sind. Man mufs also die Gränze in der Ordnung der Lichenen 
etwas anders ziehen, als in der Ordnung der Pilze. 

Conioloma. Die Gattung gehört hicher, denn es sind wahre 
Schläuche (thecae) vorhanden. Sie fallen an der Oberfläche endlich 
zusammen, und werden gleichsam pulverig, auch fallen die Körner in 
ihnen zu einer pulverigen Masse zusammen. 

Opegrapha (dieser älteste, von Humboldt gegebene Name, ver- 
dient den Vorzug vor Graphis), Antherisca, Leucogramma, Platygramma, 
Glyphis. 

Phys. Klasse 1824. Aa 


186 Link 


Graphidium. In einer Abhandlung in Schrader’s N. Journ. d. Botan. 
2.Bd. S.1. habe ich die sehr abweichenden asci von Lecidea atrovi- 
rens vorgestellt, aber nur nach einem (Juerschnitte, in einem Länge- 
schnitte sind sie länglich. Deutliche‘ thecae habe ich nicht gese- 
hen, und das Gewächs gehört also in Rücksicht auf den innern Bau 
in die Nähe von Porophora. Da die Art, wie der Fruchtbehälter auf 
den Sprofstheil aufgesetzt ist, zu einem äufsern Kennzeichen dienen kann, 
so rathe ich, diese Flechte unter dem aufgestellten Namen, als Gattung 
zu sondern. Denn jeder Fruchtbehälter macht mit dem anhängenden 
Stücke des Sprofstheils ein Individuum aus. 

Urceolaria. In der erwähnten Abhandlung habe ich die aufseror- 
dentlich grofsen Fruchtkörner dargestellt, in der Meinung, dafs sie 
Schläuche (thecae) seyn möchten. Aber die äufseren Schläuche sind 
allerdings vorhanden. Auch in U. cinerea (ocellata) sind die Fruchtkör- 
ner sehr grofs, obwohl nicht so grofs als in TV. contorta. Diese Flech- 


ten könnten gar wohl in eine Gattung zusammengestellt werden, deren 


5 
Sprofstheil in Felder (areas) zerreifst, so dafs jedes Feld einen oder meh- 
rere versenkte Fruchtbehälter enthält. Jedes Feld macht mit seinen 
Fruchtbehältern ein Individuum. Urceolarıa seruposa und verwandte sind 
wahre Zecanorae. 

Leeidea, Patellaria. Hätte Meyer die Gattung Zecidea mit dem 
Namen Patellaria belegt, und umgekehrt, so könnte man Patellaria Fries 
geradezu vereinigen. Denn dieses Gewächs mufs doch, als wahres Ver- 
bindungsglied, sowohl unter den Flechten als unter den Pilzen aufge- 
führt werden. Der Unterschied zwischen Zeeidea und Patellaria, wie 
ihn Meyer bestimmt, hat sehr undeutliche Gränzen. 

Lecidea, Psoroma. Diese letztere Gattung wird genugsam durch 
den Sprofstheil ausgezeichnet. Er entwickelt sich getrennt von dem 
Fruchtbehälter, und beide Theile sind von einander fast unabhängig. 
Er enthält statt der faserigen Masse eine pulverige, und diese besteht 
unter dem Mikroskop aus sehr ungleichen, grofsen und kleinen, losen 
Zellen. Hieher gehören Psoroma decipiens, testaceum, luridum und ver- 
wandte Arten. 

Gyrophora. Wenn auch in den Fruchtbehältern kein’ Gattungs- 
kennzeichen liegt, so findet man es doch in dem Sprofstheile, der nur 


[e>) 
I 


Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 1 


aus dem Ueberzuge besteht, und keinen faserigen oder pulverigen Mit- 
teltheil enthält. 

Lecanora. Es ist allerdings richtig, dafs der blattartige Sprofstheil 
unentwickelt einen gemmenartigen oder krustenförmigen darstellt. Aber 
man erkennt einen solchen Sprofstheil sehr bald, mag er nun eine wirk- 
liche Fruchtbildung wie die Variolarien zeigen, oder ein Mangel an 
Entwickelung seyn, wie wir die Parmelia parietina in den jugendlichen 
Zuständen finden. Die Gattung Zecanora kann also recht wohl getrennt 
werden, wenn man die veränderlichen Gestaltungen des krustenförmigen 
Sprofstheils ausschliefst. Den Uebergang der Zecidea aurantiaca in Par- 
melia parietina habe ich oft beobachtet. Es wird der Rand der Frucht- 
behälter heller, schwillt an, und wächst zur blattartigen Gestalt aus. 
So deutlich dieses auch ist, so bleiben mir doch noch Zweifel, ob nicht 
ein parasitischer Zustand hier täuschen könne. Parmelia parietina dringt 
aus dem Innern der Borrera tenella hervor, und verwächst mit ihr so 
sehr, dafs man gewifs behaupten würde, eine Art verwandele sich in 
die andre, wenn nicht übrigens beide Gestalten zu sehr von einander 
verschieden wären. 

Parmelia. Diese Gattung hat drei Abiheilungen: Placodium, 
wo das Innere des Sprofstheils wie an Psoroma beschaffen ist, nur ent- 
wickelt sich der Fruchtbehälter auf die gewöhnliche Weise; Parmelia, 
von gewöhnlicher Bildung des Sprofstheils, ohne Wurzelzasern, doch 
angewachsen; und Dorrera, mit Wurzelzasern. Die meisten Arten 
gehören zu der letzten Abtheilung. Meyer und Wallroth haben sehr 
treffend das Verwandlungsspiel der Borrera tenella gezeigt. Hier ist alles 
deutlich ohne Verdacht einer parasitischen Veränderung. Wenn man 
auch diese Abtheilungen nicht trennen will, so kann man doch die fol- 
genden unbedenklich zu eigenen Gattungen machen. Euernia. Der 
Sprofstheil nur in der Mitte angewachsen, sonst niederliegend, mit einer 
obern und untern Seite ohne Wurzelzasern. Hiehber Ziehen furfuraceus, 
glaueus u.s. w. Cetraria. Der Sprofstheil ist an der Basis in die Erde 
eingewachsen, oder in der Mitte angewachsen ohne Wurzelzasern, mit 
zwei gleichen Seiten. Hieher C. islandica, nivalis, cucullata, vulpina, 
luniperina u.$s, w. auch Cornicularia acweata. Ramalina: eine schildför- 
mige Wurzel. Hicher R. Jraxinea, populina, polymorpha, Prunastri u.5. W. 

Aa 


188 Lıs« 


Corniewlaria. Eine schildförmige Wurzel, und runde Sprofstheil- 
zweige. Hieher C. tristis und Roccella. Ich besitze Parmelia stygia mit 
ausgewachsener C. Zanata, vom Harz, und habe diese immer für para- 
sitisch gehalten, doch stelle ich die Sache anheim. 

Stieta. Die beiden Arten St. pulmonaria und verrucaria haben 
durchaus keine wahren Cyphellen, auch ist der Bau des Fruchtbehälters 
anders, als an St. aurata, wo er, wie gewöhnlich, sich verhält. Beide 
würde ich daher unter dem Namen Zobaria trennen. 

Peltidea. Die Gattungen Nephroma und Solorina sind nicht zu trennen. 

Cenomyce, oder, wie Meyer richtig sagt, besser Cladonia. 

Sphaerophorus. In der oben angeführten Abhandlung in Schra- 
ders Journal habe ich gezeigt, dafs dieses Gewächs, wie die verwandten 
Gattungen, wahre Schläuche (thecae) mit aneinandergereihten Frucht- 
körner hat. Aber man mufs die Fruchtbehälter in der frühen Jugend 
untersuchen, ehe die Körner schwarz gefärbt sind, um dieses zu sehen. 
Zur Zeit der Reife schwinden die Schläuche, und die Fruchtkörner 
bilden eine pulverige Masse. 

Alectoria. Hieher rechne ich nur Usnea barbata, mit der geglie- 
derten Rinde des Sprofstheils. Usnea iubata gehört zu Cornieularia. 

Usnea. Das Innere des Sprofstheils ist durch sein Holz, nämlich 
durch ein Bündel von gleichlaufenden Fasergefäfsen oder Faserzellen 
sehr ausgezeichnet. Das Fasergewebe der übrigen Lichenen ist ein ver- 
wickeltes Gewebe, wie der flockige Sprofstheil der Pilze es meistens ist. 

Collema. Der ganz eigenthümliche Bau des Sprofstheils zeichnet 
diese Gattung sehr aus. Der rindige Theil ist aufgeschwollen, vermehrt 
und hat dadurch den faserigen Theil auseinander gedrängt. Daher finden 
sich einzelne, einfache oder wenig ästige Fasern mit vielen Querwänden 
innerhalb der gallertartigen zelligen Masse zerstreut. Oft sind diese Fa- 
sern kurz und fast spindelförmig. So nähert sich der Bau gar sehr ei- 
nem Nostoch, und diese Flechten machen das Verbindungsglied zwischen 
beiden Ordnungen. Dieser Bau ist selten gehörig und in seiner Ver- 
bindung dargestellt worden. 

Coenogonium. Ist dem Fruchtbehälter nach ein wahrer Lichen, 
und zwar aus dieser letzten Unterabtheilung ; dem Sprofstheile nach, ein 
höchst sonderbares Gewächs. 


Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 189 


0.3. Algae. 


Der Sprofstheil ist entweder inwendig, seinem Baue nach, gleich- 
förmig, oder er besteht aus gewundenen gallertartigen Faserzellen, mit 
einem Ueberzuge von rundlichen Zellen. In seltenen Fällen besteht er 
ganz aus gewundenen Fasern. 

Alle, welche sich mit diesen Pflanzen beschäftigten, mufsten auf 
den Sprofstheil zuerst und vorzüglich Rücksicht nehmen, weil die Frucht- 
behälter selten gefunden werden, und im trockenen Zustande schwer zu 
untersuchen sind. Es ist daher auch nur auf den Stand der Fruchtbe- 
hälter Rücksicht genommen worden. Sehr selten hat man von dem In- 
nern der Fruchtbehälter Gebrauch gemacht, um dadurch die Gattungen 
zu bezeichnen. 

Die Abtheilungen, welche Herr Agardh angiebt, sind so vortrefl- 
lich, dafs wir sie mit einigen wenigen Abänderungen geradezu aufneh- 
men dürfen. 

Subordo 1. Diatomeae. 

Der Sprofstheil theilt sich in verschiedene Stücke und vermehrt 
sich dadurch. Diese Gewächse stehen am Rande des Gewächsreiches, 
und bilden das Lückenglied zwischen den Pflanzen und Zoophyten. Os- 
cillatoria gehört hieher; sie zerfällt nach den Beobachtungen des Herrn 
Dr. Leo in Bacillarien. Die Gattungen sind von Agardh gut bestimmt. 


Subordo 2. Nostochinae. 


Der Sprofstheil besteht äufserlich aus einer gallertartigen Hülle, 
innerlich aus einem gegliederten einfachen oder ästigen Faden. 

Protococcus nivalis, der rothe Schnee, ist ohne Zweifel ein Pilz, 
und gehört, wie ich schon oben erwähnt habe, in die Nähe von Coe- 
cophysium, oder ist eine Art dieser Gattung. Prot. viridis Agardh ist ein 
zweifelhaftes Gewächs. 

Palmella sind höchst wahrscheinlich die Anfänge anderer Algen; 
ohne Zweifel ist dieses von Dyssus botryoides, aus welchem Zyngbya mu- 
ralıs gar oft deutlich hervorgeht. Einige mögen auch zu den Tremel- 
lenartigen Pilzen gehören. Echinella und Gloionema sind zu der vori- 
gen Ordnung zu bringen. 


190 Lınk&k 


Alcyonidium ist ein zweifelhafter Körper, vielleicht zoophytsch. 

Nostoc oder besser Nostochium. Der ganze Sprofstheil ist in eine 
blattartige Form ausgedehnt. Die Faserzellen sind von einander durch 
die gallertartige Masse gesondert, und das Ganze gleicht einem Collema 
so sehr, dafs nur die Frucht das letztere unterscheidet. Etwas verschie- 
den ist der Bau der kugelförmigen und unförmigen Nostochs. Die Fa- 
serzellen sind ebenfalls von einander gedrängt durch die gallertartige 
Masse, ästig, gegliedert, und schwellen hier und da in grofse helle Kör- 
ner auf. Diese Faserzellen sammlen sich auf der Oberfläche von N.ver- 
rucosum, dessen Warzen dadurch entstehen, und vermuthlich schlüpfen 
aus diesen kleinen Erhabenheiten jene grofsen, hellen Körner hervor 
um das Gewächs fortzupflanzen. 

Die Gallerte vermindert sich immer mehr und mehr; in Rivularıa 
und Chaetospora ist sie schon in einer weit geringern Menge, als in 
Nostochium, und endlich überzieht sie nur als ein zarter Schleim die 
Fäden, welche dadurch schlüpfrig anzufassen sind. Datrachospermum, 
Draparnaldia, Thorea, müssen hierher gebracht werden. Die Glieder 
sind nicht mit einer äufsern Haut überzogen, wie an den wahren Con- 
ferven. Hier erscheinen zuerst wahre Fruchtbehälter, da die Körner 
der übrigen wohl nur Keimkörner sind. 


Subordo 3. Conjugatae. 

Die merkwürdigen Algen, deren Fäden sich mit einander ver- 
knüpfen, müssen in einer besondern Ordnung zusammengestellt werden. 
Sie haben alle Querwände; in einigen ballt sich die grüne Materie zu- 
sammen, und geht in einen andern angeknüpften Faden über; ın andern 
ballt sie sich zusammen ohne Uebergang, und in noch andere ist eine 
Verknüpfung ohne Zusammenballung. Es läfst sich erwarten, dafs auch 
der vierte Fall vorhanden seyn werde, eine Zusammenballung ohne Ver- 
knüpfung. Der erste Fall bestimmt eine Gattung, welche Agardh nicht 
getrennt hat, und welche ich Spirogyra nenne, wegen der im Anfange 
spiralförmig gewundenen Fäden. Der andere findet sich in den übrigen 
Arten von Zygnema Agardh (besser Zeugnema). Der dritte ist Mougeotia 
Agardh. Der vierte Sphaeroplea Ag. (besser Sphaerogona), welche den 


Uebergang zur folgenden Unter-Ordnung macht, daher man das Kenn- 


Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 191 


zeichen dieser Abtheilung so fassen mufs: der Sprofstheil verknüpft sich 
mit dem Sprofstheile eines andern Individuums, oder der gefärbte Stoff 


im Innern ballt sich zusammen. 


Subordo 4. Confervaceae. 


Der Sprofstheil erscheint mit Querwänden durchschnitten, und hat 
innerlich keine gallertartige Faserzellen. Es fehlen die Kennzeichen 
der vorigen Ordnung. 

Was die Querwände in den Fäden der Conferven bedeuten, hat 
Roth sehr gut gezeigt, und die Algologen haben in der Angabe der 
Kennzeichen nicht genug darauf Rücksicht genommen. 

Die Gattungen Byssocladium, Syncollesia, Myginema, Chroolepus, 
Trentepohlia, Scytonema, Stigonema, Protonema, Hygrocrocis und Lep- 
tomitus erfordern noch eine genaue Durchsicht. Viele sind Pilze; die 
Gattung Byssocladium gewils; Syncollesia melaena fällt als Monilia anten- 
nata beim flüchtigen Blicke auf; die ganze Gattung Hygrocrocis scheint 
mir nichts als der Sprofstheil von Penieilium glaucum. Von Protonema 
hat Agardh selbst bemerkt, dafs darunter viele Samenblätter von Moosen 
vorkommen möchten. Trentepohlia ist eine wahre Alge. Die Batracho- 
spermeae sind, wie oben erwähnt worden, auszuschliefsen, auch wohl 
Nodularia mit ihnen ; Mesogloia gehört, wenigstens die gröfsern, zu den 
Fucoideis. 

Die unbeweglichen, nicht in Bacillarien sich sondernden Oscilla- 
torien machen eine Familie aus. Daugia verdient eine genaue Revision. 
Einige Arten gehören zu den Ulvaceen, andere vielleicht zu den Con- 
jugaten oder Diatomeen. 

Die netzförmigen Conferven machen eine besondere Familie, be- 
stehend aus zwei Gattungen. 

Die Gattung Conferva steht allein in ihrer Familie. Man könnte 
sie wohl in zwei andere trennen; eine wo der gefärbte Stoff sich ge- 
gen die scheinbaren Zwischenwände legt und diese färbt, und eine an- 
dere, wo er sich in die Mitte zieht, und die Zwischenwände hell und 
durehsichug läfst. Doch enthält die leizie Gattung bei weitem die 
meisten Arten. 


192 Lınk&k 


Die Familien Ceramiaceae und Eectocarpeae bilden eigentlich nur 
eine Familie, in welcher die Fruchtbebälter aufserhalb am Sprofstheile 
sich befinden. Die Körner liegen in denselben zerstreut, also ist die 
Form —= 25p. wenn wir die Bezeichnung der Pilze beibehalten. So ist 
es auch an Batrachospermum. Die doppelte Frucht von Hutchinsia be- 
steht in Fruchtbehältern und Haufen von Keimkörnern. Die Zectocar- 
peae machen eine Unterabtheilung dieser Familie. Uebrigens folgt Agardh 
in der Zusammenstellung meistens Lyngbye, dessen Analysen in dieser 


Familie vorzüglich sind. 


Subordo 5. DTlvaceae. 


Der Sprofstheil hat keine Spur von Querwänden; enthält auch 
keine gallertaruige Faserzellen. 

Codium gehört ohne Zweifel zu den Fucoideae. Der Mangel der 
Frucht kann keinen Unterschied machen. Auch Caulerpa scheint eine 
Fucoidea. Solenia ist eine wahre Ulvacea, aber der Name kann nicht 
bleiben, da schon längst eine Solenia unter den Pilzen vorhanden ist. 
Also Einteromorpha. 

Zonaria gehört hierher. Die Fruchtbehälter sind äufserlich zu 
nennen und enthalten zusammengehäufte Körner, also eine Bildung 
= 3 Sp. Herrn Agardh scheint meine Analyse in den Horae Berolinenses 
nicht bekannnt geworden zu seyn. 


Subordo 6. ‚Spongiaceae. 


Gewundene Fasern ohne Ueberzug bilden die Sprofstheile. Aeufser- 
liche Fruchtbehälter mit zusammengehäuften Fruchikörnern. 

Spongia lacustris, wie ich schon oben erinnert habe, ist eine wahre 
Alge, und sehr von den Zoophyten entfernt. Ob die übrigen Spongiae 
sich eben so verhalten, weifs ich nicht; die Gestalt der Fruchtbehälter ist 
= 3,5p. Dieses Gewächs besteht aus den Faserzellen der Fucoideae ohne 
ihren Ueberzug. 

Subordo 7. Fucoideae. 

Der Sprofstheil ist mit einer Gallerte angefüllt, welche aus Faser- 

zellen besteht. 


Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 195 


Da in der Familie der Fueordeae so viele Gestaltungen des Frucht- 
behälters von Agardh angenommen werden, so sieht man nicht ein, 
warum die etwas weniger entwickelten Gestaltungen des Fruchtbehälters 
die Florideae wennen sollen. Ueberhaupt mufs man bedenken, dafs der 
innere Bau der Fruchtbehälter in allen diesen Gewächsen noch wenig 
untersucht ist. Agardh hat nach der Stellung und der äufsern Gestalt 
der Fruchtbehälter sehr geschickt die Gattungen bestimmt, aber die An- 
gaben vom innern Bau scheint er meistens von Turner genommen zu 
haben, und dieser wandte viel zu geringe Vergröfserungen an. Auch 
Lyngby untersuchte mit viel zu wenig vergrölsernden Werkzeugen. Ich 
habe nur wenige Tangarten genau untersuchen können, denn in allen 
den Sammlungen, welche mir offen standen, fehlten die Fruchtbehälter 
nur zu oft. Indessen will ich einige Bemerkungen beifügen. 

Dafs die doppelten Früchte Keimkörner und Fruchtkörner seyn 
mögen, wird man bald vermuthen. An Delesseria habe ich auch die 
Uebereinsiimmung mit den Keimkörnern der Lichenen sehr auffallend 
gefunden. Nur ist es merkwürdig, dafs die Keimkörner auch oft in 
besondere Behälter eingeschlossen erscheinen, wenn sie mit den Frucht- 
behältern an einer Pflanze sich befinden. Dann sind sie in den weifsen 
Früchten den Ahodomela pinastroides in längliche Schläuche eingeschlos- 
sen, da hingegen in den kugelförmigen Fruchtbehältern längliche, gestielte 
Behälter ('sporangiola) liegen, mit einer körnigen Masse erfüllt. Die Sphae- 
gestielte Körner in ihren Fruchtbehäl- 
tern, vermuthlich sporangiola, ungeachtet ich kleinere Körner nicht darın 


rococc! haben gröfstentheils grofse, 


gefunden habe. In Sphaerococcus rubens, Griffitsiae, striatus sieht man 
sehr schöne bündelförmig zusammengestellte Schläuche (thecae) wie in 
den Pezizen. Sie gehen vom Mittelpunkte nach den Umfange. In Po- 
Iyides lumbricalis sind die Behälter wie sie sich in den wahren Sphaero- 
coccis finden, mit den Schläuchen der übrigen vereint. Jurcellaria hat 
Behälter mit einer körnigen Masse erfüllt. In Fueus gehen die Schläuche 
vom Umfange gegen die Mitte; sie sind in Fucus vesiculosus so, wie ich 
sie in Schraders Journal vorgestellt habe; in Z. canalieulatus fand ich 
aber diese Form mit wahren Schläuchen zusammen, so dafs jene wohl 
nur eine jugendliche Form scheint. In Cistoseira fand ich sehr deut- 
Phys. Klasse 1824. Bb 


194 Lıwx Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 


liche Schläuche, alle gefüllt, also keine fila intermixta. An einem andern 
Orte werde ich diese Untersuchungen mittheilen. 


Subordo 8. Characeae. 


üine wahre und regelmäfsige Verästelung. 

Diese Gewächse haben den innern Bau der Algen; dem äufseren 
Baue nach schliefsen sie sich an die mehr entwickelten Gestalten des 
Pilanzenreichs an, und beschliefsen die Reihen der Kryptophyten. 


— RA — 


Ueber die 
Antilopen des nördlichen Africa, 
besonders 
in Beziehung auf die Kenntnils, welche die Alten davon 
gehabt haben. 


Von 


mm: "LICHTENSTEIN. 


mumnmnnnvvvVvYn. 


[Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 11. März 1824.] 


U nter den Schätzen, welche die Königlichen Sammlungen dem Eifer 
der Doctoren Ehrenberg und Hemprich zu verdanken haben, be- 
findet sich auch eine bedeutende Zahl von Antilopen, welche ein Streif- 
zug, den diese unermüdlichen Sammler im Sommer des Jahrs 1522 von 
Dongola aus nach Sennaar unternahmen, ihnen verschaffte. 

Wiederkäuende Thiere aus bisher unzugänglichen, wenig bekann- 
ten Ländern haben immer ein eignes Interesse, insofern sie als die 
gröfseren thierischen Formen, zu den am mehrsten in die Augen fal- 
lenden Wahrzeichen solcher Länder gehören, und über deren Frucht- 
barkeit und sonstige natürliche Beschaffenheit mancherlei Schlüsse zu- 
lassen, die in Zusammenstellung mit andern Bestandtheilen der dortigen 
Fauna ein ungefähres Bild von dem natürlichen Gesamtcharacter des 
Landes geben. Hier mufste dieses Interesse um so gröfser sein, als eben 
jene Gegenden den Griechen und Römern zugänglich gewesen sind, und 
die auffallenderen Thierformen, welche dieselben bewohnen, in den auf 
uns gekommenen Werken ihrer Schriftsteller sich häufig genannt und 
beschrieben finden und als diese Angaben in der neueren Zeit so oft 
zu gelehrten Untersuchungen Veranlassung gegeben haben. 

Wenn solche Untersuchungen im Ganzen der Wissenschaft wenig 
Gewinn gebracht haben, so liegt die Ursache davon theils in der Man- 


gelhaftigkeit und Kürze der älteren Angaben selbst, theils in der be- 
Bb2 


196 LicHTeEnssTteın 


schränkten Kenntnifs, welche die gelehrten Commentatoren von den Din- 
gen hatten, über welche es sich handelt, und wenn vollends, wie nicht 
zu läugnen, selbst durch die besten unter diesen, viel irrthümliche 
Vorstellungen verbreitet worden sind, so kann man dies nur dem aller- 
dings verzeihlichen Wahn, in welchem die naturhistorischen Schrift- 
steller der leiztverflossenen Jahrhunderte befangen gewesen sind, zu- 
schreiben, als seien ihre Kenntnisse von den natürlichen Erzeugnissen 
der Erde zur Genüge erschöpfend und als müsse der Aufschlufs zu jeder 
naturhistorischen Frage des Alterthums aus dem Vorrath der bis dahin 
zur Kunde gekommenen Thatsachen zu entnehmen sein; der nicht min- 
der erheblichen Schwierigkeiten gar nicht zu gedenken, welche sich aus 
dem bei den Alten so häufig zu findenden willkührlichen oder doch 
wechselnden Gebrauch gangbarer Namen, aus der etwanigen Corruption 
des Textes, aus dem Verlust der eigentlichen Quellen und Haupt-Be- 
weisstellen u. s. w. ergeben. 

In keiner andern Abtheilung der Thierkunde aber hat man sich 
ängstlicher bemüht, die Namen der Alten auf Bekanntes und Gegebnes 
zu deuten als bei den Wiederkäuern, und in keiner Gattung ist dies 
schlechter gelungen als in der der Antilopen, die, ihnen hauptsächlich 
nur aus dem nördlichen Africa bekannt, je nachdem ihre Gestalt es zu 
fordern schien, bald dem Rinder-, ‘bald dem Ziegengeschlecht zuge- 
sellt, bald unter ganz eigenthümlichen Namen bezeichnet wurden. Jede 
Zeit hat es sich erlaubt, diesen Namen bestimmte Deutung zu geben ; 
die mehrsten derselben haben aber ihre Bestimmung häufig gewechselt, 
und man finder sie seit Linne’s Zeit, von allmählich zunehmender 
und berichtigender Sachkenntnifs der Wahrheit immer näher geführt, 
in den systematischen Namenverzeichnissen bald als specilische Namen 
bald als Synonyme von einer Art auf die andre übertragen. Viele, 
die noch jetzt nicht genügend erklärt werden können, stehen längst in 
mifsbräuchlicher Anwendung in den Handbüchern, selbst in den Schrif- 
ten zum Unterricht für die Schuljugend da, und jedem Anfänger in der 
Zoologie, wenn sich ihm die Schriften der Alten für dieses Studium 
auch nie geöflnet haben, sind die Namen Bubalus, Dama, Oryx, Strep- 
siceros, Dorcas, Cervicapra 


» Tragelaphus u. s. w. wohlbekannte Klänge, 


mit welchen sich ihm freilich selten andre als sehr dunkle Vorstellungen 


über die Antlopen des nördlichen Africa. 197 


verbinden. Es ist der Zweck gegenwärtiger Abhandlung, den mehrsten 
dieser Namen eine sichere Erklärung dadurch zu geben, dafs sie zeige, 
wie die Angaben der Alten so vollkommen auf die Thiere zutreffen, 
die, nachdem sie seit den Kampfspielen der Römer nicht mehr in Eu- 
ropa gesehn worden, zuerst durch jene eifrigen Sammler wieder ent- 
deckt worden sind. 

Der Erste, der es versucht hat, die gröfstentheils willkührlichen 
Deutungen von Gefsner, Aldrovand, Bochart, Linne, Shaw 
(dem Reisebeschreiber), Buffon und Pennant zu sichten und zuläs- 


sigere Beziehungen zu finden, ist Pallas, der, indem er diese ganze 


5 
merkwürdige Sippschaft der Wiederkäuer zuerst einer gesonderten Be- 
trachtung unterwirft und ihr den Namen Antilope (!) beilegt, zu- 
gleich das Irrige in vielen jener Deutungen nachweiset und mit einer 
umfassenderen Kenntnifs von den Thieren selbst, nicht nur die Namen 
welche Griechen und Römer dafür anwenden, sondern auch die, welche 
sich in den heiligen Schriften und bei den arabischen Schriftstellern 
dafür vorfinden, zu erklären bemüht ist. Ihm waren nämlich die da- 
mals im südlichen Africa entdeckten Antilopen-Arten ein Gegenstand 
genauerer Untersuchung geworden. Viele derselben haben in ihrer Bil- 
dung manches Gemeinsame mit denen, die das nördliche Africa erzeugt 


(') Pallas erklärt sich über die Anwendung dieses Namens, indem er (Spicil.XH, p.1.) 
anführt, was Bochart bei Gelegenheit des Jachmur biblicus von dem Namen Antholops 
und Anthalopus, die bei den Kirchenvätern vorkommen , sagt, dafs sie nämlich nicht 
griechisch sondern vielmehr koptisch seien und hirschähnliche Thiere bedeuten. Er fügt 
hinzu, Linne habe davon den Namen Antilope genommen, den er in der ersten Ausgabe 
seines Systems einem der fabelhaften Thiere beilege. 

In der ersten, erst spät so berühmt gewordenen Ausgabe seines Systems hat Linne 
indessen die Antilope noch nicht in das Verzeichnifs der paradoxen Thiere aufgenommen, 
sondern dies geschieht erst in der zweiten (Holm. 1740. kl.8vo.) mit den Worten: Antilope, 

‚Jacıe ferae, pedibus pecoris, cornibus caprae serratis,; (ganz nach Eustathius im Hexae6- 
meron). Von daan wird der Name Antilope bald in seiner jetzigen Bedeutung gebraucht ; 
so findet er sich bei französichen und englischen Schriftstellern derselben Zeit, z.B. in Shaw's 
Reisen sowohl in der englischen als französischen Ausgabe (1743) wo die Gazelle (Dorcas) 
U Antilope. commune genannt wird. In der neunten von Gronov besorgten Ausgabe des 
Linneischen Systems (1756) welcher die französischen Namen beigefügt sind, ist Capra Ga- 
zella durch 2’ Antilope wiedergegeben. Welcher Schriftsteller aber ihn zuerst im l.atei- 
nischen vor 1740 gebraucht habe, ist mir noch nicht gelungen aufzufinden. 


198 LicHTENSTEIN 


und man wird es Pallas verzeihn, dafs er sich danach dieselben Formen 
durch den ganzen africanischen Continent verbreitet vorstellte, wenn man 
bedenkt, dafs wir ja jetzt kaum erst anfangen, das Wesen der stationären 
Thiere auf ihren natürlichen Standort, auf dessen Erhebung über der Mee- 
resfläche, Ebenheit, Trockenheit, mitllere Temperatur, vegetabilischen 
Reichthum u. s. w. in bestimmtere Beziehung zu bringen und dasselbe 
als abhängig von diesen constanten Bedingungen zu erkennen, mithin 
danach auch jetzt erst einer jeden Thierarı ein viel enger umschriebenes 
eigentliches Vaterland anweisen, als man sonst zu thun gewohnt war. 
So mufste also auch Pallas, misleitet von dieser einzigen unrichtigen 
Voraussetzung in öfteren Irrthum verfallen, aber er irrt nach gründ- 
licher Untersuchung und seine Irrthümer bleiben belehrend, indem sie 
es zunächst sind, die uns auf den merkwürdigen Parallelismus der bei- 
den africanischen Faunen diesseits und jenseits des Aequators in den 
Breiten der Wendekreise aufmerksam machen. Wie in so vielen an- 
deren Gattungen, so hat auch unter den Antilopen fast jede der nord- 
africanischen Arten ihr Entsprechendes an der Südspitze ihres vaterlän- 
dischen Welttheils, ein zunächst Verwandtes nach Leibesgestalt, Haar-, 
Huf- und Hornbildung, das meistens nach allen diesen Puncten eben so 
isolirt unter den Gattungsverwandien seiner Gegend dasteht, als sie 
selbst unter den andern Arten von denen sie zunächst umgeben ist. 
Wie nahe aber auch oft solche sich entsprechende Arten einander ver- 
wandt sind, sie tragen immer jede die bestiimmtesten specifischen Merk- 
male, von denen die mehrsten, indem sie zugleich andern Arten der- 
selben Gegend zukommen, zugleich einen gewissen Local-Characıer in- 
volviren, der für die oben angedeuteten Gesichtspuncte gewifs nicht 
ohne Interesse sein kann. So ist, um Beispielshalber nur Einiges anzu- 
führen, unter allen Antilopen-Arten die den weit ausgedehnten, trock- 
nen, lichtreichen,, in unermelslichen Ebenen sich ausbreitenden Raum 
des nördlichen Africa bewohnen, keine von dunkler Färbung, manche 
vom reinsten Weifs; im südlichen Africa dagegen, das sich, immer 
schmaler , zwischen grofsen Meeresräumen hin erstreckt und von der 
Mitte gegen die Küsten in breiten Abstufungen und ohne dazwischen 
liegende eigentliche Wüstenstrecken abdacht, kommt diese helle Fär- 
bung als Gesammtfarbe des Leibes auch nicht ein einzigesmal vor; die 


über die Antilopen des nördlichen Africa. 199 


in den waldıgen Gegenden des Kafferlandes sind tiefbraun, Ant. sylvatica 
endlich fast schwarz. 

Das Haar der nordafricanischen ist kurz, dünn, glattanliegend; das 
der südafricanischen dicht, meist lang, znweilen wollig und an der einen 
Art, die die höheren Gebirgszüge bewohnt, dem sogenannten Klipp- 
springer Ant.Oreotragus das dichteste, struppigste und elasuschste, das 
wir überhaupt an einem wiederkäuenden Thier kennen. 

Die einander entsprechenden Arten der Antilopen in den beiden 
gemäfsigten Zonen Africa’s indessen blofs für klimatische Varietäten an- 
zusehn, hindert uns nicht allein die Unkunde von dem grofsen dazwischen 
liegenden heifsen Erdstrich und die Vermuthung von dessen gänzlicher 
Unwirthbarkeit für so grofse Wiederkäuer, sondern auch die so sehr 
bedeutende anderweitige Verschiedenheit derselben von einander. Nach 
unsern jetzigen Annahmen über den Begriff der Species können sie dem- 
nach nicht anders, denn als verschiedene Arten betrachtet werden, und 
ich stehe nicht an, zu behaupten, dafs nicht eine einzige Art dieser Gat- 
tung beiden Gegenden gemein sei, dafs alle nordafricanische Arten we- 
sentliche Verschiedenheiten von den südafricanischen haben. Demnach 
wäre die Beziehung der alten griechischen und lateinischen Namen auf 
die südafricanischen Thiere dieser Gattung durchaus unzulässig und um 
so mehr zu verwerfen, als sich zeigen lüfst, dafs jene Namen gröfsten- 
theils nur auf die jetzt erst wieder entdeckten und hier zu beschrei- 
benden Antilopen des nördlichen Africa passen. 

Vor vielen andern hat mir daher dieser Gegenstand würdig ge- 
schienen, dafs er der Akademie vorgelegt werde, und ich mufste um so 
mehr Beruf zu seiner Bearbeitung fühlen, als ich nicht nur eine Ver- 
pflichtung habe, den Verdiensten der wackeren Naturforscher, denen 
wir diese Entdeckung verdanken, die gerechte Anerkennung zu ver- 
schaffen, sondern auch zur Aufklärung eines Gegenstandes beizutragen, 
der in der neuesten Zeit die Aufmerksamkeit der Zoologen in beson- 
derem Grade in Anspruch genommen hat. Die Gattung der Antilopen 
ist nämlich seit Pallas zuerst von mir selbst (!), dann von Herrn 


(') Magazin der Gesellschaft Naturforschender Freunde 6" Jahrgang 1812 S. 147. 


200 LiCcHTEnsTEın 


Goldfufs ('), ferner von Herrn G. Cuvier (?), demnächst von Herrn 
Afzelius (?), und zuletzt von den Herren Blainville und Des- 
marets (*) einer neuen Bearbeitung unterworfen worden, ohne dafs 
sich Einer von uns rühmen könnte, gerade für diesen Theil derselben 
etwas geleistet zu haben. Eine neue Zusammenstellung der Arten, die 
ich beabsichte und zu welcher mich der besondere Reichthum unsers 
Museums vorzüglich in Hinsicht auf die südafricanischen auflordert, in 
welcher aber ausführlichere Untersuchungen wohl nicht Platz finden 
dürften, wünsche ich durch gegenwärtige Abhandlung vorzubereiten. 

Es scheint mir gerathen, dem was ich über jede Art zu sagen 
habe, eine kurze Beschreibung derselben voranzuschicken, auf welche 
sich die Vergleichung der anderweitigen Angaben dann desto leichter 
beziehen mag. 


1. ANTILOPE LEUCORYX Pıaır. Tab. 1. 


Von der Gröfse des Hirsches, weifs von Farbe, am Halse mit 
leichtem eisenrosifarbigen Anflug; ein Fleck auf der Surn, Mitte des 
Nasenrückens und Seitenstreif des Kopfes (von der Wurzel des Horns 
durch das Auge bis fast zum Mundwinkel) mattbraun, Schnauze rein- 
weifs. Schwanz wie beim Rind, mit einer weilsen Endquaste, die 
an der Spitze schwarz ist, bis an das Hackengelenk reichend. Hörner 
von der halben Länge des Leibes, rund, säbelförmig gekrümmt, bis 
in die Mitte mit (26-40) Ringen umgeben. Gestalt zugleich zierlich 
und kräfüg, wenn gleich nicht schlank, sondern wohlgenährt und 
rund, doch fein im Knochenbau, nur mit etwas aufgetriebenem Fufs- 
Gelenke. Das Haar sehr kurz, grob, dicht anliegend, nur auf der 
Mitte des Rückens länger und etwas geswäubt. Auf der Mitte des 
Kreuzes ist ein Haarwirbel und von diesem bis an den Hals haben 
diese längeren Haare sämmtlich die verkehrte Richtung nach dem Kopf 
hin. Von Mähne, Hals- oder Kniebüscheln ist keine Spur da. Die Knie 
sind vielmehr nackt und schwielig. 


(') Schrebers Säugethiere, Fortsetzung 1817. 

(?) Dictionnaire des Sc. naturelles, vol. ilI, pag. 223. 

(*) Nov. Act. Upsal. Tom.7, p. 257. 

(*) Now. Bulletin de la Soc. philom. 1816. und Mammalogie II, p.450. 


über die Antilopen des nördlichen Africa. 201 


Ausmessuug nach zwei gleich grofsen Exemplaren ('): 


Ganze Länge von der Schnauze bis zur Schwanzwurzel 5 Fufs S Zoll. 


Länge des Kopfes bis mitten zwischen dem Gehörn....„ — 11, — 
— -gon.da bis zum Widerrüst'..... ce. oe... 1 - 
Höhe vom :Widerrüst bis zum Boden ..................2 — 14 — 
rom Kreuz»bis zum Böden... des schnee en ee 
Umfang des Halses in der Mitte. ......2ceeeececeennce 1 eh 
2, sedles, Viorderleih&s. Annan sa a Ber 
es desiklinterleibeses: 2 var end ae Bd 
Länge des Unterarms .......ereseeeeseeeeneenenene nn 124 — 
— der Röhre vom Handgelenk bis zur Fessel......„ — 85 — 
= dem Bessch de da due 
= Ns derıV orderhufens se: ern re ee 
ersder Alierhufesvnas ana ag ee 
— der Schiene vom Knie bis zum Hacken..........1 — 3> — 
—... der Röhre vom Hacken bis zur Fessel..........1—- 1 — 
= der Bessel eu are een 
= den Hmterhuters rei es: a. ehe se 
—/ „den At an NE er ee 
— des Schwanzes von der Wurzel bis zum letzten 
Wirbel seen ee fa re de 
— des schwarzen Haars an seiner SP ze er, AO 
— der Hörner auf der vordern Krümmung........3 — » — 
— der Hörner auf der Sehne gemessen ............2 — > — 
Umfang der Hörner,an der Wurzel... used nun — I — 
—. war. Inder Nein ans In 
— — — ,6Zoll;yor der Spitze ..........n — 12 — 


Es leidet keinen Zweifel, dafs dieses Thier der Oryx der Alten 
sei. Das Epitheton: Getulus, das er bei so vielen Schrifistellern (*) 


(') Für die Längenmafse kann ich mit ziemlicher Sicherheit einstehn; der Umfang 
des Leibes kann durch das Ausstopfen der sehr zerschossenen Haut etwas verloren haben. 
Auch die nach diesem ausgestopften Exemplar verfertigte Abbildung erscheint daher etwas 
schmächtiger, als das Thier wirklich sein mag. 

(?) :»Juvenal XI, 140. Martial XIN, 92. 

Phys. Klasse 1524. Cc 


202 LICHTENSTEIN 


trägt und das Zeugnifs der Aegypter, auf das man sich bei den Anga- 
ben über ihn stets beruft, beweisen wohl zur Genüge, dafs das Thier, 
das man darunter verstehn soll, in derselben Gegend zu suchen sei, die 
uns die oben beschriebene Art geliefert hat. Unter den vielen Stellen 
bei den Alten, wo des Oryx erwähnt wird, und die Gefsner ziemlich 
vollständig gesammelt hat, sind wenige, die bestimmte Kennzeichen von 
ihm en. Der langen Hörner und des manchfachen Gebrauchs 
derselben wird am häufigsten gedacht, doch ohne irgend etwas davon zu 
sagen, woraus sich ein Beweis für meine Behauptung entnehmen hefse. 
Schon wichtiger ist was Plinius (!) von dem Haar sagt, indem er rich- 
tig bemerkt, dasselbe sei auf dem Mittelrücken in verkehrter Richtung 
gegen den Kopf hin gewachsen, welches nach oben gegebener Beschrei- 
bung auf unsre Antilope vollkommen zutrifft. Nur hat freilich die 
capische An tilope, welche Pallas Oryx nannte, dieselbe Haarbildung, 
und diese war ihm ein Hauptgrund ihr den alten Namen zuzuwenden. 
Dasselbe findet sich auch an einigen andern Antilopen, namentlich an 
4. Eleotragus, auch das Zebra hat etwas ähnliches. 
Die ee über den Oryx finder sich bei Oppian (zuvny. 
Libr. DI, ». 445-488.). Was davon hieher gehört lautet also: 
’Esrı Ö8 rs Ögumoisı magerrıos oEurep 05 Sye. 

aygıoSumos oau&, zovsgös Iygessı Een 

Todö" Yrcı Ygom jaev dr” eiagıvoro Yırrazros, 

MoDveaıS due meosu LITT MEerawonEry TI magsicis" 

demra de oi aEromıs Se 148 reupgeve mtovce Örum. 
o&: Teer zegcuv de neryagee Avrirrourıv 
ceiyjaccı ee MEAVEyYgo0V Eidos Ey ourar 
za Yarzoo Smaroio, uöngou TE agvegpoio, 
mirsou r Srgrcevrog dgsıcregeu rebverw, 


5 ERS: , ‚ IT 2 
tapogor® zevenv öde pur Regauessı Aeyovsı ( ): 


(') Zi. VII, cap.53. Caprae in plurimas. similitudines transfigurantur. Sunt ca- 
preae, sunt rupicaprae, sunt ibices pernicitatis mirandae, sunt et Oryges, soli qu- 
busdam dicti contrario pilo vestiri et ad caput verso. Sunt et Damae et Pygargi 
et Strepsicerotes multaque alia haud dissimilia. Sed ülla Alpes, haec transmarini 
suus millunt. 

(?) In Schneider’s Uebersetzung: Est autem quaedam sylwarum incola, acutis 
cornibus fera, saevus Oryx, formidandus bestiis maxime. Huius color quidem tan- 


quam verni lactis, solis in facie nigricantibus genis. Duplex autem ei pone dorsum, opi- 


über die Antlopen des nördlichen Africa. 203 


Diese poetische Schilderung enthält nichts, das nicht vollkommen 
auf unsre Antilope palfste; die milchweifse Farbe, die nur an den 
Wangen dunkler ist, das zu beiden Seiten des Hinterrückens liegende 
Feist und die spitzen, langen, harten, schwarzen Hörner, von denen 
der Dichter sogar die ganz richtige Bemerkung erfahren hat, dafs sie 
hohl sind (!), dies Alles trifft vollkommen zu und man hat nicht mehr 
nöthig, wie bisher, eine dichterische Uebertreibung anzunehmen, um 
eine Deutung dieser Stelle zu finden. 

Wie der Name Oryx mit dem Gebrauch, den das Thier selbst 
von seinen Hörnern macht, oder zu dem man es beim Ackerbau an- 
wendete und wonach man später selbst einen Theil des Pfluges so be- 
nannte, zusammenhängt, ist eine Frage, zu deren Erörterung ich mich 
nicht hinreichend gerüstet fühle. Aus allen Stellen aber, die dafür an- 
geführt werden können, z.B. bei Agatharchides, Strabo und Lam- 
pridius, geht hervor, dafs diese Hörner durch ihre Länge, Schärfe und 
Härte ausgezeichnet seien; nur erwähnt Niemand der Ringe, mit welchen 
sie an der unteren Hälfte umgeben sind; auch wird nirgends gesagt, ob 
sie völlig gerade oder etwas gebogen sich zeigen. 

Herodot erzählt (Zi. IV.): Bei den africanischen Hirtenvölkern 
gebe es unter andern vielen wilden Thieren die Oryges, von der Gröfse 
des Rindes, aus deren Hörnern die Arme der musicalischen Saiten -In- 
strumente verfertigt werden (rav za ra zegea reisı pewıkw &ı mnyeıs Foruvraı) 
zu welchem Gebrauch, eben wegen der Ringe, die Hörner unsers Oryx 
sich auch vorzüglich zu eignen scheinen. 

Aristoteles (?) erwähnt bekanntlich des Oryx als einhor- 
nig und Plinius schöpft aus ihm, wenn er sagt (°): Solda un- 


mum adipe: Acuti porro cornuum alte prominent mucrones tetri, nigri specie, qui aeri 
aculo, Ferroque atrocı, saxoque duro praestant, venenali; cava vero cornua nalura 
esse arunt. 

(‘) Es wird hier wahrscheinlich nur im Gegensatz gegen solides Hirschgeweih, das 
Horn huhl genannt. Doch wäre vielleicht auch möglich, dafs den Beobachtern die an- 
sehnlichen inneren Knochenhöhlen, die sich bis zum zweiten Drittheil der Länge in dem 
Stirnzapfen hinauf erstrecken, aufgefallen wären. 

(*) Arist. hist. anim. Lib.1l, cap.1. und .de part. anim. Lib.1U, cap. 2. 

EN FTZID. XL, cap. 16. 


Cce2 


204 LicTEenstein 


gula et bicorne nullum. Unicorne asinus tantum indicus, nnicorne et 
biswWeeum Oryı. 

Wenig Vorstellungen aus dem Thierreich haben zu allen Zeiten 
so sehr, zugleich den Wunderglauben des Volkes, die Phantasie des 
Dichters und den Forschungsgeist der Gelehrten in Anspruch genom- 
men, als die vom Einhorn. Ich will den Streit hier nicht anregen, 
der wenigstens durch P. Camper (!) nicht geschlichtet zu sein scheint, 
ob man das Dasein eines vierfülsigen und zwar ein- oder zweihufigen 
Thiers mit einem wahren von Hornmasse überzogenen Stirnzapfen, der 
nach ursprünglichem Bildungsgesetz immer nur in der einfachen Zahl 
vorhanden, in der Mitte des Kopfes stehe, aus physiologischen Gründen 
für unstatthaft halten solle oder nicht. Mag man die Entdeckung eines 
solchen Wesens immerhin noch von der Zukunfi erwarten, soviel 
scheint mir gewifs, dafs man die Stellen der heiligen Schrift, so wie 
die mehrsten bei den Profanscribenten, we des Einhorns erwähnt wird, 
nicht anders als von diesem unserm Oryx verstehn könne. Namentlich 
bezeichnet das Wort zu” oder 27 (Reem oder Rem) in der Bibel, das von 
allen Uebersetzern durch Einhorn wiedergegeben zu werden pflegt, 
wie schon Bochart(?) sehr gelehrt erwiesen hat, unläugbar ein Thier 
aus der Antilopen-Gattung und die arabischen Schriftsteller, deren Zeug- 
nifs hier die mehrste Gültigkeit hat, erklären das Wort Rim (=,) ge- 
vadezu als den Namen einer Gazelle von rein-weifser Farbe, die sich 
in sandigen Gegenden aufhalte (°). Bochart gelangt in seiner Unter- 
suchung zu dem Resultat, diese Gazelle könne keine andre, als eben 
der Oryx der Alten sein, und derselben Meinung sind, wenn gleich 


(') Schreiben an die Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin, in deren Schrif- 
ten 7* Band (oder Abhandlungen 1" Band) S. 219. 

(*) Hierozoicon Lib. ll, cap. 26 eı 27. Letzteres führt die Ueberschrift: Probatur, 
Reem non esse Monocerotem nec Urum, sed bicornis capreae speciem aut Orygem. 
In der Rosenmüllerschen Ausgabe (ll, S.351) wird schon das Rim der Araber durch 
die Pallassche Ant. Leucoryx erklärt. Man vergleiche auch Hierozoicon Lib. VI, e.12. 
de Monocerote. 

(°) So z.B. Alcamus, Giggejus, Damir, Alasmajus u.A. Vgl. Niebuhr 
Beschreibung von Arabien, Vorbericht $. 38, wo erzählt wird, dafs noch jetzt zu Haleb 
unter dem Worte Rim eine weifse Gazelle verstanden werde. 


a 


über die Antilopen des nördlichen Africa. 20 


unter mancherlei Bedenken, Michaelis('), Walther (?) und Meyer (°), 
bei welchen alles zu finden ist, was sich über diesen Gegenstand sagen 
liefs, so lange das Thier selbst, um welches es sich handelt, nur aus 
den Schriften und nicht in der Natur bekannt war. 

Die Haupt-Bedenken und Zweifel gegen die obige Meinung mulfs- 
ten nämlich immer daraus entspringen, dafs sowohl dem Oryx an den 
mehrsten Stellen, als dem ARim der Araber zwei Hörner beigelegt 
werden, das einhornige Reem also von beiden ganz verschieden sein 
müsse, was denn zu der Annahme führte, es habe mindestens zweierlei 
Landthiere (*) gegeben, welche beide von den Alten Oryx genannt 
worden seien. 

Diese Zweifel lösen sich dahin auf, dafs der Oryx in einem un- 
gewöhnlichen Falle von Verstümmelung, der aber im Alterthum nicht so 
schr selten gewesen sein mag, auch als einhorniges Thier vorkommt. 
Vermuthen liefs sich dieses schon aus der Analogie mit ähnlichen Er- 
scheinungen, z.B. an der Ant. Saiga, deren Beispiel Pallas zur Be- 
gründung seines Urtheils über das Einhorn als fabelhaftes Thier, zu 
Hülfe ruft (5). Dieselbe Vermuthung habe ich in meiner Abhandlung 
über die Antilopen, bei Gelegenheit der Ant. Leucoryx ausgesprochen. 
Bestätigt aber wird sie aus den bildlichen Darstellungen von unsrer An- 
tilope, die sich in den inneren Räumen der Pyramide von Memphis 
finden (°). Hier werden Beschäfugungen des Landlebens vorgestellt, un- 
ter andern Männer, die den Oryx theils an den Hörnern, theils an um 
den Hals geworfenen Seilen führen, theils mit Stecken vor sich her 


(') Supplem. ad lexica hebraica. Pars\Vl, p.2213. 

() In Eichhorn’s Repertorium für Bibl. Litteratur. 16° Theil S. 101. 

(°) Versuch über das vierfüfsige Säugethier Acem der heiligen Schrift, vom Dr. B-A.A. 
Meyer, Leipzig 1796. Die Nachrichten vom Oryx sind hier sorgfältig zusammenge- 
stellt, auch die Meinungen, dafs unter dem Einhorn der Rhinoceros oder eine Rinder- 
Art verstanden sein könne, geprüft, weshalb hier dies Alles übergangen und auf diese 
Schrift verwiesen werden kann. 

(‘) Der Oryx marinus des Strabo mag wohl wie Schneider annimmt, der Narval 
sein, wenn anders Gefsner nicht Recht hat, der einen Delphin (Orca) darunter ver- 
muthet, was wenigstens zu der Gegend, von welcher die Rede ist (den gallischen und 
spanischen Küsten) besser pafst. 

(?) sSpieil. zool. Fasc. XI, pP. 35 et 63. 

(°) Description de U’ Egypte, Vol.N, Tab. 18. fig. 9 et 10. 


206 LiCcHTENnSTELN 


weiben, wie wenn sie mit seiner Bändigung oder Zähmung beschäfugt 
wären. Unter den fünf Gruppen dieser Art, die unter der zu dieser 
Abhandlung gehörigen Abbildung des Oryx (Tab. I.) wiedergegeben sind, 
stellen zwei das Thier mit dem Doppelhorn von natürlicher Gestalt und 
tichtung dar, die drei andern dagegen mit einem einzigen Horn das auf 
verschiedne Weise gekrümmt und verdreht ist. 

Diese Darstellungen sind unläugbar von grofser Wichtigkeit für 
die vorliegende Frage. Dafs der Ory.x wirklich damit gemeint sei, läfst 
sich aus der Uebereinstimmung mit der Gestalt unsers Exemplars leicht 
darthun, denn dafs sie etwas plumper von Gestalt und von kürzeren Läu- 
fen sind, liegt entweder an der Unbeholfenheit der älteren Plastik oder 
daran, dafs das ausgestopfte Exemplar unsers Museums, dessen Haut 
sehr zusammengeschrumpft war, etwas zu schlank gerathen ist (!). Dem- 
nächst scheint mir die Hauptstelle der heiligen Schrift, aus welcher man 
die Unbändigkeit des Einhorns beweisen will (?), nicht sowohl anzudeu- 
ten, dafs es überhaupt nicht gezähmt, als nur, dafs es nicht zu den Ge- 
schäften des Ackerbaues abgerichtet werden könne. Selbst die Ausführ- 
lichkeit mit welcher der Dichter solchen Versuch als vergeblich schil- 
dert, lälsı vorausseizen, dafs ihm Beispiele davon vorschwebten. An 
einer andern Stelle (°) werden die Einhörner geradezu unter den Haus- 


thieren genannt. Wiederum ist einmal (*) bildlicherweise die Rede von 


(') Herr Dr. Ehrenberg, der eben beim Abdruck dieser Abhandlung wieder bei 
uns eintrifft, erklärt, das letztere sei der Fall und die Antike gebe die Gesammtgestalt 
des Thiers sehr treu wieder. 

(7) Buch Hiob Cap. 39. Vs. 12-15. ,,Meinst du, das Einhern werde dir dienen 
und werde bleiben an deiner Krippen? — Kannst du ihm dein Joch anknüpfen, die 
Furchen zu machen, dafs es hinter dir brache in den Gründen? — Magst du dich auf 
es verlassen, dafs es so stark ist? Und wirst es dir lassen arbeiten? — Magst du ihm 
trauen, «dafs es deinen Samen dir wieder bringe und in deine Scheune sammle?” 

(°) Jesaia Cap. 34. Vs.7. ,‚Da werden die Einhörner sammt ihnen (den Lämmern 
und Böcken) herunter müssen und die Farren sammt den gemästeten Ochsen.” Auf ähn- 
liche Weise wird des Orya als eines Hausthiers gedacht bei Heliodorus (Hist. dethiop. 
Lib.10. der von der Persina, Königin der Aethiopier erzählt, sie habe zu Opfern und 
Gastmälern angewendet Bosv re ayznas, zu Inmov zu meoßaruv, Sgdıyan TE zn youzwrv. 
(Nach Bochart’s Verbesserung a.a.O.) 

(*) Psalm 29. Vs. 6. ,,Und (die Stimme des Herrn) macht sie lecken (hüpfen, 
springen) wie ein Kalb, Libanon und Sirion wie ein junges Einhorn. 


über die Antilopen des nördlichen Africa. 207 


der Zierlichkeit des jungen Einhorns, und daraus zu schliefsen, das 
Thier müsse in diesem seinem jugendlichen Zustande bekannt genug 
gewesen sein, um ein allgemein verständliches Bild davon entlehnen 
zu können. Wurde es also jung eingefangen und gezähmt? Die son- 
derbare Hörnerform der einhornigen auf unserer Abbildung läfst dies 
fast vermuthen. Denn solche Verdrehung der Hörner geschieht nicht 
in natürlichem Wachsthum, sondern kann nur durch die Hand des Men- 
schen geschehn, wie noch heute die Kaflern ihrem Rindvieh die son- 
derbarsten Gestalten des Gehörns geben, um ihren Stofs minder gefähr- 
lich zu machen, welche Absicht auch eben bei der Zähmung des Oryx 
sehr nahe gelegen haben muls. 

Ueberhaupt ist an keiner Stelle der heiligen Schrift von dem Reem 
geradezu behauptet, dafs es nur ein Horn habe, an keiner findet sich 
etwas zu seiner bestimmteren Charakteristik. Der Hauptgrund ein ein- 
horniges Thier unter dem Reem zu verstehn, liegt lediglich darin, 
dafs die Septuaginta dieses Wort durch Movoregws übersetzen. Wie 
aber an dem Ort, wo die Uebertragung der heiligen Bücher der Israeli- 
ten in die griechische Sprache geschah, der Oryx zugleich den Namen 
des Monoceros gehabt haben könne, scheinen mir die memphischen Bil- 
der leicht zu erklären, indem sie ihn sowohl einhornig als zweihornig 
vorstellen. 

Indem ich gelehrteren Sprachforschern und Alterthumskennern die 
Prüfung dieser Meinung überlassen mufs, bemerke ich nur noch, dafs die 
beiden Einhorne, welche Ludovico Barthema oder Vartomanus (!) 
im Anfange des sechszehnten Jahrhunderts zu Meckha gesehn, höchst- 
wahrscheinlich nur solche einhornige Oryges, gewils aber Thiere aus 
der Antilopen-Gattung gewesen seien. Sie waren dem dorügen Sultan 
als ein kosıbares Geschenk von einem Könige aus Aethiopien gesandt 
worden, also africanischen Ursprungs und auch in ihrem Vaterlande 
Seltenheiten. Die Abbildungen des Einhorns welche Bochart, wo er 
des Barthema erwähnt (*), ohne weitere Erklärung hinzufügt, ha- 
ben gar keinen Werth, denn sie sind ganz offenbar aus blofser Vorstel- 


(') Beim Ramusiol, fol. 163 B. ed. Venet.1563, auch beim Purchas Pilgr. p. 1189. 
(?) Hierozoicon III, cap. 26. pag. 953. 


208 LICHTENSTEIN 


lung entworfen, stimmen nicht zu Barthema’s Beschreibung und sind 
auch nur Copien einer alten italienischen Kupfertafel, die Bochart von 
dem gelehrten Philologen Huet erhalten hatte. Diese Abbildung war 
es daher wohl kaum werth, dafs sie Meyer zu seiner Schrift über das 
Reem noch einmal copiren liefs. 

Wenn man ein grofses Gewicht darauf legen will, dafs Aristoteles 
und Plinius den Oryx einhernig nennen, so darf man dagegen auch 
nicht unerwähnt lassen, dafs er sogar auch vierhornig genannt wird. 
Aelian(!) führt solche vierhornige Oryges unter anderen grofsen Sel- 
tenheiten aus dem Thierreich (zahme 'Tiger, gebändigte Parder, schnell- 
füfsige Rinder, gelbe Tauben und weilse Allen) an, welche die Indier 
ihrem Könige bringen. Gewils ist hier von einer ungewöhnlichen Aus- 
nahme, von einem in der Regel zweihornigen, nur in selinem Natur- 
spiel vier Hörner tragenden Thier die Rede, wie denn auch Pallas, 
eben in der vorhin angeführten Stelle, ohne Beziehung auf diese An- 
gabe Aelians, von der Antilope Saiga erzählt, es gebe davon Männchen 
mit überzähligen Hörnern. Wir kennen zwar auch eine Antilope qua- 
driecornis, eine neuerlich entdeckte, wegen natürlicher Vierhornigkeit 
höchst merkwürdige Art, von welcher sich ein Schädel in der Samm- 
lung des Dr. Brookes zu London befindet. Diese aber, da sie in Hinter- 
Indien zu Hause gehört, wird wohl schwerlich von Aelian gemeint ge- 
wesen sein können. 

Künfuge Beobachter werden an unserem Oryax noch Gelegenheit 
zu mancher interessanten anatomischen Untersuchung finden. Denn so 
ganz ohne alle Begründung kann doch die vielbesprochene Stelle bei 
Plinius (?) nicht sein: Orygem perpetuo sitientia Africae generant et 
natura loci potu carentem et mirabili modo ad remedia sitientium. Namque 
Gaetuli latroncs eo durant au«ilio, repertis in corpore eorum saluberrimi 
liquoris wesieis. Pallas (°) ist geneigt dies daraus zu erklären, dafs die 
Antlopen viel an Hydauiden im Netz leiden, die, meint er, an einem so 
grofsen Thier nicht unbedeutend sein können. Man mufs gestehn, dafs 


(') De natura animalium. Lib. XV. cap. 14. 
(2) ı Zib.X,, cap: 73. 
(?) sSpieil. zool. XI, p. 64. 


über die Antlopen des nördlichen Africa. 209 


dies wenigstens immer noch eine natürlichere Erklärungsart ist, als wenn 
man annehmen wollte, diese Antilope könnte einen Kamelmagen mit 
Wasserzellen haben. 

Wichtiger, zumal für die Beurtheilung der Meinungen, welche die 
Aegypter selbst von dem Oryx gehabt zu haben scheinen, ist folgende 
andre Stelle bei Plinius (?): Orygem appellat Aegyptus feram, quam in 
exortu caniculae contra slare et contueri tradit ac velut adorare cum ster- 
nuerit. Fast mit denselben Worten gedenken dieser ägyptischen Sage 
Damascius beim Photius und Aelian(?). Letzterer fügt noch hinzu: 
die Libyer rühmten, dafs ihre Ziegenheerden den Aufgang des Sirius 
vorherwüfsten und den Regen vorempfänden. Es ist bekannt, wie wich- 
wg den Aegyptern der heliakalische Aufgang des Hundsterns wegen sei- 
nes Zusammentreffens mit dem Anschwellen des Nils war. Alle Naturer- 
scheinungen, die zu dieser Zeit sich zeigten, erhielten dadurch eine ge- 
wisse Wichtigkeit und wurden auf das Segens-Gestirn bezogen. Manche, 
zumal in der belebten Natur, mochten auch wohl in ziemlich nahem 
Zusammenhang mit den Ursachen der Nil-Anschwellung stehn. Die 
Menge des fallenden Regens in den inneren Gebirgsgegenden, selbst die 
herabströmende grofse Wassermasse im Nilthale mochten durch ihre Ver- 
dunstung Veränderungen in der Atmosphäre hervorbringen, die sich mit- 
telst der periodischen Luftströme weit in das Innere Libyens fortpflanzten 
und eben auch in dem Leben der dortigen Thiere periodische Erschei- 
nungen bedingten. Viele Anulopen-Arten des südlichen Africa wan- 
dern alljährlich in gewissen Jahreszeiten nach bestimmten Richtungen, 
nämlich dem Lufistrom entgegen, der sie einmal (zur Zeit des Südost- 
passats) an die waldigen Küsten lockt, in der entgegengesetzten Jahrs- 
zeit aber, bei dem Regen bringenden Nordostwind, zu den dann reicher 
begrasten Karroo-Ebenen hinzieht. Sollte bei den nordafricanischen 
Antilopen der überhaupt bei den Wiederkäuern so stark entwickelte 
Geruchssinn und die Empfindlichkeit gegen Wasserverdunstung in der 
Atmosphäre (?), schwächer sein, als wo ich jene periodische Wande- 


(') Zib.1I, cap.40. 

(?) Zi. VI, cap.8. 

(°) In trocknen Ländern wittern Rinder und Kamele die Flüsse und Quellen auf 
meilenweite Entfernung. 


Phys. Klasse 1824. Dd 


210 LICHTENSTEIN 


rungen beobachtete? Es läfst sich gewifls denken, dafs der anschwel- 
lende Nil und die zu dieser Jahrszeit reichere Vegetation seines Thal- 
weges, die Thiere der libyschen Wüste von weit her herbeilockt; deren 
Züge gehn dann von Westen nach Osten, sie scheinen alle nach Mor- 
gen zu schauen, das aufgehende Gestirn anzubeten. Auf den Oryx hat 
dann der veränderte Aufenthalt, vielleicht die Nahrung von frischen 
Kräutern, noch andere Wirkung. Miscürı de ei aürcı Segureural Fed dos red 
mgosıgnaevou (eV Zapamıdos) nal Tov oguya* Tode alrıov, dmogrgabeis mpös TNV dva- 
ToANY TAV FoV AAlov TE FEIITTE TNS Eaurov Toodns Eu Ir, Hariv Ayurrisa (*): 
Einen andern Grund dieses Hasses giebt Orus (?) an. ,‚Wenn der 
Oryx,'' sagt er, ‚„‚in der Wüste an einen Ort kommt, wo Wasser ist, so 
trübt er dasselbe, nachdem er getrunken, mit seinen Lippen und verun- 
reinigt es mit seinem Unrath, scharrt auch Staub mit den Füfsen hin- 
ein, dafs es anderen Thieren zum Trank nicht mehr taugt. Und weil 
nun die Göttin (Isis) alles, was in der Welt Nützliches, zeugt, vermehrt 
und belebt, so mufs der Oryx wohl gotwlos und undankbar gegen sie 
erscheinen (°).”’ 

In der That lernt man auch aus den bildlichen Darstellungen der 
Aegypter, dafs der Oryx ein unheiliges Thier gewesen sein müsse. Auf 
keiner Abbildung in den Tempeln, Grabmälern und an den Todten- 
kisten, auf keiner der Papyrus-Rollen, die jetzt unsre Bibliothek zieren 
und so reich an bildlichen Darstellungen sind, ist eine Spur vom Onyx 
oder dessen Hörnern anzutreffen , so häufig sich auch die Hörner der 
Gazelle (Ant. Dorcas) darauf nachweisen lassen. Jene oben angeführten 
Bilder aus den memphischen Pyramiden, die nur die Geschäfte des Land- 
lebens darzustellen scheinen, sind die einzigen mir bekannten auf welchen 
der Oryx vorkommt, und wenn bei den früheren Erklärern ägyptischer 
Bilder so oft von Oryxhörnern die Rede ist, so beweist dies nur, dafs 
man sich eben nichts bestimmtes bei diesem Namen gedacht und ihm 
eine ganz allgemeine Bedeutung gegeben habe. 


(') Aelian. Zib.X, cap. 28. 

(?) Hierogl. Lib.1, cap.46. 

©) Propter haec, immunditei et turpitudinis hieroglyphon altque in tantum odio- 
sum habebatur animal, ut solum Aegypti sacerdotibus in cibum esset damnatum. Pall. 
Spiel. z. XII, p. 61. 


über die Antilopen des nördlichen Africa. 311 


Wiewohl nun dieses Thier schwerlich je anders als etwa in den 
Kampfspielen der Römer, lebend in Europa gesehn worden und die von 
unsern Reisenden übersandten Exemplare unläugbar die ersten sind (!), 
aus welchen sich sein Vorhandensein in dem Begriff der Alten erwei- 
sen läfst, so ist doch schon Kunde davon in vielen Werken der letzt- 
verflossenen Jahrhunderte. Aufser den schon oben, bei Gelegenheit des 
Einhorns, erwähnten Zeugnissen sind noch folgende wichug genug, 
angeführt zu werden. Der Pater Vincent Marie sagt im 12“ Cap. 


um 


seiner Reise: ‚Ich habe in Mascat, einer Stadt des steinigen Arabiens, 
eine Art wilder Ochsen gesehen, von glattem, weifsen Haar, wie das 
des Hermelins; so wohlgebaut, dafs es mehr einem Hirsch, als einem 
Ochsen glich. Nur waren die Beine kürzer, aber fein und zum schnel- 
len Laufe geschickt, der Hals kürzer, Kopf und Schwanz wie beim Rind, 
aber schöner gebaut, mit zwei schwarzen, harten, dünnen und langen 
Hörnern von drei oder vier Palmen Länge, mit Ringen umgeben, die wie 
gedrechselt oder schraubenförmig gestaltet aussahn.” Diese Beschreibung 
pafst genau auf unsern Oryx. So erwähnt Jablonsky (*) bei Gelegen- 
heit einer Erklärung des vermeintlichen Oryx-Opfers auf der Bembi- 
nischen Isis-Tafel des Berichtes von Paul Lucas, der in der Beschrei- 
bung seiner dritten Reise durch Aegypten (1714) folgendes erzählt: Es 
finden sich dort viel wilde Ziegen, die bei den Alten Oryges hiefsen. Sie 
wandern heerdenweis durch die Berge. Im Haar und Schwanz gleichen 
sie den Ziegen, in den Vorderfüfsen aber, die etwas kurz sind, den 
Dammhirschen. Der Hals ist lang, ohne Bart und schwärzlich. Sie haben 
gerade Hörner, die aber gegen die Spitze hin etwas gekrümmt sind. 
Im Jahr 1717 fand Herr John Lock, Agent der Östindischen 
Compagnie zu Ispahan, in dem Park des persischen Sultans zu Kassar, 
zwei Antilopen dieser Art, von welchen er Abbildungen verfertigen 
liefs und nach London übersandte, wo Herr Pennant sie im Britu- 
schen Museum fand und zu seiner Synopsis of Quadrupeds benutzte. Er 
macht sie dort unter dem Namen der weifsen Antilope, unter Bezie- 


(') Später ist auch diese Antilope durch Herrn Rüppelan das Museum zu Frank- 
furt gesandt worden. 
(?) Opuscul U, p. 234. 
Dd 2 


212 LicHTEensTtEiIn 


hung auf die obige Stelle beim Oppian, bekannt. Pallas hatte in- 
zwischen in den Petersburger Commentarien (!) ein Horn beschrieben 
und abgebildet, das er in der dortigen Kaiserlichen Sammlung gefunden, 
und für das Horn des Oryx erkennt, und auf diese unterschiedenen Data 
gründet er dann die neue Art Ant. leucoryx, die im 12'= Fascikel seiner 
Spicilegien, unter Anführung Oppian’s, zuerst erscheint. Lock’s An- 
gabe, diese Art sei auf der kleinen Insel Baharein im Golf von Bassora 
zu Hause und die Nachricht des Pater Vincent Marie verleiteten in- 
dessen zu der Annahme, es sei ein asiatisches Thier, wiewohl sich jeızt 
leicht annehmen läfst, dafs es als seltnes Geschenk den asiatischen Für- 
sten aus Africa zugesandt worden. In Shaw’s Zoology (Yol.U, P.1I, 
p. 315.) ist dann das in London befindliche Bild im Kupferstich wieder- 
gegeben, nnd Herr Professor Goldfufs hat dasselbe in seiner Fort- 
setzung des Schbreberschen Säugethierwerkes danach copirt und colo- 
viren lassen (7ab. 156 B.). Auf diesen Bildern ist das Thier liegend vor- 
gestellt, in der Ansicht von vorn, so dafs die Verkürzungen kein siche- 
res Urtheil über die Körper-Verhältnisse zulassen. Die Zeichnung des 
Kopfes stimmt wohl zu unserm Oryx, nur reicht der Backenstreif nicht 
ganz bis an das Horn und das Dunkel ist viel stärker aufgetragen. Auch 
findet sich ein breites dunkles Querband über jedem Vorderlauf, das 
unsre Exemplare nicht haben. Die Hörner, da sie fast ganz aus der 
vordern Ansicht gezeichnet sind, erscheinen fast gerade, heifsen aber 
in der Beschreibung leicht gekrümmt. Die Ringe an der unteren Hälfte 
sind nur leicht angedeutet und spiralförmig geführt. 

Wiewohl viele der hier angeführten Abweichungen von der Bil- 
dung unsers Oryx es zweifelhaft machen können, ob man ihn in dem 
Leucoryx des Pallas wieder erkennen solle, so sind sie doch nicht er- 
heblich genug, um beide für Wesen unterschiedener Art zu halten, und 
namentlich ist die stärkere oder schwächere Krümmung der Hörner kein 
Grund, eine solche Verschiedenheit anzunehmen. Unsre Reisenden ha- 
ben nämlich aufser den beiden ganzen Exemplaren noch einige lose 
Hörner mitgesandt, die im Allgemeinen ganz von derselber Bildung, 


dennoch in dem Grade der Krümmung und der Zahl der Ringe von 


(') Nov. Commentariüi Academiae Petropolitanae Vol. Xlll, p.468. 


über die Antilopen des nördlichen Africa. 243 


einander eben so verschieden sind, wie von den bei Buffon (!) und 
Pallas (?) abgebildeten Hörnern, so dafs ich nicht zweifeln kann, es 
müssen diese sämmtlich einer und derselben Thierart, nämlich eben dem 
Oryx der Alten angehören. Die mindeste Krümmung ist die eines 
Horns von 36 Zoll Länge, das auf der Sehne 34 Zoll ımifst (beinahe wie 
das von Pallas abgebildete); die stärkste dagegen findet sich an dem 
einen ausgestopfien Exemplar, dessen Hörner ebenfalls 36 Zoll messen, 
aber in gerader Linie zwischen dem hintern Rand des ersten Ringes 
und der Spitze nur einen Raum von 32 Zoll haben. An dem andern 
ausgestopften, sonst ganz gleichen Exemplar, sind sie merklich gerader. 
Beide haben eine gleiche Zahl der Ringe, nämlich 26, deren letzter 
noch nicht die Mitte des ganzen Horns erreicht. Unter den losen Hör- 
nern, die zugleich die ansehnlichen Höhlungen der Strnzapfen gewah- 
ren lassen und unter einander in den Verhältnissen des Umfangs zu der 
Länge ganz übereinstimmen, hat eins 33, eins 40, eins sogar 48 Ringe, 
von denen aber dennoch der letzte nicht weit über die Mitte des Hornes 
gröfser als bei 
den vorigen, nur stehn die Ringe gedrängter, sind aber ın demselben 
Verhältnifs auch weniger erhaben und kräftig. Aus diesen Verschieden- 


hinausgeht; der geringelte Theil des Horns ist also kaum 


heiten lassen sich also auch die abweichenden Angaben über die Richtung 
der Hörner erklären, die so mancherlei Zweifel und selbst den Haupt- 
mifsgriff in der Erklärung des Ory.x der Alten, durch den capischen so- 
genannten Gemsbock veranlafst haben, der von Pallas unter dem Na- 
men Ant. Oryx in die systematischen Verzeichnisse eingeführt ist. 

Beide aber unterscheiden sich wesentlich in folgenden Punkten. 
Der südafricanische Oryx oder Gemsbock ist erstlich wohl reichlich um 
das Doppelte gröfser, und dabei sind die Hörner an sich schon kürzer, 
also noch viel mehr im Verhältnifs zur Körperlänge. Beim ägyptischen 
Oryx messen sie fast die Hälfte der Leibeslänge, hier kaum ein Vier- 
theil. Sie sind ferner hier fast gerade, auf der vorderen Krüm- 


° 
mung 325 Zoll lang, auf der Hinterseite nach der Sehne gemessen 
Gy Bistsinat:! VoLRIL. tab. 33, f1: 
(?) Nov. Comment. Petrop. Vol. XII, tab. 10. und ‚Spieil. z0ol. Fasc. XII, tab.3.f-1. 


214 LICHTENSTEIN 


nicht weniger als 31 Zoll, dabei ansehnlich dicker und ihr Umfang ist 
an der Basis 6- Zoll, in der Mitte 4, Zoll, vor der Spitze 6 Zoll, 
beim Oryx dagegen: an der Basis 5 Zoll, in der Mitte 4 Zoll, vor der 
Spitze 24- Zoll. Die Zahl ihrer Ringe wechselt an vier Paaren, die ich 
zur Vergleichung vor mir habe, zwischen neunzehn und vierundzwanzig. 
Der letzte derselben reicht aber immer weit über die Mitte hinaus und 
die vorletzten sind weit von einander abstehend, breit aber flach, die 
unteren vorzüglich kräftig und hoch gegen die dazwischen liegenden ge- 
furchten Vertiefungen. Die oben angeführte Kupfertafel bei Buffon 
(XI, 33.) stellt die Hörner beider Arten neben einander dar. Die flüch- 
tigste Vergleichung läfst keinen Zweifel, dafs sie unterschiedenen Thie- 
ren angehören, wie Buffon auch selbst annimmt. Ferner ist der ca- 
pische Oryx in Farbe und Haar auffallend vom ägyptischen verschieden. 
Die einzige Uebereinsimmung in Hinsicht auf dem ersten Punkt ist, 
dafs auch hier das Haar, wie schon oben erwähnt, längs dem Rückgrat, 
vom Kreuz bis zum Kopf rückwärts läuft. Das Haar ist übrigens aber 
durchgehends länger, reicher und dichter. Die Farbe ist rothgrau, auf 
der Mitte des Rückens dunkler; ein Stweif von den Weichen bis zum 
Ellenbogen, der Seitenstreif des Kopfes vom Horn zum Mundwinkel, 
der Nasenrücken, ein Stirnfleck in Gestalt eines V und der Unterhals 
sind schwarzbraun, desgleichen eine breite Binde über jedem der Vor- 
derschenkel. Wenn nun gleich in dieser Zeichnung des Leibes so viel 
Aehnlichkeit mit dem Oryx liegt, dafs man daraus Cuvier entschul- 
digen mufs, wenn er sie beide nur als Varietäten einer und derselben 
Art will gelten lassen, so sind doch die übrigen Punkte völlig entschei- 
dend und wem noch Zweifel bleiben, der vergleiche die oben ange- 
gebenen Dimensionen mit den Verhältnissen des capischen Oryx, die 
in den neuern systematischen Werken angegeben sind, und betrachte sich 
beide Arten neben einander. 

In Hinsicht auf die systematischen Namen beider dieser Arten 
wird sich wohl jeder Zoologe mit mir dahin vereinigen, dafs es bei 
den von Pallas gegebnen, nun schon ein halbes Jahrhundert gültig 
gewesenen Benennungen verbleiben müsse und dafs der Name Oryx 
also nicht wieder in sein ursprüngliches Recht eingesetzt werden könne, 
wenn nicht eine Verwirrung angerichtet werden soll, die durch die ge- 


über die Antilopen des nördlichen Africa. 215 


ringen Vortheile einer vollkommen richtigen Anwendung jenes Namens 
schwerlich aufgewogen werden dürfte. 

Schliefslich habe ich noch zu bemerken, dafs diese Antilope 
nach Herrn Doctor Hemprich’s Bericht bei den Arabern des Sudan 
den Namen Abu-harbe führt. 


I. ANTILOPE ADDAX n.(‘) Tab. I. 


Diese Art ist von Gröfse und Gestalt eines Esels (über 6 Fuls 
lang und 3 Fufs hoch) von feistem Körperbau, ganz weils von Farbe, 
doch am Oberhals mit bräunlicher Beimischung und fast ganz braunem 
Kopf. Dieser hat nämlich einen dunkelrothbraunen Scheitelfleck , der 
hinter den Hörnern einen Halbkreis von 5 Zoll Halbdurchmesser ein- 
nimmt, vorn aber zwischen den Hörnern bis über die Stirn in bogen- 
förmigem Umrifs (44 Zoll weit) vorwitt; vor den Augen zieht sich ein 
(in der Mitte 14-Zoll breites und 7 Zoll langes) schneeweifses Querband 
bis an die Wangen hin, die dann selbst samt der Schnauze mattbraun 
von Farbe sind. Ueber den Mundwinkeln wird die Farbe wieder hel- 
ler und zu beiden Seiten der Nase zeigt sich über den Lippen ein 
schmuzigweifser Streifen. Der Schwanz ist 10 Zoll lang, an der Spitze 
mit einer 2 Zoll langen Quaste von schneeweifsen Haaren besetzt. Die 
Behaarung ist kurz, grob, dicht anliegend, nur der dunkle Stirnfleck 
trägt längeres, sich von der Mitte gegen den Umfang aufkrümmendes und 
die Wurzeln des Gehörns deckendes Haar. Die Ohren messen 6 Zoll 
Länge und nach dem mittleren Umfang 34-Zoll Breite, sind aufsen mit 
dicht anliegendem, innen mit längerem, abstehenden, weifsen Haar be- 
kleidet und nur an der äufsersten Spitze schmutzig rostfarben. Die 
Hörner liegen in der Ebne des Nasenrückens, sind lang, spiralförmig 
gedreht und mit Ringen umgeben, und zwar unter folgenden genaueren 
Bestimmungen: An der Wurzel erscheinen sie nicht ganz rund, son- 


5 
dern von vorn nach hinten unmerklich zusammengedrückt, nach der: in- 


_. 
(!) Der Strepsiceros und Addax des Plinius. Nur der letzte dieser beiden Namen 
kann zur Bezeichnung der Art im System gebraucht w erden, da der erste bereits einer 


} 


andern Art Lugenerläet worden. 


216 LicuTEnsTeın 


neren Seite am mehrsten von der kreisrunden Gestalt des Umfanges ab- 
weichend (also hier stumpf gekantet). Bis 4 Zoll über der Wurzel 
sind sie von schmutziggelber Farbe und fast glatt, dann wird die Farbe 
allmählig dunkler und es zeigen sich immer bestimmtere und durch 
tiefere Zwischenräume gesonderte, wellenförmige Ringe, während jedes 
Horn in seiner Krümmung nach aufsen und hinten eine mäfsige Spiral- 
linie beschreibt und sich dabei gleichzeitig halb um seine eigne Längen- 
Achse dreht, so dafs wenn die erste Windung vollendet ist, die hintere 
weniger von den Ringen umfafste und fast flache Seite die vordere 
wird. Nun folgt noch eine zweite Windung mit deren Ende das Horn 
sich einmal ganz um seine Achse gedreht hat, und von hier an werden 
die Ringe flacher und weiter und von dem letzten derselben, welcher 
an unserm Exemplar der achtundzwanzigste ist, verläuft das Ende sich 
völlig gerade (der Längenachse der Spirallinie parallel), glatt und schwarz 
in eine immer dünnere, zuletzt scharfe Spitze. Die Länge jedes Horns 
von der Wurzel bis zur Spitze in gerader Linie ist 27-- Zoll, nach der 
Krümmung auf der Vorderseite gemessen aber 33 Zoll; der Umfang 
an der Basis beträgt 5 Zoll, in der Mitte 35, 6Zoll vor der Spitze 
2% Zoll. Unmittelbar an der Wurzel ist zwischen den Hörnern nur 
15- Zoll Zwischenraum. Wo sie in der ersten Windung sich am wei- 
testen von einander entfernen, beträgt der Zwischenraum 12 Zoll; sie 
treten dann aber in ihrer ferneren Windung noch auf eine Nähe von 
9 Zoll wieder zusammen, gehn von hier an aber immer weiter auseinander 
und zwischen einer Spitze und der andern ist ein Raum von 20 Zoll. 
Aufser diesen Hauptmerkmalen sind noch folgende charakteristisch: 
{) ein Haarwirbel im Nacken, 3 Zoll hinter den Hörnern, von welchem 
eine kleine Mähne, aus dünnen, etwa 2 Zoll langen Haaren zusammen- 
gesetzt, anfängt, die fast bis an das Widerrüst reicht und welcher an 
der Unterseite des Halses ein ganz ähnlich gebildeter Kehlschopf ent- 
spricht; 2) sehr hochliegende, schräg gestellte Augen, die vorzüglich 
dazu beitragen, dem Thier in der Bildung des Kopfes eine gewisse 
Aehnlichkeit mit dem Ziegenbock zu geben; 3) aufserordentlich breite 
und platte Hufe, besonders an den Vorderfüfsen, wo sie mit so weit 
überstehenden Rändern vortreten, dafs die Spur 34 Zoll Breite hat, in- 
dessen der Durchmesser der Fessel dicht über dem Huf nur 2 Zoll be- 


über die Antlopen des nördlichen Africa. 


217 


trägt; an den Hinterfülsen sind alle diese Theile um ein Viertheil klei- 


ner. Die Gelenke der Fülse sind etwas aufgetrieben und geben den 


Läufen ein etwas plumpes Ansehn, das diese Art von den mehrsten so 


ungemein zierlich gebauten Gattungs-Verwandten unterscheidet. 


Das einzige Exemplar, welches unsre Reisenden übersandt haben, 


ist ein weibliches. 


Es läfst sich vermuthen, dafs die männlichen Indi- 


viduen noch gröfser und stärker und von ansehnlicherem Gehörn sein 


werden. 


Genauere Ausmessung. 


Ganze Länge von der Schnauze bis zur 


Schwanzwurzel............... 


Länge des Kopfes bis mitten zwischen dem 


(Geh orn ya Se 
von da bis zum Widerrüst ........ 
— — — zur Schwanzwurzel..... 
des: Schwanzes. lists tens. 
des überragenden Haars an dessen 
Spies ende a 


Höhe vom Widerrüst bis zum Boden ..... 


vom Kreuz bis zum Boden ......... 


Umfang des Halses in der Mitte .......... 


des Vorderleibes............... be. 
desuiklinterleibesas.. a ss ac 


Bänse.der Scapula(t) screen 


Breitesdeuselbem2. 238. 22. ae 


HöohellensSpinassı ‚aanak. a: „»uningeih 


Länge des Oberarmbeins ........2.nr 2200. 


des Unterarmbeins vom Ellenbogen an 
der Röhre vom Handgelenk bis zur 

BESSehe ee ee ner: 
dersBessel.n. u. as en 
der Vorderhufe oben.............. 
— unten 


6 Fuls 


vu 
u 


oO OO om wm m w@ w 
| 


3 


PP} 


2 


B>} 


” 


„ Zoll 


m ww 


„Linien. 


> 


(') Die Maafse sind von den, in der übersandten Haut steckenden Knochen genommen. 


Phys. Klasse 1824. 


Ee 


218 LicHTENnSTEIN 


Länge der Afterhufe .:........:..00r00000 » Fufs 1 Zoll „Linien. 


Breitexderselben 3.4: uam a ng iz 
Länge des Oberschenkelbeins .............. — 10 — „ — 
—  derSchiene vom Knie biszum Hacken „ — 1 — 6 — 
—...:der.Röhre vom Hacken:bis zur Fessel: „ ==: 121.5 „4 — 
udensHlessel. ir EINE AA, ee ee 
= uhder sHinterhüferoben sr... am mem önggr Be 
_ — — UNtEN!. a eniesies. Be — 
— = »Afterhufe:.. nass ra N EN Br tl — 
Breite ‚derselben ...... 0.214. Ss, 295, Bar Aue Son 


Die Beschaffenheit der Hörner an diesem Thier führt auf die sehr 
nahe liegende Vermuthung, es sei der Strepsiceros des Plinius, der 
allein unter den alten Schriftstellern diesen Namen gebraucht und aus 
dessen Angaben man schon sehr vielerlei andre Thiere dafür gehalten 
hat. In der oben (S.202) angeführten Stelle, nennt Plinius nämlich 
auch den Strepsiceros unter den wilden Ziegen, die jenseits des (mittel- 
ländischen) Meeres zu Hause gehören. An einer andern Stelle, wo er 
von der Verschiedenheit der Hornbildung spricht ('), bezeichnet er den 
Strepsiceros genauer, und obgleich nur mit wenigen Worten, doch so 
deutlich, dafs man sich billig wundern mufs, wie seine Worte so arg 
haben gemisdeutet werden können. Wäre unser Thier früher bekannt 
gewesen, so hätte es keinem einfallen können, das kretische Schaf oder 
die indische Cervicapra, oder das südafricanische Kudu eins um das 
andre für den Strepsiceros des Plinius zu halten; denn seine Ausdrücke, 
die durch die bestimmten Gegensätze, in denen sie gebraucht werden, 


ganz den Werth von Kunstausdrücken gewinnen, lassen sich vollkom- 


° 


(') Zib.XI, cap. 37. Cornua multis quidem — wars data sunt modis. Nee alıbi 
maior naturae lascivia. Sparsit haec in ramos, ut cervorum. Alüs simplicia tribuit ut 
in codem genere subulonibus ex argumento dictis. Aliorum finxit in palmas, digitosque 
emisit ew üs, unde platycerotas vocant. Dedit ramosa capreis sed parva. — Convoluta in 
anfractum arietum generi, ceu caestus daret,; infesta tauris. — Rupiccapris in dorsum 
adunca, damis in adversum. Erecta autem, rugarumque ambitu contorta et 
in laeve fastigium exacuta (ut lyras diceres) Strepsiceroti, quem Adda- 
cem Africa appellat. 


über die Antlopen des nördlichen Africa. 219 


men als Diagnose unseres Thieres anwenden: Cornua erecta, rugarum 
ambitu contorta et in laeve Jastigium exacuta. Beim kretischen Schaf näm- 
lich sind sie nicht erecta, bei der Cervicapra fehlt das Zaeve fastigium, 
da sie bis an die Spitze geringelt sind, und am Kudu fehlen .die Run- 
zeln und die gerade Zuspitzung. Obgleich wir also keine genauere An- 
gabe von den übrigen Merkmalen des Strepsiceros haben, stehe ich doch 
nicht an, sowohl wegen des Fundortes, als wegen der Merkmale, die 
besser als hier nirgend zutreffen können, zu glauben, Plinius habe das 
hier beschriebene Thier mit dem Namen Strepsiceros gemeint. Doch läfst 
die Frage allerdings noch eine nähere Erörterung zu. Denn obgleich 
der Name bei Niemand, aufser dem Plinius vorkommt, so finden sich 
doch noch auch sonst Hindeutungen auf ähnliche Thiere, z.B. beim 
Oppian (!): 

Ayaıv Ö’ aure mir meoßaruv TE Traveryguce [0207,073) 

ou wor Fouruv diwv Aurıwv FE Yılncaoav 

tasioves, arra« See #gaumvoi sIevagor TE RayEsSer 


R AS ‚ , 
FrIERFaTL zehdaAyPdı HOLUTTOLEVOL HEIRETTL 


wo nur freilich sich eben nicht mehr beweisen läfst, als Oppian 
habe nicht das kretische Schaf damit gemeint, da er hier von wilden 
Arten redet und eines zahmen kretischen Schafes später (v.377.) aus- 
grobhaarig und vier- 
hörnig beschreibt. Man sieht, der Dichter hat kein sehr bestimmtes 


führlicher gedenkt, das er als gelbroth von Farbe, 


Bild von diesen Thieren mit gewundenen Hörnern, und es würde kaum 
der Mühe werth sein, diese Stelle anzuführen, wenn sie nicht später 
zur Erklärung des Strepsiceros beim Plinius so oft mit zu Hülfe ge- 
nommen wäre. 

Der Erste der eine solche Deutung versuchte, war Pierre Bellon, 
als er auf seiner Reise im Orient (von 1546-49) auf der Insel Kreta 
zahme Schafe mit gewundenen Hörnern angetroffen hatte. Die Hirten 
am Berge Ida nannten diese Striphoceri, wodurch Bellon zuerst verlei- 
tet worden sein mag, sie für einerlei mit dem Strepsiceros zu halten. 
Seine Beschreibung und ein beigefügter Holzschnitt, die von Gefsner, 
Aldrovand und vielen andern wiederholt sind, beweisen indessen deut- 


(*) Kuvny. I, v. 326. 
Ee2 


220 LicaTensTteEin 


lich, dafs dies kretische Thier nicht das unsrige gewesen sein könne; 
ja es wird daraus sehr wahrscheinlich, dafs Bellon noch etwas ganz 
andres vor sich gehabt habe, als was seit Brissons Zeit das kretische 
Schaf genannt ist (!). Indessen giebt Gefsner, nachdem er in seiner 
Historia anımallum (1, p.323) den Strepsiceros mit wenigen Worten ab- 
gehandelt, in den JZconibus animalium quadrupedum (p.37.), das ver- 
gröfserte Bellonsche Bild nebst den Hauptsachen der Beschreibung, 
fügt noch die Stelle aus dem Plinius bei, und redet nun von einer 
andern Art Strepsiceros, von deren Gehörn ihm Joh. Cajus Abbildung 
und Beschreibung aus England übersandt hatte und die er ausführlich 
mittheilt. Dieser Strepsiceros des Cajus (wie er seitdem genannt wird) 
ist kein andrer, als der ächte des Plinius, und die ganze Stelle um 
so wichtiger, als es beinahe die einzige Notiz von dieser Antilope ist, 
die, bis auf die oben von mir gegebene Beschreibung derselben, sich 
in irgend einem Buche vorfindet. Denn, ob das einzelne Horn, nach 
dessen Kenntnifs Herrmann (?) seine Antilope torticornis aufstellte, für 
das des ächten Strepsiceros zu halten sei, läfst sich aus der kurzen Be- 
schreibung nicht mit Sicherheit abnehmen. Aber wahrscheinlich wird 
es allerdings aus der Gleichheit der angegebenen Verhältnisse. An der 
Uebereinstimmung jenes Strepsiceros des Cajus mit unserm Addax, läfsı 
sich dagegen auf keine Weise zweifeln, da nicht nur die Abbildung des 


(') Es heifst nämlich ausdrücklich, die Hörner seien nicht inflexa nec contorta, sed 
ommnino erecta, ut Unicornu, in ambitu canaliculata, aber am Ende des Capitels: cornua 
recta canaliculata, et cochleae in modum contorta. Die Abbildung von welcher Bellon 
ausdrücklich versichert, dafs sie nicht von einem andern Autor entlehnt, also von ihm 
nach der Natur gegeben sei, stellt an einer gewöhnlichen Schafgestalt die Hörner ge- 
vade, dick, stumpf, kürzer als der Kopf und schraubenförmig dar. Ganz willkührlich 
setzt Brisson seiner Diagnose die Nebenbestimmung hinzu, die Hörner seien spiralför- 
mig gewunden, womit er vielleicht nicht mehr als eben das Schraubenförmige gemeint 
hat. Aber dieser Ausdruck ist Ursache geworden, dafs man das ungarische Schaf (den 
bekannten Zackelbock), für einerlei mit dem kretischen Schaf gehalten, was aber immer 
nur nachgesprochen, nirgends erwiesen ist, denn meines Wissens hat seit Bellon Nie- 
mand aus eigner Ansicht von der Schafrace am Berge Ida berichtet. Eine der Bellon- 
schen sehr ähnliche Darstellung geradhörniger Schafe findet sich in der Description de 
VEgypte Antiquütes, Vol.IV, tab. 68. f. 13. 

(?) Observationes zoologicae p. 87. 


- 


über die Antilopen des nördlichen Africa. 221 


Gehörns vollkommen zutrifft, sondern auch die von Cajus angegebenen 
Maafse dieselben sind, die ich oben von dem Gehörn des Addax ge- 
geben habe. 

Nichtsdestoweniger hat eben diese Stelle zu neuer Misdeutung Ver- 
anlassung gegeben. Denn als Kämpfer (der bis 1694 reiste) die erste 
Nachricht von der schönen indischen Antilope gegeben (!), die er Ca- 
pricerva und Cervicapra nennt und die nachmals unter letzterem Namen 
in die Systeme eingeführt worden, glaubten Alle darin den Sitrepsiceros 
Caü zu erkennen und es ward Gebrauch, sie gemeinschaftlich zu den 
Namen zu citiren, die man für die unbekannten indischen wilden Zie- 
gen bereit hatte. Man darf nur die unterschiedenen Ausgaben des 
Linne’schen Natursystems unter einander vergleichen, um sich zu 
überzeugen, wie schwankend und unsicher das Urtheil über diesen Ge- 
genstand damals gewesen und wie wenig es der Mühe werth sein könne, 
die vielfachen Irrthümer und ihre Ursachen noch genauer zu eförtern. 
Genug die Cervicapra ward mit dem Strepsiceros verwechselt, weil man 
auf die Gestalt und die Vertheilung der Ringe an dem Gehörn zu we- 
nig achtete und entweder den Beschreibungen und Abbildungen der bei- 
den alten Reisenden zu wenig Genauigkeit zutraute, oder auch selbst 
nicht genau genug in der Vergleichung ihrer ganz bestimmten und vich- 
tigen Ausdrücke war. In diesen Fehler verfällt auch Buffon, indem 
er ein einzelnes Horn unsers ächten Strepsiceros, das sich im Naturalien- 
kabinet des Königs von Frankreich vorfand, neben dem Gehörn der in- 
dischen Cervicapra beschreibt und abbildet (?) und es als eine blofs zu- 
fällige Abweichung betrachtet, ohne der ganz übereinsiimmenden Abbil- 
dung bei Gefsner daneben zu erwähnen. Buffon kennt auch schon 
das Gehörn des capischen Kudu (irrig von ihm Condoma genannt) (*), 
und hält nun dieses aus vielen jetzt leicht zu widerlegenden Gründen 
für dem Sirepsiceros des Cajus angehörig (*), als wenn es unmöglich 
noch eine dritte von beiden unterschiedene Art mehr geben könnte. 


) Amoenitates exoticae p.398. et p. 407. f.1. 

®) Hist. nat. XII, p. 275. tal. 36. f. 2. 
) Man vergleiche Pallas Spieil. zo0l. fasc. XII, p. 67. 
) Hist. nat. XU, p. 301. tab. 39. 


222 LicHTEnsSTEIN 


So betrachtet es nun auch Pallas, als er ein vollständiges Fell 
dieses südafricanischen Thieres bekommt und danach eine ausführlichere 
Beschreibung desselben (a. a. O.) entwirft. Er macht dabei den Fehler, 
dafs er dasselbe mit dem Namen Ant. Strepsiceros belegt, der ihm jetzt 
nicht mehr zu nehmen ist, aber vorsichtiger als Buffon beginnt er 
seine Beschreibung sogleich mit dem Zweifel, sein Strepsiceros sei wohl 
nicht der des Plinius, doch passe auf keine andre Antilopen- Art die 
Bedeutung des Namens besser als auf diese. In der systematischen Zu- 
sammenstellung wird dann von ihm nach Buffonscher Weise der 
Strepsiceros des Cajus bei dem capischen Kudu citirt und die Beschrei- 
bung des Plinius auf die indische Antilope angewendet, statt dafs 
eine genauere Vergleichung sämmtlicher Angaben hier schon hätte leh- 
ren können, dafs es noch eine eigene von beiden unterschiedene Art 
gebe, auf welche die Worte des Plinius besser zuträfen, als auf eine 
der beiden. 

Alle diese Irrthümer sind nun durch das erste vollständige Exem- 
plar, das seit den Zeiten der römischen Imperatoren nach Europa ge- 
kommen ist, hinreichend berichügt. Aber es ergiebt sich daraus noch 
ein andrer, für die Alterthumsforscher wichtiger Aufschlufs. So ver- 
geblich ich mich nämlich auch bemüht habe, in der reichen Sammlung 
alt-ägyptischer bildlicher Darstellungen, welche die Königliche Biblio- 
thek besitzt, eine ganze Abbildung des Strepsiceros zu finden, wie sie 
vom Oryx, Tragelaphus und der Dorcas so häufig vorkommt, so viel- 
fälug stofse ich in diesen Abbildungen auf die Vorstellung der Hörner. 
Die sogenannten Bockshörner nämlich, die Hörner des Mendes, die 
auf den Häuptern des Ammon, Phre, Theuth, Mars, Osiris, 
Horus und Typhon so häufig erscheinen, auch wohl Priester und Kö- 
nige zieren (!), sind unläugbar nichts andres als die Hörner unsers 
Strepsiceros oder Addax. Sie erscheinen immer deutlich gewunden, nie 
geschweift, wie die Hörner des europäischen Ziegenbocks, immer in 
dem richügen Verhältnifs ihrer Gröfse zur Menschengestalt; nur ist ihre 
Richtung verändert, sie sind mit den Wurzeln gegen einander in eine 
gerade Linie gestellt, das eine nach hinten, das andere nach vorn ge- 


(‘) Vergl. Tölken, vom Tempel des Jupiter- Ammon, S. 120. 


über die Antilopen des nördlichen Africa. 223 


wendet, was entweder geschehn sein mag, damit die Kronen und andere 
symbolische Zeichen darüber Raum hätten, oder weil auch im alt- 
ägyptischen Cultus die mit den Wurzeln zusammenverbundnen Anulo- 
penhörner Waffen und Attribute der Priester waren, wie in Indien. 
Dafs diese Richtung nicht die natürliche sein könne, stellt sich leicht dar, 
und selbst wenn man sie für Bockshörner halten will, mufs man eine 
veränderte Stellung derselben zugeben und annehmen. Die auf der 
zweiten Tafel unter der Abbildung des Addax hinzugefügten Götter- 
bilder mögen zur Versinnlichung dieser Bemerkungen dienen. 

Da die Griechen den Mendes, Pan nennen, so möchte es die 
Untersuchung der Alterthumsforscher verdienen, ob des letztern Gestalt 
nicht vielmehr von unserm Addax als vom Ziegenbock entlehnt, schei- 
nen dürfe. Mir kommt es wenigstens vor, als hätten die Bilder des 
Pan mehr Aehnlichkeit mit jenem; besonders passen die plumpen brei- 
ten Hufe, die schiefe Stellung der Augen, die behaarte Surn, und nur 
dafs der arkadische Gott die eigentlichen Bockshörner trägt, ist widerstrei- 
tend. Sollte nicht vielleicht in dem Bilde dieses jüngsten aller Götter der 
uralte Mendes wiederholt und seine Gestaltung nur der in Griechen- 
land bekannteren Form des Bockes näher geführt worden sein? 

Auch der Apis trägt zuweilen neben seinen oder den Widderhör- 
nern noch die des 4ddax. Auf einer der Papyrusrollen unsrer König- 
lichen Bibliothek ist ein solches Bild des Apis in bunten Farben, an 
welchem dabei zugleich der Kopf schmaler, die Hufe breiter wie ge- 
wöhnlich vorkommen, und wo die Gestalt des Stieres mit der des Ad- 
dax gleichsam verschmolzen erscheint. 

Wir besitzen nun auch die Jungen oder Kälber dieser merkwürdigen 
Art, eins von etwa vier, das andere von viertehalb Fufs Länge. Man mufs 
sie sehr genau betrachten, um in ihnen den Strepsiceros zu erkennen, und 
wir haben sie, bevor die Felle ausgestopft waren, eine Zeitlang für eine 
eigne Art angesehn. Indessen nämlich das Haar viel weicher und fei- 
ner, die weilse Farbe reiner, und der Körperbau schlanker und zier- 
licher ist, zeigen besonders die Hörner grofse Verschiedenheit. Sie sind 
völlig gerade, an dem gröfseren 9, an dem kleineren 7-- Zoll lang, ohne 
Ringe und Runzeln, doch keinesweges glatt, sondern unregelmäfsig hin 
und wieder aufgetrieben, und bestehen aus einer weicheren Hornmasse, 


224 LiCHTEnSTELN 


die ein blättriges Gefüge und wenig Glanz zeigt; an ihrem Ende erschei- 
nen sie auffallend stumpf, verlaufen sich übrigens fast parallel und sind 
an ihren Spitzen nur 5 bis 6 Zoll auseinander. Unsre Exemplare schei- 
nen einige Monate alt zu sein und die Milchzähne stehn vollständig im 
Unterkiefer. Die diagnostischen Art-Kennzeichen: der dunkle Scheitel- 
fleck, der Haarwirbel im Nacken, von welchem die Mähne ausgeht, der 
Kehlschopf, die aufgetriebenen Gelenke und die breiten Hufe, verrathen 
deutlich genug die Abstammung vom Jddax, von welchem sie nur die 
Spiefser sind. Sie haben Werth für die Naturgeschichte, insofern sie 
das frühe Entstehn des Gehörns bei diesen Thieren beweisen und von 
dessen Anfangs unvollkommner Gestaltung einen Begriff geben, aber sie 
scheinen mir auch nicht gleichgülüg für die Alterthumskunde. Solche 
Thiere nämlich kommen auch in den ägyptischen Bildwerken vor und 
unter Umständen, die es interessant machen können, in ihnen die Jun- 
gen andrer bedeutungsvoller Thiere wiederzufinden. So stellt z.B. die 
Bembinische Isistafel (in der zweiten Figur der ersten Tafel bei Pignori) 
den Horus vor, wie er ein ähnliches Thier opfert. Jablonsky hält 
es für den Oryx, doch ist es dafür viel zu klein im Verhältnifs zur 
Gestalt des Gottes. Es ist offenbar ein solches Antilopenkalb, und 
zwar wahrscheinlicher vom Addax als vom Oryx, weil dieser als un- 
vein wohl nicht zum Opferthier gewählt sein mag. Der Horus hält 
ein Instrument in der Rechten, das Jablonsky wieder für ein Oryx- 
horn ansieht, es soll aber wohl unstreitig ein langes, schmales Messer 
vorstellen, wie man aus ähnlichen Darstellungen von Opfer-Scenen in 
der Deser. de !’Egypte sieht, wo es deutlicher die Form des Opfermes- 
sers hat. Ueberall aber sind es junge Thiere, die geopfert werden, 
zum Theil noch ohne Hörner und statt derselben mit dem bekannten 
Symbol der doppelten Stwaufsfeder geschmückt ('). Es ist wenigstens 
wichtig zu wissen, dafs man sich der Hörner wegen die Opferthiere 
nicht als ausgewachsen zu denken braucht, noch dabei auf ganz neue 
und unbekannte Thiere zu muthmafsen hat, wenn ihre Gröfse und die 
Gestalt der Hörner von Bekanntem abweicht. Hätte Salmasius diese 
Antilopenkälber gekannt, sie würden ihm sehr willkommen gewesen 


(*) Man vergleiche Deser. de l’Egypte, Vol. 1. tab. 59. f.5. 


über die Antilopen des nördlichen Africa. 225 


sein, um seine Meinung zu unterstützen, dafs der Sudbulo des Plinius (') 
etwas vom Hirsch-Spielser verschiedenes sei. 

Der Widerspruch den diese Behauptung gefunden (von Harduin 
und anderen), hat dem Subwlo eine gröfsere Celebrität verschafft, als er 
verdient, da Plinius nichts weiter von ihm sagt, als, er habe gerade 
Hörner, da also wenig darauf ankommen kann, ob man dies von einem 
jungen Hirsch, oder von einem unbekannten, sonst durch gar nichts 
bezeichneten Thier wisse. Unter den vielen Worterklärungen des Su- 
bulo, bei welchem Plinius wohl offenbar nur an die Pfrieme (Subula) 
denkt (subulones ex argumento dieti), kommen die gelehrten Commenta- 
toren auch darauf, dafs Subulo wuscisch ein Pfeifer geheifsen haben soll, 
etwa weil man aus den Röhren-Knochen solcher Thiere, Pfeifen zu 
machen verstand, wozu sich hier die geraden, hohlen Hörner wohl eben 
so gut geeignet hätten (?). Mich wundert aber, dafs keiner daran ge- 
dacht hat, den Subulo vom Subus herzuleiten, den Oppian (°), als ein 
glattes, weilses Thier mit bräunlichem Kopf und starken Hörnern über 
der breiten Stirn beschreibt, indessen er nachher noch fabelhaft Klin- 
gendes von seinem Amphibienleben und seiner Befreundung mit den 
Fischen hinzufügt. Das mufs wenigstens ein mit unserm Addax nahe 
verwandtes Thier und im jugendlichen Zustand, kaum von dessen Kalb 
zu unterscheiden gewesen sein. Ich wülste aber kaum eine Form eigent- 
licher Hörner, die mit dem stumpfrunden Geweih des Spiefsers mehr 
übereinsimmte, als die dieser Kälber, daher eine gleiche Benennung 
oder eine Uebertragung des Namens mir wohl denkbar vorkommt. 

Es isı endlich noch zu bemerken, dafs Ant. Oryx und Addax zu 
einer und derselben natürlichen Sippschaft in dieser Gattung gehören. 
Beide haben dieselbe Körperbildung, kleine Thränensäcke, keine Knie- 
büschel noch Leistengruben, auch in der Gestalt und Länge des Schwan- 


(‘) Nämlich in der angeführten Stelle Zib. XI, cap. 37. 

(?) Eine Anfrage, die ich wegen dieses Gegenstandes an meinen Gönner, den Herrn 
Hofrath Böttiger in Dresden, richtete, veranlafste dessen Bemerkungen zu den Sudbu- 
Zonen des Plinius, in der Amalthea (3" Band, S.191). Sie kam mir zu spät zu, um 
sie noch für diese Abhandlung benutzen zu können. Einige Bemerkungen in Betreff 
dieses Punktes mögen nachher als Anhang folgen. 

() Kumy. Lib.1I, vs. 382-392. 
Phys. Klasse 1324. Ff 


226 Licu TENSTEIN 


zes, der Beschaffenheit des Haares, selbst der Farbe stimmen sie über- 

ein und sind endlich beide, sowohl im weiblichen als männlichen Ge- 
zuct 1 

schlecht, gehörnt ('). 


I. ANTILOPE DAMA Par. 
Tab. III. Männchen und Junges. Tab. IV. Weibchen und Junges. 


Plinius führı die Dama unter den afrieanischer wilden Ziegen (?) 
an, und bezeichnet sie (°) sehr deullich im Gegensatz gegen die Gemse: 
Cornua rupicaprıs in dorsum adunca, damis in adversum. Es ist also zu 
tadeln, dafs man später den Dammhirsch mit diesem Namen bezeich- 
nete, der bei den Alten (auch bei Plinius) immer Platyceros und Eu- 
ryceros heilst. 

Ein Thier, auf welches das von Plinius angegebene charakteri- 
stische Merkmal pafste und auf welches man auch die andern gelegent- 
lichen Erwähnungen der Dama bei Horaz, Virgil und Martial be- 
ziehen zu können schien, ward erst im Jahr 1750 von Adanson am 
Senegal entdeckt und nach der von ihm gegebnen Abbildung und Be- 
schreibung von Buffon (*) zur allgemeinen Kunde gebracht. Adanson 
nannte es Nanguer, und Buffon fügt hinzu, dafs dies die Dama des 
Plinius sein müsse, weshalb denn auch Pallas es als Antilope Dama 
in sein systematisches Verzeichnifs der Antilopen aufnahm. Seit dieser 
Zeit ist weiter nichts davon bekannt geworden und selbst die neueren 
naturhistorischen Weıke (z. B. Desmarest’s Mammalogie von 1823) 
geben nur Buffon’s Beschreibung wieder. Unsre Exemplare sind also 
die ersten, aus denen eine bessere Kenntnifs dieser merkwürdigen Art 
hervorgeht. 

Zuerst ist es nöthig zu bemerken, dafs der neue Fundort dieser 


Art, Nubien, indem er eine allgemeine Verbreitung des Nanguer durch 


(') Wie sich die neulich von Herrn Otto beschriebene Ant. suturosa zu dem Addax 
verhalte, wird in dem Anhange erörtert werden. 

(*% Zib:VIIL,cap.53: 

(?) Ziö.XI, cap. 37. 

(*) Hist. nat. Vol.XU, pag. 213. tab. 33. f.1. und tab. 34. 


über die Antilopen des nördlichen Africa. 227 


ganz Nordafrica beweist, Buffon’s Vermuthung, es sei die Dama des 
Plinius, allerdings bestäugt, denn nur aus dieser Gegend, nicht vom 
Senegal, konnten die Römer sie kennen, und auch hier ist keine andre 
Art anzutreffen, auf welche jene wenigen Worte des alten Natur - Be- 
schreibers besser zuträfen. Aber sehr unvollständig ist trotz der ge- 
nauen Beschreibung die Kenntnifs, die uns Adanson und Buffon 
von diesem Thier gegeben. Denn der Nanguer ist nur ein halb erwach- 
senes Junges von der muthmafslichen Dama, an welchem eben erst die 
Spitze des Gehörns hervorgebrochen ist. Daher sind die Hörner so kurz 
und glatt und mit so wenigen Ringen umgeben, daher an der Wurzel 
noch so weit hinauf mit Haut und Haar umgeben. Das erwachsene 
Thier ist aber gar anders gestaltet. Es hat fast die doppelte Gröfse, 
nämlich 5 Fufs und 4 Zoll ganze Länge, bei einer Höhe von 3 Fufs, 
einen ungemein dünnen und langen Hals, von braunrother Farbe mit 
dem charakteristischen weifsen Fleck des Nanguer auf der Mitte dessel- 
ben. Auf dem Widerrüst steht ein Haarwirbel, von welchem aus das 
Haar gegen den Nacken in einer Strecke von 8 Zoll in verkehrter Rich- 
tung hinaufwächst; die rothbraune Farbe des Rückens ist nur etwas 
heller als die des Halses, sie nimmt die Schultergegend und auf dem 
Rücken eine Breite von 8 bis 9 Zoll ein und reicht etwa bis auf — Fufs 
vor der Schwanzwurzel hin. Diese Gegend des Hinterrückens, so wie 
die Seiten des Leibes, die Brust und die Beine, mit Ausnahme der Vor- 
derseiten der Läufe, sind von dem reinsten Weifs. Diese Farbe hat 
auch der ganze Kopf und Oberhals nebst den schwarz gerandeten Oh- 
ren, indessen bei den Jungen die Stirn bis etwa 4 Zoll vor den Hör- 
nern dunkelbraun erscheint, was sich allmählig mit zunehmender Aus- 
bildung des Gehörns verliert. Der Schwanz ist 9 Zoll lang und er- 
scheint auffallend dünn, weil er auf der ganzen Unterseite nackt und 
nur oben mit kurzen, abstehenden Haaren bedeckt ist, von welchen die 
äufsersten an Länge nur um weniges die miuleren übertreffen. Am 
Handwurzelgelenk, dem sogenannten Vorderknie, stehn dicke Büschel von 
längeren, von den Seiten gegen die Mitte gerichteten Haaren, zwischen 
welchen sich ein Ohrenschmalzähnliches Cerumen in Menge absondert. 
Die Haut ist hier schwammig und aufgetrieben und ihre Querdurch- 


Ff2 


228 LicHTEenstein 


schnitte zeigen unter dem Mikroskop ein sehr zelliges Gefüge (!). Die 
Hufe sind von der zierlichsten Beschaflenheit, sehr schmal, platt von 
den Seiten zusammengedrückt, kurz, doch vorn scharfwinklig zugespitzt 
und vom feinsten, glänzend schwarzen Horn. Die Afterhufe sind aus- 
nehmend klein und platt, besonders die vorderen, die nur ın die Haut 
eingewachsenen kleinen Hornschwielen ähnlich sehn. 

Am mehrsten aber unterscheiden sich die erwachsenen Exemplare 
von dem Nanguer des Buffon durch das Gehörn, das wohl die zu- 
gleich zierlichste und kräftigste Bildung hat, die die schöngehörnte Gat- 
tung der Antilopen aufweisen kann. Es erhebt sich von der Stirn in 
einem verhältnifsmäfsig dicken, starkgeringelten Stamm, der sich gleich 
von der Wurzel nach hinten und aufsen biegt, und allmählig dünner, 
mit immer flacheren und weiter von einander abstehenden Ringen um- 
geben, dem Umrifs des Kopfes in mäfsigem Abstand folgt. Wo die 
Ringe ganz aufhören, krümmen sich plötzlich beide Hörner ihren Wur- 
zeln entgegen nach vorn und innen, und strecken die schön geglätteten 
scharfen Spitzen vorwärts. 

Auf der vorderen Seite nach der Krümmung gemessen, haben sie 
12;-Zoll Länge. Die äufserste Spitze selbst ist in gerader Richtung nur 
9 Zoll von der Wurzel entfernt. An dieser haben sie 44 Zoll Umfang, 
in der Mitte 34- Zoll, in der Gegend der leızten Krümmung nur 2;-Zoll. 
Dies sind die Maafse des Männchens. Am Weibchen ist das Gehörn 
kaum kürzer, aber viel schlanker und dünner und mil weniger auflal- 
lend zurückgebogenen Spitzen. Die Zahl der Ringe ist an beiden 18 bis 
19, doch sind sie am Männchen ausgewirkter und tiefer. 


Genauere Ausmessung. 


1) Des Männchens. 


Länge des Kopfes bis zwischen das Gehörn...... „ Fuls 8 Zoll. 


Vortda"biszwischen!:die Ohren 3. um as] ve pp 
Vion da'”bis zum 'Widerrüst. uf ou wweru ms) Atsleedimisr he 
Von da 'bis "zur? Schwanzwurzel.. 1b. ga. nie, 2 = Br 


(‘) Wahrscheinlich finden ähnliche Absonderungen bei allen Antilopen mit Knie- 
büscheln Statt. 


über die Antilopen des nördlichen Africa. 229 


Ganze Länge . 22... 00.0 ee snilen ..5Fufs 4 Zoll. 
Umfang des Kopfes durch, die, Augen „u... ud) — Bid 


en des Halsesı. Sa ae dl ee M— 
— des Vorderleibes .). wo. u .weslwausuend = sul 
— »..des' Hinterleibes ; - » „eis. ieh sau — 9 — 
Länge des Horns auf der Krümmung ..........»— 122 — 
Entfernung der Spitze von der Wurzel. ........» — I — 
Abstand beider Hörner an der Wurzel.........» — 1 — 


— beider Hörner in der Gegend der stärksten 


Krümmung nam mad aaa ee 8. — 

— der beiden Spitzen von einander .......» — 1. 
Länge: der Ohreni ua... a0. A URN EEE HE 6° — 
ab. rdesil:Schwanzesi4 . „sisduicwed. Wen wann si I — 


Morderenklohet ur „man, ya a 2a ad » 


Hinterei Hohe a4:4.. 2: ses Be In I — 
Bänge-des . Unterarmsı . se #0. wur... „sd in — 
2), destEaufesn:. ads de rasen. Ran 0 a 
= Ideri Bessel 4. sh dach ae ee = a 
—ürden; Hufe (unten). ser... rang 1 — 
—., des#Unterschenkels..s „tus > nl za 2 — 
— udessllaufestede ee ee en ara a eranete e fees ee 2 3m 
==uyıder sFessel uw Jet, zeiten u Sana nF ee 


2) Des Weibchens. 


E 

ß 

; 

; 

; 
5 
s 

= 
nn 


7-+Zoll. 


Länge des Kopfes bis zwischen die Hörner 


Von:da bistzwischen die Ohren „ls ae sl = A 
Von da bis zum Widerrüst ........ .mubuslwr ln I10— 
Von da bis zur. Schwanzwurzel. 2: .u.u...... ug se > — 
Ganze: Längelnuserw. lan. as best) suanarı on — 21 m 


Umfang des: Kopfesttull usld unde en au ol: 


— des» Halsessh Ja. ze), . ondeaklineie 


Dr oa 
| 
w 
| 


in des; V.orderleibes 19:14 ih .. yes snz.. 
En des: Hinterleibes si ..:o.. su) ash. Ina 


= w 
| 
6.) 
| 
| 


Länge des Gehörns auf der Krümmung. 


Entfernung der Spitze von der.Wurzel u. „sus ei = 


v 
v 


230 LicHTEnsTtEIn 


Entfernung der Spitzen von einander 3... seHuls mat Zoll. 
Länge der Ohren ......2rseeeereeene nennen Gall 

5, des Schwanzes us. Saas sen eu ME 
Die Längen der Extremitäten um ein Geringes klei- 


ner als beim Männchen. 


So wie es nach Obigem nur aus der zur Zeit noch fortbestehen- 
den Unbekanntschaft mit einem Thier, von ähnlicher Gestalt der Hör- 
ner, gerechtfertigt werden kann, wenn man dies Thier für die Dama 
des Plinius zu halten forıfährt, so ist es nun freilich auch gar wohl 
möglich, dafs unter dem Pygargus der alten Schriftsteller wiederum nur 
dies nämliche Thier zu verstehen sei. Unter den nordafricanischen 
Antilopen ist mir weiter keine bekannt, die Anspruch auf den Na- 
men Pygargus machen könnte, und eine nähere Beschreibung derselben 
fehlt uns. Dafs aber Pygargus und Dama bei Plinius etwas unter- 
schiedenes bedeuten, wird freilich daraus wahrscheinlich, dafs er beide 
einander entgegensetzt, wenigstens sie neben einander nennt. Auf jeden 
Fall ist indessen gewils mit Unrecht der Name Pygargus auf den süd- 
africanischen Ble/sbock angewendet, der selbst dort einen sehr einge- 
schränkten Ständort einnimmt und sich wenigstens nicht weit nach Nor- 
den verbreitet. 

Nur selten erscheint in antiken Darstellungen eine Thiergestalt, in 
der man unsre Dama wieder erkennen könnte. Man darf wenigstens 
wohl nicht jede Antilope mit langem, dünnem Hals dafür halten, da 
dieses Kennzeichen auch zu oft einem Fehler des darstellenden Künst- 
lers zugeschrieben werden mufs, wenn sonst Gründe zum Verdacht ge- 
ringerer Treue vorhanden sind. Am unverkennbarsten erscheint die 
Dama in einem antiken Cameo aus der Sammlung des Herrn Grafen 
von Einsiedel, von welchem Caylus schon vor sechszig Jahren eine 
Abbildung lieferte (!), den mir aber Herr Hofrath Böttiger in einer 
besseren Zeichnung mitgetheilt hat. Hier ist der Orpheus, von vielen 
Thieren umgeben, vorgestellt, die seinem Spiel zu lauschen scheinen. 
Die hinter dem Kopf des Orpheus stehende Figur, unmittelbar über 


(') Recueil d’Antiquütes, Tom.IV, PI.48. fig.1. 


über die Antilopen des nördlichen Africa. 231 


dem Pferd (es ist die fünfte vom Löwen aufwärts gezählt), hat in ih- 
rem Verhältnifs zu den übrigen Thieren, in den Umrissen des Kopfes, 
in dem Schwung des Gehörns und der Länge des Halses soviel Ueber- 
einstimmendes mit der Gestalt unsrer Dama, dafs wohl kaum ein Zwei- 
fel übrig bleiben kann. 

Noch kann ich nicht mit Stillschweigen übergehn, dafs der Name, 
den Plinius diesem Thier giebt, auch bei arabischen Schriftstellern ähn- 
lich klingend vorkommt. Unter den drei unterschiedenen Arten von Ga- 
zellen, welche der arabische Schrifisteller Damir anführt, ist eine von 
weilser Farbe mit schneeweifsem Bauch und langem Hals, (also höchst 
wahrscheinlich die Dama) und diese heifst #dam (!). In den hand- 
schriftlichen Nachrichten, welche die Herren Hemprich und Ehrenberg 
uns über die nubischen Thiere mitgetheilt haben, lautet der arabische 
Name der Dama: Addra. Man könnte auf ein Mifsverständnifs muth- 
mafsen, wenn der Name 4/dam, der sonst bekanntlich auch im Arabi- 
schen Mensch bedeutet, nicht auch bei den Lexicographen in ähn- 
licher Bedeutung vorkäme (?). 


IV. ANTILOPE DORCAS Parr. Tab. V. 


Eine der zierlichsteen und sowohl von Seiten der Farbe als des 
Gehörns, schönsten Arten der Gattung und zugleich die am weitesten 
im nördlichen Africa verbreitete und in den zahlreichsten Heerden an- 
zutreflende Art, daher auch am häufigsten, sowohl lebend als todt nach 
Europa gebracht, in allen Werken deutlich beschrieben und von Linne 
zuerst richtig mit dem Namen Dorcas in Beziehung auf die Haupistelle 
bei Aelian (?) in das System eingeführt. Die Beschreibung, welche 
Aelian von seiner Dorcas giebt, ist so deutlich und vollständig, dafs 


sie keine Misdeutung erlaubt. Was Plinius (*) bei den Thieren die- 


(') Bochart Hierozoic. Lib.1II. cap. 27, p. 962. 

(?) Z.B. Bei Giggejus, Meninsky, Richardson, Wilkins. Auch Adra 
wird bei diesen durch: wweifse Ziege übersetzt. 

(‘) De Nat. anim. Lib. XIV, cap. 14. 

(*) Hist. anim. Lib. VII, cap.58. Lib. XXVIl, cap. 11. et Lib. XXIX es XXX. 


232 LicHuHTEnsTEiIn 


r 


ses Namens anführt, widerspricht wenigstens nicht der allgemein ange- 
nommenen Vermuthung, dafs er dasselbe darunter verstehe; es bezieht 
sich übrigens, was er sagt, hauptsächlich nur auf ihr Vaterland, als 
welches er auch ganz richtig Klein- Asien angiebt und die schon im Na- 
men ausgedrückte Eigenschaft des hellsehenden und klaren Auges, wes- 
halb denn vorzüglich in den letzten Büchern unter den Heilmitteln ge- 
gen Augenkrankheiten u.s. w. häufig der Dorcaden gedacht wird. Was 
andere Schriftsteller unter den ähnlich klingenden Namen iognos, Öooncs, 
dopruv, dopradıov und öögE verstehn, ist nicht leicht auszumitteln. Die 
Mehrsten mögen sich eben nıchts andres als die Dorcas dabei denken, 
doch wird auch zuweilen bestimmt Unterschiedenes darunter verstanden. 
So ist der icgzxes des Oppian (Cyneg. II, vs. 296.) sehr deutlich der 
den Römern wohlbekannte 4xis oder Gangeshirsch (man sehe Plinius 
Zib. VII, cap. 31.), den Oppian auch unter den Hirschen aufführt, 
Schneiders Uebersetzung durch Dama also falsch, indem weder die 
Dama des Plinius, noch der unmittelbar vorher beschriebene Damm- 
hirsch (Euryceros) darunter verstanden werden kann. Weiterhin (vs. 315.) 
meint Oppian mit dognos unleugbar das Reh, indem er sagt, es sei die 
Art muthwilliger (özurerwv) Thiere, die Allen nach Gestalt und Gröfse 
hinreichend bekannt, keiner Beschreibung bedürfe. Ueberall stofst man 
auch sonst auf Verwechselung der Dorcas mit dem Reh, besonders in 
den Uebersetzungen der Bibelstellen, die dieses Thieres gedenken. Zu- 
weilen scheint auch sogar Öogauv und Ögurwv verwechselt zu werden, und 
in dieser Beziehung ist es interessant, dafs bei Plinius zweimal unter 
den abergläubigen Heilmitteln das Herz und der Schwanz des Drachen 
in der Haut der Dorcas mit Hirschsehnen auf den leidenden Theil zu 
befestigen, vorkommen (!). Das Uebrige ist bei Buffon (unter dem 
Abschnitt Gazelle) und bei Pallas zu finden, welche beide noch die 
schwächer gehörnten Weibchen als besondre Arten unter den Namen 


(‘) Sehr deutlich ist die Verwechselung von degzwv und ögezuv in der von Bochart 
(Zib. II. cap. XXV1, p.933.) angeführten Nachricht des Philostorgius (Zi2. III, cap.11.), 
über das von demselben in Constantinopel gesehene Einhorn, welches den Kopf eines 
ög«zuwv gehabt haben soll. 


über die Antilopen des nördlichen Africa. 233 


Kevella und Corinna aufführen, was ich schon vor zwölf Jahren berich- 
tigt habe und seitdem allgemein als irrig angenommen worden ist. 

Unsere Reisende haben uns achtzehn Exemplare dieser Art zuge- 
schickt, was beweist, dafs sie in Nubien sehr häufig und in grolsen Ge- 
sellschaften zu finden sein mufs. Es sind Männchen, Weibchen und 
Junge. Letztere sind aus drei unterschiedenen Zeiten des Jugendlebens 
in der Abbildung 7ab.V. dargestellt. Die ganz jungen Kälber, bis sie 
ein Drittheil der ihnen bestimmten Leibesgröfse erlangen, sind unge- 
hörnt und so kommen sie in den Bildwerken auch immer als Opfer- 
thiere vor, z.B. in der Opferscene an den Ruinen des Tempels von 
Edfou (Apollinopolis) die aus der Deser. de Egypt. Vol.]. tab.59. fıg. 5. 
unter unsrer fünften Tafel zur rechten Seite wiederholt ist. Vor dem 
thronenden Sonnengott (Phre) opfert hier ein Jüngling, dessen Haupt 
die Mendeshörner zieren, eine junge Antilope; statt der Hörner trägt 
diese auf dem Kopf den bekannten heiligen Schmuck, in welchem 
Hirt und Tölken eine rückwärts gekrümmte Straufsfeder erkennen. 
Bei den halberwachsenen Jungen stehn die Hörner mit dem letzten auf- 
wärts und vorwärts gekrümmten Enden aus der Stirn vor und scheinen 
auf den ersten Anblick diese Thierchen zu einer ganz eignen Art zu 
machen. Man braucht aber die Sache nur genau zu erwägen und mit 
der Ausbildung des Gehörns an unsern wiederkäuenden Hausthieren zu 
vergleichen, um sich zu überzeugen, dafs das schöne leierförmige Ge- 
hörn der Dorcas in seiner ersten Entwickelung nicht anders aussehen 
könne. Vollends beweisend ist dann ein horniger Bast, der die Wur- 
zeln dieser jungen Hörner umkleidet und aus welchem nach und nach 
die Ringe, zumal an den männlichen Individuen deutlich hervorbrechen. 
Die Verschiedenheit des Gehörns nach dem Geschlecht ist auch sonst 
durch die Kleinheit und Dünne desselben an den weiblichen Thieren, 
gleich in der Jugend ersichtlich. Es ist dies übrigens ein Punkt, der 
von den neueren Systematikern noch gar nicht berücksichtigt worden 
und viele der von Herrn Blainville zum Theil nach blofser Ansicht 
des Schädels als neu beschriebene Arten z.B. Ant. aculicornis, naso ma- 
culata und Landiana dürften bei genauerer Untersuchung, sich als Käl- 
ber schon bekannter Arten nachweisen lassen. 

Phys. Klasse 1824. Gg 


234 LICHTENSTEIN 


Die Dorcas war das der Isis geheiligte Tbier (!). Wir finden sie 
daher in den ägyptischen Bildwerken häufiger als ırgend eine andere 
vorgestellt, immer in richügem Verhälwifs zu den Menschengestalten 
und durch die Hörnerform so bezeichnet dafs sie auch ohne Andeutung 
der Farben überall leicht zu erkennen ist. Die schönste Vorstellung 
dieses Thiers findet sich aber auf einer der Papyrus-Rollen unsrer Bi- 
bliothek in einem farbigen Bilde nach ziemlich grofsem Maafsstab. Es 
ist ein männliches Thier das auf den Hinterfülsen hockend vorgestellt 
ist, mit aufgerichtetem Leibe, die Vorderfüfse frei schwebend. Diese 
gezwungene Stellung und den beigefügten symbolischen Spitzbart abge- 
rechnet, ist die Abbildung in allen Theilen so getreu wie man sie in 
wenig naturhistorischen Kupferwerken findet. Dafs es die Hörner die- 
ses Thiers sind, welche sich als Attribut an dem Kopfe der Isis, die 
Sirius-Scheibe umfassend, so häufig finden und die in Beziehung auf 
diese Göttin auch wohl an andern Göutergestalten vorkommen , ist all- 
gemein anerkannt. Wäre noch ein Zweifel, so würde er durch eben 
jene Papyrus-Rolle gehoben, auf welcher nicht weit von dem Thier die 
Göttin mit dessen ganz gleichgebildeten Hörnern geschmückt, erscheint, 
Diese Darstellung ist mir merkwürdig genug vorgekommen, um sie auf 
der V'= Tafel unter dem Bilde der Dorcas zu wiederholen. 

Eine der Dorcas sehr ähnliche Art lebt im südlichen Africa: der 
sogenannte Springbock Ant. Euchore Forst. Sie ist durch viele Kenn- 
zeichen unterschieden hauptsächlich aber wieder durch die fast doppelte 
Gröfse und durch viel besliimmtere und an den dunkeln Stellen gesät- 
ügtere Färbung. 

Eben so scheint auch die mittel-asiatische Form, die der Dorcas 
entspricht, die nämlich, welche Güldenstedt zuerst unter dem Namen 
Ant. subgutturosa bekannt machte, wirklich eine wesentlich verschiedene 
Art zu sein, wenn es gleich schwer halten möchte, aus den mangelhaf- 
ten Beschreibungen, die davon vorliegen, eine recht bestimmte Diagnose 
zu stellen (2). Gewifs aber von beiden verschieden ist eine zierliche 


(') Aelian de nat. anim. Lib.X, cap.23. Horapollo Hierogl.T, 49. Vgl. Tölken 
vom Tempel des Jupiter Ammon in Minutolis Reise 8.127. 
(?) Man vergleiche Desmarets Mammalogie p.455, wo ausdrücklich angeführt 


über die Antilopen des nördlichen Africa. 235 


Art, welche unsre Reisenden an der Östseite des rothen Meeres ent- 
deckt und mit dem Namen Ant. arabica belegt haben. Eine dunklere 
Färbung, ein nach Verhältnifs höheres, gestrecktes Gehörn, mit weiter 
von einander abstehenden Ringen, besonders aber ein grofser schwarzer 
Fleck mitten auf der Nase sind die Hauptikennzeichen, die aber erst 
nach einer genauen Vergleichung mehrerer Exemplare in recht bestimmten 
Ausdrücken angegeben werden können. Die Herren Hemprich und 
Ehrenberg waren sogar Anfangs geneigt, mehrere Abweichungen in 
der Länge und Stärke des Gehörns, die sie an den Dorcaden in Sen- 
naar bemerkten, als Kennzeichen mehrerer darunter versteckt liegender 
Arten anzunehmen, kamen indessen nachmals von dieser Annahme zu- 
rück und machen jetzt nur darauf aufmerksam, wie sehr die Hornhil- 
dung und.Färbung dieser zierlichen Thiere innerhalb gewisser Grenzen 


fe) 


wandelbar sei. Die genaueren Angaben dieser Varietäten müssen also 
späteren Mittheilungen vorbehalten bleiben, da sie erst aus den münd- 


lichen Berichten unsrer Freunde vollständig zu schöpfen sein werden. 


wird, Herr Cuvier halte die Kennzeichen der A. subgutturosa nicht für bestimmt ge- 
nug, um sie danach von der Dorcas zu unterscheiden. 


Anhang. 


Gg2 


LıicutTEensteiın 


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(a8) 
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Ar rar 


Es sei mir erlaubt, hier einige Bemerkungen folgen zu lassen, die 
sich mir während des Druckes dieser Abhandlung aufdrängten, die ich 
aber nicht einzustreuen wagte, weil mir daran liegen mufste, dafs meine 
Arbeit dieselbe bleibe, die ich vor zwei Jahren der Akademie vorgelegt 
und deren Bekanntmachung sie beschlossen hatte. 

Zuerst ist mir schon damals von einigen Freunden der Vorwurf 
gemacht worden, dafs ich bei den Zweifeln an der Existenz eines nach 
seiner ursprünglichen Bildung einhornigen wiederkäuenden Thieres, 
der neueren Angaben von einer Wiederentdeckung des wahren Einhornes 
hätte erwähnen sollen. Ich kann aber diese in einigen englischen Zeit- 
schriften enthaltenen Nachrichten nicht für beweisend ansehn, sondern nur 
(wie ich auch gethan) zugeben, dafs man Jeden gewähren lassen müsse, 
der sich auf eine solche Wiederentdeckung noch Hoflnung machen will. 
Die eine dieser Nachrichten, mitgetheilt vom Major Latter ('), beruht 
ganz auf Aussagen von wenig unterrichteten Eingebornen in Nepaul, die 
ein zweihufiges Thier von der Gröfse des Pferdes, mit einem langen ge- 
krümmten Horn an der Stirn, kennen wollen, das weit von ihrem Wohn- 
ort (30 Tagereisen von Lassa) in der grofsen Tartarei heerdenweise lebe 
und sehr wild, aber efsbar sei. Die rohe Abbildung, die ein Tibetaner 
aus dem Gedächtnisse zu seinem Bericht entwarf, kann unmöglich 
grofsen Werth für die Naturgeschichte haben und die Vermuthung liegt 
sehr nahe, dafs auch dieses sogenannte tibetanische Einhorn nur eine 
zufällig einhornige Antilope sei, wie sie schon Pallas kannte. Die 
andere von dem Missionär Campbell (*) aus dem Innern Africa’s her- 
rührende Nachricht spricht ganz deutlich von einem sehr grofsen Rhi- 
noceros, denn des Thieres Kopf hatte fast 3 Fufs Länge und das gerade 
Horn safs 10 Finger breit über der Nase; auch nanüten die Eingebor- 
nen es ein Nashorn. 


(') Quarterly Review, Dec. 1820. und Asiatie Journal, Vol. XI, pag. 154. 
(?) Asiatic Journal, Vol.Xll, p.36. 


über die Antilopen des nördlichen Africa. 237 


2) Eine unserm 4Jddax sehr nahe verwandte Antilopen- Art 
ist im vorigen Jahr von Herrn Otto unter dem Namen Ant. suturosa 
beschrieben und abgebildet worden (!). Sie hat zwar geringere Gröfse, 
aber dieselben Verhältnisse und ist dem /ddax in der Hornbildung und 
dem charakteristischen weifsen Querstreif über dem Nasenrücken so ähn- 
lich; dafs man sich bald dazu verstehn würde, beide für Wesen einer 
und derselben Art anzuerkennen, wenn nicht das Haar, sowohl durch 
seine dunkle Farbe, als auch durch seine ausnehmende Länge und die sehr 
ins Auge fallenden Näthe die es bildet, die auflallendsten Abweichungen 
darböte. Indessen darf dabei nicht vergessen werden, dafs dieses Thier 
in einem früheren Alter aus Aegypten nach Europa gebracht wurde. 
Der Thierhändler Advinant kaufte es im Jahr 1822 in Venedig von 
Pilgrimen, die über Alexandrien aus Palästina zurückkehrten. Derselbe 
hat mir noch bei seinem letzten Besuch in Berlin (April 1826) erzählt, 
dafs das Thier damals zwar schon dunkel gefärbt, aber nur schwach 
behaart gewesen, jedoch schon im ersten Winter eine reichere Behaa- 
rung gewonnen habe, wobei die so charakteristischen Haarnäthe zum 
Vorschein gekommen seien. Zu Anfang des Jahres 1824 kam er damit 
nach Breslau, wo Herr Otto es sah und das Versprechen erhielt, es, 
falls es stürbe, für das doruge Museum zu bekommen. Der Tod des 
Thiers erfolgte im Sommer desselben Jahrs zu Marienwerder, von wo 
aus es nach Breslau gesandt wurde, wo es geschickt ausgestopft ist und 
meinem T'reunde zu der oben erwähnten Abhandlung gedient hat. 

Est ist kein ungewöhnlicher Fall, dafs dünnbehaarte Säugethiere 
aus warmen Ländern in unserem rauheren Klima sich mit reichem Pelz 
bedecken, und besonders scheint dies die Wiederkäuer zu treffen. 

Der in Italien fast nackte Büffel gewinnt in unserm Lande ein 
langes glänzendes Haar, wie die schönen Exemplare, welche auf Befehl 
Seiner Majestät unsers Königs, auf der Pfauen-Insel unterhalten wur- 
den und von welchen das g 
aufbewahrt wird, beweisen können. Zwei bactrische Kamele, die der 
Kosacken-Hettmann, Graf Platow, im Jahr 1809 Ihrer Majestät der 


verewigten Königin verehrte und die schon im Frühling 1810 in Berlin 


vöfste noch jetzt im zoologischen Museum 


(') Nova acta Acad. Caes. Leopold. Nat. Curios. Vol.XU. P.2, pag.521. 


238 LICHTENSTEIN 


starben und seitdem ebenfalls das zoologische Museum zieren, zeigen 
einen so reichen Pelz, wie man an denselben Thieren in ihrem Vater- 
lande nie zu sehn bekommt. Die Beispiele der veredelten Schaafe und 
Ziegen, deren Zucht bei uns, und was letztere betrifft, besonders in 
Gebirgsgegenden so vorzüglich gelingt, beweisen die vom Klima abhän- 
gige Veränderung des Haarwuchses eben so schr, als die entgegengesetzte 
Erfahrung, dafs europäische Thierformen in den Steppen-Gegenden dünn- 
behaart und schmächug erscheinen, so dafs man z.B. in dem Fuchs, der 
Katze, dem Hasen der libyschen Wüste, die unsrigen wieder zuerkennen 
sich nicht leicht entschliefst. 

Es ist daher wohl glaublich, dafs diese Ant. suturosa sich zu dem 
Addax nur als Varietät verhalte; doch will ich dabei nicht verschweigen, 
was sich auch gegen diese Meinung beibringen läfst. In der Abbildung 
nämlich zeigt jene nicht die breiten Hufe des Addax und in der Be- 
schreibung würde ein so trefllicher Beobachter, wie Otto ist, davon in 
bestimmieren Ausdrücken gesprochen haben, wenn diese Breite der Hufe 
vorhanden wäre. Demnächst finde ich an unserm Exemplar: des Addax 
auch nicht eine Spur von den Näthen, die hier so sehr bezeichnend er- 
scheinen. Alles Haar auf dem Rücken und an den Seiten ist glatt an- 
liegend, mit den Spitzen nach hinten gerichtet und der erwähnte Haar- 
wirbel im Nacken der einzige, den ich an dem 'Thier entdecken kann. 
Dies mag zum Theil wohl der ungemeinen Dünne und Kürze des Haars 
mit zugeschrieben werden müssen, im Uebrigen finde ich aber auch, dafs 
die Haarnäthe an den andern Antilopen variiren. So hat das männliche 
Junge der Dama am Oberhals nicht das rücklaufende Haar, auf dem 
Widerrüst nicht den Wirbel, den die andern drei Exemplare zeigen, 
und eben so ist Verschiedenheit der Wirbelstellen bei einigen südafrica- 
nischen Anulopen. Man hat sich daher wahrscheinlich wohl in Acht 
zu nehmen, dafs man die Haarnäthe und Wirbel nicht überall zu dia- 
gnostischen Merkmalen erhebe. 

Nach Allem diesen mufs es nun fürerst noch zweifelhaft bleiben, 
ob die Ant. suturosa als eine eigene Art betrachtet werden dürfe. Wie- 
wohl mir gleich bei den ersten Mittheilungen, die mir Herr Otto dar- 
über machte, die überwiegenden Gründe für das Gegentheil zu stm- 


men schienen, so mufste es mir doch sehr willkommen sein, dafs mein 


über die Antilopen des nördlichen Africa. 239 


Freund seine Beobachtung öffentlich bekannt machte, und ich rieth selbst 
dazu, sie fürerst als neue Species aufzustellen, damit die künfuge, ge- 
nauere Untersuchung dadurch um so mehr angeregt werde. 

3) Die (S.225.) erwähnte Abhandlung des Hrn. Hofrath Böttiger 
in Dresden über die Subilonen des Plinius ('), enthält mehrere Fra- 
gen, die, soweit sie nicht schon durch einzelne Bemerkungen in der vor- 
stehenden Abbandlung beantwortet sind, hier noch eine kurze Erörte- 
rung finden mögen. 

Zuerst wiederhole ich hier, überzeugt zu sein, dafs Plinius mit 
dem Subwlo nichts anderes, als den Hirsch-Spiefser gemeint haben könne. 
Demnächst aber scheint es mir in vieler Beziehung wichüg, nunmehr 
unleugbar annehmen zu dürfen, es gebe Spiefser (Subulones mit geradem 
pfriemenförmigen Gehörn) auch in der Anulopen-Gattung. Darauf be- 
sonders habe ich den Schluls gegründet, die auf antiken Darstellungen 
vorkommenden Opferthiere, mit pfriemenförmigen Hörnern, seien weder 
Hirschspiefser, noch ausgewachsene Antilopen (denn für beides erschei- 
nen sie zu klein im Verhältnifs zu den Menschengestalten) sondern Anulo- 
pen-Kälber. Es ist mir kaum glaublich, dafs die an ihren Enden sehr 
knorpligen Röhrenknochen solcher junger Thiere ein gutes Material zur 
& von musicalischen Blase-Instrumenten sollten abgegeben 


5 
haben; wenigstens mufsten sich die harten Tibien erwachsener Wieder- 


Verfertigun 


derkäuer viel besser dazu eignen. Und nun fragt es sich: können die 
von Natur hohlen Hörner solcher Subwlonen nicht auch zu ähnlichem 
Zweck benutzt worden sein und finden sich im Alterthum Spuren des 
Gebrauchs von Wiederkäuer-Hörnern zu Blase-Instrumenten ? 

Die berühmte Barberinische Mosaik von Palestrina, zu deren ge- 
naueren Erklärung von Seiten der darauf abgebildeten Thiere mein ver- 
ehrter Gönner mich am Ende seiner Abhandlung auffordert, enthält 
wenig, was dem Zweck der vorstehenden Abhandlung nahe läge und wor- 
über sich zugleich Bestiimmtes aussagen liefse. Ueberhaupt möchte es 
schwer halten, ohne Ansicht des farbigen Originals oder einer sehr voll-. 
ständigen Abbildung, sich mit Sicherheit über die wenigen Thiergestalten, 
die zweifelhaft bleiben (denn bei den meisten ist die Erklärung schon 


(') Amalthea, 3° Band, S. 191. 


240 Lıcurensteın über die Anulopen des nördlichen Africa. 


durch den hinzugefügten Namen gegeben) zu verständigen. So wichtig 
dies merkwürdige Denkmal dem Alterıhumsforscher in so vieler Hinsicht 
auch sein mag, so glaube ich dennoch kaum, dafs dessen Untersuchun- 
gen durch den Beistand eines Zoologen hier auf eine irgend erhebliche 
Weise gefördert werden können. Die mehrsten Thiergestalten, die es 
enthält, sind unverkennbar, und die übrigen fast sämmtlich entweder fa- 
belhafı oder auch bei der strengsten Vergleichung nicht mit Sicherheit 
zu bestimmen. 

4) Herm Dr. Ehrenberg’s nunmehr erfolgte Rückkehr setzte 
mich in den Stand, ihn wegen der Namen, welche die Eingebornen den 
hier beschriebenen Antilopen-Arten geben, näher befragen zu können, 
und er ist so gefällig gewesen, mir das folgende Verzeichnifs zur Ver- 


vollständigung meiner Abhandlung mitzutheilen: 


5 
>»! dbuharb.........ist der arabische Name des Oryx. 
we nl Abu Akasch ......— — _ — — Addax. 
ss dddra . 2er... — _ — der Dama. 
Il Ariel oo screerr es — _ — | = 1Dorcas: 


ge Anse ss nenne cr. heifst das Weibchenaderselben ‚Art 
JEf Se Gasal oder Gasal. Eine nahe damit verwandte Art in Arabien 
führt dort vorzugsweise diesen Namen. 
\#>.....Hamra ........ heifst eine in Nubien seltne Art, welche die 
Dorcas an Grölse etwas übertrifft, roth 
von Farbe und von schwachem Gehörn. 
Die zuerst von Salt erwähnte, ungemein zierliche Modoqua-Anti- 
lope aus Abessinien führt dort seltner diesen Namen als den Namen 
Addro, und die Oryx heifst dort Hakaba. In Syrien aber werden die 
mit der Dorcas verwandten Arten sämmtlich mit dem Namen Ariel be- 

zeichnet, den sogar hin und wieder der Dammhirsch trägt. 


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Verallgemeinerung einiger in der Abhandlung über 
die ausführlichere Bezeichnung der Krystallflächen 
(s. d. Abh. d.phys. Kl. a.d.J. 1818 u.19.S. 270-350.) 


vorgetragenen Lehrsätze. 
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Von, 


Hm 0, Ss WEISS. 


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[Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 26. Februar 1824.] 


R Vollständigerer Ausdruck des a.a.O. 8.277. aufgestellten 


Lehrsatzes über die Theilung der Dreiecke. 


W.. theilten ein Dreieck 4BC (Fig. 1.) beliebig durch zwei Linien 
AD und CE, aus den Ecken # und C nach beliebigen Punkten D 
und E der gegenüberliegenden Seiten gezogen ; wir besummten durch 
die einfachsten Formeln das Verhältnifs der Stücke, sowohl der getheil- 
ten Seiten des Dreiecks, als der sich einander schneidenden, theilenden 
Linien selbst, indem von zwei gegebenen Verhältnissen solcher Paare 
die beiden andern abhängig sind. Wir ziehen jetzt aus der dritten 
Ecke 7 durch den Schneidungspunkt 7 der Linien /D und CH die 
Linie 3Q, so entstehen uns sechs Paare von Stücken, sowohl der Sei- 
ten des Dreiecks, als der theilenden Linien 4D, BQ und CE, von 
welchen immer das gegebene Verhältnifs zweier solcher Paare die übri- 
gen bestimmt. Es treten daher für jedes Paar zehn Gleichungen ein; 
denn es wird z.B. für jede getheilte Seite des Dreiecks das Verhältnifs 
der Stücke gefolgert, entweder aus dem gegebenen Verhältnifs der Stücke 

Phys. Klasse 1824. Hh 


242 WeEıss: 


in den beiden andern, oder aus dem in einer von ihnen und einer der 
drei inneren Linien, oder endlich aus den dreierlei Combinationen der 
getheilten inneren Linien, wenn für zwei von ihnen das Verhältnifs 
ihrer Stücke bekannt ist; und so umgekehrt durch zehn ähnliche For- 
meln das Verhältnifs der Stücke einer inneren theilenden Linie. 

Es ergeben sich für die Bestimmung der Stücke einer Seite des 
Dreiecks durch die gegebenen Verhältnisse der Stücke der beiden an- 
dern, und eben so für die einer inneren getheilten Linie durch die bei- 
den andern überaus einfache Lehrsätze; die übrigen Bestimmungen las- 
sen sich füglich nur durch die Formeln selbst aussprechen. 

Es sind nehmlich die Produkte je dreier abwechselnder 


Stücke der getheilten Seiten des Dreiecks sich gleich, also 


AEXxBDXCQ=EBXxDCxQA 
folglich AE: EB=DC x Q4: BDx CQ 


oder es verhalten sich die Stücke einer getheilten Seite, 
wie dieProdukte der, einem jeden anliegenden und gegen- 
überliegenden Stücke der beiden andern. 

Der Beweis ist eben so leicht zu führen, als der des früheren, 
a.a.O. S. 277. aufgestellten Lehrsatzes selbst. Wir ziehen aus C so- 
wobl C@G parallel mit 4D, als CH parallel mit 3Q, beide bis zum 


Durchschnitt mit der verlängerten 42, so ist, wie dort erwiesen wurde, 
GD:DB=AE.CE:EE.4B 


Aus der Aehnlichkeit der Dreiecke 4BQ und AHC aber folgt 


4B..00 
Q4 


und aus der Aehnlichkeit der Dreiecke FEB und CEH, 


CQ:!.Q4= BH: AB, ode'BH= 


CF:FE=BH:EB= ra : EB. 


Verallgemeinerung einiger Lehrsätze. 243 


AB.CQ 


Also ist CD:DB=ÄE. ne > 


:EB.AB=AE.CQ:EB.OQA 


folglich AE. CQ.DB=EB.OQA4.CD, wie oben. 


Die übrigen Formeln abzukürzen und überschaulicher zu machen, 
benennen wir wieder die einzelnen Stücke der getheilten Linien mit 
einfachen Buchstaben, und um der Anschauung bei der Auflassung der 
Bedeutung der einzelnen Ausdrücke soviel als möglich zu Hülfe zu 
kommen, gebrauchen wir für jedes Paar von Stücken einen Vokal mit 
dem auf ihn folgenden Consonanten in der natürlichen Folge, so dafs 
wir die Stücke der getheilten Seiten des Dreiecks, a, b; e, f; i, k nen- 
nen, die abwechselnden Stücke mit Vokalen, die mit ihnen abwechseln- 
den mit den Consonanten bezeichnend. Wir setzen für die Stücke der 
getheilten inneren Linien dieselbe Reihe der Vokale, mit den auf sie 
folgenden Consonanten so fort, dafs wir die Vokale o, u, y den, den 
Ecken zugekehrten Stücken beilegen, die ihnen folgenden Consonanten 
pP, 9, z den den Seiten zugekehrten Stücken, so dafs o, p der gegen 
die Seite a+25; u, v der gegen e+ f; und y, z der gegen die Seite 
i-+ k sich richtenden Linie zukommt. Wir setzen also für ZE, a, u.s.f. 
wie die Fig. 1. zeigt. 

Wir geben die Formeln für eine getheilte Seite des Dreiecks unter 
der Form des Verhältnisses a: 2, und die für eine getheilte innere Linie 
unter der Form 0:7, und fügen jedem den entsprechenden Werth sei- 
nes Ganzen, d.i. «+ und o-+p bei, da es im Gebrauch eben so oft 
vorkommt, dafs das Verhältnifs eines Stückes zu seinem Ganzen das un- 
mittelbar gesuchte ist, als das der Stücke zu einander, und da bald in 
einem der ersteren, bald in einem der anderen Verhältnisse die ein- 
fachere Regel unmittelbar sich ausspricht. 

Von den je zehn Proportionen für die Bestimmung der Stücke 
einer äufseren sowohl als einer inneren Linie des Dreiecks konnten drei 
aus dem Lehrsatz, wie wir ihn in der früheren Abhandlung vortrugen, 

Hh 2 


244 W E1s:;s: 


unmittelbar abgeleitet werden (!); drei andere sind die nemlichen Pro- 
portionen, nur das dritte gleichartige Element, sei es Seite des Dreiecks 
oder theilende Linie, einem der beiden ersten subsuütuirt. Von den vier 
übrigen Proportionen sind wiederum zwei ähnliche Gegenstücke zu ein- 
ander mit Austausch analog liegender Theile als gegebener; drei aber sind, 
wesentlich verschieden unter sich und von den ersten sechs, Folgen der 
Erweiterung des Lehrsatzes. Ueberhaupt also sind von den zu gebenden 
je zehn Proportionen sechs wesentlich verschiedener Construction, vier 
aber als Wiederholungen von vieren der sechs anzusehen. 

Die Art wie wir aus den ersten, durch die geometrische Demon- 
stration unmittelbar erhaltenen Proportionen, die übrigen finden, bedarf 
keiner ausführlichen Erörterung. Wir suchen z.B. die Theilung einer 
innern Linie, wenn uns die der beiden andern innern Linien gegeben 
ist. So giebt uns der frühere Lehrsatz unmittelbar (?) 

o:p=uf-+v(e-kf):ue. 


(‘) Alle Proportionen nemlich, wie sie in dem früher vorgetragenen Lehrsatz direct 
begründet waren, wo wir y und & nannten, was jelzt e und /, n und m, was jetzt 
o und p, und # und w, was jetzt w und » genannt ist, waren vollständig diese: 

na: m(a+b):na-+ m(a+b) 
x ysz +y= Jaw:bv — aw : bo 
ne —mw: m (v+w) iv (n-+m) 
= 2 w(z+y) !#X + w(a+y) 
a:bza+b= mzıny— mx ıny 
‚eye zw (n+m) ın(v-+w) 
x (a+b):ya:ya+x(a+b) 
nımınHbm= Iw(arb) :vb—wa : b(v-+w) 
ve+w(z+y)ivoy : w+w)(z+y) 
a(z+y):be:bx +a(x+y) 
vyEWwiVv HW= Im(x+y)iny—mx :y(n+m) 
na+m(a+b):nb : (n+m)(a+b) 


Je drei solche sind es, welche sich in der nunmehrigen, verallgemeinerten Aufstel- 
lung, unter veränderten Buchstaben, wiederfinden ; sie beruhen auf folgenden vier Grund- 
gleichungen: I. ya=mx(a+b); U. vbe=wa(c+y); III. von=w(an+am-+-bm); 
oder ww (a+b) (n+m)=bn (vw); IV. nyy=m (av + 2w-+-yw); oder m (a+y)(v +w)= 
yv (nm). 

(?) Es ist dies die Uebersetzung der Formel nm = va + w (ey): vy, wie sie in 
der vorigen Note hiefs, in die gegenwärtige Bezeichnung. 


Verallgemeinerung einiger Lehrsätze. 245 


Wir müssen jetzt e und f in u und v, und y und 3 auflösen. 
Dies geschieht durch Anwendung einer andern Formel des nemlichen 
Lehrsatzes 

So ist 
o:p=us (u+v) +vu(y+2):u(wy—v2)=3 (ur) + (y+2):uy — v2 
und o:p:o+p=3(u+v)+r (y+2):w—vz:(u+v) (Y+2). 


e:fre+f=uy —vz3:3(u+v):u(y-+2) ('). 


Folgendes sind nun die Proportionen zur Auffindung des Verhält- 
nisses der Stücke, sei es einer getheilten Seite des Dreiecks, oder einer 


getheilten inneren Linie desselben, aus zwei gegebenen andern. 


Skz:eiree + fk 

uf:v(erf) :uf+v(e+f) 

z(i+k) zyiıyi+z(i+k) 
J/p:eo—fp : eo 

ko—ip : ip : ko 

iu—-_kv:iw :iu+tv(i—k) 

JS: -es :fy+2(f-e) 

ou —pv : v (o+p):o(u+v) 

z(0+p) :0oy— pz :0(y-+:>) 

z(u+v): vo (y+z)i2(u+v) #e(y-+2) 


a:b:a+b = 


S(a+b):ea:ea+f(a-+b) 

i(a+b): kb: kb +i(a-+b) 

Jk +eirzek:ei +kl(e+f) 

v(a+b) :ub—va : b(u+v) 
z(a+b):ya—:ıb : a(y+z) 

uf +v(erf):ue:(u+v) (e+f) 

yi +z(i+k)iyk:(y+>) (i+k) 

Soy*+z) —ez:ez:f(y+z) 

i(u+v) — ku ikv zi (u+e) 

z(u+v) +o(y+2) zuwy — v2: (u+v) (y+z) 


0,p.0o+p= 


Die letzte Formel führt offenbar auf den Ausdruck 


(') Die Formel der vorigen Note 
ar:bzatb=nv —mwiw(n-m)in(--w) 
wird hier so angewendet, dafs e für a, f für b gesetzt wird; dann mufs u für n, v für m, 
y für », und z für w gesetzt werden; und so in ähnlichen Fällen. 


246 W.£ 1.5.8: 


welches in Worten ausgedrückt, soviel heifst als: von einer getheil- 
ten innerenLinie ist das gegen die Ecke gekehrte Stück von 
seinem Ganzen der so vielste Theil, als die Summe der 
Theile, welche die gegen die Seiten gekehrten Stücke der 


beiden andern innern Linien von ihren Ganzen sind. 


o zZ v ” 
Peer — Er ee — 2 22850*1St auch 
Wenn abeı FE Pe Dee s 
[77 4 pP 
ee nd 
ut v y+2 rt 0-42 P £ 
2 gmeuPseie Abug 
yt+z  o+p Fur 


Es ist also offenbar 


o u % p v 2 
— — ——— it m ——— ——— 
o+p = u-rv u +2 o+p = ut+rv = ee) 


oder: die Summe der Quotienten, welche die gegen die Ecken gekehr- 
ten Stücke der getheilten innern Linien von ihren Ganzen ausdrücken, 
ist doppelt so grofs, als die ‘Summe derer, welche die gegen die 
Seiten gekehrten Stücke ausdrücken. 


oO 
Da aber femer Z—  —=1— ‚ und 
o+ O-1-P 
2 [0} v v Oo z 
_ = — oder = in 3 
SH 2 o+p urv utrv o+rp yt2 
p = o 0 z z 
so ıst —=-1— —_ ———t1 
Tee Tre a eye 
kurz pP u © 0 —4 
or sr urv rt 2 
und % er 


o+rp + utv -F2 


mit Worten ausgedrückt: Die Summe der Quotienten, welche 
die gegen die Seiten des Dreiecks gerichteten Stücke der 
getheilten inneren Linien im Verhältnifs zu ihren Ganzen 
ausdrücken, ist Eins; die Summe derer, welche die gegen 
die Ecken gerichteten Stücke ausdrücken, ist gleich Zwei; 


ein Satz, der durch seine Allgemeinheit — denn bisher kannte man ihn 


Ferallgemeinerung einiger Lehrsätze. 247 
5 5 5 


wohl nur beiläufig für den Fall, wenn die theilenden Linien aus den Ecken 
nach den Mitten der gegenüberliegenden Seiten gezogen sind — in seiner 
hier erwiesenen Allgemeinheit, sage ich, gewifs nicht minder merkwür- 
dig ist, als jener zuerst vorgetragene, welcher die getheilten Seiten des 
Dreiecks betraf, und die Gleichheit der Produkte je dreier abwechseln- 
der Stücke derselben aussprach. 


II. Verallgemeinerung der in der angeführten Abhandlung S.275 
und 300 gegebenen ausführlichen Zeichen der Krystall- 


flächen des sphäro&@drischen Systems. 


In jenen Zeichen gaben wir an, wieviel eine Fläche, von welcher 
bekannt ist, wieviel sie abschneidet in jeder der drei Grunddimensionen 
des Systems, d.i. in den gröfsten Octaäderdimensionen oder den auf den 
Würfelflächen senkrechten, zugleich abschneidet in jeder der sechs mitt- 
leren zwischen je zwei der vorigen, d.i. in jeder der sechs auf den Gra- 
natoederflächen senkrechten; ferner in jeder der vier kleinsten Octaäder- 
dimensionen, oder der auf den Octaederflächen senkrechten, d.i. der mitt- 
leren zwischen je drei der ersten; endlich in jeder der zwölf auf den 
Flächen des Leucitkörpers senkrechten, d.i. der mittleren zwischen den 
letzteren und den ersteren, so wie zugleich zwischen je zwei benach- 
barten der zweiten Gattung. Ob nun gleich nicht allein von allen den 
genannten fünfundzwanzig Dimensionen Rechenschaft gegeben, sondern 
auch positive und negative Werthe in ihnen unterschieden werden mufs- 
ten, so vereinigte sich doch in dem gegebenen bildlichen Zeichen die 
bestimmte Beziehung jeder möglichen Stelle im Bilde auf alles zu un- 
terscheidende in den Dimensionen mit der höchsten Einfachheit aller 
auszudrückenden Werthe und ihrem harmonischen Zusammenhang un- 
tereinander so glücklich, dafs, auch abgesehen von den mannichfaltigen 


Vortheilen, welche ein solches Bild für die Berechnung der Körper des 


248 VE TuS 46% 


sphäroedrischen Systems und ihrer Eigenschaften gewährt, ihm sein 
geometrisches Interesse für sich bleibt. Es scheint mir, dafs eben in 
diesem die Aufforderung liegt, dem Bilde die gröfstmögliche Allgemein- 
heit zu geben, und es auf die entsprechenden Werthe in allen und 
jeden erdenklichen zwischenliegenden Dimensionen auszudehnen. Dies 
gelingt in ähnlicher Einfachheit, wie sie sich schon in der ersten Gestalt 
des Bildes ankündigte; und ich erlaube mir, es hier schrittweise bis zu 
seiner allergenerellsten Gestalt fortzuführen, da jede der Stufen seiner 


Verallgemeinerung ihr eigenthümliches Interesse hat. 


Sit, 


Suchen wir fürs erste die Werthe in den zwischenliegenden Di- 
mensionen zwischen jenen sechs mittleren Octaederdimensionen und den 
drei Grunddimensionen, so sind dies solche, welche senkrecht stehen 
werden auf den Flächen der verschiedenen möglichen Pyramiden- 
würfel. Es ist klar, dafs ihre Stellen in unserm Bilde liegen müssen 
in den Seiten des Dreiecks und deren Verlängerungen, immer je zwei 
zu beiden Seiten einer solchen Stelle, wie T u.s.f., welche der 
auf der Granatoäderfläche senkrechten Dimension angehörte, d. i. 
zwischen einer solchen und den Stellen der drei Grunddimensionen oder 
ihrer Entgegengesetzten, d.i. der negativen Werthe der Grunddimen- 
sionen (deren Stellen im Bilde, in der Verlängerung im Unendlichen lie- 
gen sowohl von den Seiten des Dreiecks, als von jeder Richtung, die von 
den Stellen der drei Grunddimensionen aus irgend wohin gezogen wird). 
In den Granatoederflächen fallen je zwei Pyramidenwürfelflächen in Eine, 
und so die entsprechenden Stellen in unserm Bilde ebenfalls. 

Es sei nun die Pyramidenwürfelfläche, in deren Normalen oder 
Senkrechten die verschiedenen Werthe gesucht werden, nach einem 
allgemeinen Ausdruck = [a:3.a:a|, und irgend eine gegebene 


Fläche, deren Werthe in den auf |a:s.a:oca | senkrechten Dimen- 


sionen gesucht werden, heifse wiederum, wie wir sie früher bezeich- 


net haben |a:4-a:-;a |, so findet sich, wenn als Einheit in der neuen 


Ferallgemeinerung einiger Lehrsätze. 249 


Dimension angenommen wird die Linie im Octaeder aus dem Mittel- 

punkt nach demjenigen Punkte der Octaederkante gezogen, in welchem 

die Octaederkante von der neuen (durch den Mittelpunkt des Octaeders 
P 


gelegten) Dimension geschnitten wird, die gesuchte Gröfse als diese Ein- 


. . “oo. . . .yp + z+1 z+1 
heit multiplieirt mit einem Coeflicienten von der Form —. » 7777 
u.s.f. — man vergleiche Fig.2. — so dafs der Zähler des Bruches allen 


zu unterscheidenden achtzehn Werthen (!) gemeinschaftlich ist, der 
Nenner aber die Summe der Produkte der Divisoren in den Wer- 
then der Grunddimensionen, zwischen welchen die gesuchte liegt, der 
Divisor der ihr zunächst liegenden multiplieirt mit z, der andere mul- 
tiplieirt mit 1. Die Einheit der neuen Dimension d aber, ausgedrückt in 
der Einheit des ganzen Systems, d.i. der Grunddimension selbst, oder 
die halbe Octaederaxe = ı gesetzt, ist 


Daher, wenn man eine jede der gesuchten Gröfsen unmittelbar in der 
Einheit des Systems ausdrücken will, der gemeinschaftliche Zähler aller 
Coäflicienten, s-+ 1, nur zu vertauschen ist mit Ys’ +1; die gesuch- 


; 
ten Werthe sind also in dieser Einheit kauen, .—. u.s.f. In dem 
Bilde selbst aber werden wir, wie bisher, die Coöflicienten der neuen 
Dimensionseinheit als solche, im Zähler mit 3 + ı schreiben. 

Wird z= ı gesetzt, so haben wir offenbar die mittleren Octaeder- 
dimensionen selbst, oder die senkrechten auf den Granatoederflächen 


_ ararooa |; und je zwei Werthe, wie die oben geschriebenen, fal- 


. 2 . . . 
len zusammen in den Werth a, »d.i. inuden); welchen unser frü- 


(') Von den zwölf neuen Dimensionen sind wiederum in sechsen die der geschrie- 
benen Fläche zukommenden Werthe, an den Stellen nemlich, welche innerhalb unsers 
Dreiecks liegen, nothwendig positiv; ihre negativen sind daher im Bilde ausgeschlossen. 
In den sechs andern aber kann der geschriebenen Fläche der Werth sowohl in positivem 
als in negativem Sinne zukommen; daher hat unser Zeichen 6—+ 12, d.i. achtzehn ver- 
schiedene Stellen, welche sich auf diese Dimensionen beziehen, zu unterscheiden; und 
eben soviel wirklich correspondirende Stellen giebt es in demselben. 


Phys. Klasse 1824. Ti 


250 WiEıss: 


heres Bild für den Werth in einer mittleren Octa@derdimension, deren 
Einheit wir d nannten, angab; der Werth Vz: +ı wird = V2, wie 
dies die Gröfse war, welche den Zählern der Coeflicienten der mittle- 
ren Octaederdimensionen substituirt werden konnte, um diese Coefh- 
cienten in die absoluten Werthe, wenn die Grunddimension = ı ge- 
setzt ist, überzutragen. 

In der Fig. 2. sind die achtzehn verschiedenen Werthe, welche einer 


n 


und derselben Fläche la :-a:%a| in den verschiedenen Richtungen 


zukommen, die senkrecht sind auf la 12.0 2:00 ar) illzsariar2oo ar 


L = Z 
ooa'.2.a”, ar] 5 


[© ars Zur 


[a:000* 2% a| s E sa ae 


ferner auf la’ —2.a" 2004” — 2.a.3a":0a”| u.s.f., die letztere 


positiv oder negativ genommen, an den entsprechenden Stellen in den 
Seiten des Dreiecks und deren Verlängerungen geschrieben. 

Der Beweis für die Richtigkeit des Schema’s ist dieser: 

Es sei in Fig.3. C der Mittelpunkt unsrer Construcuon ; Ca und Cb 
zwei halbe Axen des Octaeders, also ab die Kante des Octaeders, dessen 
Mittelpunkt C ist. Es sei C(f=z.Cb=z. Ca, also aF der Durch- 
schnitt einer Fläche | 4:3.0:0 a| mit der Ebne Cab; so ist Ct, aus 
© senkrecht auf aF, zugleich senkrecht auf der Ebne |a:z.a:wa |, 
also eine der auf den Flächen des Pyramidenwürfels la:z ! a:coa| 


senkrechten Dimensionen. Wir fragen zuerst: in welchem Punkte o 


schneidet diese Dimension die Octaederkante ab? und welches ist der 
Werth von Co, d.ı. der Einheit dieser neuen Dimension für das Octae- 


der, dessen halbe Axe Ca—=ı? So haben wir at:tF=a’: a =ıi:!z 


und nach unserm Lehrsatz 


2 


a0rH0b =rat SCH" tR" 3 Ch =AT Z2ERIEIZH NZ 


a:ob=A:zZ 


wodurch der Punkt o bestimmt ist. 


zZ 1 
nd UT ab 
z+1 a z+1 f 


1 3 A 
Sr Ca, und io = re Ca; folglich 


So wie nun od —= 


S 


so ist auch Ch = 


V erallgemeinerung einiger Lehrsätze. 251 


Co = V(Ch)’ + (ho = \ ) + 


Die Einheit der neuen Dimension ist also im Octaeder = ——_, 


2-1 z +1 


wie wir oben sagten. 

Es sei nun eine Fläche gegeben = EEE] mit beliebigen 
Werthen in den drei Grunddimensionen ; ihr Werth in Ca sei — Ca; 
in Cb, — Cb. Wir legen sie durch den Endpunkt a der ersteren, so 
dafs ag ihr Durchschnitt mit der Ebne Cab ist; so ist Cg = - Cb, 

(\ ——) Cb= _— Cb, also Cg:gb=m:in— m und wir ha- 
ben nach unserm Lehrsaze o:o+p=f(a+b):ea +f(a+b) 
in Fig.3., Cr: Co=(Cg.ab:gb.aa+lg.d= 

vr. (+1)! (n—m)ı Hm (s+1)=m(zs+1)in.ı+-m.z 


ee m (z-+1) 0 


U nirm.2 


Aber Cr ist der Werth in der Dimension Co, welcher der Fläche 


m 


ja: -a:”a|, d.i. der obengenannten Fläche, durch den Endpunkt 


des ersten a in der Einheit gelegt, zukommt; der entsprechende Werth 


=... Rs SU BEUTE ng et ee 
für die Fläche aa | also-.ist ul Ch 77, 5.00: 


Mit z ıst, wie wir sehen, im Nenner des Bruchs der Divisor 


desjenigen a der gegebenen Fläche | -.a: za:zal zu multipliciren, 
welches in der Fläche |a:z.a:ooa | in der Einheit angenommen wurde, 
und senkrecht war auf dem, worin die letztere mit s.a genommen 


wurde; mit ı umgekehrt der Divisor desjenigen, welches für die Fläche 
r . 
|a:z.a:ooa | als s.a genommen wurde, und senkrecht war auf jenem, 


in welchem für sie 1.4 genommen war. 


5 

Setzen wir nun für unser Schema, Fig. 2. in der Formel des 
ET s-+1 “ es Ten . 
Coefheienten — ,, z für m, ı, für z unverändert z, d.i. statt der 


Form EB aa) a | unser gepehnlunge: Zeichen |a: a de a:-ta| (also 


n' für nn. ‚ so wird der Ooeflicient = —_, , wie an der Stelle unsres 


Schema, welcher die Pyramidenwürfeltläche [e:z.a:@a] entspricht, 


. .. . . . 1 
der in dem ersten a, 1a, während ihr in der Richtung des —- a, 2.a zu- 
kommt. Wir unterscheiden also die drei a, so ist für den gegenwärtigen 


li 2 


252 Weıss: 


Fall der gefundene Coeflicient der, welcher der Fläche | a:.-ar: ra 


der Richtung senkrecht auf a,2.a"200a“| zukommt. 


Setzen wir es in dem allgemeinen Coeflicienten für m, das n 


unsrer Fläche arma:za :-a|, und für 2, 1, so wird der Coöflicient 


z+1 z+1 
1+nz nz+1? 
a ae mit s.a im ersten a, und mit 1.a im zweiten unsrer 


wie an Mcpeenpe Stelle unsers Schema’s, welche der Pyra- 


zukommende. 


Setzen wir für m wiederum z, und für z unser rn’, so haben 


WE rETZ 
der Richtung senkrecht auf |wa':ar:z. 


unser z', für n ungeändert z, so erhalten wir 


und dieser Coeflicient gehört der Fläche le: Larıd | in 


. Oder setzen wir für m 
als den Coefli- 
cienten für die Fläche [«: —ar:—a=| in der Richtung senkrecht auf 


a 


s+i 
N"zs+n? 


.n fo) 


[oa:2. arzar|. Man sieht diese Werthe in unserm Schema an den 


correspondirenden Stellen. 


Ist die Rede von einer Dimension, senkrecht auf der Fläche 


[= e:r3 . ar 000] und dem Werthe, welcher der gegebnen Fläche 


“| in dieser Dimension zukommt, so wird s mit dem Di- 
visor des ersten a im letzteren Zeichen, d.i. mit 1, das z oder der Di- 


visor des zweiten za aber mit — ı zu multipliciren sein. Im Coeflicienten 
z+1 


n.itm. 
er: die Rede von der Dimension senkrecht auf I- 3.a1a" 10a” 2]; 


. . z-#+1 
wird also z.ı zu —n, und m.z zuz; er wird also zu ——,- 


so ist — z mit n zu multpliciren oder im allgemeinen Coflicienten für 
mz zu setzen —nz, für n.ı aber 1. Der Coäflicient also, der für die Fläche 
gilt, 


=] in der Richtung senkrecht auf 


- +1 
IS = —e 


1.722 


Da die beiden Gröfsen s—n und 1 —nz negativ sein können, d.i. 


die Werthe der Fläche [a tar: a“| in den Dimensionen senkrecht 


.n ‘n 


auf I a 12" 200 a| oder = z.a’zartooa| in umgekehrten Richtun- 


gen Statt finden können, so unterscheidet unser Schema, wie das frü- 


here, diese umgekehrte Lage eines solchen Werthes durch die dersel- 


Ferallgemeinerung einiger Lehrsätze. 253 


ben Dimension auf der Verlängerung einer Seite des Dreiecks nach ent- 
gegengesetzter Richtung zukommenden zwei entgegengesetzten Stellen ; 
an der einen ist der Divisor des Co£flicienten der oben geschriebene, an 
der andern sein entgegengesetzter n—z oder ns—ı. Der erstere, d.i. 
der oben geschriebene, wird der Seite angehören, wo das erste a posi- 
tiven Werth hat, der umgekehrte der, wo das erste a im negativen 
Werthe genommen ist, oder deren Stellen Richtungen bezeichnen, 
welche zwischen dem zweiten a im positiven Sinne, und dem Nega- 
tiven des ersten liegen. 

Dieselben Betrachtungen, welche anstatt der für die einzelnen 
Fälle angepafsten geometrischen Constructionen dienen, wiederholen 
sich in Bezug auf alle übrigen Stellen, die unser Schema in den Sei- 
ten des Dreiecks und ihren Verlängerungen angiebt. Die gegenseitige 
Lage je zweier Stellen für die zwischen denselben zwei Grunddimen- 
sionen liegenden, je nachdem nemlich eine bestimmte von beiden der 
einen Grunddimension näher liegt, oder der andern, entspricht der 
Lage der Dimensionen im Raume selbst unter der Voraussetzung, dafs 
z>1ı. Nähme man 3s<ı, so würden die entsprechenden Stellen mit 
ihren Coöflicienten ihre Lage je zwei vertauschen, so wie in dem Fall 


3=1 sie je zwei in Eins zusammen fallen. 


Sr 2, 

Die Flächen der Pyramidenwürfel gehören bekanntlich der Kan- 
tenzone des Würfels. Wir wenden uns jetzt zur Entwicklung der 
Werthe, welche der Fläche |a:-a:7a| in solchen Richtungen zukom- 
men, welche senkrecht sind auf Flächen aus der Hauptzone des Octae- 
ders, d.i. der Ecken- oder Diagonalzone des Würfels. 

Es werden also die jetzt zu untersuchenden Dimensionen senkrecht 
sein auf den Flächen der Leucitoide mit Inbegriff des Leucitoeders, 
oder auf den Flächen der Pyramiden-ÖOctaeder, je nachdem sie 
liegen zwischen den Grunddimensionen und einer kleinsten Octaeder- 


dimension, oder zwischen einer kleinsten und einer mittleren, die auf 


254 WE vsis: 


ihnen senkrechten Flächen also zwischen einer Würfelfläche und Octae- 
derfläche, oder zwischen einer Octaeder- und Granatoederfläche. Die all- 
gemeine Eigenschaft einer Fläche aus der Hauptzone des Octaeders ist, 
dafs in zwei unsrer Grunddimensionen ihr gleiche Werthe zukommen, 
was wir im allgemeinen ausdrücken können mit der Form |z.a!z.a:a|. 
Ist 3>ı, so haben wir Leucitoidflächen; ist 3< ı, Pyramidenoctae- 
derflächen. Der Fall z= ı ist der des Octaeders selbst, als die Mitte 
zwischen jenen beiden Abtheilungen. Die Grenzglieder wären 3= ®, 
d.i. die Würfelfläche, oder z= . die Granatoederfläche. So war 
im vorigen die allgemeine Eigenschaft einer Pyramidenwürfelfläche 
[a:3.a:00a der Parallelismus mit einer der Grunddimensionen, oder © 
als Coöflicient von einer derselben; die Mitte z=ı war der Fall des 
Granatoeders, die beiden Endglieder z=® und s=o beidemal der 
Fall des Würfels; und man wird nicht allein auch diese Grenzfälle in 
den Formeln unsers Schema’s mit begriffen, sondern auch bei der nä- 
hern Vergleichung bestätigt finden, was wir vorhin von dem Tausch 
der Stellen sagten, wenn z, was wir >ı annehmen, <ı gesetzt wird. 
Die Fig. 2. enthält neben den vorigen Werthen zugleich die 
(21) neuen, welche einer Fläche [a:5a:% a in den zwölf gleichar- 
tigen Dimensionen senkrecht auf beliebigen Flächen der Hauptzone des 
Octaeders zukommen, drei derselben innerhalb des Dreiecks, deren ne- 
gave Werthe ausgeschlossen sind, wenn die Werthe in den Grund- 
dimensionen positiv gegeben waren, die neun übrigen mit den negativen 
Werthen derselben, wie bald die einen, bald die andern der Fläche 
le:ta:Ha] zugehören können, an entsprechenden, sich entgegenge- 
setzten Stellen aufserhalb des Dreiecks in den sechs, durch die verlänger- 
ten Seiten gesonderten Räumen. Die einundzwanzig neuen Werthe sind 
sogleich kenntlich durch ihren gemeinschaftlichen Zähler z-+ 2, welcher 
sie wieder, wie die vorigen der Zähler z-+ 1, auszeichnet. Die Stellen, 
die wir ihnen geben, entsprechen wieder der Vorausseszung z> 1 in der 


Fläche |z.a:z.a:a|, in deren Normalen die der Fläche [a:+ai Ta 


Ar: 


zugehörigen Stücke bestimmt werden sollen; und so entspricht diese 


Feerallgemeinerung einiger Lehrsätze. 255 


Voraussetzung dem Fall, dafs es Leucitoide sind, denen die Flächen 
2.a:2 .aral angehören; es sind daher die nemlichen Stellen, die wir 


für die Werthe in den Richtungen senkrecht auf den Flächen des Leu- 


] 
| 


früheren Abhandlung, 8.300. mit den Coeflicienten bezeichnet haben, 


citoeders selbst, d.i. auf den Flächen |24:24:a in dem Schema der 
welche den gemeinschaftlichen Zähler 4 hatten. Wenn == ı wird, so 
ist es die Octaederfläche |a:a:a', von deren Normalen die Rede ist; 
der Coeflicient bekommt zum Zähler 3, wie in den früheren Schemen 
die Coeflicienten der auf den ÖOctaederflächen senkrechten, d. i. der 
kleinsten Octa@derdimensionen; und je drei unserer neuen Coeflicienten 
mit den Zählern s-+ 2 fallen dann in Eins zusammen. 

Wird 2<ı, sind es also Pyramidenoctaöderflächen, in deren 


n 


Normalen die der Fläche |a:-a:-ra| zugehörigen Stücke bestimmt 
werden sollen, so rückt die in dem Schema einer jeden derselben ge- 
bührende Stelle über den Punkt, wo je drei zusammenfielen, nach der 
entgegengesetzten Seite hinüber, und die drei innerhalb des Dreiecks z.B. 
liegenden Werthe bilden in demselben ein umgekehrtes, mit den Spitzen 
gegen die Seiten des grofsen gerichtetes Dreieck, statt dafs in unserm 
Schema es ein gleichförmig in das grofse eingeschriebenes Dreieck ist, 
welches ihre Stellen unter sich bilden. Von je dreien m einem Aus- 
schnitt aufserhalb des Dreiecks geschriebenen Co&flicienten mit den Zäh- 
lern z3-+ 2 gilt ganz das analoge; sie fallen auch je drei in Einen Punkt 
und Einen Werth zusammen), wenn 3= 1 ist, und treten in entgegen- 
gesetzten Richtungen wieder auseinander, wenn z< 1 wird. 

In den Nennern der Coeflicienten sieht man im Schema auch die 
gewohnte Einfachheit, und zwar mit z immer den Divisor derjenigen 
Grunddimension für la: a: + a| multiplicirt, welche dem geschriebenen 
Coeflicienten am nächsten liegt, “die beiden andern Divisoren unverän- 
dert oder mit 1 multuplicirt; die Summe der so multiplicirten Divisoren 
aber macht den Nenner des Coeflicienten aus. Die grölseren Ausschnitte 
haben zu ihren Grenzen zwei Grunddimensionen in den positiven Wer- 


then des Dreiecks, die dritte im negativen Werth, die Grenze des Aus- 


256 WE tus»s: 


schnitts im Unendlichen bildend. Die kleineren Ausschnitte haben zu ih- 
ren Grenzen eine der Grunddimensionen des Dreiecks in positivem Sinn, 
beide andre im negativen in den Verlängerungen der einschliefsenden Sei- 
ten im Unendlichen liegend. Welche Grunddimensionen zur Bildung des 
einen oder des andern Ausschnittes in negativem Werthe concurriren, 
diese gehen überall in demselben negativen Werthe auch in den Nenner 
des Coöflicienten ein, multiplicirt, wie vorhin, mit denselben Factoren. 

Die Einheit in der neuen Dimension, womit die Coeflicienten 
sammt und sonders wieder zu multipliciren sind, ist abermals die dem 
Octaöder zukommende, also die Linie aus dem Mittelpunkt des Octae- 
ders nach demjenigen Punkte der Oberfläche des Octaeders gezogen, in 
welchem dieselbe von der neuen Dimension geschnitten wird. Diese 
Linie A, ausgedrückt in der Einheit des ganzen Systems, d.i. die halbe 
Octaöderaxe — ı gesetzt, erhält den Ausdruck 


und so verwandeln sich wiederum alle neuen Co£flicienten in ihre wah- 
ren Werthe, die halbe Octa@deraxe = ı, wenn statt ihrer gemeinschaft- 
lichen Zähler s-+2 gesetzt wird Vz’+2. In dem Schema für die auf 
den Leucitflächen senkrechten Dimensionen (wos=2) war der so in die 
absoluten Werthe übersetzte gemeinschaftliche Zähler VY2?’+2=V6, und 
die Einheit in der entsprechenden Octa@derdimension war en = YV — 

Wir ziehen es indefs wiederum vor, in dem Schema die Coefi- 
cienten als solche zu schreiben, da 3-+2 für diesen Zweck ein kür- 
zerer und bequemerer Werth ist als Vei-2. 

Der Beweis für die Richtigkeit der angegebnen Werthe ist wie- 
der eben so einfach als im vorigen Fall. 

Es sei in Cad, Fig. 4. Ca eine Linie aus dem Mittelpunkt C un- 
srer Construction oder des Octaeders nach der Ecke desselben, also Ca = 
einer halben Octaederıxe =a = 1; d sei die Mitte einer Octaederkante, 
welche die Endpunkte der beiden andern Grunddimensionen a verbindet; 
alo cCd= =7 = V+; so wird eine Fläche [3.@:3.a:a durch aF* 


V erallgemeinerung einiger Lehrsätze. 257 


gehen, wenn FC =z.Cd, Cd aber die zwischen z.a und z.a liegende 
mittlere Octaederdimension ist. Die Linie Ct senkrecht auf aF gezo- 
gen, steht dann auch senkrecht auf der Fläche [3 .arz.a:ra\. Wir setzen 


wieder die erste Frage: welches ist der Punkt o in der Octaederdiago- 


nale ad, in welchem die letztere von der auf senkrech- 
ten Ct geschnitten wird? ferner: welches ist der Werth von (ode 
der Einheit in dieser Octa@derdimension? So ist fürs erste 
at, IF = (Ca): (CF =ı: =2:7° 
ferner Cd: CR =1!z 
und nach unserm Lehrsatz o:p=!(a+b): kb 
aozod=at. CR:iBP.CD=2.z2:3 .1=232 


also die Octa@derdiagonale getheilt im Verhältnifs 2: z 


And 08 aa air) 4 


also die Einheit der neuen Dimension, wie oben gesagt war, = — — —— 


Nun nehmen wir wieder statt der Fläche |a:+a: --a| einen noch 


allgemeineren Ausdruck e ne a| ‚ so dafs ihr in der Richtung 


. 1 . . 
Ca der Fig.4. — & zukomme. Wir legen sie durch den Endpunkt a 
der Linie Ca, d.i. wir nehmen sie in den Abständen vom Mittelpunkt 


= la: ”=a:”=a|, so kommt ihrem Durchschnitt ag mit der Ebne Cad 
= 2m 


der Werth Cg = IF Cd in der mittleren Octaederdimension Cd zu, 


wie aus dem früheren Schema einleuchtet; und 


2zm 2m 
Ceide= a =2ım!in+p— 2m. 


n+p n+p 


Gesucht wird nun zunächst, wenn r der Durchschnitt von ag 
mit Ct ist, das Verhältnifs von Cr zu Co. Dieses giebt nach unserm 
Lehrsatz die Formel 

0:0o+p=fla+b):ea + f(a+b) 

Demnach Cr :Co=Cg.ad:dge.aoo + Clg.ad = 

2m (s+2) : (n+p— 2m) 2 + 2m (+2) =m(z+#2)!n+p+mz 


m (+2) 
n+-p+tmz 


Phys. Klasse 1824. | Kk 


also Cr = 


258 Weiss: 


|—a:-a:ta in der Dimension Ct 


1 
m 


Nun aber kommt der Fläche 


z2+2 
n+p + mz 
Mit z wird im Nenner des Üoeflicienten, wie man sieht, der Divi- 


. 1 4 . 
nicht Cr, sondern — Cr, d.i. 


sor derjenigen Grunddimension der Fläche | —a:-+a:-+a | muluplicirt 
J ° m rn pP P ’ 


welche in gleicher Richtung genommen wurde mit der des ıa im Zeichen 


der Fläche | z.a:z.atra \, Schreiben wir also mit Unterscheidung der a 


die erstere | a: Zar: ar), so ist es. die Fläche E ara arzt] oder 


[e:2.0”:3.a] ‚in deren Normale ihr der Werth _—2*+?__ Co zu- 
n =+D. + mz 


kommt. Und damit werden wir wieder die Regel der Entwickelung 


sämmtlicher Coäflicienten für den Werth der Fläche | anthansıh a | 


Mr 


in den Richtungen senkrecht auf [a zur ze =]: auf E .asarız.a 


rn F 
E 12 ‚ariar| i |=@:2.ar:2.a| u.s.f. haben, ohne der speciellen 


schiedenen Combinationen zu bedürfen. 


Genauer ausgedrückt, würde indefs die Regel diese sein: Wir 


haben uns beide Flächen vorzustellen unter der Form + ara a] 


und = a? ar: ar| u.s.f., d.i.alle Dimensionsgröfsen unter der Form 


eines Bruches mit dem Zähler 1 geschrieben; so ist der Nenner des 
CGoefficienten die Summe der Produkte der beiderlei Nen- 
ner der gleichliegenden Dimensionen in den geschriebenen 
Flächen, mit dem Zeichen + oder —, als ebenfalls dem Pro- 
dukte der Zeichen der nemlichen Dimensionen; der Zähler 


des Go&fficienten aber ist die Summe der Nenner der dreier- 


lei Dimensionen der Fläche + 2:4 ar2.0= |-4(t): 


Es ist also der Coeflicient für Bine se] in der Richtung 


= _—2+2_; denn es. ist das obige m =, 
ztntn 


senkrecht auf | SET 7 AR SRRN 7 Faasl 


n=n, p=n gesetzt. 


(') So ausgedrückt, umfafst auch die Regel den früheren Fall für die Dimensionen 
senkrecht auf den Pyramidenwürfelflächen; denn diese haben wir uns zu denken unter 
-|, so ist wieder der Zähler des Coefhicienten =s+1+1= 


der Form 
z2+1, und der Nenner =z.1+1.n +1." =s+n. usf. 


Ferallgemeinerung einiger Lehrsätze. 259 


In der Richtung senkrecht auf EREE zu» ısuer = —_ 


denn es ist statt des obigen m zu selzen n, statt z und p, rn’ und ı. 


d Var) z-+2 
In der Richtung senkrecht auf Il2.0:z .arıa|ister = 


nz+n-+ıi ? 


denn stalt m ist zu setzen n’, statt z und p, rn und ı. 


. r . ea 
In der Richtung senkrecht auf a: 2.ar:2.ar-| ist der Coeflicient = 


z+2 . . . 2 
7a yuweillim der allgemeinen Formel desselben m zu ı geworden, 
sein Produkt mit z aber mit dem Zeichen — zu versehen ist, welches 
aus der Multiplication der Zeichen + und — hervorgeht, für z und p 


aber, n und n’ gesetzt ist. 
Wird dieser Coöflicient negativ, so gilt er in der umgekehrten 


tichtung, d.i. in der nemlichen Dimension, vom Mittelpunkt aus gerich- 


tet gegen eine Fläche [e: 2 .—ar2.—ar| = = a’ ‚—arı—ar|, welches 
Zeichen den Ooeflicienten giebt —= zu ‚ da jetzt auch m zu 1, und z 
z— nn 


und > zu z und n’ geworden, aber die beiden letzteren das Zeichen —, 
als das Produkt von + mit — tragen, während das Produkt ms = 1.3 
das Zeichen +, als das Produkt von + mit + behält. 

Unser Schema zeigt beide umgekehrte Werthe des Üoöflicienten 
an den entsprechenden Stellen, nemlich den ersten in dem Ausschnitt 
zwischen a“, a und — a‘, den zweiten in dem entgegengesetzten zwi- 
schen «, — ar und — a. 


Auf gleiche Weise ergiebt sich der Goöflicient in der Richtung 


=2+2 
senkrecht auf — 3. imi2.ar] — | = wi Zara als =, und 
8 | a = J Oinzen—ı 
für die umgekehrte Richtung gegen |«:—-a":—a| senkrecht, als 
5 s ses Z 
z+2 

ı— nz A F 

Eben so in der Richtung senkrecht auf |—3.«:2.ar!Yar| = 

° N 

| P 3 . \Lefp.: s+2 r zen 
— arsarız a] wird der Coöflieient „5 ;,, 7 ; der umgekehrte in deı 


[ef gene Aue en R z+2 
gegen |a:—ari— za | senkrechten, — I. . 


Und so alle übrige der Ordnung nach, wie sie im Schema Fig.?. 


nach der Voraussetzung 3 > 1 gestellt sind. 


260 WE tısıs; 


8. 3. 


Wir geben endlich unserm Schema die gröfseste Allgemeinheit, 
indem wir angeben, wie eine Fläche PETER jede andre Art von 
Dimensionen schneidet, senkrecht auf Flächen, die weder in der Haupt- 
zone des Octaäders, noch in der Kantenzone des Würfels liegen, also 
weder Leucitoidflächen noch Pyramidenoctaeder-, noch Pyramidenwür- 
felllächen angehören, sondern den Sechsmalachtlächnern oder Hexakis- 
oclaödern, welches bekanntlich die allgemeinste Form der von gleichar- 
tigen Flächen begrenzten Körper des sphäro@drischen Systems war, die 
gleicharugen vollzählig, und in der Begrenzung des Körpers im Gleich- 
gewicht unter sich genommen. 

Wir geben der beliebigen Fläche des Systems, in deren Normale 
der einer Fläche |a:-a:—a| zukommende Werth allgemein bestimmt 


L n 


werden soll, den Ausdruck la 0 za] ; sie wird einen Sechsmalacht- 
flächner geben, wenn y und z endliche Gröfsen, verschieden von einan- 
der und verschieden von 1 sind. Fällt eine oder mehrere dieser Bedin- 
gungen weg, so reducirt sich der Sechsmalachtflächner auf einen der 
durch das Zusammenfallen mehrerer Flächen entstehenden Körper mit 
vierundzwanzig, zwölf, acht oder sechs Flächen. 

Das Maximum der Anzahl gleichartiger Dimensionen isı also 24, 
in welchen wieder entgegengeselzte Richtungen oder Hälften zu unter- 
scheiden sind. Die entgegengesetzten von sechs werden wieder von den 
Werthen, welche einer Fläche [e:# a:zra| zukommen können, ausge- 
schlossen, nemlich von denen, welche gegen Flächen gekehrt sind, in 
deren Zeichen |a: a: 4 a| die Werthe von a in gleichem positivem 
Sinn verstanden sind, wie für die Fläche it wa]: Diese sechs je- 
derzeit in positivem Sinne der letzteren Fläche zugehörigen Werthe in 
sechs der zu untersuchenden Dimensionen zeigt unser Schema innerhalb 
des Dreiecks; von den übrigen achtzehn gleichartigen Dimensionen kön- 
nen der Fläche ja :a:zra) Werthe bald in positivem bald in negativem 
Sinn zukommen. Die sechsunddreifsig daraus entspringenden Gröfsen ver- 


theilen sich je sechs in die sechs Ausschnitte aufserhalb des Dreiecks, und 


Ferallgemeinerung einiger Lehrsätze. 261 


folgen in der Lage ihrer Stellen einer eben so festen Ordnung im Schema, 
wie die zu unterscheidenden Dimensionen mit ihren entgegengesetzten Rich- 
tungen im Raume selbst. Unser Schema besitzt also wieder zweiundvierzig 
für die zu unterscheidenden zweiundvierzig Werthe geeignete Stellen; es 
sind im allgemeinen die Räume zwischen je drei benachbarten, einer klein- 
sten, einer mittleren und einer gröfsten Octa@derdimension, so wie die 
neuen Dimensionen zwischen je drei solchen liegen. Die Formeln für 
die verschiedenen Coeflicienten sind, wie die Fig. 5. sie darstellt, in der 
That von ähnlicher Einfachheit, wie die vorigen; ja aus der vorhin aus- 
gesprochenen Regel fliefsen sie wirklich sammt und sonders. Die Zähler 
sind wieder allen gemeinschaftlich =y + 3+ ı = der Summe der Nen- 
ner in den als Brüche mit dem Zähler 1 geschriebenen dreierlei Werthen 
in den Grunddimensionen für die Fläche la: Farga ; die Nenner sind 


die Summen der Produkte der Nenner von den Werthen der beiderlei 


nach derselben Regel geschriebenen Flächen la: +a:a] und le: va:za| 


in denselben Grunddimensionen, die zugehörigen positiven oder negativen 
Zeichen gleichfalls mit einander multiplicirt, und das daraus sich erge- 
bende Zeichen, dem Produkt zu welchem sie gehören, beigefügt. Wenn 


also die beiden so eben geschriebenen Flächen in gleicher Folge der a 
a = . a +2 

zu verstehen sind, so ist der Coöffeienn — = u. s. f. 

nytnz+1 


Die Einheit 4%, in der neuen Dimension aber, wiederum am Octae- 


der als die Linie aus dem Mittelpunkt nach demjenigen Punkt der Ober- 
fläche gezogen, in welchem dieselbe von der auf ja: a: za senkrech- 
ten Richtung geschnitten wird, findet sich in der Einheit derselben Oc- 


tacderaxe wiederum ausgedrückt 


so dafs abermals der Coöflicient, wenn sein gemeinschafllicher Zähler 
Y+z-+1mit VYy°+ 3° + ı vertauscht wird, in den absoluten Werth 
der zu bezeichnenden Gröfse in der allgemeinen Einheit des Systemes 


übergetragen ist. 


262 WE Iusi$: 


Es wird jedoch nöthig sein, von der Richtigkeit der oben ausge- 
sprochenen Formeln noch besondere Rechenschaft zu geben. 

Es sei also in Fig. 6. Y=z CA=T 0; CGG=—CB=—a, 
und Yz die Linie, welche einer Fläche a:—a:za| in der Ebne C4B 
zukommt, wenn sie in der auf dieser Ebne in C (als dem Mittelpunkt 
der Construction) senkrechten Richtung durch einen Punkt geht, der um 
ıa von C absteht, während CA und CB die beiden andern Grunddi- 
mensionen a,a, folglich 43 eine Octaederkante bezeichnet. Wir fällen 


das Perpendikel Cp aus C senkrecht auf yz, und verlängern es, bis es 


die Octaederkante 4B in D schneidet; so wird in einer durch CpyD und 


OC aber die auf CAB in C senkrechte Grunddimension a ist, so wird 
Op der Durchschnitt von [ara] mit OCD, OD aber eine von O 
nach D in der Octaederfläche 4BO gezogene Linie sein; und das Per- 
pendikel Ct aus C auf Op, verlängert nach F', als dem Durchschnitt 
mit OD, wird die auf [a:$a:za senkrechte Dimension, und CF die 
Einheit derselben für das Octaeder sein, dessen halbe Axe = OC ist. 

Um zuvörderst den Punkt D, oder das Verhältnifs +D: DB in 
der durch CpD getheilten Octaöderkante zu kennen, ziehen wir in Fig. 6. 
aus 4 die Linie 4 parallel mit y3; sie schneide die Linie CD in v; 
soist C$ = CB, oder C$:CB=y:z; ferner 


Ares para (Cr), (C 2)’ = ZZ pi ya 
und nach der Formel a:b = uf :v(e+f) ıst 
ADEDB=4r,.08:73.Ch=z yıye—=2:r = Cy.Ca 


ferner ist nach der Formel 0o:0o+p=f(a+b):ea+f(a+b) 
Cr: CD=C3.4B:3B.AD+C3.1B=y(y+2):@—_Y)z+70+2) = 
+3) :2’+y° 


Ferallgemeinerung einiger Lehrsätze. 263 


mithin Cop: CD=y+z:y’+3=° 


2 a 


CGp: = 


Y 
. Y2 Vs 3+ ei 


Daher ist CD, in der Einheit der Grunddimension a ausgedrückt, 


N #3? aly? +2? 
Pi y+z = y+2 


Suchen wir jetzt in Fig. 7. den Punkt 7 in der Linie OD auf der Octaeder- 
fläche BO, so ist fürs erste 
OBERE KLCOF(CH Fe an =y’+2”:1 

und nach der Formel a: =z(i+k):yi, oder bYa=yi:z(i+k) ist 
OF: FD=0tCp: 1%: CD=(’FE) (HZ) HE) +2321 
und suchen wir die Einheit der neuen Octa@äderdimension CF, so ist 
nach der Formel 0:0o +p=il(a+b): kb + (a+b) 

Ci: CR =Cp,OD:PD: ORFCp. OD= 


a N aA 


HS +1! (WHY ts HtieyHsHiiy’ rs Ht 
also cCRaedAFErrt oe; 
y+z-+1 
a 
a. —— - 
Keen nennen nr 
V (C0)?+(Cp)? h.o a? Vy?+2°’+1 
een 


folglich die Einheit in der neuen Öctaederdimension CF oder %, wie 


oben angeführt war, e——— 
CR _ aVy"+z2’+1 


Wir suchen aber nunmehr den Werth Cx Fig.9, welchen eine 
durch Os gebende Fläche la:0:&% von der Richtung CF, von C 
aus gemessen, abschneidet. Wir substituiren dieser Fläche, um das all- 
gemeinere Gesetz jenes Werthes deutlicher zu machen, den noch allge- 
meineren Ausdruck | 4a: a: Zara za ‚ so dafs wir das z: a derselben in 

. a 


der Richtung des ıa der Fläche also in der Richtung 


’ 


264 Weiss: 

CO, das — a in der Richtung des — a, also in CA, Fig.6 und S., und 
das ——a in der Richtung des — a, d.i. in CB, Fig. 6 und 8. nehmen. 
Wir legen die Fläche ] durch den Endpunkt O der ersten 
Grunddimension CO, also in die Lage la: 2a: za] ‚ so wird sie von 
den Linien C4/ und CB, Fig. 8. Stücke abschneiden 


1 =, SE 
irn lt. mi 


Cra=-# CA und Cm= CB. 
n m 


Der Durchschnitt der Linie am mit CD, welches die vorige Bedeutung 
behält, sei s. Wir ziehen 4g parallel mit nm; der Durchschnitt von 49 
. . . n n 
mit CD sei u; so ist C(q = uk Cm= —- CB,"und 
n 


n 
Da en Nun m Sn 
cq 7 nı m 


ferner ist nach der Formel 0:0o+p=f(a+b):ea+ f(a+b) 


Cu: CD= Cg.4B:qgB.AD+ Cq. AB=n(y+2):(m—n) s+n (Jy+3)= 
n(y+2):ms+ny 


also Cu= 2UFE9) CD 
mz + ny 

Aber ER re 2 are en 45; 
n ny+ mz 


Wenn nun in Fig.9. Cs: CD=p(y+2)!ny-+mz, oder 
Cs:sD=p(y+2)!ny+mz—p(y+z), so ist 
nach der Formel 0:o +p=i(a+b) kb + i(a-+b) 
G22. ER —=608.0D,.SD20PrC8 „OD= 
Por+2) Gr2E+H):(ay+mz=pr-p2, NH) FO +) ++) = 
p(y+z+1)inytmz+p.1 


also Cx = PIE CF 
nyt mz+p.1 


Aber Cx war das Stück, das auf CF durch |a: a: }-a| abgeschnitten 


wurde; folglich ist das Stück, welches durch |; arta:ha| abge- 
schnitten wird, 


Ferallgemeinerung einiger Lehrsätze. 265 


Fer u en.) 
1 +2-+1 aVy+z2’#1 Vy? #2’ +1 
EN En A a TE a 
p nytH-mz-+-p.i nytmz—+p.i nyH-mz-t-p.i 

wenn a = ı gesetzt wird. 


: % au. DT Y+z+1 
So sehen wir also wiederum, dafs in dem Coeflieienten EEG 


der Zähler die Summe der Nenner ist von den einzelnen \Verthen in 


‚ während der Nenner des Coäflicienten die Summe ist 


1 .1 4 £ 
[+a:ta: LU 


von den Produkten der Nenner in den Ausdrücken beider Flächen 
I 


1 Fe a] [ra a] : EN i - 
+ arzyarza| und Izaimaimal, jede so geschrieben, dafs die 


Dimensionswerthe Brüche sind mit dem Zähler 1, nnd je zwei Nenner 
mit einander multiplieirt, welche den in gleicher Richtung genommenen 
Dimensionswerthen der beiderlei Flächen zukommen. Fügen wir noch 
hinzu, dafs diese Nenner zugleich die positiven oder negativen Zeichen 
der Dimersionswerthe wagen, denen sie angehören, so haben wir die Re- 
gel für die Bildung der sämmulichen zweiundvierzig Coeflicienten, welche 
wieder nur die verschiedenen möglichen Combinationen von nz, m, p, mit 
1,7, z enthalten und, wie immer, erschöpfen. 

Kehren wir also zurück zu unserm von Anfang gewählten Aus- 


druck einer Fläche ara 4; a |, setzen wir sie an die Stelle der vo- 


. | VE ET gs . . . . . 
rigen | a: ta: a| und unterscheiden wir ihre verschiednen a, die 
sie bald mit den einen, bald mit den andern a einer Fläche la ara 
in gemeinschaftlicher Richtung hat, so ist für Ez u ara in der 


. r . . . . . 
Richtung senkrecht auf a! ar: a, % als Einheit dieser Dimension 
genommen, der Co£fieient = —I*7*! _; denn es wurde für p, 1, 
be) ny+nz+1.i 3 
für m, n’ gesetzt, n aber in der vorigen Bedeutung des allgemeinen Co&f- 


ficienten gelassen. 


So wird für [« Zar ia | in der Richtung senkrecht auf 


DE NEE .ıy . + - Arr 
[e:z 9:7 a) der Coeiheient, FH : denn z steht für m, 
ea J nztnyHti.ı ’ 


r'-für n,- +. für ;p. 


. .. er 1 . . 
So wird ferner für [e:+ar: ar, im der Richtung senkrecht 


nr 


a nl an 
auf | yazarı zar| der Coäficin = - BES ER ÄR 
in der senkrecht auf | Ja: Zarzar | wird er — y+3+i 


1.y+tns+n.ıi 


Phys. Klasse 1824. L1 


266 WeEıss: 


> ee la SE EZ Fe 
senkrecht auf + a zart za wirdeer = an a 
. . | = y+2z 
und senkrecht auf [4:4 ar ra | wurdrern I 
L 1.2-0n.ytn.i 


wie diese Coeflicienten in der Fig.5. an den innerhalb des Dreiecks fal- 
lenden Stellen sich finden, durch welehe Richtungen bezeichnet wer- 
den, die zwischen + a’, + a” und + a liegen. 


Was die zwischen — a‘, oder — a”, — a’ und eine oder zwei 


+ a... fallenden Richtungen betrift, so ist der der Fläche le: —arı La 


in Bezug auf sie zakommende Coöflicient auch klar durch das vorige 


bestimmt; er wird, wie man sieht, wenn die Rede ist von der Richtung 


N s A 
kein andrer sein, als — 
—i1+n.y+nz 


i ] 
senkrecht auf 1a: Gar ya 


u.sf. 


Die Stellen, welche den einzelnen Coefficienten in unserm Schema 
gebühren, werden im allgemeinen abhängig sein von der Relation der 
Werthe, welche man den Gröfsen ı, a und n’; ı, y und z giebt. Wenn 


wir setzen n >n> 1, wie wir in den früheren Schemen geihan haben, 


so liegt die Fläche ER ara) dem Mittelpunkt der Construction am 


nächsten in dem Raume, welcher in unserm Dreieck eingeschlossen ist 
zwischen dem Mittelpunkt desselben, der Mitte der Seite zwischen — 
und . ‚ und der mit — bezeichneten Ücke. Der Coefficient, welcher 
in diesem Raume steht, mufs also unter jener Voraussetzung immer der 
kleinste, sein Nenner folglich der gröfste sein. Dies isı für die 
Summe der drei Produkte von drei gegebnen Gröfsen ı, n, n’, mit einer 
anderen von drei gegebenen anderen ı, y, z nur dann der Fall, wenn 
die gröfsten mit den gröfsten, die mitlleren mit den mittleren, die 
kleinsten mit den kleinsten multiplicirt werden. 

Setzen wir also z>y > ı, so ist die Summe der Produkte die 
gröfseste von vn sry 41.1. Es gehört also unter dieser Voraussetzung 


. x R > ER z+Yy+1 5 
an die genannte Stelle in unserm Dreieck der Coöflieient ESTER Dies 
ist aber die Formel für den Coäflieienten, welcher der Fläche la‘: ta” a] 


in der Richtung senkrecht auf :$ar:5a*] zukommt; und es ist 


klar, dafs an dieser Stelle der kleinste Coeflicient liegen mufs, wenn 
für die Fläche Be 


a:zal die kleinsten, mittleren und gröfsesten 


Ferallgemeinerung einiger Lehrsätze. 267 


r4 


Werthe in den Be nn in derselben Folge liegen, wie in 
der Fläche [a:+a:-; a]. 


Die übrigen $ S Stellen, und welche Coeflicienten ihnen angehören, folgı 


der Bestimmung der ersten. In dem Ausschnitt zwischen dem Mittel- 


5 “ . 1 = N 
punkt des Dreiecks, der Mitte zwischen 1 und — 7, und der Ecke —,; mufs 


n we. 


der Coöflicient zu stehen kommen, welcher der Fläche le: wen Zar) 


zukommt in der Richtung senkrecht auf derjenigen Fläche 2:5 nn 


.y 


welche mit der vorigen la: - Zar Zar a) gemein behält das a’, und ver- 


tauscht das a’ und a”, also auf Ha era ı ar ]i für diese Richtung aber 
. A.epp..= sty+1 . — 
ist der Coeflicient —., ae 


3 : wc z+y+ı + ö . 
Die beiden Coeflicienten ENTER und Fur werden gleich 
oder fallen in Einen zusammen, wenn y = ı; und ihr gemeinschaft- 


+2 

—z2n%7, wie in Fig. 2.. Dort aber war es der 

: :4aw, in der Richtung senkrecht auf 
— 


licher Ausdruck wird 


des Dee für g 


-a\, auf welchen letzteren Ausdruck sich 


[1 eo . 
S.a:2.arsa 


jetzt die A Dr r a“ reducirt, wenn % . 


Ferner a: in nn Ausschnitt zwischen dem in Minehpunkı des 


. 1 1 
Dreiecks, der Ecke ei und der Mitte zwischen ——- und — derjenige 


Coeflicient stehen, welcher der Fläche [® tur: | zukommt in der 


Richtung senkrecht auf einer Fläche [a:—a:4a|, die mit der Fläche 
la: == z( = vertauscht ihr a und a’, und gemeinschaftlich behält 
das a‘, d.i. in der Richtung senkrecht auf a: a: als wir wissen 


aber: für Er Richtung gilt der Coeflicient Pr ande -„ Dieser Coefli- 
2 ‚ N32ERYH1.1 
s+ty+1 5 


cient wird identisch mit dem ersten ,., TER 


wenn 3=y. Dies wird 
der Fall sein müssen, der sich auf eine Pyramiden -Octaederfläche be- 
zieht, wenn s=y>ı. Dafs auch dieser Fall mit dem in der Fig. 2. ihm 


correspondirenden Coflicienten 


7 2 


3-42 . . . . 
nrw Slimmt, sehen wir leicht. Hieı 
ae, _ 


wurde die Fläche gedacht als la 22.ar:2.ar |)» in unserm jetzigen als 


. 32 ı .. 
ja: 4 ans 5 z a“ |. Setzen wir aber in: den Werth , za, 277 für'z, 
: -1- 2 1-+22z . r ° F 
so "jst- = ie  — »—- Und wenn wir in den obigen zwei 
+-n+n 1+(n+-n)z 
. at #0 “. . shy+1 a Hi 
Rn N , 3 = Ei En 
identisch werdenden Coeflicienten Fee und an: nach deı 


L1 


268 Weiss: 


Gleichung z=y, für y auch z schreiben, so verwandeln sich beide 


e 22 +1 1+22 
an s(W+n)+ı — s+(n+nw)z' 


Es ist einleuchtend, dafs alle sechs Coäflicienten im Innern des 
Dreiecks in Einen Werth zusammenfallen, wenn s=y=1, d.i. im Fall 
es die Octa@derfläche wird, auf welcher die gesuchte Richtung senkrecht 
steht. Und dann reduciren sich die sechs Ausdrücke in den Einen, schon 


.. 5) 
aus unsern frühern Schemen bekannten , 


W+Hn+i" 

Es ist nicht minder deutlich, dafs an der Stelle aufserhalb des Drei- 
ecks, welche in der Linie von der Ecke — bis nach der Mitte zwischen 
— und — an die erste bezeichnete Stelle grenzt, d.i. in dem Aus- 
schnitt, welcher sich zwischen den bezeichneten zwei Punkten und einer 


. . B 1 1 2 . u .y * 
Mitte zwischen —, r und —ı befindet, ein Co&flicient stehen mufs, 


der sich auf die Richtung bezieht senkrecht auf [—- = :-—-a-:-.a|:; denn 
° R y Z ’ 


— = EI 


die beiden letzteren Werthe mufs diese Fläche gemein haben mit der, 


auf welche der erste Coäflicient sich bezog, der für le: tar: a 


galt; den Werth in @« aber mufs sie im negativen Sinn mit derselben 


gemein haben. Der Co@flieient aber, der der Fläche aa] 


zukommt in der Richtung senkrecht auf a! arizar|, it a, 
= — [3 u 
Auch dieser Coefliecient wird mit dem ersten —+?*! _ zusammenfal- 
A NztNnyti 
len, wenn in dem Ausdruck +-a:Zzarga der Divisor des ersten «=Null 


wird, d.i. wenn die Rede ist von einer Richtung senkrecht auf einer 


“ r r Em: 7 . r r Q se s 4 
Fläche |© a: a: @a\. Man sieht, dafs dies die Fläche eines Pyra- 


midenwürfels wäre, und dafs die beiden erwähnten Coöfhicienten werden 


r s+y vd BRrckr: = ————s 
würden — m In Fig. 2. aber hiefs dieselbe Fläche |oa'!za:!ar| = 
Fa Te DEE z « 1 . = 7 mE 
loazarıt ar. Setzen wir aber statt y @. im ersten Ausdruck 
ıa“, also für y, 1, so ist der Coeflicient = =, wie er ın 

[4 e Ss [4 


Fig. 2. hiefs. 
Wir überzeugen uns cben so, dafs in dem benachbarten Aus- 


schnitt links vom vorigen in unserm Schema, der Coöflicient stehen mufs, 


5 

welcher sich bezieht auf die Richtung senkrecht auf a Zar: nes. 
. a = s+y+ . sy] NT 

Dies giebt ihn = — 7, Wiederum, wenn für {, Null gesetzt 

ke) nztny—i 2 5 2 


er also in den verwandelt wird, welcher sich auf die Pyramidenwürfel- 


Ferallgemeinerung einiger Lehrsätze. 269 


fläche [o a: ar: za) bezieht, so wird er mit dem in unserm Schema 


% 2 See niErt+t. eg . . z+Yy 

über ihm stehenden Coeflicienten ehe si identisch, und Beide ZU Sn 
R R . “r R z+1 » = 

Dieser Ausdruck, verglichen mit dem ihm correspondirenden „N Fig. 2. 


löset sich in denselben Werth auf, wenn die Fläche [wa : La": —ar| 
| 


J 


auf denselben Ausdruck zurückgeführt wird, der ihr in Fig. 2. gegeben 


o [ . . ] 2 
war, d.i. auf [wazarızar | — maizariar|, also wenn y= ı! 
gesetzt wird. 
te 
2 urn z+y+1 z+y+1 ae a 
Alle vieı Coöflieienten wNztny+ı’ nz+ny+ı? na+tny—i und nz+ny—ı 


müssen in Emen Werth zusammenfallen, wenn 1ı—=0, und 3—=y gesetzt 
> 5 


wird. Die vier Flächen, auf welche sie sich beziehen, fallen dann zusam- 


men in die Granatoederfläche | a’: ar ı a | — [oo a2 zar:za|; der 
[i 
gemeinschaftliche Werth des Coöflicienten it = — ® — = ——, wie er 
2 ("+n) N+n 


aus dem ersten Schema bekannt ist. 
Nach diesen Regeln geht das Schema unsrer Fig.5. aus der Vor- 


aussetzung s>y>ı und n’>n>ı hervor. Setzie man hingegen y>s>1, 


7 E N : A EP Rey 
während immer z’>n>1, so tauschten je zwei Coeflieienten wie ang 
z+-y+i . a E . . 
und Spree ihre Stellen. Letzteres würde dann wiederum der kleinste 


sein, welcher, so lange an >n>ı, immer an der nemlichen Stelle un- 
sers Dreiecks stehen mufs. Nach den verschiedenen möglichen Voraus- 
setzungen 3 => 1... #8 > >41, > >> 2,321 > t>y >2; > 
würden der Reihe nach alle die sechs Coeflicienten innerhalb unsers 
Dreiecks an die Stelle unsers = zu stehen kommen; und um- 
gekehrt würde dieser Werth fortrücken in der so eben angefangenen 
üchtung nach der Reihe der Voraussetzungen z>y>1, y>3>1, 


yadzz arg ra b>2>H, und.z2>1>Y. 


S. 4. 

Wir können ohne Schwierigkeit, was wir von dem sphäroedrischen 
System hier entwickelt haben, auf die übrigen Systeme anwenden, welche 
auf drei unter einander rechtwinklichen, aber ungleichen Grunddimen- 
sionen beruhen. Wir setzen also die drei a verschieden, als a,b, e, 


und suchen die Werthe in den Richtungen senkrecht auf einer Fläche 


WuE 1488: 


Jerzbdrie) für eine gegebene Fläche |; a: 5: ]- So ist, mit Beibe- 
= —— 
haltung ganz der vorigen Construction, in wigies C4A=4,CB=b1CY= 


ai >=; bundAdrırS=ypips=—: meet en also 


92 - 
= U i—za.ıd 


AD:DB=4R:C03:73.0CBh— 3a’ >—:y°b, 


270 


ES} 


[es 


Cr:CD=CS.4B:SB.4D-+-CS.AB _— (za’+yb*):(ı — ) 20 
-—- (za?-+ 75) = y(za°+ yb?) : 20° + y° DB? 


D°) 
7,6D 


‚_ Y(za+y 
Cr errT sa’ +y: 
e SL 


Tr). _.. za?’ + yb* 
Cp=— Cı RR? @D3 
b b 
aber auch OR— mn _ 
j ver b’ Vs’a’+ y’b° 
nz y? „? 
Fi 1 
I — —— ——— to 
B zta+y?b’ abVYza+y’b’ Kerr 2° a! 
köln: CD— 7.0: CE ee 
“ ld ZEN 
h) za 
a? b* 


In Fig. T. ist ferner @29=£6, und Ot: IB-=e s Za’ryd 
OFZFDE017CH9 49: CD lau y a (2°0?” + y?b°) 
le 
Ct: CF=Cp.OD:pD.OF+Cp.OD= (za +30?) (a’b’+ za’c’+yb°c” ; 
((3’—3) a’ + (y’—y)b’)x cc’ (za’+yb’) + (za’+yb°) (a?b’+ (sa’+yb*) ce?) 
= a’b’+ za’ ce’ + yb’c?: (za? + y’b’) ce’ + a”b’ 


Aber Cr: CF = nz yes 
n 2° »2 
+ ae, + - + 
c b a c b a 
c0.Cp _ abc BEE R er 


Nunzıst Ct — — : - 
Op „ Barrytb?, V ZB: 


+ ce” 


abe w 


Va?b? +z?a?c? + Y?b?c? /ı 2, 
x | — + u I 
= 7 mr 


Verallgemeinerung einiger Lehrsätze. 274 


also ist CF oder die Einheit in der Dimension senkrecht auf 


. . r 
in dem Octaöder |a:bie |, 


a?:b? + z°’a?’c”+y?b?c? abcYa?b? +z°a?c”+y*b?c? 
CF= a = 


a?b?’ + za?c”+yb?c! aeb2 Fzarce eye: i 1 z 
- = = + = + PS 
b* a 
Wenn nun wiederum für die Fläche >=: 56, durchden 


Endpunkt von c gelegt, ‘mithin als „E se re angesehen, in Fig. 8 


Cn= 04=-- aaund Cm=-0 = 2 ist, und wiederum 


ın 


Cg:gB= bit ")b=a:m-n, 


so wird Cu: CD=Cg.AB: qgB.AD+Cg.AB=n. (za’°+ yb°):(m—n) za’ + 
n (za’+yb’) = n (za’+yb’) : mza’ + nyb° 


n (sa’+ yb° 


Cu= Ze CD 


mza’ trnyl® 


Cs = —- Cu= Bua’ryb.) @D 


mza® ’+nyb® 


. m 


hörige Werth = u: Cs—= _“ EI7% sen 


mza’+nyb® 


folglich der der Fläche 2 b: =] selbst in der Richtung CD ange- 


Und in Fig. ©. wird, da Cs:sD=p(za’-+ Jb*): (m—p) za’ + (n—p)yb; 
Cxz:CF=(Cs.OD:sD.OF-+Cs.OD=p (za’-+- 75°) (a’b’+za’c’+yb?c?): 
((m—p) za’+ (n—p) yb’) ec” (za’+yb’) + p (za’+yb’) (a’b’+ za’b’+Yb’c’)— 

pla’b’+za’c’+ be) : m20C + Br pa®b’ 


» (a’b’+za’c’+yb’c’ 
C=-— ’F 
= PrAsa.b: +nyb° c’+mza’c : CF 


So wie aber Cx der durch O, d.i. durch den Punkt ı.c gelegten 


Fläche |2a:#&b:e| in der Richtung O7’ zukam, so kommt der durch 


1 Re Bee m 
=. gelegten Fläche |a: Er Be in dieser Richtung der Werth zu 
1 + Tr + Z 
er en ?D’+yb’c’+ za’ c? Cr BEIER.GE [u er 
op Ti p-1.a’b’ + nyb?c’+mza:c” Z rd n.y  m.2 - 
we 


2172 W.&,0s:s: 


Und dies ist der gesuchte Werth in der Richtung senkrecht auf 
Fe: zb:e] für die Fläche „ae: b:4c. 

Wegen der Ungleichheit der Dimensionen a, b, c ist auch eine 
Fläche |ze: Zb:e] ce, u.s.f. der vorigen Ta:4B:e e| ganz ungleichartig, 
und daher die Wielerhelung analoger Flächen durch Umtausch der 


Coöflicienten in den verschiedenartigen Grunddimensionen in der Natur 


5 
Fig.5. sich vereinfachen in das Fig. 10., wo blofs der Unterschied posi- 


solcher Systeme nicht gegründet. Für sie würde daher das Schema 


tiver und negativer Gröfsen in den Dimensionen a,b, c bleibt, die Coefi- 
cienten einer jeden übrigens unverändert gelassen werden. Dies giebt 
im allgemeinen acht zu unterscheidende EEDRLERN senkrecht gegen 

+b: c| oder gegen ee :—e| ; gegen Ita: +b:—c| oder 
gegen Ber 2er: Far — == oder Bene und 
I-$a:zb:e] oder ar BD: 

Von den letzteren sechs ae zeigt das Schemia, Fig. 10, die drei, 


welche den gröfseren Ausschnitten aufserhalb des Dreiecks zugehören; 
ihre negativen, in den entgegengesetzten kleineren Ausschnitten hinzu- 
zufügen, wäre überflüssig. Für den entgegengesetzten des ersten bedarf 


es im Schema wieder keiner Stelle, da er negirt ist, wenn in beiden 


und ra: Feb! = die entsprechenden Dimensionen 


Flächen me: zb: 


alle in gleicher positiver Richtung genommen werden, 

Es ist an sich klar, dafs, wenn eine der Gröfsen y, z, oder ı (als 
Divisor des c) im Zeichen | za:Zzbie] — Null gesetzt wird, der Co&flicient 
innerhalb des Dreiecks mit einem der angrenzenden aufserhalb identisch 
wird; seine Stelle rückt dann in die zwischen beiden liegende Seite des 
Dreiecks, und die gemeinte Richtung, in welcher er den Werth der Fläche 


Br >| angiebt, ist dann senkrecht auf einer Fläche aus einer der 


drei Zonen, deren Axen parallel sind mit einer der drei Grunddimen- 


sionen a,b, oder c. 
Se 
Der Fall des viergliedrigen Systems ist bekanntlich der, in welcher 


zwei der rechtwinklichen Grunddimensionen unter einander gleich sind, 


I 
w 


Verallgemeinerung einiger Lehrsätze. 2 


aber verschieden von der dritten. Wir setzen also @—=b, so verwan- 
delt sich in der Form des Co£flicienten der gemeinschafiliche Zähler in 
+, der Nenner aber in die verschiedenen Werthe, wie sie das 
Schema Fig. 11. giebt, mit Weglassung der entgegengesetzten von den 
geschriebenen. Es verdoppelt sich nemlich wieder die Zahl der gleich- 
arugen Flächen gegen die vorige; die beiden gleichen a vertauschen ihre 
Coeflicienten wechselsweise und geben dann mit dem unveränderten c 
völlig gleiche Flächen; es sind die, welche zusammen einen Vierundvier- 
kantner bilden. Sie liegen um die Endspitze c symmetrisch herum, 
welches in Fig. 11. unmittelbar einleuchten würde, wenn wir nicht der 
Bequemlichkeit des Raumes wegen, statt der in den kleinen Ausschnitt 
an c gehörigen, die ihnen entgegengesetzten im unteren grolsen Aus- 
schnitt, geschrieben hätten. Im sphäroedrischen System stellen sich um 
jede Octaederecke drei Keihen solcher Vierundvierkantner und bilden 
den Sechsmalachtflächner. Welche je acht nebst den ihnen parallelen 
es sind, sieht man jelzt in der Fig.5. sehr leicht. Nur die äufserste der 
drei um die obere Ecke des Dreiecks herumliegenden Reihen hat uns 
ihr Gegenstück in Fig. fi. gegeben; wir hätten jede der beiden anderen, 
die mittlere oder die innere Reihe wählen können ; aber wenn wiederum 
z>y>ı, undm>nr>p, so sind theils die Stellen, theils die jedes- 
maligen Combinationen der Gröfsen, aus welchen der Nenner des Coöfli- 
cienten zusammengesetzt wird, an den verschiedenen Stellen als dieje- 


nigen bestimmt, welche die Fig. 11. darlegt. 


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Phys. Klasse 1824. Mm 


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Pr: Be 


Verbesserungen. 


Seite 79, Zeile 2 und 3. v.u. statt der Worte: dafs Lagrange und noch weniger 
seine Vorgänger eine u.s.w. lies: dafs Lagrange und 
seine Vorgänger keine u.s.w. 


- 92, - 4. v.u.statt dritte, lies: zweite. 


Der Leser beliebe in den Abhandlungen der physikalischen Klasse Band 1822-1823. 
Seite 199. Zeile 23. v.o. statt Grund, Grad zu lesen. 


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F-zu—n FU EU F-utzu Fu +22 F-u—zu FJ- zu—u 
z +2 z+= s+z s+2 s+z z+2z 
Zu a U ZH w+z7% u+zZr vw— za zu—u 
= ——= = 22 — = = u — — 
I+zZ 7+zZ — 7+Z 7 —= 7t+Z 7+z 
FZ zZ 
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s+z + zZ u+z a+z 
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JHAtz 7tHatz Fritz 7+HA+z Fritz Arte 
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7Hi4+z +42 Hit Hit FHÄ+z ZHiz+z 
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zu— Hin Au—+zu Rz FahzHzn FHAutzu 7 Au rtzu zu 74 
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z7Hi4z AH+St+z THltz ThHitz 7Atz 7+Hi+z 
rt, 2 wratze ‚uritzu Juan 
7+a4z \ FHitz 7+A+z 7Hitz 
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Abhandlungen 


der 


mathematischen Klasse 


der 


Königlichen 
Akademie der Wissenschaften 


zu Berlin. 


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Aus dem Jahre 


1824. 


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Berlin. 
Gedruckt in der Druckerei der Königlichen Akademie 
der Wissenschaften. 


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Inhalt. 


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Besser. Untersuchung des T'heils der planetarischen Störungen, welcher aus der 
Bewegung der Sonne entsteht ..... MEERE, Ne: ee DEITE 

Eyrevweivn von der Integration der linearen Gleichungen mit partiellen end- 
Iichen@Ditterenvene ee ee ee ee - 


Gruson über die Einschreibung isotomischer Figuren in die Regelschnitte .... - 


———— un mon 


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Untersuchung 


des Theils der planetarischen Störungen, welcher aus 


der Bewegung der Sonne entsteht. 


Von 


Hm. BESSEL. 


RANDE VUN 


. 


[Der Akademie der Wissenschaften vorgelegt am 29. Januar 1824.] 


1. 


D: Störungen der elliptischen Bewegung eines Planeten durch einen 
anderen bestehen aus zwei Theilen: der eine rührt von der Anziehung 
her, welche der gestörte Planet durch den störenden erfährt; der andere, 
von der Bewegung der Sonne, welche der leıiztere erzeugt. Beide Theile 
sind in den bisherigen Entwickelungen der planetarischen Störungen zu- 
sammengenommen; allein es ist zweckmäfsiger, jeden derselben abgeson- 
dert zu untersuchen. Der letztere nämlich kann, wie ich in gegenwär- 
tiger Abhandlung zeigen werde, direct und vollständig entwickelt wer- 
den und verdient deshalb eine Trennung von dem ersteren, bei welchem 
dieses noch nicht geleistet worden ist; die Trennung wird sogar noth- 
wendig, wenn man die bisher allgemeine Annahme, dafs der störende 
Planet auf den gestörten und die Sonne mit gleicher Masse wirkt, 
einer Prüfung unterwerfen will. 

Diese Annahme ist eine Folge des Satzes, dafs die Körper ihren 
Massen proportional anziehen. Newton leitete denselben bekanntlich 
aus Erfahrungssätzen, verbunden mit der nothwendigen Gleichheit der 


Mathemat. Klasse 1824. A 


% BESSeEn 


Wirkung und Gegenwirkung ab. Aber abgesehen davon, dafs die Er- 
fahrungssätze innerhalb gewisser Grenzen bezweifelt werden können, 
kann man auch nachweisen, dafs die Data, welche Newton seiner An- 
nahme zum Grunde legte, andere Systeme keinesweges ausschliefsen, so 
dafs also anderweitige Erfahrungen entscheiden müssen, ob der Satz von 
der den Massen proportionalen Anziehung der Körper wirklich das all- 
gemeine Gesetz der Natur ist. Da dieses den angenommenen V orstellun- 
gen entgegen ist, so wird es mir erlaubt sein, diese Abhandlung durch 
eine nähere Untersuchung der Gründe zu eröffnen, wodurch Newton 
diesen Theil seines Systems unterstützte, 

Um dieses kurz und deutlich thun zu können, werde ich die 
beschleunigende Kraft, mit welcher der Körper x in der Entfernung ı 
auf den Körper y wirkt, durch ) bezeichnen. Nach dieser Bezeich- 
nung hat man die Sätze, auf welche Newton’s Annahme sich gründet, 


folgendermafsen : 


(2) (2) (2) = usw. 


wo o die Sonne und 1, 2,5... Planeten bedeuten: denn das 
dritte Keplersche Gesetz erfordert, dafs die beschleunigende 
Kraft, womit die Sonne auf die Planeten wirkt, auf gleiche Ent- 


fernung reducirt, gleich ist; 


PYZSTEN [TPEV_ R 
ea = (Ule1.S5 SW: 


wo p den Jupiter oder Saturn und 7, 17, HT.... ihre Monde 
bezeichnen: denn auch bei diesen bewährt sich dasselbe Kepler- 
sche Gesetz ; 


ll 


wo t. die Erde, u,», w... irdische Körper und 7 den Mond 
bedeuten: denn Newton’s Versuche über die Pendelschwin- 
gungen verschiedenartiger Körper und die Vergleichung der- 
selben mit der Bewegung des Mondes, zeigten, dafs die be- 


IS} 


über die planetarischen Störungen. 3 


schleunigende Kraft, womit die Erde auf diese Körper wirkt, 
gleich ist; 


.......()=O)=G) nen 


denn wenn diese beschleunigenden Kräfte nicht gleich wären, 
so müfsten die Bewegungen der Monde Ungleichheiten zeigen, 
welche die Bewegungen nicht verrathen. 


5...) =@) > 


wo y und x die Massen der Körper y und x bezeichnen ; die 
Gleichheit der Wirkung und Gegenwirkung erfordert dieses, 
von welcher Beschaffenheit auch die Wirkung sein mag. 

Dafs diese fünf Sätze nicht allein mit der Annahme der Anzie- 
hung im Verhältnifse der Massen, sondern noch mit anderen Hypothe- 
sen vereinbar sind, glaube ich am besten zeigen zu können, wenn ich 
eine dieser Hypothesen mit denselben vergleiche: ich nehme die Körper 
als aus verschiedenen Elementen a, b,c... zusammengesetzt an, so dafs 
anur a, b nur b, u.s.w... nicht aber das eine Element das andere 
anzieht; von diesen Elementen enthalte die Sonne gleiche (Juantitäten, 
und alles, was zu einem Hauptplaneten gehört, sowohl seine einzelnen 
Theile als seine Monde, sei, in Beziehung auf diese Elemente, ähnlich, 
wenn auch nicht gleich gemischt. 

Denkt man sich zwei Körper x und y, deren erster von den ver- 
schiedenen Elementen die Quantitäten „2,0... enthält, der andere 4%, %..., 
so ist die Anziehung des einen durch den anderen 

Zy EP LN 

aarbb-+cc-+.... , 
allgemein übereinstimmend mit der fünften Forderung; die beschleuni- 
gende Kraft, womit der erste Körper auf den anderen wirkt, ist diese 


Anziehung dividirt durch die Masse des angezogenen , oder 


De 2 ER EN 
(“) _aarbb+cc-+.... 
„IT Y Y 


a + ee dar 
A: 


[SS 


4 BESSEL 


Behält man nun die oben schon angewandten Bezeichnungen der Sonne, 
der Planeten, Monde und irdischen Körper bei, und setzt man, der 


Hypothese zufolge, 


w 
DIT Dt I, Pas} 
Uruarasaehnberbi na. Ze CC! ee EwmSM 
" ra A 7 AR u te Eu 
TORE. ererebale ib br DR eac ER N RER =u.5.W 
so hat man 
o1 oI 01 > 
(2 aatrab+ac-+.... - 
„men, 
I I I 
ab + c-+... 
also den ersten Erfahrungssatz 
G)=2)=G) wen; 
ferner hat man 
pi pl pI 
(% _aa+bb+cc+ 
II L I I 
ab -+c+. 
pi pp I pa 
welches, mit avta=b:5B=c:c=u.s.w.=ı:r verbunden, 
} P\ PY pP 
“. OEESGEESOLEE ai wa ER 
I p p p p 
A a +. a+ bb + c In RR 


und daher den zweiten Erfahrungssatz 


a Ve A AR 
Baer: 


giebt; der dritte und vierte Erfahrungssatz folgen aus denselben Be- 
trachtungen, wodurch die Behauptung, dafs die Hypothese denselben 


über die planetarischen Störungen. 5 


Gründen entspreche, aus welchen Newton die seinige ableitete, ge- 
rechtfertigt ist. Dieselbe Hypothese giebt aber 


le n n ) 
(*) a\a tb +c+.... 
o 


oO o o 
a+b+c+.... 
ın ın ın 
(7) = Het 
u) a da f I 
at b+c-+.... 
an an an 
n\ _ aarbbrecH.... 
Sa 3 2 2 


at b + c+.:..: 
uU.S.W. 


also die beschleunigenden Kräfte, womit der Planet 2 auf die Sonne und 
die übrigen Planeten wirkt, im Aligemeinen verschieden. 

Die Hypothese, vermöge welcher hier den fünf Sätzen genügt wor- 
den ist, verwandelt sich in die Newtonsche, wenn man nur ein Ele- 
ment annimmt; sie ist so gewählt, dafs sie der letzteren so nahe als 
möglich kömmt, übrigens aber nur als ein Mittel aufgestellt, wodurch 
gezeigt werden sollte, dafs Newton’s Hypothese nicht eine Folge der 
fünf Sätze ist. Ein Planet kann also so viele verschiedene Massen 
(um den gewöhnlichen Sprachgebrauch beizubehalten) zeigen, als Kör- 
per vorhanden sind, auf welche er wirkt; betrachtet man aber die ge- 
genseitigen Bewegungen von z Planeten und der Sonne, so finden, ver- 
möge des fünften Satzes, unter den z (n-+ı) Massen, 42 (n—ı) Be- 
dingungsgleichungen statt, und, wenn man auch den ersten Satz als 
wahr annimmt, 42 (n+1ı), so dafs nur 42 (n+ 1) Massen unbekannt 
bleiben. Setzt man z.B. für drei Planeten 


6 BESsEL 


so hat man die Gleichungen 
er ekir ie 
wodurch die Zahl der unbekannten Gröfsen von 9 auf 6 reducirt wird. 

Es ist übrigens klar, dafs man die vier ersten Sätze, welche durch 
Erfahrung gegeben sind, innerhalb gewisser Grenzen bezweifeln kann, 
welche, namentlich bei den beiden ersten derselben, vielleicht nicht so eng 
sind, als der Schärfe der heutigen Beobachtungen angemessen wäre. Ob 
aber die astronomischen Theorien allenthalben in so grofser Ueberein- 
siimmung mit den Beobachtungen sind, dafs dadurch jeder Zweifel an 
der Wahrheit der Newtonschen Annahme zurückgewiesen wird, dieses 
ist eine Frage, welche wohl Niemand bejahen wird, deren genaue Erör- 
terung jedoch sehr wichtig ist und die gröfsten Fortschritte der Wis- 
senschaft verheifst. 

Der Erste welcher die Anziehung im Verhältnisse der Massen be- 
zweifelte, ist Johann Tobias Mayer ('); ich habe aber geglaubt, 
eine von der seinigen verschiedene Ansicht aufstellen zu dürfen, weil es 


mir wesentlich zu sein schien, zu zeigen, dafs unter den Werthen von 


ORORCHORE 


Verschiedenheiten sein können, nicht etwa nur von der Ordnung der 
Planetenmassen, sondern von jeder beliebigen Gröfse. 


2 


Den Planeten, dessen Bewegung untersucht werden soll, werde 
ich im Folgenden durch p bezeichnen, den störenden durch p’; als 


CD) 


annehmen, und, in diesem Mafse ausgedrückt, 


und (7) 


Einheit der Kräfte werde ich 


durch m: und m’ andeuten. 


(') Comment. Soc. Reg. Scient. Gottingensis ad A. MDCCCIF-FVIL. 


über die planetarischen Störungen. 7 


Wenn x, y, s die rechtwinkligen Coordinaten und r den Radius- 
Vector von p bedeuten, x’, r’, 3’, r’ dasselbe für p’ und 
F X,» 25 / 


ey (ea)? + vr) + 3°} 


Be m (xx'+yy' + ==’) m’ 


‚3 3 
X: 


d’x Yu dR 
a (=) 
u d’y Y AR 
ie Se + r. = (57) 

d? z z AR 
(7 ar Er 


Die störenden Kräfte, parallel mit dem Radius-Vector, senkrecht 


so hat man 


auf denselben in der Ebene und nach der Richtung der Bewegung, und 
senkrecht auf diese beiden, bezeichne ich durch 4, B’, C/; die letzte 
ist positiv, wenn sie von oben nach unten gerichtet ist, für einen Beob- 
achter welcher, von der Sonne aus, die Bewegung des Planeten von 
der Rechten nach der Linken sieht. Ich werde zuerst die Ausdrücke 
dieser, Kräfte durch die Differentialquotienten von A, in Beziehung 


auf die Elemente von p, angeben und dabei folgende Bezeichnungen 


anwenden: 
Länge des aufsteigenden Knotens.........-....... 2 
DNetsune ser Dali Saar as nee nee el 
Entfernung des Perihels vom Knoten .............. % 
EEE ee een ee rn 
Pole ue ze as reen are ee 


Var ER ERTL DIT EEE THER 
wahre, excentrische, mittlere Anomalie......... 5% 
für den störenden Planeten ....... n’,!,w,e',a, W, o,.c,w. 


Man hat bekanntlich 


| 


r { Sin n Cos (+4) + Cosn Sin (v-+$) Cosi 


[A] 


= r Sin (»+9») Sin Ü 


BreEı sösveuL 


8 
AR ERN.!! AR 
I = ee ze 
‚_feaR dx dR dy dz 
B - ADJ AIDH+G nz) 
, AR 
rC' = (Z r Sinn Sin ’— (7; ) r Cos ı 
also 
(RN „_ (ER 
Ben =(7): (77) ° 


[2]... 2 = = 


Multiplieirt man den Ausdruck für » C’ mit Sin (o+9) und 


setzt man in dem Producte für 


rSin (w+9) Sinz Sin’; —rSin (o-+#) Cosn Sin’;rSin (u-+®) Cosi 


ihre Ausdrücke, nämlich 
BEN, =) id ) 
(2 ); (2 ” © 


[5]... r €’ Sin a-+0)= =) 


so erhält man 


Man hat ferner die Gleichungen 


een 


dı 
dR dx (32 dy AR dz ) 
(7) = FE) + rain er 


und 


(2 ) Ten (Z 7)=t Cos (w+9) Sin n Sin ı? 


dy P dy\ _ Tr 
2) Cos i— (Z —=—rCos (w+6) os n Sin: 

dz dz Bien: 
(3 dn Sın z 


IR & s a ke dR a 
also, wenn man (7) mit Cosi multiplicirt und () davon abzieht, 
[700 [4 


[4]...r C’Cos w+$) = () Cor i— (=) Cosec 7 


über die planetarıschen Störungen. I) 


Mehrerer Einfachheit halber werde ich, im Folgenden, die 
Bahn des störenden Planeten zur festen Ebene wählen, die Winkel 
v» und »’ von dem aufsteigenden Knoten der Bahn des gestörten auf 
dieser Ebene anrechnen, und unter 7 die Neigung derselben Bahn 
gegen die feste Ebene verstehen, wodurch man erhält: 


[5]... €’ Sin (u+9)= (47) 


[6]... z C’ Cos (w+$) = (5) Corg I + (7 ns; Cosec 7 


I: 
Durch diese störenden Kräfte 4’, B’, C’ habe ich früher (!) 


die Veränderungen der Elemente von p ausgedrückt; jeızt werde ich 


unmittelbar die Störungen des Radius- Vectors — ör, der wahren 
Länge in der Bahn — dv und der Breite über der mittleren Ebene 


der Bahn —= ös angeben, dabei aber nur die erste Potenz der stö- 
5 
renden Masse berücksichtigen. Man hat (°) 


dr 
d.r 
. 1 1 
= er a gt 
dt a r 
7 .... N\.2 u 
woraus, unter Vernachlässigung von dr” u. s. w., folgt 
d?.rör rör r 1 
op tat do 
at? T a 


Setzt man für ö = seinen Ausdruck durch die störenden Kräfte, 


nämlich 
[4 AN 3 di 
_ fi 7) 7 + (7 2) ao} =: SI) ar + Er es de 


oder, da das in Beziehung auf die Coordinaten von p genommene 
Differenual von AR 


ÄR\N , , [(dR _fdR 
— (5) dr (Z dv= (5) du 


(') Untersuchungen über den Kometen von 1807. U. Abtheilung. 
(?) Ebendaselbst S. 52. 


Mathemat. Klasse 1824. B 


10 B E3ss\eE.s 


ef) au 


ist, 


so hat man 


ch rör rör a ( (5) +: Sa) a 
here 
welche Gleichung Mec. Cel. Buch II. $. 46. folgendermafsen inte- 
grirt ist: 


[7]... dr = aa Yli—ee) [os en du — Sin fd . 


wo, um abzukürzen, Q für 
dR ) + ff (7) @ 
da 


Den Ausdruck von dv giebt Herr Laplace durch den von 
ör; ich werde ihn aber unmittelbar auf die störenden Kräfte zu- 


geschrieben ist. 


rückführen. Man hat 


dv 
drr 27 


= — +rDB', oder 
di 


löv . 
o0=rr @® Loardr . ih rB'dt, 
di 
„r dt ARE ä } 
und wenn man mit multiplieirt und integrirt 
2.12 


w=—ı far fü BB’ de. 
D r e del 


Das erste Glied dieses Integrals findet man, wenn man für 
dr seinen Ausdruck [7] setzt, 


fi , _QSinp 
— _ ur di [(: Sin BT = Sin 2 ?) 1+eCos$ EB 
2 (- e+2009+- — Cos ef end 


— 2, fQ au A: Sant ar! 


Wenn man das letzte Glied dieses Ausdrucks mit dem letz- 


ten Gliede des Ausdrucks von dv vereinigt, so ist die Summe 


Külps 


über die planetarischen S' lörungen. 


Pr a’eSin®.Q ETRL.: 
2 SS EEE +rB rau 


= uf/% ur +-rB 2 


und wenn man für Q und 2’ ihre Werthe setzt, 


durch die Gleichung 
AR dR 
) d9=(5,) du 


AR 
(3 


eliminirt, 


ER ic oE, 


aan 
=— ei — 5, S 2 da + Ei 1—ee fe (u) ° 


Man hat daher 


auch ( 


e = QSin a 
v=— Einsrap ey j (Sin + Sin 2 S- Fr du 
-— 2a 3 Mi: o °” RCosp 
T1- 23 (+e+Cos$ + & Cos2$) +60 du 


ET (1— ee) mon Erst (1—ee) za ze) (@ 5, a 


Die Breite über der mittleren Ebene der Bahn ist 
ds = di Sin (wu+$) — dn Cos (u+d) Sin ! 
Man hat aber (a.a.O.S.56) 


(5 -) = = — a Cos (u+9) 
() = — nn Sin (w-+®) Cosec ’ 
und wenn man [5] und [4] substituirt 
(Z)=- , (u) Cogi+ a) Cosec 
7) = — - —) Cosec 7 


Ba 


1 


AR 
du 


1 


) 


[9]-- 


BıEisısyEeiG 


welche Ausdrücke sich in der vortreflichen, von Herrn Laplace 
dem Bureau des Longitudes am 17‘ August 1808 vorgelegten Ab- 
handlung, nicht in dieser Form finden. Setzt man die Integrale 
derselben in den Ausdruck von ös, so erhält man 


ds — Te - Sin @+n, IC er ")Coıg i— (5) Cosec han 
e= Taten Cos +) SC) du 


oder, nach [5] und [6] 
\s= zT oz Sin (o+6) SI: 087 + ( .,) Cosee Z} du 


SCH ar 


I 


Ye= 


Der Theil der Störungen des Radius-Vectors, der Länge in 
der Bahn und der Breite über der mittleren Ebene derselben, 
welcher den Gegenstand dieser Abhandlung ausmacht, entsteht aus 
dem ersten Theile von R; ich werde daher 


N 7 [Cos (+9) Cos (# +9) + Sin (u+9) Sin (w-+4') Cs} 


setzen und diesem Ausdrucke die Form 


Role _._ [0047 Cos(Pp—P+u—w)+-Sin 4 7° Cos (rer) 


geben. 


Die Entwickelung dieses A in eine Reihe, welche nach den 
Cosinussen der Zeit proportional wachsender Bögen fortgeht, hängt 
von den Entwickelungen von 


rCos ®, rSind, - =,  Cos p' az Sin ®’ 


ab; diese letzteren werden aus einer besonderen, unten folgenden 
Untersuchung hervorgehen; für jeizt aber werde ich 


über die planetarischen Störungen. 3 
Ü Ü 
r Cos$ = ac Cos iu; rSin‘ = as Sin iu 


wor k 
«a a’ aa R E f 
„00 0’ = 5 ‚ Cos ku; —r Sin po’ = os Sin ku 
setzen und unter 7 und Ak alle ganze, sowohl positive als nega- 
üuve Zahlen, o nicht ausgenommen, verstehen. Erinnert man 
sich an die Bemerkung im 48°" Satze des 2‘ Buchs der Mecanique 


Celeste, so findet man leicht 


dar 


k Shan B 
„ Cos (PP +uo—wW) = 4 (y+r)(c+s) Cos( in—ku+u—uw) 
k a: 


+ 4(9+ 7) (c—5) Cos (iu — ku + u—w) 
k fer. si8 i 
+(y— Fr) (es) Cos (in +ku +w—w) 


7 ae: u a ; 
(y—P) (c+5) Cos( iu Hku +w—w) 
Es ist aber 


und daher, wenn man, um abzukürzen, 


k k k Ü Ü Ü 

y-+oc durch @« , c-+s durch a 
bezeichnet, 

k k —k i z —i 

y—-rr=a,c—-s=a 


wodurch der gegebene Ausdruck die Bezeichnung 


ki k—i 
r aalo( in—kultu—u) ++ a aCos (-in—kuWu—w) 
—k-i ki 


+1 «a alo (-iut+k"+o—wW) ++ a alCos( iutkua—w) 


erhält. Da er für alle ganze { zu nehmen ist, so sind das erste 
und zweite, so wie das dritte und vierte Glied einander gleich, so 
dafs man ihn schreiben kann: 


k —ki 
"aa ich (n— ku u—wW) + 1 .aalÜos (iu+ ku +u— uw) 


14 BeEsisew 


und da auch diese beiden Glieder, für alle ganze k genommen, 
einander gleich sind, so hat man den Ausdruck 


Ki 
—= a aCos (ia — ku + uw — w) 


und eben so das zweite Glied von R [10]: folglich ist 
ki 
[11]... 2=—-- au [Cos +” Cos (in — ku’ + w— uw’) 
+ Sin + 2° Cos (in + kW + w+ w) \ 


Hieraus folgı 
AR 
[12]-- .a (7,) —_. 


dR am . ki 2 1 RE : , R 
(72) = . «as los 5 IT’ Sın (in — ku +w—w) 
+ Sin + 7’ Sin (ia + kW rue )} 
und wenn Fey gesetzt wird, 
du be) 
f( A du RL; «a [00 + N Cos (iu — ku’ + w— uw) 
+ Sin 4 I°. —— Bram Cos (in + ku + w+w 2 
woraus, nach [7], folgt, 
- am * 2 7: 
Eee Ze [os ar ENTE an — ku + w— u) 
5 N 2 3i+ kv \ . ap 
+ Sin 4 7°. pr, 008 (in + ku +} 


Man hat ferner 


[24] +: (7) Coıg 14+(4, 7) Cosec 7 


k 
Si Br «a, Sin] [sin (in — ku’ + w— u) — Sin (iun+ Au +w+ “N 


nt Ü . ’ 
—= en. aatSin / [cos (in— ku + w— uw) — Cos (in + ku + +) 


über die planetarischen Störungen. 15 
Die Störung der Radius-Vectors setzt, nach [7], die 
Integrationen von 
Sin Cos d 
EEE dw und Be 1 du 
1+eCosp 1+eCos» 
oder, was dasselbe ist, von 
—_ zT du und — rÖ© d 
= Es Qr Sin o du aa —— Qr Cos $ du 
voraus. Nach der im vorigen Artikel Ze Bezeichnung ist 


h 
N 


wo h alle ganze Zahlen bedeutet; 


so erhält man 


h 


as Sin hu; r Co $ = ac Cos hu 


verbindet man dieses mit [15], 


Ah 
QSind ame ® 3i—kv s a . ‚ N0@: 
— =—ad a a ey: EOS 
el ar [004 Peg ng 88 (in— kai ) Sin hu 
” k Ah 
+ Sin 4 I”. men Cos (in+ Au +u+ u) Sin h a: 
= i+kv 1—-ce 
h 
FE —k ; 
= ee [377 {Cos By, ee = Sin (ü-+h) m—Au+ 2.) 
a = i—kv ee ' 
& 
. ,„ 3i+k . ’ ‚ 
+ Sin 5./°? a - Sin (+ h)utku+u+s)} 
x i+kv 1— ec 


wenn man mit du multplicirt und integrirt, 


auch mit dem zwei- 


ten Theile des Ausdrucks [7] ganz ähnlich verfährt: 


h 


s —a:m . % ; 3i—kv R | e ER, DR 
[16].: TEE "je a os - 7? [ ri 126059 Cos (+1) Au + u ) 
h 
3i— ku c h © , ’ Be 
a ch, Sing Sin (+1) Au tu )} 
» : 2 
— am & n Sın riet % CospCos ((i+-A) ut+-A+s-+2') 
day (1—ee) z i+kv oe 
h 
3i+kv 14 ° 5 F ‚ n 
Or Siınp$ kı wu } 
En PER Sin pin (+) + w ++ ) 
Setzt man nun noch 
g En 
Co $=C Cosgu, Sin = S Sin gu 


BESSEE 


und vereinigt man die Glieder, welche gleiche Cosinus enthalten, 
so hat man 


3 Eis i 2 ch A 
ia) si—-ıkv Cost7 8 & 2 ‚ $ 
$grr=-—- —- aa Deere [s C— cS}Cos (ü+1+3) n— hun Hw—u ) 


aa V (1-ee) 


3i+ kv Sin LI? 
er @“Aad— Ser er 7 
aa’ Y (1—ee) i+kv i+h+kv 


a'm 


he he 
I; C—c s\ Cos («+ h-+38)%+ ku ur 2) 
Setzt man endlich 


i+h+g=f, h=f—-i—g 


so erhält man 


a ki a 5 Sy SER 
—a’m si-kv Cosir (eds Ude , , 
Su —ı s.GC— ic s\ Cos(a—ku-u—o) 


= aa Y (1-ee) 


a’m RÜUOziHkhv Sintr (es Ude ‚ , 
ee le Se 


Die Berechnung des Coeflicienten eines bestimmten Cosinus, für 
welchen also f und Ak gegebene Zahlen sind, erfordert eine dop- 
pelte Summation des Ausdrucks 


Er ö Wi), „Weize) 
ee ra rer | s C— ce s} 


sowohl für / als für g; man kann für ’ nach und nach 


er 4, 79° -7 3, us we 


05 
—1,— 2, — 3, U.8S.W. 


setzen und für jede dieser Voraussetzungen alle g nehmen. Diese 


5 
technung lüfst sich erleichtern, wenn man die Logarithmen der 
wiederholt vorkommenden Gröfsen in Tafeln bringt, so dafs die 
erste derselben, mit den Argumenten A und z, 
ki h 
.—a’m 317 — kv B 
Log Fr — aa. ——— Cos + 7° 


da Y(1—ee) i— kv 


die andere, mit den Argumenten & und g 


über die planetarischen Störungen. 1v7 


angiebt. Wenn der in Cos 4 7° multiplieirte Theil bereits berech- 
net ist, so ‘findet man den in Sin 4 7° multipliceirten dadurch, dafs 
man den ersten mit 


multiplieirt und unter dem Cosinuszeichen »’ in — w’ verwandelt. 
Man rechnet aber noch leichter, wenn man in [16] 7 + h 
—nund A=n — setzt, wodurch man den CÜoeflicienten von 
Cos $ Cos (nu — ku +w— w) 
k 


R Ai 2 
a'm «a Cos 4 I? [34 EN \ 


Ber (1—ee) i n— kv en i— kv RD 


und den Üoeflicienten von Sin $ Sin (nu — ku’ w— uw‘) 


k i . 
a’ m «Cost I? j = 3 vw) 
3 ö 2 


a a) (1 —ce) n—kv 


findet, beide durch eine Summation in Beziehung auf 7 allein; 
nennt man diese Üoeflicienten 4” und 2”, so sind die beiden 
ersten Glieder von dr 


—= A” Cos $ Cos (nu — ku’ + w— u’) 
+ BB” Sin $ Sin (nu — ku’ + w— w') 
und ergeben daher, wenn man z + g = f setzt, den Coeflicienten 
von Cos (fu — ku’ +u— u) 
= AN CC + (AN +A)) C++ (AT + AFP) C + usw. 
—BNSENBI- DI) SB BEN) Su 


Die beiden letzten Glieder erhalten einen ganz ähnlichen Ausdruck. 


6. 


ge in de 


Die Störung der Län v 
ähnliche Art, aus dem Ausdrucke [8]; 


Bahn findet man auf ganz 


Mathemat. Klasse 1524. Ö 


18 BEsSsEun 


A 
Kar e 3 u S 
er Tr Be af® Sind +3 Sin2$) si—kv s 


a’ a V(i-ee) 1— ee imkv i+h—kv 


Cos ((+A) php +0 w) 


A 

_@ Cos6+£Cos 2d+7e) 3i—kv c 4 E er E 
1—ee i—kv nm Sia (irhu—kp tu) 

si—2kv 


+ichyr Sin (ir-kwru—w)} 


h 


Suter tt eSı *Sin2 + k 
aam Sin ! ind+z7Sin2$) si+kv Cos ((i+h)u+ku+u+w') 


s 
7] aa nr 27 
a aYy(1—ee) 1—ee i+kv imh+kv 
A 


(2Cosb+$Cos2d+re) si+kv c 
1—ee  irkv irh+kv 


1 Sin (iurkurutw)} 


Sin ((i+h) urkn+ w +4) 


si+2kv 
(i+kv) 


Setzt man hier 
2Sn®d + Sn2$= (1—ee) si Sin gu 
3e+20osd + & Cos2#= (1—ece) C' Cosgu 


und, so wie bei der vorigen Entwickelung, + h+g= /f, so er- 
hält man 


kizi-kv Cost (Ua), Uri), 
I‘ [24 m S-g-k ! Ss N L C 
ie h Sin (Su— ku’ +u—w’) 
kJ sf—2kv 
+ aa N 
[19] . D) v re AT 
S in aa y(1—ece) 
kisijykv Snt 2 ge, VDE 
I‘ rk ae Ey 20 
ze Sin (fu+Au+u-w) 
| FI > sf+2kv 
tea (fa kv)? 


Von der Berechnung dieses Ausdrucks gilt alles das, was bei 
Gelegenheit von dr gesagt worden ist; der Vortheil, auch hier 
nach [18] zu rechnen, wird noch dadurch vergröfsert, dafs die bei 
der Berechnung von ör schon angewandten, durch 7 und 3 u.s. w. 
bezeichneten Summen, hier wieder eine Anwendung finden. 


2: 


Die Störung der Breite ist, nach [9], wenn man, um 


abzukürzen, für 


über die planetarischen Störungen. 19 


El Cotg 7 + e >) sap: 2: ar und (47) y 


P und P’ schreibt, 


=— I [ Sin («+0 — 2" Cos (+9) 


= — „ {(PSina— pP Cos») Cos$ + (PCosw+ P' Sin») Sing} 


TOT 


Nach [14] und [15] ist 


ki 
Bee wi Sin I » aa ı- i — Cos (iu — ku +u— uw) 
aa i— kv 
1 i 
das 008 (in+ ku + ur w)| 
‚ am E% - 
A ASiınJ -aa w— u) 
aa nt 
_ ran Sin (u+kW +u+w ; 


Wenn man dieses in den letzten Ausdruck von ds setzt, so wird er 


ee | Sin " ka (in — ku w”) = Cos (Int kW u ) 


N aamSnI «aa i— kv i+ Av 
aa) /(i—ee) 2 us & Sin (ia — ku’ — u’) = Sin (i ut kw +) 
2 i— kv i+ kv 


und wenn man Sin $ und Cos $ nach der oben schon ange- 


wandten Bezeichnung entwickelt, 


in (+9) u Au —w) 


ar aamSinT er 
- er ) a + ku + w )} 


a'a’ Y (1—ee) 


Setzt man in diesem Ausdrucke + g=f, i=f—g, so wird er 


1201. ös == 


ar 5) j 
aamSın] « > Sin (fu— ku —w )_ Sin (fa+ ku’+ u ) 
Tat HE ä - 
aay (1—ee) " are? J-g+kv 

und erfordert daher, für gegebene f und A, nur eine Summation, 


in Beziehung auf g 


C2 


20 BsEssisiEiE 


S 
Diese vollständige Auflösung der Aufgabe erfordert nun 
noch die Bestimmung der durch ce, y, C, C’ und s, vo, $, ‚$’ be- 
zeichneten Üoeflicienten; man erhält dieselbe nach der Methode, 


welche ich der Akademie am 2'* Julius ı8ı8 vorgelegt habe. Man 
hat nämlich 


20 — JS Cos $ Cos in » du 
e) a 


DI 
>] 
[7 


Ü ” 
= f- Sin od Sin 177 . du 
ey, & 
ad \ ! DT; ’ 
27% = /5 Cos 9 » Cos zw » du 


Ü , 
27 0 = [5 Sin 9 - Sin iu . dw 


Sin $ -» Sin zu » du 


fi 
3% 

27 e=ff: e+ 2Cos$® + 4 e Cos 29 ee du 
I 


1— ee 


Sin iu 


[>Sin ++ e Sin 2o 


1— ce 


sämmtliche Integrale von $, e oder x = 0 bis 27 genommen. 
Die sechs ersten derselben lassen sich leicht auf 


Js in » Cos ede und Sin in » Sin ede 
. . 


zurückführen, die beiden letzten auf die Coeflicienten der Ent- 
wickelung der Mittelpunktsgleichung. Denn man hat 


2 
Lan Cos $ = Cos e — e, also 


; 
2mE = f(Cos e—e) Cos iu du = = Sin zu (Cose—e) + -- Sin iu » Sinede 
" e 


21 


daher 


über die planetarischen Störungen 
verschwindet; 


o das erste Glied, ausgenommen für ’= 0 


= fin ia » Sin ede 


7 Sn $ = V(1-ee) Sin e 
ey Cos iu Sin e 


Im — V(—ee) [Sin IE SINE: du — 
+ Ze) (Cos iu Cose de 


0) Ü DE 
0; 275 = HZ) ('Cos in « Cos e de 
eo 
d (Sin p) 
Terz ere 


[22]... 275 = 
d ( Sin $) e+ Cos & , 
= ae is oder Cos = Y(1—ee) Tu 
— ! Sin iu, also das allge- 


Das allgemeine Glied von — Sin & ist 
. 8 Y(i—ee) Cos iu; daher 


meine Glied von Cos & 
= (ice) [Cos in » Cos 8 de 


0 
85 ].=27.C er eilt 
d ( Cos +) — Sind ; d ( Cos ®) 
du —  Yli—ee) ? oder Sin = — V(1—ee) dı 
— & Cos iu, also das allge- 


Das allgemeine Glied von —- Cos & ist 
CV ee) Sin iu; daher 


meine Glied von Sn = i:c Vi — 


‚ 
PDAlears— V.(1—ee) [Sin in Sin e de 
r dSinp aa aa 1 dSin a ” 
or V '(1—ee) Cos $, oder - — „Cos b a ee ee re folglich 
ü 
Bal.2ry ifSin iw Sin € de 
—1 „dCos {eb} ‚ folglich 
ee) dı. 


dCos P_ = y 


= iYlı—ee) fCos iv Cos € de 
[3 - 


(1—ee) Sin 6, oder SIT, 7 


B.2.$'S.E% 


22 
>e+2Cosp+—eCos2® __ 1—ee 1 
ie 1— ce “  e(t—eCose)? e 


do __ V (1—ee) ; 
du — (1 —e (os e) 22) folglich 
ze+2Cosp +—ZeCos2P __ Yl(i-ee) dp 1 
u. e i du De 


1— ce 
Wenn man daher die Mittelpunktsgleichung durch 
PP —u=24'Sin ya + 24"Sin 2u + u.s.w. 


bezeichnet, so hat man 


[37]... = ZEMI  gn REN 
e € 


dp _ Sinp _, : _ (2Sinp-+ ze Sin 2$) 
I... = Tee Hr) ern also 
5 dam 
[28]... = 


Die beiden in den sechs ersten Formeln vorkommenden 


Integrale 


fs in » Cos e de und [Sin in » Sin ede 


. . 7 1. . . 
kann man leicht auf [ Cos (he— kSine) de reduciren, wo Ah eine 


ganze Zahl bedeutet; dieses letzte Integral werde ich durch 
„Js (he — kSine) d=2rl 
bezeichnen. Man hat nämlich 
„Jos in » Cose de — fÜos iu(ı _ (1—eCoss)) “ 
— Jos iu. de — - Cosiu » du 


wo der letzte Theil, von =o bis x = 27 genommen, ver- 


le 
e 


schwindet; also 


eg ER ee Cos iu» Cosede=2r- —L 


Ferner hat man 


Sin in » Sinede — fÜos in » Cosede — Cos (e+in) de 


über die planetarischen Störungen. 23 


= ER i 
u Dee „SSin iu.» Snede=2r7 ee 


Te 


Die Reihenentwickelung von I; erhält man auf die, in mei- 
ner Abhandlung über die Keplersche Aufgabe angewandte Art ('), 


nämlich 


[31]... = —; en ne Zu oz 3, 
3 (+1) DES ) (R+ 3) -(z . 


woraus also folgende ERNE für die Berechnung der Coeflicienten 
der obigen Ausdrücke hervorgehen, wobei die Reihen 


Lo) 1 ZEN DE 
+1 Ft (+1) ea Eh a 
(+ (=) u.S.W 
2 1.2042) (+53) N 2 
der Kürze wegen durch #7 und &i bezeichnet sind: 
r ie i—1 
an r ol, eei ae : u 3 
2iTL = Mr 2i+ 2 2. ne = 
ey 
I 


o 
a 
\ 
Be 
in) 


se or (1-ee) - ; Ss=0 
u 0 
= le) 00 ; =. 
; & i 

— 0 

2 y E ce? N > 
N arte ze ne == 0 


SE 
Pe 
| 
2 
fun‘ 
= 
[= 
322 
2o 
I 


=] 
Pe 
EN 
n 
v 
a 
e 
a z 
“ 
4 


-. 


27 0 ( +) (1—ee)) Pi . P i} 5 Be Fe 


(') Abhandlungen der Akademie 1816-17. Mathemat. Klasse S.55. 


[NS 

> 
oJ 
{eo} 
[7 
[7 
[e>} 
E& 


y 


1 Pure o 
2 ) FB; B eeii B2 

ee '(i—ee (a . — 

=, On; IC + vd )) (0) re) i} N Et ' 


m 
=. 
ns 
=. 


oe KG — Vi ee)) pi— wet N 


Die Zahlenwerthe von C’ und ,$’ leitet man aus den bekannten 


I 
- 

S 
RI 8 
[8 
m 
a‘) 

o 
n 


Coeflicienten der Reihenentwickelung der Mittelpunktsgleichung nach 
[27] und [28] ab. 
9. 

In den meisten vorkommenden Fällen werden die Ausdrücke 
von ör, dv, ds sehr schnell convergiren, wenn man sie in Reihen 
entwickelt, welche nach den Potenzen der Excentricitäten und der 
Neigung fortschreiten ; diese Reihen erhält man, wenn man die eben 
bestimmten Coefficienten nach den Potenzen von e, e, 7 schreibt 
und in die Ausdrücke [17], [19] und [20] setzt. Durch eine dop- 
pelt, sowohl nach dieser, als noch nach einer andern Art, ge- 
führte Rechnung habe ich diese Reihen bis zu den Gliedern der 
zweiten Ordnung incl. entwickelt, und führe das Resultat davon 
hier an; wenn die höheren Ordnungen noch merkliche Werthe 
haben, so ist es bequemer, nach der oben entwickelten strengen 


Methode zu rechnen. 


3 
[32 ],sor m: Ir Cos 4 I? Vi —ee) X 


aa 
Br ir Me 8 VE: eefıi 3 2 
Cos(v—u +u—u) 4 ! ie ae en ea ern ra 
a 1 # 6 ) 
v—2 v—3 — 2)’ 
+Cos( —wW+u—w) te en 2 a 
A en m = I v1 ze v2 (v — 1)? 


+ Cos Cu — + u— uw) belt ee ..t 


+Cos (un — 2W + w— u) 4el- N r 2 \ 
2 E 


+0os (un + Bao vw) nn ee 


—— 
| 
a 
+ 
j|. 


über die planetarıschen Störungen. 25 


2 8 27 12 9 2 
3 ’ Mi „en - a nu er 
+ Cos (—u— u+w W) 4 “ir: Er + 5 Er ge at 


+ Cos( 3u— W+u—u)) ; ee 


+Cos( —2u" +W—w) 4 zer — - 


+ Cos (2u—2u+u— uw) 4 ee 


w 
a 
- 
u 
a 
— 
f 


——— FE 
| 
As . 
+” 
| 
Mi 
+ 
|| 
Ge 


{ 1 
+ Cos ( nur ee ‚5 = +7 —\ 
na 4 1 
+Cos( uru+o+w)4Sin- oe Fri, ut 
[35]- .do=m. ar Cos + V(ı—ee) x 
. ’ r 3 2 1 3 ce 5 
Sin( ‚BzHhune) POREBEERR. 5 GE 
4 16 15 12 24 
ge +) 
Te en ren 
jr I =: f 1- ur “ N) u 2 2a 5 12 
+Sin ( u de w)4e ! v1 = v vol + 
BE URL DO STHRROREE N E UOTE 6. ERAPER ZEREE SME RER 12 12 
+Sin(ou Pa “) 4 | v—1 v—2 v—3 rt 
i , h ler 4 2 6 
+ Sin ( un —2u + W— uw) (z hr u; + 
+Sin( 2+ W+u— uw) | DEIN ER en 3 
® v+2 v+1 v (+1) 
i , Re Sa PRETMR RE a TEN! 
+ Sin (—u— uW+u— uw) 4 | re ee 
30 
+, 
rt 
P r Ka = En 8 30 
+ Sin ( 3u— u" +w— u) 4 eel: rer Adter 
3 SB SEREEN 2 : 
1)? Er} ü 
a My BEN 1 , 2 I] ah 2 EM > 3 
+ Sin ( zu +u—u) eel— er Peer + 
z 5 6 12 
+ Sin (2u —2W + u—w) 7 el} — — u 3 = We TE 3 a 2@v— 1)? 
12 
+. —3 
Er! : 
Ar ’ LERNEN 1 2 1 I 
+ Sin ( n—3W+-w— uw) el Ta er et 


+Sin („+ W+w+w) Sin 4 r|— - + - = 4 Te — 1 
Mathemat. Klasse 1524. D 


Sin ( W+w) 


Si , 3 2 1 
+Sin ( MHAH+W) v Eee 


BEN 2 1 } 
v v—i1 v—) 


+ Sin —u+wW+u) -- 


ir 
+ Sin (2W’+w) 2e’ I 
n 
= 


159 


19. 


Obgleich die immer convergirende Reihe [51] zu der Berech- 
nung der Zahlenwerthe von I; hinreicht und daher für die Auf- 
gabe, welche aufgelöset werden sollte, von dieser Seite nichts zu 
wünschen übrig bleibt, so glaube ich doch diese Gelegenheit be- 
nutzen zu dürfen, um über die bestimmten Integrale, welche hier 
angewandt worden sind, etwas zu sagen. 

Nicht nur die Mittelpunktsgleichung und die Gröfsen 


Cos $, Sin$, rCosp, rSin®, —. Cos$, —, Sin ® 


führen in ihrer Entwickelung auf diese bestimmten Integrale, son- 
dern dieses ist auch der Fall bei 


logr, r*, r"Cosmo&, r"Sinmo®, r"Cosme, r”Sin me 


immer wenn r» und m ganze, entweder positive oder negative Zah- 
len, o nicht ausgeschiossen, sind. Da die meisten Probleme der 
gen zurück- 
führen, so ist eine genauere Kenntnifs dieser Integrale wün- 


physischen Astronomie auf solche Reihenentwickelun 


schenswerth. 


Ich werde, der Kürze wegen, die vier Integrale, von o bis 


genommen, folgendermafsen bezeichnen : 


[5°] 
S) 


"= L= f'Cos iu Cosede; = U=f'Sin iu Sin e de 


27 2 f Cos iu Cos e de Sın 7a Sın se ds 
ayn 2 1—e Cos: % r; 1—eCose 


über die planetarischen Störungen. 27. 


und zuerst zeigen, dafs die Entwickelung der angeführten Gröfsen 
von denselben abhängt. 

Bezeichnet man den Coeflicienten von Cos ’u in der Ent- 
wickelung des Logarithmen von r durch H und nimmt man 
denselben so, dafs die Reihe nicht nur alle positiven ganzen 7, son- 
dern auch die negativen enthält, so hat man 


H= log r Cosiu - du 
a ee .S= in » Sin eds 
a be) R Ü 1—e Cose 
also, mit Ausnahme von = 0, 
Er h ie 
[55]........H=—-—-M 
Für ?’= 0 erhält man einen logarithmischen Ausdruck ; man 
hat nämlich, wenn ınan 
“ 
1+ Y(i—ee) 
durch ? bezeichnet und die halbe grofse Axe = ı annimmt, 


- — Tue F1+ 22Cose + 37° Cos 2. + 22° Cost 


und wenn man mit dr = e Sin ede multplicirt und integrirt 
log r=e— [700 e++r Cos2ze+tR' Cos3e+... } ; 
zur Bestimmung der Constante c ist, für e = 0 


log-y=e-2 +4 HR +... =e+ 21-2) 


also 

1—e P} 
leer= A —.2 Ir Cose+ 47° Cos2ze ++ r Cosse+. et 
und wenn man dieses mit da = (1—eCose) de multiplieirt und 


von 0 bis 27 integrirt 


Bel. = Ing tre=! 1 + Vli=ee) ee Sr 


28 B’Esus E% 


Den Coeflicienten von Cos iu in der Entwickelung der gan- 
zen Potenzen des Radiusvectors = r”, bezeichne ich durch 
C” ; ich werde zuerst die vier Integrale durch diese Coeflicienten 
ausdrücken und dann eine allgemeine Relauion zwischen den zu 
verschiedenen Potenzen von r gehörigen € geben, woraus denn her- 
vorgehen wird, dafs ©” jedesmal auf diese Integrale zurückgeführt 


werden kann. 


Man hat 


1 us: ]} Go: Un Cosede= — fCos iu (ı—r) d= ee 
e ee 


z 
wovon ! = 0 ausgenommen ist. 
R j 
Yo B 1.0 Dre s 7, P BTEE 1 N 
Dre Sin ia Sın e de = — Sin iu — fr Cos ud= — — ıiC" 
x E ee e 
7 ®?CoszuCoss des 1 . 3 N 27 3 
ee | — = Jüos [777 (-—)e=# —IOZITECX ” 
. 1—el(oss ce r e 
7 ®SıniuSined: ı Cosin Sins = N ns n & = 
ue0e Se | a er) rm I .c 
. 1— e Coss i (i—e Cose)” 1 r PR 
wenn man im letzten Gliede wirklich differentiirt und Sin e” durch 
r eliminirt, so erhält man, mit Ausnahme von ’ = 0, 
*Siın zu Sıns des 1 = : 1 3 2(1—ee 
hi : =, f 005 in de ( _ 2. | i )) 
1— e Voss: ie ‚% 77° r 
oder 


2 


r 
. 


ö le-ı Cd +2(1—ee) cast 


c 1 


Die oben erwähnte allgemeine Relation erhält man, wenn 
man den zweiten Diflerentialqguotienten von 7”, vor und nach der 
Entwickelung in die Reilie, vergleicht; man hat nämlich dadurch 


12 7 | 
den —n. (n—1) rin (2n — 3) mr3_n (n— 2) (1—ee) pr=4 
= — zii C® Cos in 
folglich 


57]... =UÜC"9—n(n—ı) C®"?+n (an—3) C"=®?— n (n—2) (1—ee) ca=% 


über die planetarischen Störungen. 29 


und diese Relation, verbunden mit den vorher gegebenen vier 
Sätzen, bestimmt alle C”. Für verschiedene Werthe von z findet 


man nämlich: N 
n=—2...0=UÜCM—6CP+1CT9— s (1—ee) CT 
n=—1..01 =UÜCFN)—2 CT + 5079 —3 (1—ee) CT? 
n== 0....0=UC0® 
n—= 1....0=Ul® x — (74 (1-ee) CT 


+ 

a a ON Er AO E E BR, x 

Nn=E3.. VEN Om CHE gHCHN — (1—ee) ey 
+4....0=UÜC® —ı2 CI +»n0C" —s(1-—ee) C 


u. 5. w. 
Ferner hat man die vier Sätze 


L= (Br = re) 


139]: | 
M=— C°’+cC°?; M= Ic9-3c9+ 2 (ee) c=} 


so dafs die Verbindung derselben mit den eben angeführten Glei- 
chungen sowohl hinreichend als nothwendig ist, um alle C zu 


bestimmen : 


BER [@-+ee) L-+37/’U+ (2+ee) M+ i(1—ee) ag: :2 (1—ee)” 
Ce» =[L+iU+ NM}: (1—ee) 


c="—= L+M 

cC""=L 

ee > L 
1 

ca =——L 

Be ee 
[a ı 

N u ER g, 

ı ı 

1U12S WW. 


Für 7— o hat man, statt der Relation [57], die folgende 


30 


BESSEL 


[39]... 0o= (n-+1) CP — (en+1) CF” + (1—ee) n C" 


und diese, verbunden mit 


3 TE 1 
c9=1; C"=ı;, C9— 


V (i—ee) 


giebt alle übrigen C. 


Dafs auch r"Cos mb und r"Sin md von den vier Inte- 
gralen abhängen, läfst sich am leichtesten dadurch zeigen, dafs 
man diese Ausdrücke von & befreiet und dagegen r einführt. Man 
hat nämlich Cos m& gleich einer ganzen rationalen Function von 
Cos® = —, 


Gliedern, von der Form F . »/ verwandelt, deren jedes daher, in 


— — , wodurch r”Cos mg sich in eine Reihe von 


seiner Entwickelung, den Coeflicienten von Cos iu = F.C% 
giebt; 7” Sin m@ ist dagegen gleich einer Reihe von Gliedern von 
der Form F / Sin $, oder 

Y(—ee) dr vlü—e) d«»rf*! 


F ee da ii e Gr) di 


und der Coeflicient von Sin /u daher 


NER RL uni ce’, 
Eu) 

Eben so wie r” Cos m und 7” Sin m& verhalten sich in 
dieser Beziehung 7” Cos me und r” Sin me. Es geht also hieraus 
hervor, dafs alle Entwickelungen der ganzen Potenzen des Radius- 
vectors, oder der Producte dieser Potenzen in Cosinusse oder Si- 
nusse der Vielfachen der Anomalien, von den vier Integralen ab- 
hängen. Die zweckmäfsigsten Arten, die Reduction wirklich zu 
machen, wird man aus den unten vorkommenden weiteren Unter- 
suchungen über die Integrale ableiten. 


11: 


Was die beiden ersten Integrale L und 1 betrifft, so ist ihre 
Reduction auf I, oben [29] und [50] schon gegeben ; wir werden 
also nur diese transcendente Function näher untersuchen dürfen. 


über die planetarischen Störungen. 31 


Man hat 
Cos (@+ ı) e—kSin e) + Cos (d— 1ı)e— kSin e) — 2Cos (ie—kSine) Cose 
und wenn man das letzte Glied 
= Cos (ie — k Sin e) — -- Cos ((e—kSine) (—kCose) 
schreibt, mit Ze multiplieirt und von o bis 2” integrirt 
Klaas eilt FL 


Aus dieser Gleichung geht hervor, dafs man durch zwei 
Functionen dieser Art alle übrigen ausdrücken kann, und dafs man 
daher nur zwei, z.B. 


= k“ k° 

ea Zzebitr  - 4 0 —— Het... 
„ 2.4? (2 +4 +6)? 

ı __ 2% 4k° ch’ sk? 

gen wiege ey era 5 


zu kennen braucht, um alle I, dadurch zu finden; ferner dafs 
VE N a — (—ı) I, 
ist, so dafs also nur positive ganze 7 betrachtet werden dürfen. 


Den Ausdruck von I, durch I? und I} erhält man durch die 
Eigenschaften der Kettenbrüche. Man hat nämlich aus [40] 


1; La 
— 27 
15 —i 
‚ k Tr 
2L T, 
und wenn man dieses fortsetzt 
k 
I; Fr 
ala. er : 
[42]. = kk 
Tale 
EL kk 
1 5 
212.27 +4 
Ak 


2i+2h—4.2iHeh—2 


32 Bess EX 


Für A = ®x giebt dieser Kettenbruch das Verhältnifs zweier 
aufeinander folgenden Functionen unabhängig von anderen ; 


füri=ıundh=i-.ı giebt er 


air ni 


Verwandelt man diesen Kettenbruch, bis zu einem Gliede 
kk 
eh—2.2h 


bezeichnet man Zähler und Nenner desselben durch 4’ und 3°, 


1 incl. genommen, in einen gewöhnlichen Bruch und 


so hat man [45] 


k 


T} A’) = rl RENTE )° ge 
nn al. gone 
d I; 2i—2 AFTUI_-BEVIU:R 
a 1,17 u SH _Be=njj; I 2 


ähnliche Ausdrücke hat man, wenn man successive ! in Ü’—1, 
i—2, 7—3....2 verwandelt; multplicirt man dieselben miteinan- 


der, so ist das Product 


U _2+4..2i2 ATI BT 
(z de —11:R 
oder 
VAR Pe LET in a I _ Be" 1} 


Eliminirt man I? und I; aus drei Ausdrücken dieser Art für 
I,, 1, 3/, so erhält man eine Gleichung zwischen diesen drei 
Functionen, welche durch Berücksichtigung der bekannten Eigen- 
schaften der Kettenbrüche, auf ihre einfachste Gestalt gebracht 


über die planetarischen Störungen. 33 
5 


werden kann. Wenn aber % ein kleiner Bruch ist, so ist weder 
[44]; noch ein anderer endlicher Ausdruck, welcher ein höheres 
I, aus zwei niedrigeren ergiebt, zur Rechnung bequem; denn da 
I, von der Ordnung von 4 ist, so ist "="1} — BI, von der 
Ordnung von A” ”' und wird durch den Unterschied zweier Gröfsen 
von der Ordnung von Ak gefunden, also mit desto geringerer Ge- 
nauigkeit, je kleiner A und je gröfser 7 ist. 

Von dieser Unbequemlichkeit frei ist ein anderer, aber un- 
endlicher Ausdruck von I,, welchen man leicht aus [44] ableiten 
kann. Eliminirt man nämlich I} aus den Ausdrücken von I, und 
L,*', so erhält man 


De 


——Z L,; + BEUTH 2 ia en zo a geh: 


und nach den bekannten Eigenschaften der Kettenbrüche hat man 


AB N N 5 


-— BOL + BOTH = 1 


OR EL n 
en, Bo Den: u 


DL j 


und nach [42] 


re he Wign ale.) _ 
Eine, DO IDE-N kk 


Diese verschiedenen Ausdrücke können, wenn man nicht un- 
mittelbar nach der Reihe [51] rechnen will, benutzt werden, um T, 
aus I/ und I; zu erhalten; [44] mit desto geringerem Nachtheile, 
je gröfser k ist. 

Mathemat. Klasse 1824. E 


34 Beis'seiü 


12: 


Differenuirt man 27 I, —=f Cos (ie — k Sin e) de in Bezie- 
hung auf A, so erhält man f Sin (fe— kSine) Sin ede, also 
nach [50] 


-—. = e- IL — L*', oder 
4 _ ig _ du 
I; ink I; dk 


TE : : ANmE : P 
Dividirt man diese Gleichung durch (-) ‚ so ergiebt sie 


I 2 t 
SI = — ER eic 
(& iz d- Lu (d 1 
oder 
d Zu 
(>) 
Maler r = (— 1) ee 


wovon ein besonderer Fall ist 


Eee 
KUN, a) 


Vergleicht man [40] und [46], so erhält man die Differential- 
gleichung der zweiten Ordnung, welcher I, entspricht: 


a al is, AT; : di 
a EEE 


Die durch [46] angegebene Verbindung der verschiedenen, zu 


einem gleichen Argumente A gehörigen Functionen, ergiebt die 


endliche Veränderung einer derselben, welche dadurch entsteht, 


dafs k sich in k + z verwandelt. Man hat nämlich 


über die planetarischen Störungen. 35 
d. ur 
Er 
a(%) 0 
Pr ;_ 
Ber 
re” 
pe 
a SRSR® le 
«J ©" 
usass. SW 
also nach dem Taylorschen Lehrsatze 
PB ae, 
SG RN: 
ı nn C) e — + cl 2, = ZIER 
Ca: er : (d 7) 


; EN I 2 1.6427, ZN 
ale eet —t +7) It, —1L,*' 2 € E 3) Su : = (i +7) —_ eic..t 
welche Reihe zur Berechnung und Interpolation einer Tafel dieser 
Functionen angewendet werden kann und bei der, dieser Abhand- 
lung angehängten, von k=o bis k= 3,2 gehenden, I} und I; 
enthaltenden, benutzt worden ist. 


45. 


Auf die Function I, lassen sich noch andere Integrale zu- 
rückführen, wie aus den folgenden Beispielen hervorgehen wird. 


[50]: nf os (e— m Cose—n Sine) de = Üos ie I, 


_ VY(Imm+#nn) 
27€ 
Beweis. Seizı man m =a Sin« SET U Cosa, te = 2, 


so wird der Ausdruck 
E2 


36 BuE#s\stE in 


= Jos (—ia+iz— a Sins) ds= nn Cos (is —a Sin 2) ds 
Site = (Sin (iz—aSinz) dz 


Ir 
un 


Das letzte Glied dieses Ausdrucks verschwindet aber, wenn man es 
von o bis 27 nimmt; denn Sin (z—aSinz) läfst sich in eine 
Reihe von Sinussen der Vielfachen von z verwandeln. Also bleibt 
nur das erste übrig und dieses giebt 


Cos ia L = Cos-2a L,:;.%.., 


N ech ; £ en a ER 
Brjess nf Cos ie Cos (mCose + n Sin e) de = Cos ia I, „„y,., für ein 
2#e 


gerades 7 und = 0 für ein ungerades. 
Beweis. Das Integral ist 


AT 


af Cs (ie — m Cos e — n Sin e) de+ af Cos (—1ie—mUose—nSine) de 


also nach [41] und [50] 
- Cos ia nA BEN EN ER Q.E.D. 


für ein 


[92]=- 3] Si ie Sin (m Cose+nSine) de= Üos ie I, 


ungerades / und = 0 für ein gerades. 


Yimm kan) 


Beweis. Das Integral ist 


4m 


„Jos (ie — m Cose—n Sine) de — - Cos (—ie— m Cose—n Sin e) de 
also nach [41] und [50] 
+ Cos ia nn — N Tramyany Q- ED. 


” 1 FF. .Q: Ar 3.271 7 
[55]. nf Cos €” Cos (kSine) de = nz I: 


Beweis. Durch theilweise Integration erhält man das Integral 


Sin e Cos €” =' Cos (k Sin e) — —— Cos e” *' Sin (A Sin e) 


i+1 


+ (21 f Cos €” =? Cos (kSine) de — (2! — ,JOos &”' Cos (A Sine) de 
Eu af os e” +? Cos (kSine) de 


2! +1 


über die planetarischen Störungen. 37, 


wo die beiden ersten Glieder, von e=o bis e=27r genommen, 
verschwinden ; man hat also 


= (i— es € =” Cos (kSine) de—2i [Cos €” Cos (kSine) de 
u [Cos € *° Cos (kSine) de 


2i+1 


und wenn man 


„Js e* . Cos (kSine) de durch - in oh 


bezeichnet 
= kp 1) ip () + ko (it) 
Diese Relation stimmt mit [40] überein; allein für =o und 


i=ı findet man g0o—=IJ; und 91 =[],, also auch 92 = [L,, u.s.w. 


VE: 
[54]..„f'Cos As (22) ° da | ee] = te eni 


Beweis. Cos e” Cos (kSine) enthält nur gerade Potenzen 
von Cos e und Sin e, also nur Cosinusse der geraden Vielfachen 
von e;f Cos &” .» Cos (kSine) de also, aufser dem in e multpli- 
eirten Gliede, nur Sinusse der geraden Vielfachen von e, welche 
daher, von o bis + =, von + # bis m, von = bis + = und von 


2 
3 bis 27 genommen, verschwinden. Man hat daher 


—=! e = 27 


‚Jüos €” Cos(kSine) de Dit, — ]=+f0o &” Cos (kSine) de 2 | 


1 + 3.00.29 RL: X 
Ta EEE . nach [55] 


Schreibt man z für Sin e, so erhält man de = er 


Cos ®® = ı — zz und damit den Satz. 


[55]... 


L fer Cos (mSine) de = T’ 


Vimm an) 


Beweis. Die ungeraden Potenzen von Cos e, in der Ent- 
wickelung der Exponentialgröfse verschwinden aus dem Integrale; 
man hat dasselbe daher 


38 B:E\sıseou% 


1 n? 5 n" R 
EEOIS N ITERF LIT Car er er 
270 Il2 II4 


PETE 
+ —- Sine' — cic...} 


14 


und das allgemeine Glied des Products dieser beiden Reihen 


24 4 


elle: na n m De 
 Cos e® „Cos e” =?Sine? a Cos €” "*Sine’—etc...; 


m rer m I (2i—4) 4 


Fe = Sign Quer 1 12h - N(2i—2h) 
q C 2 Sin e’ds = - . = 
allein 5 08 € : I. m. WG) und da 


5 


Te 


her das allgemeine Glied 


1 2: . 22, 2 i» er 
a 52 —iı- Rn m nr Bere m — elle. 1 nn — 
22 (HR)? { NET £ } 2=: (112)* 


k®' 
j 22 (mi)? 
wenn man Y (mm—nn) für k schreibt, der Satz folgt. 


Das allgemeine Glied von I} ist = (—1)' woraus, 


Man könnte die Anzahl dieser Sätze noch sehr vermehren, 
auch, durch Verwechselung der Sinus und Cosinus Abänderungen 
derselben machen, allein ich glaube nicht länger dabei verweilen 
zu dürfen. Ich bemerke nur noch, dafs die Reihenentwickelun- 
gen von Cos k »- 1 und Sin k - I} nach sehr einfachen Gesetzen 


fortschreiten: man hat nämlich 


= fin (k Cose) de; 


durch Muluplication dieser Gleichungen mit 


Cos k 
Sin k 


Sin k 
— Cosk 


findet man 


Cosk»- LE = fs (k—kÜose) de= a f%os (2kSin +e?) de 
nf Sin @ASin 42’) de 


und wenn man die beiden letzten Ausdrücke in die Reihen 


Sin A. 17 = [Sin (k—kCos9)de= 


über die planetarischen. Störungen. 39 


1 (2)? Sin + e® (2A)* Sin 4 s® @A)° Sin ze t 
TE de I = 4 eg - + EiC... 
s 2 2 Sin + s® 2k)’ Sin 4 e!° 
de ie Sin 4 ® une: Me a 
“ 113 I15 


entwickelt und jedes Glied derselben von o bis 27 nimmt, 


Tg Le gell | PET a i 
Cs Ak pP —1 ag + ar)? k Ar)? k® + etc... 
Sink- P=k— yy + ar ) ee SEE EA 1 DPF RR 


1. 


Die Function I! hat mit den Sinussen und Cosinussen die 
merkwürdige Eigenschaft gemein, immer wenn ihr Argument A 
von 2nr bis zu (22+2) r wächst, zweimal zu verschwinden und 
dann das Zeichen zu ändern. Ich werde zeigen, dafs I} von 
k—= mr bis (m+ 1)” immer positiv ist, wenn m eine gerade Zahl, 
und negativ, wenn m ungerade ist. 

Wenn man Sne=z und k = :7*” . z seizt, wo m’ ei- 
nen eigentlichen Bruch bedeutet, so hat man nach der bei [54] ge- 
machten Bemerkung, 


= f’00s 2m + m’ Er dz vonz=0], 
Tr zu 5 yi—zz2): Lbis z=11’ 


schreibt man » für (am + m')z, so verwandelt sich dieser Aus- 


druck in 
2 7 dv vonv=0 
== — fCos - vv. & { | 
”e 2 V (e m -+ m’)? — vr) is v=2m+m 


Das Integral, von v = a bis v = b genommen, ist, wenn 


man h + u für » schreibt 


PR feos \ hr Er ng 2) du vonu=a— ] 
en 2 2 Y (em + m)’ — (+ u)?) bis u=b—h 


nimmt man nun Ainach und nach = 1, 3,....2m— ı und a und 


b immer = h —ı und A ı, so ergiebt der letzte Ausdruck 


INeBiEISISHWENTG 


2 Pair wg 
L.=— Sin u: duf ir u 
“ 5 V (1 —(i+ u)?) V (wu 6 u)?) 
+= = Yale Are N? vnu=— a 
Y(w#— (em—3+u)?) yYlm—(2m—1+u)?) bs u=-+1 
9 Co wedu 

Su. (— A). = De ur ] 
re o ) (u — = (2m +1)? )”) bs u=m 


wo # für 2m -+ m’ geschrieben ist. Die einzelnen Glieder dieses 
Ausdrucks sind positiv, das letzte offenbar weil — u immer kleiner 
ist als *, die übrigen, weil ihr positiver Theil gröfser ist als der 
negative; denn man hat 


. 


BE na 3 Sin = u auf 
17 Te — (kh+u) ) bs u=+1 2 Ylia — (h+ u)?) 


1 von u =] 
) (tan — (h —_— zu)e ) bis u=1 


wo der Nenner des positiven Thheils stets kleiner ist als der des ne- 


° SinTu.du 


gativen. ‘Ferner ist jedes folgende Glied gröfser als das vorherge- 
hende, wegen der immer abnehmenden Nenner ; die Summe zweier 
aufeinander folgenden hat daher das Zeichen des letzten derselben. 
Wenn m gerade ist, so ist das letzte Glied in der Klammer posi- 
üuv und daher die Summe aller Glieder positiv; wenn m ungerade 
ist, so ist das letzte Glied negativ und daher die Summe aller Glie- 
der bis zum zweiten negativ und das erste Glied, so wie das Glied 
aufser der Klammer, sind gleichfalls negativ. 

Diese Eigenschaft kommt der Function I} nicht allein zu, 
sondern alle I, besitzen eine ähnliche. Man nat aalich [46], 


wenn man, Kürze wegen, I, durch (= ) R® und # durch » be- 
zeichnet 
me _ AR“ } 
dr’ 


woraus folgt, dafs A’ *®) verschwindet wenn AR’ ein Maximum oder 

Minimum ist; allein zwischen zwei Werthen von k oder # für 
, 

welche A“ verschwindet, liegt nothwendig ein Maximum oder Mi- 


über die planetarischen Störungen. 41 


nimum, also auch ein verschwindendes R"*", Es ist daher klar, 
dafs I} eben so oft = 0 wird, so oft I} ein Maximum oder Mini- 
mum ist; zwischen zwei Werthen von %k für welche I; verschwin- 
det, liegt immer ein Maximum oder Minimum von R', daher ein 
verschwindendes I’, u.s. w. 


13. 


Die beiden im ı0'* Arukel durch M und M’ bezeichneten In- 
tegrale sind weit zusammengesetzter als die beiden anderen L und L. 
Eine endliche Relation zwischen einem derselben und der trans- 
cendenten Function I, scheint nicht vorhanden zu seyn; allein man 


kann schr leicht zeigen, dafs beide sich auf Integrale von der Form 


Cos (he — k Sine) vone=0 
S 1—e Cose de bis 


zurückführen lassen. Bezeichnet man dieses Integral durch 


h 
BER): 


so hat man nämlich 


4 ee Cos & EN J-'+ 4 Jr 
e 


27 1—eCoss 2 
1 Sin ((ie— kSin:) Sins Bas ö 
a H Se a ee ag 
276 1— eos: 2 & 
woraus für A = ie die Ausdrücke von M und M' folgen, nämlich 


M=-_#7'+Z2Jt 
rss ee 
c Er i 2 ı 4 


2] 


ö 


Man hat ferner 


= f ea ee f os ((e— kSine) de 
27 e 1— e bose ImEe 
es 1 H Cos (ie — kSin ) RTL CE Er 2 7 
2me 1— eos e [8 e 


und die Verbindung dieses Ausdrucks mit dem vorher für dasselbe 
Integral gefundenen giebt 
Mathemat. Klasse 1824. F 


BiExsvSsEiz 


5871... Eee - RER SE pr 


[59]: 


woraus also hervorgeht, dafs jedes J, durch I}, I, J? und J} ge- 
funden werden kann. Es wäre also nöthig, noch J? und J} nä- 
her zu untersuchen, allein es ist mir nicht gelungen, diese beiden 
iranscendenten Functionen, welche die beiden Argumente e und k 
haben, auf andere, nur von Einem Argumente abhängige, welche 
in eine Tafel gebracht werden könnten, zurückzuführen. 

Die Meihode, das Integral J, in eine Reihe zu entwickeln, 
habe ich in meiner Abhandlung über das Keplersche Problem ge- 
geben; hier theile ich eine zweite Reihenentwicklung mit, welche 
die Tafel für I} und I; voraussetzt und in allen Fällen convergirt. 
Man hat bekanntlich 


er rl: 2-.22% Cos’e=r 22? Cos'2e-+ 22° Cosse-k.... 


1— eÜose V (1i—ee) 


e 


1+ Y(1-ee) ; 


multiplieirt man diese Reihe mit Cos (re—k Sin e) de und integrirt 


von 0 bis 27, so erhält man: 


er RR i +1 2 +2 
I Fee It. —iL’ Fa Lr 8... 


+ RE Ar +} 


oder anders geschrieben 


TR 2 RL I PrR-tl+..+E 
— XL + Ar —- RPLD+ ee... 


+? L*" +9” LH’ +- a Lr+ art) 


wo die beiden unendlichen Reihen mit einem Gliede der 7 + 2” 
Ordnung anfangen. Will man von J, zu dem folgenden J,*' über- 
gehen, so erhält man eine dazu dienliche Formel, wenn man den 
eben gegebenen Ausdruck mit A multiplieirt und das Product von 
dem ähnlichen Ausdrucke für J;*' abzieht; man hat dadurch 


über die planetarischen. Störungen. 43 
Bo. =rrd re ee +rL’+RLr + eic....} 


Will man die beiden Integrale 
CC Sin? ins 
er Cos iu Cos e nd E r. Sin zu Sin Br 


27 1—elCose 1— elLose 


auf die Coeflieienten der Reihe für die Mittelpunktsgleichung 
6=% + 24'Sin u + 24”Sin ep + etc.... 


zurückführen, so geschieht dieses folgendermafsen : 


1 Cos iu Cos - Cos in » de 
— de= — os iu de ee 
lS 1— eCose ' = 2m e 1—eCose 
. 7 is 
wo das letzte Glied der Ausdruck von 4A“ ist; man 


ey A — ee) 
hat daher 


a een 


ferner hat man 


dp _ Sind __ Vlt—ee) Sin N 1 e 
de “ A-—ee 2-+eCosg) = 4 Bi % 4 


1— e (Cose 1— ee 1— e Cose 


entwickelt man diesen Ausdruck in die Reihe 


db 


de 


= 2B’Siın » + 22" Sin 2u + 2B” Sin su + etc.. 


..; 


so ist einerseits 


Gy 1 Sin iu ‚ Sine i 
B — un uf Sin in Sin ede+ V(i—ee) -, ee des 
und andrerseits 
AA“ 
1 (200 VERBER = 
B de 2 
man hat also, nach [50], 
ö ale e da“) 1 RN 
ET Pe Teer ZE er LI, + — : 
| 16. 


Bei der Auflösung der Aufgaben der physischen Astronomie, 
welche auf I, und J, zurückführen, wird 4 meistentheils nicht 
F2 


44 


B.ENs'sıEe 5 


sehr grofs seyn; dann ist der Gebrauch der Tafel für die erste 
dieser Functionen nicht so zweckmäfsig und bequem, als die di- 
recte Berechnung des Reihenausdrucks derselben. Um aber doch 
von der Anwendung der am Ende dieser Abhandlung abgedruck- 
ten Tafeln Beispiele zu geben, werde ich den Coeflicienten von 
Cos 4% in der Entwickelung von r’ und den Coeflicienten von 
Sin Au in der Entwickelung der Mittelpunktsgleichung, beide für 
eine Ellipse, deren Excentricität = 0,35 ist, mittelst der Tafeln be- 
stimmen, 

Der Coeflicient von Cos iu in der Entwickelung von r° ist, 


5 
nach den Formeln im 10% Artikel 


De TEE 


rı 1 


also für = 4, 


- Sin iu Sin ede 


ya 


1 1 
45 (1—ee) e . fe Au Cos e de — 5 e — 


und nach [29] und [50] 


I» 
2 
Bm 
ıe 
nun} 
- 
> 
“ 
A k-) 
a 
u 
.o 
e 


Aus den in der Tafel enthaltenen Werthen 
I ,= 0, 56685 51204 und I; , = 0, 54194 77139 
findet man 
I; . = 0, 00906 28717 und I; , = 0, 00129 01251 


und damit den gesuchten Coeflicienien —= + 0, 00068 38136, wobei 
zu bemerken ist, dafs man ihn verdoppeln mufs, wenn man nur 
die positiven Vielfachen von u, in der Entwickelung haben will. 

Der Coeflicient von Sin iu in der Entwickelung der Miutel- 
punktsgleichung,, ist 


vA — ce) 1 gr Cos in » de _ V = ee) 2 


7 27 1— eos: ı Ai 


also, düre 4 amdie = 0,35,‘ nach [59], 


über die planetarischen Störungen. 45 


a br + en zB HiB HT, 
— TI ,+r DR, —-WD,+ ete..... 
+r DB, +” R,+”rTD,+ ec. de 

Man findet, 


I° = 0, 56655 51204 
I' = 0, 54194 77139 
I? = 0, 20735 53995 
IT’ = 0, 05049 77133 
I’ = 0, 00906 28717 
7’ = 0, 00129 01251 
1° = 0, 00015 23073 
I’ = 0, 00001 53661 
I® = 0, 00000 13533 
und hiermit 
27° = + 0,0000 #751 — A?’ I = — 0,0010 4552 R 1? = —+ 0, 00023 31451 
PS 0, 0089 408 HA PP = + 4 TUT’ = + 49740 
a 0,0007 123 — TV’ = - 9’ T-= + 97 
PT’ = 0, 00912 5705 Fr P’ = + 83 r’TPT’ = zu 14 
I’ = 0,006 717 —-— A” PP = _ 3 
+ 0, 02376 34304 — 0, 00009 75407 + 0, 00023 82112 
Die Summe aller drei Theile ist o, 02590 41009 und daher der 
gesuchte Üoeflicient — 0, 00722 60252 — 2 50”, 47169; er mulfs gleich- 


falls verdoppelt werden, wenn die Entwickelung nur die positiven 
Vielfachen von w enthalten soll. 


aa an an anna 


46 Bes SE 


Tafel der Functionen T, und I]. 
lrafel der F t Ip l 1, 


aaa anna. 


k 1? Diff. I. Diff. IT. T: DIET. | DEM. 


0,00 00000 00000 2 49998 99979 | 0, 00000 00000 
0,01 99997 50002 99921 | 0, 00499 99375 
0, 02 ‚99990 00025 99529 0, 00999 95000 ! 
0,03| 0, 99977 50127 99697 | 0, 01499 83126 
0,04 99960 00400 99527 | 0, 01999 60003 


0,05 99937 50976 99323 | 0, 02499 21883 
0,06 99910 02025 99078 | 0, 02998 65020 
0,07 99877 53751 98798 | 0, 03497 85669 
0,08 99840 06399 95478 | 0, 03996 80085 
0,09 99797 60249 98124|0, 04495 44529 


0,10 99750 15621 97730 1.0, 04993 75260 
11 | 0, 99697 72869 97299 | 0, 05491 68544 
12 99640 32387 96833 | 0, 05989 20648 
13 99577 94606 4 96326 1-0, 06486 27842 
14 99510 59992 30940 4 95785 | 0, 06982 86400 


499 99375 | 3750 
499 95625 7499 | 
499 88126 11249 
499 76877 14997 
499 61880 18743 


499 43137 | 22188 
499 20649 26233 
498 94416 | 29972 
498 64444 33713 
498 30731 37447 
497 93284 41180 
497 52104 44910 
497 07194 | 48636 
496 58558 | 52656 
496 06202 56075 


495 50127 59786 
494 90341 63494 
494 26847 67196 
493 59651 70893 
88758 74583 
14175 78269 
35906 831945 
53961 85618 
68343 89281 
79062 92937 


56125 96588 
) 89537 00227 

89310 03859 
| 07484 
11099 
14704 
18300 
21886 
25463 
29027 


32584 
36126 
39659 
43180 
46690 


| So Bu Sol 
| Se El 2 So jez 
Stube 


Fe ww 
SD <r 


ano 
UIID 
BD ion Sn <ı on 
[02 


= 


-1 


15 99438 29052 26725 95205 | 0, 07478 92602 
16 99361 02327 32 21930 94590 | 0, 07974 42729 
7 99278 80397 | 37 16520 93935 | 0, 08469 33070 
Y9191 63877 92 10455 4 93245 | 0, 08963 59917 
99099 53422 97 03700 92517 |0, 09457 19568 
99002 49722 96217 91755 | 0, 09950 08326 
98900 53505 ; 87972 | — 4 90951 | 0, 10442 22501 
‚93793 65533 78923 |— 4 90116 | 0, 10933 58407 
98681 86610 69039 | 89239 | 0, 11424 12368 
98565 17571 21 58278 |— 4 88329 | 0, 11913 80711 


95443 59293 26 46607 | 87382 12402 5° 
98317 12686 31 33989 86397 | 0, 12890 458% 
98185 78697 36 20386 4 85377 13377 3: 
95049 58311 05763 54320 13563 2. 
97908 52548 45 90083 4 83227 14348 
97762 62465 50 7: 4 82098 14831 88163 
97611 89155 5 55108 4 80935 15314 55031 
97456 33747 79731 15796 07195 
97295 97406 5 160741 — 4 78495 16276 41059 
97130 81332 9 94569 16755 53037 
‚ 96960 86763 4 < 4 7591: 17233 39552 
96786 14971 9. 7 l 17709 97040 | 
96606 67264 4 22278 4 7319: 18185 21944 | 
96422 449S6 95. 18659 10722 | 
96233 49515 9 248 4 3: 19131 59841 


nn 


DT N 


v 


0 
(0) 
0 
) 
[) 
0 
0 
0 
0 
[Ü 
0 


66868 
52164 
33864 
11978 
86515 
57488 
2/4904 
83778 
49119 
05939 


44444 +Htt+ t+HHh+ Hart Hr r Hr Hart HH + rt + 


PPrerap pn 


96039 82267 | 19602 65780 


über die planetarischen Störungen. 47 
fe] 


| Di. I. 


IE Di. T. Diff. II. I; DU. T. 


I} 
14169 59249 | 50184 
468 09065 53671 

466 55394 | 57141 
46% 98253 60599 
463 37054 | 64045 


68844 19602 65780 | 
6732 20072 25029 | 
65770 205/40 34094 | 
64183 21006 SY4SS | 
62560 21471,87741| 
60900 
59211 
67483 


55724 


‚ 96039 82267 198 37578 
„95841 44689 203 06422 
‚95638 33267 207 73748 
„95430 64519 212: 39518 

95218 25001 03701 


95001 21300 21 66261 
94779 55039 226, 27161 
94553 27878 ! 86372! 
94322 41506 235 43855 
94086 97651 \ 99579 
93846 98072 ö 353509 
93602 44563 249 05612 
93353 38951 253 55853 
93099 83098 258 04201 | 
92841 j 50621 


De ee 
oo 


eg 


730609 | 67476 
06133 70894 
35239 | 74296 
60943 77685 
83258 51060 
02198 S4417 
17781 87162 
30019 | 91090 
38929 | 94400 

1529 | 970698 
00977 
04239 | 
07484 
10714 
13925 
17117 
20293 
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19976 
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52713 | 
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444 HH rrr Hr HH HH HH HH HH HH + HH HH + +++ + 


5 65698 1 — 


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01511 


94918 
95969 
96989 
97976 
98929 
99851 
00740 
01595 
02418 
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09714 
10104 
10463 

10788 
11079 
11337 
11561 
11753 
11909 
12034 


12124 
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12205 

2195 
12151 


12076 
11964 
11822 
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11434 
11192 
10914 
10605 
10261 
09885 
09476 
09035 | 
08557 
08051 
07509 


Mathemat. Klasse 1824, 


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185 Diff. 1. | Di. II. I; DIE. TI. | "DIENT 


2sı181 85594 551 03002 
27600 82592 5850 74876 
27020 07746 550 42684, 
‚26439 65032 5850 06433 
53599 579 66127 


92472 9121775 

70697 73384 

97313 578 20960 

76353 64513 

> 11840 04049 
07791 > 39578 

68213 e 71108 

, 97105 4 98650 
20661 98455 4 22211 
20087 76244 3 41802 


28126 | 0, 58115 
32192 | 0, 58089 
36251 10, 58059 
40306 | 0, 58025 


26 09020 4 06936 
30 15956 4 06332 
34 22284 4 05689 
3 
4 
4 


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10 27973 4 05018 
44352 | 0, 57986 « 32991 4 04313 


48391 62503 6 37304 4 03576 
52424 25199 50 40880 4 02807 
50447 841319 ı 43687 02005 
60464 40632 Ss 45692 01170 
64471 IA4940 2 46862 4 00306 
68470 48078 47168 
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92259 93043 90 29023 
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15650 41511 
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0, 56382 11935 


23346 
27174 | 0, 56260 69206 
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42347 |0, 55736 76875 40 46377 
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53569 10097 | 1: 70963 
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0, 53433 57669) — 191 67170 
0,53241 90499 95 19656 
0, 53046 70813 98 70287 
0,52848 00526 202 18941 
0, 52645 81585 205 65625 
0, 52440 159600 | — : 10309 
0, 52231 05657 212 52968 


0,52018 52682 


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91080 
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88683 
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83524 


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80759 
79333 
77876 
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74871 
13327 
71748 
70146 
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66848 
65155 
63434 
61685 
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58102 
56268 
54405 
52516 
50601 
48654 
46684 
44684 
42661 
40611 


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19514 34442 57432 
15941 77010 2 69114 | 
15370 07896 570 76855 
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17229 50371 > 80568 | 


16660 69803 76560 
16092 93243 566 68660 
15526 24583 565 56879 

, 14960 67704 564 41229 
14396 26475 | 21726 
13833 04749 561 98380 
‚13271 06369 560 71206 
‚12710 35163 9 40216 
12150 94947 558 05427 
11592 89520 66851 
11036 22669 55 24504 
„10480 98165 
, 09927 19764 
„ 09374 91208 
‚08824 16221 
‚08274 98513 
7727 41778 
07181 49692 

‚ 06637 25915 
06094 74091 
05553 97844 97060 | 82776 
05015 00784 14284 86347 
04477 86500 27937 | 89901 
‚03942 58563 3 38036 |+ 1 93437 
03409 20527 E 44599 |+ 96951 


„ 02877 75928 29 47648 |+ 2 00448 
‚02348 28280 | 47200 |-++ 2 03924 
01820 81080 25 43276 |+ 2 07381 
01295 37804 23 35895 |-+ 2 10819 
00772 01909 25076 + 14234 


00250 76833 


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über die planetarischen Störungen. 51 


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0, 00250 76833 |— 519 10842 |+ 2 17630 | 0, 52018 52682 |— 215 93579 |— 3 38529 
0, 00268 34009 |— 516 93212 |+ 2 21006 | 0, 51802 59103 |— 219 32108 |— 3 36424 1 
0,00785 27221\— 514 72206 !+ 2 24357 1 0,51583 26995 |— 222 685321 — 3 34295 
0, 01299 99427 |— 512 57849 |+ 2 27692 |0, 51360 58463 |— 226 02827 |— 3 32138 
0, 01812 47276 |— 510 20157 |+ 2 31001 |0, 51134 55636 |— 229 34965 |— 3 29957 
0, 02322 67433 |— 507 89156 |+ 2 34289 | 0, 50905 20671|— 232 64922 | — 3 27749 
0, 02830 56589 |— 505 54867 |+ 2 37557 | 0, 50672 55749 |— 235 92671)— 3 25516 
0, 03336 11456 |— 503 17310 + 2 40800 ! 0, 50436 63078.|— 239 18187 !— 3 23258 || 
0,03839 28766 |— 500 76510 + 2 44021 | 0, 50197 A4sgı |— 242 A145 |— 3 20976| 
0, 04340 05276 |— 498 32498 |+ 2 47220 | 0, 49955 03446 |— 245 62421 |— 3 18669) 
0, 04838 37765 |— 495 85269 |+ 2 50394 | 0, 49709 41025 \— 248 81090 |— 3 16336 
0, 05334 23034 \— 493 34875 |+ 2 53546 | 0, 49460 59935 | — 251 97426 | — 3 13981 
0, 05827 57909 |— 490 81329 |-+ 2 56675 10, 49208 62509 |— 255 11407 |— 3 11601| 
0,06318 39238 \— 488 24654 |+ 2 59777 | 0, 48953 51102 |— 258 23008 |— 3 09198) 
0, 06806 63892 |— 485 64877 \+ 2 62858 | 0, 48695 28094 \— 261 32206 | — 3 06769 
0,07292 28769 |— 483 02019 |+ 2 65914 | 0, 48433 95888 | — 264 38975 |— 3 04321 
0, 07775 30788 |— 480 36105 |+ 2 6894410, 48169 56913 |— 267 43296 )— 3 01845 
0,08255 66893 \— 477 67161 |+ 2 71951 | 0, 47902 13617 1— 270 Asıdı | — 2 99349| 
0, 08733 34054 |— 474 95210 |+ 2 74930 | 0, 47631 68476 |— 273 44490 | — 2 96831 
0, 09208 29264 |— 472 20280 + 2 77887 |0,47358 23986 |— 276 41321 |— 2 94288 4 
0,09680 49544 |— 469 42393 + 2 80817 | 0, 47081 82665 ,— 279 35609 |— 2 91724 
0, 10149 91937 |— 466 61576 |+ 2 83722 | 0, 46802 47056 | — 282 27333 |— 2 S9140| 
0, 10616 53513 |— 463 77854 |+ 2 86598 | 0, 46520 19723 |— 285 16473 |—- 2 86529 
0, 11080 31367 |— 460 91256 + 2 89453 | 0, 46235 03250 |— 288 03002 |— 2 33903 
0, 11541 22623 |— 458 01803 + 2 92277 | 0, 45947 00248 |— 290 86905 |— 2 S1251 
0,11999 24426 |— 455 09526 |+ 2 95077 | 0, 45656 13343 | — 293 68156 |— 2 75550 
0, 12454 33952 |— 452 14449 |+ 2 97849 | 0, 45362 45187 | — 296 46736 |— 2 75887 |f 
0, 12906 48401 )— 449 16600 + 3 00594 | 0, 45065 98451 |— 299 22623 |— 2 73175 
0, 13355 65001 |— 446 16006 |+ 3 03313 | 0, 44766 75828 | — 301 95798 |— 2 70441) 
0, 13501 81007 |— 443 12693 |+ 3 00002 | 0, 44464 50030 | — 304 66239 |— 2 67088 8 
0, 14244 93700 |— 440 06691 \+ 3 08667 | 0, 44160 13791 |— 307 33927 |— 2 64915 
0, 14685 00391 ,— 436 98024 \+ 3 11302] 0, 43852 79864 |— 309 98542 |— 2 62122 
0,15121 98415 | — 433 86722 |+ 3 13907 | 0, 43542 S1022 |— 312 60964 |— 2 59311 
0,15555 85137 |— 430 72815 |+ 3 16489 | 0, 43230 20058 |— 315 20275 |— 2 56478 
0, 15986 57952 |— 427 56326 + 3 19037 | 0, 42914 99783 |— 317 76753 \— 2 53630| 
0, 16414 14278 |— 424 37289 |+ 3 21561 | 0, 42597 23030 |— 320 30383 |— 2 50761 | 
0, 16338 51567 |— 421 15728 |+ 3 24053 | 0, 42276 92647 |— 322 Sı144 | — 2 47873 || 
0, 17259 67295 |— 417 91675 |+ 3 26517 |0, 41954 11503 |— 325 29017 )— 2 414968 
0, 17677 58970 |— 414 65158 |+ 3 28952 | 0,41628 82486 |— 327 73985 |— 2 42047 
0, 18092 24128 | — 411 36206 |+ 3 31359 | 0, 41301 08501) — 330 16032 )— 2 39106| 
0,18503 60334 | — 408 04847 |+ 3 33735 | 0, 40970 92469 | — 332 55138 |— 2 36149| 
0, 18911 65181 | — 404 71112 |-+ 3 36081 | 0, 40638 37331 |— 334 91287 \— 2 33172 
0,19316 36293 |\— 401 35031 |+ 3 38398 | 0, 40303 46044 | — 337 24459) — 2 30184] 
0,19717 71324) — 397 96633 |+ 3 40684 | 0, 39966 21585 |— 339 54643 | — 2 27173| 
0, 20115 67957 |— 394 55949 |+ 3 42942 | 0, 39626 66942 | — 341 s1s16|— 2 24152 
0, 20510 23906 \— 391 13007 |+ 3 45168 | 0, 39284 85126 | — 344 05968 | — 2 21110 
0,20901 36913 |— 387 67839 |+ 3 47363 | 0. 38940 79158 |— 346 27078 |— 2 18054 |} 
0, 21259 04752 |— 354 20476 |+ 3 49530 | 0, 38594 52080 | — 348 45132 |— 2 149841 
0,21673 25228 |— 380 70946 ‚+ 3 51662 10, 35246 06948 |— 350 60116 )— 2 11898 |} 
0, 22053 96174|— 377 19284 |+ 3 33767 | 0, 37895 46832 |— 352 72014 |— 2 08796 | 
0, 22431 15458 0,37542 74818 


a 
“Di 
16 


52 Besseren über die planetarischen Störungen. 


Diff. I. Diff. II. I; Diff. I. Dif. II. 


15458 373 65517 
80975 09677 
90652 366 51798 
42450 362 91907 
34357 30039 


64396 5 66224 
30620 52 00494 | 
31114 348 32882 
63996 44 63418 
27414 40 92135 


26005 19549 19066 
26342 38615 44244 
‚26675 82859 329 67699 
27005 50558 325 89465 
27331 40023 22 09576 


27653 49599 i 23063 
77662 314 44960 

22622 10 60300 

82922 | 6 74115 | 

0, 28903 57037 02 86440 


0, 29206 34377 98 97306 
‚29505 40783 295 06750 
29500 47533 \)— 291 14802 
30091 62335 287 21498 
30378 83833 |— 283 26871 


0, 30662 10704 9 30953 
‚30941 41657 275 33780 

31216 75437 35387 | 
31488 10824 35504 | 00735] 0, 26935 79039 16447 
31755 46628 | 35069 |+ 4 01855 | 0, 26535 62592 30104 


32018 81697 | 0, 26134 32488 
I 


55840 | 0,37542 74818 354 80810 
57879 | 0, 37187 94008 356 86490 
5989110, 36831 07518 8904 
61868 | 0, 36472 18477 | — : s8447 
63815 | 0, 36111 30030 | 2 $4696 


65730 | 0, 35748 45334 { 71772 
67612 | 0, 35383 67562 5 670665 
6946410, 35016 99897 368 54360 
71283 | 0, 34648 4553 37845 
73069 | 0, 34278 07692 72 18107 


74822 | 0, 33905 89585 3 95134 
76545 |0, 33531 94451 5 68916 
7823410, 33156 25535 377 39438 
79889 | 0, 32778 86097 379 06693 


3 05680 
3 
3 
3 
3 
3 
3 
3 
3 
3 
3 
3 
3 
3 
3 81513 |0, 32399 79404 380 70667 
3 
3 
3 
5 
3 
3 
3 
3 
3 
3 
3 
3 
3 
4 


02551 
99406 
96249 
93076 


89893 
806695 
83485 
80262 
77027 


713782 
70522 
67255 
63974 
60682 
57383 
54070 
50750 
47419 
44079 


40732 
37372 
34009 
30634 
27253 


23864 
20468 
17065 
13657 
10238 


u. 
vbubut 


“ 


83103 | 0, 32019 08737 | 31349 
84660 | 0, 31636 77388 : 83732 
86185 10, 31252 88656 E 42802 
87675 | 0, 30867 45854 36 93552 
89134 | 0, 30480 52302 388 40971 


90556 | 0, 30092 11331 389 85050 
91948 | 0, 29702 26281 | — 391 25782 
93304 | 0, 29311 00499 | — 392 63154 
94627 | 0, 28918 37345 393 97163 
95918 | 0, 28524 40182 395 27797 
97173 28129 12385 396 55050 
98393 27732 57335 397 78914 
99583 | 0, 27334 78421 398 99382 


HAttt +rrrr Hr Hr Hart HH HH + Hr +++ 


De ee ie pe pe ig ee DD 


KDD 


Von der Integration der linearen Gleichungen 
mit partiellen endlichen Differenzen. 


Von 


Hm." EYTELWEIN. 


annnAananamnnnnn. 


[Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 3. Juni 1824.] 


8. 4. 


Kata "G, irgend eine unbekannte Funkzion der veränderlichen 
Gröfsen m und r, wo m und r jeder ganzen Zahl oder o gleich seyn 
können, so heifst jede Gleichung in welcher diese Funkzion für ver- 
schiedene Werthe von m und r vorkommt, eine Gleichung mit paruiel- 
len Differenzen, und man ist im Stande diese Diflferenzgleichung zu inte- 
griren, wenn der Werth der unbekannten Funkzion "G, angegeben 
werden kann. Dergleichen Diflferenzgleichungen gehören zu den dop- 
pelt wiederkehrenden oder recurro - recurrenten Reihen, und sowohl 
Laplace (Memoires sur les sutites recurro- recurrentes, Mem. de Mathemat. 
Tom. VI. Paris 1774. — Rechreches sur U integration des equations dıf- 
ferentielles finies, Mem. de Mathemat. Annee 1773. Paris 1776.) als auch 
Lagrange (Recherches sur U integration des equations lineaires aux diffe- 
rences fintes et partielles; Nouv. Mem. de l’ Acad. de Berlin, Annee 1775.) 
haben zuerst über diese Reihen ausgezeichnete Untersuchungen ange- 
stellt, ohne jedoch die erzeugende Funkzion, aus welcher ”@, entstan- 
den ist, näher zu bestimmen. Man findet zwar in Arbogast, Calcul des 
derivations, (Strasbourg 1500.) dergleichen Untersuchungen; allein abge- 


54 EyrtEsLweiın 


sehen von der dortigen Bezeichnung, wird es nicht unwichtig seyn, die 
hierher gehörigen Entwickelungen noch auf einem anderen Wege zu 
erhalten, von welchem ich mir schmeichle, dafs auf demselben die ge- 
suchten Ausdrücke einfach und übersichtlich dargestellt werden. 


Weil die partiellen Dillferenzgleichungnn von der Form 
’G,+a. "G,_,+b "”""G+e .""G_,=/(m;r) 


am meisten vorkommen, wenn hier f (m; r) irgend eine gegebene Funk- 
zion von m und r bedeutet und a, b, ce willkührliche beständige Koef- 
fizienten sind, welche auch einzeln — 0 seyn können, so wird man sich 
hier vorzüglich auf diese Differenzgleichung beschränken; es wird sich 
aber sehr leicht übersehen lassen, dafs mit Anwendung des polynomi- 
schen Lehrsatzes und einer einfachen Bezeichnung der Polynomialkoef- 
fizienten, die Untersuchung auch leicht auf jede andere gegebene Dif- 
ferenzgleichung angewendet werden kann. Uebrigens ist bei den von 
Lagrange untersuchten Differenzgleichungen durchgängig f (m; r) = 0 
angenommen, wogegen hier dieser Ausdruck jede beliebige Funkzion von 
m und r bezeichnen kann. i 
Bei den folgenden Untersuchungen wird zuerst die Entwickelung 
gebrochener Funkzionen mit zwei veränderlichen & und y auseinander 
gesetzt und hiernächst bestimmt, wie gegebene Koeffizientengleichungen 
welche mit den angeführten Differenzgleichungen einerlei sind, integrirt 

werden können. 
Noch ist zu bemerken, dafs hier zur Vereinfachung, Binomial- 


koeflizienten wie 


durch «a, 


De a (e— 1) (@—2) (@—3) ...... (e—n-+1) 


1 38112 3 3 < 4 een n 
bezeichnet werden. Ferner wird man von einer Reihe 
P=AHFA CHF Ä FA EEE 


den Koeflizienten 4, durch PK, bezeichnen, um dadurch näher 
anzudeuten, zu welcher Reihe vorkommende Koeflizienten gehören. 
Man erhält daher auch 


(DIP=SIAR HPR,s PR; DE WE DR ee 


von der Integration der linearen Gleichungen. 55 


Man setze 


A A + Ar EA Lech AR Tess 


Ay + A, xy + 'Asxy + 'Asa’y +... + 'A,0y Hee—=Pıy 


und es sei die gebrochene Funkzion 


p! 
ı ax + by+cxy 


zu entwickeln, so ist die allgemeinste Form welche der Zähler ?' 
erhalten kann 


PP PFrFBIH FRI Tun Fb ru []] 


wenn P; P,; P,;.... die oben gegebene Bedeutung behalten. 
Setzt man nun ferner: 


G +Gxz +62 +G2%° +...+G6Gx% +..=Q 
'CGy +'G, a y + "Gr y +'Gay +...+1'Gx% ea. Q,} 
264° + °G,2yY° + °G 2°’ 7° + "GC, 2’y + Re a EI =:0,y° 


Mena in ekete m euer, wi nr se nmde tale Br meet. ee me we ee ie ie 


Gyr le xy” Ser x? y" RG; x’ y" a N eur Ne Qn3 


und bezeichnet durch Q' die Entwickelung der gegebenen gebroche- 
nen Funkzion, also 


p'! 
ItHax+by+eay Q 


so ist die allgemeinste Gestalt welche diese Entwickelung erhal- 
ten kann 


QO'=Q+Q,+0’5°’+0Q,7°-+....+0Q, "+... [1] 


56 EyTELweEın 


WOA A AED arena gegebene und G; G,; G,; G,;5...... 
noch näher zu bestimmende Koeffizienten bedeuten. 

Nun werde 1tax =aunddb+cx—=ß gesetzt, so erhält 
man wegen (I) 


p! f ß p2 22 an 
Q = ——- =P' re ers Seh sr 
a+Loy & a? 3 ei Seat 


oder statt P' aus [I] den entsprechenden Werth gesetzt, giebt: 


EEE REITER AU ER Fe 
=— +1) — Irre - ae ER 
re| _ne ER: 

Tg: Tat er: 
P£? NE 
Sn a 

[24 [44 

Eu 

Te 


2 P.  Paıß P„_,ß? P£r 
Bere = I + ET... 
[#4 [04 [44 [47 


Denkt man sich diese Glieder in Reihen aufgelöst und nach 
den Potenzen von x geordnet, so findet man den zu x’ gehörigen 
Koeflizienten oder 


(OR)K,=(=)Rr,— (Fe) R.+ =) &.—... (7) m 


« 
Nnit 2 = "A+"41,2r"4,0° +"4,0° +... +"4,x+....also 
| RER? DE Pe 

+ ""Ax+.... 
und wenn man setzt 


er _ (b+c&) 
arr+! 2 ((+az)”+t! 


= "B+"’"B,2 + "BD, "Bm. 
i +" B Re 65V] 


von der Integration der linearen Gleichungen. 57 


so wird 
are PAR Zt... "4, "B |x’ +... daher 8.1. (I) 
+-""4 ."B, +"="4,_,.”"B; 
m nA, "PB, 


lade ee ae re 


Fe)R=40 Br An B+ An Beten 
+-""4."B, 
und man findet hieraus, wenn 0, 1, 2,3, .... statt z2 gesetzt wird 
(>) Kr BEr4 2: BEI Is Beni SE 
(*3#) IN u 08 fr-te ht: . 'B, + ride j DH ER. e 
BRAD 
Ft El BER TBIE N 


+4."B, oder nach [III] 
ZT Pre m Eee N Er SE ee oe ER a ee 


s re m—1 1 m—1 .i mi 4 mi 
(OK)K= ('A,.'"B+ A,_ı.'B, + PER Bat... + A. B.) 


wo das obere Zeichen für ein grades, das untere für ein un- 


grades m gilt. 
Nach [I] ist Q'K, = Q,. Aber auch 
Q,="G +"G,x2+"G,2”+"G, x +... er Biss 
daher wird auch Q,K, = "G, oder 
(OR)K=Q.K=" 
Ferner wird mit Anwendung des binomischen Lehrsatzes nach [IV] 
di) FBi=cE \e+m). ab” — (r+m—ı), ma ' bc 
+ (r+m— 2), m,a’ 5° 0 — nen MR 6 =) 


Mathemat. Klasse 1324. H 


58 : EYTELWEIN 


wo das obere Zeichen für ein grades, das untere für ein ungra- 
des r gilt. Hiernach wird: 


a 
[+ ı) db — ra‘ c] 
—= Ir + 2),ab’—2(r+1),a"'"be+r,a”? c] 

[e+ 9), P—3(r+ 2), a Bors (rt), a’ ber;ar® e] 


u.s. w. Ferner 


"B,=m bc — (m+ı) ab” 
"B,=m,b" ce’ — (m+ı1)m al” c + (m +2), a® b" 
"B, = m, 0" ec’ — (m+1) m,ab””” ce” + (m+2), ma? b’”' c— (m+3), a’ b” 


u. Ss. w. 
Es ist daher (Q'K,) K, oder 
ee Ne re la) a 
— 4b +"'4,_,.'Br+""A,_2.'Bte.t+"”'d. 'B) 
A) "G,=+.(-24,8° + 7-24,_,.2B +" 4A,_2. Bote" 24. 2B,) 


e'=®. 18.10.60. 0 je; )e: :6,, warte fe Val le, ettie are a ur lenliei er wer ale nuna ie te a 0 zelnen 


+( Ab + A: 4.0 Di + A,._.5.° Bas Fach Am NAD) 


wo das obere Zeichen für ein grades, das untere für ein un- 
grades m gilt. 
Hiernach ist man im Stande, weil "4, gegeben ist und ”B, 


nach (II) aus a, 5, ce gefunden werden kann, die vollständige Enı- 
wickelung von Q' zu finden. 


1. Zusatz. Sucht man die Entwickelung von 
p! 2 3 m 
1HaxcHby 7 VG ERHUNE RK 0 hrs +0 Br: 
wenn P' und Q' die bisherige Bedeutung behalten, so wird hier 
e= 0 also "BD, = :Es(nsem), @b’sedaher = ad; '’B==E 
ee en und man findet 


wo das obere Zeichen für ein grades, das 


ee] 


von der Integration der 


Ar — aut PARSE ‚Ken 7 


des m gilt. 


Für z=3 undr= 


2, Zusatz. 
p' 


tax +cxy 
wird hier 
’B, =Er,AQ 


6) 


“ 


8. 


Für die Entwickelung 


=0'=0+0,,+0 


— EN ee 


md, 2 ar 


[74,3 SP Hr aan 


A, — (m+1) A, _ı a + (m+2), Ar — 2 a’ —....+(r+m)m 


59 


linearen Gleichungen. 


"4, 0°... +74 (-a) 
m-14,._ 7 @ es (RA) 712 (-a)" ] 


mid incl) PA (-«) ] 


untere für ein ungra- 


wird hiernach 


’d,a-+ Aa: 
2.-41,0+3. ®Aa?] 
3.14, a-+%s . '4a?] 


AN a5 


/ 


4. 


von 


I HQI Henn QI" te 


2 


B==rr2" 25 1 a ; 


-°c’ und überhaupt "3, =+ (—1)" r, a "" c”, wo das 


obere Zeichen für ein grades, das untere für ein ungrades r gilt. 


Hiernach findet man 


B=1t Br==a: > GB, Zn Da WERL —=@:nsnefecsucseense 
Bo, DB = ec; 'B, =—-2ac; 'B; = 3atec; "Br =—4 ac ;eeee 
B= 0; PB, = 03.22, = ce}; 2Bs =—3,ac?; B= % BACH Snssanser 
>B =, BD, — 05, Bo — N 0; PB, =—iz C% ee 
’B='B ='B='B, =0; 'B, =c; ’B, =—5 ac; ne. folglich 
+ ”A, _ "A, _ıa+ Aus =. +(-1)" ”Aa 
—c Fr 0 „BEA OS A ae ee + (1) r a 
+c ET ET Re A GE ee + (if r7.r 24a -®] 
m 
G= — .c? an Fr a A a — ee + (1) r,."’4a-?] 
+.c! si BEA oT RR an + (1) r; ee] 
—.c’ P#42,=s, mad LO LTE PA 2a +(—1)" ee] 
15 


60 EyTELweın 
Für m =ıundr=3 wird 

+ '4— 

—c (Ad4,—2 

+c? (A, — 3. 

—.c?,14 


.’d,a+?°’A a) 
’A a) 


G,= 


S:.D: 
3. Zusatz. Sucht man die Entwickelung von 


pP! 


DE SE Ver 


re Da ENT ITS EAN Fan 


so wird hier «= 0 also, 


wegen des Factors m,. Hiernach erhält man 


+ "A, 
a 

Et +4,54 2.74, _,b c+ mA Lone: 
— (DA. 3 FTFA,27b° 0 3,074, _0d 


ak a ae ee ee eier ee ae ee 


+( A,b"-+m. A,-ıb”'c+#m;. 


D 


Für n—=4 und r=7 wird 


a4, 
zer! de 
LH IP EPELERIRE ER 24, 0? 
td Be Abe aa Abe 


+ A, b! +4. Arb’c+%. 


8. 6. 


4... Zusatz. 


14,0 


"B.=m,b’"c, daher "B,=o fürr>m, 


Ar 2.0 er. m. Ab c) 


A; b?c? +43 .A, be? + Az c* 


Für diejenigen Fälle in welchen der Nenner der gege- 


benen gebrochenen Funkzion nur aus einer zweitheiligen Gröfse 
besteht, erhält man für Q' sehr einfache Ausdrücke. 
1 


Wäre die gegebene Funkzion 
man 5b=o in 8.3 oder c=o im S.4. 


EU - 4 ERTHNEZ. 


zu entwickeln, so setze 
Dies giebt 


"Aa +...+"d4 (—a) 


von der Integration der linearen Gleichungen. 61 


daher findet man nach $. 2. 


Q = A+( A- Ad)z+(»— Aa+ Aa)a’+( A— Aar Aa’— Ad’)z +... 
Q = '4+ (1 —-'Aa)x + (42 — "Aya+'da?) x’ + (dr — !A,a+'A,a’— 'da) Zinn 


Q=°’41+(4,-’dAd)z+ lt, —-’Aar’da)®” + ltd; —"Aar’dia— ’da’)z +... 
u.s. w. Hieraus folgt 


+ JE A A)2e (s—- Aa Aa)? 


+(4-— Arar+r A, a — da‘) x + men 
tar lH, MA 24 (lt = 1A ori) a 
+ ('A; — 'Asa + 'A,a— 'Aa’) + u ] Y 
P' 
D ar Fi#+l4+ CA — Ad) = + (A, — Aa + Aa?) x* 
r@A,— Asa Ara Aa) re 1» 
+[P4+04- Ad) + (A —Aar’da) a 
+ (A — °’Aa+ °’A, a — °’A a) ZH en ] y 


ehe 2s) 8, ww... ei telimf.e Tee erw ae .oliel wa a.» nie era ae ae 


Zur Entwickelung der Funkzion hr seize man a=oıin 
$.3 oder c=o in 8.5, so wird 


Ge Aa— AbrTAh— "ALL Fo E44» 
kliermach die. Werike O, 0,70, ... bestimmt, so erhält man 


N AFN Ar A? + As’ Ar E Asa’ HA 


+ A727 4 sssananensiennssenene 
+[4- AB + (14 — Ab) x + ("A — Arb) x? 

+ lt, - A)’ Hl Abd te Ir 
pi +[4- 1'415 + 40° + (A, — 'A,b + A,b?) ® 
Nee Pe A A nieht iEz 

+ [4-45 + 141882 — Ab + (A, — Ab 'Aıd° 
— A, 22) Ve PP EEERTERTLTELLELTLITELLILELIELTI ] r°’ 


+[4- °45 + 24102 — "418 + Ab + (Ay — Ar b 
+ 4b? — '4b + Ab) & Henn ] 


62 EYTELWEIN 


. . pP! . = 
Die Funkzion —— zu entwickeln, setze man «= o in 


1 + cxy 
$. 4 oder b=o in $. 5, so erhält man 


Gr TA LWETFALSEST II ZEITEN EN 


und wenn hiernach die Werthe Q, Q,, Q,,...... bestimmt wer- 
den, so findet man 


+ A+rA,2 HA 2° Hr A, 0 FA, +2, HA 8 HA Feen 


+['4 +('4,— A)z+(!4;,— Aıc)a’+(!d; — A,c)x° 


A A5C) 2 rn... 1r 
+ [’4 +(4,- '4)x + (4, —'4,c+ Ac’) @+l’Ad;— 'A,c 
+4, ec) Kur an ehe 13% 
p' _ )+PAa+ la -?’4)2+l 4-4 0+'4c) + ld ’drc+ dc? 
1 -ECLCY = AC),R -Hseirneseehnne ] y° 
+ [4+04-°40)2+ (413 - Aıc+?de) x’+ (4; — Arc+ dic 
— ACH) LE Aelessneschseunenaen 1 u 
+P4+(04-'4)2+ (m 'Aıc+’4c) + (43 "Arc+ Arc? 
— EACH) ELSE Pen seasustedeenee 1° 


Besteht der Zähler = P+FP,r + Ps! +F PH’ Here 
aus einer bestimmten Anzahl Glieder, so läfst sich leicht übersehen, 
dafs alsdann die gefundenen Ausdrücke noch sehr vereinfacht wer- 
den können. Sucht man z.B. die Entwickelung von 


A+A,2+A 2° + '"dy+'"A,xy+°’Ay’ 
1+cay 


’ 


so sind hier aufser 4; 4,; A,; ‘4; 'A,; ”4; die übrigen Koef- 


fizienten — o, daher erhält man 


von der Integration der linearen Gleichungen. 63 


+4A+A,2 + 4A," 

-[- "4 —- ("d,-Ac)x+A,cxX’+A, ec] 

+[?4 — '4exz - (4, -Ae) cx’ + A, c?x’ 

+4? 0? xy 

R R ae eig 23 Deg x? 2 3 
A+A4,x+A,2°’+'dy+'d,ryr’Ay’__ [ ae a . Bi #0 

IHCLY F +4,c?2']exy 
+[?4 — !dcx = (!d,—Ac) cz’ +A, c!x° 


+4,c? + ce? x? y 


-[?4 —- 'dcxr = ("A,—-Ac)cx’ +4, c’x 
+4, c? 2*] ce’ x° y’ 


Den Zusammenhang der eingeführten Koeffizienten zu über- 
sehen, dienen folgende Auseinandersetzungen. Es war 


P' = (hhtrac+Hby+cexy). © 


oder aus $.2 die entsprechenden Werthe für P' und Q' geseızt 
und nach den Potenzen von y geordnet, giebt 


PERF FRAIFPF Fre ee ER 
+ Q+ Q,I\y-+ Or Ware E= Q, Dee RER 
+axQ+asxQ, +axQ; +taxQ, 

+ 5Q + 2Q, + bb 
+ecezQ | +exQı +exz Q-.| 


daher wird nach der Lehre von den unbestimmten Koeffizienten 
P„=(1+ax) Q,+ (b+cx) Q,_,, oder wenn man für P,, Q, 
und Q,_, die entsprechenden Werthe nach 8. 2 setzt: 


"Ar d dA es HALL H.: = 
+ 2 BCAlzr uf 6 [Een We FR Er nG, Be LA ; 
ta. ”G ran. MG, ta. “77 
+, rg ae rd. rg, ib ig, | 
+c.”7!G + c."1G, Pie "IG,_; 


64 EYTELWEIN 


daher nach der Lehre von den unbesummten Koeffizienten 
(D. ’ Auer EHI FIT Fe. TG 5, 
Nach einander 0, 1, 2, 3,...... statt 7 und m gesetzt, so wird 
wegen "dA, =ound "4, =o 


"A ="G +b”'G 

AG ra 1" +b 71G,+c "1G 
A="G, ta. ”G, +1, eG, 
A=,"Gi Ha. "GG, +br1G, + ci, 


e a.lın made m, 00 0, im „o.uelje. 6 re, yet 


’ 


ZT E io =G 

14='G+b.G A, =G6G,+aG 
’A="G+b.'G ‚»=G +aG, 
Ad=’GCHB 2° I, =G;, +aG 


8.9. 


Aufgabe. Die gegebene partielle Differenzgleichung 
"G+a.”"G_,+b."”""G +c."”""G_,=f(r,m) 


zu integriren oder den Werth von ”"G, zu finden, wenn f (r, m) 
irgend eine Funkzion von r und m ist. 

Auflösung. Man vergleiche den gegebenen Ausdruck mit (I) $. 5 
so wird ”4/,— f(r, m), und man kann hiernach ” 4, für alle Werthe 
von r und x finden, daher erhält man ”G, nach (11l) S. 2 wenn 
zuvor der Werth von ”B, nach (Il) $. 2 bestimmt ist. 

Beispiel. Die zum integriren gegebene Differenzgleichung sei 

?G+"G_,+"G#+"Ge, ='mr 


r—1 


von der Integration der linearen Gleichungen. 65 
so wird her a=5=c=ı.und "4,=mr, also $.2 (II) 
"B=H Ie+m). — (+ m— 1), m + (+m— 2), m, —.... & m, | 


oder weil nach den Eigenschaften der Binomialkoeffizienten dieser 
Ausdruck = + ı wird, so erhält man 

"B.=+1ı, wo das obere Zeichen für ein grades, das untere für 
ein ungrades r gilt. Hiernach findet man 


"B),=1 "B=—1 "B=1 "B,=—1;.... daher $.2 (II) 
wegen 4, =0 

+ m F-7-)+0-9)-.. +1t0] 

„6 —J- m-1) [re +9)... #180] 

= F-(-)+(-9) -... z1to] 


oder weil l’ — (r—1) +... | = (— 1) |-:+2— +... £r] 
art ir 


+ 


ist, so erhält man auch 


ee [” — (m—1) + (m—2) —..... £ | ee folglich 


a 2m +1 — (— 1)” 2r +1 — (— 1)" 
ER Se) 
4 4 

Fürm=r —n| wird 'G,+ 'G -h G,-+ G =1 
Aber 'G, =1ı; IG =o; G;—=0; G =0: 
daher ı + 0 + 0 + Dr 

Fürm=sundr=: wird ’G,+: °G,+ °G-+ °G,=3. 
Aber G =; FERN ER —ER "7, >41; 
daher 2 + 2 + 1 + 1 =6 

Fürm=rundr’=6 wird ’G,+ G,+ 'G+ ER 
Aber 'G, = 12; 'G,=12;°G, =9: °G, —=9: 

6 ’ 5 6 5 

daher iı2 + 2 + 9 + 8 


Sucht man die Funkzion aus welcher die gegebene Differenz- 
gleichung entstanden ist und bemerkt dafs her a=b=c=1 ist, 
so wird 


Mathemat. Klasse A824. I 


66 EyTEeuLweın 


p! i i 
— —— die gesuchte erzeugende Funkzion, und man findet nach 
IH +y+txXY ke) 


8.2 wegen "4=o und 4,=0 


1 Br + Fr art FA SNEILH rer 
2 APR .22 I 2 IH 2. Ar 2.5 EHE ehe 
Pı\=!3 12 43.22 ur3 32’ y. + 3: Aa 3.5 N ee 


Für verschiedene Werthe von ”G. erhält man nachstehende 
Tafel mit doppelten Eingängen 
PI sans 


I oreseree ?" 


O ooororese 


8.10. 


Zusatz. Es lassen sich nun noch die Fälle entwickeln, wenn von den 
Koeffizienten a, b, c einer oder zwei —0 werden, und es wird hin- 
reichend seyn, den Fall «= 0, auseinander zu setzen. Es sei da- 
her die Gleichung 


"G-ED,FR FE TG ee lm, 7) 
zum integriren gegeben, so erhält man hier, 


"A,=f (m,r) und wegen @=0o, "B,—m,b77ic, daher 


al 


rb" 


2c) 
N (m+1)r — + (rb + rc — 3c) 


von der Integration der linearen Gleichungen. 67 


+ Sm, ) 

-[b Sm-un+  efim-ur=1)] 

+ [2°/ (m —2,r)+2b cef(m-2,r—1)+ c’f(m-2, ra] 

_ [#’ fm, r)+ 3b? cf(m—3,r—ı1) +3bc’f(m—3,r—2) +c’f(m-5, r—3)] 


=E far? (0,7) + mb"! cf (o,r—ı) + m, b"? cc? f(o, r—2) +... +m, Ir oe fto, 0)] 


r 


Diesen Fall auf die besondere Gleichung 
’G. +b:”""G+c."”""G_,„=m-i)r 

angewandt, giebt f (m, 7) = (m+ 1) r, daher wird hier 
+(m+ı)r 
- [rd + (v1) ec] m 
[rd?+2(r-1)b c+ (r-2) ec?) (m-ı) 
_ [rd° +3 (r—1)b’c+3,(r—2) be’ +3; (r— 3) c?] (m— 2) 
+ [rb° +4 (r—1)b’c+3,(r—2) b’c’+4,(r—3)be’ +4, (r— 4) er] (m—5) 


#[rb" + m (r- 1) b"=! c+m, (r—2) br? c?..... N 


Nun ist nach Jen Eigenschaften der Reihen mit Binomialkoef- 
fizienten 


+m(r—ı) 6" ce+- m, (r—2) 0 +... t+m_, 1.00! 
= (rb+re—me) (b-+c)""' 
Hierin nach einander 1, 2, 3, Ay...... statt m gesetzt, so erhält 
man auch 
+ (rb+rc— ec) .m 
— (rb + re— 2c 


elle. ie 1eri8) 16 m.ie,e, wire. Biere; ei m: ie) B Si.e; wien ee 


$ (rd +re— me) (b+c)""'. 1. 


Die vorstehende in Klammern befindliche arithmetische Reihe 
der zweiten Ordnung, könnte zwar auch summirt werden, weil 
aber dadurch für die Berechnung keine Abkürzung entsteht, so 
wird solche unverändert beibehalten werden. 

Als Beispiel zur Berechnung sei 

"#2. FH Rem ri) r 


gegeben, so wird hier = 2 undc=3, daher 


68 EYTELWwWEIN 


"G.=r(m+1) — (5r—3) m + (5r—6) 5 (m— ı) — (5r— 9) 5° (m — 2) 
+ (5r— 12) 5° (m—3) —..... 
Hieraus fol G=rund”"G, = 


"G, =1 (m+1) — 2m — 5 (m— 1) + 10 (m—2) — 875 (m —3) + 250 (m—4) —..... 
"G=2(m+1) — 7m+2 (m—1i) — 5(m—2) — 20 (m—3) + 3135 (m —4) —..un.. 
"G =3 (m+1) — 2m+45 (m—1) — 150 (m—2) + 375 (m—3)— 0(m—4) un. 
”G, = 4 (m+1) — im +7 (m — 1) — 275 (m—2) + 100 (m —3) — 3135 (m —4) +.. 

"G, =5 (m+1) — 2m +3% (m —1) — 40 (m—2) + 1635 (m —3) — 6250 (m —4) + eure: 


u.s. w. Man erhält daher nachstehende Tafel. 


m: 


ones. 


— Tdeecee 


+ 102... 


HBleesiues 


+ 1452 + 19T...... 


— 6009 — 8235.20... 


— 42 — 


Für verschiedene Werthe von und r erhält man 
3G,+ 2.6, +3.°G,;, = 6.3 oder 
+ ÜSH 2. UT 3. 238: ib. 
’?G,+2.'@G, +3:'G,= 6.6 oder 
— 09 2.142 + 3.17 =.%. 


S. At. 


Aufgabe. Die gegebene partielle Differenzgleichung 


a Ele al A DW "SH elimtg!_N = 
zu integriren, wenn ”G und G, gegeben sind, oder willkührlich 
angenommen werden. 

Auflösung. Die gegebene Gleichung mit (I) 8.5 verglichen, giebt. 

hier "4, 0, dagegen wird nach der dortigen Entwickelung: 


"41 = RHEIN Fe el. GH 


von der Integration der linearen Gleichungen. 69 


daher nach 8. 2 


a _ IF ABA. NDBH7 92. BZ eu + (-1)7.4.”B, 

FIFETIETPZBFLETTFHERTIIT BF FA B; 24] 
wo 
"B,= (1) [e+ m), @b" — (r+m—ı), ma”' bc 

+ (r+m—2), m, a "U un. -Fm. 0° ei] IST, 
Auch erhält man für den Zähler des erzeugenden Bruchs : 
p' A+ Aıc+ Ar A;a’r A,ux’r A, teen 
== +'"Ay+’ady+’Ay rd YA Vin 


Beispiel. Die zum integriren gegebene Differenzgleichung sei 
"G+"G_,+"”"G +""G_, —=0. 
Ferner sei "”"G=m und G,=[r” geseben, so wird 
r tobt e) ’ 


"d="G+-""G=m+rm-—-i=2m—1i, 
A=G+G_=r+(-)=2r (—)+ı=i4ir,+ı und 


"Bi, [e+m). — (r+m—1), + ....: =E m, | = (— 1)" daher 
DDr — ee he —_ Mer DR HE USE WS 
Kerner ıst nach 8.8. "4="G und 2, =G, aher dA=eI=; 
folglich 
E (—1)" [em 1) — (2m—3) + (2m—5) — (m—T) +... +3.(—1)"7? 
I + 
u 3 s 
+ (—1)" [ir - Kerr ]+ ee HH] + [22 + 1] Gar: 
+. +1] =" 
Durch Summirung dieser Reihen erhält man 
m = (2m —ı) — (2m —3) + (2m—5) — ..... Sea 
ZEN 2 An ed a und 
tele een NEN ter a, +1.(—1)"', daher wird auch 


> 


"G,=m(—1) + |’ _ a (—1)" + = (— 1)” oder auch 


2 


"G, =m (-ı) + r? (— 1)" 


70 EYTELWEIN 


Berechnet man hiernach verschiedene Werthe von "G,, so 
enisteht folgende Tafel. 


SO OR a 


+ 19..2.... 
— 50.0000 
+Mrseıe 


— 52.5000 


Für den Zähler des erzeugenden Bruchs erhält man 


+2 +52? +32?’ +50’ 42’ +08° + “x 
AH r +31? #5 HT HI HUF He 


$. 12. 
Zusatz. Werden nach einander a, b, c= 0 geseizt, so entstehen fol- 


gende Ausdrücke. 

Für a=o wird 

(I: Zeh HG Er 
-G+2.,.0C, 206... 1=°G, 


R 
I 


"Bizsmbr ce al BD 5b3 DD = mb ICH Bm. Eau 
"B,„=c", wogegen "B, = für r>m wird. Hiernach erhält man 
EN ar ee A 
u + (-17.4.”B.]|t oder 
+ E14 -"B+A 1. "Be +4,22: "Bet A "BB, 24 


+ (1 [er A lH) ber dal bte. u N Bui Baai 
+ 1)" "m, 6" c. A] 

+ (—1)” [2 dr me Ace A SIE mat" CE ASE Hr resmsesetse 
SFmeu UDzritigeize 4] 


von der Integration der linearen Gleichungen. 14 
Für =o wird 
(II) ”G,+4."”G_,+0.""G,_,=0 

Gerd >er2,0C.,.B=a le 1: Deren); 
BZ Ra EN, ae Dee dreh fir m >’P Tolslich 
"=®#2,D Ha DB, FT TFLSD + EN A EB; oder 
”"G,—= (—1) & A ER a ee (a SE 
Sat» FG] oder auch 


2 3 
n c c” c 
”"G,— (—a)' I" na en, SER, "Gr, u 2 
c 
& es x 
zZ m 6] 


Für e=0 wird 
(dB 1 D a ES EB DE 


7A WG Fon 226, 4. GG 0.0 04er, 
= (—1) (r+m), a’ b" folglich 


+ (-a) 4 — (+1) 5.7744 (rd): B? "A en 

we + (-1)" (r+m). 8" . A] 
r I (e= Ar [4: — (m+1) a A_ı+ (m+2) a® A_2— ee 
— (1) (m+r—1),_, a ='. Ai 


In (TI), 2=0 oder in (IH) a=o gesetzt, giebt 


Mr (IV) "=, act. ZIG, 0 
"Gel ,e.rG. 


t. Beispiel. Die Gleichung. 


ls, u: nt en eat © — 0 


ri 


zu integriren, wenn "G=ı und G,=0 gegeben ist, wird hier, 
nach (1) 


b= 1; c=—4; "d=u A,=0; 1 = ı also 


”"G,—= (— 1) (—1)"” m, (— 1)” — 1)" folglich 
”G,=m,, wie bei Lagrange $: 10 a.a. O. 


1 


Der erzeugende Bruch ist hier = age 


72 EYTELwEIın 
2. Beispiel. Die Gleichung 


1 1 
m, PK: (: Bi —)- 2 (er A - m—ı( — 0 


n de 
5 . . . 1 1 
zu integriren wird hier nach (N) a = — (: -—) undd=— — also 
[ 


c 1 
—k—i. daher 
a n—1 


"(GG =(1-—) I” + 2 . mg 2 _ F uvelre r3 f ”3G,, 


n—i (n—1)? Gar 


wie bei Lagrange $. 64. a.a. O. 


g. 13. 


Es bleibt nun noch eine scheinbare Schwierigkeit für den be- 
sondern Fall zu heben, dafs die partielle Differenzgleichung 


"G_,+5.”"G +e.”"G_,=flm;n 


zum integriren gegeben ist, weil diese Gleichung aus den vorher- 
gehenden Entwickelungen nicht abgeleitet werden kann. Wird hier- 
Te = Q' als Grundlage zur Ent- 
wickelung angenommen, so kann ?P'=P+P,y-+P,y’+P,r 
+... ode Q' = Q+ 0Q,r-+ Q,r7” + Q,7°’ +... als gegeben 
vorausgesetzt werden. Es sei daher 


nach die Gleichung 


G+ Ga + G2X + Ga°’+.... = 
o' (GG +'16,2+'6,2°” + '63 2° +... )s:= Qu r 
"G +"6, 2% +"6, 2? + "63; 2 + Y\m=0;7% 


Ax + VAFRı Ale „Ash ; mon —=P 
('A +'d,® + '1A,.02-n pl A5R° ee y =Pır 
Di (da +24, +°A, x Hr Aa. A )y’=P,r? 


von der Integration der linearen Gleichungen. 713 


P 1 


Man setze db+c2—=ß, so wird Q' = er oder 
DE ER 2 
t 1 « u 
u > £ —occcr 1 t oo. 
Q 2 ü 78 RE 2? 2% ei an | 


daher eben so wie $. 2 der zu y” gehörige Koeffizient Q'K, oder 
Q.=P, a 7 Bx° + P. I EPRERE N (— 1)" PR x". 
Diese Glieder in Reihen aufgelöst und nach den steigenden 

Potenzen von x geordnet, so findet man den zu x’ gehörigen Koef- 


fizienten 


128 
) 


VE (ae ee er es 
+)" ( a [1] 


(b+c®)" 


Ferner ist, wenn z eine positive ganze Zahl bedeutet, ‘“—— —_—— oder 
ke) gr 
gr eo 2 2043 
= — N a > 7b sera 722 Bere ro srroneesserernn 


+nb ce ET" Feen, c" x” 


oder wenn man n,b'"""c'—="B, setzt 


Ir 
mm Bam Ba + Ba "ee "Ba "pen" B,aT 
Diese Reihe mit 
PR — 0 Es © re 7, a er ee EA 
multplizirt und nach den steigenden Potenzen von x geordnet, 
giebt den zu x" gehörigen Koeflizienten 
(> Pu ER SEN a ARE NE 8 ONE 


und hieraus 


(Fa)Kn = Au "B+ Ana "Bet Any "Bet HAB, 
oder nach [1] und weil (Q,) K, ="G, ist 


Mathemat. Klasse 1524. K 


74 EyrTtEeLweın 


+ Pl DB 
den 


A) nG Er - Bee N 5 BD, r a: Ale b ®B,| 


[ee (—1)” [ AL ,® -1B+ DA =D ech N 
EP a BE DH A "Be ea 
+4, ."B.] 


ie 
+ 
3 
N 
EN 

3 

+ 

j 

= 


Ferner findet man aus ?P'= («e+by+cxy) Q' 
P,=x0Q,+(b+cx) Q,_, oder 
bb, "EEE IE PAGE re. ed. 21G x +... und weil 


Vet = +c.”"G +c."7!1G, ee 
B er + >G.l4 

u. © A ar. PR a u PO ai TE 

nen Eee 


so folgt aus der Vergleichung beider Ausdrücke 
(13.72... eG RG, eu 


n+r r 
und wenn man in (I) die entsprechenden Werthe = 1; 'B=b,; 
BB, er B=b: DD, = Bler..us Benno See, +50 Dn- 


det man auch 


A ra en] 


Set De um 2 aa DR A ee A 
Ae=- nl De a RB BREI ne 


2 


+ (—1)” |?” Ada, Fm DI CSA ra me eE. Asa en 


8. 14. 
Aufgabe. Die gegebene partielle Differenzgleichung 
"GH Fb THE reset 
zu integriren, wenn f(m,r) irgend eine Funkzion von m und r ist. 
Auflösung. Man sewe "4 = /(n4,7),so wırd "4... =/ (m,r4-1); 
Al ar Der PIE PTFI, Une, 


m+r—i1 


von der Integration der linearen Gleichungen. 15 


—= f (1,m+r); 4, = f (ym+r+1). Diese Werthe in (III) 
8.13 gesetzt, geben 

+ Smr+i) 

5 B JS (m—1,r+2) + cf (m-1,r+1)] 

+ [mar +2ef(m—2,7+2) + fm, r+1)] 


j — (—1)” Pe; mr) + (m—1) 5"? ef (1, m+r—t1) +... + ec" f(1,r+1)] 
+ (-1)" [2”r0, m-Hr+1) + mb"! cf‘(0, m+r) + m; 5"? ce? f(0, mHr—1) +... 
+0" 5 (0, r+1)] 
Beispiel. Die Differenzgleichung "G_,+""G, +""G_,=m.r 


zu integriren, wird hier 3»=c=ı und f(m,r)=m.r also f(o,r) 

— 0, daher 

"G,=m (r+1) — (m—1) (2r+3) + 4 (m—2) (r+2) — \ (m—5) (2r+5) 
+ 16 (m—4) (r+3) — 16 (m—5) (2r +7) + 

und es wird hiernach 


G.=0'G6 er +1; ’G =—1;: GG =3r+5; 'G =—2r —9; 


Tr 


Für nm = 5 erhält man 


°’G + 'G,+'@G_,=5.r oder 


9r—+ 106 — 2r — 9— 2r — 7=5.,.r 


ri 


auch entsteht für verschiedene Werthe von m und r nachste- 


hende Tafel 


I 
a 


EYTELweEIN 


S.45. . 
Aufgabe. Die gegebene paruelle Differenzgleichung 


ET SEE 


1 
zu integriren, wenn der Werth für G, gegeben ist, oder willkühr- 
lich angenommen wird. 3 


Auflösung. Es ist nach (II) 8.13. "4 a ER I a 


m+r—i 
+c.””G,_, und wenn man hierin m = 0, dann r= 0. setzt, so 
findet man 

PAIR — x ABB: : 10 82° DEE — ee © 


daher wenn "4, ,,_, = 9 gesetzt wird, so wird zugleich erfordert, 
dafs #/,_, und ”4,_, die vorstehende Werthe behalten. Man er- 


hält daher nach KIT, 18, 


Se (— 1)" [?° 2 Au: -Em}bür: cı. ET + ee + c”. 4,] 


oder wegen FI ae: ve = ER nannte 
"0. en): [2° .G,.,..+m 0" Gr mal a a ee 
+ .c” 7] 
Hieraus iindet man 
G= ©. 
ie or On 
GG, = 2.6,>5r2b c.Gaı = 92.6 
GG =—-2°.6G,3 —3b?e.G,:,—35°.G1ı—- C°.G, 
u. S. W. 


m fY 


Beispiel. Die Differenzgleichung ey zn pay Gm 


= 0 zu integriren, wenn G, = Ar gegeben ist, wird hier G=1ır; 
'G=— 4(2+5r); °?G,= 2» (1+5r); "G, = — 100 (6+5r); u.S.w. 
also für m=3 

°’G_,+2.:°G+3.°G_,= 2 oder auch 


— 10 (+57) +2.2% (4i+57r) +3.» 6r—ı) = 0. 


8. 16. 


Die vorstehenden Untersuchungen lassen sich noch durch eine 
ähnliche Behandlung auf partielle Differenzgleichungen anwenden, 


von der Integration der linearen Gleichungen. 77 


deren Index m und r noch in andern als den gegebenen Beziehun- 
gen gegen einander stehen. Setzt man den Nenner der erzeugen- 
den Funkzion 


—= (tax +ba’+cX +) + (d+es+ ga’ +he He) 


so wird eben so wie $.8 
a |'+ax +b2’ Ha teen + (d+ex ga’ + he He) ] Q' 


und wenn “4, den zu x’ gehörigen Koeflizienten der Reihe ?,, be- 
zeichnet 


"d,="G+30."G_,+b5."G_,+e."G_, teens 


r 


+d.""G+e.""G_,+8:."”""@_, teen 


woraus der Zusammenhang zwischen dem Nenner der erzeugenden 

Funkzion und den Gliedern der Differenzgleichung hervor geht. 
Sucht man daher das Integral der Gleichung 

G,+5."G ,+d.”"G +ıh.""G_,=f mr) 

so ist der Nenner der erzeugenden Funkzion = ı +bx’ + (d+hx')y. 
Eben so wird für "G_,+d.”""G,+8.”""G_,=/m,r) 


der zugehörige Nenner = x + (d+gx°) y. 


SE Ne; 
Aufgabe. Die partielle Differenzgleichung 
GG...’ 760.77, —=f/ ir) 
zu integriren, wenn f (m, r) irgend eine gegebene Funkzion von 
m und r bedeutet. 


Auflösung. Man setze 


P+-P,y+P;y°’+ snornee _ ee 5) a i ‚= rue 
cHöoyr Hey a u a a en 


O,="6 "Gr 2° ++... so findet man wie $. 13. 
P="A1x”"+ EN, ae Er ee "A, x" He und 


m 


wenn man b+cx’—=ß seızt 


e=P [2-44 FH te) He] 


x x 


78 : EyYTELwEIN 


daher eben so wie $.2 den zu y” gehörigen Koeffizienten Q'K, oder 
Q.=P.a='— pP ,Baz’+P_, Rx un + (1) Pr art". 


Diese Glieder, in Reihen aufgelöst und nach den steigenden 
Potenzen von x geordnet, geben den zu gehörigen Koeffizienten 


(Q,)K, = () K,., — =) se > a 
ar ee Ve 


. .. . cx 
Bedeutet 2 eine positive ganze Zahl, so wird Bra oder 
X 


— strnirnnnnn nr 


m-+r 


ßr 


—b" x"! unlbt ca" un, br Ka" Henn 
+n, N ce" Gr ade Eon 


zr+ri 


und wenn man n, be —="DB, setzt 


gr 
—r BE WED ET EB ee, a RR 
ED: 
Diese Reihe mit 
P, = "4er! + "A, 0 ee" "A ET te 


multiplizirt und nach den Potenzen von x geordnet, giebt den zu 


x gehörigen Koeffizienten 


Erle r wi n mn n mn m 
(3) Kar = "Aa Br Anarne "Bet "Anni "Bi 
Sl "BB, teen 


wo die Reihe entweder bei "3, oder auch, wenn m + r gerade 
ist, bei ”""4 oder wenn m-+r ungerade isi, bei """4, abbricht. 
Hiernach wird 

Pr = 

(—-) Ku= "A: B 


pp" 
(==) Ku. Asa EB 5 Aue yasen SByecr An, se 
Anne ."B; Eier 
daher wegen (Q,) K, = "G, nach [I], wenn man zuvor statt 
B; 'B; 'B,; ’B;...... die entsprechenden Werthe setzt 


von der Integration der linearen Gleichungen. 79 


De ee ee 
—(-1)” [6> >>. "Amt + (mt) B"°c. "An gr 2 Hm), 09° cc? "Amer ut] 
+ (-ı)” [7 Ana mu RC. Alena sm, 1bRZ2 Cr. Ans 
+ m; br: ce, Anzr ct" 
Ferner findet man aus P'= (x+by+cx’y) Q' 
P,=x20,-+ b+c=) Q,,; daher 
(U) "BEN FNT TEB: TG 


und wenn man "A, ,,_, = Sf (m,r) setzt 
+ Sri) 
_ [? f(m—1,r+2) + ef(m—1, r)] 
+ [6° 7 (m—2,r+3) + 2bef (m—2,r+1) + c’f(m—2,r— ı)] 


(Hl) G= — (—1)” Br: SS, m+r + (m—ı) #° cef(,m+r—?) 
+ (m —1) 5"? ce f(,m+r—4) +... | 
+ (—1)"” [?” (0), m Hr +1) + mb"! cef(0,m+-r—1) j 
+ m, 0"? c? f(0,m-+r—3) + m; b"° ce’ f(0,m+r—5) +... ] 
Beispiel. Die gegebene Gleichung "G,_, + ""G,+""G_,=m.r 
zu integriren, wird hier f (m,r) = m.r also f (0,r) = 0 u.s. w. 
daher finder man 
"G, =(r-+i) K — 2 (m—ı) + 4 (m—2) — s (m—3) + 16 (m— 4) 
— 32 (m—5) + ee ] 
alo G=0; 'G=r+1; ’G,=0; ’G=3(-H1); 'G@,=—2(rH); 
’G,=9(r+1); °G,=-— 12 (r—1); u. Ss. w. 
Für m —=2 und m =5 findet man hiernach 
GG _,+'G+'G_,=2r und ’G_,+'G+'G_,=5r.0oder 


0 +++ r —ı=2r a 57. 


e) 
= 
I 


$. 18. 


Aufgabe. Die partielle Differenzgleichung 
> et een 


s0 EyTELwein 


zu integriren, wenn die Werthe ”G und G, gegeben sind oder 
willkührlich angenommen werden. 
Auflösung. Nach (I) S.47 ıst 
A = "G_,+b.”""G +c.”"G,_,, also 


m+r—i1 
9 BEE CET a ; ee ER Be EI ee 
"6, +5.7G,#+0:.”7"G; LE 


I 


m—1 


I 


Setzt.man mn. "GC. : be" E,7'G. 0, 80 wird 


Ey TAN =; USW. 
dagegen aber erhalten 4,; "4,_, und "A, bestimmte Werthe und 


man findet nach 8. 17. (TI) in der Voraussetzung, dafs nur diese 
Werthe beibehalten werden, alle übrige aber wegfallen 


+ u. Bere 
Ge PR SAN 
+ [?° An, 2b er Anne ae ua? Dre BE J 


ng ad [2° BA ne BbacnE Ar os Dach Anh 
00, or | 

+ [dt 4. +48 6." Anıra + 4eb? 2 Amer 
SE HNDe EA Ce a A -s] 


oder wegen 4,= G, und wenn man 


H=#.8G,.+n0"'02.G st,’ &.G. 
+n, Dis ce G, ya. He SeLzt 

eis An 

G=°’Aysmce.'4 m °H 

edle Ass Fibe td. , res IA >H, 

:G 


G=’A ses Ass r2be: Ass 6 As Ber Asa Ze An 
= 652.0, YA, abe, A rc NA IH, 


A er Asset 2be. "Age. 4 —35b0?,'4.— c?.'"A,# ’H, 


r+4 


U.S.W. 


Zur Bestimmung der Werthe -'4,; "4d,; "Ay Gens 
entwickele man hieraus 


von der Integration der linearen Gleichungen. 81 


IG=rdr— c.? A, r2beit Ar >H 
Gerd 0. FA 2bei FA2— 3bc? TAN FUH 
IC = Us 0. Asr 2ben ?Asz— 3be?.-? A, 652 02.:14, —®H 


u.s.w. so findet'man wegen '4=5G; ’4,=b.'"G; ’A,=b.’G; 


er Be al Ei 
und wenn man statt 'Y; °H; °Hyınan... die entsprechenden 
Werthe setzt 
14, ='G+b.G, 
24,=°26—- 56.%,-+c.0 


S 
| 


= °’G— be.'G+b?(bG,;, +c.G,) 
"A,='"G— be.?G —l? (0?.G,+2bce.G3,-+c?.G) 
dA, = °’G— be.?G— 620? .'GC+ 2° (0?.G, +35c.G;,+2c2..G,) 


u;s.w. folglich weil "G gegeben ist 


16, =—-b.%-c.G | ’G, =22.6,+ bce.6, —c .'G 
16, =—-5.6;, —c.G, | 6, =22.6, +2be.6; +0. G 
1G, = —5.G,—c.G | ?6,;, =22.6, +25c.6; +2. GG, 
16, = —b.6,—c 6; | ?G, =5?.6, + ?2be.G,+c. G5 


.. on, nn 0000000000000 | ner Teen“ 


7, =7-226@,-—- 2020.65 5Be.G —c.26 
6, = —2b°.6, —35°c0.6; — 2bc?.6, + c?.!G 
%G,; = —B?.6,— 35°c.6, —380?.6,— 0. G 
3G, = —b5°’.G, —35°0.6G,;, — 3502.65 —c°..G, 


..—.— 1, 0, 01, 01.1.1 


267 52.65.3590. G,-E 25222167 = be.i@ ce. 6 
6, =b'1.6, +45°c.6, +55? 02.6, +2bce?. G +c!.°G 
6; =b".6, + 45°0.6; +658° 0.6, +3be?. GC, — c?.!G 
26, —=b°2C5 .-17-2020.@, 76b2c2.G, 14be2. 6. rc. G 
6, = b*.6G; -+45°0.6C, #6522.6,+r4be?: Gzre°. 6, 


.-.... 0 Terre 


Mathemat. Klasse 1824. L 


82 Eyrsenweın von der Integration der linearen Gleichungen. 


66, =b°.6, + 505.6; + 95° c?.6; + 5b?’c?.G, — 2b?c?.!G-— be?.’G —c. 
66,=b°.6G; + 65’c.G, + 14b*c?.G, + 14b?c?.G2 — 5b?c*. 
6G,=b5°.6, + 65° c.G, + 15b*c?.G, + 13b’c?.G3 — 9b?c*. 
6G,=5°.6,0+ 65° c.G; -++155?c?.G, + »b°’c?.G, — 145?c}. 
66, =b°.G,1ı+ 60° c.G5 +15b'c?.G7 + »b’c?.G,;, —15b?c*. 
66, =b°.G,2+ 6b’ e.G, 0 + 15b'c?.G5 + Rnb’c’.G, — 155°c*. 


U.S. W. 


G -+2b02G -+c!. 
G,—3be’-!G —c’.‘ 
G;-r4bc0’: G +c®. 
‚G3+5b0°.: 6, —c°. 
G,+6bc?. Ga+c®. 


Beispiel. Die Differenzgleichung "G_,+""G-+""G_,=0 
integriren, wenn ”G=G,=ı gegeben sind. Weil hier »=c=1ı 
ist, so entsteht für verschiedene Werthe von m und r nachste- 


hende Tafel: 


+ 4 
ze: 
+ 16 


a a — 32 


+16 +1 EA +6 


— 
— 
+ 
- 
-H 
ur 
+ 


—i N NN — 


er 
— 5 
+ 16 
—. 32 


+ 61 


-- 


. 20T Tr Tr Tr Tr rennen nr Tr Tr Tree 


Te etatofe: 2° 


Er 


PARERERLOR 


Soronneee 


Abeoeüäcee 
IZaossorse 


I DERANDE 


zu 


Durch Sehnen in Kegelschnitten gleich grofse Segmente 
abzuschneiden, und isotomische oder äquisegmentarische 
liguren von beliebiger Seitenzahl einzuschreiben. 


y Von 
me 'GRUSON 


[Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 28. April 1824.] 


Ar ich vor mehreren Jahren meine 1809 erschienene Geodäsie bear- 
beitete, veranlafste mich die Aufgabe: 


In einem gegebenen Winkel durch eine gerade 
Linie einen Triangel von gegebenem Inhalt abzu- 
schneiden, 


den geometrischen Ort von den Mittelpunkten aller Linien zu bestim- 
men, die von einem gegebenen Winkel einen Triangel von gegebenem 
und immer gleichem Inhalte abschneiden. 

Diese Untersuchung führte auf die verwandten Aufgaben: 


Den geometrischen Ort von der Mitte aller Sehnen 
zu bestimmen, die in den Kegelschnitten gleich 
grofse Segmente abschneiden. 


Diese Untersuchungen wurden von mir anfänglich mittelst der hö- 
hern Analysis ausgeführt, aber die Einfachheit der erhaltenen Resultate 
liefs mich alınden, dafs elementarische Betrachtungen zum Ziele führen 
könnten, wodurch dieser Gegenstand für mich um so mehr an Interesse 
gewonnen hat, so dafs ich nicht anstehe, diese äufserst einfachen und 


L2 


84 Gruson: Durch Sehnen in Kegelschnitten 


leichten Auflösungen einer auf den ersten Anblick, selbst durch die 
höhere Analysis für Anfänger schwierig scheinenden Aufgabe, hier 
mitzutheilen. 

I. Aufg. Den geometrischen Ort von der Mitte aller zwischen 
den Schenkein eines gegebenen Winkels gezogenen Linien zu finden, 
wodurch dem Winkel immer gleich grofse Triangel von gegebenem In- 
halte abgeschnitten werden. 

Aufl. 1. Der gegebene Winkel sei 2«, der Inhalt des abzuschneidenden 
Triangels gleich 7°; bezeichnet man die abgeschnittenen Schen- 
kel dieses Triangels mit 2x und 2y, so hat man 


2%.2Y : 
Ser .sın Die line 


hieraus x.y.sin2za=4F. 


Diese Formel drückt den constanten Inhalt eines Parallelo- 

gramms aus, dessen Seiten &, y, und 2« der von diesen Sei- 
ten eingeschlossene Winkel ist. 

2. Diese Gleichung wird sogleich als eine Gleichung zwischen 

den Assymptoten einer Hyperbel erkannt, deren Assymptoten- 


winkel 2«, x und y die Coordinaten sind. 


3 A RR a — _. ist bekanntlich gleich der Potenz der Hyperbel 
= en ‚ wenn 2a und 25 die Quer- und conjugirten Axen 
bezeichnen. 

4. Zur Bestimmung dieser Axen dienen die Gleichungen 


8 2 2F 
e+rb— und 2a.b=2Ff, 


sin 2« 


woraus 


a+b=( 2 +1) 2F und a—b=| ( =1)27; 


sin 2« sın 2« 


folglich a = IV +1) 2F + ıV( u) 


sin 2« sin 2« 
1 
u 


2F ee eng VE 
: - [Vı + sin 2a+ Yı—sinza ] = VW — . COS « 
sın 2« 


2sin2« 
Aal) ner 
=— VF. cot « 


0. 


gleich grofse Segmente abzuschneiden. 85 
und =! V (+ Pr 22 Ve: Z1)sF 
sin 2« sın 2« 
Be EEE er 
ty —_ [Vı+sinze —Vı—sinz«] = —VF.1ge. 
sin 2« 2 


Durch eine reine, geometrisch abgeleitete Construction ergeben 
sich die Axen, wenn man von dem Winkel 2« einen gleich- 
schenkligen Triangel ie .sin2« —= F abschneidet. Auch wür- 
den sich hier die Werthe von a und 2 leichter als in (4) fin- 
den, weil = xsin« und a=x cos « ist. 

Zeichnet man die dazu gehörige Hyperbel, so ergiebt sich so- 
gleich, dafs alle Linien, welche von dem gegebenen Winkel 
gleich, grofse Triangel abschneiden sollen, Tangenten von 
der gezeichneten Hyperbel werden, und da bekanntlich alle 
zwischen den Assymptoten liegende Tangenten von der Hyper- 
bel im Berührungspunkte halbirt werden, so folgt: dafs der 
gesuchte geometrische Ort eine Hyperbel ist, de- 
ren Assymptoten Winkel 2« und deren Axen 2a, 2b, 
wir in (4) bestimmt haben. 

Ist x die Absisse für den Berührungspunkt, so ergeben sich, 
wenn man aus den Endpunkten der Tangente Perpendikel auf 
die Queraxe und deren Verlängerung fallen läfst, durch die da- 
durch entstehenden ähnlichen Triangel, die drei Seiten 4,2, C 
des in Rede stehenden Triangels, nemlich: 


die Länge der Seite, welche die Tangente bildet, 


A= Va +b’)2’—a' , 
die Seite B= Ber (x + Vz’ —a’”) 
a 
& - . Va? -+b? (gem 
und die Seite C = — —— (= — Va’ —a?). 
[77 


Da nun bekanntlich 


Ei, Va Te 2]: 


86 


Gruson: Durch Sehnen in Kegelschnitten 


so ergiebt sich (3+C)’= [Ve +] = = (a’+b°), 
4 = ai (a’+b*) — ia‘! 


Also (B+CY — 4°=Aa!. 
Eben so (C—B)’ 


2Ya?+ 52.V: 2_ 22% Pe $ 
|- a’—+ = x -]= — (a? 45°) — 1a" —ab®, 


also 4°—(C—B)’=ıb?, 


Folglich 7 = = Vira’.ıb—= ab, welches mit (4) stimmt. 


Ist in einem geraden Kegel der Scheitelwinkel des Axentrian- 
gels =2«, und man schneidet diesen Kegel parallel mit dem 
Axentriangel in der Entfernung D, so erhält man die Hyper- 
bel, deren Queraxe =2a und deren conjugirte Axe —=2b, und 
denkt man die Ebene dieser Hyperbel projicirt auf die Ebene 
des parallelen Axentriangels, so leuchtet es sogleich ein, dafs 
die Seiten dieses Axentriangels die Assymptoten gedachter Hy- 
perbel sind. 

Denkt man sich einen solchen hohlen Kegel, und giefst irgend 
eine bestimmte Quantität Flüssiges hinein, so werden die ellip- 
üschen, horizontalen Wasserspiegel die tangentirenden Ebenen 
von solchen Hyperbeln, also auch von der Hyperbolcide, die 
durch eine solche Hyperbel erzeugt wird, deren halbe Quer- 
axe in der verticalen Stellung des Kegels die Entfernung 
der Kegelspitze vom Wasserspiegel, und deren conjugirte Axe 
gleich dem Durchmesser des Wasserspiegels ist. 


II. Aufg. Den geometrischen Ort von der Mitte aller Sehnen zu 
bestimmen, die in den Kegelschnitten isotomische Segmente abschneiden. 


Aufl. 1. 


Wie die höhere Analysis dergleichen Aufgaben auflöst, will 
ich hier übergehen, und erlaube mir, deshalb auf Brandes 
twreflliches Lehrbuch der höhern Geometrie 2’ Theil $. 239-242. 
zu verweisen. Ich werde hier nur die ungemein einfache, 
elementare Auflösung davon geben. 


2 


r7 


er 


gleich grofse Segmente abzuschneiden. 87 


Bekanntlich kann jeder Kegelschnitt als irgend eine Projection 
des Kreises betrachtet werden, und umgekehrt der Kreis als 
irgend eine Projection eines beliebigen Kegelschnitts. — Hier 
soll nur von orthographischer Projection, als die leichteste die 
Rede sein, und um die Sache in der Vorstellung zu erleichtern, 
wollen wir unter den Kegelschnitten die Ellipse wählen. 

Will man in einer Ellipse durch eine Sehne ein Segment von 
gegebenem Flächeninhalte, oder ein: Segment abschneiden, 
welches zu der Fläche der ganzen Ellipse ein gegebenes Ver- 
hältnifs hat, so würde es blos darauf ankommen, in dem über 
der kleinen Axe beschriebenen Kreise ein Kreissegment abzu- 
schneiden, welches zu dem ganzen Kreise in dem gegebenen 
Verhältnisse stehet. — Sieht man nun die Ellipse als die Pro- 
jection dieses Kreises an, so ziehe man nur durch die End- 
punkte der Kreissehne Parallelen mit der grofsen Axe, und 
verbinde die Durchschnittspunkte dieser Pitallchen mit der Rl- 
lipse durch eine Ellipsensehne, so hat man der Pr ojectionslehre 
gemäfs ein Ellipsensegment, welches zu seiner Ellipse dasselbe 
Verhältnifs hat, wie das Kreissegment zu seinem Kreise. 

Soll man in einer Ellipse z.B. ein Sechsseit einschreiben, des- 
sen Segmente isotomisch sind, so beschreibe man in dem 
Kreis über der kleinen Axe ein reguläres Sechsseit, ziehe wie 
(3) durch alle Winkelspitzen Parallelen mit der grofsen Axe, 
und verbinde die Durchschnittispunkte dieser Parallelen mit 
der Ellipse durch gerade Linien, so ist die Aufgabe gelöst ; 
weil nach (3) jedes entstandene Ellipsensegment zur ganzen 
Ellipse immer dasselbe Verhältnils, wie das zugehörige Kreis- 
segment zum ganzen Kreise haben mufs, und da im Kreise 


5 
die Segmente alle gleich sind, so sind es auch die in der 


Ellipse. 

Denkt man sich nun einen Berührungskreis in dem im Kreise 
(4) eingeschriebenen, regulären Sechsseit, so ist dessen Pro- 
jecuon offenbar eine der erstern ähnliche Ellipse, die jede EI- 
lipsensehne des isotomischen Sechsseits in ihrer Mitte berührt. 


02) 


6. 


SI 


Gruson: Durch Sehnen in Kegelschnitten 


Der gesuchte geometrische Ort von der Mitte aller Ellipsen- 
sehnen, die zu isotomischen Segmenten gehören, ist also eine 
der äufsern Ellipse ähnliche und concentrische Ellipse, d.h. 
deren Axen in beiden Ellipsen einerlei Verhältnifs zu einan- 
der haben. 

Die allgemeine Eigenschaft der ähnlichen, concentrischen El- 
lipsen isı also einzig die, dafs alle Tangenten der innern Ellipse 
in der äufsern Ellipse isotomische Ellipsensegmente abschnei- 
den. Aber so wenig jeder innere concentrische Kreis geeig- 
net ist, durch seine Tangenten den äufsern Kreis in gleiche 
Theile zu theilen, eben so wenig ist dazu jede innere concen- 
wrische, ähnliche Ellipse geeignet, die Peripherie der äufsern 
Ellipse genau so zu theilen, dafs eine ganze Anzahl getrennter 
isotomischer Ellipsensegmente entstehen. 

Bei den ähnlichen concentrischen Hyperbeln lassen sich die- 
selben Schlüsse, wie oben bei der Ellipse machen. Es ist nur 
noch zu bemerken, dafs bei den Hyperbeln diejenige, welche 
die gröfsern Axen hat, die innere wird, und ihre Convexität 
der Concavität der äufsern Hyperbel zukehrt. Uebrigens 
wird man gleichfalls sehen, dafs, da jede Tangente der innern 
Hyperbel zugleich eine doppelte Ordinate zu einem Durch- 
messer der äufsern Hyperbel ist, sie notlhwendig in dem Be- 
rührungspunkt halbirt ist. 

Da eine Parabel als eine Ellipse angesehen werden darf, deren 
grolse Axe, und folglich auch ihre Hälfte, oder die Entfer- 
nung des Scheitelpunkts vom Mittelpunkt unendlich ist, so 
folgt hieraus, dafs in der Parabel die Diameter zur Axe pa- 
rallel werden. Nun mufs, wie in Betreff der Ellipse, der Dia- 
meter die Tangente der innern Kurve halbiren, und folglich 
diese Tangente parallel zu der Tangente der äufsern Parabel, 
oder, welches einerlei ist, die correspondirenden Bogen ahn- 
lich sein, und also auch die Abscissen und die Ordinaten 
von diesen zwei Bogen sich wie die Parameter dieser zwei 
Parabeln verhalten. Da aber wegen der Parallelität der Dia- 


gleich grofse Segmente abzuschneiden. 89 


ıneter mit der Axe die zwei zu den Berührungspunkten gehö- 
rigen Ordinaten gleich sind, und also die beiden Parameter 
auch gleich sein müssen, oder beide Parabel sind nicht wie 
alle Parabeln, blos ähnlich, sondern völlig einander gleich, so 
liegt der Scheitel auf der Axe da, wo eine auf die Axe per- 
pendikuläre Sehne von der gegebenen Parabel eine Fläche 
von verlangter Gröfse abschneidet. 

10. Ist ein hohler Cylinder, dessen parallele und congruente Grund- 
flächen Ellipsen sind, mit einer bestimmten Quantität Flüssig- 
keit gefüllt, so schneider jede in eine Lage, wo die Grund- 
flächen verukal stehen, isotomische Körpersegmente ab, deren 
Wasserspiegel immer von concenwischen, den Grundflächen 
ähnlichen Ellipsen berührt werden. 


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Mathemat. Klasse 1824. M 


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Verbesserungen. 


Seite 18. Formel [19]. Auch die von i unabhängigen Theile der Coefficienten von Sin 
(fa — kw" u—o') und Sin (fa + Aw w-+ w') sind respective 
in Cos 47? und Sin 37? zu multipliciren. 


Seite 26. Formel [34]. Zeile 3 ist statt Sin (2w + #') 2e’ [ zer 5 
2y+1 2y-+1 

zu lesen... Sın (2u’ + w') 2e’ { ER EN. \ 
zyv+1 zv—ı 


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Abhandlung 


der 


philosophischen Klasse 


der 


Königlichen 
Akademie der Wissenschaften 


zu Berlin. 


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Aus dem Jahre 


1824. 


=nanauaaimanannnnnnnnernne 


Berlin. 


Gedruckt in der Druckerei der Königlichen Akademie 
der Wissenschaften. 


1826. 


In Commission bei F., Dümumler. 


omibarsıld A 


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Versuch 


über die 
wissenschaftliche Behandlung des Pflichtbegriffs. 


y Von 
Hn- "SCHLEIERMACHER. 


mnummnnmmnmvmr 


[Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 12. August 1824.] 


ss ich damit anfange zu erklären, dafs diese Abhandlung als ein 
Gegenstück zu betrachten ist zu der früher vorgelesenen über die Be- 
handlung des Tugendbegrifls: so gilt nun was dort vorgeredet ist ge- 
meinsam für diesen Aufsatz eben so gut wie für jenen; und ich kann 
ohne weiteres zur Sache schreitend auch hier wie dort die Behauptung 
zum Grunde legen, dafs die drei Begriffe, Gut, Tugend und Pflicht jeder 
für sich in seiner Ganzheit auch das ganze siltliche Gebiet darstellen, 
jeder aber dieses thut auf eine eigenthümliche Weise, ohne dafs, was 
durch den einen gesagt wird, in der Wirklichkeit jemals könnte ge- 
trennt sein von dem durch den andern gesagten. Wenn daher in dem 
ganzen menschlichen Geschlecht, von welchem hier nur die Rede ist, 
alle Güter vorhanden sind, so müssen auch alle Tugenden in Allen 
wirksam sein; und umgekehrt, sofern alle Tugenden in Allen sind, 
müssen auch alle Güter vorhanden sein, indem diese auf keine andere 
Weise weder durch Zufall noch als ein göttliches Geschenk sondern 
nur als die Thäugkeit aus der nothwendig zusammenstimmenden Wirk- 
samkeit aller Tugenden entstehen können. Eben so nun, denn Pflicht 
ist der dritte zu jenen gehörige Begriff, können nicht jene beiden ir- 
gendwo gefunden werden, ohne dafs eben da auch alle Pflichten wären 
erfüllt worden, so wie unmöglich alle Pflichten von Allen können er- 
füllt werden, als nur sofern auch alle Tugenden in ihnen gesetzt sind, 
und nicht ohne dafs zugleich dadurch auch der menschlichen Gesell- 
schaft alle Güter mülsten erworben werden. Die Verschiedenheit dieser 
Philosoph. Klasse 1824. A 


2 SCHLEIERMACHER 


Begrille aber zeigt sich darin, dafs kein einzelnes Gut etwa entsteht 
durch Erfüllung einer und derselben sondern verschiedener ja genau ge- 
nommen aller Pflichten, und dafs keine Pflicht erfüllt werden kann 
durch die Thätigkeit Einer sondern nur aller Tugenden, wie auch jede 
Pilichterfüllung, sofern die Tugend als Fertigkeit ein werdendes ist, nicht 
zum Wachsthum nur Einer Tugend sondern aller als Uebung beiträgt; 
und nicht nur auf die Entstehung und Erhaltung Eines Gutes hinwirkt, 
sondern aller. 

Hieraus nun geht auch schon hervor, auf welche Weise der Pflicht- 
begriff! das sittliche darstelll. Denn wenn es in dem Tugendbegriff dar- 
gestellt wird als die Eine sich aber mannigfalüg verzweigende dem Men- 
schen als handelndem einwohnende Kraft, in dem Begriff des Gutes aber 
als dasjenige was durch die gesammte Wirksamkeit jener Kraft wird und 
werden muls: so kann es in dem Pflichtbegriff nur dargestellt sein als 
das, was zwischen jenen beiden liegt, d.h. als die sittliche Handlung 
selbst. Die Entwicklung des Pflichtbegrifls mufs also ein System von 
Handlungsweisen enthalten, welche nur aus der sittlichen Krafı und der 
Richtung auf die gesammte sitliche Aufgabe begriffen werden können; 
eine Entwicklung dieses Begriffs kann es aber wiederum nur geben, so- 
fern in den sittlichen Handlungen die Beziehung auf die Gesammtheit 
der sittlichen Aufgabe und auf das Begründetsein in der Gesammtheit der 
Tugenden sich als eine verschiedene zeigt. Indem nun eine jede Pflicht 
eine solche Bestimmtheit der Handlungsweise ist: so kann sie nicht anders 
ausgedrückt werden, als durch das was Kant eine Maxime nennt, welches 
Wort wir aber, weil es in dem allgemeinen Sprachgebrauch zu deutlich 
den Stempel der Subjectivität an sich trägt, mit dem Worte Formel 
vertauschen wollen. 

Ehe ich aber dazu schreite ein genügendes Princip zur Entwick- 
lung der Ptlicht-Formeln wo möglich aufzustellen, mufs ich noch einige 
Bemerkungen voranschicken. Zuerst, wenn der Begriff einer Pflicht 
die vollkommne sittlliche Richtigkeit einer Handlung ausdrückt: so kommt 
hier der Unterschied, den man bisweilen zwischen der Gesetzlichkeit und 
Sitllichkeit einer Handlung gemacht hat, in gar keinen Betracht, weder 
so als ob die Pflichtmäfsigkeit die blofse Geseizlichkeit sei, die Sittlich- 
keit also etwas höheres als die Pflicht, noch auch so, als ob die Pflicht- 


über die wissenschaftliche Behandlung des Pflichtbegriffs. 3 


mäfsigkeit zwar die Sittlichkeit sei, diese aber auch wol ungesetzlich 
sein könne. Denn das Gesetz selbst ist, da ja in diesem Zusammenhang 
nur von einem Aufseren Gesetz die Rede sein kann, selbst nur durch 
menschliche und ihrer Natur nach sittliche Handlungen geworden, und 
könnte also, ob es richüg, das heifst durch pflichtmäfsige Handlungen 
zu Stande gekommen ist oder nicht, niemals beurtheilt werden, hätte 
gar keine erkennbare Sittlichkeit, wenn Pflichtmäfsigkeit selbst im- 


5 
mer nur Gesetzmäfsigkeit wäre, und also der Pflicht allemal ein Gesetz 


also 


schon vorausgehen mülste. Eben so aber ist auch das Gesetz als ein 
sittlich gewordnes und selbst wieder auf dem siulichen Gebiete wirksa- 
mes, nothwendig ein Gut; und wenn jede pflichtmäfsige Handlung auf 
die gesammte sittliche Aufgabe also auf alle Güter Bezug nehmen mufs: 
so mufs auch jede auf das Gesetz Bezug nehmen, und keine kann dem- 
nach ungesetzlich sein (!). — Zweitens, wenn der Pflichtbegriff auf die 
angegebene Art seine Stellung hat zwischen dem Tugendbegriff und dem 
Begriff der Güter: so sollte man denken, die allgemeine Pflichtformel 
sei schon gegeben in dem Ausdruck: ‚Handle in jedem Augenblick so, 
dafs alle Tugenden in dir thälig sind in Bezug auf alle Güter.” Allein 
einestheils ist diese Formel an und für sich zur unmittelbaren Anwen- 
dung nicht geschickt, weder um für irgend einen Augenblick ein be- 
stimmtes Handeln zu entwerfen, noch um ein schon entworfenes danach 
zu prüfen. Letzteres weil das Verhältnifs einer Handlung zu dieser For- 
mel nicht unmittelbar erkannt werden kann. Denn wenn ein entworfe- 
nes Handeln noch so klar vor Augen liegt: so kann weder bestimmt 
behauptet werden, dafs es alle Güter fördern müsse, noch auch mit rech- 
tem Grunde geläugnet, dafs es dieses nicht leisten könne. Und eben so 


(1) Auch für das Gebiet der bürgerlichen Gesellschaft, für welches er eigentlich ge- 
macht ist, hat dieser Ubvterschied weit weniger Bedeutung als man gewöhnlich glaubt. 
Denn auch dem Gesetzgeber kann an der blofsen Gesetzlichkeit wenig gelegen sein; in- 
dem, wenn das Gesetz nicht in den Bürgern lebendig und also je länger je mehr ihre 
eigene Sittlichkeit wird, es auch in jedem Falle wo es mit etwas in ihnen lebendigem 
in Streit kommt, immer wird übertreten werden, so dafs es seinen Zweck nicht erreichen 
kann. Nur für den Richter ist der Unterschied ein Kanon, dafs nämlich die Function 
der vergeltenden Gerechtigkeit nur da beginnt, wo das Gesetz ist verletzt worden, indem 
Belohnung und Bestrafung mit der Sittlichkeit in gar keiner Beziehung stehn. 


A2 


4 SCHLEIERMACHER 


mit den Tugenden. Vielmehr wenn mir die Vorstellung einer bestimmten 
Handlung vorliegt, die sich nicht schon gleich als unsittlich zu erkennen 
giebt: so kann es mir nur als ein zufälliges erscheinen, ob sie in bei- 
den Stücken unserer Aufgabe entsprechen wird oder nicht. Noch we- 
niger kann durch diese Formel allein ein Handeln bestimmt werden; 
sondern es lassen sich von derselben Voraussetzung gar mancherlei 
Handlungen entwerfen, denen mit gleichem Rechte die Möglichkeit zu- 
käme ihr zu entsprechen. Es ist aber ganz vorzüglich die Anwendbar- 
keit in dem Leben selbst, sowol wo die Construction der Zweckbegriffe 
schwankt oder stockt als auch für die Beurtheilung des Geschehenen, 
welche der Pflichtenlehre, dieser den Alten fast unbekannten Behand- 
lung der Ethik, in der neueren Zeit eine so ganz vorzügliche Gunst 
geschafft hat. Anderntheils wenn man auch diese allgemeine Formel 
weiter entwickeln wollte um ein System der einzelnen Formeln daraus 
zu bilden: so scheint sich unmittelbar kein anderer Eintheilungsgrund 
in derselben darzubieten als entweder nach den Tugenden, welche thätig 
sind, oder nach den Gütern welche angestrebt werden; dann aber wäre 
diese Behandlung keine selbständige Darstellung der Siwlichkeit, son- 
dern ganz abhängig von der Lehre vom höchsten Gut und von der Tu- 
gendlehre, und somit verlöre die Pflichtenlehre alles was sie der Wis- 
senschaft empfehlen kann. Denn für diese bleibt immer die objectvste 
Darstellung, also die aus dem Begriff der Güter, die erste und für sich 
hinreichende; die beiden andern dienen jener nur gleichsam als Rech- 
nungsprobe, welches sie aber nur in dem Maafs leisten können, als sie 
nicht unmittelbar aus ihr entlehnen. Wie wir also die Tugendlehre ge- 
sucht haben zu gestalten ohne von einer der beiden andern Formen un- 
mittelbaren Gebrauch dafür zu machen: so darf auch für die Gestaltung 
der Pflichtenlehre von den anderweitig festgestellten Begriffen von Tu- 
genden und Gütern kein Gebrauch gemacht werden. 

Demohnerachtet können wir nicht läugnen, jener Ausdruck ‚‚Han- 
dle in jedem Augenblick mit der ganzen zusammengefafsten sitlichen 
Kraft und die ganze ungetheilte sitlliche Aufgabe anstrebend,” stellt den 


5 
Einen das ganze vollkommen siuliche Leben bedingenden Entschlufs dar, 
unter welchem alle einzelne pflichtmäfsige Handlungen schon so be- 


griffen sind, dafs kein neuer Entschlufs gefalsı zu werden braucht, 


über die wissenschaftliche Behandlung des Pflichtbegriffs. 5 


wenn immer das rechte geschehen soll, dafs aber durch jede pflichiwi- 
drige Handlung dieser gewils gebrochen wird. Daher bleiben wir doch 
an diesen Ausdruck gewiesen, und es kommt nur darauf an, dafs wir 
ihn anderswie als nach Anleitung der Begriffe von Tugenden und Gü- 
tern spaltend auf das einzelne anzuwenden wissen. 

Von diesem allgemeinen Entschlusse aus läfst sich aber das ganze 
sittliche Leben betrachten nach der Analogie zusammengesetzter Handlun- 
gen, welche auf Einem Entschlufs ruhend dennoch aus einer Reihe von 
Momenten bestehen, so dafs für diese auch noch untergeordnete Ent- 
schlüsse aber freilich in sehr verschiedenem Verhältinifs zu dem zum 
Grunde liegenden allgemeinen Entschlufs gefafst werden. Wer sich nie- 
dersetzt zum Schreiben, wenn sein Entschlufs nur nicht etwa noch ein 
unbestimmter ist, sondern er schon seine volle Bestimmtheit hat, dessen 
Handlung besteht zwar aus einer Reihe von Momenten, aber ohne dafs 
eine neue Berathung oder Wahl entstände; beim Feder eintauchen, beim 
Blatt umwenden sind wir uns kaum einer Volition bewufst, sondern 
alles geht aus dem Einen Enıschlufs hervor, der allein das Bewufstsein 
beherrscht. Hier also verschwinden die untergeordneten Entschlüsse fast 
ganz sowol ihrer Form nach ins Bewufstlose als auch ihrem Inhalte 
nach, indem sie sich nur auf die unbedeutendsten Kleinigkeiten bezie- 
hen. Wer sich hingegen zu einer bestimmten Lebensweise entschliefst, 
für den entsteht aus diesem allgemeinen Entschlufs auch eine Reihe von 
Handlungen, welche zusammengenommen die Ausführung desselben- bil- 
den und also Eines sind; aber wiewol Eines gehört doch hier zu 
jeder einzelnen noch ein besonderer Entschlufs; die einzelne Wollung 
tritt stark hervor, so dafs der allgemeine Entschlufs wiewol die fort- 
wirkende Ursache dieser einzelnen doch in den Hintergrund zurücktritt, 
und also hier das umgekehrte Verhältnifs eintwitt wie dort. Der Künstler 
endlich, welcher das Urbild seines Gemäldes vollkommen in sich trägt, 
gleicht im ganzen während der Ausführung jenem Schreibenden ; allein 
bei welchem Theile er anfängt und in welcher Ordnung und Folge er 
fortarbeitet, das ist in dem allgemeinen Entschlufs nicht mit gesetzt, und 
sofern diese Ordnung auch durch die technischen Regeln — auf welche 
wir hier ohnedies nicht Rücksicht nehmen dürfen — nicht vollständig und 
nicht für Alle auf gleiche Weise bestimmt ist: so geht der Fortschrei- 


6 SCHLEIERMACHER 


tung allerdings jedesmal eine einzelne Wollung voraus, die aber nicht 
eigentlich einen Gegenstand bestimmt, sondern nur die Priorität eines 
schon bestimmten Gegenstandes, deren Werth also vorzüglich darauf 
beruht, dafs sie ohne Verdunkelung wie ohne fremde Einmischung als 
die vollkommenste Fortwirkung des ersten Entschlusses erscheint. Aus 
der Zusammenstellung dieser drei Fälle, welche gleichsam als Typen die- 
nen können, erhellt demnach, dafs die Vereinzelung der Momente, aus 
denen eine zusammengesetzte Hardlung besteht, etwas durchaus relatives 
ist, und es ist leicht zu schliefsen, dafs eine einfache und allgemein gül- 
ige Regel für die Richtigkeit der Handlung nur in dem Maafs gegeben 
werden könne, als der einzelne Moment mit Nothwendigkeit aus dem ur- 
sprünglichen Entschlufs hervorgeht, das heifst als man einer besonderen 
Regel nicht bedarf. Sofern wir also das ganze sittliche Leben ansehen 
können als die Ausführung Eines allgemeinen Entschlusses, also als Eine 
wenn gleich zusammengesetzte That: so wird dasselbe auch hier gelten, 
und es scheint dals wir mit dem Geständnifs anfangen müssen, dafs 
Pflichtformeln nur da recht vollkommen und befriedigend sein können, 
wo ‚der Handelnde selbst ihrer nicht bedarf, und dafs demnach der 
Nutzen der vollkommensten sich am meisten auf die blofse Beurtheilung 
beschränkt. Wenn hier also eine vorzügliche Sicherheit allen denen 
Momenten beigelegt wird, in welchen der besondere Entschlufs am 
meisten schon mit dem allgemeinen gegeben ist: so schadet dies wenig- 
stens der Freiheit, welche wir für die sittlichen Handlungen postuliren, 
keinesweges; denn diese besteht am wenigsten in einer vor der Ent- 
scheidung hergehenden und mehr oder weniger willkührlich, das heifst 
durch subjectiven Zufall, abgebrochenen Unentschiedenheit, sondern nur 
in der Selbstihäugkeit welche dem Entschlufs in seinem ersten Hervor- 
treten sowol als in seiner Fortwirkung einwohnt. 

Um nun zu bestimmen, wie weit wir es mit der Behandlung des 
Pflichtbegrilfes bringen können, und wie wir sie dem gemäfs einzulei- 
ten haben, mufs unsere nächste Frage die sein, welcher von den drei 
aufgestellten Fällen uns die genaueste Analogie darbieter mit dem sitt- 
lichen Leben als einer wahren aber in eine Reihe von sich relativ aus- 
sondernden Momenten zerfällten Einheit. Es wird unschädlich sein die 
Beantwortung dieser Frage mit einer Fiction anzufangen. Wenn wir 


über die wissenschaftliche Behandlung des Pflichtbegriffs. 4 


uns einen einzelnen Menschen denken für sich allein die gesammte sitt- 
liche Aufgabe des ganzen Menschengeschlechtes auf ihn gelegt oder we- 
nigstens ein kleineres vollkommen abgeschlossenes Gebiet ihm hingege- 
ben, innerhalb dessen er sie lösen soll: so würde dieser sich unstreitig 
in dem mittleren Falle des Künstlers befinden. Nämlich neues- entstände 
ihm nichts, was nicht in seinem ursprünglichen Entschlufs, welchen wir 
uns die ganze sittliche Aufgabe umfassend zu denken haben, schon liegt, 
wie auch die ganze Ausführung schon in dem Urbilde des Künsılers 
liegt; aber er könnte in jedem Moment nur einen Theil seiner Aufgabe 
lösen, ohne dafs jedoch die Ordnung, in welcher er zu verfahren hat, 
ihm mit aufgegeben wäre. Denn denken wir uns das Ganze in verschie- 
dene Regionen getheilt so wird es an sich gleichgülug sein, und dies 
wäre doch der stärkste Gegensatz der sich darbietet, ob er erst eine Region 
ganz zur Vollendung bringt, und dann zu einer andern übergeht, oder 
ob er nach einander alle zu bearbeiten beginnt, und sie nach und nach 
eben so weiter fördert, sofern er nur in dem letzten Falle stark genug 
ist, dafs er nicht etwa über der gleichmäfsigen Steigerung den ursprüng- 
lich mitgedachten Grad der Vollkommenheit, gleichend der Stärke der 
Färbung in dem Urbilde des Künstlers, vergifst, und in dem ersten dafs 
ihm nicht über der beharrlichen Beschäftigung mit dem einen Theile 
das Bild der übrigen Theile allmählich erlischt und sich hernach anders 
reprodueirt. Sind nun diese beiden Methoden an sich gleich gut: so 
wird auch unter denselben Bedingungen jeder Wechsel zwischen beiden, 
wie er nur immer gedacht werden kann, gleich gut sein; und also wird, 
sobald irgend eine Handlung, die, ınit welchem Rechte darf uns hier 
nicht kümmern, als ein discreter Theil des Ganzen gesetzt war, vollen- 
det ist, und ein neuer Moment beginnen soll, auch eine Wahl eintreten, 
wenn gleich nur über Ordnung und Folge. Wenn nun diese durch den 
ursprünglichen Entschlufs nicht bestimmt sind, wodurch können sie jedes- 
mal bestimmt werden? Offenbar nur entweder durch eine überwiegende 
aber für den ursprünglichen Entschlufs gleichgüluge Hinneigung des Han- 
delnden zu einem Theile der Aufgabe vor dem andern, oder durch eine 
äufsere Mahnung und Aufforderung, welche von einem Theile aus stär- 
ker an den Handelnden ergeht, als von den übrigen. Und jede dieser 
Bestimmungsweisen für sich abgesehen von der andern ist untadelhaft. 


8 SCcHLEIERMACHER 


Denn jene innere Hinneigung ist zwar für den sittlichen Willen zufällig; 
aber wäre sie auch das allerzufälligste innere, was wir Laune nennen, da 
sie einen Theil der Aufgabe realisirt in einem Moment, wo sonst aus Man- 
gel eines anderen Bestimmungsgrundes keiner wäre realisirt worden, so 
ist sie eine richtige Bestimmung, und wir könnten hierüber folgende For- 
mel aufstellen: ‚‚Thue in jedem Augenblick dasjenige sittliche Gute, 
wozu du dich lebendig aufgeregt fühlst.’ Und da die Hinneigung dem 
sitllichen Willen doch fremd ist: so kann es auch gleich gelten, ob sie eine 
ursprünglich einfache ist, oder ob zwei verschiedene innere Aufregungen 
vorhanden waren, aus deren Streite nur ein Ueberschufs der einen über 
die andere zurück geblieben ist. Denn die Bestimmung kann doch erst 
eintreten, nachdem dieser Streit, für den in dem ursprünglichen sitt- 
lichen Entschlufs kein Enitscheidungsgrund liegt, irgend anderswie ent- 
schieden und die Collision der Neigungen geschlichtet ist. Eben so und 
aus demselben Grunde ist die äufsere Aullorderung an und für sich 
ein richtiger Bestimmungsgrund , und es wäre die Formel aufzustellen: 
„Thue jedesmal das, wozu du dich bestimmt von aufsen aufgefordert 
findest.’’ Nur dafs hier nicht gleich gilt ob die Aufforderung eine ein- 
fache ist oder nicht. Denn die äufseren Aufforderungen reduciren sich 
nicht wie die inneren Erregungen von selbst auf einen Ueberschufs; 
sondern ein Streit zwischen ihnen könnte nur durch ein Urtheil des 
Handelnden geschlichtet werden, welches anderweitig erst mit Rücksicht 
auf den allgemeinen Entschlufs müfste begründet, und demnach eine 
andere Formel um die Dringlichkeit der Auflorderungen zu messen ge- 
sucht werden. Beide Formeln aber sind nur wahre Entscheidungen, die 
eine wenn keine auf einen andern Theil der Gesammitaufgabe gerich- 
tete äufsere Aufforderung sich einer innern Hinneigung entgegen stellt, 
und die andere umgekehrt. Sobald aber beides gleichzeitig differirt, 
entsteht auch dem so allein Handelnden ein Zwiespalt, den wir eine 
Collision nennen, die aber nun keine Oollision ‚der Neigungen mehr ist, 
sondern eine Öollision der Maximen. In solchem Falle heben sich beide 
Formeln auf, und es mufs das Verlangen entstehen nach einem dritten, 
welches die Entscheidung bewirke. Da nun die Möglichkeit dieses 
Streites zwischen der innern Neigung und der äufseren Aufforderung, 
wenn beide nicht dasselbe sittliche Handeln fördern wollen, immer ge- 


über die wissenschaftliche Behandlung des Pflichtbegriffs. 0) 


geben ist; so sind auch eigentlich die beiden aufgestellten Formeln nie- 
mals wahre Pflichtformeln, sondern nur diejenigen sind solche, welche die 
Lösung dieses Streites in sich enthalten. Denn Pflichtformeln selbst dürfen 
nicht mit einander im Streite sein. Doch wird der Einzelne die Lösung 
in sich selbst finden, und immer sagen können er habe pflichtmäfsig ge- 
handelt, wenn er weder die Neigung der Aufforderung noch umgekehrt 
aufopfert, sondern sie in dem beiden gemeinschaftlichen verbindet. Denn 
der Neigung soll man folgen, weil das am besten geräth was mit Lust 
geschieht; und der Aufforderung, weil das am besten geräth, was im 
günstigen Augenblick geschieht. Vergleicht er also beide nur in dieser 
Hinsicht: so hat er nach einem Kanon gehandelt, der über jenen bei- 
den stehend so lautet: ,‚Thue unter allem sitlich Guten jedesmal das, 
was sich in der gleichen Zeit durch dich am meisten fördern läfst.”’ 
Nur giebt es hier keine objective allgemeingültige Entscheidung sondern 
nur die subjective der ungetheilten Zustimmung. Bei dieser werden wir 
uns also auch begnügen müssen in dem gegenwärtigen Zustand für das- 
jenige Handeln des Einzelnen, und zwar gleichviel ob von einer natür- 
lichen oder einer moralischen Person die Rede ist, welches ebenfalls so 
weit menschliche Einsicht reicht, als ein ihm ganz eignes abgeschlos- 
senes Gebiet erscheint. Nicht also, als ob es auf diesem Gebiet, wie 
es häufig nicht nur im Leben sondern auch wissenschaftlich angenom- 
men wird, gar keine Pflicht und nichts pflichtmäfsiges sondern nur er- 
laubtes gäbe; sondern nur dafs die Pflichtmäfsigkeit einzig auf des Han- 
delnden subjectiver Ueberzeugung von der gröfsten Zuträglichkeit der 
Handlung für das ganze sittliche Gebiet beruht. 

Allein der gröfste Theil des siulichen Lebens wird dieser Regel 
entzogen und mufs unter eine andere gestellt werden, deshalb weil es 
nur eine Fiction ist, dafs der Einzelne Mensch allein die ganze sittliche 
Aufgabe oder auch nur einen Theil derselben wirklich abgeschlossen 
für sich allein vor sich habe. Vielmehr ist die Aufgabe eine gemein- 
schaftliche des menschlichen Geschlechts. Jeder Einzelne findet sich, so- 
bald die Möglichkeit eines sitlichen Handelns in ilım entsteht, ja immer 
schon viel früher nämlich am Anfange seines Lebens, in dieser Ge- 
meinschaft, und wird von derselben so festgehalten, dafs keiner in Bezug 
auf irgend einen Theil seines sittllichen Handelns sich so vollkommen 

Philosoph. Klasse 1824. B 


10 SCHLEIERMACHER 


isoliren kann, dafs er nicht immer durch diese Gemeinschaft mit be- 
stimmt wäre. ‚Hierdurch nun wird das sittliche Handeln der Botmäfsig- 
keit der bisher zum Grunde gelegten für sich selbst nicht weiter theilba- 
ren Formel entzogen, und es entsteht eine andere Nothwendigkeit als nur 
die bisher bemerkte, welche war innere Neigung und äufsere Aufforde- 
rung gegen einander auszugleichen, nämlich die einer gegenseitigen Ver- 
ständigung über die Theilung der Aufgabe und das Zusammenwirken zu 
ihrer Lösung. Da nun aber aufser dieser keine andere dem sitilichen 
Handeln des Einzelnen vorangehende und es schon zum voraus bestim- 
mende Naturvoraussetzung vorhanden ist: so müssen aufser jener dem 
einzelnen Menschen für sich zum Grunde liegenden alle andern Pflicht- 
formeln sich auf diese Voraussetzung beziehen, und die Nothwendigkeit 
ein System derselben aufzustellen kann nur in diesem Gemeinschafts- 
zustand gegründet sein, wie denn auch aus jener ersten Formel keine 
eigenthümliche Theilung hervorgehen will. Auf der andern Seite aber 
da wir jeden einzelnen sitllichen Willensact nur ansehen können als 
einen Ausflufs aus jenem allgemeinen, der das ganze sittliche Leben con- 
stituirt und auf eine wahre Totalität ausgeht: so mufs zugleich eben 
dieses, dals jeder Einzelne den Gemeinschaftszustand sitlich anerkennt 
auf jene ursprüngliche Pflichtformel zurückgeführt und als ein Akı ab- 
soluter Identität der innern Neigung und der äufseren Auflorderung ge- 
setzt werden ; welches auch schlechthin postulirt werden kann, und 
nichts anderes aussagt als die Ethisirung der geselligen Natur des Men- 
schen. Hierdurch ist aber zugleich bevorwortet, dafs, da der Einzelne, 
fofern er durch einen freien Willensact den Gemeinschaftszustand aner- 
kennt, auch wieder über demselben steht, und daher auch die ursprüng- 
liche Pflichtformel nur modifieirt durch diese Anerkennung überall gültig 
bleibt, nun jede einzelne aus dem Gemeinschaftszustand sich ergebende 
Pflichtformel auch immer jene ursprüngliche ‚‚nach eigner Ueberzeu- 
gung jedesmal das sitlich gröfste zu thun’’ in sich schliefsen mufs. 

Zu allererst also, und ehe wir weiter gehen, müssen wir unter- 
suchen, ob nicht etwa auch dieses beides in Widerspruch mit einander 
kommen kann, und also beide Formeln sich auch als Pflichtformeln 
aufheben und eine dritte nöthig machen. Es erledigt sich aber die- 
ses Bedenken schon dadurch, dafs die Anerkennung des Gemeinschafts- 


über die wissenschaftliche Behandlung des Pflichtbegriffs. 11 


zustandes selbst nur als eine pflichtmäfsige Handlung zu Stande kom- 
men kann, und dafs sie also nur möglich ist unter der Form der sub- 
jectiven Ueberzeugung, die Anerkennung des sittlichen Gemeinschaftszu- 
standes mit allem was nur die zeitliche Entwicklung derselben ist, sei 
ein für allemal das sitlich gröfste, was der einzelne Mensch ıhun kann, 
und er würde also durch alles, was mit dieser Anerkennung im Wider- 
spruch stehen würde, allemal wenigstens das sittlich kleinere ıhun und 
also pflichtwidrig handeln. Dafs nun im wirklichen Leben diese Ueber- 
zeugung immer vorherrscht, und das Gegentheil nur als ein partieller 
Wahnsinn zu Tage kommt oder als eine verkebrte und irrthümliche Form 
der Regeneration des Gemeinschaftszustandes, dies bedarf hier nur ange- 
deutet zu werden. Eben so aber auch auf der andern Seite, wenn wir uns 
denken die Gemeinschaft schon bestehend, und nun den Einzelnen, so- 
bald dieser sie anerkennt, zugleich in sich aufnehmend; so kann sie ihn 
nur so aufnehmen, wie er sie anerkennt, also mit seinem ursprüng- 
lichen der Anerkennung selbst zum Grunde liegenden sittlichen Willen. 
Wie nun aber das Eintreten des Einzelnen in die Gemeinschaft ein zeit- 
liches ist, also ein Werden: so ist auch die Identität der Ueberzeugung 
Aller über die successive Lösung der sittlichen Aufgabe mit der eines 
Jeden ein Werden; und dafs sie, sofern sie noch nicht ist immer im 
Werden bleibe, und zwar als eine Wechselwirkung zwischen Allen und 
Jedem, ist die Grundbedingung alles sittlichen Gemeinlebens, indem nur 
auf diese Weise allmählig ein Zusammenstiimmen in der Anwendung der 
Ptlichtformeln entstehen wird. 

Nachdem dieses vorausgeschickt ist, werden wir nun versuchen 
können die allgemeine Pflichtformel, ‚„‚„Jeder Einzelne bewirke 
jedesmal mit seiner ganzen sittlichen Kraft das möglich 
gröfste zur Lösung der sittlichen Gesammtaufgabe in 
der Gemeinschaft mit Allen,’ zu einem das ganze sittliche 
Gebiet erschöpfenden System von untergeordneten Formeln zu ent- 
wickeln. Es ist jedoch gegenwärtig meine Absicht nur diejenigen, die 
der allgemeinen am nächsten stehen, zu verzeichnen, wodurch schon 
eine Uebersicht des Ganzen gewonnen wird, weitere Erörterungen aber 
und gröfsere Vereinzelung auf eine zweite Abhandlung zu versparen. 
Ich bemerke nur, dafs wenn wir gleich von einem Wechselverhältnifs 


B2 


12 SCHLEIERMACHER 


zwischen der Gemeinschaft und dem Einzelnen ausgehen, wir dennoch 
in der Construction der Pflichtenlehre nur den Einzelnen als handeln- 
des Subject, welches die Pflichtformeln in Anwendung bringen soll, be- 
trachten. Dieses rechtferügt sich einerseits dadurch, dafs die absolute 
Gemeinschaft Aller in einem bestimmten Wechselverhältnifs mit jedem 
Einzelnen in jedem Falle noch nicht besteht, sondern immer nur wird, 
und also auch nicht als wirklich schon einzeln handelndes Subject auf- 
geführt werden kann, sondern nur als das, welches werden soll und 
auf dessen Werden gehandelt wird. Andrerseits rechtfertigt es sich da- 
durch, dafs untergeordneter und wirklich schon bestehender Gesell- 
schaften siuliches Handeln doch immer nur aus dem pflichtmäfsigen 
Handeln aller Einzelnen hervorgehn kann, also eigner Pflichtformeln 
nicht bedarf; sofern aber solche Gemeinschaften andern gegenüber selbst 
als Einzelne erscheinen, mufs auch für sie gelten was von den natür- 
lichen Personen gilt. Hierzu gehört freilich auf der andern Seite als 
Gegenstück auch noch dieses, dafs wenn der Einzelne angesehen wird 
als in die schon bestehende Gemeinschaft eintretend, sein sittliches Han- 
deln überall nur erscheint als ein Anknüpfen an das schon bestehende, 
mithin mehr durch die Gemeinschaft bestimmt als durch ihn, so dafs 
das Gegentheil des eben gesagten rathsamer scheint, nämlich die Ge- 
meinschaft als das ursprünglich handelnde Subject in der Pflichtenlehre 
zum Grunde zu legen. Allein die Gemeinschaft besteht nur durch das 
fortwäihrende Handeln der Einzelnen in ihr, und ist also selbst nur als 
deren That anzusehen, so dafs jedes anknüpfende Handeln eigentlich 
doch ein die Gesellschaft suftendes und in jedem Augenblick wieder er- 
zeugendes ist. 

Aus diesen Betrachtungen nun gehen zwei Eintheilungsgründe her- 
vor für das ganze Gebiet des pflichtmäfsigen Handelns. Der erste näm- 
lich ist dieser. Eine Gemeinschaft könnte nicht bestehen, wenn nicht 
Jie sittliche Kraft in allen Einzelnen dieselbe und die sittliche Aufgabe 
für Alle dieselbe wäre, und dadurch also ist bedingt ein in Allen gleich- 
zusetzendes Handeln. Allein sofern der sittliche Wille jedem Einzel- 
nen einwohnet in seiner Person, und jeder als ein schon irgendwie ge- 
wordener die Ausführung dieses Willens beginnt auf den Grund seiner 
Ueberzeugung, welche der Ausdruck ist seiner von allen Andern unter- 


über die wissenschaflliche Behandlung des Pflichtbegriffs. 13 


schiedenen sittlichen Person, und jeder nur so in die Gemeinschaft auf- 
genommen wird: so bedingt eben dieses ein für jeden eigenthümliches 
von Allen aber anzuerkennendes Handeln. Wir nennen vorläufig jenes 
das universelle und dieses das individuelle Gebiet. In der allgemeinen 
Pflichiformel sind beide ineinander gesetzt, mithin ist jedes nur ein sitt- 
liches, wenn es zugleich auf das andere bezogen wird, und es entstehn 
uns für diese beiden Handlungsweisen aus der ursprünglichen allgemei- 
nen Pflichtformel zwei besondere und abgeleitete. Die erste, ‚„„Handle 
jedesmal gemäfs deiner Identität mit Andern nur so, dafs du 
zugleich auf die dir angemessene eigenthümliche Weise han- 
delst.’’ Die Nothwendigkeit dieser Formel, wenn ein vollkommen sitt- 
liches Handeln zu Stande kommen soll, wird schon jedem daraus cein- 
leuchten, dafs ein in Bezug auf die andern vollkommen richtiges Han- 
deln doch als ein relativ leeres, also unvollkommnes erscheint, wenn 
ihm das Gepräge des eigenthümlichen ganz abgeht, indem durch die 
Forderung auf Uebereinsimmung, welche die Andern machen können, 
die Arı und Weise der Handlung doch nie vollkommen bestimmt wird. 
Will aber die Gesammtheit ihre Anforderungen bis zu einer gänzlichen 
Unterdrückung des eigenthümlichen steigern: so wird der Einzelne nur 
unvollkommen anerkannt, die Ptlichtmäfsigkeit ist von der Gesammtheit 
sanzen Gesammt- 


5 
lebens, wozu das Chinesische eine bedeutende Annäherung darstellte. Die 


verletzt, und das Resultat ist eine Mechanisirung des 


andre Formel lautet so: „Handle nie als ein von den Andern un- 
terschiedener, ohne dafs deine Uebereinstiimmung mit ihnen 
in demselben Handeln mitgesetzt sei;’’ denn ohne diese Bedingung 
wäre aus dem eigenthümlichen Handeln alle Anerkennung der Gemein- 
schaft verülgt, und das Resultat würde sein die Verwandlung des sitt- 
lichen in ein völlig licenziöses Leben. 

Der zweite Eintheilungsgrund ist dieser. Der ursprüngliche sitt- 
liche Wille des Einzelnen für sich betrachtet schliefst in sich die Aneig- 
nung der ganzen sitllichen Aufgabe. Indem aber der Einzelne die Ge- 
sammtheit der handelnden Subjecte, mit denen er sich in Verbindung 
findet, anerkennt: so suiftet er mit ihnen die Gemeinschaft. Dieses bei- 
des nun, Aneignen und Gemeinschafistiften ist in der ursprünglichen 
Pflichtformel als Eines gesetzt. Also ist auch jedes für sich nur sitt- 


14 SCHLEIERMACHER 


lich in Beziehung auf das andere, und es entstehen daher durch die 
beiden Momente des ursprünglichen siulichen Willens aus der allge- 
meinen Pflichtformel zwei besondere einander ergänzende Formeln. Die 
erste „‚Eigne nie anders an, als indem du zugleich in Gemein- 
schaft trittst.’” Diese schliefst alles egoistische aus von dem sittlichen 
Handeln, und schliefst den Einzelnen so ganz in die Gemeinschaft ein, 
dafs er nie einen Theil der sittlichen Aufgabe ausschliefsend für sich 
nehmen, noch auch irgend etwas von dem durch sittliches Handeln und 
zwar gleichviel ob durch sein eignes oder durch fremdes gebildeten in 
Beziehung auf sich allein haben und behalten darf, sondern immer nur 
in Bezug auf die Gemeinschaft und für sie. Die andere ‚‚Tritt immer 
in Gemeinschaft, indem du dir auch aneignest.” Diese sichert 
dem Einzelnen in der Gemeinschaft seine sittliche Selbständigkeit, damit 
er zwar immer in der Gemeinschaft, in ihr aber auch wirklich so handle. 
Denn es giebt kein anderes Aneignen als nur des wenn ich so sagen 
darf sitlichen Stoffes, um ihn zum Gut aber immer wieder zum Ge- 
meingut zu bilden. 

Wie nun in diesen vier Formeln das Ganze erschöpft sei, so dafs 
es aufser ihnen keine weiter giebt, sondern nur wie sie selbst aus der all- 
gemeinen als ihr untergeordnete Entwicklungen dadurch entstanden sind, 
dafs die allgemeine Naturvoraussetzung des sitlichen Handelns mit in 
Betrachtung gezogen wurde, eben so auch alle anderen nur untergeord- 
nete Entwicklungen von ihnen sein können entstehend aus einer nähern 
Betrachtung der sitllichen Gesammtaufgabe und ihrer Beziehung auf jene 
Voraussetzung; dies kann vorläufig bis auf nähere Erörterung einiger- 
malsen geprüft werden, theils wenn wir auf unsere anfängliche Fiction 
zurückgehen, und unsere Formeln mit ihr vergleichend finden, dafs sie 
nichts anderes sind als die Vertheilung derselben Momente auf die Ge- 
sammtheit der Einzelnen, von denen bei dem Einen die vollkommene 
Lösung der siulichen Aufgabe abhing. Theils wird auch dasselbe er- 
hellen, wenn man betrachtet, wie die beiden Eintheilungsgründe ein- 
ander schneiden, so dafs es giebt ein universelles Gemeinschaftbilden 
und ein eben solches Aneignen, so wie auch ein eigenthümliches An- 
eignen und ein eben solches Gemeinschaftbilden. Die beiden Gemein- 
schaftsgebiete sind die des Jechtes und der Liebe, die beiden Aneig- 


über die wissenschaftliche Behandlung des Pflichtbegriffs. 15 


nungsgebiete sind die des Berufs und des Gewissens; letzteres auf be- 
sondere Weise so genannt, weil in der Aneignung in Bezug auf die 
Eigenthümlichkeit das ursprüngliche Verhältnifs des Einzelnen zur Ge- 
sammtheit der sittlichen Aufgabe wiederkehrt, und also über die Pflicht- 
mäfsigkeit im Einzelnen dieses Gebietes nichts anderes entscheiden kann 
als dieselbe subjective Ueberzeugung. Diese Gebiete bedingen einander 
gegenseitig; und die Bezugnahme auf alle übrigen, indem man vorzüg- 
lich für eines von ihnen handelt, mufs die Sicherheit geben, dafs keine 
Collisionen entstehen können. Wir wollen daher sagen, der Ausdruck 
„Begieb dich unter kein Recht ohne dir einen Beruf sicher 
zu stellen und ohne dir das Gebiet des Gewissens vorzu- 
behalten;” sei die allgemeine Collisionsfreie Formel der Rechtspflicht; 
die gleiche aber für die Liebespflicht laute so „Gehe keine Gemein- 
schaft der Liebe ein, als nur indem du dir das Gebiet des 
Gewissens frei behältst und in Zusammenstimmung mil 
deinem Beruf.’' Und ähnliches wird von den beiden andern gegen- 
überstehenden Punkten zu construiren sein, so dafs alle sich gegenseitig 
mehr oder weniger unmittelbar bedingen. Alles aber wobei irgend 
Pilichtformeln in Anwendung kommen können, wird in einem von die- 
sen Gebieten, wenn die Ausdrücke in dem angegebenen Sinne genom- 
men werden, auch gewils enthalten sein. 


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‚2 


rast uhlsdaeteeg saınhers alla sermilar) aneeil rel e Be 


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ubeneis mager art u ITEer 
“Furt ana mbir' maykıdn ls him Serlsugenf” Abibre ;yrlibene 
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Abhandlungen 
der 
historisch-philologischen Klasse 


der 
Königlichen 
Akademie der Wissenschaften 


zu Berlin. 


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Berlin. 
Gedruckt in der Druckerei der Königlichen Akademie 
der Wissenschaften. 


1826. 


in Commission bei F. Dümnmler. 


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Süvern über einige historische und politische Anspielungen in der alten Tragödie Seite 1 


Borggraubentdie, Antleone. des Sophoklese. wessen as sieee ssaenen tee 5 
Burrmann Erklärung der griechischen Beischrift auf einem ägyptischen Papyrus 
Borr Vergleichende Zergliederung des Sanskrits und der mit ihm verwandten 
$ SpIaAChenk ee ee ee ee een kaerene ee 
Hase über den Farnesischen Congius im Königlichen Antiken-Saale zu Dresden 
Wirserm v. Humsorpr über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit 
dem&Sprachbaun. Saas een a ee 

Rırrer Zur Geschichte des Peträischen Arabiens und seiner Bewohner ........ 
Boerexr# Nachträgliche Bemerkungen zu der Abhandlung über die Antigone des 


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Ueber 
einige historische und politische Anspielungen 
ın der alten Tragodie. 


Von 


H” SUVERN. 


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[Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 15. Januar 1824. ] 


Bas ist die alte Tragödie und die alte Komödie voll von Ne- 
benzügen und Anspielungen, welche, gleicherweise wie die in die Dra- 
men Shakespeare’s (!) häufig eingestreueten temporellen Nebenbeziehun- 
gen, zu historischen und antiquarischen Forschungen, oder zur Zeitbe- 
stimmung der Stücke, worin sie vorkommen, vielfach benutzt werden. 
Wie manche schätzbare Notizen durch deren Beachtung aber auch schon 
gewonnen. oder noch zu gewinnen sind, so ist doch Vorsicht und Be- 
hutsamkeit dabei nöthig, um nicht zu viel zu sehn, oder zu viel und 
voreilig zu folgern. 

Wenn man gleich z. B. aus Aristophanes sehr Vieles zu ge- 
nauerer Kenntnifs des attischen Gerichtswesens, der Gesetze, des Hergan- 
ges bei den Volksversammlungen, und andrer öffentlichen Verhältnisse 
schöpfen kann,.so wird man, um den reinen und zuverlässigen histori- 
schen Ertrag aus den betreffenden Stellen zu erhalten, doch nie, in wie 
weit sie in die karrikirende und, ganz nach Art der Redner, im Grofsen 


wie im Kleinen übertreibende Tendenz der alten Komödie überhaupt, 


”) Diese Abhandlung kann als Anmerkung oder Excurs zu einer vielleicht künftig zu 
liefernden gröfsern verwandten Inhalts betrachtet werden, woraus sie auch in der 
That entstanden ist. 


(1) S. u.a. Drake's Shakespeare and his times Vol. II, p.556. 419. 425 u.a. m. 


Hist. philol, Klasse 1524. A 


> Süvenrn über einige historische und politische 


oder in die jedesmalige satirische Absicht des Dichters verflochten sind, 
in Anschlag zu bringen vergessen. So wird u. a. niemand mit Aristo- 
phanes in den Acharnern Vs. 529. fg. (Leipziger Ausg.) und im Frie- 
den Vs. 610. den Ursprung des Peloponnesischen Krieges von der Feind- 
schaft der Athener mit den Megarern und dem bekannten, von Perikles 
bewirkten, Volksbeschlusse gegen Megara allein, noch diesen Beschlufs 
insonderheit wieder mit dem Komiker in der erstern Stelle von der wech- 
selseitigen Hetärenentführung lustiger Gesellen aus Athen und Megara, 
und der Eırbitterung der Aspasia darüber, oder der in der zweiten an- 
gegebnen Veranlassung, in Ernst ableiten wollen, da es jenem an beiden 
Stellen sichtlich nur darauf ankommt, die Ursach des grofsen, über ganz 
Hellas und seine Inseln so lange und heftig wüthenden Krieges als recht 
geringfügig und von blofsen Persönlichkeiten des Perikles, nicht von 
der Volksneigung, ausgegangen darzustellen; sondern man wird vielmehr 


5 
von dem erwähnten, aus der Sage der mit jener Stelle der Acharner den 
Athenern selbst wieder entgegenspottenden Megarer (!) geschöpftien Um- 
stande und der Möglichkeit, dafs solch ein Gerücht nur hat entstehn 
können, als sichre historische Thatsache nur den so oft von den Komi- 
kern bespöttelten auch politischen Einflufs der Aspasia auf Perikles_ ent- 
nehmen, welcher sich auch in der weit stärker begründeten und auch 
historisch bezeugten (2) Nachricht von ihrem Antheile an Erregung des 
Krieges gegen die mit ihrer Vaterstadt Milet wegen Priene entzweieten 
Samier kund giebt (). Eben so wenig wird man auf der andern Seite 
in der bekannten, wenn gleich für die Eintheilung der attischen Staats- 
einkünfte (‘) und, selbst gegen die Angabe eines Historikers, für deren 
jährlichen Erwag äufserst wichtigen Stelle der Wespen Vs. 676. fg. einige 
Uebertreibung in dem letztern mit Böckh (°) anzuerkennen, Bedenken tra- 


(1) Plutarch. Pericl. ce. 50. 


( 


2). „Plutarch. 1.0.€..40. 
(5) Anders ist auch die Notiz eines Zexici Segueriani bei Bekker Anecd. graec. 


BEBL..IE pP. 455, 14: Aozel d8 (@ TRaTI«) Övoiv morzmomW ceirie VESTTERER ToÜ re Ianıanzod zu 
ro0 Nerorovvrsiczcd, wohl nicht zu verstehn. 

(4) Böckh Staatshaushalt der Athener. Th.I, S.520. 

(5) a.a.0. S.465. 


Anspielungen in der alten Tragödie. 3 


gen, da es hier dem Komiker oflenbar darum zu thun ist, eine mög- 
lichst ansehnliche Summe hervorzurechnen. 

Wenn und in wie weit hingegen dergleichen historische und anti- 
quarische Nebenzüge durch ähnliche Absichten des Dichters nicht be- 
rührt und von ihnen modilieirt sind, gebührt ihnen gewifs alle Auf- 
merksamkeit und Beachtung. So hat der Ausfall auf Hyperbolos in 
den Wolken Vs. 625 folg. hauptsächlich nur satirischen Werth. Wenn 
aber Tittmann (!) in derselben Stelle nur das Ares beachteı hätte, so 
würde er sie vielmehr zu Bestätigung der aus Aischines Ktesiphonu- 
scher Rede — woraus die a.a.O. in Beziehung auf die Pylagoren ange- 
führte Stelle ebenfalls mifsverstanden ist, in welcher indefs Bekker ersı 
die richtige Leseart ası für eirası gegeben hat — hervorgehenden (2) nur 
jährigen Dauer der Function eines Hieromnemon in Athen benutzt, als 
aus dem Scholiasten, welcher das rzres auch nicht einmal übersehn hatte, 
eine lebenslängliche Dauer derselben gefolgert haben. Aber auch selbst 
dies letztere mit Unrecht, da der Scholiast nur sagt, kein Geschicht- 
schreiber habe der Hieromnemonie des Hyperbolos in dem Jahre gedacht, 
weil dieser bei Lebzeiten des Kleon nicht hervorgeragt habe, keineswegs 
aber, dafs Kleon, der ja auch erst Ol. 89,5, also zwei Jahre nach Auffüh- 
rung der Wolken, bei Amphipolis geblieben ist, sein ganzes Leben hin- 
durch Hieromnemon und Hyperbolos sein Nachfolger hierin gewesen sei. 

Aehnlicher Beispiele, liefsen sich mehrere aufstellen. Im Allge- 
meinen aber, und in besondrer Hinsicht auf die alten Tragiker, scheint 
wohl bedacht werden zu müssen, dafs alle solche Anspielungen auf Be- 
gebenheiten und Verhältnisse erst durch die Zeit eine historische Be- 
deutung gewonnen haben, dafs sie ursprünglich auf den lebendigen Ein- 
druck auf das Volk bei Aufführung der Stücke berechnet, oder, um 
mich eines guten Ausdrucks des alten Scholiasten zum Sophokles (5) zu 
bedienen, zwnrizai ro Seargev waren, dafs sie der alten Komödie, welche 


ganz in der Gegenwart steht und sich vielfach mit ihr verschlingt, 


(1) Ueber den Bund der Amphiktyonen. S. 88. 

(2) S. Van Dale dissertatt. p. 425. Vergl. Ste Groix sur les gouvernemens fede- 
ratifs. p. 50. 

(5) Zum Oedipus Tyrannus Vs. 264. - 


A.2 


4 Süvzenn über einige historische und politische 


durchaus natürlich sind, die alte Tragödie aber, welche sich ihrem in- 
nersten Wesen nach weit über die Gegenwart erhebt, durch dergleichen 
Züge, und die Nebenbeziehung auch ganzer Stücke auf bürgerliche und 
Staatenverhältnisse, ihre populäre Neigung, sich an dieselbe wieder an- 
zuschliefsen, offenbarı. Woraus folgt, dafs, wenn eine angenommene 
Anspielung von der Art ist, dafs sie das ein durchaus öffenliches Staats- 
leben führende, mit der frühern wie mit der Tagsgeschichte vertraute 
und aufgeweckte Volk gleich twreffen, von ihm ohne vieles Nachsinnen 
verstanden werden, und eine schlagende Wirkung verbreiten konnte, 
sie dann als eine solche anerkannt werden mag, wenn aber ihre Be- 
ziehung so versteckt ist, dafs deren Verständnifs auch dem damaligen 
Volke nicht ohne vieles und gekünsteltes Suchen klar werden konnte, 
sie als eine ächte, vom Dichter beabsichtigte Anspielung mit Grund be- 
zweifelt werden kann. 

Eine ächte Anspielung scheint mir z. B. nicht zu verkennen in 
den zwei Stellen der Perser Vs. 82. und 282. (nach der neuesten Schützi- 
schen Ausgabe) und Aischylos erst vollkommen verständlich zu wer- 
den durch Entdeckung der Beziehungen, worin diese Stellen auf die 
beiden kurz vor dem Einfalle des Xerxes in Attika den Athenern gege- 
benen und von Herodotos (VII, ı40o und ı4ı.) aufbewahrten Orakel 
und die den Entschlufs der Athener über die Arı der Kriegführung ent- 
scheidende Erklärung des Themistokles von dem Sinne des letztern stehn. 
Indem er nehmlich in jener erstern Stelle das in dem, von mir schon 
längst dazu angemerkten, und jetzt auch von Blomfield zur Bestäu- 
gung der Lesart angeführten, Vs.6. des erstern Orakels vom Ares prädi- 
cirte Zugmyeves agına diwzwv in den Worten Zupiöv I apa diwauv auf 
den Xerxes selbst, es erklärend (!), überträgt, und in der zweiten den 
die Nachricht von der Persischen Niederlage nach Susa überbringenden 
Boten ausrufen läfst: 


(1) Vergl. Herodot. VII, 100, wo berichtet wird, Nerxes habe das Heer nach dem 
Uebergange über den Hellespont bei Doriskos gemustert, örEeravvuv Zr’ agueres. Wenn 
man die Schilderung des Persischen Heeres in den Persern Vs. 11-85. mit Herodot. VI, 
60—100. vergleicht, so drängt sich die Vermuthung auf, dafs dem Dichter besonders jene 
Musterung, wovon er auch ohne Herodots Beschreibung Kenntnifs haben konnte, vor Augen 


geschwebt habe. 


Anspielungen in der alten Tragödie. 5 
"N mAeisov EX,Ios ovou@ Zarauivos zAUsv, 

erinnert er das Volk nicht nur an die Erfüllung jener Orakel überhaupt, 
sondern vornehmlich auch daran, dafs die Erklärung der Ausrufung & 
Sen Zarauıs im Vs. ı1. des zweiten Orakels, wodurch Themistokles (!) 
seinen Rath, den Schiffen das Heil der Stadt anzuvertrauen , vechifer- 
tigte und wider die Gegner durchsetzte, die wahre gewesen, und für 
die Perser durch den Erfolg alle Ursach eingetreten sey, die Insel Sala- 
mis zu verwünschen, wie für die Athener, nach dem Vorgange des 
Orakels, sie zu preisen. Die Hindeutung auf diesen, für das gesammte 
Schicksal des Persischen Unternehmens gegen Hellas entscheidenden, Um- 
stand durfte beinah in dem jene ganze grofse Begebenheit und die darin 
zur Sce wie zu Lande verrichteten Grofsthaten der Hellenen feiern- 
den Drama nicht fehlen, dessen Tendenz nicht, wie der Verfasser der 
Meletemata critica in Aeschyli Persas (Yratislav. 1818.) annimmt, dem 
Themistokles und der durch ihn wo nicht geweckten — denn dies 
scheint bereits durch Miltiades See-Expedition geschehn zu seyn (2) — 
doch entschieden verstärkten Richtung der Athener auf das Seewesen 
entgegengesetzt seyn konnte, schon aus dem allgemeinen Grunde nicht, 
weil gewifs niemand, um einen Andern von irgend einem Bestreben ab- 
zumahnen, diesem den eignen guten Erfolg solches Bestrebens, wenn 
auch das Unglück der Gegner in demselben, versinnlichen wird, daher 
auch Aischylos, der ja selbst in den beiden giorreichen Schlachten 
bei Salamis und bei Plataia mit gefochten hatte, um jene vermeinte Ab- 
sicht zu erreichen, seinen Landsleuten vielmehr eignes Unglück zur See 
und Sieg zu Lande allein, nicht die gänzliche Niederlage der Feinde 
auch zu Lande als durch den ersten Sieg der Hellenen zur See herbei- 
geführt (%), hätte vorstellen müssen, und weil er, die Kriegslist, wo- 
durch Themistokles den Xerxes zur Seeschlacht verlockt (*), als den 


ersten Anfang des Persischen Unglücks so stark hervorhebend (Vs. 551 


(1) Herodot. VII, 145. Plutarch. Themistocl. 10. 
(2) Vergl. Heeren Handbuch der Geschichte der Staaten des Alterthums. 8. 219. 


(5) Vergl. Pers. 452 fg. 450 fg. 559 fg. abe VEaurızeg Sourös zurnDesis mwelov WAETE socreV. 


1006. 1051., und zuletzt noch am Schlufs Vs. 1066 u. 1007. 


(4) Herod. VIII, 76. Diodor. AT, 19. 


6 Süvenn über einige historische und politische 


folg.), auch den Themistokles selbst nicht undenutlich rühmt. Hiermit 
stimmt zusammen die Erinnerung an des Letztern Erklärung des Ora- 
kels. Diese konnte das Volk, dem das Andenken an die acht Jahr vor- 
her gewonnene Salaminische Schlacht mit allen darauf sich beziehenden 
Vorgängen ohne allen Zweifel gegenwärtig war, lebhaft ergreifen, und 
dem & rAeisov &y,Ses dvoua Zarauives »Avcıv des Persischen Boten mufste 
in den Gemüthern des athenischen Volks gleich das & Sem Yarauıs des 
Orakels entgegentönen. Dafs übrigens der Dichter seine Mitbürger durch 
die Perser habe erinnern wollen, nicht die Schiffe, sondern die Männer, 
nicht Stärke zur See alleın, sondern auch Kraft zu Lande, sey es, wor- 
auf das Heil der Stadt beruhe, will ich mit Obigem nicht bestreiten. 
Am meisten verwies er sie jedoch auf den Schutz der Götter (Vs. 545.), 
welche des Xerxes Uebermuth und Vertrauen auf äufsre Stärke durch 
die schnelle Zertrümmerung seiner ungeheuren Macht gestraft hatten. 
Dagegen wird meines Erachtens die Hinweisung auf Perikles und 
Anspielung auf den Einfall der Peloponnesier und mit ihnen verbünde- 
ten Boiotier in Attika im ersten Jahre des Peloponnesischen Krieges und 
ihren Rückzug, welche Reisig (!) in den Versen 1526-1550 des Oidi- 
pus auf Kolonos: 
At de Mupiau morEıS, 

zav &D Ts oirn, bediws »aIußgırav- 

JEol yag ev me, öde 0”, eiTogws” orav 

ra IE’ apeis rıs eis TO MawerIar TEamy, 
sieht, und wonach er die erste Aufführung dieser Tragödie schon zwi- 
schen das erste und zweite Jahr des Peloponnesischen Kriegs setzen zu 
dürfen glaubt, schon deswegen, weil sie zu gesucht und zusammengesetzt, 
dafs ich nicht sage verworren, und in zu unbedeutende Anknüpfungs- 
puncte verhüllt ist, um vom Volke gleich verstanden werden zu kön- 
nen, nicht zuzugeben seyn, wenn auch eine solche den Worten wie 
der Sache nach in der Stelle liegen könnte. Dies ist aber nicht mög- 
lich. Den Worten nach nicht, weil in dem Satze zav eü rıs cixf, der 
auf Perikles gehn soll, bei ris nicht «ung — wenn gleich Musgrave 
und Brunck, welcher letztere auch cx7 durch dicı#7 erklärt, hierin vor- 


(1) Enarratio Oedipi Colonei p. VIII sg. 


Anspielungen in der alten Tragödie. 7 


gehn — sondern aus dem Hauptsubjeete rer«s nichts anders als rorıs 
verstanden werden kann, und die Erklärung des Satzes nach dem be- 
kannten und gar nicht seltenen moRıS EÜ, AuAds, zarws cixel von einer gut 
oder schlecht verfafsten und verwalteten Stadt keinem Bedenken unter- 


5 


worfen ist; sodann auch nicht, weil, wenn in dem Satze Sec Yag Eu 
uev, öde Ö’, eirogüs” das &Ö darauf, dafs die Peloponnesier bei ihrem Ein- 
falle in Attika die Olivenbäume verschont, und das &Le auf ihren Rück- 
zug, 
facher Bedeutung, in Verbindung mit ev von obwaltender Fürsorge, mit 


beides sehr gezwungen, bezogen werden könnte, eiscpws in zwie- 


öl: von Rache der Götter genommen werden mülste. Der Sache nach 
nicht, weil die Peloponnesier, da sie die Olivenpflanzungen verschont, 
nicht Göttliches aus den Augen gesetzt hatten, deswegen auch nicht dem 
auf Frevel gegen jene Pflanzungen gelegten Fluche und göttlicher Strafe 
anheim gefallen, sondern freiwillig aus Atuka zurückgezogen waren. Der 
verbannte thebanische König Oidipus will in jenen Worten nur den 
Theseus, nicht zu verrathen, sondern dafür zu sorgen, dals immer 
dem Ersten der Stadt als heiliges Geheimnifs anvertrauet bleibe was er 
von den Umständen seines Todes sehen werde, nnd so die Stadt Athen 
(rivde vorm) vor feindlicher Verheerung durch die Thebaner, als stra- 
fender Folge des Vervatlis, zu sichern, durch die allgemeine Vorstellung 
warnen, dafs unzählige Städte, wenn auch eine wohl regiert sey, leicht 
fehlen durch Frevel und Hintansetzung höherer göttlicher Verhältnisse, 
die Einer aus ihrer Mitte begehe, und welche die Götter, wenn auch 
spät, doch stets treffend ahnden; und die einzige Rücksicht, welche da- 
bei auf Thebe genommen wird, liegt nicht in dieser allgemeinen Vor- 
stellung, sondern in der Versicherung, dafs Theseus Athen frei von 
solcher göttlichen Strafe durch Verheerung von den Männern aus der 
Saat der Drachenzähne bei ehrfurchtvoller Bewahrung des Geheimnis- 
ses der Todesart des Oidipus regieren werde. 

Wenn, wie Reisig (!) sagt, die Aeufserungen im Vs. 598. 609. 
gıd. fg. und 1526. des Oedipus Coloneus beinah in der Mitte des Pelo- 


yonnesischen Kriegs oder um Ol. 89, 4, wohin Böckh (2) die erste Auf- 
ji £ S 09, 4 | 
8 


(D)28.20;: p: FMH. 


(2) Graecae trag. princ. p. 187. 


4 


s Süvenrv über einige historische und politische 


führung dieser Tragödie setzt, zu spät kommend und unpassend seyn 
würden, so würden sie dies nicht minder schon im ersten und zweiten 
Jahre des gedachten Krieges seyn, da es bereits Ol. 80, 4 zu einem hefü- 
gen Kriege zwischen Athen und Thebe gekommen war (!). Unmöglich 
ist es auch durchaus nicht, dafs Sophokles durch die Weissagung des 
Oidipus V. 609-615. die Thebaner würden einmal das gute Verneh- 
men mit Athen unter unbedeutendem Vorwande brechen, an jenen er- 
sten ollnen, von den Thebanern veranlafsten, aber durch die grofsen 
Siege des Myronides an ihnen gestraften, Ausbruch der Feindseligkei- 
ten zwischen Athen und Thebe nach den medischen Kriegen (?) hat 
zurückerinnern wollen. Allein mit Gewifsheit läfst sich dies nicht be- 
haupten, da nicht alle die feindseligen Aeufserungen über 'Thebe, welche 
neben manchen auch günstigen — z. B. Oed. Colon. 915. folg. und in 


den Chorgesängen der Antigone Vs. 100. fg. und 1102. fg. in der at- 


g. 
tischen Tragödie nicht selten vorkommen, nothwendig immer in beson- 


drer Beziehung genommen werden müssen, sondern sich oft aus der all- 
gemeinen, durch das Betragen der Thebaner in den medischen Kriegen 
genährten und von Sparta angefachten, Eifersucht zwischen Athen und 
Thebe genügend erklären lassen. 

Nicht anders verhält es sich mit den günstigen Aeufserungen der 
attischen Tragödie über Argos, welche ebenfalls durchaus nicht immer, 
sondern nur in ausgezeichneten Fällen, eine besondre Bedeutung haben 
können. Den Aıhenern war es, seit sich ihr Mifsverhältnifs mit den 
Spartanern entsponnen, angelegentlich um Freundschaft mit Argos, wie 
den Spartanern mit Thebe, zu ıhun. Ein Bündnifs zwischen Athen 
und Argos wurde Ol. 79, 4 geschlossen, und die in Aischylos Eume- 
niden Vs. 285-287. liegende, schon von dem Scholiasten erkannte, Be- 
ziehung auf dasselbe ist auch von Böckh (°) für die Annahme, dafs die 
Eumeniden, welche wir noch besitzen, die Ol. 8o, 2 mit der ganzen 
Oresteia zusammen gegebne Bearbeitung dieses Stücks sey, in Anschlag 
gebracht worden. Es mufs aber mit dieser Stelle die von Apollon , dem 


(1) Thucyd.J, 107. 108. Diodor. IX, 81 folg. 
(2) Denn schon vor denselben war Krieg zwischen beiden geführt. Herodot. Y,, 77 fg: 
( 


Swalec.a 0.200: 


Anspielungen in der alten Tragödie. 9 


Sachwalter des Orestes vor dem Gericht, kurz vor der Entscheidung 
Vs. 659. fg. erklärte Absicht, worin er diesen zur Stadt der Pallas ge- 
sandt, um nehmlich zwischen dieser und seinem Schützlinge und dessen 
Nachkommen eine ewige Bundesgenossenschaft zu begründen, und dann 
ferner der feierliche Eid, womit Orestes Vs. 752-764 Argos den Athe- 
nern zu solcher Bundesgenossenschaft verpflichtet, zusammengenommen 
werden, um die dem Aischylos bei den Eumeniden mit vorschwebende 
Absicht zu erkennen, jenes Bündnifs als durch die von der Schutzgöttin 
Athens dem Orestes auf sein Bitten erzeigte grofse Wohlthat und des- 
sen Gegenverpflichtung uralt begründet darzustellen. Auch für die Öko- 
nomie der Eumeniden sind jene Stellen von grofser Wichtigkeit. Denn 
die Dazwischenkunft der Göttin beruht, wie diese Vs. 591 selbst er- 
klärt, auf dem Gebet des Orestes und dem Versprechen, unter welchem 
er Vs. 285. fg. ihren Beistand erfleht, und die feierliche Vollziehung der 
aus jenem und der darauf erlangten Hülfe fliefsenden Verpflichtung steht 
ihm nothwendig gegenüber. Später eingelegt werden konnten also jene, 
in die Ökonomie des Ganzen wesentlich verflochtenen, Stellen nicht auf 
gleiche Weise, wie vielleicht mit dem Chore eine Veränderung hat vor- 
genommen werden können. Daraus folgt aber, dafs die Eumeniden nicht 
schon vor dem Jahre des Bündnisses mit Argos, oder Ol..79, 4, schon 
einmal gegeben, und dafs, wenn auch die von Hermann (!) aus an- 
dern Gründen ‚bestrittene Hypothese einer zweifachen Bearbeitung und 
Aufführung der Eumeniden dennoch angenommen werden mülste, ihre 
erste, von den beiden andern Stücken der Oresteia abgesonderte, Auf- 
führung auf keinen Fall schon Ol. 77, 4 geschehn seyn kann. Bemer- 
kenswerth ist es nun zwar, dafs nicht allein die Eumeniden, sondern 
auch die beiden andern Theile der Oresteia, eine deutliche durchgehende 
Beziehung nicht blofs auf das Agamemnonische Haus, sondern auch auf 
Argos haben. Im Agamemnon werden nicht nur Argos und die Argeier 
als Zerstörer von Ilion in mehreren Stellen verherrlicht, sondern der 
Schlufs dreht sich ganz um die dem feigen Aigisthos vom Chore streitig 
gemachte (V. 1655. 1655) Herrschaft über Argos. In den Cho&phoren 


(1) De choro Eumenidum Aeschyli dissert. II, p. VIII sg. 


Hist. phllol, Klasse 1824. B 


10 Süvenrn über einige historische und politische 


treibt es den ÖOrestes nicht blofs, den Tod seines Vaters an dessen Mör- 
dern zu rächen, sondern auch die glorreichen Zerstörer Troja’s von de- 
ren Herrschaft zu befreien (Vs. 299. fg.), und nachdem er die beiden 
Tyrannen des Landes todı dargestellt (Vs. 965. fg.) wird er als Befreier 
von Argos anerkannt (Vs. 1059). In den Eumeniden wird er, gegen den 
Einspruch des ernsten strengen Chores, dafs er nicht in dem mit dem 
Blute seiner Mutter von ihm beneizten Lande wohnen, nicht die Ge- 
meinschaft der Bürger in Argos theilen könne (Vs. 645. fg.), durch die 
Gnade der Pallas nicht blofs entsündigt, sondern auch seinem Vaterlande 
wiederhergestellt (Vs. 744. fg.) ('), und dieses durch ihn den Athenern zu 
ewiger Beseranesiniee verpflichtet. . So hängt die ganze Öresteia 
auch in dieser, dem spätern demokratischen Charakter der Verfassung von 
Argos (?) eben so sehr, wie das Benehmen des argeiischen Königs Pelasgos 
in Aischylos Supplieibus , zusagenden , Beziehung zusammen, und nicht 
auf die Eumeniden allein ist letztere beschränkt, sondern erreicht nur 
in diesen ihr Ziel. Hieraus läfst sich aber nicht folgern, dafs die Eu- 
meniden nur mit der ganzen Oresteia zusammen, und nicht schon ein- 
mal vor derselben besonders, gegeben seyn können. Auch der Oedipus 
Coloneus steht in innerer Beziehung mit der Antigone — wie diese mit 
Aischylos Sieben gegen Thebe, an welche sie sich, wie ich schon an- 
derswo (%) bemerkt habe, unmittelbar anschliefst — und weiset durch 
die Bitte des Polyneikes an seine Schwestern (Vs. 1400,), wenn seines 
Vaters Fluch an ihm Erfüllung habe und sie selbst nach Thebe zurück- 
kehrten, seinen Leichnam zu bestatten, so wie durch den Schlufs, worin 
die Jungfrauen den Theseus um Geleit nach Thebe bitten (Vs. 1760. fg.) 
und dieser es ihnen gewährt, sehr bestimmt und gewissermafsen vorbe- 


reitend auf die Antigone hin. Demohngeachtet ist nichts gewisser, als 


(1) Dafs hier die von Euripides in der Klecira Vs. 1275. befolgte ‚Sage, wonach 
Orestes, vom Areopag losgesprochen, nach Arkadien gewandert, wohin er bei ebendem- 
selben im Orestes Vs. 1667. gleich nach dem Morde der Klytaimnestra und des Aigisthos, 
und noch ehe er sich nach Athen begiebt, gelangen soll, nicht eingemischt werden dürfe, 
versteht sich von selbst. 


(2) S. Tittmann’s ee des Alterthums 8.555 fg. 


(5) In der Schrift über Schiller’s Wallenstein in Hinsicht auf die griechische Tra- 
gödie. S. 227. 


Anspielungen in der alten Tragödie. 11 


dafs die Antigone mehrere Jahre vor dem Oidipus auf Kolonos zum er- 
sten Male gegeben ist. Der schon oben angeführte Verfasser der mele- 
temata critica in deschyli Persas setzt (p. ı4.) die erste Aufführung der 
Eumeniden in Ol. 79, 4 selbst, allein aus keinem andern Grunde, als 
wegen ihrer Beziehung auf die durch Perikles und Ephialtes bewirkte 
Schmälerung des Areopag, und nicht übereinstimmend mit der gleich 


darauf folgenden Angabe, dafs letztere ein Jahr vor der ersten Auftüh- 


rung der Eumeniden also obiger Annahme zufolge Ol. 79,5 — ge- 
schehn sey, da sie bekanntlich erst Ol. 8o, ı vor sich ging (!). Es läfst 
sich indefs eine ähnliche Bewandnifs mit den Eumeniden denken, wie es 
mit den “Ixerıdes des Euripides gehabt haben kann, die wahrscheinlich 
in demselben Jahre, worin das zehn Olympiaden später, nehmlich Ol. 
89, 5, mit Argos unterhandelte Bündnifs zu Stande kam (?), und, nach 
Hermanns Vermuthung (5), vielleicht in Gegenwart der argeiischen Ge- 
sandten gegeben wurden, um dies Bündnifs beiden Theilen, vornehmlich 
den Argeiern, als auf alten Verbindlichkeiten beruhend, und durch sie 
geheiligt, darzustellen. Es ist nicht zu läugnen, dafs die Annahme ei- 
ner gleichen Absicht des Aischylos bei den Eumeniden in Hinsicht auf 
das frühere Bündnifs zwischen Athen und Argos, und die darauf ge- 
stützte Folgerung über das Jahr einer ersten Aufführung der Eumeniden, 
bei welcher jedoch auch vorausgesetzt werden mufs, dafs die Schmäle- 
rung des Areopagos auch schon Ol. 79, 4. betrieben sey und der Tragi- 
ker durch die Darstellung der uralten Würde und Heiligkeit dieses Tri- 
bunals davon habe abmahnen wollen, etwas für sich hat — wenn anders 
eine solche frühere Aufführung des Stücks noch aus andern Gründen 
behauptet werden kann, was ich der nähern Prüfung unsers geehrten 
Herrn Collegen Böckh überlassen mufs, da es mir nur darauf ankam, 
die bei dieser Frage noch nicht genugsam erwogene Beziehung der Ore- 
steia und vornehmlich der Eumeniden auf Argos mehr herauszuheben 


und zur Sprache zu bringen. 


(1) Diodor. AI, 77. 
(2) "Böckh L. c. p..187. 
(5) Praefat. ad Eurip. Suppl. p. IF. 


B2 


12 Süvsenm über einige historische und politische 


27 


Euripides hat aber seine Supplices offenbar ganz auf das spätere, 
allein nach kurzer Zeit schon wieder gebrochne, Bündnifs mit Argos, 
wie Aischylos die Eumeniden auf das frühere, gegründet, wahrschein- 
lich nicht ohne Rücksicht auf diesen. Es kommt nehmlich jenem au- 
genscheinlich darauf an, einerseits eine schr alte Feindschaft zwischen 
Thebe und Argos, und andrerseits eine eben so alte Verbindlichkeit der 
Argeier gegen Athen, nachzuweisen. Indem er nun die letztere von 
der dem Adrastos und den Argeiern durch Theseus erzeigten Wohl- 
that und dem dafür diesem auf Verlangen der Athene geleisteten Eide 
(Vs. 1201. fg. 1225. fg. 1259. ed. Herm.) in ähnlicher Form, wie 
Aischylos, ableitet, führt er sie in eine noch frühere Zeit, als dieser, 
zurück, ja knüpfı sie an die älteste nach Athen gekommene ixerei« eines 
Fremden (!), und wollte vielleicht Jenen dadurch überbieten. 

Es kann indefs auch Aischylos, welcher überhaupt auf das gute 
Vernehmen zwischen Argos und Athen, auch nach seinen, so aufseror- 
dentliche Lobpreisungen und Segnungen der Argeier enthaltenden, ihren 
König Pelasgos als ausnehmend fromm und bürgerlich gesinnt (?), bei- 
nah wie der Oidipus auf Kolonos den Theseus, darstellenden, und des- 
halb gewifs nicht vor Schliefsung des Bündnisses Ol. 79, 4, sondern wahr- 
scheinlich, wie schon Joh. v. Müller gemuthmafst, um die Zeit des- 
selben, gegebenen (°), Izerısı zu urtheilen, grofses Gewicht gelegt zu 
haben scheint, in seinen ’EAevrivicıs schon ebenfalls die von Adrastos 
durch Hülfe des Theseus erlangte Bestattung der in dem Kriege der Sie- 
ben vor Thebe Gebliebenen zur Nachweisung einer noch vor der Zeit 
des Orestes begründeten Verpflichtung der Argeier gegen Athen benutzt 
haben, woraus sich denn muthmafsen liefse, dafs die "FAsurivicı etwa 
gleichzeitig mit einer ersten Auffübrung der Eumeniden und den 'Izerısı 
seyn mögten. Eine Verwandtschaft des Inhalts mit Euripides Ixerırı, 
scheinen sie auf jeden Fall gehabt zu haben, aber auch eine Verschie- 
denheit von diesen, beides nach Plutarch im Theseus c. 29., wo es bei 


(1) Isocr. Panegygr. c. 15. 
(2) JFeschyl. Suppl. 569 fg. 400 fg. 485 fg. 526. 608 fg. 959 fg. 
( 


5) Joh. Müller zum Argumente von Ädischylos Supplices bei Butler. Böckh 


Anspielungen in der alten Tragödie. 13 
den Worten: Karauugrugeusı de rav Eipimidou "Ineridwv ci Alnyuacu ’Erevaiic, 
ev eis xl Tara Ayav 6 Onseüs reroinra, wahrscheinlich ist, dafs die Ver- 
schiedenheit darin bestand, dafs nach Aischylos die Gebeine der ge- 
bliebenen Anführer bei Eleusis begraben wurden, welche bei Euripides 
(Vs. 1160. 1200. 1218.) deren Söhnen, um sie nach Argos zu bringen, 
überlassen werden. Sie konnte sich indefs noch weiter und auch darauf 
ausdehnen, dafs Aischylos der allgemeinern Sage gefolgt war, nach 
welcher Theseus die Leichname der Gebliebenen von Kreon durch 
Ueberredung und Vertrag erlangt hatte, die Euripides ihn durch Krieg 
gewinnen läfst. 

Die Vermuthung kann ich hier aber auch nicht zurückhalten, dafs 
Aischylos Eleusinier auch zu Sophokles Oidipus auf Kolonos in ähn- 
lichem Verhältnifs gestanden haben mögen, wie die Beziehung zwischen 
Athen und Argos zu der zwischen Athen und Thebe. Denn wie im 
Oidipus auf Kolonos der in attischem Boden ruhende Leichnam des vom 
Theseus aufgenommenen Schützlings Oidipus Athen zum Segen und 
feindlich gegen Thebe (Vs. 592. fg. 615. 78ı. fg. 1527. 1526.) wirken 
soll, so konnten in den Eleusiniern die in Atuschem Boden ebenfalls 
durch Vergünstigung des Theseus bestattetien Gebeine der vor Thebe ge- 
bliebenen Argeier als ein religiöses Band, Argos wie magisch an Athen 
zu knüpfen, vorgestellt seyn. Zugleich ist es mir nicht unwahrschein- 
lich, dafs wie Sophokles durch den Oidipus auf Kolonos seinen Demos, 
so der aus Bleusis gebürtige (') Aischylos durch die Eleusinier schon den 
seinigen hat ehren wollen. Die Verherrlichung der Mysterien in diesen 
lag zu nahe, als dafs es unwahrscheinlich wäre, dafs die beiden von 
dem Scholiasten des Sophokles zu Oedip. Colon. 1047 u. 1049 (Brunck) 
erhaltenen Fragmente des Aischylos ihnen angehörten (2). 

Wie leicht aber das athenische Volk politische Reflexionen, An- 
spielungen und Beziehungen der Tragödien falste, beweiset die aus 
Plutarch bekannte schnelle Anwendung, die es von Vs. 577 fg. in 
Aischylos Persern auf Aristides machte; und was der Eindruck solcher 


Beziehungen zu wirken vermogte, kann vor Allen das Beispiel der So- 


(1) 8. Butler in vitam Aeschyli ad lin. 2. 
(2) Butler in Jeschyli fragm. incerta CXLV. 


14 Süvenrw über einige historische und politische 


phokleischen Antigone zeigen. Schon der nun auch von Hermann zu 
Vs. 175 der Antigone angeführte Demosıthenes (!) wendet die Vs. 175-190 
von Kreon gesprochnen Worte auf seine Mitbürger an und sagt, sie 
seyen schön und recht zu ihrem Frommen gedichtet. Diese Rede des 
Kreon enthält zwar nur eine allgemeine, aber für Athen sehr gehörige, 
Erinnerung an die Pflicht der Obrigkeiten, das Interesse ihres Vater- 


5 
landes für ihr eigenes höchstes zu halten, und alle andern Verhältnisse 


5 
ihm unterzuordnen, und die Anwendung, welche Demosthenes davon 
macht, giebt zu erkennen, wie gut dergleichen verstanden wurde. Aber 
eine bestimmtere und in ihrer Beziehung auf die damaligen öffentlichen 
Verhältnisse in Athen vom Volke leicht zu bemerkende Anspielung 
scheint mir in den Vs. 657-672 zu liegen. Diese ganze Rede des Kreon 
für die Tugend des Gehorchens und gegen die Anarchie im Staate pafste 
vortrefllich auf die im Gedränge der Parteien kurz vorher noch schwan- 
kende Stadt, in der endlich Perikles durch Vertreibung des Thukydides 
seinen letzten Gegner besiegt und sich zum alleinigen Haupte des Volks 
erhoben hatte (?), welches sich nun, wie Plutarch (3) sagt, ‚‚mehren- 
‚„‚theils willig, durch Belehrung und Ueberredung von ihm lenken liefs, 
„zuweilen aber auch recht sehr sperrte und dann von ihm scharf ge- 
„zügelt und mit Zwang angetrieben wurde.’ Gewifs ist in jener Stelle 
der Antigone eine weit klarere nnd unzweideutigere Hinweisung auf 
Perikles und das Verhältnifs des Volks zu ihm zu erkennen, als in der 
oben angeführten aus dem Oedipus Coloneus. Vornehmlich konnte sie 
in den Worten des Vs. 666. 
aA’ ev morıs syrEIE ToVde Kon vAveıv 

gleich deutlich und fühlbar werden. Dafs Kreon, der als despotisch vor- 
gestellte, jene Rede spricht, ist nicht hiegegen. Auf die Person, welcher 
die alten Tragiker irgend eine zeitgemäfse Lehre in den Mund legen, 
kommt cs häufig nicht an. Die von Demosthenes für heilsam den Bür- 
gern erklärten Verse werden ebenfalls von Kreon gesprochen, mit dessen 


(1) De falsa legat. p. 418. 
(2) S. Dodwell annal. Thucyd. ad Ol. 85, 4— 84, ı. und die daselbst commentirte 
Stelle des Plutarch. 


(5) -Pericl. ec. 15. cf. Thucyd. I, 65. 


Anspielungen in der alten Tragödie. 15 


dramatischem Character es im Ganzen wohl übereinsimmt, auf Ordnung 


und Gehorsam im Staate zu dringen. Auch ist der Vs. 666. 
Nein, wen die Stadt geordnet, dem gehorche man, 
oanz dem demokratischen Geiste des Perikleischen Athen angemessen, 


S 5 
und nur in dem Schlusse des darauf folgenden: 


Im Guten und Gerechten und im Gegentheil ! 
spricht sich despotischer Sinn aus. 


Wenn man nun fragt, was denn das von Perikles geleitete Volk 
bewogen haben könne, den Sophokles, und zwar um seiner Antigone 
willen, wie der Grammatiker Aristophanes in seinem Argumente der- 
selben bezeugt, dem Perikles als Stwategen zur Führung des Samischen 
Kriegs beizugesellen, so darf man wohl zweifeln, dafs sich diese Frage 
durch die künstlerische Vortrefllichkeit der Tragödie allein genügend be- 
antworten lasse, da dieser Grund von seiner Wirkung gar zu verschie- 
den ist, auch kein andres noch so vortreflliches Stück eines alten Dra- 
matikers ähnlichen Erfolg bewirkt hat. Der einzige mir bekannte Fall, 
welcher sich mit dem des Sophokles vergleichen liefse, würde der von 
Aclian (!) erzählte seyn, dafs Phrynichos wegen seiner Tragödie Myggrya 
zum Strategen gewählt sei, wenn nicht in Aelians Berichte, dessen Un- 
zuverlässigkeit sich schon durch die Erwähnung, Phrynichos sei auf der 
Stelle nach Aufführung des Drama von dem versammelten Publikum 
gewählt worden (eurws «ga KareaTnFaro To Jeargov za Engaryne ray magev- 
TWV, WE Fagayprua aurev eiAovro sgarnyeiv), zu erkennen giebt, der Strateg 
Phrynichos mit Phrynichos dem Dichter der Tragödie Myggrya (?) offen- 
bar zusammengezogen wäre. Und doch sollte er auch nicht wegen die- 
ser Tragödie im Allgemeinen, sondern um einer in ihr liegenden be- 
suimmten Veranlassung, nehmlich um der in ihr vorgekommenen kriege- 
rischen Gesänge und Tänze willen, die Strategie erhalten haben. Das 
athen:sche Volk mufs also, aufser dem Kunstwerthe der Antigone, wohl 
noch einen bestimmteren in ihr liegenden Grund gehabt haben, den 


(1) '-Yar. Hist. III, 8. 
(2) ‚Schol. Aristoph. ad Vespas 1580. cf. Schol. ad Aves 749 ed. Lips. 


16 Süvenn über einige historische und politische 


Sophokles zum Strategen mit Perikles zu erwählen, und worin er bestan- 
den darüber giebt meines Erachtens nebst der bemerkten Hinweisung auf 
Perikles die in den beiden angeführten Stellen ausgesprochne politische 
und disciplinarische Gesinnung und die pragmatische Haupt - Tendenz 
dieses ganzen Drama, worin dieselben wesenllich eingreifen, befriedigen- 
den Aufschlufs. 

Die Handlung der Antigone besteht nehmlich in dem Conflicte des 
göttlichen Rechts mit dem menschlichen, motivirt in der Antigone durch 
Religion und Bruderliebe, im Kreon durch Gefühl für Königspflicht und 
Herrscherwürde, aber gereizt und getrieben von beiden Seiten durch 
Leidenschaftlichkeit, trotzigen Eigenwillen und Abweichung von der dem 
Menschen ziemenden Fwpgoruvn, deren Folgen auch beide treffen, den 
Kreon jedoch schwerer, weil nicht menschliche Gewalt, sondern die 
Machı der Götter selbst, deren Recht er verletzt hat, ihm entgegen steht, 
auch seine Gemüthsart die der Antigone an Heftigkeit, rascher Unbeson- 
nenheit und verblendeter Vermessenheit weit übertrifft. 

Dafs hierin die Handlung, bei der ich mir etwas zu verweilen er- 
laube, in Hinsicht auf die in ihr mit einander entzweieten Kräfte richüg 
gefafsı sei, geht schon daraus hervor, dafs weder die Eine noch die An- 
dre der dieselben vertretenden Hauptpersonen blofs aus persönlichen An- 
trieben, sondern als Repräsentanten der höhern Motive, die in ihnen 
wirksam sind, handel. Denn nicht durch persönliche Neigung und 
Bruderliebe, obwohl diese sehr grofs ist (Vs. 45. 75. 8ı. 509. fg. 895. fg. 
in welcher letztern Stelle jedoch das von der Frau des Intaphernes, 
wahrscheinlich aus mündlicher Tradition, entlehnte Argument in dem 
Munde der Antigone ein etwas sophistisches Ansehn hat), allein getrie- 
ben wagt es Antigone, des Königs Befehl verachtend, ihren Bruder zu 
bestatten, sondern weit mehr aus Gehorsam gegen die ewigen Gesetze 
der Götter und aus Scheu vor dem heiligen Rechte der Unterirdischen, 
das ihr höher gilt als Kreons Machtspruch und ihr eignes Leben. Das 
bekennt sie von Anfang (Vs. 74. und 89.), am bestimmtesten aber, 
als Kreon sie wegen Uebertretung seines Verbots zur Rede setzt, stellt 
sie ihm (Vs. 446. fg.) das Recht der Götter der Ober- und Unterwelt 
entgegen : 


Anspielungen in der alten Tragödie. 17 


Nicht Zeus ja war es, der den Heroldsruf gesandt, 
Nicht Dike auch, Mitwohnerin der Unterwelt, 

Die Recht und Ordnung bei den Menschen stifteten (!) ; 
Noch meint’ ich habe dein Gebot so großse Kraft, 
Dafs über ungeschriebnes (*) ew’ges Götterrecht 

Ich Sterbliche vermögte keck hinwegzugehn. 

Denn heute nicht und gestern, sondern ewiglich 
Lebt dieses, niemand kundet wann es einst erschien. 
Und dessen wollt’ ich nimmer, keines Menschen Sinn 
Und Dünkel scheuend, bei den Göttern Bufse mir 
Verschulden u. s. w. 


Und in dieser Gesinnung beharrend, noch am Ende (Vs. gı6 fg.) ıhre 
Sache den Göttern anheimstellend, zeigt sie sich als ganz und gar dem 
Grundmotiv angehörend und in ihm aufgegangen, welches durch sie 
wirkt, und gewinnt dadurch auch für den angeborenen (Vs. 467 fg.) 
Trotz und Eigensinn, der sich in allen ihren Reden und Handlungen 
ausdrückt, einen edlern Character. 

Gegenseits giebt Kreon auch nichts von persönlichem Hasse gegen 
Polyneikes zu erkennen, sondern untersagt dessen Bestattung lediglich in 


n i gr e i : Ur ; 
(1) Im Vs. 447 ist bei oöö’ 4% Eivazos etc. aus Vs. 446 zu wiederholen yv 7 nor zngv- 
P ’ n he = ni r . n pi 2 er G 
Eoxsce rede. Sodann geht ce: im Vs. 448 nicht auf rav zarw Sev, sondern auf Zeis und Arzr, 
zusammen. Diese heifst hier Edvarzos rov zerw Tesv, theils weil überhaupt auch in der Un- 


ea 


terwelt Recht und Gerechtigkeit herrscht, theils und vornehmlich in wie fern sie die Rechte 
der Todten wahrnimmt nach dem Fragmente aus Aischylos Phrygiern bei Stobaeus Serm. 
eth. CXXFT., wo es von ihr heifst, dafs sie des unbeerdigten Todten Zorn vollstrecke, 
zur Tod Suwevros 4% Arm mgasssı »örov. Diese Dike soll auch bei Aischylos Choeph. 495 
Agamenınon aus der Unterwelt seinen Rindern zur Hülfe senden. Beiden, meint Antigone, 
dem Zeus und dieser Dike, also dem Rechte der Götter der Ober- und Unterwelt, sind die 
menschlichen Rechte und Ordnungen überhaupt, sowohl die über die Lebenden als auch die 
über die Todten, entstammt. Ich kann daher nicht anders, als im Vs. 448 mit Erfurdt reis 
lesen für das immer zweideutige roYsö’. Jenes beantwortet Kreons Frage im Vs. 445 noch tref- 
fender und stellt dem rcJeds vouzs in derselben, worauf sich das «de Vs. 446 ohnehin schon 
bezieht, dem willkührlichen Gebote des Kreon, das allgemein menschliche Gesetz entgegen. 

(2) Zu den @ygerre Sezv verume verdient auch verglichen zu werden Oedip. tyran.558fg. 
und Cicero pro Milone cap. 4ı. Est igitur haec — non seripla sed nata lex, quam non 
didieimus, accepimus, legimus, verum ex ipsa natura arripuimus, hausimus, expressi- 
mus, ad quam non docti sed facti, non institut sed imbuti sumus. Einen andern Sinn 
haben die @ygapa vona in den Mysterien (Wyttenbach ad Phaecdon. p. 158.) und der 
aygadbos veuos bei Plato de Legib. JrLII: P- S41, b. 

Hist. philol. Klasse 1824. C 


18 Süvenn über einige historische und politische 


der Ueberzeugung, ein guter Bürger und König müsse, gerecht gegen 
die Freunde wie gegen die Feinde des Vaterlandes, dem, der sich als 
Vaterlandsfeind bewiesen, auch mit Feindlichem vergelten, und ihn im 
Tode noch von dem heimischen Boden verbannt halten, den er im Le- 
ben bekriegt hatte. Das Dt aufs deutlichste die Rede, womit er 
seinen Befehl ankündigt Vs. 162-210. verglichen mit Vs. 284 fg. und 
Vs. 5ı4 fg. Noch ae sein ne gegen die Antigone geht von 
persönlicher Feindschaft aus, sondern von Behauptung des Befehls, den 
sie übertreten (Vs. 442 - 445). Erst als jene, in der Voraussetzung, 
Kreons Befehl sey hauptsächlich gegen sie und ihre Schwester, die ihres 
Bruders Leichnam nicht unbeerdigt lassen würden, gemeint (Vs. 5ı), 
gleich mit Trotz und Hohn (Vs. 466.) gegen ihn auftritt, mischt sich 
in sein, schon von Anfang an sich als äufserst empfindlich zeigendes, 
Gefühl der Herrscherwürde, mit welcher ungestrafte Verletzung der öf- 
fentlichen Gebote nicht bestehn könne, auch persönliche Erbitterung 
(Vs. 476 fg. 649 fg.), die ihn, immer mehr gereizt durch den Wider- 
stand der uhr Abmahnenden, so weit forweilst, dafs er nicht nur über 
die öffentliche Meinung, 
scheint (Vs. 290. 505. 686 fg.), die er aber als Herrscher nicht glaubt 


welche das Haus des Oedipus zu begünstigen 


beachten zu dürfen (Vs. 750 fg.), sich wegsetzt und die Jungfrau zu 
schwerer Todesstrafe verdammt, sondern auch der Warnungszeichen der 
Götter, von denen er schon früher sich nicht überreden konnte, dafs 
sie eines Vaterlandsfeindes, der auch ihre Heiligthümer zu zerstören ge- 
kommen wäre (Vs. 282 fg.), sich annehmen würden, nicht achtend, und 
den Teiresias, der durch Verkündung der Unglückszeichen ihn zur Zu- 
rücknahme seiner Befehle zu bewegen sucht, schmähend, die vermefsne 
Erwiederung der ihm verkünderen Augurien (Vs. 1005 fg.) ausstöfst 
(Vs. 1027): 

Nicht, wollten gar Zeus Adler raubend ihn hinweg 

Zum Frafs sich aufwärts tragen an des Gottes Thron , 

Nicht dann auch werd’ ich, der Entweihung sonder Scheu , 

Begräbnifs ihm gestatten , 
welche auch bei dem gleich zugefügten Grunde: 


da mir wohl bewußst , 
Dafs Götter nie ein Sterblicher entweihen kann ! 


Anspielungen in der alten Tragödıe. 19 


nach der Volksreligion freigeisterisch und freventlich bleibt. Auf dieses 
Aeufserste bricht dann auch der Fluch der Götter durch den Mund ihres 
heiligen Sehers unverholen gegen ihn aus (Vs. 1051.): 


So wiss’ auch du nun sicher, dafs nicht oft sich mehr 
Des Sonnenwagens Räderwettlauf drehen wird (1), 

Bis deines eignen Blutes einen Spröfßsling du 

Todı Todten zur Vergeltung wiedergeben wirst; 

Weil du, nach unten stofsend aus der Oberwelt, 

Ein Leben schmählich in die Gruft gebettet hast, 
Dagegen einen Leichnam hier, des Todtenreichs 


Untheilhaft, unbestattet, ungeweiht bewahrst ! 


Und so wird denn auch Kreons eiserne Halsstarrigkeit durch das eilends 


über ihn kommende göttliche Strafgericht gebeugt und gebrochen. 


Das allgemein-Tragische der Handlung in der Antigone liegt also 
zwar in dem Doppelzwiste, worin subjective Freiheit mit objectiver 
Nothwendigkeit, verblendeter Eigenwille mit einem höhern Willen und 


Gesetze, in der Antigone mit menschlichem, im Kreon mit göttlichem, 


sich gestellt hat, aber ihr eigenthümlicher Inhalt besteht, wie auch 


(1) Erfurdt scheint mir hier doch ganz richtig rgc%evs statt rg0yoÜs geschrieben zu 
haben, da das letztere von dem Maafse der Räderkreise auf den Raum, den sie in ihrem 
Umschwung durchlaufen, und dann weiter auf die darin zurückgelegte Zeit übertragen 
werden müfste, das erstere aber gleich metonymisch von dieser genommen werden kann. 
Jenes bedeutet Radumschwingungen, Rotationen, welche römische Dichter freilich nur 
durch rota ausdrücken konnten, wie Firgil. Georg. IV‘, 474. Ixtonei rota orbis, wo Vofs 
nachzulesen ist, welcher auch diese Stelle der Antigone anführt, aber +00%eVs zu lesen 
scheint, wenigstens das r2. auın. “Hrrz von Tagen erklärt, wie der Scholiast, der es durch 
natgees giebt. Aber von Umläufen des Sonnenwagens, also von Tagen, kann hier Teiresias 
nach Vs. 996., den auch Schaefer anführt, nicht reden, und auch nicht wenig Tage, son- 
dern Augenblicke, nachher tödtet sich Haimon. Diese aber werden durch die gemeinsamen 
Umschwingungen (@mmArr7gas dei. @ersce irronzvovs. Zu vergleichen ist Aischylos Prometh. 
150. mregcywv Socds amınrcas) der Räder am Wagen des Helios bezeichnet. Terov (das Fu- 
turum attieum) hat der Dichter gesetzt für Öwrerdv nach dem Begriff von ur mordv Ygaver, 
der dem #4 ror2.cÜs Erı rg. &u. HP. unterliegt. Du wirst nicht viele Radumschwingungen 
des Helios d. h. die Zeit der Radumschwingungen seines Wagens, melır zubringen. Uechri- 


‚ 


gens vergl. über 72295 und rg0%s auch Elmsley zu Eurip. Medea 45. 


Ü2 


20 Süvenn über einige historische und politische 


Solger ('!) anerkannt hat, in der Entzweiung und dem Conflicte der 
Religion mit dem Rechte, des göulichen absoluten und unbedingten Ge- 
setzes mit dem menschlichen relauven und bedingten. Eine an sich er- 
habene und heilige Sache sondert sich hier von der höhern, deren Aus- 
flufs sie ist, und von welcher sie nie getrennt seyn sollte, und dieser 
Gegensatz wird Empörung. Der höhern Sache nimmt ein Wesen sich 
an, das jener untergeordnet ist, und so edel es selbst, so grofs und 
schön die Sache ist, die es vertritt, doch, jener mit Hefugkeit und Trotz 
entgegenkämpfend, ebenfalls in Empörung erscheint. Von beiden Thei- 
len ist der Kampf gegen ein den Menschen Heiliges und Ehrwürdiges, 
der Freiheit Schranken Setzendes gerichtet, von jedem gegen eine der 
zwei Seiten desselben, in welche nur menschliche Willkühr solche Spal- 
tung und Entgegensetzung bringt und dadurch überall, wo dies geschieht, 
Unheil und Verderben stftet. Kreon hat einmal den Befehl gegeben ; 
dessen Uebertretung ungestraft lassen, würde heifsen, die Majestät des 
äufsern positiven Rechts und der Königswürde aufopfern, auf welche 
die Ruhe und Sicherheit des Staats gegründet ist. Allein dieser Befehl 
schmälert das höhere Recht der Götter, das Recht selbst. Die Bande 
des Bluts bieten für dieses eine muthige Vertheidigerin auf, die sich 
durch keine Vorstellungen der, zwar ihre Schwester liebenden, aber be- 
sonnener und vorsichtiger auch auf der Seite des weltlichen Gesetzes 
sich haltenden Ismene (2), abmahnen läfst, zu thun was Religion und 
Bruderliebe ihr gebieten. Als diese vor den Herrscher gestellt ihn durch 
trotzigen Sinn reizt, sucht es durch Vorstellung aller auf jenen zu wir- 
ken geeigneten Gründe, erst mittelst der Ismene durch die Liebe des 
Haimon zur Antigone, einen harten Beschlufs über diese zu verhin- 
dern, dann, als Kreon dennoch einen solchen fällt, mittelst seines eignen 


(1) Sowohl in der Vorrede zur Uebersetzung des Sophokles S.XXXJ., als auch in 
der, mir erst vor Kurzem bekannt gewordenen, Recension von Schlegel’s Vorlesungen 
über dramatische Kunst und Litteratur. in den Wiener Jahrbüchern Bd. VII, S. 102. 


(2) Der Zweck solcher Gegensätze der Charactere, wie sich hier zwischen der Antigone 
und Ismene, der Chrysothemis und Elektra in der Elektra, der Verschmitztheit des Odysseus 
und der Ingenuität des Neoptolemos im Philoktetes u. a. m. finden, ist nicht, wie der 
Scholiast zur Elektra Vs. 522. angiebt, auf blofse rhetorische Antithesen (!vsz« roI die- 


Anspielungen in der alten Tragödie >4 
p 5 5 


für das Recht der Unterirdischen nicht minder (Vs. 745.) als für die 
Verlobte streitenden und für den Vater besorgten, hauptsächlich das 
Urtheil der Bürger und die allgemeine Theilnahme an dem Schicksale 
der Antigone ihm vorhaltenden, Sohnes, ihn zur Zurücknahme desselben 
zu bewegen, endlich, da seine Vorstellunger und Bitten die Vollziehung 
der schweren Strafe an der Antigone nicht hemmen, diese vielmehr dem 
weltlichen Rechte und der weltlichen Macht erliegen mufs, witt es selbst 
durch seinen unmittelbaren Boten Teiresias ein, der den letzten Versuch 
macht gegen die Schmälerung des Rechts der Götter, und, als auch die- 
ser mifslingt, ihr Strafgericht ankündigt, dessen Vollstreckung, von der 
unerwarteten Selbstentleibung der Antigone ausgehend, dann den Haimon, 
darauf die Eurydike ergreifend, Kreon als ihr Ziel umschlingt und durch 
ihr ganzes Gewicht niederdrückt. 

Man kann daher der so gefafsten Handlung nicht die Einheit ab- 
sprechen, nicht sagen, die Tragödie sei in dem, was sie nach dem 
Abgange der Antigone noch ausführt, über die Grenzen der Handlung 
hinausgegangen. Vielmehr, ‘wenn sie mit dem Ende der Antigone sich 
schlösse, wäre die Handlung unvollendet geblieben, indem das mensch- 
liche Recht dann den Sieg davon getragen hätte und der Gegenkampf 
des göttlichen nur wehrlos und ohnmächtig hervorgetreten wäre, der 
gröfsere Sieg des letztern aber, der Natur der Sache nach, erst die Hand- 
lung erschöpft. Der Schein ihrer Duplicität, welchen man darin er- 
blicken könnte, dafs das Geschick einer andern Person, als derjenigen, 
wovon das Drama den Namen hat, und welche man daher als Haupt- 
person betrachtet, die Handlung endigt, entspringt also nur aus ihrem 
Gange, den aber Sophokles, um ihren Grundgedanken auszuführen, 
nicht anders anlegen konnte, indem Kreons Urtheil gegen die Antigone 


nothwendig erst vollzogen seyn mufste, ehe die Götter selbst für ihr 


mom AsV Tai avrıgensesi Ta Ögerscere), auch nicht darauf allein beschränkt, dafs durch den 
Gegensatz jeder Character in sein eigenthümliches Licht gestellt werde (Jacobs in den 
Nachträgen zum Sulzer Th. 4, S. 108.), sondern liegt zunächst in der Bestimmung, 
welche jede Person in der Handlung hat, und welche nur durch die bestimmte Bildung 
ihres Characters, vermöge deren sie auf andre einwirken soll, erreicht werden kann, woraus 
denn die Contraste, ihr gegenseitig erhellender Effect, und alles Andere, von selbst fliefsen. 


u 


v 


2 Süvzenx über einige historische und politische 


zwiefach beleidigtes Recht eintreten (!) und durch die Folgen der Ver- 
urtheilung Jener ihn selbst strafen konnten. Hiemit hat es also eine 
ganz andre Bewandnifs, als mit manchen Stücken des Euripides, z. B. 
der Hekabe, in welcher die Rache der Hekabe am Polymestor mit der 
vorhergegangenen Opferung der Polyxena nicht den mindesten innern 
Zusammenhang hat. Aber Achnlichkeit mit der Form der Handlung 
in der Antigone haben die Trachinierinnen, wo auch aus dem Unheil, 
welches Deianeira dem Herakles, jedoch unwissentlich, bereitet, ihr eig- 
nes Verderben entspringt, nur mit dem nicht unwichtigen Unterschiede, 
dafs jenes später vollen Erfolg hat, als dieses. Indefs ist eben dies auch 
getadelt und bekanntlich von A.W.v.Schlegel mit als Grund angeführt 
worden, die Trachinierinnen dem Sophokles abzusprechen. Ich stimme 
Hermann (2) darin völlig bei, dafs es, um Sophokles zu vertheidigen, 
nicht nöthig ist, mit Jacob (3) — der überhaupt zu sehr geneigt ist, in 
den Sophokleischen Tragödien nur ethische Allegorieen, worin doch nur 
ihre untergeordnete Bedeutung liegen kann, zu erblicken — die grofse 
und unheilbringende Gewalt der Liebe als Hauptinhalt des Drama anzu- 
nehmen, und das Ende der arbeitvollen irdischen Laufbahn des Heros, de- 
ven Kreis auch hier vor ihrem Schlufse noch in der Erinnerung durchlau- 
fen wird (Trachin. Vs. 1055 fg. und 10So fg.), als solchen aufzugeben. 
Dies letztere wird in seinen näher und entfernter liegenden Ursachen 
in der ersten gröfsern Hälfte des Stückes vollständig entwickelt, und ist 
Herakles dabei auch nicht selbst auf der Bühne gegenwärtig, so ist doch 
alles auf ihn gerichtet; erst Sagen und Gerüchte über ihn, dann die 
lebendigsten Berichte stellen ihn der Phantasie immer gegenwärtiger, bis 
er selbst erscheint und die Krone der Handlung sich nun vor den Augen 
entfaltet. Hätte aber der Dichter bis dahin, wie Hermann meint dafs 
habe geschehn können, Deianeira aufbewahrt, so entstand ihm die grofse 


(1) Vergl. auch Jacoh Quaest. Sophocl. p. 552 fg. Unrichtig ist indefs seine Be- 
merkung, Kreon büfse nicht weil er die Bestattung des Polyneikes verboten, sondern 
weil er die Antigone zu hart gestraft. Dafs er für beides büfst, geht aus der oben an- 
geführten Stelle Antig. 1055. 1056. hervor. 


(2) Pracfat. ad Trachin. p. VII fg. 
B)lnizzen p. 263 fg. 


Anspielungen in der alten Tragödie. 23 


Schwierigkeit, wie er sie enden lassen solle. Nach dem Beispiele des 
Lichas konnte sie selbst schon vorhersehn, was ihr in diesem Falle be- 
vorstand, und dafs der Dichter dem ungeheuren Uebelstande, es dahin 
kommen zu lassen, durch ihren frühern freiwilligen Tod habe vorbeugen 
wollen, giebt er deutlich genug durch die Erbitterung des Hyllos selbst 
gegen seine Mutter (751 fg. So4 fg.) ehe er durch ihren Tod den Zusam- 
menhang ihrer That erfährt (928 fg.), dann noch mehr durch die natür- 
lich gegen sie allein gerichtete hefuige Summung des Herakles selbst zu 
erkennen, womit er diesen, ehe er seines Geschickes inne wird, einführt 
(Vs. 1051-1058. 1097 fg.). Jetzt hat ihr Ende nichts Widriges, noch 
erfolgt es auf eine empörende Weise oder unter widerwärtigem neuen 
Zwiespalt zwischen Hyllos und den Ansprüchen seines Vaters und dem 
Mitleid gegen seine Mutter, wovon bei andrer Oekonomie des Drama 
das Eine oder das Andre schwerlich zu vermeiden war. Dadurch dafs 
allein die grofsaruige Ergebung des Herakles in sein Geschick und der 
freie Entschlufs, womit er dessen äufsern Erfolg zu seiner eignen That 
macht, an den Schlufs des Stückes tritt, wird auch dessen Hauptwirkung 
in einen reinern Totaleindruck versammelt, in welchem nach der Absicht 
des Dichters das Schicksal der Deianeira nur ein untergeordnetes Ele- 
ment seyn sollte (!). In der Antigone dagegen läfst sich nicht läugnen, 
dafs der Eindruck, den der 'Todesgang der Jungfrau, von dem, welchen 


das Schicksal des Kreon macht, sehr verschieden, und nicht der nie- 


(1) Man könnte als nicht Sophokleisch und der gehaltnen Fassung des Herakles nicht 
entsprechend auch rügen die gereizte und erbitterte Gemüthsstimmung des Hyllos noch 
Vs. 1254-1264. Diese ist jedoch aus dem natürlichen Gefühle des Jünglings bei dem 
plötzlichen verhängnifsvollen Ende der Mutter und des Vaters zugleich (Vs. 952.) zu er- 
klären und beweiset so wenig, als die von der gewöhnlichen Sophokleischen verschiedne 
Forn des Prologs. Ueberdem weiset Vs. 1260. r« nv odv wiAAcır ouders Aiposg aus dem 
Leiden der Gegenwart auf die dem Heros in seinem Flammentode bevorstehende, jedem 
Griechen bekannte, Vergötterung hin, in welcher verklärt ihn Sophokles im Philoktetes 
auf Lemnos erscheinen läfst. Auch aus der Aechnlichkeit einiger Stellen bei Euripides 
mit andern in den Trachinierinnen, wovon Böckh schon (graec. trag. prince. p. 246.) 
verglichen hat Orest. 152-175 mit Trachin. 964-990 und Alcest. 154-196 mit Trachin. 
899-946, und wovon noch verglichen werden kann Zrachin. 1102 u. 1105 mit Hippolyt. 
1457 u. 1458, und Trachin. 460 mit Herachd. 8, wo, auch nach jener Parallelstelle, wohl 
mreiswv statt m2esov, welches Elmsley hat, hergestelit werden mufs, ist nichts gegen 
die Aechtheit dieses Drama zu folgern. 


24 Süvenx über einige historische und politische 


derbeugende durch den erhebendern und beruhigendern am Schlusse 
des Stückes, wie in den Trachinierinnen, besiegt und verschlungen ist. 
Brachte dies aber der, nach dem oben Bemerkten, nicht anders anzule- 
gende Gang der Handlung schon mit sich, so wird es überdem noch 
wahrscheinlich, dafs Sophokles diesen für eine besondre Absicht seiner 
Antigone benutzt, und deren Ausdruck vornehmlich noch in ihren 
Schlufs gelegt habe. 

Wenn nehmlich die Handlung dieses Drama zwar den allgemei- 
nen symbolischen Sinn der Tragödie überhaupt, welcher in der Dar- 
stellung des Verhältnisses der Freiheit zu den nicht von ihr abhängigen 
Schranken einer höhern Ordnung gegründet ist, und daher auch die 
Warnung vor verblendetem Eigendünkel, vermessener Selbstüberhebung 
und trotzigem Starrsinn, theilt, so liegt doch in dem ihr eigenthümlichen 
Inhalte auch noch eine besondre Bedeutung. Diese geht hervor. aus den 
Charakteren der Hauptpersonen, welche, wenn gleich in den Affeeten 
nur dem Grade nach, doch in den Motiven wesentlich verschieden und 
ganz den Sachen gemäls, die sie vertreten, gebildet sind, indem Antigone 
die Sachwalterin der Religion und Bruderliebe, voll Begeisterung und 
mit einem über ihr Geschlecht sie erhebenden Muthe handelt und leidet, 
den Kreon hingegen das Recht der menschlichen Gewalt und Ordnung, 
dessen Sache er führt, nur mit hochfahrendem festem Sinne und Eifer 
erfüllen kann, den Widerstreben erbittert, Erkenntnifs der Gefahr schnell 
zur Reue bringt (Vs. 1082.) und das Unglück bricht. Ferner aus dem 
Gange der Handlung, wie er oben im Umrifs gezeichnet ist, indem, als 
die Person, welche die Sache des götlichen Rechts geführt, dem welt- 
lichen nur zu schwer gebüfst hat, jenes selbst eingreift und den Ueber- 
ireter noch schwerer schlägt durch die Folgen der über jene verhäng- 
ten Strafe. Endlich erhellt sie aus dem verschiednen Geschicke beider. 
Antigone büfst, denn auch dem menschlichen Gesetze, das sie positiv 
übertreten, mufste Genugthuung werden. Aber gegen sie persönlich 
streitet nur dieses, nicht die erzürnte Macht der -Götter. Sie ist ver- 
flochten in die von Laios anhebende Entzweiung ihres Hauses mit der- 
selben, und auf ihr ruht dessen hieraus entsprungenes Geschick, dessen 
Wirksamkeit sie selbst durch ihre That gegen sich aufregt und dem 
Kreon Erfüllung giebt, und der Dichter hat auch nicht übersehn, dies 


Anspielungen in der alten Tragödie. 25 


Drama mit dem Kreise der gröfsern Handlung, der es angehört, durch 
herrliche, gleich von Anfang an (Vs. 2 fg. 49 fg.) vorspielende, aber 
eher nicht, als da, wo sie volle Wirkung thun, nehmlich in der ge- 
steigerten Krisis (Vs. 589 fg.) und in dem Brennpuncte der Handlung 
(Vs. 849-860) recht stark hervortretende Hindeutungen zu verweben. 
Ihr Ende ist darum nicht fürchterlich, oder niederschlagend , sondern 
die über sie verhängte Todesstrafe in ein Dunkel gehüllt, das sie mit 
einem Schein von Heiligkeit umgiebt, wie denn dieselbe auch im Alter- 
thume nur über Personen, die man unmittelbar zu tödten nicht wagte, 
verhängt wurde, und auch von Kreon so gemeint ist (Vs.771 fg. 876 fg.). 
Wider diesen streitet dagegen der Zorn der Himmlischen und verhängt 
über ihn ein Strafgericht, das schwerer als der Tod ist. In der Antigone 
kann die heilige Sache, die sie vertritt, und das Erkenntnifs ihres Ge- 
schickes den frühern Trotz auch wieder mildern, ihr Gemüth zur Ruhe 
stimmen, und die Wehmuth darüber ausgiefsen, womit sie, ihre Schuld 
wie ihr Recht den Göttern anheimstellend (Vs. gı6 fg.) ('), sich ergiebt, 
und den Tod nicht scheuet bei aller Liebe zum Leben. Kreon, wie- 
wohl nicht für Schlechtigkeit gerechten Lohn erndtend, kann doch, 
im entschiedenen Bewufstseyn, dafs gebührende Strafe der Göuer ihn 
treffe (Vs. 1251. 1258. ı501 fg.), sich nicht, wie Antigone, über sein 
Schicksal erheben, sondern nur einen durch jene gebeugten und zer- 
knirschten Sinn zeigen. Im Todesgange der Antigone, welcher ohn- 
streitig das Juweel dieser Tragödie ist, wirket der Jungfrau von linder 


Sehnsucht nach dem noch kaum genossenen Leben (Vs. 807 fg.), aber 


ı) Die hier in Vs. 917. vorgeschlagene Aenderung des ra«Sovres in waSovrsc ver- 
27 5 5 

.. [a 2 w .. ” 

mattet den Gedanken und zerstört das durch r«Scvres &v Euyyvotissv ausgedrückte so oft 

vorkommende sprichwörtliche raScvrae naSeiv oder yravar, worüber s. Matthiae miscel. 

philol. Vol. II, p.4 und Blomfield zu Seschyl. Agam. 170, welcher aber unrichtig 

eitirt Oed. Col. 145. anstatt Trachin. 145. Dem steht das r«Scev und dgurır Vs. 919 

gegenüber, welches auf das ebenfalls sprichwörtliche ögasavrı raSeiw (Stob. Ecl. phys. IV, 

24. ed. Heeren. Aeschyl. Choeph. 5ır. Agam. 1565. Sophocles beim Theophilus ad 
J ! 8 ji li 

Autolycum IX, 54. ed. FVolf.) anspielt. Zuyyvoisev braucht nicht nothwendig in der 

3 + ! ji IE 5 

Bedeutung des äufsern Eingestehns genommen zu werden. Es ist daher auch nicht nö- 
u a! Rn .° a Rees 2 5 

thig, aSovres auf eine Strafe in der Unterwelt zu beziehn, an welche Antigone nach 

V3.65.75 fg. 455 u. 389 fg. auch nur, wenn sie die Bestattung ihres Bruders unterlassen, 

hätte denken können. 


Hist, philol. Klasse 1824. D 


26 Süvenn über einige historische und politische 


auch von der Gröfse ihrer That und Strafe, von dem Geschick ihres 
Hauses und der Erinnerung an ihre vorangegangenen von ihr bestatteten 
Lieben durchärungene Gemüthsfassung, von des Chores Gesängen, die 
an Verschuldung und Recht, an Unabänderlichkeit des Verhängnisses und 
alte Beispiele erinnern, umtönt, und eine Fülle der zartesten Bilder und 
Worte, wodurch sie die Vorstellung der Todesart mildern, da die Jung- 
frau (Vs. 8ıı fg.) ruhmvoll und mit Lobe gekrönt, nicht von nagender 
Krankheit verzehrt, nicht vom Schwerdtie hinweggerafft, sondern frei und 
lebend und in abgeschiedener Einsamkeit zum Hades hinabsteige (!), ja 
Alles simmt zusammen, dem an sich bejammernswürdigen Falle das Nie- 
derschlagende zu benehmen und ihn in einem rührenden und zugleich 
erhebenden Lichte darzustellen. Der Schlufs hingegen, welcher den 
vorher so hochfahrenden und halsstarrigen Kreon tief gebeugt, ja zer- 
knirscht, als ein Bild des tiefsten Jammers darstellt, hat nichts, das Ge- 
müth aufzurichten, sondern wirft es nieder durch das schwere Strafge- 
richt, über welches auch Kreon sich nicht zu erheben vermag, und 
überläfst es dem Gefühle der Nichtigkeit menschlicher Macht und ihrer 
Gebote gegen die ewige Ordnung und Macht der Götter. Und so kann 
Antigone Bewunderung, Kreon nur Mitleid, aber auch nicht weniger als 
dieses, da er wohl durch Schuld und Verblendung, aber nicht durch 
Schlechugkeit, in diesen Jammer versenkt ist (?), erregen. 

Aus dieser Haltung beider Sachen gegen einander geht hervor, dafs 
Sophokles zwar einerseits dem weltlichen Rechte und der bürgerlichen 


(1) Gegen die von Erfurdt angenommene unstatthafte Erklärung des ucvn dr Svardv 
in Vs. 815. durch das iöw zer zw vorw des Scholiasten, welches auch, wie Hermann 
bemerkt, nicht zu 4svr, sondern zu «Urgvonss gehört, beziehe ich mich auf Vs. 878 und 910. 
und vergleiche Trachin. 278, wo uoÜvov avSgumu auch heifst ‚von Menschen abgeschieden”, 
wie Philoctet. 185. uodvos «m’ «Ara. Uebrigens bemerke ich, dafs hier, wie oft bei den 
Alten (Schefler zu Sophocl. Electra Vs. 456. Huschke analecta critica p. ı25 fg.) der 
Begriff des Hades und des Grabes zusammengeflossen ist. 


(2) Es darf aber nicht übersehn werden, dafs der Dichter nicht ohne Rücksicht auf den 
seiner Stadt eingewurzelten Tyrannenhafs die Antigone mag gehoben, dagegen im Kreon 
den allgemeinen Typus für die Charactere der Tyrannen, wie er sich auch im Aigisthos in 
der Elektra, im Agamemnon im AJias, im Oidipus im Oedipus tyrannus findet, durch 
Herrscherstolz und selbst den Göttern Trotz bietenden hochfahrenden Sinn mag ausgedrückt 
haben. Dieser Einflufs nationaler Affection auf die Bildung solcher Charactere in den 


Anspielungen in der alten Tragödie. 27 


Ordnung nichts hat vergeben, aber, in ihrer Collision mit dem göttlichen 
Rechte, ein bei weitem gröfseres Gewicht auf dieses hat legen wollen. 
Diese scheint sich am Schlusse noch am stärksten, und in die Darstellung 
des Kreon zwischen den Leichen seines Sohnes und seiner Gattin zusam- 
mengedrängt, auszudrücken. Jene geleitet der von der Gruft zurück- 
kehrende Vater selbst (Vs. 1242 fg.), diese erblickt er vor sich in dem 
nach der Bühne geöflneten Hause (Vs. 1265 fg. 1279. 1281 fg.). 

Solche Ausstellungen aufser der Scene getödteter Personen in der 
alten Tragödie haben im Allgemeinen den Zweck der Versinnlichung. Es 
ist nehmlich bekannt, dafs in derselben oft die wichtigsten Ereignisse einer 
Handlung, selbst die facuschen Resultate, in denen sie abläuft und sich 
erschöpft, nur durch den Mund von Mittelspersonen vor die Zuschauer 
gebracht werden. Die Gründe hievon sind, so viel ich sehe, nach den 
jedesmaligen Umständen verschieden, bald weil die Ermordung der Kin- 
der durch ihre Mutter, des Gatten durch die Gattin, der Mutter durch 
den Sohn, zu unnatürlich und gräfslich war, um öffentlich vorgestellt 
zu werden, bald und theils, weil eine solche That, oder eine Selbst- 
entlleibung, auf dem öffentlichen Platze und in Gegenwart des Chores, 


wo die ganze Handlung vor sich ging, hätte verhindert werden müssen, 


5 sıng, 
bald weil der Ort ihrer Vollziehung schon der Umstände wegen von 


der Scene entfernt seyn mulfste. Denn dafs es nicht immer zur Ab- 
wendung des blutigen Schauspiels geschehn sei, darin stimme ich, wenn 
es gleich unumstöfslich wahr bleibt, dafs die griechische Tragödie nicht 


Tragödien des Sophokles ist sichtbar auch darin, dafs der Kreon in der Antigone dem ähn- 
licher ist, welcher im Oedipus Coloneus, als dem, welcher im Oedipus tyrannus vorge- 
stellt wird. Denn in diesem erscheint er noch nicht zur Herrschaft gelangt, darum noch 
gemäfsigter und bürgerlich gesinnter, und im Gegensatz mit Oidipus die Herrschaft gar 
verschmähend (Oed. tyr.582 fg.). Im Oidipus auf Kolonos dagegen sind drei Fürsten, zwei 
thebanische, deren Einer für unwissentlichen Frevel des Thrones beraubt und in tiefes 
Elend verstofsen, aber nun zur Entsündigung und zum Ziele seiner Leiden wallend, der 
Andre durch das Geschick des Erstern dem Throne schon nahe gebracht, aber mit aller 
Hitze und herrischen Willkühr, die ihn zur Ungerechtigkeit hinreifsen und den Zorn 
der Himmlischen über ihn bringen kann, angethan, und der Dritte, der gerechte und 
fromme athenische König und Landesheros Theseus, ruhig die Bahn der Religion und 
des Rechts wandelnd, und darum göttlicher Gnade gewürdigt, absichtvoll und sinnreich 
zusammengestellt. 


D2 


28 Süvenmw über einige historische und politische 


durch Darstellung physischer Leiden ihre Wirkung erreichen wollte, 
Jacob (') nicht minder als darin bei, dafs die Ausnahme, welche 
Sophokles in Ansehung des Aias macht, als solche nicht getadelt werden 
könne. Dafs aber den Sophokles — und dies sei mir hier gelegenuich 
zu bemerken vergönnt — Rücksicht auf frühere Bearbeitungen desselben 
Gegenstandes zu dieser Ausnahme bewogen habe, muthmafset der, nicht 
nur von mir in der ohnehin mangelhaften Prolusio de Sophoclis Hiace 
Slagellifero (Thorun. ı800), sondern auch von Böttiger in der Furien- 
maske S. ıı, und noch unlängst von Osann in der Schrift über des 
Sophokles Aias S. 82. übersehene, Scholiast zum Jiax Vs. 914 (ed. 
Lobeck), aus welchem sich nicht nur ergiebt, dafs Aischylos die Selbst- 
entleibung des Aias nicht, wie Sophokles, auf der Bühne vorgestellt, 
sondern auch folgt, dafs er das Ende desselben in zwei Tragödien, nehm- 
lich wie in der bekanntern ‘Orrav zgirıs dessen Veranlassung, den Streit 
mit Odysseus um Achilleus Waflenrüstung, so in den, wahrscheinlich 
vom Chore thrakischer Weiber so benannten, Ogrrraus (?) des Aias Tod, 
umfafst habe. In diesen konnte dem Sophokles die, nur durch einen 


Boten, wie der angeführte Scholiast ausdrücklich bemerkt, berichtete 


(1) Quaestiones Sophocleae P. I, p. 201. 


(2) In diesen könnte das, den Gedanken wie der Sprache nach dem Character des 
Aischylos ganz entsprechende und dem Inhalt der Ozyrrc«ı vollkommen angemessene, Frag- 
ment eines ungenannten Tragikers wohl seine Stelle gehabt haben, welches Clemens 
Alexandrinus (Stromat. II, p. 462. ed. Sylburg,) erhalten hat, Brunck zu Sophocles 
Aiax Vs. 1416 anführt, und Osann in der oben angeführten Schrift p. 70 minder pas- 
send dem Aiax des Rhetor Theodektes zuschreibt. Clemens legt es ausdrücklich 
dem Aias in den Mund. Die von Lobeck (zum Ai. Flag. Vs. ı25) als von Bothe her- 
rührend, gebilligte FEmendation im Vs. 5 dieses Fragments, sumpog&s für sumpog?r, wird 
man schon in der oben angeführten Prolus. de Aiace flagellif. p. F. finden. Fs wäre 
nehmlich 2aSei« z72:5 für sich zwar verständlich, indem man gleich an die arınıc Im 
Vs.2 dabei denkt. Sophocl. Oed. Tyr. 1584. Taavd’ Eyu znrde unvisres &unv, wo der 
Scholiast #7228« erklärt durch &vzöos, zuupogev. Eurip. Hippolyt. 820. Kyrıs agasos 2E 
Aasoguv rwos. Nenoph. Hellen. III, ı, 9. "O doxel zrris eivar Fors amoudmas rav Auzedcı- 
novisw. Aber sundogods giebt keinen Sinn und das an dessen Stelle gesetzte sumpog&s 
wird bestätigt durch das auch von Lobeck angeführte #7725« Fulpogäs im Oed. tyr. 855, 
welches man eben so wenig für eine Hypallage mit Brunck nehmen kann, als den Aus- 


druck bei Zucian. Fugitiv. Opp. T. VIL, p. 507. ed. Bip. vr zuriöc ersıvnv 7IS Orans. 


Anspielungen in der alten Tragödie. 29 
2 5 & 


That in ihren Triebfedern nicht so genau und vollständig, und in ihrer 
Ausführung nicht so lebendig motivirt scheinen, als er für nöthig hielt 
und in seinem eignen Aias durch dessen letzte Rede und die darauf un- 
mittelbar erfolgende Vollziehung des gefafsten Entschlusses geschehn ist. 
Da diese nothwendig ohne Zeugen vorgehen mufste, so konnte ein 
Bote, oder wer sonst den Leichnam gefunden, nichts weiter melden, 
als die einfache Thatsache, dafs jener in sein Schwerdt gefallen sei und 
nun todt da liege. Sophokles dagegen wollte nichts vermissen lassen, 
was die That vollkommen begreiflich und anschaulich zu machen er- 
forderlich war. 

Damit aber der aufser der Bühne vollbrachte Tod nicht ohne Aus- 
druck und Bezeichnung bliebe, lassen die Tragiker oft Ausrufungen der 
Sterbenden hören, wie Aischylos im Agamemnon und in den Cho&- 
phoren, Sophokles in der Elekıra, welche die mit dem, was hinter 
der Scene vorging, beschäftigte Phantasie der Zuschauer stark genug 
treffen konnten, und führen die Versinnlichung solcher hinter der Scene 
vorgefallnen Ereignisse, sie mögen auf die bemerkte Art vorher ange- 
deutet seyn oder nicht, durch nachherige Darstellung der Todten ent- 
weder auf der Bühne oder mittelst des &xzVzAyu« im Innern des Hauses, 
vollends durch. 

Es liegt indefs in diesen Darstellungen oft noch ein tieferer und 
mit dev Handlung näher zusammenhangender Zweck, als der der blofsen 
Versinnlichung einzelner Thatsachen. Sie sind auch sinnliche Zeichen 
des nun mit Aufhebung der Person, worin er seinen Sitz hatte, durch- 
geführten Conflictes, und des völligen Ablaufes der Handlung. In den 
Sieben gegen Thebe erklärt sich das Sinnbildliche der ausgestellten Leich- 
name der beiden Brüder, wie die im Leben feindseligen nun durch den 
Tod vertragen sind und in diesem ihres Vaters Fluch sich erfüllt hat, 
sehr deutlich in den Schlufsstrophen des Chorgesangs Vs. 910-957. Im 
Aias versammeln sich um den Todten auf der Stelle, wo er gefallen ist, 
seine Freunde wie seine Gegner, und es erfolgt in der ihm nach hefu- 
gem Streit von Agamemnon gewährten Bestattung, und in Odysseus 
g mit den Manen des Helden über dessen Leichname, 
die Auflösung der ganzen Entzweiung, woraus die Handlung entsprun- 
gen war, und somit deren Vollendung. Auf Oidipus als Bild des 


höherer Aussöhnun 


30 Süvenn über einige historische und politische 


schnell wechselnden Lebensglückes, in dessen Jammer die Götter ihre 
Wahrhaftigkeit gegen der Menschen kurzsichtige Selbstäuschung bethä- 
tigt, weisel der Chor noch am Schlufs des Oedipus tyrannus Vs. 1511 fg. 
hin. In der Antigone sind Haimon und Eurydike nur die Opfer, durch 
welche Kreon die Strafe trifft, die er sich selbst bereitet. Aber der tief 
scebeugte und gebrochene Herrscher selbst ist das sinnlichste Bild des 
über ihn ergangenen göttlichen Strafgerichts und des nun völlig aufge- 
löseten Zwiespalts zwischen dem Rechte der Menschen und Götter, der 
von ihm ausgegangen war. Wie er die Handlung veranlafst hatte, so 
erscheint er nun als das Ziel, an dem alle ihre Folgen sich erschöpfen. 
Indem nun der Dichter die Person des thebanischen Königs in 
ihrem so, wie oben bemerkt, gehalinen Character durch die ganze 
Handlung des Drama durchführt ('), und, während Antigone in der- 
selben untergegangen, so bedeutsam zwischen den Leichnamen seines 
Sohnes und seiner Gattin, niedergeschmeitert durch den Untergang sei- 
nes Hauses, seine Schuld erkennend (Vs. 1255 fg. 1501 fg. 1521 fg.) und 
unter ihrem und seines Leidens Gewicht erliegend, an deren Schlufs 
stellt, spricht er aufs deutlichste die ihm bei dieser Person und ihrer 
Rolle vorschwebende Absicht aus, in ihr ein warnendes Beispiel für die 
Machthabenden,, nicht ihren Eigenwillen dem Willen der Götter hart- 
näckig entgegenzusetzen, die auf ihnen beruhende bürgerliche Ordnung 
und ihr Gebot nicht mit der von Menschen nicht ersonnenen des ewi- 
gen Rechts zu entzweien, damit sie nicht, Andre zu Uebertretungen da- 
durch reizend, ihnen und noch mehr sich selbst Verderben bereiten, 
recht lebhaft vor Augen zu bringen. Es vereinigt sich also in der 
Antigone Anmahnung an die Obrigkeiten zur Unterwürfigkeit unter die 
göulichen Gesetze und an die Bürger zum Gehorsam gegen die Obrig- 
keit und ihre Gebote, so wie an Beide zu der den Menschen in sei- 


(1) Dafs dies hervortretende Gewicht des Kreon im Innern der Handlung nicht die 
äufsere Rangordnung seiner Rolle bestimmte, da die Rollen der Tyrannen den dritten 
Rang hatten und den actorıbus tertiarum partium gegehen wurden, ist aus der oben ange- 
führten Stelle des Demosthenes bekannt und hat den Redner zu einer witzigen Zusammen- 
stellung seines Gegners Aischines mit dem Kreon in der Antigone veranlafst. Die Rolle der 
Antigone war immer die erste. S. Böttiger Prolusio de actoribus primarum secunda- 


rum et lerliarum partium (Vimar. 1797.) p. 13 sg. 


Anspielungen in der alten Tragödie. 31 


nen Schranken haltenden Besonnenheit und Mäfsigung. Und aus dieser 
dem Character des bürgerlichen Lebens in Athen so sehr angemessenen 
pragmatischen Grundtendenz des Drama, worin die oben angemerkten 
Anspielungen eingreifen, erklärt sich die Wirkung vollständig, dafs 
Sophokles um dieser Tragödie willen zum Strategen im Samischen Feld- 
zuge mit Perikles gewählt ist. Man sieht, wie schön und innig die 
höhere symbolische mit der moralischen und politischen Bedeutung der 
Antigone verschmolzen ist, durch deren Vereinzelung bei Erklärung der 
alten Tragödien häufig gefehlt wird. 

Eine gleiche Richtung konnte der verloren gegangenen Euripidei- 
schen Antigone nicht anders als fremd seyn, nach der in dem Argu- 
mente des Grammatikers Aristophanes zur Antigone des Sophokles und 
aus ihm bei dem alten Scholiasten zu Vs. ı552. erhaltnen Notiz, welche 
auch unter den Beispielen von der bekannten Weise des Euripides, in 
verschiedenen Stücken von einander abweichenden Sagen über dieselben 
Gegenstände zu folgen, oder diese willkührlich verschieden zu gestalten, 
angemerkt zu werden verdient. Da nehmlich dieser Tragiker die Antigone 
in den Phoinissen den Haimon, welchem sie dort verlobt ist (Vs. 796. 
958. ed. Porson), aufs bestimmieste verschmähn und dann von ihm 
gehn läfst, um ihren Vater in die Verbannung zu begleiten (Vs. 1636 fg.), 
so hatte er hingegen in seiner Antigone auf ihre und des Haimon Liebe 
ihre Begnadigung, nachdem sie bei der Bestattung ihres Bruders ertappt 


worden (!), gegründet, und sie dem Haimon vermählen lassen. 


(1) Zwischen den Angaben des Aristophanes und des Scholiasten ist in diesem Punete 
eine Verschiedenheit. Das pwg«eTeir« des Letztern kann von nichts anderem, als von der 
Ertappung der Antigone bei der Bestattung ihres Bruders verstanden werden. Auch Apollodor 
(II, 7, 1) drückt die Sache eben so einfach durch pwg«eTeir« aus. Dafs es auf die Ertappung 
bei der Beerdigung gehn soll, setzt dieser nach dem Zusammenhange, jener nach der Be- 
ziehung seines Scholion auf die Begebenheit, wie sie in der Sophokleischen Antigone dar- 
gestellt wird, voraus. Aber bei dem pwgaTeire uere red Atuovos des Aristophanes läfst sich 
an nichts Bestimmtes denken. Dafs bei Furipides Haimon, der Sohn des Kreon, den sei- 
nem Vater feindlichen Polyneikes gemeinschaftlich mit der Antigone sollte bestattet haben, 
ist gar nicht anzunehmen. Auch bei Sophokles entzweit er sich mit seinem Vater nicht 
des Polyneikes sondern der Antigone wegen. Die allgemeine Sage war auch, die Jungfrau 
habe allein die That verübt und Pausanias (IX, 25, 2) berichtet sogar, wie sie, der theba- 
nischen Tradition zufolge, sich dabei gemüht habe. Nur die eine Abweichung kommt bei 


32 Süvenrn über einige historische und politische 


Die Antigone des Euripides konnte in manchem Einzelnen mit 
der des Sophokles übereinsiimmen. So trat in ihr höchst wahrschein- 
lich der Antigone angeborner Trotz ebenfalls hervor, wie sich unter 
andern aus dem Fragmente im Stobaeus p.500, 42. ed. Gesner 

To Hwgöv auro Tod margös vornu” Evi, 
vergl. mit Vs. 465 u. 466. und dann mit Vs. 467 u. 468 der Sophoklei- 
schen Antigone: 

AnAct ro yevınm wmov EE Wed margcs 

775 wados, einew 0 coUr Erisaraı Harcıs, 
welche dem Euripides bei jenem Fragment im Sinne gelegen zu haben 
scheinen, und wonach in dem Fragmente für aöro zu lesen ist «urn, er- 
giebt. Allein aus der Wendung, welche die Handlung in ihr nahm, 
folgt, dafs die Liebe des Haimon und der Antigone in ihr ganz anders 
behandelt seyn mufste, als in der Antigone des Sophokles, worauf auch 
einige Fragmente hindeuten, von denen ich jedoch das beim Scholiasten 
des Pindar ('!) erhaltene 

’Q al Awvys, vs Edus Meyus Jeos, 

Auvure, Sunreis 7’ eldauns UmosaTtes, 
welches Ruhnken und Valckenaer (2), dem auch Creuzer (°) bei- 
tritt, mit Aenderung des Arvure, in einen an den Eros gerichteten Aus- 
ruf verwandeln, durch Böckh’s Gegengründe überzeugt (*), jetzt aus- 


Hyginus (Fab. LXXI1.) vor, dafs ihr von Polyneikes Gattin Argeia Hülfe dabei geleistet 
sey, aus welcher Statius (Theb. X1/, 420 fg.) so viel entnommen zu haben scheint, dafs er 
der Argeia allein die Handlung beilegt. Deren Theilnahme daran hat auch einen natür- 
lichen Grund, der aber für eine Hülfleistung des Haimon, wovon sich auch sonst keine 
Spur zeigt, nicht vorhanden ist. Es scheint daher die von Hermann angemerkte Lesart 
des Dresdener Codex und bei Turnebus pug«Seire #3 Aluov: im Aristophanes, wobei aber 
die beiden letzten Worte mit ötöor«ı verbunden werden müssen, und wonach dann Aristo- 
phanes mit dem Scholiasten und mit Apollodor völlig übereinstimmt, die richtige zu seyn. 

(1) Zu Pyth. III, 177. 

(2) Diatribe etc. p. 154 fg. 

(3) Dionysus p. 241. Vergl. indefs Symbolik Th.5, p. 575, wo die Meinung zu 
schwanken scheint. 

(4) Ruhnken will statt Arvuse lesen Ös1.0s re, Valekenaer uoros re Sryrois oUda- 
uns Üroseres, gegen welche letztere Conjeetur insonderheit manches zu erinnern ist. Von 
der Voraussetzung Beider ausgehend, den Ausruf indefs nicht gerade der Antigone mit 


Anspielungen in der alten Tragödie. 33 


nehme. In Sophokles Antigone macht diese Liebe kein Motiv aus, 
welches die Handlung entscheidet und worauf sie beruht, sondern das 
nur einerseits ihr Hemmungen entgegengesetzt, andrerseits sie treibt, 
jenes indem Ismene dadurch den Kreon abzuhalten sucht, die Antigone 
zu verdammen, dieses indem Haimon, als er den Vater durch Vorstel- 
lung andrer Gründe zu besänfugen, der Vater ihn hingegen von der 
Sache seiner Verlobten abzumahnen, vergebens sich bemüht, und die 
Handlung schon in der Vollstreckung des Urtheils und in Kreons, selbst 
den Göttern in ihrem Seher Teiresias entgegengesetzter, Halsstarrigkeit 
sich entschieden hat, durch seine Liebe zu der That hingerissen wird, 
mit welcher das göuliche Strafgericht über Kreon anhebt. Im Haimon 
spricht sich diese Liebe nur durch Andeutungen, so weit es zur Erklä- 
rung seines Benehmens erforderlich ist, in der Antigone nur leise, so 
viel nöthig war, um Haimons Verhalten nicht durch eine völlige Gleich- 
gültigkeit von ihrer Seite ganz unbegreiflich erscheinen zu lassen, aus (t). 


Valekenaer in den Mund legend, trug ich bei Vorlesung dieser Abhandlung meine Con- 
jectur worUs re, Suyrois F 20. Ümos. vor. Dies words re käme dem Sinne nach der Ruhnken- 
schen Conjeetur am nächsten. Suidas hat rorUs" podgss. In dieser Bedeutung kommt 
rorUs auch sonst bei Euripides vom Eros und der Aphrodite (s. Valckenaer und Monk 
zu Hippolyt. Vs. ı und Vs. 445), auch von Menschen (z.B. im Orestes Vs. 1199. ed. 
Porson. 76 mgsrov yv mworls «sn vom Menelaos) vor, und würde sich in dem Fragmente 
sehr passend mit dem Svyreis # ovdans Urosarös verbinden. Ueberdem liefse sich die 
Entstehung des A:cvure daraus leicht erklären. Böckh, welcher schon in seiner Anmer- 
kung zum Scholiasten des Pindar den Dionysos jenem Fragmente vindicirt, hat mich aber 
durch seine inzwischen in der Königl. Akademie vorgetragene Abhandlung über Sophokles 
Antigone vollends überzeugt, dafs kein Grund zu einer Aenderung in denselben vor- 


handen ist. 


(1) Nehmlich in Vs. 568, welchen Brunck der Ismene zutheilt, der aber, meiner 
Meinung nach, der Antigone nach Aldus und Turnebus wiedergegeben werden mufs. 
02 B > e . . . 0 
Denn das & dirr«S Atuov pafst sich nur in den Mund der Antigone, und das ayav Ye 
I te} ’ 24 % 
Aureis in der Antwort darauf kann Kreon nicht von der Ismene, sondern nur von der 
Antisone sagen, denn jene kränkte den Haimon nicht dadurch, dafs sie sich ihrer Schwester 
5 sen, ] 3 
annahm, wohl aber konnte Kreon meinen, Antigone und die Verbindung mit ihr kränke 
jenen, weil sie, dem Verbote seines Vaters zuwider den Feind des Vaterlandes bestattet 
habe, vergl. Vs. 655 fe. Gegen Brunck’s und des Scholiasten Erklärung des +6 rov Aey,os 
’ te} ke) fe) 5 % 
läfst sich zwar srammatisch nichts erinnern. Allein unter den unzähligen Fällen, wo 
5 5 > 


Hist. philol. Klasse 1824. E 


34 Süvenrmn über einige historische und politische 


Die Erklärung, welche Mohnike (!) hievon giebt: ,‚‚Gleich als hielte es 
‚„‚die Jungfrau für Sünde, einer irdischen Neigung Raum zu geben, jetzt 
„da ihr Gemüth mit Erfüllung der frommen Schwesterpflicht erfüllt 
„war”’, ist in Beziehung auf den gleichen Zug im Haimon nicht genü- 
gend, vielmehr scheint aus dem Zusammenstimmen beider Personen hierin 
hervorzugehn, dafs dies nicht zufällig, sondern mit Bedacht vom Dichter 
so angelegt sei. Den Grund hievon kann man nicht darin suchen, dafs, 
wie auch wohl gesagt ist, die Liebe der griechischen Tragödie fremd ge- 
wesen sei. Sie war es in der That nicht, und es bedarf hierüber nicht 
der Anführung von Beispielen. Aber freilich konnte die griechische 
Tragödie von der romantisch sentimentalen Liebe der neuern Zeit noch 
nichts wissen. Auch kannte sie erhabnere 'Themate, als dals sie jedes- 
mal zu zerstörter Liebe, wie zu einer unentbehrlichen Würze, ihre Zu- 
flucht hätte nehmen müssen. Denn den tiefen Geist und den grofsen 
Gang des Lebens und der Geschichte versinnbildet sie durch ihre Mei- 
sterwerke, wollte nicht den engen Kreis des Hauses und die Ereignisse 
des Tags wiederholen. Nur in wie fern jener auf der Liebe als Trieb- 
feder beruht, wie in den Trachinierinnen, herrscht diese in der Hand- 
lung mit vor, wie auch in den 'Tragödien der gröfsten Meister neuerer 
Zeit. Romeo und Julie z.B. würde auch auf der griechischen Bühne 
nicht ohne die Liebe, obwohl in andrer Form, haben bestehn kön- 
nen, weil um diese der historische Inhalt des Stückes und seine entge- 
gengesetzte Wendung, nehmlich die, die junge Liebe zerstörende, Ent- 
zweiung der Häuser Monteechi und Capulewi, und gegentheils ihre, 
durch das wagische Ende der beiden Liebenden herbeigeführte Aussöh- 


240, Fov, rwös Acyos vorkommt, ist auch schwerlich einer, wo es in einem andern, als dem 
gewöhnlichen, Sinne genommen werden könnte. So selbst in der Antigone Vs. 626 Asyzwv 
sc. "Avrıyovns und Vs. 1288. ro0 wg Savovros Meyagtws #Aswöv Ayos, welche Lesart nicht 
mit A&yos hätte vertauscht werden dürfen, da der hier genannte Megarcus, wie Böckh 
bemerkt, kein Andrer ist, als der auch in Aischylos Sieben gegen Thebe Vs. 459 fg. 
vorkommende Sohn des Kreon, welchen auch in der Zeit seiner Verlobung, wie jetzt 
den Haimon, verloren zu haben, Eurydike wehklagt. 


(1) Geschichte der Litteratur der Griechen und Römer, Th.]1, S. 578. 


Anspielungen in der alten Tragödie. 3 


a 


nung — welche letztere ich demnach nicht mit Solger (') für eine Ironisi- 
rung der ganzen Handlung, sondern nur in dem von A.W.v.Schlegel(?) 
angegebnen Sinne nehmen kann — sich dreht. Wo aber Liebe nur in 
die Handlung verflochten, nicht die Hauptsache darin ist, da konnte die 
nur auf die Hauptsache gerichtete griechische Tragödie sie auch nicht 
weiter hineinziehn. Und so hat Sophokles sie in der Antigone behan- 
delt. Nicht ob die Liebe des Haimon und der Antigone zum Ziel kom- 
men, sondern ob das Recht der Götter oder das menschliche Gesetz, 
den Sieg davon tragen werde, war hier die Frage. So weit Haimon 
zu ihrer Lösung mitwirkt, ist er in die Handlung verwebt. Sein Ver- 
hälınifs zur Antigone ist zwar der Faden, der ihn an dieselbe knüpft, 
aber ihr völlig untergeordnet. Und um die Haupthandlung nicht im 
mindesten durch ein secundäres Interesse zu stören, noch die Betrach- 
tung auf dieses abzulenken, hat der besonnene Dichter jene Liebe als 
solche zu motiviren in dem Grade vermieden, dafs er sich begnügt, sie 
als Triebfeder in Haimons Handlungen nicht im Dunkeln zu lassen, 
(Vs. 564 fg. 625 fg. 674. 742 fg. 752. 756), solche Aeufserungen der- 
selben aber, welche ihr Gewicht über diese Grenze hinaus verstärken 
könnten, vom Haimon wie von der Äntigone entfernt gehalten hat. So 
läfst sich auch was Hermann (%) an der Person des Haimon gerügt 
hat, dafs sie nehmlich keine besondre Theilnahme für sich erwecke, 
wohl nur als characteristisch bemerken und erklären, aber von dem 
Gesichtspunkte des Sophokles bei der Handlung dieser Tragödie aus 
nicht tadeln. Euripides hingegen kann sich bei seiner Antigone, nach 
ihrem Ausgange zu urtheilen, die grofse philosophische Aufgabe des 
Sophokles gar nicht gemacht, sondern mufs die Geschichte, nach seiner 
Art, rein psychologisch behandelt, und, hat er dabei auch in den Reden 
und Gegenreden des Kreon und der Antigone jenen sein Recht als Herr- 
scher, diese das Recht der Religion und Bruderliebe behaupten lassen, 


(1) Wiener Jahrbücher a. a. O. S. 155. 
(2) Characteristiken und Kritiken, Th. I, S. 508. 

(5) In der Commentatio de tragica et epica po@si hinter der Ausgabe der Poätik des 
Aristoteles, S. 259. 


E2 


306 Süvenrw über einige historische und politische 


so mufs er doch den Streit durch seine Beilegung mittelst der Heirath 
nicht so wohl gelöset als geschlichtet haben. Bei ihm muiste auch 
die Liebe des Haimon und der Antigone, da von ihr die Katastrophe 
der Handlung abhing, als solche vollständig motivirt seyn, und beide 
werden wahrscheinlich nicht verfehlt haben, die Theilnahme für selbige 
rhetorisch genug in Anspruch zu nehmen. Was also bei Sophokles 
in den Hintergrund gestellt ist trat bei ihm mehr hervor, hielt seine 
Antigone zwar von der, in der Sophokleischen oben bemerkten, Verschie- 
denheit des Eindruckes der Mitte und des Ende frei, die er auch viel- 
leicht hat vermeiden wollen, gab ihr aber einen ganz andern weit un- 
tergeordnetern Character und besonders ihrem Schlusse eine weit min- 
dere Bedeutung. 

Die durch Sophokles Antigone herbeigeführte gemeinschaftliche 
Strategie desselben mit Perikles im Samischen Kriege dient nun auch 
als Datum, die Zeit der ersten Aufführung dieser Tragödie zu bestimmen, 
welche nachher noch viele Male gegeben seyn mag, da Demosthenes (!) 
bestimmt angiebt, es hätten Theodoros und Aristodemos in ihr oftmals 
die Rolle der Antigone gespielt, nur nicht gerade zweiunddreifsig Male, 
wie es in den Nachträgen zum Sulzer (?) heifst, aus Mifsverständnifs 
der Worte in dem Argumente des Aristophanes AsAenraı de 75 dgaua Teure 
roLanosev deursgev, welche nur von der Stelle der Antigone in der Zeit- 
folge der Sophokleischen Stücke, wovon sie auch Böckh () nach 
Casaubonus erklärt hat, verstanden werden können. Zu vergleichen 
ist der Ausdruck in dem dritten Argumente vor Aristophanes Vögeln 
nach der Aldina esı sei. 76 ögaua, Az, welchen Samuel Petit (*) eben 
so von der Stelle der Vögel als des fünfunddreifsigsten unter des Komi- 
kers Stücken versteht. Hieraus erklärt sich auch die eigne Bezeichnung 
der verlorenen Aristophanischen Komödie Tg«s durch "Agısehavrs ev 7% 


(1) a.a.O. Einen andern Grund s. bei Böckh graec. trag. princ. p. 159. 
(2) Th..11.S: 243: 

(5) Grace. trag. princ. p. 108. 

(4) 


Miscel. I, c. 10, p. 40. 


Anspielungen in der alten Tragödie. 37 


I Yroz, welche sich in einem Zexzco Segueriano (1) findet, da sonst ge- 
wöhnlich "Agisodavns & 79 Trge oder &v Type (2) eitirt wird. Jenes 5 
scheint aber die neunte Stelle in der von den Grammatikern bestimm- 
ten Zeitfolge der Aristophanischen Komödien zu bezeichnen, so dafs 
bei & © $ verstanden werden mufs dgauarı und dann Tyo@ epexe- 
geusch folgt. 

Ueber jene Zeitbestimmung hat jetzt ausführlich gehandelt Seidler 
p. XVII fg. der Hermannischen Ausgabe der Antigone. Zu den Re- 
sultaten seiner Untersuchung war ich bereits vor mehrern Jahren, wor- 
über ich mich auf Hrn. Butimann berufe, gröfstentheils aus denselben 
Gründen, mit Ausnahme der von Bekker entdeckten entscheidenden 
Vervollständigung des Scholion zu Aristophanes Wespen Vs. 285 — in 
welchem noch die Leipziger Ausgabe &mı IlegızAess «gyevres hat, da doch 
Perikles zur Zeit des Samischen Feldzuges Strateg und nicht Archon 
war, welches er auch nie gewesen ist, und schon aus Diodor das nun 
in der Venetianischen Handschrift gefundene Tiuoxress hergestellt wer- 
den konnte — nur in andrer Zusammenstellung derselben, gelangt, und 
stimme daher, was die Zeit des Samischen Kriegs, seine Theilung in 
zwei, von Diodor, wie er auch sonst nicht selten thut (3), in ein Jahr 
zusammengedrängten Feldzüge, deren Zusammenhang, und die Strate- 
gie des Sophokles im zweiten derselben, also Ol. 85, ı, betrifft, mit 
Seidler überein (*). 

Allein darin, dafs in demselben Jahre, worin der zweite Samische 
Feldzug und Sophokles Strategie wahrscheinlich fallen, auch die Antigone 


zum ersten Male gegeben sey, kann ich ihm nicht beisiimmen. Da 


(1) InBekker's Anecdotis graecis, Vol. I, p. 450, 16. 

(2) 8. die Fragmente bei Brunck. Vergl. auch Bekker's Anecdota I. c. p. 102, 15. 

(53) Vergl. Mitfor d's Geschichte der Griechen, übers. von Eichstaedt Th. I, S. 495, 
die Anmerkung. K. W. Krüger in Seebode's Archiv für Philologie und Pädagogik, 
Jahrg. ı, Heft 2, S. 220. 

(4) Ich habe hier und im Folgenden das mündlich Vorgetragene, in Hinsicht auf 


die von Böckh in seiner schon erwähnten Abhandlung angestellte genauere Untersuchung, 


sehr abgekürzt. 


38 Süvenm über einige historische und politische 


nehmlich, wie bekannt, immer zehn Strategen auf ein ganzes Jahr er- 
wählt wurden, die Wahlen der Beamten für das nächste Jahr auf 
jeden Fall immer gegen das Ende des atuschen Jahres gehalten seyn 
müssen, die grofsen Dionysien aber, an welchen die Dichter mit neuen 
Tragödien auftraten, um mehr als drei Monate vor dem Jahresschlufs 
in den Elaphebolion fielen (1), so konnte Sophokles wohl in einem und 
demselben Jahre die Antigone geben und zum Strategen für das nächste, 
unmöglich aber mehr für das nehmliche Jahr gewählt werden. Dies 
bringt die erste Aufführung der Antigone auf jeden Fall in ein frühe- 
res Jahr, als welches mit grofser Wahrscheinlichkeit Ol. 84, 4. ange- 
nommen werden kann, da der Eindruck, welcher die Ertheilung der 
Strategie bewirkte, noch frisch gewesen seyn mufs, als diese erfolgte, 
welcher Voraussetzung auch das oben bemerkte Zeitverhältnifs entspricht. 


Da überdem die Meinung, wonach die Aufführung der Antigone schon 


5, 
Ol. 84,5. geschehn seyn soll, auf die Voraussetzung, Sophokles Strate- 
gie gehöre schon in Ol. 84, 4, sich stützte, so mufs, wenn diese um ein 
Jahr weiter rückt, auch jene um eben so viel vorrücken. 

Auch Seidlers Correctur in der alten Biographie des Sophokles 
mgös Zanious statt des gewöhnlichen zg55 "Avatav halte ich für so un- 
zweifelhaft richtig nicht. Ist nehmlich nach Brunck die Lesart gu- . 
ter alter Handschriften moös "Avaviovs, so liegt, da nach Stephanus 
Byzantinus ’Avaios nebst ’Avairns, welches letztere sich bei Thukydides 
III, ı9. findet, das gentle ist, oflenbar moös ’Avaius weit näher, als das 
erst von Turnebus, wahrscheinlich nach der Recension des Triclinius, 
deren von Brunck benutzter Codex T’ ges "Avaviav hat, aufgenommene 
und nachher auch von Joseph Scaliger in die Deseriptio Olympiadum, 
allein erst zu Ol. 85,5. gesetzte, und, wie es danach scheint, mit den un- 
ter Ol. 84, 4. gebrachten Thaten des Perikles im Samischen Kriege aufser 
aller Verbindung gedachte, ges "Avarav oder die oben erwähnte Correctur, 
so scheinbar diese auch ist, da es allerdings auffallen mufs, einen so be- 


deutenden und bekannten Krieg 


9, wie der Samische, von einem so wenig 


(1) Böckh über die Lenäen, Anthesterien und Dionysien in den Abhandlungen der 
historisch-philol. Klasse der K. Akademie von den Jahren 1816 und 1817, S. 59 u. 96. 


Anspielungen in der alten Tragödie. 39 


bekannten Orte, wie Anaia, benannt zu sehn. Allein die Biographie 
ist aus guten alten Quellen geschöpft, und der Verfasser derjenigen, 
woraus die Notiz über Sophokles Strategie entlehnt ist, konnte guten 
Grund haben, den zweiten Samischen Feldzug durch ö mo6s ’Avalous WO- 
Aeucs zu bezeichnen. Denn Anaia — 4 "Avaia und ra "Avaıa (1) — an 
der kleinasiatischen Küste, Samos gegenüber gelegen, und durch einen 
Theil der von den Ephesiern aus Samos Vertriebnen unter ihrem König 
Leogoras befestigt (*), feblt zwar im d’Anville und Mannert und 
auf unsern Charten vom alten Kleinasien und Griecherland, auch auf 
der neuesten Kruseschen, ist aber in der Geschichte von Samos nicht 
unwichtig. Es war immer der Zufluchtsort der aristokratischen Partei 
auf Samos, welche, so oft die demokratische mit Hülfe der Athener die 
Oberhand gewonnen hatte, von dort aus ihr auf alle nur mögliche Art 
entgegenwirkte, auf Samos Unruhen unterhielt, die Flüchtlinge von da 
aufnahm, die Peloponnesier unterstützte, wie aus mehrern Stellen des 
Thukydides, vornehmlich aus IV, 75. erhellt (5). Auch auf diesen Sami- 
schen Krieg hatte sie bedeutenden Eimflufs. Thukydides (I, ı15) sagt 
ausdrücklich, dafs, als die Athener im ersten Feldzuge die Demokratie 
auf Samos eingerichtet hätten, einige Samier nicht da geblieben, son- 
dern auf das feste Land geflüchtet wären, dafs diese, nach dem Abzuge 
der Atlıener, sowohl mit den Vornehmsten in der Stadt, als auch mit 
Pissuthnes, dem Persischen Statthalter von Sardes, sich vereinbart, nach- 
dem sie nächtlicher Weile nach Samos übergesetzt wären, die Demo- 
kratie wieder gestürzt und so den zweiten Samischen Feldzug herbei- 
geführt hätten. Schon in dieser Beziehung konnte dieser zweite Feld- 
zug, als gegen die vom festen Lande Kleinasiens, also hauptsächlich von 
Anaia aus, seine Veranlassung herbeiführende Gegenpartei gerichtet, 
ö moös "Avaious WOREMOS genannt werden, auf ähnliche Art, wie Thukydides 
IH, 52. dieselbe den Feinden der Athener immer Vorschub leistende 


(1) Intpp. zu Thucyd. IIT, ıgu. 52. 
(2) Pausan VII, 4, 5. 


(5) Vergl. Lessing im Leben des Sophokles in seinen sämmtlichen Schriften, Th. 14, 


S.5gr fg. und Krüger in Dionysüi Halicarnassensis historiographicis p. 528. 


40 :Süvenn über einige historische u, politische Anspielungen u. s. w. 


Partei Sauiovs EZ ’Avawv nennt. Ueberdem geht aus Thukydides weiterem 
Berichte hervor, dafs sich der Krieg nach den ersten Siegen des Perikles 
zur See und auf Samos eine Zeitlang ‚gegen Kaunos und Karien’’ zog. 
Hier in Karien lag aber eben nach Stephanus Byzantinus Anaia. 
Es kann also die Bezeichnung des zweiten Samischen Feldzugs in der 
Biographie durch &v 7% moös "Avalevs mereuw als von jener speciellen Be- 
ziehung desselben hergenommen erklärt werden. 


> 7 5 TI.22 22 


Ueber 
die Antıgone des Sophokles. 


Von 


H”- BOECKH. 


anna nn 


Erste Abhandlung. 


anna. 


[Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 29. Januar und ı2. Februar 1324.] 


1 D.» Hellenische Alterthum liegt als eine uns fremde, bis auf einen 
gewissen Grad in sich abgeschlossene, eigenthümliche Welt vor uns, in 
der jegliche bedeutende Erscheinung eine Unendlichkeit von Aufgaben 
darbeut, an denen wir bereits etliche Jahrhunderte lösen, ohne dafs ein 
Einzelner behaupten könnte, viel gelös’t zu haben. Denn kein Beson- 
deres kann ohne das Allgemeine, und das Allgemeine wieder nicht ohne 
alle Besonderheiten begriffen werden; und was die Alten, weil ihnen 
das eine wie das andere unmittelbar gegenwärtig war, von selbst ein- 
sahen, müssen wir durch Verstand und Kunst annäherungsweise er- 
reichen, indem wir aus zerstreuten Einzelheiten die allgemeinen Voraus- 
setzungen des Verständnisses wieder zu erzeugen suchen, damit wir dann 
auch das Besondere lebhafter und inniger erkennen. So wird derje- 
nige der Wahrheit am nächsten kommen, welcher bei übrigens gleicher 
Kunstübung, gleicher Gabe der Anschauung und Forschung, die gröfste 
Uebersicht des Allgemeinen und Ganzen erworben hat, weil dieser die 
meisten Voraussetzungen zum Verständnifs mitbringt; ein solcher wird 
nicht leicht auf die Klippe der Scharfsinnigsten, die leere Spitzfindig- 
keit, stofsen, noch aus sich herausspinnen, was nur aus der Verbindung 
mannigfacher Ueberlieferungen gewonnen werden kann. Wer dürfte 
sich jedoch rühmen, eine genügende Uebersicht des Ganzen zu haben’ 
Ehe diese erreicht ist, mufs der eine den andern, und diesen wieder 
ein anderer ergänzen; und so wird es zuträglich sein, die Gegenstände 
Hist. philol. Klasse 1824. r 


42 Borcexm über die Antigone 


. 
so oft zu erwägen, bis keiner mehr etwas hinzuthun kann. Zufällig 
kam ich ungefähr zu gleicher Zeit mit unserem Süvern auf den Ge- 
danken, meine Ansicht über die Sophokleische Antigone darzulegen ; 
nachdem ich einen Theil seiner Abhandlung gehört hatte, sah ich, dafs 
wir in einem Hauptpunkte, der Zeit des Stückes, wenn auch nicht völ- 
lig, doch nahe zusammenstimmten (!); dafs er ferner Mehreres behan- 
delt habe, was ich nicht in den Kreis meiner Betrachtung gezogen hatte, 
Anderes von mir weiter ausgeführt war, als in seinem Zwecke lag: ich 
glaubte also, dafs auch hier der Eine den Andern wechselseitig ergän- 
zen könne, und da ich überdies dieser ersten Abhandlung, welche sich 
nur auf etliche allgemeine Verhältnisse der Antigone bezieht, in einer 
zweiten Bemerkungen über einzelne Stellen beifügen wollte, mochte ich 
auch die erstere nicht unterdrücken, weil sie den Reiz der Neuheit 
verloren habe. 

2. Die Antigone, nach der Ordnung der Zeit das zweiunddreifsigste 
Stück, und wie Aristophanes von Byzanz richüg urtheilt, eines der 
schönsten (2), soll dem Dichter wegen des dadurch erlangten Beifalles 
die Stelle eines Feldherrn in dem Samischen Kriege erworben haben: 
barı 08 rov SobenAsa nEiwrIar 776 Ev Zauw Sroarmyias, eüdonınyravra &v N 
didarzarıe 74s 'Ayrıyovas (°). Aufser der allgemeinen Gunst, welche der 
Dichter seines liebenswürdigen Wesens halber genofs (*), hatte hierzu 
gewifs das Stück selbst beigetragen; aber sogar bei der höchsten Mei- 
nung von dem Geschmacke der Athener ist man schwerlich zu der Vor- 
aussetzung berechtigt, dafs das dichterische Verdienst der Tragödie ihn 
dieser Auszeichnung werth zu machen schien; ihn deshalb zum Feld- 
5r 
wohnt, an den Gedichten nicht blofs den künstlerischen Werth zu 


herrn zu wählen, wäre sogar lächerlich gewesen. Die Alten waren 


achten, sondern auch den menschlichen, für die Sitten und den Staat; 


(1) Von der ästhetischen Betrachtung konnte oben nicht gesprochen werden, weil 
der darauf bezügliche Theil der Abhandlung meines Vorgängers beim Vortrage ausge- 
lassen war. 


(2) Argum. Antig. To ne doku Fov zer Asrun Nodozrzovs. 
(5) -Aristoph. Byz. ebendas. 


S. des Ungenannten Leben des Sophokles. 


des Sophokles. 43 


und gerade die in der Antigone dargelegten Grundsätze waren sehr ge- 
eignet, unsern Dichter für ein bedeutendes Amt zu empfehlen. Mit 
Recht hat man auf die Lehren aufmerksam gemacht, welche Kreon 
über die Pflichten des Staatsmannes und der Bürger im Verhältnifs zu 
dem Herrschenden aufstellt (162 ff. 655 ff.) (!): auch im Munde des Al- 
leinherrschers mufsten diese den entschiedensten Beifall der Zuschauer 
hervorlocken, deren Sinn ganz auf das öffenlliche Leben gerichtet war. 
Doch verstand Sophokles seine Zuhörer zu gut, um Kreon’s Verlangen 
des Gehorsams nicht zu mildern; sehr wohl hat er das Tyrannische in 
der Person des Alleinherrschers hervorzuheben gewufst, und in den 
Reden des Haemon ein demokratisches Gegengewicht gegeben ; schon 
der eine Vers desselben, ‚‚Nicht Staat ja ist es, welcher Eines Mannes 
„nur (Modus yag our 09°, Mrıs dvdpos 89° &v65),” mufste ein unauslösch- 
liches Bravo hervorrufen, und auch die übrige Umgebung jener Stelle 
(751-755.) ist auf denselben Eindruck berechnet. Allerdings sind dies 
untergeordnete, fast möchte man verführt sein zu sagen, Euripideische 
Schönheiten ; doch sind sie in diesem Stücke keine leere und für das 
Ganze unpassende Gemeinsprüche, wenn sie gleich mit für den Beifall 
geschrieben sind. Sollte man aber nicht den Athenern zutrauen dür- 
fen, dafs sie noch etwas mehr von der sittlichen Vortrefllichkeit dieses 
Stückes begriflen hätten? Wenigstens ist der Grundgedanke desselben 
ein solcher, der das gröfste Zutrauen zu dem Dichter erwecken, ja so- 
gar den Wunsch erregen mufste, ihm einen Antheil an der Staatslei- 
tung gegeben zu sehen, indem die Tragödie fast in allen ihren Theilen 
darauf hinarbeitet, besonnenen Rath und Ueberlegung (eößevric) im Ge- 
gensatz gegen die Leidenschaft als das Höchste und Glückseeligsie darzu- 
stellen , die Abmessung der Befugnisse zu empfehlen, und zu zeigen, 
wie heftiger Eigenwille und kühne Uebertretung göulichen oder mensch- 
lichen Gesetzes ins Verderben stürze: worauf ich unten zurückkommen 
werde. Uebrigens war Sophokles gewifs kein grofser Feldherr. Wir 
haben bei ihm gerade das seltene Glück, das Urtheil eines sehr verstän- 


digen Zeitgenossen über seinen Charakter in dessen eigenen Worten zu 


(1) Die Verse sind immer nach Hermann’s Zählung angegeben. 


F 2 


44 BosEscxkmu über die Antigone 


besitzen. Ion von Chios (!) giebt uns einen merkwürdigen Bericht 
über sein Zusammensein mit Sophokles: er habe, sagt er, einen beim 
Weine lustigen und artigen Mann (Fadındn mag’ civov zul de£uov) gefun- 
den; er erzählt des Sophokles Gespräch mit einem kritischen Schul- 
meister, der einen Vers des Phrynichos tadelte, dessen sich unser Dich- 
ter beim Anschauen eines lieblichen Knaben bedient hatte; wie dann 
der Knabe einen Halm aus dem Becher habe nehmen wollen, und 
Sophokles ihm sagte, er möchte ihn herausblasen, damit er den Finger 
nicht benetze; indem nun aber Sophokles den Becher sich näherte und 
der Knabe, um den Halm wegzublasen, auch nahe an das Gesicht des 
Feldherrn gekommen, habe er ihn geküfst. Da nun alle lachten und 
Beifall klatschten, sagte Sophokles : ‚„‚Ich übe mich in der Strategie, ihr 
‚Männer; dieweil Perikles sagte, ich verstände wohl die Poesie, aber 
„nicht die Strategie; ist mir nun dies mein Strategem nicht recht gut 
‚„„gelungen?’”’” Wer sollte ihn richtiger beurtheilt haben als Perikles? 
Zum Ueberflufs sagt Ion noch aus eigener Person: ‚‚In Staatssachen 
„war er weder weise noch thatkräfug, sondern wie der erste beste der 
„‚guten Athenischen Bürger.’’' Schwerlich dürfte ihm also Perikles ir- 
gend eine kriegerische Unternehmung übertragen haben; aber als ein 
Mann, der sich beliebt machen und Menschen behandeln konnte, war 
er zu Unterhandlungen sehr geeignet, welche in allen Zeiten des At- 
tischen Staates einen sehr wichtigen Theil der Feldherrngeschäfte aus- 
machten, und in denen sich nachher Alkibiades und Timotheos Konon’s 
Sohn auszeichneten. Unstreitig führte Sophokles gerade die wichtigsten 
Unterhandlungen mit den Bundesgenossen, Lesbos und Chios; und wenn 
es wahr ist, dafs er sich im Samischen Kriege bereichert habe (?), gaben 
jene Unterhandlungen die beste Gelegenheit. Indessen glaube ich jene 


“ 


(1) Beim Athen. XIII, S.604 f. aus des Ion 'Eriörwicaaus. 


(2) Schol. Aristoph. Frieden 696. Asyerıcı 8, Orı dx vos Frearnyias 775 £v Dan Noyvprsaro. 
Perikles, der dem Sophokles in Freundlichkeit Lehren gab, scheint ihm dergleichen nicht 
verwiesen zu haben; wohl aber fürchtete er seine Verliebtheit, indem er ihn darauf auf- 
merksam machte, dafs ein Feldherr nicht blofs enthaltsame Hände, sondern auch enthalt- 
same Augen haben müsse. Cic. OP. 1,40. Fal. Max. IV, 5. ext.ı. Plutarch. Periel. 8. 
In der Antigone spricht er selbst gegen bestechliche Habsucht 295 ff. 1020 ff. 


des Sophokles. 4 


a 


Sage, die nur der Scholiast des Aristophanes anführt, nicht ohne Grund 
bestreiten zu können ; denn sie kommt nur bei Gelegenheit eines Aristo- 
phanischen Stichelwortes gegen unsern Dichter vor, und scheint nur eine 
Vermuthung zur Erklärung desselben zu sein. Aristophanes läfst nehm- 
lich durch den Hermes eine Anfrage bestellen, was Sophokles mache; es 
wird geantwortet, es gebe ihm vortrefllich: er sei aus einem Sophokles 
ein Simonides geworden, weil er alt und ranziıg um den Gewinn wol 
selbsı auf einer Binsenmatte schiffte. Da jedoch der Aristophanische 
Friede, worin diese Posse enthalten ist, erst Olymp. 90, ı. etwa zwanzig 
Jahre nach dem Samischen Kriege aufgeführt worden, so erkennt man 
leicht, dafs Aristophanes an jene angebliche Thatsache nicht gedacht 
haben kann. Dafs auch Xenophanes den Sophokles wegen des Geizes 
getadelt habe, ist blofs ein Mifsverständnifs des Florens Christianus: 
Xenophanes sprach von seinem Zeitgenossen Simonides. Aristophanes 
dagegen giebt dem Greise Sophokles, wie klar ist, allerdings Gewinn- 
sucht schuld; anscheinend im Widerspruch mit der bekannten Erzäh- 
lung, wonach Sophokles von seinen Söhnen, und namentlich von 
Iophon wegen Vernachlässigung seines Vermögens belangt worden sein 
soll, mit dem Antrage ihm als geistesschwach die Verwaltung desselben 
zu nehmen: bei welcher Gelegenheit er sich durch Vorlesung der Pa- 
rodos des Oedipus auf Kolonos vertheidigt haben soll ('). Mir scheint 
jedoch dieser Widerspruch so wenig von Bedeutung, 
Vermuthung wage, der Geiz des Sophokles habe mit seiner Verschwen- 


dafs ich sogar die 


dung sehr nahe zusammengehangen: denn da er unläugbar in seinem 
Alter wie in der Jugend der Liebe sehr unterthan war, mögen ihm die 
Damen nicht wenig gekostet, die Söhne aber zugleich seine Kargheit 
empfunden haben; dadurch gereizt, konnten sie allerdings eine solche 
Klage anstellen, um in den Besitz des Vermögens zu kommen, und ge- 
rade bei dieser Gelegenheit könnte Sophokles zugleich als Verschwender 
und als habsüchüg in übeln Ruf gekommen sein. Auflallend stimmt 


gerade die Zeit damit überein, welche ich (?) dem Oedipus auf Kolonos 


(1) Cicero de senect.7. der Un genannte im Leben d.Soph. Schol. Aristoph. Frösche 75. 
Lucian Macrob. 24. Plutarch An seni sit resp. ger.. 


(2) Gr. trag. pr.S. 187. 


46 Borcxm über die Antigone 


anzuweisen versucht habe, Olymp. 89,4. Wenn diese Bestimmung auch 
unsicher ist, so halte ich sie dennoch durch das, was Reisig (!) dage- 
gen bemerkt, nicht für widerlegt; wogegen Süvern, wie ich glaube, 
richtig gezeigt hat, dafs Reisig’s eigene Annahme unhalıbar ist. 

3. Geleitet von dem Samischen Kriege haben Petitus(), Bentley (), 
Musgrave (*), die Aufführung der Antigone in Olymp. 84, 5. gesetzt; 
welchen ich (5) so weit beigetreten bin, dafs ich diese Bestimmung als 
eine ungefähre anerkannte, und die Antigone zweifelhaft in Olymp. 84,5. 
ja noch unbestimmter ‚,‚circa Olymp. 84. exeuntem’’ stellte. Die sorg- 
fältige Untersuchung von Seidler, bei welcher auch Hermann () sich 
beruhigt, liefert dagegen das Ergebnils, dafs sie in Olymp. 85, ı. gehöre. 
Gesetzt auch, dafs Seidler’s Bestimmung der Zeiten des Samischen 
Krieges sicher wäre, so würde er dennoch, wie Süvern bereits be- 
merkt hat, das Stück ein Jahr zu spät setzen; nachdem ich aber den 
ganzen Verlauf der Samischen Feldzüge von neuem genauer erwogen, 
und die Zeiten derselben zu bestimmen gesucht habe, sehe ich, dafs die 
Antigone eben so gut, ja besser zwei Jahre früher gesetzt werden kann; 
dies zu zeigen, bedarf es freilich einer gröfsern Ausführlichkeit, als 
die Geringfügigkeit des Gegenstandes vielleicht verdient. Nach dem Eu- 
böischen Kriege schlossen die Spartaner und Athener den bekannten 
dreifsigjährigen Friedensvertrag; im funfzehnten Jahre desselben beginnt 
dem Thukydides zufolge (7) der Peloponnesische Krieg, im Frühjahr 
Olymp. 87, ı. zwei Monate ehe der Archon Pythodoros sein Amt nie- 
derlegte. Da Thukydides sagt, vierzehn Jahre sei der Vertrag gehalten 
worden, im funfzehnten aber seien Feindseeligkeiten ausgebrochen, hat 
Dodwell von der angegebenen Zeit gerade vierzehn Jahre zurück ge- 


(1) Oed. Col. Enarr: S. VII. 

(2): Misc. LIT, 18: 

(5) Epist. ad Mill. S.528. Lips. 
(4) Chronol. scenic. 

(5) -Gr- trag.. pr. S. .107. ‚108. 137. 
(6) Vorrede z. Antig. 

(gi) 22.2: 


des Sophokles. 47 
rechnet, und setzt daher die Abschliefsung des Vertrages Olymp. 55, 5. 
um den zehnten Olympischen Monat. Worin liegt aber die Gewähr- 
leistung, dafs beim Ausbruch der Feindseeligkeiten gerade nur vierzehn 
Jahre seit jenem Bündnisse verflossen waren? 'Thukydides meint oflen- 
bar nichts weiter, als dafs der Vertrag so viel volle Jahre gehalten und 
im folgenden verletzt wurde ; wie viel Monate des funfzehnten Jahres 
bereits abgelaufen waren, dies zu bestimmen lag nicht in seinem Zwecke. 
Eben so gut kann man daher annehmen, dafs der Friedensvertrag schon 
sechs Monate früher, im vierten Olympischen Monat geschlossen war ; 
ja man kann noch viele Annahmen zum Grunde legen: aber um die 
Voraussetzungen nicht zu vervielfäligen, wollen wir nur von diesen 
beiden ausgehen, dafs der Friedensvertrag Olymp. 85, 5. entweder im 
Frühjahr um den zehnten, oder schon im vorhergegangenen Spätjahr, 
um den vierten Olympischen Monat geschlossen war. Wir lassen jetzt 
aber die letztere Voraussetzung vor der Hand aus den Augen, um auf 
sie später zurückzukommen, und halten uns lediglich an die erstere, um 
nach dieser die Zeiten der Samischen Kämpfe zu bestimmen. Im sechsten 
Jahre jenes Vertrages nehmlich entstand der Krieg der Samier und Milesier 
über Priene (!), welchen aufser Thukydides Diodor (2) und Plutarch (°) 
mit ziemlicher Uebereinstimmung erzählen; dies sechste Jahr würde nach 
der erstern Annahme im Frühjahr Olymp. 84, 4. beginnen, für welches 
Jahr Timokles als Archon angegeben wird. Ehe wir aber einen Schriti 
weiter in dieser verwickelten Untersuchung gehen können, müssen wir 
uns über die Zeit des Archontenwechsels in Athen verständigen, indem 
wir sonst bei der Nennung eines Archon uns die Zeit nicht mit Be- 
stimmtheit denken können. Denn da der Schaltmonat nach dem Po- 
seideon folgt, hat man nicht ohne Grund angenommen, dafs das alte 
Attische Jahr mit dem Gamelion begonnen habe; und weil der Meto- 
ı. anfängt, und dieses Jahr das 


nische Cyclus gerade mit Olymp. 87, 


(1) Thukyd.T, 115 £. 
(2), XU,27.£. 
(5) Perikl. 25 £f: 


Be 


48 Borcxkmu über die Antıgone 


erste ist, von welchem man weils, dafs es mit dem Hekatombäon an- 
fing, haben Dodwell und Corsini (!) dieses Jahr als den Wendepunct 
des Attischen Kalenders angesehen, und lassen die Jahre vorher mit dem 
Gamelion beginnen. Man kommt hierbei in die Verlegenheit, ob man 
dem letzten Archon vor Pythodoros, nehmlich Apseudes, sechs oder 
achtzehn Monate geben soll; wodurch sich alle frühere Archonten um 
ein Jahr weiter herunter oder hinauf schieben; Dodwell ıhut jenes, 
Corsini dieses; des erstern Annahme hat Corsini (2) hinreichend wi- 
derlegt, und die letztere halte ich schon darum für grundlos, weil die 
demokratische Eifersucht der Athener schwerlich einer Kalenderverän- 
derung zuliebe die Archonten ein halbes Jahr über ihre Zeit im Amte 
gelassen, sondern sie lieber für diese sechs Monate neue Archonten ge- 
seizt haben würden. Indessen quälte mich die Unentschiedenheit, ob 
zur Zeit der Samischen Kriege die Archonten mit dem Gamelion oder 
Hekatombäon eintraten, ungemein, weil die chronologischen Besimmun- 
gen darnach sich ganz verschieden gestalten , bis ich endlich bemerkte, 
dafs ich diese Sache, die für die Attische Chronologie nicht unwichtig 
ist, längst selber ohne es zu merken entschieden hatte. Ich habe nehm- 
lich unter der Voraussetzung, dafs das Jahr mit dem Hekatombäon be- 
ginne, gezeigt (?), dafs die Marathonische Schlacht in der Mitte des Mo- 
nates Metageitnion geliefert wurde, und zwar in der zweiten Prytanie: 
dahin führen auch unabhängig von jener Voraussetzung die übrigen Um- 
stände: hätte aber das Jahr damals mit dem Gamelion begonnen, so 
fiele die zweite Prytanie in den Winter, in welchen das Treffen zu 
setzen ohnehin unmöglich ist, da die Perser nicht im Winter angriffen. 
Daher ist schon für das Jahr Olymp. 72, 5. bewiesen, dafs das Attische 
Jahr mit dem Hekatombäon begann; die Attischen Archonten stimmen 


(1) Ihnen bin ich auch im Proocm. Pind. Th. 11. Bd. II, S. 15. gefolgt; was ich hier- 
mit zurücknehme. 


(2) F.A.Bd. 1, S. 93. 


(5) Vorrede z. Lectionsverzeichnifs der hiesigen Universität, Sommer 1816. Der Tag 
der Schlacht ist jedoch zu berichtigen; es ist nehmlich der 16. oder 17. statt des ı8. zu 
setzen, weil der Vollmond den 135. oder ı4. emtritt. 


des Sophokles. 49 


also schon seit dieser Zeit mit den Olympischen Jahren überein, und wir 
können bei unserer Betrachtung die gewöhnlichen Angaben der Archonten 
für die Olympischen Jahre unbesorgt befolgen. Wenn nun das sechste 
Jahr des dreifsigjährigen Bündnisses erst mit dem Frühjahr des Jahres 
Olymp. 84,4. beginnt, der Samische Krieg aber in diesem anfängt, und 
zwar, wie Diodor und der Scholiast des Aristophanes uns bezeugen, 
unter dem Archon Timokles: so mufste dieser Kampf gerade nicht frü- 
her und nicht später als in dem Frühlingsviertel jenes Jahres beginnen, 
in welchem man auch die Kämpfe anzufangen pflegte: nicht früher, 
weil er sonst ins fünfte Jahr des Bündnisses zurückreichte; nicht später, 
weil er sonst nicht mehr unter Timokles fiele. Zuerst nun wurden die 
Milesier von den Samiern besiegt, und wenden sich von den Samischen 
Demokraten unterstützt an Athen; die Athener ziehen daher mit vierzig 
Schiffen gegen Samos, setzen dort eine Volksherrschaft ein, nehmen 
funfzig Männer und ebensoviel Knaben als Geisel, welche sie nach 
Lemnos bringen; in Samos lassen sie eine Attische Besatzung, und 
nehmen nach Diodor achtzig Talente Contribution. Als Anführer wird 
Perikles von Plutarch und Diodor genannt, von letzterem mit den Wor- 
ten: TlegızAca rooyanırdmever orgarnyov; alles vollendet er, wie Diodor 
sagt, in wenigen Tagen, und kehrt nach Athen zurück. Ich wüfste 
nicht, was dagegen wäre, dafs alles dies in den drei Frühlingsmonaten 
unter dem Archon Timokles geschehen wäre; ja es bedurfte nicht ein- 
mal so langer Zeit. Aber Einige der Samier, nehmlich die oligarchisch 
Gesinnten, waren nach dem festen Lande in die Verbannung gegangen, 
machten Bundesgenossenschaft mit Pissuthnes in Sardes, und nachdem 
sie siebenhundert Mann Hülfstruppen zusammengebracht, bemächugten 
sie sich ihrer Vaterstadt bei Nacht, stahlen, was natürlich sehr rasch 
geschehen mufste, die Geisel von Lemnos weg, lieferten die Attische 
Besatzung und Befehlshaber dem Pissuthnes aus, und rüsteten sich als- 


ke) 


bald gegen Milet. Dafs dies alles schnell g 


der Natur der Sache; zum Ueberflufs bezeugt Plutarch, gleich nach 


eschehen mufste, liegt in 


Perikles Abzug seien die Samier abgefallen. Wollen wir daher diese Be- 

gebenheiten nicht noch unter Timokles setzen, so müfsten sie wenigstens 

in den Anfang des Archon Morychides Olymp. 85, ı. fallen. Nunmehr 

5 ha 2 “ B n 4 

zogen die Athener zum zweiten Male unter Perikles (rarıv rgoxeagıra- 
Hist. philol. Klasse 1824. G 


50 Borcxku über die Antıgone 


neveı argarnyov, sagt Diodor) mit sechzig Schiffen gegen Samos (!); sech- 
zehn derselben wurden versandt, theils nach Karien, um die Phönicische 
Flotte zu beobachten, theils nach Chios und Lesbos, um Hülfe von dort 
auszuwirken; Perikles aber, der wie Thukydides sagt, selbzehnt Feld- 
herr war, griff die eben schon von Milet her kommende siebzig Schiffe 
starke Samische Flotte mit seinen vierundvierzig Schiffen bei der Insel 
Tragia an, und besiegte sie. Die Samier mochten vorzüglich durch die 
Schwere eines Theiles ihrer Schiffe im Nachtheil sein; denn zwanzig der 
ihrigen hatten Landungstruppen an Bord. Hernach kamen von Athen 
noch vierzig, von Chios und Lesbos fünfundzwanzig Schiffe; so ver- 
stärkt landen die Athener, und fangen nach einem siegreichen Gefechte 
an, die Stadt aus drei Befestigungen und mit den Maschinen des Ar- 
temon zu belagern, zu Lande und zugleich zu Wasser. Da wurde dem 
Perikles berichtet, dafs Phönieische Schiffe im Anzug wären, welchen 
Stesagoras von Samos mit fünf Schiffen und aufserdem Andere entge- 
gegengefahren waren: daher zog er in Eile (zar«a ray,es Thukydides), 
einige Tage nach Anfang der Belagerung (nera rwas yusgas Diodor), dem 
Feinde gen Kaunos und Karien entgegen. Die Gröfse des Vergehens der 
Samier gegen Athen und die damalige Schnelligkeit der Athener läfsı an- 
nehmen, dafs dies alles in kurzer Zeit bewirkt wurde; und wir werden 
viel zugeben, wenn wir dazu die ersten drei Monate unter Morychides 
einräumen. Nach dem Abzuge des Perikles machen die Samier einen 
Ausfall, durchbrechen die Blokade und schlagen die Athenische Flotte 
unter der Anführung des Philosophen Melissos, der schon früher mit 
vorübergehendem Erfolge gegen Perikles gefochten hatte; vierzehn 
Tage sind sie nun Herren des Meeres und verproviantiren die Stadt. 
Aber Perikles kehrt, sobald er Nachricht von den Vortheilen der Samier 
erhalten hat, sogleich in Eile zurück (eüSÜs ürerrgeVe Diodor, &ßenSeı 
xara@ 7@y,es Plutarch), und schliefst Samos von neuem zur See ein; dem- 
nächst kommen noch vierzig Schiffe von Athen unter Thukydides, 
Agnon und Phormion, und zwanzig unter Antikles und Tlepolemos, 
desgleichen dreifsig von Lesbos und Chios; Diodor läfsı sie alle schnell 
und bald nach Perikles Rückkehr von Karien eintreffen oder absenden. 


(1) Zhukyd. 1, 116. 


za 


des Sophokles. 51 


Noch versuchen die Samier ein kurzes Seetreffen, und werden im neun- 
ten Monate durch Belagerung bezwungen, ihre Mauern geschleift, die 
Flotte genommen; sie geben Geisel und verpflichten sich zur Zahlung 
der Kriegskosten in bestimmten Fristen. Am natürlichsten rechnet man 
jene neun Monate von der Schlacht bei Tragia an: und so würde die 
Unterwerfung von Samos in das Frühjahr Olymp. 85, ı. fallen. An 
ein Hinschleppen durch mehrere Jahre ist um so weniger zu denken, 
da Perikles wegen der Kürze der Zeit, worin er so Grofses vollbracht, 
sich rühmen konnte; und wenn wir auch nicht mit Dodwell (!) an die 
Vollendung beider Feldzüge unter Einer Strategie denken möchten, in- 
dem der Scholiast des Aristophanes (*) ausdrücklich bemerkt, dafs der 
Samische Krieg unter zwei Archonten, Timokles und Morychides geführt 
wurde, so können wir ebenso wenig Seidler’n zugeben, dafs was vor 
der Belagerung vorfiel, nicht habe in drei Monaten geschehen können, 
„‚praesertim si quis locorum intervalla caelique et tempestatum permutationes 
‚„‚aliaque hiiuscemodi, quae moras afferunt, obstacula secum perpendat.” 
Im Gegentheil liegen alle Orte nicht weit auseinander, und die Jahres- 
zeit, wie sie nach der bisherigen Voraussetzung angenommen worden, 
ist vorzüglich günstig, da wir den Anfang der Feldzüge in das letzte 
Vierteljahr des Archon Timokles setzten; endlich geben die Schriftsteller 
geradezu überall an, dafs alles rasch auf einander folgte. 

4. Nach den bisherigen Annahmen fiele also die Hauptmasse der 
Kämpfe unter Morychides, und nur der erste kurze Krieg unter Timokles. 
Wiewohl nun Diodor häufig Begebenheiten, die unter zwei Archonten 
vorfielen, unter Einem zusammenfafst, weil der Zusammenhang der Er- 
äugnisse nicht unterbrochen werden sollte, die Haupikämpfe vom Früh- 
jahr bis zum Spätjahr aufeinander folgen und gerade in der Mitte die- 
ses Zeitraums die Archonten wechseln: so hätte doch Diodor sehr un- 
geschickt erzählt, wenn die bisherigen Voraussetzungen richtig wären. 
Denn da die Haupibegebenheiten unter Morychides fallen, und nur der 


erste Feldzug unter Timokles: so war es ungeschickt, alles unter diesem 


(1) Annal. Thuc. S. 684. in der Leipz. Ausgabe des Thukyd. 
(2) 


Pr a - . \ x ! > ’ 
Wespen 285. aus Bekker’s Venet. Handschrift: r« ö2 reg: Zauov Evvenmmdszerw 
\ 


‚ a ae ’ er ee ir I 
mgoregov Emı Tiuoxrsous yeyove zu Eme Tod &Ens Aoguyıdou (Moguxide). 


G2 


52 Boscxm über die Antıgone 


zu erzählen ; vielmehr mufste er entweder alles unter Morychides brin- 
gen, oder wenigstens den zweiten Feldzug, da der erste für sich ein 
Ganzes bildete, was leicht abgesondert werden konnte. Dies überzeugt 
mich, dafs wir die andere Voraussetzung ergreifen müssen, wonach 
der dreifsigjährige Vertrag etliche Monate früher als Dodwell meinte, 
geschlossen war: wir wollen ihn in den vierten Olympischen Monat 
Olymp. 85, 5. setzen, das heifst ins Späyjahr. Dann würde der Streit 
zwischen Samos und Mılet, benachbarten Staaten, die in jeder Jahres- 
zeit sich angreifen können, ins Späyahr Olymp. 84, A, hinaufgerückt ; 
der zweite Zug der Athener fiele dann auf jeden Fali noch unter den 
Archon Timokles; aber die Einnahme und gänzliche Unterwerfung von 
Samos erst unter Morychides. Man wende nicht ein, dafs hierdurch 
Winterfeldzüge entständen; auch unter der erstern, ja unter jeder mög- 
lichen Voraussetzung mufs ein Winterfeldzug angenommen werden. Wir 
wollen die Zeiten der verschiedenen Begebenheiten nach dieser Voraus- 
setzung nicht bis ins Einzelne verfolgen; nur soviel bemerke ich, dafs 
nach ihr der Anfang des zweiten Krieges füglich Ende Winters oder im 


Anfange des Frühjahres Olymp. 84, 4. zu setzen sein wird, da wir im 


vorhergegangenen Winter, eben weil die Witterung ungünsuig ist, die 
Begebenheiten sich nicht so sehr dürfen drängen lassen. Dann hat aber 


Diodor sehr verständig erzählt; denn dafs er den erst unter Morychides 
erfolgten Ausgang des zweiten Krieges mit unter Timokles erzählte, ist 
natürlich, weil der Anfang unter diesen fiel. Unter dieser Voraussetzung 
nun ist auch die Untersuchung ganz unwichüg, ob Sophokles beim 
ersten oder zweiten Feldzuge Feldherr gewesen; doch wollen wir auch 
diese berücksichtigen. Schon Lessing (') hat bemerkt, dafs seine Stra- 
tegie in den zweiten falle; und Seidler hat diesen Punkt genau erwo- 
gen. Die meisten Zeugen schweigen zwar; Thukydides und die Haupt- 
stelle des Plutarch erwähnen den Sophokles gar nicht, ebenso wenig 
Diodor, den man aus Versehen eingemischt hat; Justin (2) weils, 
dafs unser Dichter Feldherr mit Perikles gewesen, spricht aber von 


einem Kriege gegen die Spartaner; der Scholiast zum Aristophanischen 


(1) Leben des Sophokl. S. 157. 
(2) II, 6. 


des Sophokles. 53 


Frieden (!), Cicero (2) Plutarch in einer andern Stelle (5), Valerius 
Maximus (*) erklären sich eben so wenig über Sophokles Samische Stra- 
tegie, ob sie in den ersten oder zweiten Feldzug gehörte. Aber Ion 
von Chios sprach den Sophokles als Feldherrn in Chios selbst, als er 
nach Lesbos schiffte, offenbar auf dem zweiten Zuge, indem Sophokles 
zu jener Sendung nach beiden Inseln gebraucht wurde, und Strabo (5) 
setzt seine Strategie in den Feldzug, der durch die entscheidende Bela- 
gerung beendigt wurde: "ASyvalıı — meubavres Froarnyov HegınAca nal Füv 
auro Yoborrea ToVv FemThv moAlopui« zands dieSyzav arsıtodvras ro)c Yauıovs. 
Endlich ist Thukydides Mitfeldherr beim zweiten Zuge, und der Unge- 
nannte im Leben des Sophokles behauptet, der Dichter sei mit Perikles 
und Thukydides der Strategie gewürdigt worden. Aber die letztere An- 
gabe läfst sich, wie ich unten thun werde, beseitigen; die beiden an- 
dern zeigen unstreitig, dafs Sophokles im Anfange des zweiten Zuges 
Feldherr war, ohne jedoch zu beweisen, dafs er es zur Zeit des ersten 
Zuges nicht war: denn fiel der Anfang des zweiten mit dem ersten in 
dasselbe bürgerliche Jahr, so war Sophokles zur Zeit beider Feldherr. 

5. Um nun auf die Anugone zurückzukommen, so hat unser 
Süvern schon gezeigt, dafs Seidler diejenigen mit Unrecht verläfst, 
welche die Anügone in das Jahr vor dem Samischen Kriege setzen, da 
es nach den Attischen Verhältnissen anders gar nicht möglich ist. Wir 
finden im Attischen Staate zweierlei Gattungen von Feldherin, aufser- 
ordentliche und ordentliche. Jenen wurden einzelne Unterneh- 
mungen des besondern Zutrauens wegen übertragen, wie der Sicilische 
Feldzug dem Nikias und seinen Amtsgenossen, dem Kleon die Belage- 
rung von Pylos; ihrer waren gewöhnlich wenige, und es ist mir nicht 
erinnerlich, dafs dies vor dem Peloponnesischen Kriege geschehen sei, 
in welchem der Drang der Umstände dazu nöthigen mufste. Die andern 
waren eine Behörde von zehn Männern, welche im Voraus für das 


(2) V8:2:600: 
(OT: %0- 
(5) Perikl. 8. 

GI I B2ext.i. 
(5) AV. S. 446. 


54 Bozrcxm über die Antıgone 


nächste Jahr vom Volke durch Cheirotonie erwählt wurde (!). Dafs 
Sophokles aufser der Ordnung zum Feldherrn erwählt worden, ist selbst 
dann, wenn dies schon damals Gewohnheit gewesen sein sollte, nicht 
glaublich, da er weder kriegskundig noch thätig war; wohl aber konnte 
man ihm die gewöhnliche Magistratur der Strategie ertheilen, bei welcher 
er mit neun Ändern nicht viel schaden konnte, da man ohnehin nicht 
wufste, ob gerade das Jahr eine bedeutende Kriegsunternehmung herbei- 
führen würde. Doch Thukydides bringt die Sache einfacher zur Ent- 
scheidung. Perikles, sagt er, schlug bei Tragia argarıyav öerares aurce. 
Nicht als ob er in diesem Treffen mit neun Andern befehligt hätte; 
Sophokles selbst war nicht bei dieser Schlacht, sondern nach Chios und 
Lesbos geschickt; ein Anderer mufste nach Karien abgesandt sein, und 
wären, wie man annimmt, ich aber bezweifle, Thukydides Melesias Sohn 
und die vier Andern, die mit und nach ihm kamen, damals seine Amts- 
genossen gewesen, so würden auch diese gefehlt haben. Der Geschicht- 
schreiber will also nichts weiter sagen, als Perikles sei einer der zehn 
ordentlichen Feldherrn des Jahres gewesen; und ein solcher war also 
auch Sophokles. Diese traten ihr Amt ohne Zweifel im Hekatombäon an: 
zwar konnten dadurch die Sommerfeldzüge in der Mitte unterbrochen 
werden; aber eben so schickte man ja beim Jahreswechsel den Trie- 
rarchen Nachfolger (diadeygvs) (2), und selbst die Truppen wurden ofı 
abgelös’t (Ex diadeyays) (%). Aber auch wenn die Feldherrn ihr Amt im 
Frühling angetreten hätten, was ich nicht glaube, würde das Ergebnifs 
für Seidler’s Meinung nicht günstiger ausfallen. Es kommt eigentlich 
darauf an, wann sie gewählt wurden; und ob wir gleich nicht wissen, 
wann die &gyagericı gehalten wurden, da Ulpian’s Angabe darüber er- 
wiesen falsch ist (*), so fallen diese doch ohne Zweifel in das leizte Vier- 
tel des Jahres oder kurz vorher. Und in dieser Zeit mufs Sophokles 
auch erwählt worden sein. Schauspiele wurden zu Athen nur vom Po- 
seideon bis zum Elaphebolion gegeben; im Poseideon an den ländlichen 


(1) Schömann de comitt. S.515 ff. 

(2) Staatshaushaltung Bd. IH, S. 52. 

(5) S. meine Abhandlung über die Ephebie. 

(4) Staatshaushaltung Bd. II, S. 176. Schömann de comitt. S. 522 ff. 


des Sophokles. 55 


Dionysien niemals neue; im Elaphebolion dagegen an den grofsen Dio- 
nysien die meisten, und zwar neue (!): folglich konnte Sophokles nur 
in diesen auf den Frühling losgehenden Wintermonaten siegen. Am 
wahrscheinlichsten aber ist die Antigone an den grofsen Dionysien ge- 
geben; an diesen waren auch die Bundesgenossen in Athen versammelt, 
die um diese Zeit die Tribute abliefern; und wenn nun Sophokles 
damals gerade sich grofsen Beifall erworben hatte, war er auch in 
den Augen der Bundesgenossen gehoben, worauf bei einem Feldherrn 
viel ankommt: und so wurde er, vermuthlich gleich darauf, in den 
Wahlcomitien zum Strategen ernannt, als das Andenken an die Antigone 
eben noch ganz frisch war, ‘War nun der zweite Zug gegen Samos, 
nach der ersten unserer Voraussetzungen, erst Olymp. 85, ı. unternom- 
men, so ist die Antigone Olymp. 84, 4. aufgeführt; fällt aber jener 
Zug, wie uns wahrscheinlicher erschienen ist, schon in das Ende des 
Winters oder den Frühling Olymp. 84,4, so war Sophokles schon dies 
ganze Jahr hindurch Feldherr, und die Tragödie ist Olymp. 84, 5. ge- 
geben. An die Aufführung derselben in Olymp. 85, ı. ist nicht mehr 
zu denken: selbst bei der unwahrscheinlichen Annahme, dafs die Feld- 
herrn ihr Amt schon im Frühjahr angetreten hätten, und also Sophokles 
im Frühling Olymp. 84, 4. eben erst erwählt, den zweiten Feldzug an- 
getreten hätte, würde man die Antigone doch immer schon Olymp. 84, 4. 
setzen müssen. Da jedoch diese Annahme zu willkührlich ist, müssen wir 
das Stück in Olymp. 84, 5. rücken, sobald wir der Samischen Kämpfe 
zweiten schon im Frühjahr Olymp. 84, 4. anfangen lassen; und um letz- 
tere Ansicht theils zu unterstützen, ıtheils von scheinbaren Schwierig- 
keiten zu befreien, erlaube ich mir noch einige Bemerkungen. 

6. Setzen wir den zweiten Angrilf auf Samos nicht nach der ersten 
Voraussetzung in den hohen Sommer, in den Anfang von Olymp. 55, ı. 
sondern schon in das vorhergehende Frühjahr Olymp. S4, 4. so begreift 
mar, warum die Phönicische Floue noch nicht da war; diese fuhr wie 
gewöhnlich im Frühjahr aus, und die Athener kamen natürlich ihr 
leicht zuvor. Eben als Perikles die Schlacht bei Tragia lieferte, war 


(1) S. meine Abhandlung von den Dionysien. 


56 Borcxu über die Antigone 


Sophokles in Chios (!); beim Gastmahle steht der weinschenkende Knabe 
am Feuer. Wozu das Feuer im Klima von Chios im Juli oder August? 
und zwar im Speisesaal? Etwa blofs der Heiligkeit der Hestia wegen oder 
zur Getränkbereitung? Ich denke eher der Frühlingsnachtfröste wegen ; 
denn dafs sie bei Nacht schmausen, versteht sich von selbst, wenn es 
auch nicht daraus erhellte, dafs der Knabe durch das Feuer sichtbar 
wurde. Wie aber? Wenn Sophokles schon Olymp. 84. 4. Feldherr 
war, so ist er des Perikles Amtsgenosse schon beim ersten Zuge; in 
der Mitte des zweiten Zuges aber wechseln alsdann die Strategen, und 
Sophokles war dann nicht mehr Feldherr, als Samos eingenommen 
wurde? Allerdings; aber es steht nirgends geschrieben, dafs Sophokles 
nicht Stratege war, als der erste Zug unternommen wurde; und wenn 
er es war, kann er dabei gewesen oder zu Hause geblieben sein; und 
vor der Beendigung des zweiten Feldzuges mag er abgegangen sein, da 
er schwerlich, wie Perikles, wieder erwählt wurde. Denn aus Strabo 
wird man schwerlich erweisen können, dafs Sophokles bei der Ueber- 
gabe von Samos unter Morychides (Olymp. 85, ı.) noch beim Heere 
war; aus ihm folgt weiter nichts, als dafs er eine Zeitlang beim zwei- 
ten Feldzuge des Perikles Amtsgenosse gewesen. Wenn ferner Diodor 
die Strategie des Perikles in dem zweiten Zuge durch die Worte, rarıv 
Megındca moeyegırdueve orgarıyev, als eine neue zu bezeichnen scheint, 
lasse man sich dadurch nicht täuschen. Diodor wägt seine Worte nicht 
so; er will nur sagen, dafs Perikles auch diesen Feldzug wieder über- 
tragen erhielt; und es kann daher der Anfang desselben in dieselbe jähr- 
liche Strategie mit dem ersten Feldzuge gefallen sein. Aber nach dem 
Ungenannten ist Sophokles auch mit Thukydides zusammen Feldherr ge- 
wesen; und Thukydides kommt doch erst in dem zweiten Feldzuge nach 
der zweiten Einschliefsung von Samos von Athen: begann der zweite 
Zug mit dem Frühling Olymp. 84, 4. so ist es wahrscheinlich, dafs jene 
Schiffe, welche 'Thukydides führte, erst um den Anfang von Olymp. 
85, ı. abgingen; und so würde Thukydides Feldherr von Olymp. 85, ı. 
werden, während Sophokles Strategie von uns Olymp. 84, 4. gesetzt 


(1) Ion beim Athen. XIII, S. 604. F. 


des Sophokles. 57 


wird. Dieser Einwurf könnte als der bedeutendste erscheinen ; allein 
Thukydides konnte ja, wie Perikles es oflenbar war, als ein angesehe- 
ner und bewährter Staatsmann, in beiden Jahren Feldherr gewesen, und 
Anfangs in Athen zurückgehalten, und wie oft, erst später nachgesandt 
sein. Und wer bürgt dafür, dafs Thukydides wirklich der Amitsgenosse 
des Sophokles war? Man wulste aus den gleichnamigen Geschichtschrei- 
ber, dafs Thukydides mit Perikles gegen Samos Feldherr war; dasselbe 
war von Sophokles bekannt: wie leicht war die Zusammenstellung, dafs 
nun auch Sophokles mit Thukydides zusammen im Amte war, wenn 
auch Thukydides erst im folgenden Jahre Feldherr geworden sein sollte? 
Ja ist es nicht auffallend, dafs nach der zweiten Einschliefsung von Sa- 
mos eine so bedeutende Zahl Schiffe und fünf neue Feldherrn an- 
kommen, desgleichen auch neue Schiffe von Lesbos und Chios? Sollte 
dies nicht eine Andeutung sein, dafs diese fünf Feldherrn neuerwählte 
sind, welche zur Ablösung der austretenden kommen, und dafs sie das 
Aufgebot des nächsten Jahres mit den neuen Trierarchen bringen”? Dies 
“ wären also die Feldherrn von Olymp. 85, ı. und da Sophokles schon 
zur Zeit des Seetwreflens bei Tragia Feldherr war, fiele dann seine Stra- 
tegie nothwendig in Olymp. 84,4. und die Antigone in Olymp. 84,5. 

7. Noch eine Angabe über den Feldherrn Sophokles enthält die 
Lebensbeschreibung des Ungenannten : Kai ASyyalcı de aurev EEnnovra mevrE 
erav ovra aroarnyov EIAOVTO, ul) tüv TleAorovınrıanav Ereriv Emra, &v To moös 
’Avatay FoAtup: woraus Scaliger in der "Orunriwswv avaygapy geschöpfi 
hat. Dafs er sieben Jahre vor dem Peloponnesischen Kriege zum Feld- 
herrn erwählt worden, dabei will ich mich eben nicht aufhalten; denn 
die Angabe ist auf jeden Fall ungenau: wenn auch Seidler bemerkt, 
dafs zwischen Morychides, unter welchem er des Sophokles Strategie 
setzt, und Pythodor, unter welchem der Peloponnesische Krieg anfängt, 
sieben Archonten liegen; so mufste der Ungenannte doch immer neun 
Jahre sagen, weil das Jahr des Morychides und auch des Pythodor zu- 
gezählt werden mufste: denn Pythodor hatte schon zehn Monate regiert, 
ehe der Krieg begann. Aus einer so ungenauen Angabe läfst sich of- 
fenbar für so feine Untersuchungen nichts folgern. Das Lebensjahr des 
Sophokles soll das fünfundsechzigste oder nach einer andern Leseart gar 
das neunundsechzigste sein: das wahre revrazovra revre hat schon Lessing 


Hıst. philol. Klasse 1324. H 


58 Borcxn über die Antigone 


vorgeschlagen, und wir wollen es gleich hernach durch dem Sophokles 
selbst unterstützen. Für jetzt bemerke ich, dafs es nicht allein nach 
der Rechnung des Ungenannten , sondern überhaupt und schlechthin 
richtig ist. Seidler und Reisig (!) setzen zwar das Geburtsjahr des 
Sophokles in Olymp. 70, 4. wie es scheint aus zu grofser Verehrung 
der Parischen Chronik, die nicht mehr Glauben verdient als jeder alte 
Chronograph; nach aller historischen Kritik verdient die Angabe des 
Ungenannten, der des Dichters Geburt in Olymp. 71, 2. setzt, gröfsern 
Glauben, da ausdrücklich der Archon des Jahres, Philippos genannt 
ist; in der Parischen Steinschrift ist dagegen nur die Nachricht, dafs 
Sophokles Olymp. 77, 4. achtundzwanzig Jahr alt gewesen sei, und dies 
kann auf ungenauer Rechnung beruben. Den Tod des Sophokles setzt 
Diodor (2) in Olymp. 95, 5. und er soll nach ihm neunzig Jahr alt ge- 
worden sein; aber neunzig ist eine runde Zahl, und rechnen wir 
neunundachtzig, so ist die Rechnung richüg, wenn man von Olymp. 
71,2. ausgeht; selbst neunzig kommen heraus wenn man das Geburts- 
und Todesjahr zuzählt: wiewohl ich überzeugt bin, dafs Sophokles schon 
ein Jahr früher gestorben. Gewils ist, dafs Sophokles Olymp. 75, ı. 
bei dem Salaminischen Siegesfest vortanzte: welches für einen funfzehn- 
jährigen Knaben besser pafst als für einen fast achtzehnjährigen Ephe- 
ben (3). Indem wir also die Geburt des Sophokles in Olymp. 7ı, 2. 
setzen, und zwar aus Vermuthung in den Anfang des Jahres; so wird 
Sophokles Olymp. 84, 4. im fünfundfunfzigsten Jahre sein: so dafs wir 
also auch nach dieser Nachricht des Sophokles Strategie eben in dieses 
Jahr setzen können, uns anschliefsend an die natürlichste Verbesserung 
der Worte des Ungenannten. Sophokles soll aber Feldherr gewesen sein 
in dem Kriege moos "Avaiav, wie Turnebus richtig liest: hieraus ist in der 
Triklinisch-Brunckischen Handschrift ’Avaviav verderbt: Andere lesen ’Ava- 
vieus, das ist ’Avaicus, was auf dasselbe herauskommt. Die mifsgegriffene 


Veränderung Saulsus hat Süvern mir zu widerlegen erspart; das Wahre 


(1) Oed. Col. Enarr. S. XI. 
(S)RENZIT, 21038 


(5) Es scheint nehmlich nicht ein Männer- sondern ein Knabenchor gewesen zu sein. 


des Sophokles. 59 


sah Lessing schon: ich füge nur Eine Bemerkung hinzu. Obwohl 
Anaea im Peloponnesischen Kriege fortwährend im Besitz der Samischen 
Aristokraten erscheint, so müssen doch die Athener im Samischen Kriege 
auch dagegen ihre Angriffe gerichtet haben, und nahmen es entweder 
nicht ein oder verloren es später wieder. Ich gebe zu, dafs dies eben 
so gut im zweiten als ersten Feldzuge geschehen mufste, weil Anaca 
ein wichtiger fester Punkt war: aber dafs beim zweiten Zuge gerade 
Sophokles gegen Anaea aufgestellt war, finde ich darum nicht nothwen- 
dig, weil mir folgende Ansicht leichter scheint. Sollte nehmlich wohl 
irgend ein Grammatiker eine Begebenheit des bekannten und in der 
Griechischen Geschichte sehr wichtigen zweiten Samischen Krieges den 
Krieg gegen Anaea genannt haben, ohne überhaupt den Samischen 
Feldzug dabei zu erwähnen? Natürlicher scheint mir, dafs ein gelehr- 
ter Chronograph den ersten Zug mit diesem Namen im Gegensatz gegen 
den eigentlichen, bekannten Samischen Krieg bezeichnete. Der Kampf 
zwischen Milet und Samos war um das Gebiet von Priene, gegenüber 
von Samos; hier liegt gerade Anaea. Was ist einfacher, als dafs die 
von Milet zu Hülfe gerufenen Athener zuerst das bestrittene Gebiet den 
Samiern zu entreissen suchen, um es den Milesiern zu geben? Inwie- 
fern also Anaeca und die Umgegend die erste Quelle des ersten Feldzu- 
ges war, und dieser sich darum drehte, mochte dieser Krieg mit Recht 
der Anäische heifsen, wenn auch Samos in dessen Folge eine Besatzung 
erhielt. Und so möchte Sophokles auch bei diesem ersten Zuge ge- 
wesen sein. 

8. Plutarch (1) theilt uns den Anfang eines Epigrammes mit, welches 
anerkannt von Sophokles sei: Tevri: d& öuorcyovusvus SodonAtovus Erri 70 
Emıyganarıov- 

’Qudnv “Hocderw TeVgev Zobenigs Erewv wv 

mEvT Emil WEVTAHCVTO. 
Das Epigramm ist wahrscheinlich verstümmelt; und da Plutarch gerade 
von Kunstleistungen in bedeutendem Alter spricht, ist es eben nicht be- 
sonders wohl angebracht, da fünfundfunfzig Jahre eben kein hohes Al- 


ter ist. Indessen scheint die Stelle doch nicht eingeschoben; das Epi- 


(1) An seni sit resp. ger. 5. 


60 Borcxu über die Antigone 


gramm selbst aber scheint ein Xenion zu einer übergebenen Ode zu 
sein; wie man bei dieser Ode an die Antgone oder den Oedipus auf 
Kolonos denken kann (!), begreife ich nicht. Mit Recht denkt man 
aber wohl an den Geschichtschreiber Herodot: er war ein Homeride wie 
Sophokles, und sie mochten sich anziehen. Herodot ist aber nach ge- 
wöhnlicher Ansicht Olymp. 84, ı. nach Thurii gewandert, nachdem 
er schon vorher einen Theil seiner Geschichte in Athen gelesen haben 
soll (2). Wird ihm denn Sophokles die Ode nach Thurii geschickt 
haben? Ich zweifle; es hat vielmehr den Anschein, dafs aus Freund- 
schaft bei einer persönlichen Zusammenkunft Sophokles dem Geschicht- 
schreiber ein Gedicht zum Andenken machte. Dafs Herodot gerade 
Olymp. 84, ı. nach Thurii ging, ist eine blofse Voraussetzung, weil 
Thurii damals von den Athenern colonisirt wurde (%); er kann auch 
später hingegangen sein; die Zeit der Panathenäischen Vorlesung aber 
ist völlig unbestimmt. Herodot lebte und schrieb in Samos: Sophokles 
war fünfundfunfzig Jahr alt, als er Feldherr im Samischen Kriege war; 
wie einfach ist nicht die Zusammenstellung, dafs er gerade bei dieser 
Gelegenheit mit Herodot bekannt wurde, dafs Herodot, vielleicht schon 
vor der grofsen Belagerung, Samos verliefs, da er wohl beurtheilen 
konnte, dafs dieselbe unglücklich für Samos sein werde, und dann nach 
Athen ging? Gerade um die Zeit, als nach unserer zweiten obigen An- 
nahme die grofse Belagerung anfıng, im Frühjahr Olymp. 84, 4. ist 
Sophokles schon ziemlich in seinem fünfundfunfzigsten Jahre vorge- 
rückt, wenn wir der obigen Berechnung seiner Lebenszeit folgen: der 
Ausdruck er’ Emi mevryzovra Erav wv setzt aber keinesweges die Vollen- 
dung des leizten Jahres voraus. Ich habe dies hier ausgeführt, nicht 
weil auch daraus folgte, dafs Sophokles nicht Olymp. 85, ı. Feldherr 
gewesen, sondern nur um zu zeigen, wie alles, was nur irgend aufzu- 
bringen ist, sich mit der Annahme seiner Strategie in Olymp. 84, 4. 


sehr wohl vereinigen läfst. 


(1) Vgl. Jacoh Qu. Soph. Bd. ı, S.549 f. S. 564. 
(2) S. Creuzer’s hist. Kunst der Gr. S. 95. um nicht ausführlicher davon zu reden. 


(5) Strabo und Suidas scheinen es schon so genommen zu haben; doch ist dies 
nicht sicher. 


des Sophokles. 61 


9. Ob Sophokles selbst seine Antigone später noch einmal habe 
aufführen lassen wollen, und ob er zu diesem Zwecke Einiges überar- 
beitet habe, ist schwer mit Sicherheit zu bestimmen; doch führen ei- 
nige Anzeigen zu dieser Vermuthung, die ich schon früher aufgestellt 
habe. Vs. 1051. ist nehmlich 75 uavSavsv Ö6° eine metrische Eigenthüm- 
lichkeit, der sich Sophokles nicht vor Olymp. 87, ı. bedient haben 
soll (!); Satyros, ein unverächtlicher Schrifisteller, behauptet, er sei beim 
Vorlesen der Antigone gestorben; Andere, nach dem Vorlesen: und sein 
Tod wird auf die Choen gesetzt (?). An den Choen hielt man, wie 
es scheint, Schauspielproben ; an ebendenselben wurden Todtenopfer ge- 
bracht, und Sophokles soll den Tod des Euripides in einem Stücke, worin 
die Schauspieler in schwarzen Gewändern auftraten, haben betrauern las- 
sen. Alle diese Umstände, so räthselhaft sie zum Theil erscheinen, stim- 
men untereinander merkwürdig überein; welches Stück endlich pafste 
sich besser zur Weihe der Todtenopfer als Antigone? Es scheint daher, 
dafs Sophokles in seinem Todesjahre Olymp. 95,2. (%) eine Wiederholung 
der Antigone vorbereitet hatte; aber ich möchte von diesem Gedanken 
in der Kritik des Stückes keinen Gebrauch machen; denn schwankende 
Vermuthungen sind schädlicher als nützlich, und zu sichern Kennzeichen 
späterer Zusätze oder Umarbeitungen kann man nicht gelangen. 

10. Die Fabel der Antigone ist wahrscheinlich aus der kyklischen 
Thebais oder einer Oedipodie entehnt; und da gerade aus dem Epos 
auch Apollodor geschöpft hat, wird es zweckmäfsig sein mit Ueber- 
gehung des Hygin die Worte desselben anzuführen (°): Koewv de Tav 
Onßamv Barıreav magaruav Tols Twv "Apyswy vergous eobıbev arabeus, 
nal ungukas undeva Sarrew diAuras nurerrngev. "Avrıyovy dE Mia ray Oldi- 
modos Suyartguv ngüba To IloAvveixovs vüua arebare Eule al Puwga- 
Selina ums Kokovres, aurmy TD rapu Lürav &vezguaro. An diesen Inhalt 


schliefst sich die Sophokleische Tragödie genau an.. Mit ihr stehen 


(1) Gr. trag. pr. S. 138 ff. 

(2) Die Stellen habe ich Gr. trag. pr. c. XVI. gesammelt, aber in der Abhandlung 
über die Dionysien $. 21. die Sache anders gestellt. 

(3) Vgl. Abh. v.d. Dionysien Anmerk. 120. 145. 

(4) II, 


Ee die 


62 BoEcxm über die Antigone 


die beiden Oedipe in einer, jedoch nicht unmittelbaren Verbindung; 
in weiter Entfernung reihten sich daran die Epigonen. Letztere könn- 
ten in der angeblichen Weissagung des Epigonenkrieges (Vs. 1067 ff.) 
vorbedeutet scheinen; aber ich hoffe in der zweiten Abhandlung zu 
zeigen, dafs diese Weissagung ein Mifsverständnifs der Ausleger ist. 
Dafs jedoch auch die drei andern Stücke nicht zu einer Tetralogie ge- 
hörten, sondern Antigone besonders (und wahrscheinlich einzeln) ge- 
geben, die Oedipe aber bedeutend später sind, ist gewifs. (!) Dagegen 
scheint sich die Antigone nach der Ansicht des Sophokles unmittelbar 
an die Aeschyleischen Sieben gegen Theben anzuschliefsen, wie des 
Euripides Antigone an seine Phönissen, worin das folgende Schauspiel 
schon vorbereitet ist: (2) gerade wo das Aeschyleische Drama aufhört, 
knüpft das Sophokleische mit einer geringen Veränderung an. Beim 
Aeschylos erscheint die Stadt als gerettet; Polyneikes und Eteokles sind 
todt, aber noch nicht begraben; dieses sind die Voraussetzungen, die in 
dem Prolog und in der Parodos von Sophokles gegeben werden, nur 
dafs Eteokles schon beerdigt ist. Auch die durch Heroldsruf erlassene 
Bekanntmachung (zrguyu«) des Kreon, welche in der Antigone voraus- 
gesetzt wird, ist in den Sieben gegen Theben gegeben; nur stellt es 
Aeschylos, dessen Gesinnung minder demokratisch ist, als Volkswille 
dar, Jäst die Antigone dem Herold gleich ihren Vorsatz erklären, den- 
noch den Bruder zu beerdigen, und die Hälfte des Jungfrauenchores 
entschliefst sich alsbald ihr beizustehen; denn dies sei der Stadt ein ge- 
meinsames Weh, und Anderes sei zu einer andern Zeit dem Staate Recht. 
Sophokles dagegen stellt Kreons Befehl, den Polyneikes unbeerdigt zu 
lassen, als tyrannische Gesetzgebung dar, in welche das Volk sich mur- 
rend füge: so belastet er den Kreon mit Schuld, und mildert den schrof- 
fen Spruch des Aeschylos, dem Staate sei Anderes zu anderer Zeit 
Recht, durch Uebertragung auf den Einzelwillen des Machthabers. Ver- 
bergen will Antigone auch bei Sophokles ihre That nicht; indem ihr 
aber dieser jeden Genossen des Vergehens nimmt, erhebt er in ihr das 
stolze Selbstvertrauen, welches für den Gedanken des Stückes wesentlich 


/ 


(1) Vgl. Gr. trag. pr. S. 107. 138. 
( 


2) S. ebendas. S. 270. 


des Sophokles. 63 


ist. Kaum konnte Aeschylos die Antigone gröfser auffassen, als Sophokles 
gethan hat. Aber dieser hat auch die menschliche Entschuldigung ihrer 
That, dafs zu anderer Zeit Anderes dem Staate Recht sei, 
meisterhaft ergriffen, und den Gedanken, der im Aeschylos nur als grofs- 
artige Aeufserung eines edlen Unwillens erscheint, in der Entwickelung 
des Gegensatzes zwischen göttlichem und menschlichem Gesetz bis zur 
philosophischen Rlarheit gestaltet. 

11. Ein Inhaltsverzeichnifs eines Kunstwerkes ist zwar jammer- 
volle Handarbeit, welche der bessern Philologie fremd ist; aber als 
Vorbereitung zum Auflinden der Einheit und des Grundgedankens eines 
Stückes bedarf es doch einer Uebersicht; welche ich um so mehr nur 
mit Ueberwindung gebe, weil ich nachher Wiederholungen nicht ganz 
werde vermeiden können. Nachdem in der letzten Nacht das Heer der 
Argiver verschwunden (Vs. ı5.), erzählt Antigone ihrer Schwester 
Kreon’s Verbot den Polyneikes zu beerdigen; entschlossen den Bruder 
zu bestatten, fordert sie Ismenen zur Theilnahme auf. Diese verweiset 
ihr den Gedanken, gegen des Herrschers Befehl dies zu wagen, stellt es 
als eine Thorheit dar, Unmögliches zu unternehmen: jedoch erkennt sie 
das edle, den Freunden ächt ergebene Gemüth an. Antigone dagegen 
will den Bruder nicht verrathen (Vs. 46.), erklärt Kreon’s Gesetz als 
nicht bindend für sich, da es ihm nicht zustehe, sie von dem Ihrigen 
abzuhalten: wenn ihr Ismene die schmählichen Folgen ihrer That vor- 
hält (Vs. 59 ff.) und sie erinnert, dafs sie als Weiber und Schwächere 
dem Stärkern weichen müfsen, wird sie hart von ihr zurückgestofsen ; 
Antigone fordert von Ismenen nicht mehr Hülfe noch Mitleid noch 
Fürsorge, will ihre That nicht einmal verheimlicht wissen; denn sie 
will gern sterben. Vs. 72. 

Schön ist zu sterben mir nach dieser That. 

Beim lieben Bruder lieg’ ich dann geliebt; dieweil 

ich frommen Freyel übte; denn den Untern mufs 

ich läng’re Zeit gefallen als den Hiesigen. 
Vs. 96. Nichts erleiden kann 

so grofses ich, dafs nicht ein edler Tod mir bleibt. 
Dann besingt der Chor die Errettung der Stadt und der Argiver Unter- 
gang, deren übermüthigen Angriff Zeus und die Götter gestraft haben. 


64 ° Borcxm über die Antigone 


Kreon erscheint, und setzt von dem Standpuncte des Herrschers und 
des Staates mit einer Gesinnung, in welcher sich die Gerechtigkeitsliebe 
nicht verkennen läfst, auseinander, warum er den Polyneikes nicht be- 
graben lasse; doch tritt er als Machthaber stark und hart auf. Der 
Chor unterwirft sich der Macht (215 ff.), doch nicht ohne verborgene 


Abneigung gegen die Härte des Befehls: 


Jedwede Satzung stehet dir zu geben frei, 

der Todten wegen und uns, die am Leben sind. 
Daher will der Chor auch keinen thätigen Antheil an der Sache neh- 
men, sondern entschuldigt sich mit dem Alter; und nachdem der Wäch- 
ter die geschehene Bestattung des Polyneikes verkündet hat, wagt der 
Chor sogar den Gedanken, dies sei von den Göttern angeregt (278.). 
Kreon darob ergrimmt, behält folgerecht seine Härte auch gegen die 
Wächter, denen er die Schuld beimifst. Hiernächst stellt der Chor 
(552 1.) das Gewaltige der menschlichen Natur dar; diese unterwirft 
sich alles; sie hat auch das Staats- und Vernunfileben gegründet; aber 
der Mensch, in seinem Streben bald das Gute bald das Böse ergrei- 
fend, geht auch über göttliches und menschliches Recht hinaus; solchen 
wünscht er sich fern (562 ff.) ('). Da sieht er Antigonen bringen, und 
fürchtet gleich, sie sei auf thörichtem Beginnen betroffen worden (379.). 
Sie, das Haupt gesenkt, gesteht alsbald ihre That; begeistert von der 
Schönheit derselben zeigt sie, wie sie das göttliche Gesetz befolgt habe, 
welches nicht von heute und gestern, sondern von Ewigkeit her sei; 
nicht so grofs sei Kreon’s Gebot, dafs er ein Sterblicher das ungeschrie- 
bene und sichere Gesetz der Götter übertreffen könne; nicht habe sie, 
irgend einen Menschen fürchtend, das göttliche Recht übertreten wol- 
len, obwohl sie den Tod vorhergesehen ; das Leben habe für sie keinen 
Werth mehr: 

Denn wer in mannigfacher Noth, der meinen gleich, 

lebt, wie verschaffte diesem nicht der Tod Gewinn? 
So zeiht sie, wenn sie thöricht erschiene, den Kreon selbst der Thor- 
heit (465.): 


(1) Hier und anderer Orten sind Erklärungen der Stellen zum Grunde gelegt, die 
ich in der zweiten Abhandlung rechtfertigen werde. 


des Sophokles. 65 


Wenn aber thöricht jetzo dir mein Thun erscheint, 
mag wohl der Thorheit mich ein Thor bezüchtigen. 
Ihr verweiset der Chor ihre Wildheit und dafs sie nicht verstehe dem 
Unglück zu weichen. Beide, Kreon und Antigone, entwickeln ihr 
Recht, diese sich auf das natürliche und religiöse Todtenrecht beru- 
fend, jener des Polyneikes Vergehen gegen das Vaterland hervorhebend, 
und der Antigone Uebertretung des positiven Gesetzes und unmälsige 
Ueberhebung Schuld gebend, da sie ihrer That sich sogar rühme und 
den König verhöhne (469-521.): wogegen Antigone behauptet, auch das 
Volk billige ihre Handlung, und schweige nur der tyrannischen Gewalt 
weichend (504. 505.). Der König, seine Härte fortsetzend, will auch die 
schuldlose Ismene ins Verderben ziehen; diese, ihre schwesterliche Liebe 
zart bewährend, mifst sich selbst Antheil an der Schuld bei (522 ff), 
und wünscht mitzusterben ; aber sie wird von der stolzen Antigone mit 
grausamer ‚Härte und beifsenden Reden zurückgewiesen ; Ismene selbst 
verliert ihre Besinnung; denn im Unglück verlieren wir auch die Ver- 
nunft, die wir haben (559.). Unwiderruflich beschliefst Kreon den Tod 
der Antigone: denn die Weiber sollen in ihre Grenzen zurückgedrängt 
werden; auch die Kühnen fliehen, wenn sie den Tod vor Augen sehen 
(574. f.). Jetzt enthüllt der Chor das Schicksal des Labdakidenhauses : 
ein Unheil zieht das andere nach sich; die Götter drängen, und keine 
Lösung des Verderbens ist möglich: des Hauses letztes Licht vertilgt 
der Untergötter blutiger Staub, ‚‚des Rathes Unsinn und der Seel’ Erin- 
nys’ (599.): welche Worte der Antigone gelten. Kein Sterblicher 
übertrifft in frevlem Uebermuthe der Götter Macht; aber der Menschen 
Leidenschaft führt sie zu Uebelthaten; die Hoflnungen täuschen sie, 
und Böses ergreift statt des Guten, wem der Gott den Sinn verwirrt. 
Diese Betrachtungen gehen aus dem Schicksale der Jungfrau hervor; 
aber sie bereiten zugleich auf Kreon’s nahen Fall vor. Nun erscheint 
Haemon ; der Vater ermahnt ihn, dafs er ihm folge und die Braut auf- 
opfere, und spricht weise und staatskluge Reden (655 -676.), welche 
auch der Chor anerkennt; doch sind sie streng und unbiegsam , ohne 
Rücksicht auf feinere und mildere Gefühle. Haemon selbst kann sich 
der Wahrheit dieser Lehren nicht entziehen (629 ff.); aber in aller 
Ehrerbietung macht er den Vater darauf aufmerksam, man müsse, nicht 
Hist. phiol. Klasse 1524. I 


66 Boxrzcxkm über die Antigone 


eigener Weisheit allein verwauend, auch Anderer Einsicht in Ehren 
halten. So ermahnt er ihn, der grofsherzigen That Verzeihung ange- 
deihen zu lassen; auch die Bürger schenkten der Jungfrau Beifall und 
Mitleid, was freilich dem Herrscher nicht zu Ohren komme. Auch 
dies erkennt der Chor als wohlgesprochen an, Kreon dagegen, sich 
selbst vertrauend, will nicht der Vater vom Sohne belehrt werden, 
nicht seine Handlungen sich vom Volke vorschreiben lassen; er ist der 
einzige Herrscher. Also gerathen Vater und Sohn in hefigen Streit; 
dieser wirft jenem selbst die Gotlosigkeit und Unverstand vor, indem 
er seine Reden nicht mehr mäfsigt. Kreon fafst den grausamen Beschlufs, 
die Braut vor des Verlobten Augen sterben zu lassen; Haemon, der schon 
angedeutet hat, dafs ihr Tod noch Einen verderben werde, entfernt sich 
zornig; Kreon meint, er möge thun was er wolle (764.), und befiehlt 
Antigonen lebendig zu beerdigen, nicht ohne Verachtung der Unter- 
göuter, welche sie ehrt (768 fl.). Der Chor besingt die Gewalt der 
Liebe (776 fl.), die zur Raserei führe; sie hat auch diesen Kampf des 
Vaters und des Sohnes erzeugt; sie zieht auch gerechter Männer Sinn 
zur Ungerechtigkeit hin. Bald enllockt ihm der Antigone Schicksal Thrä- 
nen (795 ff.); sie selbst beweint auf dem Wege zu dem Todtenbraut- 
gemach ihr Loos; der Chor gesteht ihr zwar den Ruhm eines neuen 
Todes zu; dafs sie Göttergleichen sich vergleicht, verweiset er ihr, wie 
sie es selber nimmt, spottend (Sıı. 728.): er mifsbilligt ihre "That, 
indem er ihr der Kühnheit Aeufserstes und des Gesetzes Uebertretung 
vorwirft (846.): dafs sie einen väterlichen Kampf ausbüfse, ist 
kein Hauptgedanke, sondern nur eine Vergleichung mit dem Schicksale 
des Vaters. Denn der Chor selber sagt (866.): Dich stürzte eigen- 
will’ger Trotzsinn: und wenn er (864.) ihre Frömmigkeit anerkennt, 
schärft er ihr dennoch wieder ein, dafs sie durch Uebertretung des 
Gesetzes sich eine Macht angemafsı habe, die ihr nicht gebühre. Die 
Dulterin tröster sich mit der Frömmigkeit ihrer Handlung und der Liebe 
der Todten (882 ff.); dafs sie gegen den Staatswillen gehandelt habe, 
erkennt sie an (898.), und sucht dies noch durch einen besondern 
Grund zu entschuldigen, auf welchen ich zurückkommen werde. Im 
Ganzen beharrt sie auf ihrer Ueberzeugung; doch mit leisem Zweifel 
stellt sie den Göttern das Urtheil anheim. Der Chor tadelt offenbar 


des S ophokles. 67 


diese Hartnäckigkeit (920 ff.). Ebenso beharrt Kreon in seiner Leiden- 
schaft, die sich gleich in den Drohungen gegen die Langsamkeit der 
Vollstrecker des Urtheils ausspricht: welche ein Beweis des Mitleides 
für die Jungfrau ist. Nach der Wegführung der Antigone besingt der 
Chor (955 IF.) ähnliche Fälle der Mythengeschichte, in welchen Schicksal 
und Wahnsinn die Menschen ins Verderben geführt: unter welchen des 
Dionysos Verächter Lykurg, obgleich in anderer Beziehung aufgeführt, 
nicht ohne Bedeutung für Kreon ist. Nun aber verkündet Tiresias die 
Zeichen der Göuer, zeiht in milder Rede und ohne Uebermuth den 
Herrscher des Irrthums, in welchem er gegen die T'odten wüthe, und 
ermahnt ihn zu dessen Einsicht und Verbesserung. Kreon vermifst sich 
auch gegen den göulichen Seher, und zeiht ihn der Geldsucht und 
Lüge, bis ihn endlich, da Tiresias die göuliche Strafe verkündet, die 
Angst erfafst, und er des Chores Rathe folgend, nicht ohne Ueberwin- 
dung sich entschliefst, den Polyneikes zu beerdigen und das Mägdlein 
zu befreien; denn er fürchtet jetzt, es möchte das Beste sein, den be- 
stehenden Gebräuchen (reis zaSerrarw voncs) zu folgen. Der Chor ruft 
den Dionysos, den Schutzgott Thebens an, dafs er helfe; doch plötzlich 
erscheint der Bote mit der Nachricht von Haemon’s Selbstmord ; ein Be- 
weis, dafs unverständiger Rath (@QovAi«) dem Manne, hier dem Kreon, 
der Uebel schlimmstes (1227.). Haemon’s Tod ist höchst leidenschaftlich: 
selbst gegen den Vater hat er das Schwert gezogen; dann ersucht er 
sich verzweiflungsvoll, und indem er sich noch im Sterben um die 
- Braut herumschlingt, röthet er ihre bleichen Wangen mit seinem Blute. 
Antigone selbst hatte sich mit ihrem Gürtel erhängt. Bald bringt der 
Herrscher die Leiche des Sohnes, nicht fremdes Unheil, söndern Folge 
eigener Schuld (1242.): er bejammert seine verkehrte Klugheit (dusßov- 
Aa); zu spät, sagt der Chor, erkennt er das Recht. Schnell folgt die 
zweite Trauerpost, von Eurydikens Tod, welche im Sterben den Ge- 
mahl verwünscht und Haemon’s Tod preist (1287 ff.). Der Chor schliefst 
mit dem bedeutungsvollen Spruch: 

Wohl ist Weisheit der Glückseeligkeit 

Um Vieles das Erst’; und das göttliche Recht 

Darf keiner verschmäh’n : denn gewaltige Wort’ 

In gewaltigem Schlag doch büfsend einmal, 

Hochmüthiger Art, 


Sie lehren ım Alter die Weisheit. EB 


* 


68 Borcxku über die Antigone 


12. Wir haben, so weit es in der Kürze möglich ist, die Haupt- 
abschnitte der Handlung, die bedeutendsten Beweggründe und auch die 
wichtigsten Urtheile berührt, welche in dem Stücke enthalten sind; und 
es kommt nun darauf an, die Einheit zu finden, aus welcher sich alle 
einzelnen Theile erklären. A. W. Schlegel (!) erklärt sich darüber 
nicht ausführlich; er bemerkt nur, dafs diese Tragödie sich auf die hei- 
ligen Rechte der Todten beziehe, und ein weibliches Ideal von grofser 
Strenge darstelle. Indessen vereinigt sich hiermit der Antigone zweimal 
heftig hervortretende Rauhigkeit gegen ihre Schwester gar nicht; diese 
Härte, die überdies durch das ganze Stück durchgeht, ist gewifs nicht 
ächt weiblich, wenigstens einem Ideal unangemessen. Sehr fein ist die 
Bemerkung, der Dichter habe das Geheimnifs gefunden, das liebevolle 
weibliche Gemüth in einer einzigen Zeile zu oflenbaren, wenn sie dem 
Kreon auf die Vorstellung, Polyneikes sei ein Feind des Vaterlandes ge- 
wesen, erwiedert: ‚‚Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da’; aber 
so unvergleichlich schön auch dieser Vers ist, erscheint er doch mehr 
als eine erisiische Wendung, da eben in jener Stelle der in den Tragi- 
kern so gewöhnliche Wortkampf der Parteien dargestellt ist (519.). Die 
Klagen der Antigone vor ihrer Wegführung sind menschlich und na- 
türlich: für die Darstellung eines Ideales aber haben sie doch gewifs 
keine Beweiskraft. Geistreich bemerkt Schlegel über die Schwäche 
des Chors: indem er sich ohne Widerrede den tyrannischen Befehlen 
des Kreon füge, und nicht einmal eine Vorstellung zu Gunsten der jun- 
gen Heldin versuche, solle sie mit ihrem Entschlufs und ihrer That ganz 
allein stehen, um recht verherrlicht zu werden; die Unterwürfigkeit des 
Chores vermehre den Eindruck von der Unwiderstehlichkeit der könig- 
lichen Befehle. Aber die Aeufserungen des Chors über die Handlung 
der Antigone enthalten etwas mehr als Unterwürfigkeit, und dürften 
schwerlich anders erklärbar sein als aus einer ganz verschiedenen Ansicht 
des Dichters von der Antigone. Recht schön spricht auch Solger (?) 
über die Antigone: ‚‚In ihr und der Elektra offenbarten sich die höchsten 
„‚sittlichen Gesetze in ihrer erhabensten und schreckenvollsten Würde; 


(1) Dramat. Litt. Bd. I, S. 185 ff. 
(2) Vorrede z. Uebers. S. xxx ff. 


des Sophokles. 69 


‚„‚das Werkzeug ihrer Handhabung ist in beiden eine Jungfrau”. Denn 
‚in edlen Frauen lebe am kräfugsten und als ein Grundtrieb ihres We- 
‚„‚sens das allgemeine Gefühl der höchsten Sitte im ursprünglichsten und 
„‚erhabensten Sinne; statt also dem Dichter vorzuwerfen, dafs er die 
„Weiblichkeit zu hart und männlich behandelt habe, müsse man ihn 
‚„‚vielmehr bewundern, dafs er sie so glorreich erhoben habe zu ihrer 
‚höchsten und heiligsten Bedeutung”. Hierdurch ist aber die Härte 
gegen Ismenen auf keine Weise genügend erklärt; noch weniger sind 
damit die Vorwürfe der Vermessenheit und Leidenschaftlichkeit verein- 
bar, welche unstreitig in dem Stücke liegen. Solger selbst kann einen 
Tadel in das Lob der Jungfrau zu mischen nicht umhin, wenn er fort- 
fährt: ‚‚In dem schönen Gemüthe der Antigone, wiewohl sie mit allen 
‚Bürgern dem gesetzmäfsigen Könige des Landes Gehorsam schuldig ist, 
‚„‚siegt die ewige Macht heiliger Sitte über ein Gebot von blofs mensch- 
„licher Abkunft. Bei allen Hoffnungen und allem Wunsche jugend- 
„licher Freuden geht sie freiwillig in den Tod; doch stirbt sie in der 
„höchsten Glorie, während der König, der sich von äufserer Macht 
„und endlicher Klugheit zu weit verleiten liefs, seinen Frevel mit der 
‚„‚Ausrottung seines ganzen Hauses bülst. Aber dafs wir auf keine Seite 
‚„‚die ganze Schuld des Verderbens werfen, beide büfsen gemeinschaft- 
„lich die nie zu vereinende Spaltung zwischen dem Ewigen und Zeit- 
„lichen”. Ich gestehe nicht einzusehen, dafs Antigone mit so grofser 
Glorie sterbe; umgekehrt hat der Dichter ihren Tod weit weniger ver- 
herrlicht als man erwarten sollte. Ueberhaupt kann es sein höchster 
Zweck nicht gewesen sein, eine Apotheose der Antigone zu geben, oder 
auch nur die jungfräuliche Gröfse der Antigone, also im Grunde eine be- 
schränkte Charakterzeichnung, darzustellen ; sonst mufste er von Vs. 621. 
und noch mehr von Vs. 974. an, ganz anders dichten. Denn der Sturz 
des Kreontischen Hauses hat mit der Gröfse der Antigone nichts gemein, 
wenn er auch die Vergeltung für die an ihr verübte That ist. 

13. Jacob (!) giebt als den Grundgedanken des Stückes an: ,‚,‚der 
‚Götter Gesetze müsse man fromm ehren, und schwer würden die be- 
‚„„straft, die durch ihre eigenen neuen Satzungen deren Heiligkeit ver- 


(1) Qu. Soph. Bd. 1, S. 551. 


70 Borcxm über die Antigone 


„‚letzten”. Diese Vorstellung enthält allerdings etwas Bestimmteres, und ob 
sie gleich zunächst nur auf einen einzigen Spruch aus den Anapästen am 
Schlufs: 1on de ray 85 Seous Mndev arerreiv, und dann auf etliche Stellen 
des Stückes (445. 740.985 ff. 1100 ff.) von ihm gestützt wird, geht sie 
doch durch die ganze Tragödie durch. Da nun der Vorwurf, das göttliche 
techt verletzt zu haben, Antigonen nicht trifft, soll sie blofs als dessen 
Vertheidigerin erscheinen, und Kreon’s Unglück nicht die Strafe für den 
Frevel an Polyneikes, sondern für die Grausamkeit gegen Antigone sein. 
Dies ist aber eine willkührliche Voraussetzung; Tiresias, der berufene 
Anwald des Göttlichen, hebt vielmehr am meisten hervor, dafs die Altäre 
der Götter durch den unbeerdigten Leichnam verunreinigt würden: ganz 
besonders tadelt aber auch er den Mangel vernünftigen Rathes (eößzr«) 
und den Eigenwillen und das Selbstvertrauen («öSaöi«) des Kreon; welches 
nicht zu übersehen ist (Vs. 1010 ff. 1155 ff.). Da überdies Jacob’s An- 
sicht den andern Grundgedanken, der ebenfalls durch das ganze Stück 
durchgeht, nehmlich das Unrecht der Antigone, nicht in sich aufneh- 
men kann, und nach ihr eine viel gröfsere Verherrlichung der Antigone 
gegeben sein müfste: so ist auch diese Ansicht einseitig und unbefrie- 
digend, und es ist daher nicht zu verwundern, dafs er eine übrigens 
schon von Aristoteles (1) als Sophokleisch anerkannte, scharfsinnige und 
antik schöne Stelle hat ausmerzen müssen (?), weil sie der Handlung der 
Antigone das Verdienst schmälert, und also nicht zu der vorausgesetz- 
ten Einheit des Werkes summt (Vs. 895 ff.). Aber man stelle nur den 
Gesichtspunct des Kunstwerkes anders; so wird sich auch jene Stelle in 
das Ganze fügen. 

14. Das Verhängnifs oder Schicksal spielt in der Antigone eine 
sehr untergeordnete Rolle; und niemand kann in diesem die Einheit des 
Stückes suchen. Mit der Brüder Wechselmord ist der Labdakiden Ver- 
hängnifs und des Vaters Fluch getilgt; nur inwiefern alle menschliche 
That vom ewigen Willen bedingt ist, hat dieser auch der Antigone und 
Kreon’s Fall erzeugt. Allerdings ist jener Loos dem Unglücksverhäng- 
nifs des Hauses angemessen; es erwachen die alten Uebel der Labdakiden 


Rhet. III, 16. 
S. S. 562-568. 


des Sophokles. 71 


(589 #f.), und Antigone kämpft einen väterlichen Kampf (849 f.); aber 
dies sind blofs Vergleichungspunete, auf welche bedeutungsvoll hinge- 
wiesen wird; das herbe Leiden der Antigone wird gewissermafsen da- 
durch gemildert, dafs es ihr nichts Eigenthümliches, sondern in ihrem 
Hause einheimisch ist. Wenn die Menschen sündigen, hat der Gott 
ihren Sinn verblendet (619 ff.); wenn sie Unheil triffi, hat es der Gott 
gethan: der Gott begräbt Antigonen in dem steinernen Hause, wie er 
die Niobe versteinerte (826.). Wer sieht nicht, dafs. dies blofs allge- 
meine Ansichten sind, die in die Handlung selbst nicht weiter eingrei- 
fen? Eben dahin gehört die Aeufserung des Chores (1518.), Kreon solle 
nicht weiter zu den Göttern flehen; denn dem Verhängnifs könne man 
nicht entgehen: und so weiset der Chor noch öfter auf die Macht des 
Schicksals hin (941. 975.). Dagegen ist es wieder hinlänglich ausge- 
sprochen, dafs Antigone und Kreon mit selbstgewähltem Entschlufs ihr 
Verderben herbeiführen; Haemon und Eurydike werden durch jene und 
durch eigene Leidenschaft oder Schwäche nachgezogen. Alles geht rein 
menschlich zu. 

15. Unbekümmert um diejenigen, welche tiefer liegende Gedanken 
und eine durchgreifende Ansicht in einem Kunstwerke der Hellenischen 
Tragiker nicht suchen wollen, weil Aristoteles darüber keine Auskunft 
giebt, wollen wir nun durch Zusammenhaltung der Hauptmassen und 
häufig wiederkehrender Andeutungen die Grundidee finden, in welcher 
das Ganze als in seiner Einheit aufgeht: nur von diesem Puncte aus 
kann auch das Einzelne vollständig begriffen werden. Besondere Wich- 
ügkeit haben aber hier die Andeutungen des Chors, der über der Lei- 
denschaft der Handelnden stehend das allgemeine Urtheil für den Be- 
trachtenden zieht, und den geistigen Inhalt der Handlungen ausspricht, 
als Organ des seines Zweckes sich wohl bewufsten Dichters. Das wahre 
dramatische Kunstwerk , das Werk eines durch die höchste Beson- 
nenheit ausgezeichneten Dichters, wird Eine Idee in Einer Handlung 
abspiegeln, wie reich die lewtere auch gegliedert sei, und wie viele 
untergeordnete Gedanken auch in jener wieder enthalten sein mögen: 
dennoch finden sich scheinbar zwei Handlungen in der Antigone; ja 
man könnte sogar, wie Jacob bemerkt, die Person der Antigone weg- 
nehmen, und es bliebe eine Tragödie Kreon übrig. Der Antigone Ent- 


72 Borcxku über die Antigone 


schlufs und dessen Ausführung bis zum Tode, also Vorsatz, That und 
Folgen der That (!), bilden für sich eine Handlung, welcher die Kreon- 
tische gegenüber steht. Aber mit Recht sagt Schlegel: ‚‚Es könnte kein 
„Knoten des Stückes ohne Widerstreit Statt finden, und dieser ent- 
„‚steht meistens aus den entgegengesetzten Vorsätzen und Absichten der 
„Personen. Wenn wir also den Begriff einer Handlung auf Entschlufs 
„und That beschränken, so wird sich meistens eine doppelte oder mehr- 
‚„‚fache Handlung im Trauerspiel zeigen. Welches ist nun die Haupt- 
‚„‚handlung? Jedem scheint seine eigene die wichtigste; denn Jeder ist sein 
„eigener Mittelpunct. Kreons Entschlufs sein königliches Ansehen an 
‚dem Beerdiger des Polyneikes durch Todesstrafe zu behaupten, ist eben 
‚‚so fest als der Entschlufs der Antigone, eben so wichtig, und wie wir 
„am Schlusse sehen, eben so gefährlich, weil er den Sturz vom ganzen 
„Hause des Kreon nach sich zieht.” Offenbar ist aber der Kampf beider 
gegen einander die Eine aus zwei Gegensätzen entspringende Handlung; 
in dieser liegt das äufsere Leben des Stückes. Aber in demselben stellt 
sich Ein Gedanke dar, der auf verschiedene Weise sich an den beiden 
entgegengesetzten Kräften der Handlung bewährt: Ungemessenes und 
leidenschaftliches Streben, welches sich überhebt, führt zum 
Untergang; also messe der Mensch seine Befugnifs mit Beson- 
nenheit, dafs er nicht aus heftigem Eigenwillen menschliche 
oder göttliche Rechte überschreite, und zur Bufse grofse 
Schläge erleide: die Vernunft ist das Beste der Glücksee- 
ligkeit. Wir wollen diesen Gedanken, der seiner Gliederung unge- 
achtet nur Einer ist, in einer nochmahligen Betrachtung des Werkes 
bewähren. 

16. Kreon’s Verbot, den Polyneikes zu beerdigen, ist ungeachtet 
des Angriffes auf sein Vaterland hart und tyrannisch und als Beleidi- 
gung der Untergötter irreligiös; er greift in das Recht der Antigone ein, 
indem er sie verhindert, das Ihrige zu ıhun, wie sie gleich im Prolog 
sagt; er hat sich also gegen die Götter und die Todten vermessen. 
Antigone erkennt die innere und natürliche Pflicht, ihren Bruder zu 
bestatten; aber durch Uebertretung des Staatsgesetzes lös’t sie den gesell- 


(1) Vgl. A.W.Schlegel Dramat. Litt. Th. U, Bd. I, S. 88. 


des Sophokles. 13 


schaftlichen Verband auf, und indem sie den eigenen Willen mit Ge- 
walt durchsetzen will, überschreitet sie die Grenzen ihres Geschlechtes 
und der Unterthanin. Sie mulfste den Göttern des Polyneikes Bestat- 
tung anheimstellen; Tiresias lehrt später, dafs auch sie diese fordern: 
und nur durch ihre Zeichen ist sie zuletzt bewirkt worden. Nicht 
umsonst stellt Sophokles auch sie als vermessen dar. Schon im Prolog 
zeigt Ismene, sie müfsten als Weiber und Beherrschte der Macht wei- 
chen, und könnten nur die Todten um Verzeihung tlehen; es sei eine 
Thorheit Uebermäfsiges (regırs« Vs.68.) zu unternehmen, und gegen des 
Hervschers Befehl zu handeln. Dahin gehört auch Vs. 42. 23 yruuns 
wor’ ei, Vs. 98. avous ne EOXEL, reis biAcıs Ö° 6eIws &iAr. Zwar könnte 
man sagen, auf solche Worte sei kein Gewicht zu legen; auch Chry- 
sothemis werfe der Elektra Unverstand vor, rathe ihr ab von Unmög- 
lichem, und ermahne sie als Weib und Beherrschte den Mächtigern zu 
weichen (!): allein in der Elektra greifen jene Reden auch weniger in 
den sittlichen Werth der Handlung ein, weil dort nicht wie in der 
Antigone ein Kampf entgegengesetzter Rechte dargestellt wird; und 
Chrysothemis , obgleich in weit günstigerem Verhältnifs zur Mutter, 
ist doch weit mehr dem Thun der Elektra zugewandt, da ’'sie ihr sogar 
darin nachgiebt, dafs sie das ihr aufgetragene Todtenopfer unterläfst. 
Geben wir auch zu, dafs wie Chrysothemis zur Elekwa, so Ismene zu 
Antigonen den Gegensatz bilden soll, damit der Andern Kraft stärker 
hervortrete ; so weiset dennoch Ismene zugleich der Schwester den 
Standpunct an, welchen sie als Weib mit Besonnenheit wählen sollte. 
Ismene verkennt deshalb das Edle und Liebevolle der Antigone nicht; 
Antigone dagegen, oflenbar sich überhebend, stöfst die sanfte und lieb- 
reiche Schwester rauh von sich, trotzt mit stolzem Sinn auf den Edel- 
muth ihrer That, mit welcher sie einen grofsen Tod gewinne, und will 
der Schwester, nach der ersten Weigerung, auch ferner nicht den min- 
desten Antheil mehr daran geben; sie solle sie und ihre Unklugheit 
(dusßerie Vs. 95.) gewähren lassen. Weit entfernt die erhabene Natur 


der Antigone herabsetzen zu wollen, behaupten wir nur, dafs auch sie 


(1) Elektra 586 ff. 980 ff. 


Hist. philol. Klasse 1824. KR 


74 Borcxku über die Antigone 


mit leidenschaftlicher Feindseeligkeit vermessen dem vermessenen Kreon 
entgegentritt, und so den Keim des Unterganges in sich trägt, den alle 
sterbliche Unvollkommenheit als Bufse der Ungerechtigkeit zahlt. Un- 
sere Pflicht ist es, des Dichters geheimem Gange nachzuspüren; er wollte 
Antigonen grofs und edel zeichnen, nicht gemein und schlecht; aber 
zugleich sollte sie des Mafses unkundig erscheinen, welches ihm das 
Höchste ist, der auch im Aias den das Mafs überschreitenden und der 
Besonnenheit (swogorUvn) entbehrenden Helden dem Zorne der Athena 
aussetzt, während diese mit Vorliebe für den Odysseus auftritt: denn 
die Besonnenen lieben die Götter: reis dE swegevas Sec diAcurı 
xal oruyeorı rovs zancus (Aj. 152.). Ebenso, wer wollte sagen, Kreon 
sei als ein schlechter Tyrann dargestellt? Wie Antigone einen weiblich 
frommen, hat Kreon einen männlich strengen, dem Staatsmann ange- 
messenen Beweggrund; selbst die Götter glaubt er nicht zu verletzen 
(282 ff.), sondern giebt deren Verletzung vielmehr dem Polyneikes 
schuld (199.); auch er konnte herrlich wirken, wenn ihn nicht Eifer 
für das Vaterland und seine Würde zur Leidenschaft führte, bis zur 
Geringachtung des Göttlichen und zur Tyrannei. So bewährt der Dich- 
ter an edlen und trefllichen Naturen,, wie eigenmächuge Vermessenheit 
und Mangel an Besonnenheit beide im Wechselkampf vernichtet. Wie 
die Betrachtungen des Chors in unserem Stücke öfter die nachfolgende 
Handlung zum Voraus beurtheilen, so bemerkt schon in der Parodos 
(127.) der Chor in Beziehung auf die Argeier, dafs Zeus der gewal- 
tigen Rede Prahlerei hasse: welches um so weniger für die Haupt- 
handlung bedeutungslos sein kann, da auch am Schlufs die gewal- 
tigen Worte der Hochmüthigen in Bezug auf die Erfolge dieser 
Handlung genannt werden. 

17. Den im Prolog ausgesprochenen Widerstreit beider Kräfte seızt 
das ganze Stück bis zur äufsersten Hartnäckigkeit fort, indem gleichen 
Schrittes das Aechte und Wahre der Gesinnung der Handelnden und das 
Harte und Heftige, Vermessene sich entwickelt. Zunächst zeigt sich 
letzteres an Kreon, dessen Härte der Chor nicht billigt; aber ihr wei- 
chend zeigt er das wahre Mafs. Als hernach der Chor, da die Beer- 
digung des Polyneikes verkündet worden, dieser eine göttliche Veran- 
lassung unterlegen will, offenbart sich in Kreon’s Zorn das Tyrannische 


des Sophokles. 75 


und das kühne Selbstvertrauen gegen fromme Anmahnung. Der nächste 
Chorgesang, der das Gewaltige der menschlichen Natur schildert, welche 
in ihrem Streben sich alles unterwirft, und während sie sich das Ver- 
nunft- und Staatsleben erschaflt, doch wieder in ihrer Leidenschaft gött- 
liches und menschliches Recht niedertritt, wirft auf Kreon’s und der 
Antigone Handlung eine doppelseitige Beleuchtung. Da nun aber Anu- 
gone gefangen gebracht wird, fürchtet der Chor alsbald, dafs sie auf ıhö- 
richtem Beginnen (&v @pgervvr) ergriffen sei (579.); und wenn sie (465.) 
den Kreon der Thorheit zeiht, weil etwa ihr Thun ihm thöricht er- 
scheine, kann man dies fast wörtlich als des Dichters Ueberzeugung anse- 
hen, weil beide leidenschaftlich handeln. Grofs erscheint sie, da sie ihre 
That alsbald gestehend dieselbe mit dem göttlichen Recht vertheidigt; 
herrlich zeigt sie des Königs Vermessenheit, dafs er ein Sterblicher nicht 
könne das ewige und ungeschriebene Gesetz der Götter übertreffen (450.): 
dafs ihr das Leben werthlos, ist eine Milderung ihres Schicksals, welche 
ihr grofses Herz verdient. Aber statt durch sanfte Ergebung oder Unter- 
werfung zu wirken, fordert sie den König heraus; sie hat das Vergehen 
nicht allein begangen, sie lacht nach der That noch, und reizt den Hevr- 
scher in stolzer Ueberhebung. Auch hier zeigt der Chor, die im Besitze 
der wahren Besonnenheit ruhigen Greise, des Dichters Urtheil (466.): 
Rauh zeiget sich von rauhem Vater die Natur 
der Maid: zu weichen weifs sie nicht dem Mifsgeschick. 

Kreon zeigt ihr ihre Verletzung des Staatsgesetzes, ihren Uebermuth 
(476 #.); aber das härteste Eisen bricht am häufigsten, und die Hart- 
näckigsten fallen am meisten. Er vermifst sich, nicht solle er mehr ein 
Mann sein, aber sie, wenn diese Anmafsung ihr ungestraft hingehe. 
Sie aber rühmt sich von Neuem ihrer edlen That (495 #.), wirft dem 
König Tyrannei vor; jeder wiederholt erneut seine Ueberzeugung, und 
deckt das fremde Unrecht auf, ohne das eigene zu erkennen. Um vie- 
les andere zu übergehen, will ich nur eine wweffende Bezeichnung des 
Eigenwillens beider herausheben, indem Antigone dem Kreon einwirft, 
alle sähen ihr Recht ein, und schwiegen nur aus Furcht, er 
aber ihr entgegenhält, ob sie sich nicht scheue, ihren besondern 
Verstand ohne die übrigen Kadmeier zu haben (sÜ Ö° cür Erauden, 
ravde Auge ei bacveis; 506.). 


K2 


76 Boscexu über die Antigone 


{$. Beider Härte und Leidenschaft offenbart sich zunächst auch 
an Ismenen, die Kreon, obgleich sie unschuldig ist, mit in das Ver- 
derben hineinziehen will, Antgone aber noch rauher als vorher von 
sich stöfst, dafs sie wie an ihrer That, so auch am Tode keinen Antheil 
habe. Ismenen selbst hat man falsch beurtheilt, wenn man glaubte, sie 
bereue ihre Schwäche; sie bewährt nur ihr liebevolles Gemüth , und 
will sich selbst Schuld beimessen, um nicht ohne die Schwester zu leben: 
auch ihr hat jeızt das Unglück die Besinnung geraubt. 

Selbst da, o König, wo Verstand entsprofs, verbleibt 
er nicht den Unglückseel’gen: Noth zerrüttet ihn. 
Indem sie dies von sich ausspricht, enthüllt sie vorausgreifend hierin 
auch des Kreon Schicksal. Man überschaue das Folgende: immer wird 
ınan denselben Grundgedanken festgehalten finden. Sich leidenschaftlich 
vermessend, aber um die Weiber in ihre Grenzen zurückzuführen (574.), 
will Kreon die Antigone tödten, ohne auch nur des Sohnes Liebe zu 
schonen ; doch ist seiner Härte die Gerechtigkeitsliebe beigemischt: ,‚, wer 
‚‚den Staat beherrschen will, mufs zuerst sein Haus beherrschen können”, 
zu welchem auch Antigone gehört (vgl. auch Vs. 482.). Antigone stirbt 
zwar nach dem dunklen Gange des Labdakidenschicksals: aber ist es 
nicht nach des Chores Urtheil des eignen Rathes Unsinn und der 
Seel’ Erinnys, was sie ins Verderben führt? Der Götter Macht 
kann kein Sterblicher frevelnd überwinden; der Mensch 
ergreift statı des Guten das Böse, von leidenschaftlichen Hoff- 
nungen verleitet; denn die göttliche Macht, das Recht wah- 
rend, bestraft ihn. Dieser Gedanke des Chores leidet auf beide Theile 
Anwendung, indem er rückwärts sich auf Antigone bezieht, und vorwärts 
Kreon’s Fall andeutet; der Hauptinhalt desselben ist aber wieder eben 
dieser: dafs die Leidenschaft des Menschen Sinn verwirrt und den Un- 
tergang herbeiführt: und Kreon selbst wendet dies am Ende (1258 ff.) 
auf sich an. Um nun hier gleich alles vorwegzunehmen, was zur Be- 
urtheilung der That der Jungfrau gehört, so ist der Dichter weit ent- 
fernt, sie unbedingt zu verherrlichen; nur die Gröfse und Festigkeit 
ihres Vorsatzes und ihre Frömmigkeit wird gerecht hervorgehoben, aber 
es fehlt nicht an Andeutungen des Tadels. Wenn wir gleich ihre Kla- 
gen über den Verlust der Lebensfreuden und des ehelichen Glückes, 


des Sophokles. 1 


über ihren lebendigen Tod im Grabgemach als rein menschlich erken- 
nen, und daran sehen, dafs Antigone nicht durchaus rauh ist; wenn 
wir auch zugleich gestehen, die Aechtheit ihres Entschlusses bewähre 
sich eben dadurch, dafs sie den bittern Kelch des Todes auch bitter 
empfindet: so ist doch auch ihrem Tode die heftige Leidenschaft beige- 
mischt; sie endet in Verzweiflung ihr Leben selbst mit dem Strang. 
Man entgegne nicht, dies sei nothwendig, damit dem Kreon und Haemon 
der Rückschritt nicht offen bleibe; denn das sehe ich wohl ein, dafs die 
Leidenschaftlichkeit nöthig war, damit diese Tragödie entstehen konnte, 
die ja schon früher eine andere Wendung hätte nehmen müssen, wenn 
Kreon und Antigone milder wären als sie sind: aber was für die Ein- 
richtung des Stückes nöthig ist, mufs eben auch schon in der Sinnesart 
der Handelnden liegen, wenn das Stück wohl eingerichtet sein soll; 
und so bleibt jener Tod immer nur aus leidenschaftlicher Verzweiflung 
erklärlich, die auch ihre Gesänge atımen. Noch bleibt sie zwar bei der 
alten Ueberzeugung; aber sie erkennt doch (898.), dafs sie den Staats- 
willen verletzt habe, und stellt zweifelnd den Göttern anheim, sie zu 
richten. Gerade da sie auf diesen Punct gekommen ist, legt ihr der 
Dichter etwas unter, was nur von unserer Ansicht aus erklärbar ist. 
Sie entschuldigt nehmlich ihre Handlung damit, dafs den sie beerdigt, 
ihr Bruder sei: wäre es ihr Gatte, ihr Kind, würde sie es nicht ge- 
than haben ;. denn ein anderer Gatte, ein anderes Rind könnte ihr wie- 
der werden; aber da Vater und Mutter todt sind, kann sie keinen Bru- 
der mehr erhalten. Mit Recht bemerkt Jacob, dafs diese Stelle, auf 
welche ich im zweiten Theile zurückkommen werde, die Gröfse ihrer 
Handlung aufhebe; aber der Dichter wollte eben ihrer Handlung keine 
unbedingte Gröfse zuschreiben, und läfst sie, da sie eben an die Er- 
kenntnifs ihres Unrechts angrenzt, nach Stützpuncten suchen, wie die 
Sophistik der Verzweiflung sie darbietet: doch erkennt Kreon, vollkom- 
men im richtigen Verhältnifs, seine Thorheit schärfer. Völlig über- 
einstimmend mit jener Zeichnung der Antgone ist endlich auch das 
Urtheil des Chores. Thränen zollt er der grofsherzigen That der Jung- 
frau, dem frommen Frevel, wie sie es nennt: doch sagt er, sein Mitleid 
führe ihn über das Recht hinaus (795.); er verschweigt nicht 
ihre Vermessenheit, wenn sie sich Göttergleichen vergleicht (828 Ml.), 


753 Borcxkm über die Antigone 


sondern geht bis zur Härte des Spottes; endlich hebt er ihre Schuld 
klar hervor (846. 864.): 
Vorschreitend bis zum Aeufsersten 


der Kühnheit, stiefsest du, mein Kind, 
stark an an Dike’s hohem Thron. 


Und: 


Wohl heilig Todter Heiligung; 

doch dessen Macht, dem Macht gebührt, 
zu übertreten ziemet nicht. 

Dich stürzte eigenwill’ger Trotzsinn. 


Und nicht tadellos hebt er ihre Hartnäckigkeit heraus (920.): 


Desselbigen Sturms wildströmende Flut 
folgt auch noch jetzo des Mädchens Gemüth. 


Der Chorgesang 955 ff. worin Dana@, Lykurg, die Phineiden, zunächst 
nur wegen der Achnlichkeit ihres Schicksales, der Wohnung im Grabe, 
verglichen werden, giebt dem Verhängnifs nur den allgemeinen Antheil 
an dem Leiden der Antigone, und vergifst nicht den Mangel der Weis- 
heit anzudeuten , der wenigstens den Lykurg stürzte, welchem Kreon in 
einer gewissen Beziehung sehr ähnlich ist. 

19. Wir haben die Schuld der Anugone mehr als ihre Trefllich- 
keit hervorgehoben, weil sie minder anerkannt ist; dafs wir aber ihre 
Grofsherzigkeit nicht läugnen, brauchen wir kaum zu wiederholen. Ehe 
ihr Schicksal vollendet ist, legt der Dichter den Grund der Kreontischen 
Leiden, um die Hauptmassen des Drama inniger zu verflechten und zu 
verwickeln. Der Sohn vorzüglich konnte das Vaterherz durch eine Vor- 
stellung zu Gunsten seiner Verlobten rühren, und zeigen, dafs der Herr- 
scher zu hart und blofs sich selbst vertrauend, nicht auf das göttliche 
Recht noch der Bürger Gefühl achte. Haemon spricht schr milde und 
bescheiden ; er unterwirft sich dem Urtheil und Willen des Vaters: das 
Unangenehme erzählt er als Anderer Rede, damit die seinige unterthä- 
niger sei (!): er entwickelt jedoch die Schönheit der That, und stellt das 
Mitleid der Bürger mit der Jungfrau dar. Aber der Vater verschliefst 
sich dagegen; nur eigener Weisheit folgend ist er dem Thoren gleich: 


(1) 4rist. Rhet. III, ı7. Vgl. Schol. Vs. 688. 


des Sophokles. 79 


die Summe des Volkes ist ihm zuwider; er der Herrscher erkennt allein 
das Rechte und will es durchführen. Umsonst macht ihn der Sohn dar- 
auf aufmerksam, dafs es nicht blofs Einen Verstand gebe, dafs Starrsinn 
ins Verderben stürze und man verstehen müsse zu weichen; wie der 
Baum, der dem Waldstırom sich entgegenstemmt, entwurzelt wird, der 
nachgebende stehen bleibt; wie der Steuermann, der im Sturm die Segel 
nicht einzieht, das Fahrzeug Preis giebt (708 1f.). Auch hier ist Alles 
auf den Begriff der Vernunft und Besonnenheit berechnet. Der Ver- 
stand, sagt Haemon gleich im Anfang (679 f.), ist aller Dinge höchstes; 
und nachdem der Streit entzündet ist, gehen die Vorwürfe des Sohnes 
eben dahin weit mehr als auf die Gottlosigkeit (720-755.). Schon am 
Schlusse seiner Hauptrede sagt Haemon: ‚,‚Es ziemt von dem zu lernen, 
‚„‚der verständig spricht”; und hernach: ,‚‚Bin ich jung, so mufst du 
„mehr die Sache als die Jahre schaun’. ,‚,Erkennst du, dafs du dieses 
„allzujung gesagt’’? ‚,Unsinnig schält’ ich, wärst du nicht mein Vater, 
„dich”. Zuletzt (761.) zeiht er ihn des Wahnsinns. Kreon vermifst 
sich von Neuem, indem er den Sohn im Zorne scheiden läfst und 
meint, er möge thun, was er wolle, seizt seine Hartnäckigkeit gegen 
die zögernden Vollstrecker des Urtheils fort, verschliefst sich dem gött- 
lichen Seher und vergeht sich an ihm. Auch Tiresias, obgleich er 
nach der Natur der Sache das Religiöse hervorhebı, führt ihn auf seine 
selbstgefällige Halsstarrigkeit («üScde), welche Verderben bringe (1015.); 
auch ihm ist aller Güter bestes weiser Rath (eößsvAra 1057.); auch er 
wünscht ihm bessern Verstand (1077.). Dafs von ihm das Begräbnifs 
des Polyneikes sofort gefordert wird, liegt im Wesen des Gegenstan- 
des; aber immer wird auf die Besonnenheit als den eigentlichen Zweck 
zurückgegangen. ,‚,‚Des weisen Rathes bedarf es’’, sagt auch der Chor 
(1085.), und selbst der Bote, welcher Haemon’s Schicksal erzählt, schliefst 
damit, dies zeige, dafs unrichuger Rath (@Gevrre) dem Manne der Uebel 
schlimmstes sei (1227.): und der Sinne Verblendung, die unglückseeligen 
Rathschlüsse bejammert Kreon zuletzt selbst (1247. 1251 M.). Die Un- 
besonnenheit des Kreon zeigt sich auch in dem Ueberspringen von ei- 
nem Entschlufs zum andern. Nach dem Prolog soll derjenige, welcher 
den Polyneikes bestattet, die Steinigung erleiden; 756. will Kreon 
die Antigone im Angesicht des Sohnes sterben lassen; endlich soll sie 


s0 Borcxm über die Antigone 


lebendig begraben werden. 756. will er beide Schwestern tödten lassen ; 
erst der Chor mufs ihn wieder erinnern, Ismene sei unschuldig, und 
sogleich gesteht der König seine Uebereilung ('). Wer sieht nicht aus 
solchen Zügen, dafs die Verletzung des Göttlichen durch Kreon nur ein 
Untergeordnetes ist, der umfassende Gedanke aber auf seine Vermessen- 
heit und Unbesonnenheit sich bezieht? Erst nachdem die Hülfe zu spät, 
führt ihn die Nothwendigkeit zum Bewufstsein; aber weder Antigone 
noch Haemon ist mehr zu retten. Indem der Chor (1256.) sagt, Kreon 
erkenne zu spät das Recht, verurtheilt er nur den Kreon; die That der 
Antigone ist dadurch noch nicht gebilligt, weil sie darum nicht Recht 
hat, wenn Kreon Unrecht. 

20. Uebrigens ist auch Haemon’s Tod keinesweges blofs ein Theil 
der Bufse des Vaters, sondern trägt zur Anschauung des Grundgedankens 
bei. Auch er ist von Leidenschaft ergriffen, erhebt sich über das Mafs 
des Mannes (764. govei neißev4 »ar’ avdoa), vergeht sich in Reden gegen 
den Vater, und scheidet rasch im Zorn (762.). Ja er zückt sogar das 
Schwert gegen den Vater, welcher entflieht, und stirbt in rasender 
Verzweiflung. Aristoteles (2) verwirft es als etwas Untragisches, dafs 
einer wissentlich eine That begehen wolle, und es nicht thue; es ent- 
halte das Schändliche (7° wıaev) und bringe doch die tragische Wir- 
kung nicht hervor: daher handle Niemand so, aufser selten, wie in der 
Antigone Haemon gegen Kreon. Mit Recht haben Tyrwhitt und 
Näke (°) diese Stelle hierher bezogen; auch der sehr achtungswerthe 
Scholiast sieht sich genöthigt, das Ziehen des Schwertes gegen den 
Vater zu entschuldigen: er habe es nehmlich gezogen, um sich selbst 
zu tödten; der Bote aber habe gemeint, er ziehe gegen den Vater, 
und erzähle es daher so. Wahrscheinlich meinte es aber Kreon auch, 


(1) Die Bemerkung des letzten Herausgebers Vs. 767. ,,Non hoc aequitatis aliquo 
„sensu permotus dieit Creon ; sed, quo acerbius laedat filium Antıgona condemnanda, 
„pareit Ismence”, ist ein rein willkührlicher Einfall, der den Worten des Kreon eben 
so sehr als dem Zwecke des Stückes widerspricht. Ueberhaupt sind die Ausleger wenig 
in Sophokles Geist eingedrungen. 

kayletPoets 1A: 


(5) Vorrede z. Bonner Verzeichnifs d. Vorles. März 1823. 


des Sophokles. si 


da er entflieht; und so wird es denn auch Sophokles gemeint haben. 
Eben so geringfügig ist der von Hermann angegebene Grund, Haemon 
habe dem Vater drohen müssen, damit er nicht am Selbstmord ver- 
hindert würde! Der treflliche Näke findet den Tadel des Aristoteles 
gerecht: ,,SU nihl aliud,, certe inutile erat, tam atrocem conatum con- 
‚ferre in Haemonem.” Der aufserordentliche Verstand der alten Dichter, 
vorzüglich aber des Sophokles, ist über solchen Tadel erhaben, der auf 
die Ausleger zurückpralli. Sophokles wufste wohl, was er dichtete 
und warum. Aus zwei Gründen zieht Haemon das Schwert gegen den 
Vater, einmal damit sich zeige, wie verhafst Kreon selbst den nächsten 
Angehörigen geworden; wie Eurydike ihm flucht: sodann und vor- 
züglich, damit man erkenne, dafs Haemon selbst in rasender Leiden- 
schaftlichkeit, durch den Mangel der Besonnenheit sterbe. Auch hier 
herrscht der Seele Erinnys. Uebrigens zweifle ich, dafs Aristoteles den 
Sophokles hierin tadelte. Was er im Allgemeinen verwirft, kann im 
Einzelnen wohl angebracht sein; und wenn er sagt, dafs Sophokles 
hier eine Ausnahme von der Regel mache, ist die Ausnahme noch 
nicht durch die Regel verworfen. Wodurch ist aber Haemon’s That 
erzeugt? Durch die Liebe. Sie ist unbesiegbar im Kampf; sie herrscht 
selbst über die Gesetze; sie hat auch dieser Männer Streit erregt, indem 
sie auch Gerechter Sinn zur Ungerechtigkeit hinüberzieht; der sie 
hat, raset. Dies ist das Urtheil des Chors (776 #.). Also auch den 
Haemon hat die Leidenschaft fortgerissen ; auch an ihm erscheint, dafs 
Mangel der Besonnenheit ins Verderben stürzt. Nur Eurydike surbt 
rein schuldlos, ein Opfer der Kreontischen Thorheit. Sie hat freilich 
auch die Fassung des Gemüthes verloren; aber ihr macht das Zartge- 
fühl unseres Dichters keinen Vorwurf. Man glaube nicht, es könne 
über dies nicht vollständig geurtheilt werden, weil, wie Hermann 
lehrt, nach ı286. eine Lücke sei; denn die Annahme dieser Lücke ist 
ungegründet. Eurydike hat schon früher den einen Sohn durch hel- 
denmüthige Aufopferung verloren; den andern hat der Vater jetzt in 
den Tod getrieben. Warum sollte sie noch leben? Wer wollte ihr 
mütterliches Gefühl mit dem Tadel der Unbesonnenheit und Leiden- 
schaftlichkeit belasten? Aber je schuldloser Eurydike stirbt , desto 
schmerzhafter mufs ihr Tod, in welchem sie noch den Kreon ver- 
Hist. philol. Klasse 1524. L 


82 Borcxmu über die Antıgone 


wünscht, diesem selbst sein. Er allein bleibt übrig, in Verzweiflung 
die Folgen seiner Vermessenheit und Unbesonnenheit überschauend. 
Der Chor aber falst bedeutungsvoll die allgemeine Lehre des Drama 


zusammen : 
Wohl ist Weisheit der Glückseeligkeit 


um vieles das Erst’; und das göttliche Recht 

darf keiner verschmähn; denn gewaltige Wort’ 

in gewaltigem Schlag doch büfsend einmal, 

hochmüthiger Art, 

sie lehren im Alter die Weisheit. 
Hochmuth und gewaltige Worte, wie gewaltige Schläge, sind an beiden 
Theilen sichtbar geworden; beide waren nicht unedel, beiden schenken 
wir das tragische Mitleid: aber Antigone ist, weil der innere Grund 
ihrer That fromm, durch das Gottesurtheil an Kreon gerächt, und wie 
ihre Schuld geringer, da sie nur menschliches Gebot verleizt hat, ist 
ihre Bufse minder hart, weil ihr der Tod erwünscht erscheint: Kreon, 
da er gegen das göttliche Recht gefehlt, und Urheber und Vollender 
des Unheils ist, wird empfindlicher gestraft durch verzweiflungsvolle 
Erkenntnifs seiner Thorheit. So ist an beider Mafslosigkeit das Mafs 
der Vergeltung recht klar geworden : für Antigone, als die minder 
schuldige und über ihr Geschlecht erhabene, bleibt unser Gefühl ent- 
schieden ; Kreon’s Vergehen, als das gröfste, bleibt in neuerem Anden- 
ken, und wird eben darum auch in den Schlufsanapästen des Chores noch 
besonders berücksichtigt: xg9 d& ra y’ &s Seoüs umdev ürerreiv. Die ganze 
Tragödie aber erscheint als ein höchst meisterhaftes und mit derselben 
Besonnenheit, die der Dichter verlangt, entworfenes Kunstwerk: nirgends 
hat er seinen Zweck aus den Augen verloren, sondern alle Charaktere, 
Handlungen, Erfolge auf den Einen Gedanken bezogen, aus welchem 
allein alles Einzelne verständlich ist, und worin wir also überzeugt sein 
können, die wahre Einheit des Stückes gefunden zu haben. Wir haben 
nehmlich, durchaus nichts in den Dichter hineingetragen , sondern alles 
nur aus ihm herausgeholt; ja wir haben nicht einmal alles benutzt, was 
auf den Grundgedanken des Stückes bezüglich ist, um nicht zu weit ins 
Einzelne zu gehen: sondern ein aufmerksamer Leser wird noch vieles ent- 
decken können, was von unserem Standpuncte aus ins Licht tritt. Denn 
der Dichter hat jede Parthie, fast möchte ich sagen jedes Wort, so auf 


des Sophokles. 83 


das Ganze berechnet, dafs man die gesammte Tragödie abschreiben mülste, 
wenn man alles nachweisen wollte. Die vollendete Tragödie der Hellenen 
wie die vollendete Lyrik des Pindar ist eben so ausgezeichnet durch die 
Tiefe des Verstandes als der Phantasie. 

21. Da die Charaktere der Personen grofsentheils schon durch 
den Grundgedanken des Stückes und die folgerechte Ausführung des- 
selben bestimmt sind, so bedarf es für sie nur weniger Bemerkungen. 
In Ismenen ist Zartheit und Sanftımuth hervorstechend, womit auch 
die Zeichnung im Oedipus auf Kolonos übereinstimmt. Dort erscheint 
Antigone als die liebreiche Helferin; und auch in dem ihr gleichnah- 
migen Stücke ist sie nicht schlechthin als rauh und hart geschildert. 
Wenn ich auch den Vers, ‚‚Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich 
da”, in seiner Stelle mehr für eine Wendung des Streites halte, da 
Antigone eben so sehr hafst als liebt, so zeigen doch ihre Klagen über 
den Verlust des ihr verheissen gewesenen Glückes der Ehe und sogar 
der Kinderpflege (909.) auch ohne Rücksicht auf die Liebe für den 
Bruder ein jedem Zartgefühl offenes Gemüth. Ihre Liebe zu Haemon 
dagegen ist ganz entfernt gehalten, wie auch Haemon selbst dieses Ver- 
hältnisses nicht ausdrücklich gedenkt. Mit Aeschyleischer Strenge, will 
Sophokles hier kein liebendes Weib dichten; die Leidenschaft für ihre 
That hat der Antigone Geist ganz ergriffen und ihre Liebe verschlungen. 


8 
Nur eine Erwähnung des Haemon enlockt ihr die Erbitterung gegen 


5 
Kreon (568.): O liebster Haemon, wie entehrt der Vater dich! 
denn dafs dies Antigone, nicht Ismene spricht, läfst sich leicht zeigen. 
Dem Euripides blieb es überlassen, den grofsartigen Gegenstand in eine 
Liebelei zu verwandeln; denn in dessen Antigone wird der Jungfrau 
wegen Haemon’s Liebe verziehen; sie heirathet ihn glücklich und ge- 
biert den Maemon (!). Wenn auch diese Nachricht nicht erhalten wäre, 
so hätte man eine solche Behandlung der Fabel nach Euripides Eigen- 
thümlichkeit schon erwarten müssen, und die Bruchstücke bestätigen es, 
dafs in Euripideischen Stück viel von Liebe gesprochen wurde. Eben 


dieselben beweisen aber, dafs Kreon nicht minder als bei Sophokles gegen 


(1) Aristoph. Byz. im Inhalt der Soph. Antig. und daraus in einem spätern Zusatz 
z. Schol. Rom. Vs. 1526. 


L 2 


54 Borcxu über die Antigone 


Antigone und Haemon hartnäckig ankämpfte; dies zeigen viele der er- 
haltenen Bruchstücke; und ein ganz kurzes, 'Er’ arguv Nrouev Yoasıamy Aü- 
»@v, lehrt dafs auch Euripides die Sache bis auf die Spitze trieb. Kreon 
mufs also bei Euripides durch eine höhere Macht umgestimmt worden 
sein; und welche war dazu passender gewählt als Thebens Schutzgou. 
Dionysos, der auch im letzten Chorgesang des Sophokleischen Stückes 
angerufen wird, dafs er der Stadt helfe? Hierher beziehe ich nun das 
Bruchstück beim Scholiasten des Pindar (!): 
’Q Tal Awvns, Ws Edus ueyas Jess, 
Auvure, Ivyrois 7° oldanws UmorTaros. 

Dafs Dionysos ein unwiderstehlicher Gott sei, ist ein vielfach bewährter 
Gedanke: wenn er aber dem Kreon erscheinend dessen Halsstarrigkeit 
brach, war der Gedanke sehr wohl angebracht, mag er nun, wie ich 
Andern folgend zu rasch angenommen habe, von der Antigone, oder 
was wahrscheinlicher ist, von Kreon oder dem Chor gesprochen wor- 
den sein. Ruhnken und Valckenaer sind offenbar im Irrthum, wenn 
sie diese Verse auf den Eros beziehen wollen. Der Scholiast des Pin- 
dar sagt zu deutlich, dafs Dionysos der Sohn der Semele gemeint sei, 
und es ist eine viel zu kühne Voraussetzung zu glauben, der Scholiast 
habe sich durch eine falsche Leseart täuschen lassen; denn dazu gehörte 
doch ein hoher Grad von Verblüffiheit, wenn der Grammatiker, der 
das Stück selbst vor sich hatte, nicht hätte sehen sollen, von wem die 
Rede sei; ja ich behaupte geradezu, dafs es nach dem Zusammenhange 
der Stelle unmöglich sein mufste, eine so ganz verschiedene falsche Lese- 
art, wodurch Eros in Dionysos verwandelt wurde, selbst nur aus Ver- 
sehen in den Text zu bringen. Eher könnte Awvzs aus Ouwvzs verderbt 
sein; aber der Scholiast fand das Erstere sicher vor; und dafs die Alten 
eine Nachricht über den Namen Dione für Semele hauen, sieht man 
deutlich aus Hesychios, wo Baxxeu Awvyc erklärt wird Baxyeurngias Ze- 
Rs; welches nur unter der Voraussetzung, Semele sei auch Dione 
genannt worden, erklärbar ist. Doch um wieder auf dıe Sophokleischen 
Charaktere zurückzukommen, so erscheint Kreon als ein thätiger Staats- 
mann voll Weltklugheit auch in den beiden Oedipen, übereinsummend 


(7) ‚Pyth. IH, 177. 


des Sophokles. 55 


mit der Antigone: den Tiresias hat Sophokles würdig gezeichnet, als 
den wahren Gottespriester; er konnte es um so leichter, da er selbst 
ein Priesterthum hatte. Haemon’s Charakter ist ungemein fein berech- 
net und wohl gehalten. Die Boten haben nichts Ausgezeichnetes; aber 
der Wächter ist eine langhindehnende, schnurrige, spitzlindige Person, 
aus dem gemeinen Volk und demnach von gemeinen Ansichten; eine 
fası Shakspearische Zeichnung. Der Chor endlich ist mit Absicht aus 
den edlen Greisen der Stadt zusammengesetzt, einmal, weil das Alter 
nicht zum Handeln geeignet ist, und gerade ein sehr thatloser Chor 
hier vorzüglich pafst, damit die handelnden Kräfte völlig unabhängig 
ihre zerstörende Laufbahn verfolgen; sodann weil das Alter eben im 
Besitze der vollkommensten Besonnenheit und Weisheit ist, wie auch 
der Schlufs ausdrücklich sagt. Was Jacob über den Charakter des 
Chores bemerkt (!), läfst sich grofsentheils unterschreiben; nur scheint 
er seine Bedeutung für das Wesen und den Gedanken des Stückes nicht 
ge- 
setzt an; wenigstens habe ich in seiner Darstellung nicht angezeigt ge- 


angeschlagen zu haben; er sieht ihn zu’ sehr als blofs willkührlich 


funden , warum denn gerade der Chor so und nicht anders in dem 
Stücke ist, welches aber auch von seiner Ansicht aus gar nicht erklärt 
werden kann, so wenig als des Chores Urtheile mit der von Jacob vor- 
ausgesetzten Einheit des Drama übereinstimmen. Uebrigens stellt der 
Chor eine von Kreon berufene Versammlung (A&ryn yegcvrwv 160.) vor: 
denn wie der Scholiast vortrefllich bemerkt, die Einführung des Chores 
mufs begründet sein. Seine Zahl war ohne Zweifel funfzehn, Der 
Schauplatz ist, wie Aristophanes auch sagt, vor Kreon’s Pallast; in 
der Ferne waren vielleicht die Orte angedeutet, wo Poiyneikes Leichnam 
liegen sollte, und wo die Gruft der Antigone bereitet wurde. 

22. Die Theile der Tragödie giebt Aristoteles (*) im Allgemeinen 


. ! N ! 
odes, xegixov, welches in ragedos und rrasınev 


am: mooAsyos, emeısodiv, © € 
er b ä r ; A nr 

zerfällt. Der Prolog ist ihm weges oAoy rgaywöius 75 mgo egeu mupedeu, 
. . ’ dr x \ cs un x un a r 

Epeisodion wegos orov rgaywdius ro ueragu orwv Yegızav uerav, Exodos negos 


Ü2 esrı %opov mercs. Parodos ist 4 vawrn Asfıs oAcu 
S 5 = 


(49) 
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ee Nr 
oAov rgaywos, 1LEr 


56 Borcxm über die Antigone 


%eged, Stasimon MEAOS Yogev TO aveu avamamreu xal rgoyaiou. Dafs bei letz- 
terem der Chor sullsteht, ist wohl gewifs (!). Hierzu kommen noch 
als besondere Eigenthümlichkeiten 7a aro Frnv7s, die Gesänge der Schau- 
spieler, und die xouuei, das ist Ionvor nowor Xopov za amo uns: welche 
beide aber in die vorhergenannten allgemeinen Theile eingelegt werden. 
Die Antigone zerfällt hiernach in dreizehn sehr bestimmte Abschnitte, 
welche weder mit unsern Aufzügen noch mit unsern Auftritten ver- 
glichen werden können; es sind nehmlich darin aufser dem Prolog und 
der Exodos die Parodos, vier Stasima und ein fünfter Chorgesang, und 
fünf Epeisodien. Nie sind mehr als drei Schauspieler auf der Bühne. 
Alle Chorgesänge sind an solchen Stellen eingelegt, in welchen die Hand- 
lung auf der Bühne stllsteht, um für das Raum zu lassen, was aulfser- 
halb geschehen mufs. Wir beschränken uns auf eine kurze Angabe der 
Haupttheile. 41) Wenn die Bühne sichtbar wird, stehen Antigone und 
Ismene schon da; diese bilden den Prolog, allein und ohne Zeugen. 
‘s ist früher Morgen (2), vielleicht noch Dämmerung; wie diese darge- 
stellt wurde, mögen die Alten zugesehen haben: in Euripides Iphigenie 
in Aulis ist es Anfangs sogar Nacht. Antigone geht ab, die 'Thaı zu voll- 
enden, Ismene in den Pallast (1-99.). 2) Der eben erst angekommene 
Chor singt und tanzt die Parodos; die Sonne ist bereits am Himmel; 
der Chor begrüfst ihren Strahl. Die Parodos schliefst mit Anapästen, 
in welchen der Koryphaee die Ankunft des Königes verkündet. Diese 
mit der Ankündigung der auftretenden Personen verbundenen Anapästen, 
welche nur der Chorführer vorträgt, scheinen immer mit einer marsch- 
artigen Bewegung des Chores verbunden zu sein, der bei dem Auftreten 
einer Person natürlich in Bewegung geräth (100-161.). Sehr regel- 
mäfsig ist übrigens die Parodos hier gleich nach der ersten Ankündi- 
gung des Inhaltes gestellt; bisweilen folgt sie spät, wie im Oedipus 
auf Kolonos (%) und in Euripides Orest (*). 3) Im ersten Epeisodion 


(1) Schol. Eur. Phoen. 210. Ueber die ganze Sache vgl. noch Hermann E. D. M. 
2 


) 
) Vs. 668. Vgl. Plutarch An seni sit resp. ger. 5. 
) 


Vs. 805. Vgl. Hermann E.D.M.S. 725. 


des Sophokles. 87 


tritt Kreon, immer von Dienern gefolgt, später der Wächter auf; beide 
gehen wieder ab, Kreon zuerst (162-551.). 4) Bis der Wächter Anu- 
gone gefangen bringe, singt der Chor das erste Stasimon, woran 
sich bei der Erscheinung der Antigone Anapästen knüpfen (552-379.). 
5) Im zweiten Epeisodion erscheint aufser der Antigone und dem 
Wächter Kreon; schon ist Mittag vorbei (412.). Vs. 442. geht der 
Wächter ab. Später tritt Ismene auf, die der Chor in anapästischer 
Bewegung ankündigt. Am Schlufs werden die Jungfrauen abgeführt 
(580 -578.). Der König dagegen bleibt; denn er ist 622. noch da; 
ohne Zweifel sitzt er auf einem Thronsessel, von den paradirenden 
Dienern umgeben, während 6) das zweite Stasimon gesungen wird, 
bis Haemon benachrichtigt von dem Verhandelten komme. Ihn kündigt 
der Chor in Anapästen an (579-626.). Mit seinem Erscheinen beginnt 
7) das dritte Epeisodion zwischen Kreon und Haemon (627 -776.); 
beide gehen ab, Kreon in den Pallası, um zu befehlen, dafs Antigone 
zum Tode geführt werde. 8) Bis sie erscheint, singt der Chor das dritte 
Stasimon, und sie erblickend seızt er sich in anapäsuische Bewegung 
(777-799.). 9) Antigone wird gebracht um zum Tode geführt zu wer- 
den; mit ihr kommt Kreon. Antigone singt «rs sznvAs, mit ihr wech- 
selt der Chor; beide bilden zusammen den ersten Kommos. Ein 
Theil der Worte des Chores und der Antigone ist in Anapästen gesetzt; 
anderes ist von Antigone in Trimetern gesprochen; Kreon trägt Trime- 
ter und Anapästen vor. Alles zusammen ist das vierte Epeisodion 
(800-954.). Uebrigens sind die kleinen Parthien des Chores hier nur von 
Einzelnen vorgetragen. 10) Um der auswärts fortgehenden Handlung 
Raum zu geben, folgt das vierte Stasimon (955-944.). Während 
desselben ist Kreon anwesend, Antigone dagegen wird nur als Abwesende 
angeredet, oder ist nur noch in der Ferne auf dem Gang zum Grabe 
sichtbar. 11) Das fünfte Epeisodion beginnt mit dem Erscheinen 
des Tiresias, und spielt. zwischen ihm und Kreon (975-ı111.). Tiresias 
geht 1077. ab, Kreon geht am Ende dieser Abtheilung mit allen Die- 
nern, um den Polyneikes zu beerdigen, und dann Antigone zu befreien: 
irsteres scheint darum zuerst zu geschehen, weil der Seher besonders 
darauf gedrungen, und um der Handlung der Antigone und des Haemon 


im Grabe Zeit zu lassen. 12) Während die Bühne leer ist, singt der 


s8 Borcxu über die Antigone des Sophokles. 


Chor einen Flehgesang an Dionysos (1102-1159.). Dieser kann 
kein Stasimon sein; sowohl der Inhalt als die Rhythmen erfordern 
Bewegung: offenbar tanzt und schreitet der Chor beim Dionysischen 
Altar. Eben so ist in den Trachinerinnen nach der Parodos ein Tanz- 
lied der Jungfrauen eingelegt (205.), wie dort der Scholiast bemerkt. 
Im zweiten Theile werde ich sowohl die Rhythmen jenes Dionysischen 
Gesanges, welche noch sehr verworren sind, richtiger abtheilen, als 
auch die Gründe des gegebenen Urtheils entwickeln. 13) Die Exodos 
(1140 f.) bilden zuerst ein Bote, dann Eurydike; letztere geht bald wie- 
der ab. Der Bote bleibt; ı242. kündigt der Chor den König an, der 
mit dem Leichnam des Haemon kommt. Kreon singt «#5 rxnvAs und 
vom Chor unterbrochen ; so sind hier die ersten Parthien des zweiten 
Kommos eingelegt. Der Bote wird unterdessen zurückgetreten sein; 
es kommt dann ein zweiter (££@yyercs) aus dem Hause; dann wird die 
Leiche der Eurydike gebracht. Es beginnt die Fortseızung des Kommos; 
zwischen Kreon’s Gesang sind Trimeter des Chores und des Boten ge- 
legt. Mit den Schlufsanapästen scheint sich der Chor zum Abmarsch in 


Bewegung zu setzen. 


— UI —— 


Erklärung der griechischen Beischrift auf einem 
ägyptischen Papyrus 
aus der Minutolischen Sammlung. 


Von 


H® BUTTMANN. 


annnnnntrnnnrnr 


| Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 24. Januar ı824.] 


7, dem kostbaren Schatz ägyptischer Alterıhümer, welche Herr von 
Minutoli zu uns herüber gebracht, und unser König zur Bereicherung 
unserer herrlichen Kunst- und wissenschaftlichen Sammlungen angekauft 
hat; befindet sich auch eine sehr beträchtliche Anzahl von Pap yrus- 
Rollen, welche einstweilen auf der Berliner Königlichen Bibliothek 
niedergelegt worden. Dort ist man schon seit einiger Zeit beschäfugt 
diese Papyre mit gehöriger Sorgfalt zu entrollen: aber eben diese Sorg- 
falt macht dafs das Geschäft nur langsam vorrücken kann: indem jeder 
entwickelte Papyr zugleich für das Aug und den Gebrauch des Gelehrten 
eingerichtet, und gegen künftige oder allmähliche Zerstörung gesichert 
werden mufs. Nachdem bereits mehre auf diese Art behandelt wor- 
den, deren einige theils hieroglyphisch-mythische Vorstellungen, theils 
Hieroglyphenschrift, andere aber eigentliche Schrift, nehmlich alt-ägyp- 
tische Sprachschrift enthielten; so fand sich auch eine welche aufser 
der gewöhnlichen ägyptischen, noch eine griechische Schrift darbot. 
Natürlich zog diese vorzugsweise die Aufmerksamkeit der Alterthums- 
forscher auf sich, theils weil sich hoffen liefs, dafs diese Verbindung, 
welche ja schwerlich ohne irgend eine wirkliche Beziehung sein kann, 
irgend eine Beförderung des anziehenden Gegenstandes, womit die Ge- 
lehrten dreier Nationen jetzt beschäftigt sind, der Enthüllung alı-ägyp- 
tischer Sprache und Schrift, gewähren würde; theils aber auch und 
Hıst. phiol. Klasse 1824. M 


90 Burrmann: Erklärung der griechischen Beischrift 


füritzt noch hauptsächlich, weil diese in einer bekannten Sprache, un- 
mittelbar von einer Geschäftishand in den Zeiten vor Christi Geburt, 
in einem so interessanten Lande geschriebenen Worte für sich allein 
schon auf mehr als eine Art zu Bereicherung unserer Kenntnisse die- 
nen müssen; so wie dies durch die vor zwei Jahren von unserer Aka- 
demie besorgte Herausgabe des ganz griechischen, den Kaufbrief des 
Nechutes enthaltenden Papyrs, mit Böckh’s beigefügter Erklärung, 
schon vielfältig bewährt und dadurch jeder ähnlichen Arbeit auf eine 
sehr bedeutende Art die Bahn gebrochen worden ist. 

Ehe daher der füritzt noch verschleierte Theil des erwähnten 
ägyptisch-griechischen Papyrs mit der erfoderlichen Genauigkeit der 
Welt vor Augen gelegt werden kann, wird es zweckmäfsig sein den 
verständlichen schon jeızt den Gelehrten in die Hand zu geben, da 
die mögliche Aufklärung der darin enthaltenen Sachen auf jeden Fall 
eine sehr dienliche Vorbereitung auch jenes gröfsern Unternehmens 
verspricht. 

Es ist zu bedauern dafs über den Fundort der einzeln Rollen 
dieser Sammlung so gar nichts sich angeben läfsı. Wie bekannt sind 
die ersten Finder gewöhnlich jene Katakomben durchwühlenden Araber, 
welche, so wie sich, so auch dem in den Wurf ihnen kommenden Eu- 
vopäer vollkommene Genüge zu leisten glauben, wenn sie ihm, ohne 
alle weitere Nachricht, das Kleinod verkaufen. Herr von Minutoli 
vollends, der die meisten dieser Rollen als eine von andern nach und 
nach schon gemachte Sammlung erwarb, konnte von dieser Seite auch 
nicht den mindesten Aufschlufs erlangen. Wir müssen uns also mit der 
allgemeinen Notiz behelfen, dafs diese Rollen gewöhnlich in den Mu- 
mien-Särgen und in den Umhüllungen des Leichnams selbst, vielleicht 
auch bisweilen in andern zu dem Sarge in die Grabhölung gestellten 
Gegenständen sich befinden. Auch sind sie zuweilen in dem Innern 
gewisser Idole verborgen: wie hiezu in der Minutoli’schen Sammlung 
noch jetzt ein Beipiel vorhanden ist. Aber auch diese Idole pflegen bei 
den Mumien gefunden zu werden. 

Wir fangen also sofort mit der äufsern Beschreibung unserer Rolle 
an. Sie war unentwickelt etwa zwei Zoll dick und etwas über einen 
Fufs lang, was also jetzt die Breite oder Höhe des ausgespannten fünf 


auf einem ägyptischen Papyrus. 91 


Fufs langen Papyrs ist. Der obere Theil enthält die ägyptische Schrift 
in fünf Zeilen, wovon die vier ersten die ganze Länge des Papyrs ohne 
abzubrechen einnehmen, so dafs jede dieser vier Zeilen beinah fünf Fufs 
lang ist. Die fünfte und letzte bricht etwas nach dem ersten Driuheil 
der Länge ab. Alle gehn, wie bekannt, von der Rechten zur Linken. 

Eine Handbreit unter der ägyptischen Schrift ist die griechische, 
bestehend aus vier Zeilen. Diese erfüllen aber nicht die ganze Länge 
des Papyrs, sondern kaum die Hälfte, und liegen in der Mitte. Die 
vierte ist von verschiedener Hand und liegt etwas tiefer. Aus allem 
diesen liefs sich soviel schon mit ziemlicher Gewifsheit schliefsen , dafs 
das griechische keine Uebersetzung des ägyptischen sein kann. 

Unser gegenwärtiger Zweck erlaubte uns auf die Bequemlichkeit 
des Lesers Rücksicht zu nehmen. Wir haben daher auf dem beifolgen- 
den Abdruck jede Zeile in mehre Theile abgebrochen, die man in Ge- 
danken dieht zusammen schieben mufs. 

Die Schrift ist, wie man sieht, zwar durch die Gestalt der ein- 
zeln Buchstaben und durch ihre Verbindungen und Windungen unserm 
Auge sehr fremd; aber die Züge sind so rein und klar, dafs von dieser 
Seite diese Schrift weit deutlicher ist, als der von Böckh erklärte Kauf- 
brief des Nechutes. Da ich der erste war, der die gegenwärtige Schrift 
vor Augen bekam, so war ich es auch dem es zuerst gelang den gröfs- 
ten Theil der Worte und einzeln Zusammenhänge zu lesen. Hierauf 
hat auch Böckh sie vorgenommen; und sobald wir zusammengetreten 
waren, auch Bekker noch eine Revision gemacht hatte, so war die 
ganze Schrift von grammatischer Seite, wenn auch nicht ganz eigentlich 
begriffen, doch mit Sicherheit gelesen. Nur einige ungewisse Stellen 
blieben übrig. Aber auch diese wurden aufgeklärt von einer Seite wo- 
her wir es nicht erwarten konnten. 

Spohn in Leipzig, von dessen Forschungen über die alt-ägyp- 
tische Sprache wir die Resultate begierig erwarten (!), hatte von dem libe- 
ralen Sinn der mit denselben Untersuchungen beschäfugten Pariser Ge- 
lehrten, zu seinem Gebrauch dabei das Facsimile eines dort befindlichen 


(1) Gegenwärtige Abhandlung ist nicht lange vor dessen beklagenswerthem frühen Tode 
geschrieben. 


M2 


92 Burrmanns: Erklärung der griechischen Beischrift 


Papyrs erhalten, von welchem bereits bekannt war dafs er ebenfalls, 
aufser der ägyptischen, griechische Schrift enthalte. Ohne an diesen 
Umstand zu denken, hatte ich eine Abschrift unserer griechischen Zei- 
len in gewöhnlichen Charakteren, Spohn zugeschickt, weil der Inhalt 
ihm von Nutzen sein konnte. Und so entdeckte er sofort, dafs das 
Griechische auf der Pariser Rolle, das aber weit undeutlicher und in 
unreineren Zügen geschrieben ist als das unsrige, genau dasselbige ent- 
hält, was unsere drei ersten Zeilen; nur dafs an einer Stelle die ich 
unten bemerklich machen werde, in der Pariser Schrift etwas mehr ent- 
halten ist; wogegen der Inhalt unserer vierten Zeile dort fehlt. Und 
zwar geht diese Uebereinstimmung nicht blofs auf das Geschäft und die 
Worte worin es vorgetragen ist; sondern die Namen der handelnden 
Personen, und Jahr und Monatstag sind dieselben. Was hieraus 
über die Natur dieser griechischen Beischrift hervorgehen mag, ist ober- 
flächlich leicht zu entnehmen. Befriedigendes ist nur von der Zukunft 
zu erwarten und Vermuthungen liegen aufser unserm dermaligen Zweck. 
Cenug, Spohn theilte mir eine Kopie des Pariser Facsimile mit, durch 
dessen Hülfe die wenigen noch ungewissen Stellen aufgehellt wurden. 

Mit dem Vorbehalten also der Möglichkeit, dafs ein oder der an- 
dere unbedeutende Irrthum noch verborgen sein könnte, kann ich gleich 
damit anfangen, die ganze Schrift, so wie sie auf dem Berliner Papyrus 
steht, in gewöhnlichen Charakteren hieherzusetzen, jedoch zuvörderst 
ohne Accente, Spiritus und Interpunction, damit auch dem der sich mit 
den ungewohnten Schriftzügen nicht befassen will, in allem was Ausle- 
gung und Zusammenhang betrifft nicht von uns vorgegriflen sei. 

(1. Zeile.) Ereus As xaay, F Terarru emı mv © Ölormworei rn Meyaryı 
roameSav Ed NS AUTIMAX,OS EIHOTTNS EYAURAMU KUTU daygapnv UTAAN- 
riadev za Quwios TeAwvwv ud Av vroygabeı mroAsuaos 0 avrıypapeus 
(2. Zeile.) woos wocu XoAxurns wuns Twy Aoyeuouevuv ÖL aurwv Xa- 
iv TWy HEINSVWV VErgWVy EV GIS EX,OUTIV EV TOIS MEWVOVEIIS TAS Aufßuns 
Tov Meg Syßas rabas auF ns melsuvrau Asıroupyias (3. Zeile.) « 
EWVINTUTO Tag evvwagıos TEU wopou NAAHSU nite FEACG . » EVAROOIUG 2; 
AUTIUAYDS » 

(4. Zeile.) AroAAwvios o vgos rwı ygapımı Tou eg Sußas nereirnda ıs 


avaygadny L’s rußı € 


2 


auf einem ägyptischen Papyrus. 95 


So gewifs nun aber die Lesung dieser Worte ist, so stellt sich 
doch ein deutlicher Sinn nicht so leicht dar, indem wir wegen allzu- 
grofser Unbekanntschaft mit den Gegenständen auch mit den Ausdrücken 
nicht überall deutliche Vorstellungen verbinden können. Diesen das 


sachliche Verhältnis aufklärenden Haupttheil der Untersuchung, der oh- 


8; 
nedas erst durch Kombinirung vieler solcher Monumente gehörig von 
statten gehn kann, völlig zu führen ist auch meine Absicht nicht; son- 
dern ich werde das Dokument zunächst auf grammatischem Wege so 
klar zu machen suchen als möglich, auch hierin Böckh’s gröfsere 
Vertrautheit mit den sachlichen Gegenständen dieser Art zu Hülfe neh- 
mend. Und so will ich nun die ganze Schrift betont, und nach meiner 
Einsicht unterschieden, hieher setzen. 


ni - I r \ Al ! FL \ > ’ m B 2 
Erous As Re I TETURTU Emi Tyv Ev Aosmoile rn uEyamır rgu- 


mn eb 5 Auriuay,os, EIKOSNS Fa KUTA Be ATAAY- 
I m e 

Tiadov zul ur reAwvuv, Up’ Ur eygape ı IIrorsucios 5 avr TEyOlr 
\ 5 le ! m = x 

deus, | Ngss peu No Ayuras Wvns Tav Acysvousvwv di” aurwv, Aagıv 


a ‚ a „+ > = ‚ Pr nt m 
TWV HEILEVWV vergwv Ev cs ey,ourıw Ev Tois Meuvovsisıs ns Auluns ToU 


megt Orßas rabas wS 9 Tasdvrau Au a EwvnTarc Tag 
"Ovvuogues ToÜ "Dgev, KAAHU . . TEAOS . . Evanınias . . 

Aurinay,es Sr 
"AroAAwvis 6 mals TY Ygabım Ted Tegl Onßas wersiinba eis dvayga- 
brv Lis' Tußt ei; 

Um sich aus diesem Gewirr von Zwischen- und Nebensätzen zu 
helfen , mufs man bedenken, dafs man Kanzlei-Stil vor sich hat, 
und dafs in diesem von jeher ein Streben ist, alles was zusammen Eine 
Handlung ausmacht, auch in Einem Satz darzustellen , folglich alle Ne- 
benbesimmungen, von denen keine darf ausgelassen werden, wie sehr 
dies auch die Deutlichkeit erschwere, überall einzuschalten ; indem der 
Geschäftskundige ja doch die Hauptpunkte der Handlung gleich heraus 
findet. Als Beispiel dieses Geschäft-Suls aus dem Alterthum dient 
schon der Kaufbrief des Nechutes: denn über den dort von dem Er- 
klärer zur Erleichterung angebrachten Absatz mufs man dem Zusam- 
menhang folgend weglesen bis in die zehnte Zeile: wo dann noch die 
übrigen Bestimmungen angehängt werden. Die gegenwärtige Schrift gibt 
ein zwar kürzeres aber noch anschaulicheres Beispiel; worin sich auch 


94 Burrmann: Erklärung der griechischen Beischrift 


als Grundlage eines solchen grofsen Satzes deutlich zeigt, dafs zu An- 
fang die Handlung, dann nach den dazu gehörigen Nebenbestimmun- 
gen die Person die es angeht, und nach allen übrigen Nebenbestim- 
mungen zuletzt das eigentliche Objekt der Handlung steht. Ich ver- 
binde also: ,‚An dem und dem Tage rerazru — *Qgos BER 23 N LHIP N 
Und gewifs gehörte es zu der schicklichen äufsern Form einer solchen 
Akte dafs der Name der Person in der Mitte zu Anfang eines Absatzes 
stehe, wie hier zu Anfang der zweiten Zeile, wohin also der Blick des 
die Akte brauchenden sogleich sich wendete (!). 

Nur mit Annahme dieses Zusammenhanges scheint mir auch das 
Wort rerazra erklärt werden zu können: es steht nehmlich nach der 
Analogie von rarrsuaı egew &egov, mir wird Steuer auferlegt. Der Infin. 
ist nicht ausgedrückt, weil, so wie man sagt, Tartw rw begov, die Sprache 
auch mit sich bringt rarreuaı @egev. Das &ri mit dem Akk. aber kann 
nicht anders gefafst werden als durch Bezahlung wohin. Die Zeitbe- 
stimmung endlich bei einem Perfekt kann nicht von dem Tage der 
Handlung dieses Verbi gelten: denn zu diesem Sinn mülste es heifsen 
&ray,Sn. Es ist also Termin. Und so fasse ich den Zusammenhang auf 
diese Art: ‚Auf den 9. Choiak ist Oros angewiesen zu zahlen an Zoll 
„so und so viel”. 

Dies wie gesagt mufste ich vorausschicken. Und nun will ich 
das Ganze wörtlich und in der Folge der Sätze des Originals übersetzen ; 
wobei ich jedoch das was den Zusammenhang des Ganzen zu schr unter- 
bricht, blofs für das Auge in Klammern einschliefsen werde. 

Auf den 9. Choiak des 56. Jahres ist angewiesen zu ent- 
richten (an das in Diospolis der Grofsen befindliche unter 
Lysimachos stehende Zollamt des gewöhnlichen Zwanzig- 
sten), nach schriftlicher Angabe der Zöllner Asklepiades und 
Zminis, welche Ptiolemäos der Gegenschreiber unterschreibt, 


(1) Im dem Kaufbrief des Nechutes ist ein solcher Abschnitt nach der fünften Zeile: 
nur ist dort die Verschiedenheit dafs die fünf ersten Zeilen das Datum und die Kurialien 
enthalten; und dann zu Anfang des Absatzes sogleich die Handlung und die erste Haupt- 
person zusammen stehn in den Worten ’Arztöoro Hausv>rs. Besser werden wir diese An- 
ordnung unten bei nochmaliger Untersuchung der Nebenschrift auf der Nechutes-Urkunde 
beobachten. 


auf einem ägyptischen Pap IYFUS. 05 


||Oros der Sohn des Oros der Cholchyte von dem Kaufpreis 
des von ihnen Verrechneten (von wegen der Todten, die in 
den Gräbern liegen, welche sie besitzen in den Memnonien 
des zu dem Nomos von Theben gehörigen Libyens als Sold 
für ihren Dienst),[] was er gekauft hat von Onnophris dem 

Sohne des Oros, für Erz..., Zoll... neunhundert... 

Lysimachos... 
Ich Apollonios der Schreiber des Nomos von Theben 
habe dies übernommen zur Aufzeichnung im Jahre 56. den 
5. Tybi. 
Wir wollen nun das Einzele so weit es uns möglich ist erörtern. 

"Ereus Ar’ Xoray, $. Das zweite Zahlzeichen in der Jahrzahl auf 
dem Papyr ist das Episemon , wofür wir itzt s brauchen, das aber auf 
Stein- und andern Schriften sehr gewöhnlich so erscheint wie wir es hier 
sehn, nehmlich einem runden Sigma ähnlich nur mit verlängertem obern 
Schenkel. Dafs hier eine Jahrzahl genannt ist ohne den König zu nen- 
nen nach dessen Regierung sie zählt, das kommt auch in Inschriften aus 
Aegypten öfters vor (!). In einer kurzen Beischrift wie die unsrige 
ist dies noch weniger befremdlich. Dasselbe sehn wir auch in der Ne- 
benschrift zur Nechutes- Urkunde: wo freilich die Hauptschrift die Be- 
stimmung desto ausführlicher enthält. Auch hier läfsı sich die aus- 
drückliche Angabe von der darüber befindlichen ägyptischen Schrift er- 
warten. Ob nun gleich Spohn mir sagt, dafs auf dem Pariser Papyr 
diese, zu seiner Verwunderung, in gar keiner sichtbaren Beziehung zu 


der griechischen Schrift stehe; so können wir doch wohl annehmen 


(1) Man sche z. B. in der Inschrift von Philae bei Letronne (Recherches p. s. ü 
U’ H.d’ Egypte) p. 462. LIE HAXEN IN (das Zeichen L bedeutet bekanntlich das Jahr); und 
in der Inschrift von Kyrene bei Della-Cella, Reise von Tripoli nach Aegypten p. 145. 
des ital. Originals (vgl. Explie. ad Pind. Pyth. 4. extr.): endlich eine mir von Herrn 
Jomard eben jetzt mitgetheilte für die Deser. de ÜEgypte (Ant. T.V. tab. 55, 18.). 

TITENZHNEIOESRIMETISTEI 
JIITOAEMAIOSOTPAMMATEYETEN 
ENTSHIEPIEAEBANTINHN 
AYNAMEQN LAE EIEIP 
das letzte für "Erıpi. Böckh. 


( Borrmann: Erklärung der griechischen Beischrift 
5 5 


dafs der König Piolemäus Euergetesll. oder Physkon, welchen 


SYIe- 
sne 


chische Datum bestimme. Verhält dies sich so, so darf uns das nicht 


nach desselben Versicherung die obere Schrift nennet, auch dieses 


irren dafs in der Reihefolge der Könige Euergetes II. nur neunund- 
zwanzig Jahre einnimt: denn Porphyrius (bei Euseb. Ed. Scalig. p- 60.) 
belehrt uns, dafs da derselbe schon als Knabe während der Gefangen- 
schaft seines Bruders Philometor zum König war ausgerufen worden, und 
seitdem abwechselnd, bald mit jenem zugleich über Aegypten, bald allein 
in Libyen geherrscht hatte; er bei seinem eigentlichen und vollständigen 
Regierungsantritt diese ersten fünfundzwanzig Jahre mitzuzählen befoh- 
len. Also fällı das Datum unserer Schrift in Ol. 161, 2. oder das hun- 
dert und vierunddreifsigste Jahr vor Chr. Geb. auf dessen 2. Januar oder 
g. Choiak. 

Der Monat welcher sonst Xa«xz heifst ist bei uns und auf der 
Pariser Rolle deutlich geschrieben Xeay, (t). 

Terarrau Erl Tv &v Auormoreı N meyary roamelav, &b” As Ausiuay,ss, 
&ixos7s &yrurzıu. Sämtliche Worte sind deutlich zu erkennen: nur 
die Endung cv des leızten ist ein flüchtiger Schriftzug, den jedoch wei- 
tere Vergleichung (s. unten "ArzAyrıadev), der Sinn, und endlich die 
Pariser Schrift, wo diese Buchstaben deutlich ausgeschrieben sind, aufser 
Zweifel setzen. Die Worte rerazrau Evi r7v haben wir bereits erklärt. 
Toarela ist jeder Tisch oder Stube wo Geldzahlungen geschehen. Es 
ist wol keine andere Verbindung möglich als die von uns angenom- 
mene, dafs die Genitive eixcs?1s &yzunAkv zu rgameLa gehören. So ist also 
Lysimachos der Oberbeamte in dem Zollamte wo diese Steuer ein- 
genommen wird. Der Zwanzigste ist eine aus griechischen und römi- 
schen Steuer-Systemen hinreichend bekannte Abgabe vom Werth der 
Kauf-Gegenstände. Den Zusatz &yxunrıcs habe ich durch gewöhn- 
lich gegeben, vollkommen befriedigt durch Böckh’s hier folgende 
Darstellung. 


(1) Eben so steht auch in der Aegyptischen Inschrift bei Hamilton Aegypt. p. 174- 
übereinstimmend mit Pococke Deser. Or. I. p. 104. Freilich in der Deser. de U Egypte, 
Antigg. T. II. p. 112. ist Xowz gegeben, aber ohne Zweifel nur aus Emendation. 

Böckh. 


auf einem agyptischen Papyrus. 97 


‚, Eyzurrıe sind nach Hesychius ra &yrurrsiusa ro Biw zal vurnSn. 
‚„Nehmlich &yzvzArs ist alles was in dem gewöhnlichen Kreise ge- 
‚„‚wisser Gegenstände enthalten ist. Daher &yzvrrıs radsıa, eyaianıc uaSr- 
‚„‚uar« der gewöhnliche Kreis der Bildung: so bei Strabo I. S. 25. B. &y- 
„„rUrAIcS zul TuvY Ins dywyn Tois EReU-TEgOIS zal rols dirorobeurw. So sind Ası- 
,, Foupyic &yauarıcı nicht, wie Schneider im Wörterbuch es darstellt, 
‚„‚die bei den Bürgern im Kreise herumgehenden, sondern die im Kreise 
‚‚der gewöhnlichen jährlichen Leistungen begriffenen , kurz, die ge- 
„wöhnlichen; s. Wolf. Proll. ad Lept. p.87.; meine Staatsh. I. S. 485. 
‚„‚Aristoteles nennt die gewöhnlichen täglichen Dienste &yzuzra diuzevnuare, 
„Naxzovias &yauarlous (Polit.I,4. I,3.), r@ eyavzrıa die ordinären Geschäfte 
‚„‚des täglichen Lebens (ib. I, 7.): und darauf kommen auch die von 
„Schneider im Wörterbuche aus Isokrates und Demosthenes ange- 
‚„‚führten Stellen hinaus. Eben so heifsen die Einkünfte von dem ge- 
‚ wöhnlichen Verkehr «ro rüv eyzuzAlwv oder &yzurAnucruy, wie ich die 
‚Stellen des falschen Aristoteles in meiner Staatsh. I. S.525. erkläre. 
‚„‚Hienach, denke ich, ist eizesy &yzizrıs der ordinäre Zwanzigste; also 
„eine ordinäre indirekte Steuer, wie in Rom die centesima rerum ve- 
‚„‚nalium; im Gegensatz gegen einen aufserordentlichen besonders 
„aufgelegten Zwanzigsten, der z.B. eine Vermögensteuer sein konnte, 
„wie die eixosy wol vorkommt z.B. in Athen als eirpeg«: s. Staatsh. I. 
„S.57., oder als Zoll, ebend. I. p. 548. 432.” 

Die Stadt Theben, wo dies Zollamt ist, steht hier zuvörderst mit 
ihrem sollennen oder diplomatischen Namen Auoreris 9 ueyary, den sie 
im Gegensatz von Klein - Diospolis führt, das weiter unten lag. 

Kara öaygaon ’Arzıymiadev zul Zuivios TeAuvOv. Araygadn ist die 
Handlung eines Verzeichnenden, Berechnenden, und was er bei der 
Behörde einreicht ist ein daygauna. Vgl. Böckh’s Staatsh. II. S. 70. 
Dafs es hier auf die Handlung des rerazr&ı x. 7.2. sich bezieht, und des 
Oros Zahlung darauf gegründet war, ist wol oflenbar. 

Die beiden Namen sind undeutlich, besonders der erste. Die Silben 
"Arzry- sind gewils. Dann folgen zwei flüchtige Züge, wie es bei einem 
langen Namen begreiflich ist. Nehmen wir die Endung cu durch Ver- 
gleichung mit dem obigen &yzuaarv als gewifs an, so steht dicht vor der- 
selben ein Ring, der weiter nichts ist als das in der schnellen Schrift 

Hist, philol. Klasse 1824. N 


98 Burrmann: Erklärung der griechischen Beischrift 


rund gewordene A (vgl. vorher dtaypadnv) ; der vor diesem stehende Winkel 
aber ist das « wie es öfters in der Verbindung erscheint. Mar sehe das 
dritte « ın avaygadıy in der vierten Zeile. Sind wir soweit, so wird man 
leicht die schnell geschriebene Sylbe rı erkennen, besonders wenn man 
das r in dem folgenden Ureygapeı und unten Z. 4. in’AroAAwvıos vergleicht. 
Den andern Namen würde man Zuwwys lesen, und dies könnte als inde- 
klinabler ägyptischer Name nicht befremden. S. Böckh zu der Nechutes- 
Urkunde S. 19. Aber auf der Pariser Schrift steht deutlich Zuwios, so 
wie unten rag’ ’Owuogıss. Nehmlich das o ist, wie man in dieser Schrift 
besonders häufig sieht, meist nur ein sehr kleiner Ring, der sich öfters 
an den vorhergehenden Buchstaben anhängt, und alsdann im Schnell- 
schreiben bald in einen Punkt zusammen fliefst, bald auch wie ein 
flaches u zum folgenden Buchstaben übergeht, wie wir eben in der En- 
dung cu, und hier in cs sehn (!). 

yo y Uroygapıı IIrereualss 6 dvrıygabevs. Die Silbe % mit einem 
hinaufsteigenden Final-N hat sich schon in daygadnv kund gethan: aus 
ob’ Av ergibt sich also Ureygapeı von selbst, obwohl das ör nachlässig 
gezogen und das übrige durch Fehler im Papyr undeutlich ist. In dem 
Namen IIrereuaios ist das 7 gezerrt und das o auf die ebenerwähnte Art 
fası verschwunden ; aber das übrige ist deutlich genug. Die Unterschrift 
des Gegenschreibers diente zur Kontrolle: s. Böckh Staatsh. I. S. 198 ff. 
Das Präsens Umoyganpeı steht, weil er es nicht blofs hier gethan, sondern 
auch in allen ähnlichen Sachen thut. 

"Dos "Opov Xoryurns vis ray Aoysvonevwv di aurwv. Man lese nicht 
Xeryvorns: das Ringlein zwischen v und r dient blofs die zwei Buch- 
staben in zwei Züge deutlich zu trennen. Uebrigens ist die Benennung 
ohne Zweifel von einem Wohnort oder Demos XeryyVs gebildet. 

Der Genit. «v7 kann wieder nur in Verbindung mit der ganzen 


Handlung gedacht werden: rerezrau so und so viel wv7s ‚ihm ist aufer- 


(1) Für den Namen Zus gibt vielleicht eine Analogie der Name Herrıc«s Zusviyvoußics 
in der Frankfurter Inschrift von der Katarrhakten -Insel, Fundgr. des Or. V, 4. p- 455. 
Letronne Recherches p. s. a hist. d’Egypte p. 4850. Zwar liest Gau 4 —: aber in 
einer von Herrn Uhden mir mitgetheilten Collation zu dem Abdruck in den Fundgruben, 
ist nichts von einem X statt Z bemerkt. Dieses Zusviyvov@:s ist nun offenbar eine Compos. 
mit Xroüßıs, so wie dort auch ein Yeryvovßis vorkomnit, und wieder ein Yerroygis. 


Böckh. 


auf einem ägyptischen Papyrus. 99 
© [er pP) 


legı zu zahlen... von dem Kaufpreis”. Dies letzte Wort erfodert 
aber selbst wieder einen Gegenstand im Genitiv wovon es der Preis ist: 
also ist r&v Aoysvouevwv ein Neutrum. Das Verbum ist neu, steht aber 
eben so deutlich auf dem Pariser Papyrus. Glücklicherweise läfst weder 
die Ableitung noch der Zusammenhang uns ungewifs über die Bedeu- 
tung. Acysysıv muls heifsen ‚‚in einem Aoyss, Rechnung, Berechnung, 
aufführen” (1). Die Worte & aur@v gehören nicht dazu und können 
nur auf die beiden Zöllner sich beziehen. Also: ‚‚,von dem Kaufpreise 
der von ihnen verzeichneten und in Rechnung gebrachten Gegenstände”; 
und dies bezieht sich natürlicherweise eben auf jene von ihnen ge- 
machte daygar. 

Xagıy TOV KEINEVWV vergav %. 7. A. Dies ist der schwierigste Theil 
des ganzen Zusammenhangs, der völlig befriedigendes Licht nur durch 
Vergleichung weiter zu entdeckender Urkunden erhalten kann. Das Wort 
%@gw selbst ist hier dunkel: ich habe es einstweilen eben so übersetzt, 


von wegen; und so mag uns fürerst genügen zu schn, dafs der ge- 
machte Kauf und dessen Verrechnung in Zusammenhang stehn mit ge- 


wissen Leichen und Begräbnisstäten ; worüber wir nun ferner schen 
müssen was aus den Worten hervorgeht. 

Xazıy Tav nEIAEvWV verpWv Ev eis Eyouriv Ev reis Meuvevsiois v4 Auuns 
TeU megl Orßas rabas av’ A maslvrau Aeıreugyias. Was die Deutlichkeit 
der Züge betrifft so will ich auf das ein paarmal fast verschwundene © 
nicht weiter aufmerksam machen. Das r in r%s sieht fremd aus, aber 
nur weil die zweite Hälfte des Querstrichs etwas tiefer angesetzt ist. 


(1) Hier ist ein anderes aus eben der Gegend kommendes Beispiel des Verbi Aoyavsın 
und seines mit Aoyi2er Sc: übereinkommenden Gebrauchs. Es ist der Schlufs einer Inschrift 
aus der Thebanischen Oase (Letronne Deux Inseriptions Grecques gravdes sur le Pylone 
d’un temple Egyptien dans la grande Oasis. S. auch Class. Journ. T. 25. Caillaud tab, 
AIN,$8.). Die Rede ist dort davon, dafs den von den reisenden Militär-Personen gewöhn- 
lich gemachten Foderungen zu Leistungen nicht ferner solle nachgegeben werden; dann 
heifst es: &av 8 rıc dur Ws delonevon royisyrar, zu sirmgaen Örnoria rolrov ro Öszamrouv. 
Eben so sollten auch die Behörden das widerrechtlich erppeiste aufzeichnen und einreichen, 
worauf im Verfolg gesagt wird, dafs dann diese Angaben Moos Fu royısmguc geschickt wer- 
den sollen und &z r0Ü Aoyızngieu Em rolg Erroyısas: zum Schlais sagt der Präfekt: © av 
(oder : ö ds &v) mugee 70 Ötzeeiov Neroysunsvov Y memgeyers fe] %, ToUro dog Twroue Snoins. 


Böckh. 
N 2 


100 Burrmann: Erklärung der griechischen Beischrift 


Merkwürdig ist das @ in dieser Schrift, indem die beiden Halbzirkel rechıs 
in Einen Swich sich abgeglättet haben, wie man hier in Aıßyys und unten 
in Tuß/ am deutlichsten sieht, auch in dem Worte ®7Aas der vierten 
Zeile: denn in demselben Worte im itzt vorliegenden Zusammenhang, 
ist der eine Stich durch Fehler des Papyrs unkenntlich. Das Wort 
eg ist blofs durch das 7, das hier wieder verzerrt und ganz in zwei 
Theile zerfallen ist, undeutlich. Zweifel kann nirgend entstehn. 

Desto schwieriger sind die Sachen. Unter der Benennung Me- 
uvoviov oder Meuvovsıev (denn auf beide Arten wird es geschrieben, und 
auf beide Arten, nach der Analogie anderer griechischer Namen von 
Tempeln , Monumenten u.d.g., richug) kannte man bisher nichts an- 
ders als ein Monument des Memnon, das bald als dessen uralter Kö- 
nigsitz bald als dessen Grabmal genannt ward, wie davon die Stellen 
beisammen stehn in der Abhandlung -über die Memnonien von Jacobs. 
Solche Gebäude waren in Aegypten bekanntlich in Abydos und in 'Theben, 
von welcher letztern Stadt der ganze Theil am linken Ufer so genannt 
ward. Andre waren in Aethiopien und in Asien, von deren Bedeutung 
und Zusammenhang hier nicht die Rede sein kann. In unserer Schrift 
lesen wir von ‚‚den Mewveveisıs des zu Theben gehörigen Libyens”. Ganz 
Aegypten ward bekanntlich durch den Nil in die arabische und libysche 
Seite gespalten, und jede Seite wird auch vielfälig kurzweg Arabia und 
Libya genannt: in welchem Fall Libya, als ein geographischer Haupt- 
Theil von Aegypten nicht zu verwechseln ist mit Libya im gewöhn- 
lichen Sinn als Theil des Ptolemäischen Reichs, wie wir es oben genannt 
haben. ,‚‚Das Memnonium auf der libyschen Seite von Theben” wäre 
also ein ganz richüg bezeichnender Ausdruck von jenem berühmten the- 
bäischen Gebäude. Strabo ı7. p. Sı6. sagt ausdrücklich, ein Theil von 
Theben liege &v 77 "Agafie &v gmep % rorıs, ein Theil &v mn meguie Er ) 
Meuvevıov; wo, durch den Gegensatz von Arabien, Libyen so gut wie ge- 
nannt ist. Auch der Plural r& Meuvevsı« in unserer Schrift könnte nicht 
befremden. Derselbe Strabo ı7. p. 815. nachdem er das Memnonium 
in Abydos erwähnt hat, fährt fort: & d° us darıv 6 Mewvuw ümo rar Alyu- 
mriav Iruavdys Acyerau, nal 6 AußvgıvIos Meuvoveıov av € xal To) aurev Eoyov 
cumeg nal a &v ’AQUdw, zal ra &v Onßus- zei Yag Enel Akyerai rıva Meuvöveie. 


Hier geht das &ze blofs auf Theben: denn von dem abydenischen Mem- 


auf einem ägypüschen Papyrus. 101 


nonium handelt er eben; nach Theben aber ist seine Beschreibung noch 
nicht gelangt. j 

Ist also von Gräbern die Rede, die in diesem Memnonium sich 
befanden? Das wäre etwas unerhörtes. Das Memnonium gilt, wie ge- 
sagt, allerdings häufig für ein Begräbnis, aber des alten Helden, Königs 
oder Gottes selbst. Nirgend liest man auch nur, dafs eines andern Kö- 
nigs Leichnam in diesem Gebäude bestattet worden sei: und hier wären 
Gräber gewöhnlicher Menschen in demselben, mit welchen ein gemei- 
ner Geldverkehr getrieben wurde. 

Je mehr ich die Worte ansche je gewisser wird es mir, das hier 
unter r« Meuvovera etwas anders verstanden wird. Ta Meuvdvae 775 Außvrs, 
dies ist kein Ausdruck für ‚‚das Memnonium das auf der Libyschen 
Seite liegt”: und wozu in aller Welt würde diese Bestimmung hinzu 
gefügt? Hier ist offenbar der Plural von Bedeutung: es sind Gegen- 
stände, Lokale, die in Menge auf der Libyschen Seite sind: kurz es 
sind die Begräbnis-Plätze, die Katakomben selbst. Es ist bekannt und 
versteht sich aus der Natur des ägyptischen Landes von selbst, dafs alle 
Begräbnisse in den unfruchtbaren Anhöhen über dem Nil - Thal sind. 
Diese weiten unfruchtbaren Strecken nannte man Arabien, Libyen; und 
zu jeder Stadt am Nil gehörte der daran stofsende Theil davon. Dorthin 
begrub jeder Ort seine Todten: und das also sind die Memnonien in dem 
zu Theben gehörigen Libyen. Dafs sie Meuvoveı« heifsen lerne ich, wenn 
man mich nicht grofsen Irrthums belehrt, aus dieser Schrift; und hoffe 
dafs es aus den neu eröflneten Quellen ägyptischen Alterıhums noch wei- 
ter hervorgehen soll: ahne auch den Zusammenhang dieser Benennung 
mit dem Namen des äthiopischen Helden, der überall nur genannt wird 
um von seinem Tod zu reden, und dessen Monumente und Wohnungen 
sämtlich auch sein Grabmal heifsen. S. Jacobs Abh. S. 24 M. 

Auch den Ausdruck +75 Außuns reÜ megi ®rßas müssen wir noch 
näher betrachten. Man wird den zweiten Genitiv für das Neutrum 
nehmen wollen, ro eg: Onßas: aber dies pafst nicht recht zu der un- 
tersten Zeile wo derselbe Ausdruck, Benennung einer Behörde ist die 
einen Schreiber hat: denn so allgemein ‚‚einen Schreiber der Gegend 
„um Theben” hat es wol nicht gegeben. Sehen wir dagegen aus der 
Nechutes-Urkunde und Böckh’s Erläuterungen davon S. ı8. dafs eben 


- 


102 Burrmann: Erklärung der griechischen Beischrift 


so elliptisch gesagt ward rov TaSugirev, red Oußeirev, von den Nomen 
oder Kreisen dieses Namens, so kann wol kein Zweifel sein dafs auch 
hier veusv zu verstehen ist, und dafs das, was der Geograph Ptolemäus, 
abweichend von den übrigen Nomos-Benennungen, welche fast alle auf 
rs ausgehen, @r@av vauos nennet, hier ö regi ®n@as heifst. So entsteht 
aber wieder eine Schwierigkeit, indem hier ein Theil von Libyen als 
zum thebäischen Nomos gehörig genannt wird, während nach Ptole- 
mäus dieser Nomos ganz auf das rechte Nilufer, wo das eigentliche 
Theben lag, beschränkt ist. Denn das Memnonium, das bei Ptolemäus 
den Namen & M&uywv führt, und das, wie oben erwähnt, dem eigent- 
lichen Theben gegenüber lag, dieses selbst gehörte nach Piolemäus nicht 
zum thebäischen Nomos sondern zu dem auf der libyschen Seite liegen- 
den voues Tevrugirng. Auch die Annahme dafs dies zu verschiednen Zei- 
ten verschieden könne gewesen sein, hilft uns nichts; denn in der fast 
gleichzeitigen Nechutes-Urkunde, die ebenfalls lauter thebäische Leute 
betriffi, und die von Grund und Boden der Memnonier (r@v Meuvovewv) 
handelt, wird dieser zu dem Nomos Tathyrites gerechnet. Den Ort 
Taıhyris kennen wir aus Ptolemäus als nahe bei Memnon landein- 
wärts liegend: aber ein davon benannter Nomos ist, wie Böckh be- 
merkt anderswoher nicht bekannt. Indessen hatte schon Danville aus 
der Folge der Nomen bei Plinius geschlossen, dafs der blofs bei diesem 
Schriftsteller vorkommende Nomos Phaturites zu diesem Tathyris ge- 
höre. Dies ist so evident, dafs Böckh und ich es unbedenklich an- 
nehmen. Der ägyptische Name wird auch O®arvgis geschrieben worden 
sein, woraus durch eine sehr gewöhnliche Verderbung barugıs ward. 
Tochon d’Annecy in seinen Recherches sur les Medailles des Nomes 
d’Egypte, ging noch weiter. Da der Nomos Phaturites bei Ptolemäus, 
und was allerdings sehr wichüg ist, der Thebäische bei Plinius 
fehlt, so vermuthet er mit grofser Wahrscheinlichkeit dafs beide Be- 
nennungen einem und demselben Nomos gehören. Es ist gar nichts 
seltenes dafs eine Hauptstadt in einem Distrikt liegt der aus irgend einer 
Lokal-Ursach von einem geringern Ort den Namen führt: wobei es aber 
eben so natürlich ist dafs die Bezeichnung nach dem Hauptort auch üb- 
lich ist. Die beiden Benennungen Nomos Tathyrites und Nomos von 
Theben haben ganz das Ansehn sich so zu verhalten; und die Differenz 


auf einem ägyptischen Papyrus. 103 


zwischen jener Urkunde und unserer Schrift würde so am einfachsten 
gehoben: zwischen Ptolemäus aber und den ältern Monumenten wäre 
alsdann anzunehmen dafs zu des Geographen Zeit wirklich Memnon oder 
Memnonium von Theben und Tathyris in dieser Beziehung getrennt und 
dem benachbarten Tentyritischen Nomos zugetheilt gewesen sei (!). 

Ich stelle diese Vermuthung eben so unentschieden hin wie Tochon 
that. Findet sie Hindernisse, so müfste man für den vorliegenden Fall 
annehmen dafs die Libysche Strecke hinter Memnonium, eben zu die- 
sem Zweck der Bestattungen, und wenn es noch andre gab, zwischen 
beiden Städten getheilt war; wodurch sich der Ausdruck r« Meuvevare Ye 
Aıßuns rev Tegi @n@as dann eben so gut erklären liefse. 

Wir kommen nun auf die Worte ray zenevwv vergüv Ev eis Exourı 
— rabaıs. Das Subjekt von &%svrı wären nach der einfachsten Konstruk- 
won freilich die vergoi selbst: aber da dies eine Abgeschmacktheit (und 
selbst wenn man die Familien verstehn wollte, ein albernes Gewäsch) 
wäre; so mufste gleich jedermann das Wort mit den beiden Zöllnern 
verbinden, deren Erwähnung ja auch in dem di’ «örav wiederholt war: 
und, dafs ichs kurz mache auch das folgende «@vS’ 75 rasdvrau Asıreupyias 
bezieht sich auf dieselben, und gibt nun auch dem Ganzen Gehalt und 
Zusammenhang. Acırovpyia heifst in diesen Zeiten weiter gar nichts als 


(1) Sehr befremdlich ist eine Einwendung gegen die Vermuthung dafs der Phaturites 

und der Tathyrites eins seien, welche der Herausgeber des Tochonschen Werkes, J. Saint 
3 ’ 5 ’ 
Martin, aus der Nechutes- Urkunde selbst nimt. Er meint nach derselben habe 
’ 

Ptolemais im Tathyrites gelegen, der also ein weit mehr nach Norden gelegener Kreis 
gewesen sein müsse. Gesetzt dies wäre so, wie half er dann dem Umstand ab, dafs 
Tathyris von Ptolemäus wirklich in die Nähe von Memnon und südlich von Tentyra 
gesetzt wird? Doch die Annahme ist ja ganz irrig. Die Worte +3» Svrwv zur ovrav 2v Iro- 
5 Ja 5 = 
ER, RR u: . R 
Asacrdı gehören zusammen noch zu den Kurialien der Jahres- Bestimmung, worauf der Mo- 


5 
natstag folgt und dann erst alles übrige. Eine Ort-Bestimmung ist dort gar nicht gege- 
ben, weil sie sich aus der Nerinung des Magistrats vom Tathyrites und aus der Lage des 
Grundstücks, in der Feldmark der Memnonier, von selbst ergab. Unmöglich konnte also 
die Scene der Verhandlung in Ptolemais sein sondern nur in oder bei Theben. Ich mufste 
diesen Fehlgriff rügen, weil eine so falsche Vorstellung von jener Urkunde, wenn sie sich 
festsetzen sollte, dem historischen Gebrauch derselben sehr im Wege sein würde; und in 
der That hat sie sich schon festgesetzt, da die trefflichen Französischen Gelehrten, welche 
sich über jene Urkunde geäufsert haben, sie immer den Kontrakt von Ptolemais nennen : 
ein Mifsgriff wozu die Berliner Erklärung durchaus nicht veranlafst hat, wie schon S. 15. 
und S. ı5 f. derselben lehrt. 


104 Burrmann: Erklärung der griechischen Beischrift 


Amt, Dienst. Also, diese Zöllner haben diese Gräber inne, als eine 
Art Sold für ihren Zöllnerdienst. Sie ziehen also einen Vortheil von 
den Personen , welche ihre Todten in diesen Begräbnisstäten begra- 
ben lassen (!). 

"A duugrare mag’ "Ovvudgios red 'Qgev. Das Subjekt kann nur Oros 
der Sohn des Oros sein: und was er gekauft hat, mufs in dem Genitiv 
bei dem obigen #vrs liegen. Also bezieht sich & auf +«& Aoysveueva, von 
welchen Gegenständen wir nur wissen, dafs sie mit der Leichenbestat- 
tung in jenen Memnonien in Verbindung stehn. Oros kauft aber das, 
was er hier kauft, nicht von jenen zwei Inhabern dieser Begräbnis- 
Plätze, sondern von seinem — Bruder oder Vetter — Onnophris dem 
Sohn des Oros. Also sind hier Familien - Besitze und Rechte die ein 
Individuum dem andern überlassen kann: so jedoch dafs dieser Besitz 
untergeordnet ist einem allgemeinern der gesamten Begräbnis - Stäten 
eines Bezirks, welcher von Staatswegen gewissen Personen zuerkannt 
ist, denen daher eine Einnahme von den Verhandelnden zusteht. Und 
von jeder solchen käuflichen Veräufserung bekommt die Staats - Verwal- 
tung, nach Verhältnis des Werthes (öv7e) eine Abgabe: wobei es jenen 
Inhabern , den Zöllnern, obliegt, von jedem solchen Kauf ein genaues, 
von einem andern Beamten, Ptolemäus hier, vidimirtes, die Gegenstände 
samt dem Preis angebendes Verzeichnis einzureichen (r« Asyevausva). 

Und so glaubt Böckh den Zusatz xagıv Tav a. vengav x. 7. A. am 
einfachsten so zu erklären, dafs diese Worte den Grund der Berechti- 
gung der beiden Zöllner zur di@ygapy enthalten. Sie sind Inhaber der 
Gräber; der Kauf betrifft Bestattungs-Gegenstände: daher geben sie an, 
dafs vermöge dieses Rechts-Titels sie die diaygapn gemacht haben und 
nicht ein anderer. In welchem Sinn denn freilich der Gebrauch des 
Wortes x«gıw von dem wie er in der guten Sprache statt findet, auf 
eine jedoch sehr begreifliche Weise abweichet. 

Hätten wir nun hier den Kauf - Kontrakt selbst vor uns, so ver- 
steht es sich dafs der Gegenstand desselben genannt wäre: aber hier ist 
nur die Zoll- Akte. Auch in dieser würde, wenn z.B. was man zu- 


(1) In der vor mir liegenden Abschrift des Pariser Papyrus steht deutlich rasir«ı. Ich 
nehme darauf als auf einen blofsen Fehler keine Rücksicht: denn vom Oros ist durchaus 
nichts im vorhergehenden gesagt, womit man dieses «vu 75 -- verbinden könnte. 


auf einem agyptischen Papyrus. 105 


nächst erwartet, eine Grabstäte gekauft wäre, dieser Gegenstand mit 
einem Worte genannt sein. Man sieht also, es ist hier wenn ich so 
sagen darf eine ganze Bestattungs-Gelegenheit mit ihrem Inventario ver- 
kauft worden, statt welche zu nennen, da es in der Zollakte blofs auf 


den Kaufpreis ankommt, durch den Ausdruck r« Asysucuev@e auf das bei 
den Akten gleichfalls liegende Verzeichnis verwiesen wird. 

Von dem ÖOros unserer Akte müssen wir nun noch bemerken, 
dafs wir itzt schon drei Papyre kennen die sich auf ihn beziehen. Denn 
aufser diesem unsrigen und dem Pariser mit gleichlautender griechischer 
Beischrift, ist unter der Minutolischen Sammlung ne-h einer, auf wel- 
chem, im zugerollten Zustande, auswendig mit griechischen Buchsta- 
ben zu lesen war, Qgss Qgev. Bei der Entwickelung zerfiel derselbe in 
zwei in einander gesteckte Blätter oder Rollen, jedes mit einer ägypü- 
schen Schrift: mit deren Bekanntmachung Spohn itzt beschäftigt ist. 
Oros war also der Besitzer eines solchen Begräbnisses in einem der 
Memnonien bei Theben; und ein Theil der Rollen die kürzlich nach 
Paris und Berlin gekommen sind, sind also ohne Zweifel aus diesem 
Begräbnisse, welches die Araber, wie so viele andre durchstöbert haben, 
genommen und an dortige Europäer verkauft worden. 

Gleich auf die Namen "Owwggws reÜ "Qgev folgt in der Pariser 
Schrift einiges was in der unsrigen fehlt. Ich kann aber auf der vor 
mir liegenden Kopie nur etwas über die Hälfte davon lesen: &v #2 ?5 
L’ASup — ‚im 56sten Jahr, Athyr —”. Vielleicht wird der zu er- 
wartende Pariser Abdruck auch das übrige erkennen lassen. Einst- 
weilen gibt uns das Gelesene wieder eine Zeitbesimmung, nehmlich die 
der Kaufhandlung, und diese stimmt sehr gut, da sie in desselbigen Jah- 
res Monat Athyr fällt der dem Choiak unmittelbar vorhergeht('). 


(1) Ich will über das unleserliche nach dem Namen ’ASvg doch eine Vermuthung auf 
stellen. Es fehlt die Bezeichnung des Monats-Tages: sie mufs also statt der Zahl durch 
Worte ausgedrückt sein. Es steckt also wol in diesen Zügen der besuondre Name des 
Tages, wie wenn wir sagen Johannis- oder Michaelis-Tag. Dafs bei den Aegyptern eine 
dieser entsprechende Sitte gewesen, hatte ich längst bemerkt: sehr befriedigend ist die 
Sache aber von Zetronne in seinen vortrefflichen Recherches S. 166 ff. auseinander gesetzt. 
So im Dekret des Tib. Alexander: Pau: A Isurig Is2esf, und in der Inschrift des Propy- 


lon von Tentyris: OwiS Yalasr. Böckh. 


Hist. philol. Klasse 1824. (6) 


106 Burrmann: Erklärung der griechischen Beischrift 


Es folgen nun die Geldbestimmungen aus Worten, Zahlen und 
Zeichen bestehend. Wir wollen aber zuvörderst nur die ausgeschrie- 
benen Worte und deren Verbindung noch berühren, und alles was Geld 
und Rechnung betrifft zuletzt nehmen. Die Worte xarzed und reAcs 
die in unserm Papyrus undeutlich sind, wurden durch den Parisischen 
gewils. Und so ergab sich auch sogleich, dafs das Wort xaAzc0 mit 
der dabeistehenden Bestimmung die zu &uvyraro gehörige Kaufsumme aus- 
drücken, is aber nebst dem was darauf folgt, in den Zusammenhang 
von Anfang an gehören mufs: reranrıı — "Qges— rercs —. Also: ‚„„Oros 
hat zu bezahlen für den Kaufpreis von so und soviel Kupferwerth, die 
Abgabe von so und so viel”. 

Dicht nach diesen Zahlen folgt die Unterschrift des Oberzollbe- 
amten Lysimachos. Sie war wegen Zusammenziehung der mittern 
Buchstaben in wenig nachlässige Züge auf der Berliner Schrift nicht zu 
erkennen. Die Pariser hat sie deutlich gegeben. Nach diesem Namen 
ist ein Schriftzug, und eben so auf der Pariser Schrift. Aber beide 
Züge sind sich durchaus unähnlich. Der Pariser ist ein 7 mit einem s, 
wie mir scheint, darüber. Vielleicht rerwvrs. . Den unsrigen kann man 
ca, auch wol ag lesen. Vielleicht dpyreiuvns. 

Unsere vierte Zeile die auf dem Pariser Papyrus fehlt, zeigt durch 
Verschiedenheit der Hand, dafs der welcher in der Ersten Person darin 
spricht sie wirklich eigenhändig geschrieben hat. Der Name ’AroAAuwvios 
ist wieder durch flüchtige Schrift unvollkommen. Von dem r habe ich 
oben bei ’AszAnrıadsv gesprochen; das w und v ist in einen einzigen Zug 
zusammen geflossen. 

‘Oo mais rD ygapio red weg: Onas. Von rw: ist das ı deutlich genug 
um das Substantiv, dessen ı einem vu ähnlich geworden (so dafs man 
zuerst wgös red ygadicv lesen wird), zu berichügen. S. die Nechutes- Ur- 
kunde Z. 5. ob wgös rn ayegavonie. Vigerus führt aus Herodian an: 
mgos reis »urıkw, die Schenken. Also ist 5 gs 72 ygapiw der Schreiber; 
und zwar ist er es von dem Thebäischen Nomos. Das Wort egi und 
besonders ©4@«s würden kaum zu lesen sein, wenn die Vergleichung 
mit der zweiten Zeile nicht Gewifsheit gäbe. MereArypa eis dvaygapı. 
An die Stelle des die schnelle Schrift hemmenden N in va ist ein fast 
ganz willkürlicher Schriftzug getreten, den nur die Nachbarschaft kennt- 


auf einem ägyptischen Papyrus. 107 


lich macht. "Avaygabn ist die Aufzeichung, Einregistrirung der Hand- 
lung, wozu dem Schreiber diese Akte mitgetheilt worden (uersirnde) (1). 
Von der Form des £ in Tu@/ habe ich schon oben gesprochen. Der 
Tybi folgt auf den Choiak. 

Also geschah der Kauf im Athyr. Der neunte des folgenden Mo- 
nats Choiak war dem Käufer anberaumt zur Entrichtung der Steuer 
davon: und sechsundzwanzig Tage darauf, den 5. Tybi, erfolgte die 
Einregistrirung. Wahrscheinlich galt diese und die Vermerkung dersel- 
ben unter dieser Schrift, als Quittung. 

Nachdem ich auf diese Art hauptsächlich von grammatischer Seite 
dem Zusammenhang und Sinn des Ganzen beizukommen gesucht hatte, 
übergab ich mein Resultat meinem mit Gegenständen des Geschäftsgan- 
ges bei den Alten weit vertrauteren Freunde Böckh: der denn meine 
Darstellung in mehren Punkten modificirte. Obwohl ich nun wenig 
Bedenken trage diese Modificationen gröfstentheils anzunehmen, so habe 
ich es doch für besser erachtet, bei einem Gegenstande der so mit einem- 
male zur Gewifsheit nicht gebracht werden kann, den Leser denselben 
Weg gehn zu lassen. Ich habe daher nur in Nebenpunkten Böckh’s 
Bemerkungen und Zusätze oben überall gleich beigefügt, und trage nun 
das vor, was das Ganze betrifft. 

Dafs diese Beischrift dem Inhaber als Quittung dienen mulfste, 
stellte sich mir, so bald ich nur einigen Blick in den Zusammenhang 
geworfen hatte, gleich dar; da sonst der Zweck einer solchen Beischrift 
auf einer, wie man deutlich sieht, von dem Oros sorgfältig bewahrten 
Schrift, nicht zu begreifen war. Eben so fühlte ich, dafs dies nicht 


(1) Böckh zweifelt, ob nicht aroygepy zu lesen sei. Er meint Apollonius sei der 
Oberschreiber, der diese von anderer Hand, nehmlich von einem seiner Leute, sauber 
geschriebene Kopie, statt unseres in fidem copiae, so unterzeichne uersiände eis aroygaprv 
gls. „ich habe zu der Abschrift theilgenommen” d. h. habe sie besorgt: und dann möchte 
das Pariser Exemplar, wo dieser Beisatz nicht ist, das Original sein. Er erkennt aber 
auch an, dafs ein anderes Verhalten der Sache und der Exemplare gedacht werden kann. 
Ich kann mich von der Lesung «veygcpr noch nicht trennen. Nicht dafs der wunder- 
liche Schriftzug der weder ein II noch ein N ist, nicht beides sein könnte; sondern weil 
ich in dem rückwärtsgehenden spitzen Winkel vor dem y ein deutliches « erkenne; von 
dem o hingegen keine Spur; da dies doch nur dann zu verschwinden pflegt wenn es am 
Ende eines vorragenden Striches hangen soll. 


©! 2 


108 Burrmann: Erklärung der griechischen Beischrift 


füglich anders der Fall sein konnte, als wenn die ganze Schrift eine 
Art Protokoll war. Nach meiner von dem Worte rerazrau gefafsten 
syntaktischen Ansicht, konnte sie aber nur eine vor dem Termin, 
worauf es ankam abgefafste Schrift sein; und so konnte sie freilich 
nur durch die unterste später geschriebene Zeile, mit gewissen nicht 
eben wahrscheinlichen Voraussetzungen, Quittungskraft erhalten haben. 
gen gibt zwar zu, dafs das Perfekt rerezraı zu dem Datum 


5 
und zu dem äri ryv — ungefähr in der Beziehung stehe die ich oben 


Böckh hinge 


dargelegt habe; aber dem Gedanken nach bezieht er es nicht zunächst 
auf die zu entrichtende Summe, sondern auf den Mann und das ihm 
anbefohlene Erscheinen (allerdings zur Entrichtung der Steuer) an je- 
nem Termin und in dem Zollamte. Freilich fehle, grammatisch be- 
trachtet, auch so eigentlich die Erklärung, dafs er auch erschienen sei: 
es lasse sich aber wohl denken, dafs wenn in einem Protokoll, dessen 
vorausgeschickte Zeitbestimmung nothwendig auf den Tag der Verhand- 
lung gehe, es heifse "Nges reranraı Eri ryv — roaredav, dies (wenn nicht 
etwan ausdrücklich hinzugefügt wäre, dafs er nicht gekommen sei) eben 
so viel gegolten, als wenn es hiefse, TETRIAEVOS mügesı „es stellt sich der 
erhaltenen Anweisung gemäfs Oros in dem Amte”(!). Alles übrige fügı 
sich dann eben so wie ich es oben gestellt habe; nur dafs man in sol- 
chen Abfassungen nicht syntaktisch vollständige Ausdrücke erwarten 
mufs. Die Worte also, «vis ‚‚von dem Kaufpreise” und recs... ‚an 
Steuer so und so viel” verbinden sich eben so gut mit reraxru emi ryy 
roameLav ; weil dieser Satz den Begriff, dafs er dahin zahlen mufs, noth- 
wendig in sich schliefst. 

Was nun diese Böckhische Darstellung theils bestätigt, theils 
neues Interesse ihr leiht, ist die von demselben entdeckte merkwürdige 
Uebereinstimmung unserer Schrift mit der Nebenschrift zu dem von 
ihm erklärten Kaufbriefe des Nechutes. Auch diese nehmlich ist 
offenbar ein solches als Quittung dienendes Protokoll; aber viele Stellen 


(1) Den Gebrauch des &rı rrv Tocmegav, wie er sowohl in meine erste Darstellung 
als in diese von Böckh gefafste pafst, belegt derselbe durch Stellen aus Demosthenes 
wie c. Apatur. p.900, 14. dmossoyswn 70 Emı ryv rocmeSav Ygews „die dahin zu zahlende 
Schuld” und ebend. 895, ı5. +75 &yyüns rs Emı ryv FocemeLcv „die Bürgschaft vermöge 
welcher man für die Bezahlung an die Wechselbank haften mufs ; r365 rrv rguregav 895, 27- 


\ auf einem agyptischen Papyrus. 109 


waren wegen des höchst undentlichen Gekritzels und unerrathbarer Ab- 
breviaturen gar nicht zu entzilfern. Die Bemerkung, dafs einige Worte 
und Wortfragmente gerade so auf einander folgen wie in unserer Schrift, 
warfen auf einmal Licht auf mehre andere: und so gelang es ihm, den 
gröfsten Theil durch Fortsetzung der Vergleichung vollends zu enträth- 
seln; was er mir aufgetragen hat, hier als Nachtrag zu seiner Erklä- 
rung beizubringen. 

Am spafshaftesten ist das Schicksal des in Berlin zur Welt ge- 
kommenen Aegypters Xurreiprs, welcher der Viertheilung nicht hat ent- 
gehen können. Das darauf folgende üreyga. "Hgaxrsiöns avrıyga. zeigte nehm- 
lich, dafs, wie in unserer Oros-Schrift, so auch hier öß’ #, vorher- 
gehe: und da dort, noch weiter zurück , die Worte stehn zar« Hayga- 


bnv A. zal Z. reAuvav, so ergänzte sich nun auch hier augenscheinlich zur« 
wa 


A 
TE 


Hülfe kein Mensch hätte errathen können, dafs blofs Xw der Name ist: 


daygadnv üd „» —; woraus sich nunmehr ergab, was ohne diese 
wenn man will, als Abkürzung; vielleicht aber auch ein ägyptischer 
Name, Xws Gen. Xw; das darauf folgende aber reruvov heifst. Doch 
wir wollen nun von vorn anfangen. Gleich auf die Zeitbestimmung, 
"Erws ıB od u SF, BaguuSi solls folgt nach ein paar kleinen Zügen 
ganz deutlich &ri r7v (nicht wie wir früher zu lesen glaubten &mı 77s); 
dann folgt etwas unleserliches; und zu Anfang der folgenden Zeile 


5 
hatte Böckh schon früher die Sigla der Silbe g« erkannt. Mit Sicher- 
heit liest er itzt wenigstens soviel: ...eri TH... TOQ. (das heifst roamedav) 
&b’ 95 Aus... und dann das obige zar« aygapnv Xu reAuvou üp” Yv Ümo- 
ygadeı Hoarreidns 5 dvruygapeis: alles also selbst buchstäblich entsprechend 
den Worten in unserm Öros - Protokoll: denn der Artikel 5 vor wrı- 
Yoaevs war, als ein blofser Punkt, bei der ersten Entzifferung übersehn 
worden: die Abkürzungen Uroyga. und @vrıyga. aber, welche Böckh 
schon damals richtig beurtheilt hatte (S. 55.), ergänzen sich nun mit 
Sicherheit; wobei es nicht überflüssig ist zu bemerken dafs in dem Pa- 
riser Exemplar unserer Schrift grade auch iroyga. und avrıyge. eben so 
mit darüber stehendem « abgekürzt ist. 

Vergleichen wir nun auch die noch übrig bleibenden undeutlichen 
Stellen mit unserm Oros-Papyr, so entspricht die zwischen baguvSi x 
und &ri ryv — dem reraxraı: aber ich kann in dem was da zu sehn ist, 


110 Burrmanns: Zrklärung der griechischen Beischrifi 


auch als Abhreviatur genommen, was es ohne allen Zweifel ist, keine 
Spur von jenem Worte erkennen; und nehme also an dafs hier ein 
andrer technischer Ausdruck zu gleichem Zweck gestanden. Die Cha- 
raktere zwischen &mı rzv und roameLav entsprechen dem &v Aurora 7 
seyary. Auch hier will es nicht gelingen weder & @ErRaıs, noch ®- 
RBatav, noch & Barugeı zu lesen: die Buchstaben «9 stehn, auf unserer 
Abschrift wenigstens, zu klar da(!). Zwischen &p’ 4 As. und zera die- 
ygupyv stehn Zeichen und Züge die durchaus unerklärlich waren, bis 
die Vergleichung des Oros-Protokolls ergab dafs sie grad an der Stelle 
stehn, wo dort eixosys &yzuzAlou: wiewohl diese Worte selbst sich nicht 
darbieten wollten. Wir werden sie also gleich nachher mit den übri- 
gen Geldsachen behandeln. 

Dafür will ich einstweilen den Namen des Beamten vervollstän- 
digen. Ich lese Av und deute ihn, mit dem Abkürzungszeichen dar- 
über, Aucvusıcs. Dasselbe N haben wir in der vierten Zeile in Neyeurns 
und in rcrov und weiterhin mehrmals. 

Wir kommen an den Schlufs dieses ersten Absatzes, wo wvns 
deutlich steht. Böckh meinte das wv7s unseres Papyrs zu erkennen: 
aber dies steht dort im zweiten Absatz, der mit dem Namen Oros be- 
ginnt; und eben so könnte er auch hier schwerlich anders als nach dem 
Namen des Nechutes angebracht sein. Dazu kommt dafs zwischen @v- 
rıyga. und wvys noch etwas steht, was ich weder für die Endung eus 
noch für 775 erkennen kann, zwischen welchen beiden Erklärungen 
Böckh ungewifs war. Ich lese dvriyganeus reruvns, welches letzte Wort 
hier ausgeschrieben ist, weil Platz übrig war, da der Schreiber mit 
dem Namen der Haupt-Person Neyeirns die neue Zeile anfangen wollte. 
Wir werden dieselbe Sigla fe für rer unten noch nachlässiger geschrie- 
ben finden, wo auch Böckh sie schon erkannt hatte. 


(1) Auf dem weiter unten von mir anzuführenden neu entwickelten Papyrus ist in 
demselben Zusammenhang zu lesen &mı syv Ev "EguevSsı rgeregav: es ist daher uns beiden 
sogleich sehr wahrscheinlich geworden dafs auch hier &v «x mit dem Abkürzungszeichen 
darüber so zu ergänzen sei. Hermonthis war der Hauptort des zunächst an Memnonium 
grenzenden Nomos, und zwar von der Südseite: also grade wohinzu das Grundstück lag. 
Wir können unmöglich über die Anlässe urtheilen wegen derer ein solches Steuer-Ge- 
schäft an eine Zollstäte im eignen oder im benachbarten Nomos verwiesen war. 


auf einem agypüischen Papyrus. 111 


Die syntaktische Grundlage des ganzen Zusammenhangs läfst sich 
von diesem Nechutes- Protokoll noch nicht angeben, so lange wir nicht 
wissen was oben, statt des in unserm Papyr zu lesenden riraxraı steht. 
Ich mache nur noch aufmerksam darauf, dafs in dieser Nebenschrift, 
die vorzüglich für das Auge eingerichtet sein mufste, nicht nur, wie 
oben bemerkt, Nechutes die vierte, sondern eben so die andre Haupt- 
person, Pamonthes, die siebente Zeile beginnt, da doch in der sech- 
sten zu Ende Platz genug war.— Noch mufs bemerkt werden, dafs wo 
Böckh die ungewöhnliche Form EwvySn zu lesen geglaubt hatte, das von 
Bekker anerkannte &wv#raro nunmehr durch unsere Schrift bestätigt ist, 
und auch von Böckh anerkannt wird. 

In der Namens-Unterschrift haben Böckh und ich unabhängig 
von einander die Abbreviatur Aı. erkannt. Es ist nehmlich ein in zwei 
Stücke zerfallenes A mit einem ı darunter. Also die Sigla jenes Auvi- 
rıcs, der an der hier genannten ToameLa war, so wie an jener andern 
Lysimachos. Und auch davon hat Böckh mich überzeugt dafs das ne- 
ben dieser Sigla stehende rg mit einem Zug darüber rgareZirrs zu lesen 
ist; was also hier die Benennung eines Beamten zu sein scheint, da es 
sonst nur den an seiner eignen rg«refa sitzenden Wechsler bezeichne:. 
Auf keinen Fall läfst sich diese Sigla mit den beiden vergleichen die 
wir oben beim Lysimachos gesehn haben. 

Was nun endlich die Rechnungs-Gegenstände betrifft, so hatte 
natürlich die von Böckh entdeckte Uebereinsiimmung der beiden Pro- 
tokolle auch eine neue Betrachtung der in der Nechutes- Urkunde befind- 
lichen Zahlzeichen veranlafst. Und so ergab sich zuvörderst dafs in dem 
eigentlichen Kaufbrief, wo wir zu lesen geglaubt hatten xarzed veuis- 
narcs XA, was die freilich befremdliche Summe von sechshundertundeinem 
Stück Kupfermünze gab, das was wir für ein X hielten dieselbe Sigla 
sein soll, welche in der Oros-Schrift nach dem Worte xaAzsd zuerst 
steht: ferner, dafs in der Nebenschrift dort nicht XZA zu lesen ist, son- 
dern über dem X ein « steht: also xarzed: worauf das was uns ein Z 
schien, wieder die eben erwähnte Sigla ist, nur auf eine andere Art 
verzogen, auch wol in der uns zugekommenen Abschrift noch mehr 
entstellt: wie von diesem allen ein jeder durch Vergleichung der drei 
Schriften (den beiden von Nechutes, und der unsrigen) sogleich sich 


112 Burrmann: Erklärung der griechischen Beischrift 


überzeugen wird. Ohne Zweifel ist nun diese Sigla ein Gewicht das 
durch das darauf folgende Zahlzeichen bestimmt wird ; in der Nechutes- 
Urkunde durch ein A, bei uns aber durch ein deutliches T. Folglich 
haben die Gegenstände von Oros Kauf dreimal soviel gekostet als das 
Grundstück des Nechutes: welches uns auch nicht wundern kann, da 
jene Gegenstände unbekannt sind, und ÖOros zu einer reichen mit präch- 
tigen Begräbnissen prangenden Familie gehört haben kann, das Grund- 
stück aber ein Stückchen unbebautes Land von wenig mehr als zwei- 
hundert Fufs Länge und einhundert Fufs Breite war; vermuthlich eine 
kahle Baustelle. 

Nun folgt in der Nebenschrift von Nechutes eine Abkürzung 
mit einem X. Böckh hat das schnellgeschriebene reis; darin erkannt, das 
auch in der Oros-Schrift gleich auf die Kaufsumme folgt, und wo- 
von wir die Silbe rer so geschrieben nun zum viertenmal sehn. Also 
entspricht das reress X in der Nechutes-Schrift dem r&Acs.. tvaxcrias.. in 
der Oros - Schrift: und es kommt also nur noch auf die Erklärung auch 
dieser Zeichen oder Siglen an. 

„Aus dem bis dahin enthüllten”, sagt Böckh, ‚,‚ist soviel schon 
„völlig klar, dafs die Nebenschrift der Nechutes- Urkunde ein Proto- 
‚„‚koll ist über die bezahlte Abgabe von dem verkauften Grundstück 
„und zugleich die darüber gegebene Bescheinigung: wonach also das- 
„„jenige zu modificiren ist was in der Erklärung jener Urkunde S. 54. ge- 
.„‚sagt ist, und damals nicht anders gestellt werden konnte, da es un- 
‚„‚möglich war aus den dunkeln Schriftzügen irgend etwas von einer 
‚„‚bezahlten Kaufsteuer zu errathen. Uebrigens wird man noch bemer- 
‚ken, dafs nach beiden Aktenstücken die Steuer von dem Käufer er- 
„legt wird”. 

Soweit waren wir in unsern Entzifferungen gekommen, als ein 
neues Licht sich aufthat. Bei der fortgesetzten '‘Aufrollung von Minuto- 
lischen Papyren auf der Königlichen Bibliothek war wieder eines an den 
Tag gekommen, das eben so wie das von Oros, unter einer ägypü- 
schen Schrift ein griechisches Protokoll enthält. Die Entzifferung des 
Ganzen ist mir in dem Augenblick da ich dies schreibe noch keines- 
weges gelungen, ‘aber natürlich bot sich sogleich das übereinkommende 


5 
im Schema mit jenen beiden andern Protokollen dar, und dies war 


auf einem agyptischen Papyrus. 113 


hinreichend um über die noch zweifelhaft gebliebenen Geldpunkte soviel 
Aufschlufs zu geben, dafs — noch ehe jener neue Papyr dem Publi- 
kum mitgetheilt werden kann — dieses Ergebnis hier noch beigebracht 
werden muls. 

Es ist dort auch von Kauf und Abgabe die Rede; alle darauf sich 
beziehende Benennungen sind dieselbigen wie im Oros - Protokoll; und 
in dem Zusammenhang wo dort eizes7s &yzurAcv steht, steht hier x &yx 
mit Abkürzungszeichen darüber. Also dasselbe. Ferner liest man in 
dem neuen Papyr unten bei den Geldbestimmungen eEuroTias, worauf 
derselbe vorwärts geneigte Strich und ein % folgt. Da nun dies die 
Ziffer der Zahl sechshundert ist, so ergab sich sofort dafs das an der- 
selben Stelle im Oros-Papyr stehende Zahlzeichen, das durch den dort 
allzudicht davor stehenden Strich nur räthselhafter erschien, eine Form 
des Episemon Sanpı 3 = neunhundert ist; und wir also hier schon den- 
selben bei uns üblichen Gebrauch vor uns haben, die Summen in öflent- 
lichen Schriften durch Zahlwörter und Zahlzeichen oder Ziffern neben- 
einander auszudrücken. Der schräge Swich dazwischen ist unser „‚sage”. 

Der Kaufpreis im Oros - Protokoll ist, wie wir gesehn haben 
durch die Zahl 5 bestimmt, im neuen Papyr ist es die Zahl 2 mit 
derselben Sigla ; also richtig dasselbe Verhältnis wie zwischen der bei- 
desmaligen Abgabe: neunhundert — sechshundert: und von der Einheit 
im Kaufpreis ist also die Abgabe dreihundert kleinere Einheiten. Da 
nun in beiden Dokumenten die Abgabe der Zwanzigste ist, so folgt 
dafs die grofse Einheit sechstausend mal die kleine ist. Dies ist aber 
das Verhältnis vom Talent zur Drachme. So enträthselt sich nun 
alles. Zu &vexerias und zu E£uxeries gehört, was diese Endung schon er- 
warten liefs, das Substantiv ö&gayuac. Die erste Sigla vor der Zahl drei 
(im neuen Papyr zwei) ist ein A mit dem Strich eimes 7 darüber: Ta- 
Aavrov: welches Gewicht sonst, wie man bei Montfaucon sehn kann, 7? 
bezeichnet wird. Die andre Sigla aber vor zvazerias (neu. Pap. Efuxeries) 
ist das Drachmen-Zeichen, wofür man ein sehr ähnliches, nur rechts 
gedrehtes, bei Eisenschmid finden wird, das man aus Az entstanden 
glaubt. Also ist der Kaufpreis in unserer Akte drei Talente Kupfer 
oder (wie es in der Nechutes-Akte vollständiger heifst) Kupfermünze; 
und die Abgabe davon neunhundert Drachmen desselben Metalls. 

Hıist. philol, Klasse 1824. P 


114 Burrmann: Erklärung der griechischen Beischrift 


Gehn wir hiemit zu der Nechutes - Akte, so ist der Kaufpreis 
dort ein Talent Kupfermünze und die Abgabe 4: denn der Schreiber 
des Protokolls hat die Zahl dort blofs durch die Ziffer ausgedrückt: 
also sechshundert Kupferdrachmen von einem Kupfertalent, welches das 
doppelte von jener Abgabe, also der Zehnte ist. Doch dies geht nicht 
blofs aus der Rechnung hervor: es steht da. In dem neuen Papyr ist, 
wie oben erwähnt, die eizosn bezeichnet durch ein x, und dieses hat ei- 
nen Aufsatz, der ein rechtshin geschweifter krummer Stwich ist. Ver- 
gleichen wir die Züge an derselben Stelle des Nechutes-Protokolls, so 
finden wir vor einigen Buchstaben, worin man nun unschwer die schlecht- 
geschriebene Abbreviatur &yx erkennen wird, einen langen gewundenen 
Strich, dessen oberste Hälfte ebenfalls rechtishin geschweift ist: sehn 
wir diese obere Hälfte als den mit der Zahl (durch den Schreiber oder 
Abschreiber) in eins gezogenen Aufsatz an, so bleibt unten ein ı, zu 
gleichem Zweck wie dort das z. Also: dexzarys EyzunAiou. — Einen Grund 
zu dieser Verschiedenheit der Abgaben von jenem und diesem Kauf 
müfste man itzt nur rathen: er wird sich vielleicht befriedigend ergeben 
wenn wir erst mehr Fälle vor uns haben. 

Es wird nicht unzweckmäfsig sein nun auch das Steuer - Protokoll 
des Nechutes noch einmal vollständig, mit Andeutung des wenigen was 
noch unleserlich oder zweifelhaft ist, hieher zu setzen. 

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Böckh macht bei diesen Dokumenten noch die einleuchtende 
Bemerkung dafs die Kupfermünze und das Kupfer-Talent, die wir hier 
im gewöhnlichen bürgerlichen Verkehr allein sehn, ihre sehr natürliche 


auf einem agyptischen Papyrus. 115 


Erklärung finden in dem alles Verhältnis übersteigenden,, von Athenäus 
u.a. uns geschilderten Luxus der Ptolemäer. An ihrem Hofe und des- 
sen nächsten Umgebungen war alles Gold und Silber ihres Reichs: ihre 
Pracht und ihr Wolleben war die Frucht von Erpressungen, die im 
Innern ihres Staats einen Zustand bewirkten dessen treues Symbol die- 


ses Kupfergeld war. 


Erst nachdem ein Theil dieses Aufsatzes schon gedruckt war, wurde 
ich darauf aufmerksam, dafs von dem bald anfangs erwähnten mit dem 
unsrigen übereinsimmenden Pariser Papyrus eine vorläufige Notiz 
schon gegeben ist von J. Saint- Martin in dem Journal des Savans von 
1822. p.560. Da, wie wir schon bemerkt haben, jene Schrift viel un- 
leserlicher ist als die unsere, so hat Hr. S. M. sie nur zum Theil lesen 
können und mit Irrungen, die zu vermeiden uns leicht war. Wir er- 
wähnen nur noch, dafs derselbe aus der Jahreszahl über das Datum der 
Schrift eine zwiefache Meinung aufstellt, wozwischen er ungewils bleibt. 
Die eine davon ist die auf Euergetes II. gehende, welche von ihm im 
wesentlichen auf dieselbe Art historisch entwickelt worden ist wie von 
uns; und welche wir allein vorgetragen haben, einer Angabe von Spohn 
einstweilen vertrauend, über deren Zuverlässigkeit sich hoffentlich bald 
wird urtheilen lassen. 


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Vergleichende Jergliederung des Sanskrits und 
der mit ihm verwandten Sprachen. 


Erste Abhandlung. 


Von den Wurzeln und Pronominen erster und zweiter Person. 


«Von 


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[Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 24. April 1855.] 


E nächstem Grade der Verwandtschaft zu der Sprache, welche wir 
jetzt als die geheiligte der Indier, unter dem Namen der vollkommenen, 
Sanskrita, kennen, und welche in den Zeiten des höchsten Alterthums 
eine weite Verbreitung im Orient gehabt haben mag, stehen vor allem die 
Griechische und Lateinische unter den Sprachen des alten, die Germani- 
schen Mundarten unter denen des neuen Europas, und unter den Asia- 
tischen Sprachen die Persische. Die Uebereinstimmung dieser Sprachen, 
und was auflallend ist, am meisten die der genannten Europäischen mit 
dem Sanskrit, ist so innig, so tief in die feinsten Gewebe der frühesten 
Sprachentwicklung eingreifend, dafs es beinahe leichter scheint, ihre 
mannigfaltigen Berührungspunkte aufzudecken, — die bis zu dem min- 
der Wesentlichen, bis zu dem was man für specielle Dialekteigenheit 
halten möchte, ja oft bis zu den ungeregelten Abweichungen von dem, 
als in dem 


was die allgemeine Analogie erwarten läfst, sich erstrecken, 
Formen-Vorrath der einzelnen Sprachen vieles unwidersprechlich Eigen- 
thümliche aufzufinden, was sich nicht entweder unmittelbar, oder durch 
mehr verdecktliegende Mittelglieder dem Gemeingute anreihen liefse. 
Neben den obengenannten Sprachen gibt es andere, die zwar nicht in so 
durchgreifendem Verhältnisse zu dem Sanskrit stehen, aber noch gerade 


118 Borr: Yergleichende Zergliederung des Sanskrüs 


in denjenigen Theilen ihres Baues, die am meisten der Veränderung und 
Umgestaltung trotzen, und worauf also bei Verwandtschaftsbestimmungen 
am meisten ankömmt, die unzweideutigsten Beweise ihrer Abstammung 
aus einerlei Quelle darbieten. Es sind dieses die Lithauische, Lettische 
und Alt-Preufsische Sprache, und die verschiedenen Slawischen Mundar- 
ten. Diese Sprachen theilen nicht nur viele der wesentlichsten Berüh- 
rungspunkte der erstgenannten mit dem Sanskrit, sondern bieten deren 
auch solche dar, welche jenen entgehen, und diese besonderen Ueber- 
einstimmungen mögen zum Theil daher kommen, dafs die Völker, welche 
den nordöstlichsten Theil von Europa bewohnen, in viel späteren Zei- 
ten ihre Asiatischen Ursitze verlassen haben, zu einer Zeit, wo die Asia- 
tische Stammsprache durch Veränderungen und neue Gestaltungen sich 
mehr dem Zustande genähert hatte, in welchem sie unter dem Namen 
Sanskrita bekannt ist. Das Griechische und Lateinische bieten nicht 
selten Formen dar, welche gröfseren Anspruch auf die Aufbewahrung 
der Urgestalt machen können, als die entsprechenden des Sanskrits ; 
welches mitunter aus den Wohllautsgesetzen sich erklären läfsı, die in 
allen Sprachen im Laufe der Jahrhunderte sich ändern, und nothwen- 
digerweise eine veränderte Gestalt der grammatischen Formen veranlas- 
sen, von welcher man, ohne diese Berücksichtigung, keine Rechenschaft 
zu geben vermag. Die Indischen Grammatiker haben die euphonischen 
Einwirkungen der Endungen und Suffixe auf die Endbuchstaben der 
Stämme oder Wurzeln, welchen sie sich anschliefsen, so wie die des 
Anfangsbuchstaben eines Wortes auf den Endbuchstaben des vorherge- 
henden, genau beobachtet und vollständig entwickelt; allein so weit gin- 
gen diese Grammatiker nicht, dafs sie die grammatischen Formen selbst 
als unter dem Einflusse der Wohllautsregeln erzeugt oder umgestaltet 
betrachteten. Dieses kommt daher, weil sie sich nicht mit dem Ur- 
sprunge der grammatischen Formen befafsten. Es genügte ihnen z.B. 
zu wissen und anzugeben, dafs an die dritte Pluralperson in verschie- 
denen Zeitformen bezeichne. Woher dieses an komme, was es in die- 
ser Gestalt bedeute, darnach fragten sie nicht. Hätten sie darnach ge- 
fragt, so lag es wohl in dem Bereiche ihrer Mittel zu ergründen, dafs 
an für ant stehe, und zwar in Folge einer in ihrer Sprache zum Ge- 
setze gewordenen Gewohnheit, von zwei Endconsonanten den letzten ab- 


und der mit ihm verwandten Sprachen. 119 


zuwerfen, was auch immer seine Bedeutung sei ('). Ich glaube indessen, 
dafs solche Wohllautsgesetze erst zu einer Zeit ihre volle Krafı gewin- 
nen konnten, als die wahre Bedeutung, oder der Grund der Bedeutung 
grammatischer Formen nicht mehr ganz lebendig ergriffen wurde. Je 
weiter die Sprachen von ihrem Ursprunge sich entfernen, desto mehr 
gewinnt die Liebe zum Wohllaut an Einflufs, weil sie nicht mehr in 
dem klaren Gefühle der Bedeutung der Sprachelemente einen Damm 
findet, der ihrem Anstreben sich entgegenstellt, und weil die gleichsam 
in der Lebensfülle der Sprache wie organisch entsprofsten Aeste und 
Verzweigungen nach und nach absterben, und zu einer todten Masse 
geworden, abgelöst werden können, ohne dafs dieser Verlust von dem 
noch lebenden Körper gefühlt wird. 

Das Wohllautsgeseiz, von zwei Endceonsonanten den letzten ab- 
zuwerfen, welches in der Sanskritsprache viel gröfseren Einflufs hat, als 
man ın den bestehenden Grammatiken erfährt, und woraus viele als ge- 
setzlose Willkühr erscheinende Fälle erklärt werden müssen, wird von 
dem Lateinischen nicht anerkannt, denn es hat nt in der dritten Plural- 
person, mit dem dieser Person sehr wesentlichen 2 (2). Im Griechischen 
entspricht zwar die Endung cv dem Alt-Indischen an, aber durch Ver- 
anlassung eines anderen Wohllautsgeseizes; denn das Griechische duldet 
zwei Consonanten am Ende eines Wortes, insofern der letzte von bei- 
den zu denjenigen gehört, die überhaupt (auch einzeln) am Ende stehen 
können, welches in Bezug auf das r nicht der Fall ist. Auch die San- 
skritsprache duldet, ohne jedoch hierin so weit zu gehen als die Griechi- 
sche, manche einfache Consonanten selten, andere niemals, am Ende ei- 
nes Wortes, und hieraus erklären sich wiederum viele grammatische Er- 


scheinungen, die ohne diese Berücksichtigung im Widerspruch mit der 


(1) Es mufste also in Folge dieses Wohllautsgesetzes von ant gerade das wesentlichste 
Element, nämlich das die Person bezeichnende, wegfallen, und es blieb nur das den Plural 


von dem Singular unterscheidende z übrig. 


(2) Mehre der älteren Germanischen Mundarten erkennen dieses Gesetz nur theilweise 
an, denn in der dritten Pluralperson des Präteritums haben sie allerdings, in Ueberein- 
stimmung mit dem Sanskrit, ein blofses n, indem der Personalcharakter fehlt; allein im 
Praesens Indic. hat das Gothische, nd, das Alt- und Mittel- Hochdeutsche, die Urform in 
dieser Beziehung noch treuer aufbewahrend, nt. 


120 Borr: Fergleichende Zergliederung des Sanskrits 


- 


allgemeinen Analogie stehen würden. Zu den ÜConsonanten, welche am 
Ende eines Wortes dem Indischen Ohr keinen angenehmen Eindruck 
machen, gehört z.B. das n; man findet es zwar am Ende, aber, wenn 
man hierauf achtet, meistens nur da, wo ursprünglich noch ein anderer 
Consonante darauf folgte, und wo es der Geist des Wohllautes nicht 
vermochte, zwei Laute zu verdrängen, sich begnügend, dafs ein ande- 
res Gesetz seine Kraft behalte, nämlich dasjenige, welches von zwei 
Endeonsonanten den letzten ausstöfst; so heifst z.B. ahan entweder er 
ıödtete, für ahant, oder du tödtetest, für ahans. Da es aber im 
Sanskrit sehr früh zum Prinzip geworden zu seyn scheint, den Nominen, 
welche mit Consonanten enden, im Singular-Nominativ kein Casuszeichen 
beizufügen, so wird bei denjenigen, welche auf z ausgehen, dieser End- 
laut im Singular- Nominativ abgeworfen ('). Die Lithauische Sprache 
bietet in diesem Punkte eine höchst auflallende Uebereinsimmung mit 
dem Sanskrit dar, denn wenn man in dieser Sprache ebenfalls eine 
Grundform annähme, zu welcher der Nominativ wie die übrigen Casus 
als abgeleitet sich verhielte, so mülste z. B. akmen (Stein) als eine 
solche Grundform angesehen werden. Im Sanskrit hat asman (mit pa- 
latinem s, welches gerne in A übergeht) (?) dieselbe Bedeutung, und bil- 
det mit Abwerfung des schliefsenden 2 im Singular - Nominativ asmä. 
Im Lithauischen kommt von akmen der Singular-Nominativ akmu. In 
allen übrigen Casus tritt in beiden Sprachen das hier abgeworfene z wie- 
der hervor, so lautet im Dual der Nominativ asmänau im Sanskrit, 
und akmenu im Lithauischen, im Plural asmänas ım Sanskrit, und ak- 
menys im Lithauischen. Ich brauche hier nicht zu bemerken, dafs 
auch die Lateinische Sprache die Abwerfung des zn am Ende der Wör- 


(1) Im Vocativ, welcher gewöhnlich mit der Grundform identisch ist, hat sich jedoch 
das r nicht verdrängen lassen, auch steht nz als Casuszeichen im Pluralaccusativ der Mascu- 


linen, deren Grundform mit einem kurzen Vocal endet. 


(2) Das palatine s wird mit einer sanften Aspiration ausgesprochen, und nach bestimm- 
ten Wohllautsregeln in # verwandelt, z. B. die Wurzel Dris bildet mit Yjami-drak- 
schjdmi, ich werde sehen, und zeigt hierdurch ihre Verwandschaft mit dem Griechi- 
schen ö2gzw. Schlegel führt in seiner Indischen Bibl. B. ı. S.522. noch mehre andere 
interessante Beispiele an, wo ein sanskritisches palatines s im Griechischen durch #, und 


im Lateinischen durch ec vertreten wird. 


2 


und der mit ihm verwandten Sprachen. 121 


ter liebt, woher sich z. B. sermo aus der Grundform sermon erklärt. 
Auch glaube ich behaupten zu dürfen, dafs in den Germanischen Mund- 
arten bei der schwachen Deelination die Bildung des Nominativs auf 
dem Prinzip der im Sanskrit, Lithauischen und Lateinischen herrschen- 
den Neigung zur Abwerfung eines schliefsenden z beruht. Dieses n ge- 
hört zwar, sammt dem ihm vorhergehenden Vocal, niemals zur eigent- 
lichen Wurzel, es gehört aber zur Grundform des Nomens, und schliefst 
dessen Ableitungssuflix, wie z.B. ın dem Sanskritischen Worte rädschan, 
König (Nominat. rädschä), und in dem Lateinischen action (Nom. actio), 
das schliefsende z nicht der Wurzel, sondern dem Ableitungssuflix an- 


gehört (!). Doch möchte ich nicht unbedingt behaupten, dafs diese in 


(1) Die Maseulina und Neutra haben die Unregelmäfsigkeit, dafs der dem n vorherge- 
hende Vocal veränderlich ist, so dafs ım Gothischen der Genitiv und Dativ Sing. eine an- 
dere Grundform als die übrigen Casus darbieten. Das Femininum ist in dieser Beziehung 
einfacher, von der Grundform daurön, z.B. kommt der Nominat. daurö und alle obli- 
quen Casus. Sollte man fragen, warum bei der schwachen Deelination der Singularnomi- 
nativ das schliefsende z nicht ertrage, während es doch dem Dativ und Aceusativ, ebenfalls 
am Ende, erhalten bleibt, so glaube ich, dafs der Grund in nichts anderem liege, als dafs 
diese Casus ursprünglich mit den ihnen zukommenden Endungen versehen waren, die das n 
der Grundform vor seinem Untergang schützten. Der Nominativ aber entbehrte bei den 
meisten Wörtern auf z schon von Anbeginn eines Casuszeichens. Im Sanskrit ermangeln 
alle mit Consonanten endigende Wörter des den Singularnominativ charakterisirenden s, so 
dafs dieser Casus entweder mit der Grundform identisch ist, oder nur durch Befolgung der 
Wohllautsgesetze sich von derselben unterscheidet. Im Griechischen, Lateinischen und 
Gothischen haben zwar auch die in ihrer Grundform mit Consonanten endigenden Wörter 
ein s im Nominativ, allein die auf n ausgehenden Wörter folgen der Analogie des Sanskrits, 
mit der Beschränkung, dafs im Griechischen mit dem Nominativ-Charakter, nicht zugleich 
das v abgeworfen wird, und dafs bei den wenigen Wörtern welche das v abwerfen, das s 
des Nominativs beibehalten wird; ferner, dafs im Gothischen viele Wörter auf n der star- 
ken Declination folgen, und dem Endeonsonanten der Grundform das s des Nominativs bei- 
fügen. Dafs bei der Germanischen schwachen Declination das Neutrum auch im Accusativ 
des Singulars das schliefsende n abwirft, geschieht ebenfalls im Einklang mit dem Sanskrit, 
wo der Accusativ des Neutrums kein Casuszeichen hat, und Wörter auf z ihren Endbuch- 
staben, wie im Nominativ, abwerfen; z.B. naman, Namen, bildet im Nominativ und 
Accusativ ndma. Kann es eine auffallendere Uebereinstimmung geben, als dafs im Go- 
thischen die gleichbedeutende Grundform namön (ein Neutrum) im Nominativ und Accu- 
sativ namo bildet? Ich fürchte daher nicht, dafs man es unbegründet finden könne, dafs 
ich die Germanische, besonders Gothische, schwache Declination, mit den erwähnten 
Sanskritischen, Lateinischen und Lithauischen Wörtern anf n in eine Klasse stelle. 


Hist, philol. Klasse 1824. [@) 


122 Borr: Vergleichende Zergliederung des Sanskrits 


- 


vier Sprachen sich darbietende Uebereinsimmung als Folge von deren 
Stammverwandschaft anzusehen sei, weil Uebereinsiimmungen in Wohl- 
lautsgesetzen sich auch in Sprachen zeigen, die sonst in gar keiner Be- 
rührung mit einander stehen, sie finden ihren Grund in den Sprachor- 
ganen selbst. Wenn aber in den meisten mit dem Sanskrit zusammen- 
hängenden Sprachen die Verwandschaftswörter ganz besonders überein- 
simmen und gröfstentheils mit > enden, wenn im Sanskrit und Lithaui- 
schen nur der Singular- Nominativ mit einem Vocal endet, während in 
den übrigen Casus ein abgeworfenes r wieder hervortritt, so kann ich 
kaum unterlassen, dieses im Lithauischen für eine aus dem Orient mit- 
gebrachte Eigenthümlichkeit anzusehen. Es heifst z. B. im Sanskrit du- 
hitä, die Tochter, duhitäras, die Töchter, im Lithauischen steht ganz 
analog dugte und dugteres. Mätä heifst die Mutter im Sanskrit, ma- 
täras, die Mütter, im Lithauischen ist analog mote das Weib moteres, 
die Weiber. Eben so entspricht das Lithauische sessu Schwester, im 
Plur. sesseres, mehr als die gleichbedeutenden Formen im Lateinischen 
und Germanischen, dem Alt-Indischen swasdä, swasäras. Es ist indes- 
sen wahrscheinlich, dafs die Ermangelung des zur Grnndform gehören- 
den r, in dem Indischen Singular-Nominativ, nicht zu dem ältesten Zu- 
stande der Sprache gehöre, welchen in dieser Beziehung das Griechische, 
Lateinische, und die Germanischen Mundarten, getreuer aufbewahrt ha- 
ben. Wenn aber die erwähnte nähere Zusammenstimmung des Lithaui- 
schen und des Sanskrits aus einer gemeinschaftlichen Quelle fliefst, und 
gig von einander erzeugt hat, so 
folgt daraus, dafs der Letusche Volksstamm zu einer Zeit seinen Asia- 


sich nicht in beiden Sprachen unabhän 


üschen Wohnsitz verlassen habe, wo die Asiatische Ursprache schon 
manche Veränderungen erlitten, und dem Zustande näher gekommen 
war, in welchem sie durch eine, eben so sehr durch Reichthum als 
durch innere Vortrefllichkeit bewunderungswürdige, Litteratur festgehal- 
ten wurde. 

Die vergleichende Zergliederung grammatischer Formen, welche 
wir hier eröffnen, wird nicht nur das nähere oder entferntere Verhält- 
nifs der obengenannten Sprachen zu dem Sanskrit entwickeln, sondern 
auch zeigen, in wiefern mehrere unter ihnen neben der allgemeinen Ver- 
wandtschaft noch durch ein näheres mehr spezielles Band an einander 


% 


und der mit ıhm verwandten Sprachen, 123 


geknüpft werden. Hierbei aber soll auf eine gröfsere oder geringere 
Anzahl gemeinschaftlicher Wörter kein besonderes Gewicht gelegt wer- 
den, denn ein Jahrhundert ist oft hinreichend, um die Sprache eines in 
Cultur noch nicht weit gediehenen Volkes mit Wörtern aus Sprachen 
angränzender Völker so zu überfüllen, dafs man nur mit Mühe ihr Ei- 
genthümliches aus dem Beigemischten hervorzusuchen vermag. Sehr 
richtig bemerkt Hr. W. v. Humboldt in seiner gehaltvollen Abhand- 
lung, über das vergleichende Sprachstudium (S. 254.): ‚‚Die 
‚„‚Hauptelemente der Sprache, die Wörter, sind es, die von Nation zu 
‚Nation überwandern. Den grammatischen Formen wird diefs schwe- 
‚rer, da sie, von feinerer, intellektueller Natur, mehr in dem Verstande 
„ihren Sitz haben, als materiell und sich selbst erklärend an den Lau- 
‚„‚ten haften.” 

Es liefse sich, aufser den oben erwähnten mit dem Sanskrit zu 
vergleichenden Sprachen, noch manche andere der gegenwärtigen Unter- 
suchung anreihen, wenn es unsere Absicht wäre, all’ diejenigen Sprachen 
zu umfassen, welche einzelne Spuren der Verwandtschaft mit dem Sanskrit 
an sich tragen. Es finden sich deren mehrere in der Celtischen Sprach- 
familie, und das Finnische und die verwandten Mundarten, so wie das 
Ungarische und Albanische, bieten ebenfalls, besonders in den Pronomi- 
nen, den treuesten Aufbewahrern alterthümlicher Formen, überraschende 
Achnlichkeiten dar. Unter den Asiatischen Sprachen habe ich auch im 
Armenischen übereinsiimmende Anklänge gefunden, doch beschränken 
& auf die Pronominal-Stämme und die Bezeich- 


5 
nung der ersten und zweiten Singularperson des Praesens durch m und s, 


sich dieselben fast einzi 


wie guewiem ich lobe, guewres du lobest. Im Plural wird dem Kenn- 
zeichen m ein aspirirtes k, zur Bezeichnung der Mehrheit, beigegeben, 
daher guewiemkh wir loben. Ich behalte mir vor, von diesen Sprachen 
bei einer anderen Gelegenheit, und aus einem anderen Gesichtspunkte 
zu handeln, da sie zu dem Zwecke, der hier der vorherrschende ist, 
— durch Zusammenstellung der Sprachen, die ein sicheres Gepräge ge- 
meinschaftlicher Abkunft tragen dem Ursprung und Entwicklungsgange 
ihrer übereinstimmenden Formen so viel möglich anf die Spur zu kom- 
men — nicht wesentlich beitragen können. 


124 Borr: Vergleichende Zergliederung des Sanskrits 


Von den VVurzeln. 


Da ich die Natur der Wurzeln oder der einfachsten Grundbe- 
standtheile der Wörter, in Bezug auf das Sanskrit, Griechische, Latei- 
nische und Germanische, bei einer anderen Gelegenheit zu zeigen ver- 
sucht, und Einsylbigkeit als deren wesentlichen Charakter aufgestellt 
habe, so bleibt hier blofs noch beizufügen übrig, dafs auch die Wur- 
zeln der Lettischen und Slawischen Sprachen einsylbig sind. Diese eine 
Sylbe mag nun so viel oder so wenig Buchstaben enthalten als mög- 
lich, ein einziger Vocal, und ein von zusammengesetzten Consonanten 
eingeschlossener Vocal, sind die entgegengesetzten Gränzen. Ich habe’, 
gehen, als Beispiel einer Wurzel angeführt, welche blofs aus einem 
Vocal besteht, eine Wurzel welche im Griechischen und Lateinischen 
sich wiederfindet, wie sich ergibt, wenn man von imus, ıiuev (Dor. iues) 
dem Sanskritischen imas entsprechend, die Personal - Endung ablöst. 
Auch im Alt-Slawischen und Lithauischen findet sich diese Wurzel mit 
derselben Bedeutung. Im Alt-Slawischen wird aus ’ durch Ansetzung des 
Suffixes % der Infinitiv zt gebildet, welchem das Lithauische erw ent- 
spricht, im Präsens ermi, ich gehe; denn die Vocalverstärkung, welche 
im Griechischen, in Analogie mit dem Sanskrit, nur im Singular statt 
findet, erstreckt sich im Lithauischen über die ganze Wurzel. — Vom 
Persischen kann nicht so unbeschränkt behauptet werden, dafs alle Wur- 
zeln einsylbig seyen, es finden sich in dieser Sprache nicht wenige pri- 
mitive Verba, welche sich nur auf mehrsylbige Stämme zurückführen 
lassen. Diese Erscheinung läfst sich, nach meiner Ansicht, aus verschie- 
denen Gründen erklären. Der wichtigste ist, dafs die Persische Sprache 
keine zwei verbundene Consonanten am Anfange eines Wortes duldet; 
wenn nun eine Wurzel in den verwandten Sprachen mit zwei Üonso-. 
nanten anfängt, so wird sie im Persischen dadurch mehrsylbig, dafs ent- 
weder ein Vocal zwischen beide Anfangsconsonanten eingeschoben, oder 
der Wurzel vorgesetzt wird. Im Sanskrit ist z.B. Stu eine Wurzel, 
welche preisen, rühmen bedeutet, woraus im Persischen, durch Ein- 
schiebung eines u, suthu entsteht, wovon der Infinitiv suthu-den, loben, 
lautet. Der Alt-Indischen Wurzel dschnä, womit das Griechische yv&, 
das Lateinische grarus zusammenhängen, entspricht die Persische, als 


und der mit ihm verwandten Sprachen. 125 


Imperativ gebräuchliche, Wurzel schenäs einsehen (Inf. schenäch-ten). 
Ein Beispiel einer Wurzel welcher im Persischen ein Vocal vorgesetzt 
wird, ist das vielverbreitete sthä stehen, welches im Persischen i-sthä 
lautet, wovon der Infinitiv z-sthä-den. Auch ohne die Veranlassung, 
die Härte eines anfangenden zusammengesetzten Consonanten zu ver- 
meiden, werden den ursprünglich einsylbigen Wurzeln Vocale vorge- 
setzt, daher lautet die Sanskrit-Wurzel »uisr, mischen, im Persischen 
amis, (Inf. amich-ten). Diese Wurzel ist allen mit dem Sanskrit ver- 
wandten Sprachen gemein, und selbst die Semitischen Sprachen bieten 
hier eine auflallende Achnlichkeit dar — im Hebräischen heifst masach, 
und im Arabischen masadsch, mischen, und auch das Syrische und 
Chaldäische nehmen an dieser Wurzel Theil. Ein anderer Grund welcher 
Mehrsylbigkeit der Wurzeln veranlafst, ist, dafs Buchstaben welche im 
Sanskrit zu den Ableitungssylben gehören, im Persischen zu der Wur- 
zel gezogen werden ; so ist schund, welches als Stamm von schund-den, 
hören, anzusehen ist, ollenbar durch Ausstolsung eines r aus sru ent- 
standen, welches zu zur Ableitungssylbe hat, und im Imperativ srinz, 
höre, in der ersten Pluralperson des Präsens srinumas, wir hören, 
bildet, Auch mögen im Persischen nicht selten Partikeln und Präposi- 
tionen, die aber nicht mehr als solche erkannt werden können, mit 
Wurzeln verwachsen seyn, die hierdurch den Charakter der Mehrsyl- 
bigkeit gewonnen haben. Ich glaube dafs man z.B. die Sylben fer 
und pe’ für solche Partikeln ansehen könnte, welche sehr vielen Zeit- 
wörtern vorgesetzt werden. Wenn man aber von peimu-den, peimä), 
die Sylbe per ablöst, so trifft man mit der gleichbedeutenden Indischen 
Wurzel mä, messen, zusammen. Auch im Sanskrit gibt es einige 
Zeitwörter, mit deren Wurzeln Präpositionen so verwachsen sind, dafs 
sie in der Flexion wie Radikalbuchstahen erscheinen, und von den In- 
dischen Grammatikern mit zur Wurzel gerechnet werden. Man erkennt 
in sangräm und avadhir leicht die Präpositionen sam und ava; diese 
Zeitwörter bilden aber im vielförmigen Präteritum asasangrämam und 
ävavadhiram, wodurch die Sprache die beiden Präpositionen gleichsam 
zur Würde der Radikalbuchstaben erhebt, denn sonst würden die er- 
wähnten Zeitwörter durch die mit dem Augment verbundene Redupli- 


kation samagagrämam, avddıdhiram bilden. 


126 Borr: Fergleichende Zergliederung des Sanskrits 


Der wahre Charakter der Wurzeln des Sanskrits und der mit 
ihm verwandten Sprachen zeigt sich am deutlichsten durch Entgegen- 
stellung der Wurzeln des Semitischen Sprachstammes. Diese erfodern 
drei radikale Consonanten, — so dafs eine so einfache Wurzel wie !, 
gehen, im Hebräischen und in den verwandten Mundarten nicht mög- 
lich wäre — und sind zweisylbig, wenn gleich ihre zweisylbige Natur 
durch Beugung zuweilen versteckt liegt. Da aber ein vertrauter Ken- 
ner des Semitischen Sprachstamms die Zweisylbigkeit der Semitischen 
Wurzeln in Zweifel gezogen, und sie als einsylbig zu beweisen versucht 
hat (!), so sei es mir hier vergönnt, über diesen Gegenstand meine An- 
sicht etwas ausführlicher auszusprechen, indem durch diese Erörterungen 
zugleich die Natur der Sanskrit-Wurzeln tiefer ergründet, und in ihrem 
vollkommensten Gegensatz zu den Semitischen Wurzeln erscheinen wird. 
Kosegarten stützt seine Behauptung vorzüglich auf die Chaldäischen 
und Syrischen Präterita, wie Arab, ktob, welche allerdings eben so ein- 
3 scheinen, als die von ihm entgegengestellte Sanskrit-Wurzel Arum 


g 
schreiten, die Lateinische e/am rufen, und die Deutsche klag; fer- 


sylbi 


ner auf den Hebräischen Infinitiv, im status constructus, und Imperativ, 
wie ktol. Ich glaube dagegen, dafs man nicht als Prinzip aufstellen 
könne, dafs gerade die kürzeste Form einer Wortfamilie als Wurzel an- 
zusehen sei; es brauchen vielmehr die Wurzeln in der Sprache gar 
nicht vorzukommen, und kommen in den meisten Sprachen wirklich 
nicht vor. Die Wurzel wird gefunden, wenn man von einem Worte 
alles ablöst, was irgend einen grammatischen Nebenbegrifl andeutet, wie 
die Casusendungen des Nomens und das Ableitungssuflix, wodurch es 
zu einer besonderen Klasse von Nominen gestempelt wird, die Personal- 
endungen der Zeitwörter, und das, was die Tempus- und Modusverhält- 
nisse bezeichnet, und wenn man überhaupt nur das übrig läfst, was alle 
von einer (Quelle ausgehende Wörter mit einander gemein haben. Im 
Griechischen kommt gar keine Wurzel als Wortform vor, im Lateini- 
schen nur einige abgekürzte Imperative und Adjectivformen, die jedoch 


nur in Zusammensetzungen vorkommen, wie ger, fer, in armiger, frugi- 


(1) S. Kosegarten’s Rezension der Annals of oriental literature, in der Jenai’schen 
Litteraturzeitung J. 1821. Sept. 8.595. 


und der mit ihm verwandten Sprachen. 127 


‚fer. Im Sanskrit kann jede Wurzel in ähnlichen Zusammensetzungen 
als Adjectiv gebraucht werden, und dieses ist der einzige Fall, wo eine 
Sanskrit-Wurzel, ohne fremdartigen Zusatz, ins Leben eintritt. Im 
Gothischen bietet die sogenannte starke Conjugation in der zweiten Sin- 
gularperson des Imperativs die reine Wurzel dar; aber um nun wieder 
zu dem Hebräischen Imperativ zurückzukehren, so kann ich deswegen 
/tol nicht als Wurzel anerkennen, weil diese Form oflenbar das Resultat 
einer grammatschen Operation, die Folge einer Zusammenziehung ist. 
Man wird dieses leicht zugeben, wenn man auf den wichtigen und auf 
die ganze Sprachentfaltung höchst einflufsreichen Unterschied achtet, 
welcher zwischen den Semitischen verbundenen Consonanten, (wie in 
dem Hebräischen Imperativ A2o/, in dem Chaldäischen Präteritum Atal), 
und denjenigen statt findet, womit im Sanskrit und den verwandten 
Sprachen eine Wurzel anfängt oder endet. In der Sanskrit - Wurzel 
kram schreiten, in der Lateinischen c/am rufen, in dem Griechischen 
ger wenden, bilden, wie in allen ähnlichen Wurzeln, die beiden 
verbundenen Consonanten gewissermafsen eine grammatische Einheit; 
sie sind wie von Natur zusammengewachsen, und können durch, keine 
grammatische Umbiegung getrennt werden, — so dafs etwa aus Aram, 


ke) 


karam, koram oder etwas ähnliches werden könnte sie werden viel- 


mehr ganz wie einfache, untheilbare Elemente behandelt. Wenn aus 
kram die Formen karam, koram und ähnliche kommen könnten, so wür- 
? 
den nach meiner Meinung die Indischen Grammatiker Unrecht haben es 
co) 
als Wurzel aufzustellen; es würde da, wo es als Wortform vorkäme, 
für eine Zusammenziehung gelten müssen; es wäre ein gebogenes Wort, 
denn Beugung besteht nicht blofs in Erweiterung, sondern auch in Zu- 
sung 5 
sammenziehung eines gegebenen Sprachelements. — Ganz anders verhält 
es sich mit zwei verbundenen Consonanten der Semitischen Sprachen; 
es gibt eigentlich in diesem Sprachstamme keine radikale Verbindungen 
von Consonanten, wohl aber gehört zu dem Umfange seiner organischen 
Flexionen die Fähigkeit, zwei durch Vocale geschiedene Consonanten 
durch Schnelligkeit der Aussprache zu vereinen. Durch eine solche 
5 j 
grammatische Operation entsteht der Imperativ Atol. Dafs aber k und / 
nicht von Natur verbunden sind, und wie Ar in der Sanskrit-W urzel 


128 Borp: Fergleichende Zergliederung des Sanskrits 


kram gleichsam eine Einheit darstellen, sieht man aus den meisten W ort- 
formen welche mit %t0l einerlei Stammes sind. Die zweite Singularper- 
son des Imperativs ist gröfstentheils identisch mit dem Infinitiv im status 
constructus, dieser aber ist blofs die Verkürzung des status absolutus ; 
aus katol wird Atol, weil das regierende Wort und das regierte im He- 
bräischen in so inniger Verbindung stehen, dafs sie gleichsam eine Art 
von Compositum zusammen bilden; man eilt daher so schnell als mög- 
lich von dem ersten zum letzten, denn blofs durch diese Eile wird das 
grammatische Verhältnifs, in welchem beide Wörter zu einander stehen, 
ausgedrückt. Weil es aber auch in der Natur der Sache liegt, dafs 
man bei einem Befehle seinen Willen so schnell als möglich ausdrückt, 
so erklärt es sich hieraus, warum der Imperativ in Sprachen, deren 
Wurzeln eine Verkürzung zulassen, von derselben Gebrauch macht, 
und warum in Sprachen, wo eine Verkürzung oder Sylbenverminderung 
der Wurzel unmöglich ist, nicht selten die unveränderte Wurzel, ohne 
Beifügung eines Personalcharakters, als zweite Singularperson des Impe- 
yativs steht. Im Syrischen und Chaldäischen findet zwar eine Verbin- 
dung des ersten und zweiten Radikaleonsonanten auch in der dritten Sin- 
gularperson masc. des Präteritums statt, allein es läfsı sich hiermit eben 
so wenig die Einsylbigkeit der Wurzel beweisen, weil diese Zusammen- 
ziehung nicht auf alle abgeleitete Wortformen sich erstreckt, weshalb 
das Chaldäische und Syrische ktal nicht mit der Indischen Wurzel kram 
verglichen werden kann. 

Wenn man berechtigt wäre zu behaupten, dafs der erste Vocal 
von katal nicht zur Wurzel gehöre, weil man in allen Semitischen Mund- 
arten, bei gewissen Wortformen, so schnell darüber hinauseilt, dafs er 
keine Sylbe bildet, so könnte man mit gleichem Rechte sagen, dafs der 
zweite Vocal nicht zur Wurzel gehöre, indem er nicht minder häufig 
ausgestofsen wird. Es kommt z.B. von dem Hebräischen Partizip kotel 
tödtend, das Femininum kotlah durch Ausstofsung des zweiten Vocals, 
während Atulah, aus katul getödtet, durch Ausstofsung des ersten 
kömmt. Auf welche Zusammenziehung soll man nun ein gröfseres Ge- 
wicht legen, um aus den Partizipien die Einsylbigkeit der Hebräischen 
Wurzeln zu beweisen ? Oder müfste man nicht, um konsequent zu seyn, 


und der mit ihm verwandten Sprachen. 129 


auf beide Verkürzungen ein gleiches Gewicht legen, woraus hervorgehen 
würde, dafs eine Hebräische Wurzel gar keine Sylbe bilde (!). 

Ich möchte jedoch keineswegs behaupten, dafs in den Semitischen 
Sprachen die dritte Singularperson masc. des Präteritums, z.B. Aatal 
im Hebräischen, als die Wurzel anzusehen sei, denn Aotel, katul, und 
jede andere Wortform, welche weder am Anfange noch am Ende der 
Wurzel etwas beifügt, noch im Innern eine nicht-radikale Einschiebung 
hat, aber auch keinen Wurzelvocal verschluckt, hat ein gleiches Recht 
für die Wurzel zu gelten, insofern man nämlich eine in der Sprache 
bestehende Wortform, und nicht, wie die Indischen Grammatiker gethan 
haben, ein reines Abstractum als Wurzel aufstellen will (2). Man 
könnte sagen, dafs die Semitischen Wurzeln eigentlich keine Stammvo- 
cale haben, und hierdurch in einem entschiedenen Gegensatze zu den 
Sanskrit-Wurzeln stehen. In dieser Sprache trägt nämlich der Vocal 
sehr wesentlich zur Bestimmung der Grundbedeutung bei, und wenn 
man ihn mit einem andern als nahe verwandten vertauscht, so entsteht 


(1) Während der Hebräische Infinitiv im status constructus den ersten Vocal der 
Wurzel ausstöfst, gelangt der Arabische auf dem entgegengesetzten Wege zur Einsylbig- 
keit, indem nämlich der Vocal des zweiten Consonanten der Wurzel ausgestofsen wird; 
man vergleiche das Hebräische Atol mit dem Arabischen Aatl-un. Es kann hieraus eben 
so wenig die Einsylbigkeit der Wurzel bewiesen werden, da in anderen Wortformen 
der zweite Wurzelvocal, im Arabischen, seine Rechte zur Genüge geltend zu machen 
weis, und im Allgemeinen viel seltener als im Hebräischen sich verdrängen läfst. Man 
vergleiche z.B. das Arabische Aatalat sie tödtete, mit Aatlah, katalu, sie tödte- 
ten, mit Aallu. 


(2) Die Indischen Grammatiker sind offenbar durch Abstraction zu dem Begriffe ihrer 
Wurzeln gelangt. Denn wenn gleich, wie bereits bemerkt worden, eine jede Sanskri- 
tische Wurzel, nach Analogie der Lateinischen Adjective fer und ger, in Zusammensetzun- 
gen vorkommen kann, so sind doch nur wenige Wurzeln auf diese Weise in gewöhn- 
lichem Gebrauche. Wem sind z.B. die Wurzeln ad, essen, as und bhü, seyn, ds, 
sitzen, swap, schlafen u. s. w. jemals in Zusammensetzungen der erwähnten Art vor- 
gekommen? Auch sind die Endbuchstaben der Wurzeln, wenn sie ohne Anfügung eines 
Suffixes als Wortformen gebraucht werden, den Wohllautsregeln unterworfen, worauf 
aber bei der Aufstellung der Wurzeln die Indischen Grammatiker keine Rücksicht ge- 
nommen haben; z. B. dah wird als Wurzel gegeben, welche brennen bedeutet (dar) 
denn obwohl der Consonante A, den man nicht mit dem spiritus finalis verwechseln darf, 
im Sanskrit niemals am Ende eines Wortes stehen kann, so ergibt sich doch dah leicht 
als Wurzelsylbe von dahati er brennt. 


Hist. philol. Klasse 1824. R 


130 Borr: Vergleichende Zergliederung des Sanskrits 


eine ganz andere Wurzel, aufser allem Zusammenhang der Bedeutung. 
Es drückt z.B. die Wurzel Tup die Begriffe: beleidigen, verwun- 
den, tödten aus, und der Stammvocal z kann nur in 0 und au über- 
gehen, aber durch dessen Veränderung in ? oder a entstehen neue Wur- 
zeln von ganz verschiedener Bedeutung; zp heifst nämlich besprengen, 
und {ap brennen. In den Semitischen Sprachen ist es anders, ein je- 
der Vocal kann in jeden verwandelt werden, und die Vocale gehören in 
diesem Sprachstamme mehr der Bestimmung grammatischer Nebenbegrifle 
als der Festsetzung der Grundbedeutung an. Aus dem Hebräischen katal 
kann durch keine Vocalveränderung ein Wort gebildet werden, welches 
nicht mit dem Begriffe tödten zusammenhinge, und es gehören in den 
Semitischen Sprachen von einer Anzahl von Wörtern, ohne Rücksicht 
auf die Vocale, alle diejenigen zu einer Wurzel, welche dieselben Con- 
sonanten in derselben Ordnung aufweisen. Eine Semitische Wurzel ist, 
in Bezug auf die Vocale, so unbestimmt, dafs sie eher gedacht als aus- 
gesprochen werden kann; dafs sie aber als zweisylbig gedacht werden 
müsse, erhellt daraus, dafs von ihr, ohne fremdartigen Zusatz, und ohne 
Wiederholung der Radikaibestandtheile , zweisylbige Wortformen aus- 
gehen (!). 

Wenn aus dem Gesagten hervorgeht, dafs man von gewissen ein- 
sylbigen Wortformen des Semitischen Sprachstamms nicht auf die Ein- 
sylbigkeit der Wurzeln schliefsen dürfe, weil man hierbei die Zusam- 
menziehung, deren Resultat sie sind, übersehen würde, so möchte 
ich doch dem entgegengeseizten Verfahren derjenigen nicht beistimmen, 
welche im Griechischen alle zusammengesetzte Consonanten aus Zusam- 
menziehungen oder auf andere Weise zu erklären suchen, und nirgends 
zwei verbundene Oonsonanten als Urbestandtheil einer Wurzel gelten 
lassen. Es mag seyn, dafs, wenn wir uns in die Zeit der frühesten 
Sprachentwickelung versetzen könnten, wir keine zusammengesetzte Üon- 
sonanten finden würden; allein in dem Zustande der Ausbildung, in 


(1) Dafs dem Zustande worin wir die Semitischen Sprachen kennen, ein älterer vor- 
ausgehen konnte, in welchem das Gesetz der Zweisylbigkeit noch nicht ausgebildet war, 
soll hier keinesweges bestritten werden, und mit dem was Gesenius in seinem ausführ- 
lichen Lehrgebäude S. 185, 184. sagt, bin ich vollkommen einverstanden. 


und der mit ihm verwandten Sprachen. 131 


welchem sich uns das Sanskrit, Griechische und andere verwandte Sprachen 
zeigen, läfst sich der Grund, aus welchem verbundene Consonanten in 
den Wurzeln gleichsam eine grammatische Einheit vertreten, nicht mehr 
erkennen, und sie lassen sich von den Grundbestandtheilen der Wurzeln 
nicht ausschliefsen, wenn man nicht zu ganz willkührlichen und gezwun- 
genen Erklärungen seine Zuflucht nehmen will. Wenig Befriedigendes 
gewährt z.B. Lennep’s Erklärung von raw aus raw durch ein vorge- 
setztes 7; raw, welches nichts erklären würde, soll nämlich einerlei seyn 
mit rw, welches das Primitivum von revw seyn soll, um so auf langem 
Wege von dem Begriffe des Streckens zu dem des Stehens zu gelangen. 
Da aber das Griechische rr«w mit der Alt-Indischen gleichbedeutenden 
Wurzel sthä zusammentrifft, eine Wurzel, welche sich in den meisten, 
wo nicht in allen verwandten Sprachen, erhalten hat, so folgt daraus, 
wenn man dieses Zusammentreflen nicht für ein Spiel des Zufalls an- 
sehen will, dafs die Vereinigung des r und r in ora«w, irryui sehr alt, 
ja älter als die Griechische Sprache sei, denn sie bestand in einer Zeit, 
wo man noch nicht Sanskrit, Griechisch, Lateinisch u.s. w. unterschied. 
Eben so verhält es sich mit manchen andern, der Griechischen mit der 
Sanskritsprache gemeinschaftlichen Wurzeln, die man gleichsam aus ih- 
ren Fugen reifsen mülfste, wenn man den Griechischen Primitiven keine 
zur Einheit verbundene Consonanten zuerkennen will. Lennep erklärt 
Tegmw aus TEgW, Eorw aus Epew; die Indischen Grammatiker stellen richtiger 
trıp erfreuen und srı» sich bewegen als einfache untheilbare Wur- 
zelsylben auf, welche in der Flexion in tarp und sarp übergehen, z.B. 
tarpati er erfreut, sarpati er bewegt sich. 

Valckenaer theilt die Griechischen primitiven Zeitwörter in bili- 
terae, triliterae und quadriliterae ein, und alle Verba, welche in der er- 
sten Singularperson des Präsens mehr als vier Buchstaben enthalten, so 
wie die mit Vocalen anfangenden quadriliterae, werden von ihm aus der 
Zahl der Primitive ausgeschlossen. Es müfsten also nach dieser uner- 
wiesenen Theorie Zeitwörter wie rg&rw, dAtyw, TEgrw, &grw, &Arw, wenn 
auch verbundene Consonanten als Radikaltheile primitiver Zeitwörter zu- 
gelassen würden, schon deswegen als abgeleitet gelten, weil sie mehr als 
vier Buchstaben, oder unter vier Buchstaben einen Anfangsvocal haben. 
Doch ist auch Valckenaer kein Freund von verbundenen Consonanten, 


Rz 


192 Borr: Vergleichende Zergliederung des Sanskrüts 


die er auch in quadriliteris , wie raw, mrew, Frcw, für Zusammenziehun- 
gen erklärt. Es mag seyn, dafs raw wirklich aus reraw entstanden sei, 
denn die Bedeutungen beider Zeitwörter sprechen für diese Ableitung, 
es folgt aber daraus nicht, dafs auch rrw und Aw die Sylbe r&i zur 
Wurzel haben. Warum sollte es nicht im Griechischen eine Wurzel 
geben können, die mit =? anfange und © oder oe zum radikalen Endvocal 
habe? Im Sanskrit ist Plu eine Wurzelsylbe, welche Bewegung, beson- 
ders auf dem Wasser, wie schwimmen, fliefsen, ausdrückt; mit plu 
hängt die Lateinische Wurzel /u (luo, flumen), das Deutsche fliefsen, 
und offenbar auch das Griechische rw und z?cw zusammen, als deren 
Wurzeln man 2 und r?5 ansehen mufs. Wenigstens erhellt aus der 
erwähnten Uebereinsimmung mit dem Sanskrit, dafs die Vereinigung der 
Buchstaben = und ?A eben so alt sei als die von r und r in der Wur- 
zel sr«, und dafs, wenn rA&u und rAcw durch Zusammenziehung ent- 
standen sind, dieses keine Griechische Zusammenziehung sei. Eine Noth- 
wendigkeit rrew und rrcu für Abkömmlinge von r&w zu erklären, würde 
aber nur dann bestehen, wenn es erwiesen wäre, dafs die Sprachfamilie 
die uns hier beschäftigt, mit der Semitischen die Eigenheit theilte, dafs 
es bei einer Wurzel einzig auf die Reihefolge der CGonsonanten ankäme, 
und dafs die Vocale eine gleich untergeordnete Rolle spielten. Ich habe 
bereits das Gegentheil zu begründen versucht, durch die Erscheinung, 
dafs es im Sanskrit Wortstämme gibt, die mit gleichen Consonanten an- 
fangend, mit gleichen endend, wegen der Verschiedenheit des Stammvo- 
cals als verschiedene von einander unabhängige Wurzeln bestehen, die, 
in der Bedeutung keine Berührung haben. Nun bleibt mir noch übrig, 
einige Beispiele Alt-Indischer Wurzeln anzuführen, welche wie rw und 
ru im Griechischen, bei gleichen Stammeonsonanten, und gleichem 
Stammvocal, durch die Bedeutung gänzlich geschieden sind, weil der 
Stammvocal der einen von den zwei Stammconsonanten eingeschlossen 
ist, während der der anderen am Ende steht, und zwei zur Einheit ver- 
bundene Consonanten vor sich hat. So heifst sur glänzen und sru 
fliefsen, pul heifst grofs werden und plu schwimmen, dhur heifst 
tödten und dhru fest stehen. Vielleicht würde sich bei ähnlichen 
Fällen hier und da noch eine entfernte Berührung der Bedentung auf- 
finden lassen, allein wenn man auf zu entfernte Beziehungen ein Ge- 


und der mit ihm verwandten Sprachen. 133 


wicht legt, welche Wörter wären dann nicht verwandt? So lange zwei 
Wörter nicht ganz das Gegentheil von einander ausdrücken, müssen 
ihre Bedeutungen irgend einen Berührungspunkt darbieten; es ist sogar 
nicht selten der Fall, dafs ein Wort seine ursprüngliche Bedeutung mit 
der entgegengesetzten vertauscht. 


Von den Pronominen. 


Die Pronomina spielen eine so wichtige Rolle in der Formenlehre, 
sie haben einen so grofsen Einflufs auf die grammatische Gestaltung an- 
derer Redetheile, dafs es zweckmäfsig ist, in der vergleichenden Zerglie- 
derung, die uns hier beschäftigt, von einer näheren Betrachtung dersel- 
ben auszugehen. Nicht nur auf die Personalbesiimmungen der Zeitwör- 
ter, sondern, aller Wahrscheinlichkeit nach, auch auf die Verhältnifsfor- 
men des Nomens, äufsern die Radikaltheile der Pronomina ihren Ein- 
flufs, und es verdankt ihnen ein grofser Theil der Conjunctionen seinen 
Ursprung, so wenig auch bei dem ersten Blicke die Bedeutung dersel- 
ben zu dieser Vermuthung Anlafs geben mag. 

Die Indischen Grammatiker sind mit den Europäischen Etymolo- 
gen in einerlei Fehler verfallen, wenn sie die Pronomina von denselben 
Wurzeln ableiten, woraus Verba und andere Redetheile entspringen. 
Wenn sie z.B. das Interrogativ, welches A zum radikalen Consonanten 
hat, von der Wurzel Aa’ tönen ableiten, so findet man hierbei eben 
so wenig Befriedigung, als wenn man bei Lennep &yw ich aus einem 
Verbum &y», für @yw, ich thue, mit Zuversicht abgeleitet sieht. Das 
Zusammentrellen des Lautes scheint zu solchen Ableitungen die einzige 
Veranlassung gegeben zu haben, und die Bedeutung wenig berücksich- 
ügt zu seyn. ‘Den Benennungsgrund der Pronomina aufzudecken ist 
nach meiner Ueberzeugung nicht mehr möglich; wir müssen uns damit 
begnügen ihrer ältesten Form nachzuforschen, und ihre Radikaltheile zu 
erkennen, ohne auf deren Zusammentrefllen mit den Urelementen ande- 
rer Redetheile ein Gewicht zu legen. — Was die Beugung anbelangt, 
so weichen die Pronomina, in der Sanskritsprache wie in allen mit ihr 


nal munnı- 


134 Borr: Fergleichende Zergliederung des Sanskrits 


verwandten, von dem allgemeinen Declinationstypus in mehrfacher Be- 
ziehung ab, welches wohl hauptsächlich daher kommen mag, dafs sie 
treuer als andere Wörter die ältesten Formen der Sprache aufbewahren, 
weshalb auch verwandte Sprachen gewöhnlich in den Pronominen die 
meisten und auflallendsten Uebereinsimmungen darbieten. So haben im 
Englischen nur die Pronomina noch Spuren von Declination aufbewahrt, 
und sich hierdurch in näherem Zusammenhang mit dem Deutschen und 
den älteren Germanischen Mundarten erhalten; in den Semitischen Sprachen 
weisen die Pronomina auf einen Urzustand der Sprache hin, in welchem 
sich das Gesetz der drei radikalen Oonsonanten, oder der Zweisylbigkeit 
der Wurzeln, noch nicht ausgebildet hatte; wenigstens haben die Prono- 
mina sich diesem Gesetze nicht unterworfen. 

Wir betrachten zuerst die Pronomina erster und zweiter Person ; 
diese stimmen im Sanskrit in ihrer Declination eben so sehr unter sich 
überein, als sie von denen der dritten Person abweichen. Sie haben 
beide die merkwürdige Eigenheit, welche auch die verwandten Sprachen 
theilen, dafs der Singular mit dem Dual und Plural in keinem gramma- 
uschen Zusammenhange steht, d.h. zu keinem mit diesen gemeinschaft- 
lichen Stamme zurückgeführt werden kann. Diese Stammverschiedenheit 
zwischen Singular und Plural (an welchen sich auch der Dual anschliefst) 
hat bei dem Pronomen der ersten Person seinen philosaphischen Grund. 
Man kann ja nicht mit vollem Rechte sagen, dafs wir, selbst dem Sinne 
nach, der Plural von ich sei, denn ich kann weder einen Dual noch 
einen Plural haben; es gibt nur ein einziges ich im Universum. Das 
Wort Zeones bezeichnet eine Mehrheit von Individuen, deren ein jedes 
in dem Gesichtspunkte des Sprechenden, oder in seinem Verhältmifs zu 
ihm, ein Löwe ist, aber nos bezeichnet nicht eine Mehrheit von Indivi- 
duen, deren jedes in seiner Beziehung zu dem Sprechenden ein ich ist. 
Unter dem wir ist zwar meine Ichheit mitbegriffen, aber nur insofern 
kann wir grammatisch der Plural von ich seyn, als ich mich selbst als 
den wesentlichsten Theil des wir betrachte, oder als ich, indem ich wir 
sage, mehr von der Idee meiner eignen Persönlichkeit, als von der eines 
Gegenstandes aufser mir durchdrungen bin. Es ist daher noch ein Grund 
vorhanden, warum in Sprachen wir der grammatische Plural von ich 


und der mit ıhm verwandten Sprachen. 135 


seyn könne, und auch im Sanskrit ist dieses bei den Zeitwörtern der 
Fall, wo Singular und Plural »» zum Personalcharakter haben. Der Dual 
hingegen hat w. 

Das Pronomen der ersten Person läfsı in seiner Declination vier 
verschiedene Stämme unterscheiden (nebst einer Nebenform vom Stamme 
na), indem die Nominative des Singulars und Plurals eben so wenig 
unter sich, als mit den obliquen Casus ihrer respektiven Zahl zusam- 
menhängen ; das Pronomen zweiter Person hat deren nur zwei (nebst 
einer Nebenform vom Stamme wa). Der Singular-Nominativ der beiden 
Pronominen lautet im Sanskrit aham und iwam, von welchen, nach Ab- 
lösung der gemeinschaftlichen Endung am, ah und tu als Stämme übrig 
bleiben. Der Stamm tw findet sich im Lateinischen, Lithauischen, Let- 
tischen, Alt-Preufsischen und Persischen, ohne Beifügung irgend einer 
Endung, im Nominativ wieder. Im Gothischen hat blos das t eine As- 
piration angenommen, und im Alt-Slawischen steht ty für iu. Im Griechi- 
schen ist £ in r übergegangen. Scheidius hält das blofse v für den 
Stamm, und erklärt das 7 aus einem beigefügten spiritus asper. Durch 
g mit 


g erhebt sich die Summe 


des Sanskrits und aller verwandten Sprachen, welche dafür sprechen, 


diese Voraussetzung bringt er den Singular in nähere Verbindun 


dem Plural vusis. Allein gegen diese Erklärun 


dafs U die ursprüngliche Form sei, und dafs die Form sv auf eine im 
Griechischen sehr gewöhnliche Veränderung von r in 7 sich gründe; U 
aber kann meines Erachtens nur insofern als stammverwandt mit vueis 
angesehen werden, als man annimmt, dafs der Pronominalstamm tu sich 
schon in den ältesten Zeiten im Plural in ju erweicht habe, eine Form, 
in welcher das Sanskrit mit mehreren der verwandten Europäischen 
Sprachen zusammentriflt, und dafs das / von ju im Griechischen ver- 
loren gegangen oder in den spiritus asper sich verändert habe. Der 
Stamm ah, von aham ich, findet sich mit der Verwandlung von k in 
k (eine Veränderung die auch im Sanskrit schr gewöhnlich ist) in dem 
Gothischen 4; das Alt-Hochdeutsche hat das % unverändert gelassen, 
und lautet 4. Im Lettschen steht es, im Alt-Preufsischen as, deren 
schliefsendes s der Charakter des Nominativs seyn könnte, denn s be- 
zeichnet in diesen Sprachen den Nominativ; es darf aber die Verwandt- 


schaft zwischen s und A nicht übersehen werden. Im Lithauischen ist 


136 Borr: Vergleichende Zergliederung des Sanskrits 


h in /s übergegangen, daher af (1). Im Alt-Slawischen steht as im 
Nominativ, der hier, wie in den bisher erwähnten Sprachen, nicht den 
geringsten Zusammenhang mit den obliquen Casus darbietet. 

Im Sanskrit lassen sich ma und m@ als abwechselnde Stammsylben der 
obliquen Casus des Singulars annehmen, und alle verwandte Sprachen, 
Griechisch , Lateinisch, die Germanischen, Lettschen und Slawischen 
Sprachen, bieten, in Uebereinstimmung mit dem Sanskrit, m als den radi- 
kalen Consonanten in allen obliquen Singularendungen dar. Im Persischen 
steht dieser Stamm schon im Nominativ, welcher mer lautet, und am 
nächsten mit dem Sanskritischen Accusativ mam zusammentrifft. Das Pro- 
nomen zweiter Person lautet im Accusativ twäm, welches aus tw-am zu 
erklären ist. Der Accusativcharakter m kann jedoch bei diesen beiden 
Pronominen auch abgeworfen werden, wodurch eine nähere Ueberein- 
simmung mit dem Griechischen und Lateinischen hervorgebracht wird, 
wo diese Pronomina, im Singular, stets des eigentlichen Accusativcharak- 
ters entbehren. Am nächsten hängt jedoch mit mä und twä das Alt- 
Slawische mja und tja zusammen (ja ist nur ein einziger Vocal). In 
den übrigen obliquen Casus liegen, im Alt-Slawischen, men und ted als 
Stammsylben zum Grunde; ersteres, welches im Dativ und Locativ in 
mn zusammengezogen wird, erinnert an den Persischen Nominativ men. 
Das 5 von teb hängt offenbar mit dem alten Stammvocal z zusammen, 
der im Sanskrit nach bestimmten Wohllautsregeln in w übergeht, welches 
in den Slawischen Dialekten sich in 5 erhärtet hat, wie dieses durch die 
Betrachtung des Reflexivpronomens der dritten Person noch mehr sich 
bestätigen wird. Der Locativ lautet im Alt-Slawischen tob-oju, welches 
aller Wahrscheinlichkeit nach aus zeb-oju durch den Einflufs des Vocals 
der Endung auf den der Stammsylbe entstanden, vermittelst einer Assi- 


(1) Jakob Grimm gibt in seiner deutschen Grammatik (zweite Aufl. S.71.) meh- 
rere Beispiele wo auch am Anfange der Wörter das Lithauische ein /3 an der Stelle eines 
deutschen } hat. In zwei der von ihm angeführten Beispiele entspricht das Lithauische /% 
einem Sanskritischen palatinen s, welches, wie schon früher bemerkt worden, gerne in A 
übergeht; nämlich /zu (Gen. /zuns), Hund, lautet im Sanskrit sw« (Gen. sunas), und 
Jzimtas, hundert, lautet sata (Nom. satam). Eine überraschende Aehnlichkeit dieser Art 
findet sich noch zwischen dem Lithauischen /zaka@, ein Ast, und dem Sanskritischen 
gleichbedeutenden sahkhd. Dagegen hat in dem Worte Herz, Lithauisch /zirdis, auch 
das Sanskrit ein A, nämlich Ahrid. 


und der mit ihm verwandten Sprachen. 137 


milation, wie sie im Alt-Hochdeutschen vorkommt, obwohl in dieser 
Sprache der Vocal einer Endung nur den Vocal eines vorhergehenden Ab- 
leitungssuffixes, und nicht den der Stammsylbe sich assimiliren kann (t). 
Iım Polnischen zeigt sich jedoch, durch eine spätere Entartung, der Vo- 
cal o an der Stammsylbe, auch ohne die hier vermuthete Veranlassung. 
Mit dem Slawischen steht das Lithauische und Lettische, in Betreff der 
Pronominaldeclination, in nächster Verbindung; beide Sprachen geben 
in der ersten Person man als Stammsylbe der obliquen Casus, und in 
der zweiten Person erweitert sich der Urstamm ix“, im Lithauischen in 
taw, und im Lettschen in tew. Was die Germanischen Sprachen an- 
belangt, so mufs besonders das A oder A unsere Aufmerksamkeit in An- 
spruch nehmen, welches im Singular-Accusativ den Stämmen der ersten 
und zweiten Person, so wie dem Reflexiv der dritten Person, sich an- 
schliefst. Dieses A oder Ah findet sich, in dem entsprechenden Casus, we- 
der im Sanskrit noch in irgend einer anderen der verwandten Sprachen, 
und ich sehe daher keine genügende Veranlassung mit Rask anzunehmen, 
dafs das Gothische und Isländische iA älter sei als das Griechische uE oder 
us, und dafs die letzteren Formen sich dadurch erklären liefsen, dafs die 
Griechen y oder % am Ende eines Wortes nicht aussprechen konnten. 
Stünde das A oder Äh bei den Germanischen Sprachen nur im Accusativ 
des Pronomens erster Person, so möchte ich in dem Gothischen mık, in 
dem Alt-Hochdeutschen mih, lieber die Vereinigung von zwei gleichbe- 
deutenden Pronominalstämmen erkennen, nämlich des Nominativstaımmes 
'k, ih, und des Stammes der obliquen Casus, welcher 2 zum radikalen 
Consonanten hat (2). Da aber das 4 oder 4 auch bei den beiden ande- 
ren geschlechtlosen Pronominen sich vorfindet, so wird es zweckinäfsiger 
seyn, an das Lateinische hie, huic, hunc u.s. w. zu erinnern, wo ein 
unwesentliches c den charakteristischen Casusendungen sich angeschlossen 
hat; ein solcher ursprünglich bedeutungsloser Buchstabe konnte später 


den Charakter eines Casuszeichens annehmen. 


(1) Grimm’s Deutsche Grammatik, zweite Aufl. S. 115-118. 

(2) Bei dem Pronomen der dritten Person ist die Vereinigung von zwei verschiedenen 
Stämmen, im Sanskrit wie in den verwandten Sprachen, zu einem gemeinschaftlichen Gan- 
zen, nichts ungewöhnliches. 


Hist. philol. Klasse 1824. Ss 


138 Borr: Vergleichende Zergliederung des Sanskrits 


In dem Dativ bietet die Sanskritsprache eine höchst auffallende 
Uebereinstiimmung mit dem Lateinischen dar, und liefert die Formen 
ma-hjam mir, tu-bhjam dir. Am erscheint im Sanskrit bei den Pro- 
nominen sehr häufig als eine Arı bedeutungsloser Nachschlagsylbe, und 
i wird vor heterogenen Vocalen in der Regel in j verwandelt; es läfsı 
sich daher ma-hjam, tu-bhjam in ma-hi-am, tu-bhi-am auflösen, womit 
das Lateinische mihi und tbi beinahe identisch ist. Man braucht also 
diese Lateinischen Formen nicht mit Scheidius auf eine sehr gezwun- 
gene Weise aus no und ra zu erklären, und in &bi ein eingeschlichenes 
Diganıma Aeolieum zu erkennen. Die Endung bhjam ist zwar im Sanskrit, 
im Sing. auf das einzige tu-bhjam beschränkt, hängt aber auf das in- 
nigste mit den gewöhnlichen Pluralendungen des Dauv-Ablativs und In- 
strumentalis, Öjas (bhi-as) und bhus, und mit der dualen, dem Dativ, 
Ablauv und Instrumentalis gemeinschaftlichen Endung bhjäam zusammen, 
so dafs bhjam, bhjas, bhis und bhjädm als Spröfslinge einer und derselben 
Wurzel angesehen werden können. Ganz anders verhält es sich mit 
der Endung hjam in mahjam, mir; sie steht ganz isolirt, und es wird 
dadurch wahrscheinlich, dafs sie eine Verstümmelung ihrer primitiven 
Form erlitten habe. Sollie erwa hjam aus bhjam entstanden seyn, so 
dafs von dem aspirirten d nur die Aspiration übrig gelassen worden, 
auf eine ähnliche Weise wie die Wurzel dhä durch eine unrcgelmäfsige 
Bildung das Partieipium hita hervorbringt, und wie das Lateinische hu- 
mus wahrscheinlich einerlei Ursprungs ist mit dem Sanskritischen dhumi 
Erde, und wie das Lateinische f, welches so häufig die Stelle des San- 
skritischen bh vertritt, im Spanischen in A übergeht? — Die Aehnlich- 
keit des Alt-Preufsischen Dativs tebber oder tebbe dir, mit tubhjam und 
tibi, ist mehr zufällig als auf gemeinsamen Ursprung gegründet, denn 
es ist einleuchtend, dafs hier blos ei’ oder e als Endung zu betrachten 
sei, indem tebb zu dem Alt-Slawischen Stamme ieb und dem Lettischen 
tew sich verhält, wie menn, von menn-ei mir, zu dem oben erwähn- 
ten men und man. 

Der Instrumentalis hat im Sanskrit # zur charakterisuschen En- 
dung, und der Locativ hat das Kennzeichen des Griechischen, Latei- 
nischen und Alt-Nordischen Dativs, nämlich ’. Aus dem oben erwähn- 


ten Stamme me und dem aus Zu in tivd erweiterten Stamme der zweiten 


und der mit ihm verwandten Sprachen. 139 


Person, kommt daher, mit Befolgung einer Wohllautsregel, welche vor 
Vocalen die Verwandlung des € in aj erfordert (denn € gilt im Sanskrit 
als eine Zusammenziehung von a und 7), maja für me-ä, durch mich, 
twajä für twe-ä, durch dich; majı für me-', in mir, twajıi für twe-i, 
in dir. Maji, twaji lassen sich, in Betreff der Endung, mit den Griechi- 
schen Dativen wc und ra vergleichen. Für den Ablauiv und Genitiv 
des Singulars hat das Sanskrit, in der Regel, das gemeinschaftliche Kenn- 
zeichen s. Nur die Wörter auf a und die Pronomina unterscheiden beide 
Casus, und geben dem Ablativ die Endung at, daher m-at von mir, tv-at 
von dir. Für den Genitiv haben die Pronomina erster und zweiter 
Person eine Endung, welche sonst bei diesem Casus niemals vorkommt, 
nämlich a; hierbei aber hat der Stamm der ersten Person eine Art von 
Reduplication, und bildet mam-a, der Stamm tu erweitert sich in taw, 
und wird dadurch dem obliquen Stamme des Lithauischen ganz iden- 
üsch; man vergleiche taw-a mit taw-es. In der Endung steht jedoch 
das Gothische, wo nicht das Alt-Slawische, dem Sanskrit am nächsten, 
denn im Gothischen mufs in der zweiten Person und bei dem geschlecht- 
losen Pronomen der dritten Person das dem a vorhergehende z befrem- 
den. Die Vergleichung von meina, theina, seina mit dem Sanskritischen 
mam-a, taw-a und mit dem Alı-Slawischen men-e, teb-e, seb-e, führt zu 
der Vermuthung, dafs im Gothischen die Analogie der ersten Person 
auf die zweite und dritte eingewirkt, und diesen das nur der ersten 
Person zukommende z mitgetheilt habe. In dieser Vermuthung wird 
man durch die Vergleichung der entsprechenden Lithauischen und Let- 
tischen Formen noch mehr bestärkt. Was den Ausgang a anbelangt, 
so ist er im Gothischen, zur Bezeichnung des Genitivs, eben so selten 
als im Sanskrit, und zwar ebenfalls nur auf die geschlechtlosen Prono- 
mina beschränkt. Für den Genitiv und Dativ der beiden Personen hat 
die Sanskritsprache noch die Nebenformen me und 1£, welches man für 
ungebeugte Grundformen,, olıne Casusendung, zu halten hat; € aber 
scheint den Verlust eines w erlitten zu haben und für Ave zu stehen, 
aus welchem Stamme wir den Instirumentalis Zwajä4 und den Locativ 
twajt sich haben bilden sehen. Auch das Slawische hat im Dativ der 


beiden Personen besondere abgekürzte Nebenformen,, welche mit den 


S2 


140 Borr: Vergleichende Zergliederung des Sanskrits 


erwähnten Sanskritischen in nahem Zusammenhang stehen. Sie lauten 
nämlich, im Alt-Slawischen, x und t. 

Wir wenden uns nun zu dem Plural, in welcher Beziehung das 
Sanskrit höchst wichtige Aufschlüsse über die verwandten Europäischen 
Sprachen, besonders über das Griechische, liefert. Der Nominativ lautet 
wajam wir, jüjam ihr; am ist, wie im Singular, die gemeinschaftliche 
Endung, und nach den Wohllautsgesetzen läfst sich wajam aus we-am 
erklären. Der Stamm we ist insofern als unfruchtbar anzusehen, als er 
im Plural blos auf den Nominativ beschränkt ist, und unter den vielen 
verwandten Sprachen findet er sich nur bei der Germanischen wieder, 
und, was in der That auffallend ist, ebenfalls dem Anscheine nach 
auf den Nominativ beschränkt. In dem Gothischen weis, wir, ist das 


schliefsende s, welches in mehreren Mundarten in r übergegangen ist, 


I 
der Charakter des Nominativs; im Angelsächsischen fehlt dieser Charak- 
ter, und es ist daher »e gewissermafsen identisch mit der Sylbe, welche 
sich im Sanskrit als Stamm ergeben hat. Die Verwandschaft zwischen 
w und m, und der Umstand, dafs diese beiden Buchstaben in vielen 
Sprachen sich gerne mit einander verwechseln, darf hier nicht über- 
sehen, und eine ursprüngliche Einerleiheit der beiden Sanskritischen 
Stämme we und me, nicht geradezu geläugnet werden. Merkwürdig 
bleibt es aber, dafs nicht ein einzigesmal im Singular das m dem w 
weichen mufste, und ich glaube behaupten zu dürfen, dafs, wenn auch 
ursprünglich der Plural vom Singular nicht so streng geschieden war, 
der Genius der Sprache doch schon schr frühzeitig einen Drang fühlte, 
den Plural von dem Singular, selbst dem Stamme nach, unabhängig zu 
machen. 

Was nun das Pronomen der zweiten Person anbelangt, so wird 
man von jijam, ihr, sofern man auf die obliquen Casus Rücksicht 
nimmt, die Sylbe ju, mit kurzem u, als Stamm ansehen müssen. Der 
Vocal hat sich im Nominativ verlängert, und das, zwischen jd und am, 
kann für eine euphonische Einschiebung gelten, wie in bhawe-j-am, 
ich möge seyn. Dieser Pronominalstamm yu hat sich bei weitem frucht- 
barer gezeigt als we, denn er erstreckt sich über den ganzen Plural und 
Dual, und auch in den verwandten Sprachen erfreut er sich einer 
grofsen Verbreitung. Das Gothische setzt ihm im Nominativ des Plurals 


und der mit ihm verwandten Sprachen. 141 


das gewöhnliche Kennzeichen s bei; das Englische bietet, ohne den Zusauz 
einer Endung, den reinen Stamm dar (you). Im Lithauischen erstreckı 
sich dieser Stamm über den ganzen Plural und Dual, wie jus, ihr, 
judu, ihr beide. Letzteres ist offenbar nichts anderes als die Ver- 
bindung des Stammes mit dem Zahlworte du, zwei, welches im Fe- 
mininum dwi lautet, und in Verbindung mit ju, judwi bilder. Mit die- 
sem du und dwi scheint auch das in den älteren Germanischen Mund- 
arten, bei den geschlechtlosen Pronominen im Dual-Nominativ stehende 
t oder z zusammen zu hängen. 

Das Lettische und Alt-Preufsische haben den Stamm ju ebenfalls 
im Plural, denn diese Sprachen haben keinen Dual. Im Lateinischen 
und Slawischen hat aber der Stamm ju keine Spuren zurückgelassen ; 
im Persischen hängt damit ohne Zweifel die Sylbe schu von schuma, 
ihr, zusammen, da das m in den obliquen Casus des Sanskrits und an- 
derer verwandten Sprachen eine so bedeutende Rolle spielt, dafs man 
über die Sylbe md von schumä nicht in Verlegenheit zu seyn braucht. 
Den Uebergang von ju in schw wird man nicht anstöfsig finden, wenn 
man die Aussprache des Französischen mit der des Lateinischen j ver- 
gleicht. Im Griechischen zeigt die Sylbe ö oder v von nes, Une, oder 
dem Aeolischen vunes, eine zu auffallende Aehnlichkeit mit dem vielver- 
breiteten Stamme ju, als dafs es nöthig wäre, darauf aufmerksam zu 
machen. Dafs das u von vueis, vuss, oder die beiden x von Uunes, nicht 
zum Stamme gehören, ergibt sich schon aus der Vergleichung mit 
Nuss, aues, auuss, und wird aus dem Folgenden noch deutlicher hervor- 
gehen. Um nun wieder zum Sanskrit zurückzukehren, so stehen asmän 
und juschmän als Accusative für uns und euch. Die Sylbe sma, als 
nicht-radikaler Bestandtheil, ist bei dem Indischen Pronomen eine zu 
gewöhnliche Erscheinung, als dafs man hier ihr Eingreifen übersehen 
könnte. Sie tritt gewöhnlich zwischen den Stamm und die Casusendun- 
gen, so dafs diese dem eingeschobenen sna angehängt, oder damit ver- 
schmolzen werden; ich erkläre daher tasmai, (ihm), aus ta-sma-e, (denn 
€ welches der gewöhnliche Dativ-Charakter ist, geht mit einem vorher- 
gehenden a nach den Wohllautsregeln in a: über) tasmät, (von ihm), 


aus Za-sma-at, und tasmın in ihm aus la-sma-in, durch Elision 
2 2 ? 2 


t42 Bor»: Jergleichende Zergliederung des Sanskrits 


des a von sma (!). Bei den Pronominen der ersten und zweiten Person 
wird zwar die Sylbe sma im Singular nicht eingeschoben, um so häu- 
figer aber im Plural, wo sie einen Bestandtheil aller obliquen Casus 
ausmacht. Unmöglich ist es asmän und juschmän gegeneinander zu stel- 
len, in der Absicht die Radikaltheile beider Formen aufzufinden, und 
juschmän in derselben Absicht mit seinem Nominativ jdjam zu ver- 
gleichen, ohne an die Sylbe sma zu denken, welche in allen Pronomi- 
nen der dritten Person in mehreren obliquen Casus des Singulars ein- 
geschoben wird. Die Aspiration des s von juschmän kann keine Schwie- 
vigkeit machen, da die Verwandlung des dentalen s in das sogenannte 
cerebrale oder aspirirte, nach einem jeden anderen Vocal als a oder &, 
im Sanskrit ganz gewöhnlich ist: es verhält sich daher juschmän zu 
asmän wie amuschmai, (vom Stamme amu) jenem, zu tasmai, diesem. 
Es dürfte also für erwiesen angesehen werden, dafs « und ju die Stämme 
von asmän und juschmän, von asmäbhis und juschmäbhis, und allen übri- 
gen obliquen Pluralendungen seien (*). Vergleichen wir nun mit asmän 
und juschmän die Aeolischen und Alt-Epischen Datve auuw und Yuuı, 
ohne jedoch auf die Casusendung ein besonderes Gewicht zu legen, da 
es hier mehr auf die Ausmittelung der Stämme ankommt, so wird man 
ebenfalls « und v als die wesentlichsten, mit dem Sanskrit beinahe iden- 


tischen Radikalıheile ansehen müssen. Denn was d@uuw und vYuaıy mit 


(1) Die Abwerfung eines kurzen oder langen a vor grammatischen Endungen, welche 
mit Vocalen anfangen, ist etwas sehr gewöhnliches, wie ich in meinem Lehrgebäude der 


Sanskritsprache R. 47. gezeigt habe. 


(2) Sollte zwischen asmän, asmabis u.s. w. und dem Nominativ wajam (aus we-am) 
eine ursprüngliche Stanımverwandtschaft bestanden haben, was ich keinesweges läugnen 
will, so müfste man annehmen, dafs die Ausstofsung welche das äolische Diganıma so häufig 
am Anfange der Wörter hat erfahren müssen, hier auch das Indische w getroffen habe, 
und dafs demnach a-sinaän, a-smabhis u.s. w. ein älteres wa-sman, wa-smahis voraus- 
setze. Es würde also, so wie die Casus des Singulars theils aus me, theils aus ma sich ent- 
wickeln, dem Plural die verwandten Stämme we und wa zum Grunde liegen. Dem sei 
wie ihm wolle, in dem Zustande, worin das Sanskrit erhalten worden, ist das Band zerstört, 
welches bei dem Pronomen erster Person den Nominativ an die obliquen Casus anknüpfte. 
Im Griechischen besteht es dadurch, dafs der Nominativ der Analogie der Sanskritischen 
obliquen Casus gefolgt ist. 


und der mit ihm verwandten Sprachen. 143 


einander gemein haben, kann nicht der Bezeichnung der verschiedenen 
Grundbegriffe angehören. Hier ist es passend zu berücksichtigen, dafs 
im Griechischen 7 sich gern einem folgenden u assimilirt, wie denn 
durch eine solche Assimilauion das Dorische euu offenbar aus erw ent- 
standen ist, welches dem Sanskritischen asmi, ich bin, entspricht. Es 
wird daher die Vermuthung nicht befremden, dafs durch eine solche As- 
simitation @uuw und üuuw aus @ruw und ürww entstanden seien. Diese 
Vermuthung gewinnt dadurch an Wahrscheinlichkeit, dafs anch in den 
Pronominen anderer mit dem Sanskrit verwandter Europäischer Sprachen 
sich vieles durch die erwähnte Einschiebungssylbe sma erklären läfsı.- 
Ich habe schon bei einer früheren Veranlassung die Vermuthung ausge- 
sprochen, dafs mm in den Gothischen Singular-Dativen der Pronomina 


und Adjective, wie thamma, diesem, hwamma, wem, imma, ihm, 


se) 
u.s.w., durch Assimilation aus der Sylbe sma entstanden sei, und mit 
dem Indischen sma zusammenhänge, so dafs thamma dem Indischen 
gleichbedeutenden zasmai, hwamma dem Indischen kusmai, wem, und 
imma, ıhm, dem Indischen asmai, diesem, entspräche (!). Ich wie- 
derhole hier mit vum so gröfserer Zuversicht dieselbe Vermuthung, i 
weicher auch Jakob Grimm eine befriedigende Aufklärung des Go- 


ın 


thischen Dativs anerkennt (?), als ich seitdem durch Vater’s Alt-Preu- 
fsische Grammatik erfahren habe, dafs in dieser mit dem Gothischen 
nahe verwandten Sprache alle Pronomina der dritten Person im Sin- 
gular-Dativ mit smu enden. Antar-smu, dem anderen, ka-smu, 
wem, entsprechen den Sanskritischen gleichbedeutenden Formen, antara- 
smai, ka-smat. 

Ich glaube, dafs nach dem Gesagten es kaum mehr eines Bewei- 
ses bedürfe für die Behauptung, dafs die Aeolischen Formen auuw und 
vmuw älter seien und vollständiger, als die Dorischen «uw und öuw, und 
dafs diese aus jenen hervorgegangen, und nicht umgekehrt, da man, wo 
nicht sehr trifiige Gründe für das Gegentheil sprechen, bei obwalten- 
den Dialektverschiedenheiten im Griechischen, diejenigen Formen für die 
ursprünglichen halten mufls, welche am genauesten mit dem Sanskrit 


(1) S. Annals of Oriental literature S. 16. 


(2) Deutsche Grammatik, zweite Auflage S. 826. 


144 Borr: Jergleichende Zergliederung des Sanskrits 


und anderen verwandten Sprachen zusammenhängen. Es scheinen aber 
überdies die langen Vocale der Dorischen Formen «ww und Vuw für die 
Ausstofsung eines folgenden Consonanten zu sprechen, da auch der Vo- 
cal von euuı, nach Ausstofsung des einen u, in &ı erweitert wurde, und 
da das o von rUrreyrı, nach Ausstofsung des v, in 3 übergeht, denn auf 
die Vertauschung des r mit r kommt hier nichts an. Unter den Ger- 
manischen Mundarten hat auch nur die Gothische ein doppeltes m in 
dem erwähnten Singular-Dativ der Pronomina, während sämmtliche 
jüngere Mundarten das eine m abgeworfen und sich hierdurch von der 
Urform weiter entfernt haben, indem sie sich zur Gothischen, wie die 
Dorische zur Aeolischen Form, verhalten. Warum sollte man nicht 
auch in dem Plural-Dativ der Pronomina, obwohl hier auch das Go- 
thische nur Ein m hat, — wie thaim, diesen, — einen Zusammenhang mit 
der Indischen Einschiebungsylbe sma finden können? Vom Lithauischen 
verdienen hier die Plural-Dative jumus, euch, und mumus, uns, an- 
geführt zu werden. Im Dual lautet der Dativ jum, mum, und der Ge- 
nitiv jumü, mümü. Bei Betrachwng des Alt-Preufsischen Dauvs nou- 
mans, uns, gerätlh man leicht in Versuchung zu glauben, dafs hier 
zwei Pronominal-Stämme mit einander verbunden seien, nämlich nou, 
welches mit dem Lateinischen zos, dem Alt-Indischen und Slawischen 
nas, zusammenhängt (wovon no und na als Stämme anzusehen), und mans 
welches für sich allein als Plural- Accusativ steht, und als solcher mit 
den obliquen Casus des Singulars einerlei Ursprungs ist. Wenn man 
aber noumans, (uns), mit joumans, euch, vergleicht, so erkennt man, 
dafs mans in beiden Formen als Endung angesehen, und folglich mit der 


5 
früher erwähnten Singularendung sm, mit dem im Sanskrit eingescho- 
benen sma, und mit dem doppelten m des Gothischen und Aeolischen 
in eine Klasse gestellt werden müsse. Um nun wieder zu dem Griechi- 
schen zurückzukehren, so ist es kaum nöthig zu bemerken, dafs, was von 
dem doppelten u in auuw und ünnw gesagt worden, auch auf den Accu- 
sativ auus, üune, (welcher eigentlich dem Dual angehört) und den Nomi- 
nativ dunss, Uunes, anzuwenden sei. Im Genitiv kommen zwar auuwv 
und vuuwv nicht vor, ihr ehmaliges Daseyn läfsı sich aber aus der Ana- 
logie der übrigen Casus vermuthen. Mit dem Dorischen Plural auss 


scheint der Singular-Accusativ @ue für &ue in Berührung zu stehen, und 


und der mit ıhm verwandten Sprachen. 145 


wirklich legt Scheidius auf dieses Zusammentreflen ein so grofses Ge- 
wicht, dafs er sich einen Nominativ auis, aus bildet, woraus er beide 
ableitet. Allein es ist offenbar dieser Zusammenhang nur ein scheinbarer, 
es sei denn, dafs man beweisen könnte, dafs in dem Singular-Accusativ 
« und nicht we der wesenulichste Bestandtheil sei; denn dafs in «ugs und 
vues die erste und nicht die letzte Sylbe radikal sei, liegt am Tage, und 
es bedarf hierzu nicht der Erklärung, wodurch ich versucht habe, das 
den beiden Pluralformen gemeinschaftliche x aus dem Sanskrit und an- 
deren verwandten Sprachen nachzuweisen. Dafs aber in den obliquen 
Singularendungen, des Pronomens der ersten Person, #2 und nicht zus, 
ve und nicht &ue oder «us die ursprüngliche Form sei, wenn sich gleich 
keine Zeit nachweisen läfst, in welcher nicht auch die letztere Form 
im Griechischen gebräuchlich gewesen, erhellt aus der Vergleichung mit 
den verwandten Sprachen, welche sämmtlich die entsprechenden Casus 
mit m anfangen, ferner aus der Neigung, welche die Griechische Sprache 
zeigt, den mit Consonanten anfangenden Wörtern einen Vocal, wie &, « 
oder o, vorzusetzen. 

Wenn meine Ansichten über den Plural der Griechischen Prono- 
mina erster und zweiter Person richtig sind, so folgt daraus, dafs man 
nicht mit Scheidius das Afformativ uev oder ues der Zeitwörter von 
@ues ableiten dürfe, denn es könnte ja sonst mit gleichem Rechte die 
zweite Person mit uev oder ues enden. Viel richtiger wird sich wev oder 
„es zugleich mit u und dem in v verweichten # des Imperfects, Plus- 
quamperfects und zweiten Aorists von dem obliquen Singularstamme ab- 
leiten lassen, wie ja das Afformativ rs der zweiten Person nicht aus 
nes, wohl aber aus dem Dorischen Singular U, dessen Accusativ re, 
erklärt werden kann. Auch möchte ich nicht mit Rask das Lithauische 
mes, wir, mit dem Dorischen «@ues zusammenstellen, oder damit ver- 
gleichen, denn die Aehnlichkeit beider ist mehr zufällig als wirklich, da 
das Lithauische mit dem Sanskrit, Griechischen, Lateinischen und den 
Germanischen Sprachen nicht die Eigenheit theilt, dafs das Pronomen 
erster Person für den Plural einen eigenen Stamm habe, sondern der 
Stamm, welcher im Singular den obliquen Casus zum Grunde liegt, er- 
streckt sich über den ganzen Dual und Plural. Es wäre in der That 
ein sonderbarer Mifsgriff der Lithauischen Sprache, wenn sie von @ues 

Hıist. phiol. Klasse 1824. 1 


146 Borr: Vergleichende Zergliederung des Sanskrits 


gerade diejenige Sylbe losgerissen hätte, worauf, zur Bezeichnung der 
Person, am wenigsten ankommt. Auch konnte Rask, welcher in sei- 
nen Untersuchungen über die Thrakische Sprachklasse viel Scharfsinn 
und gründliche Beobachtung beurkundet, nur insofern «ues mit dem Li- 
thauischen mes vergleichen, als er das » von «@ues für radikal hielt. 
Das Sanskrit hat im Accusativ, Dativ und Genitiv des Plurals, 
neben den aus a und ju gebildeten Formen, noch die gleichbedeuten- 
den Formen nas und was. Als Stämme sind za und wa anzusehen, wie 
sich aus der Vergleichung mit dem Dual zau und wau ergibt; aber das 
s ist gewissermafsen mit dem Stamme verwachsen, da zas und was sonst 
auf den Accusativ beschränkt seyn müfsten, im Falle sie nicht schon im 
Nominativ gebräuchlich wären. Auch zeigt sich in dem Lateinischen, 
so auffallend mit diesen Nebenformen übereinstimmenden zos und vos (!) 
das s deutlich als Casuszeichen. Das Griechische hat diese Stämme auf 
den Dual beschränkt, denn ein Zusammenhang zwischen sp; pw und 
was, wau läfst sich kaum verkennen Das Slawische bildet den ganzen 
Plural und Dual, mit Ausnahme des Nominativs der ersten Person, aus 
ähnlichen Stämmen, daher die Genitive nas, was, die Dative nam, wam 
u.s. w. Das Alt-Preufsische zeigt diese Stämme ebenfalls im Plural. In 
den Germanischen Sprachen ist es schwer, im Plural und Dual den rech- 
sen Zusammenhang 


5 
aufzufinden; aus der Vergleichung des Gothischen mit den anderen Ger- 


zwischen den obliquen Casus und ihrem Nominativ 


manischen Mundarten glaube ich jedoch mit Zuversicht folgern zu dür- 
fen, dafs die Halbvocale w und j der Nominative weis und jus in den 
obliquen Casus in ihre entsprechenden Vocale v und übergegangen 
sind. Im Alt-Hochdeutschen ist diese Veränderung, bei der zweiten Per- 
son, schon im Nominativ eingetreten, und das z des Stammes ju hat sich 
in diesem Casus verdrängen lassen; daher steht ir für das Gothische jus. 
In den übrigen Casus hat sich jedoch das z standhafter gezeigt, indem 
es entweder unverändert geblieben, wie in dem Dauv zu, oder, vor Vo- 
calen, in seinen Halbvocal w übergegangen ist, in Uebereinstimmung 
mit einer im Sanskrit herrschenden Wohllautsregel; daher der Genitiv 
iw-ar, der Accusativ üv-ih. Vergleicht man hiermit die entsprechenden 


\ . . . . 
(1) Nach Bengalischer Aussprache wird nas und was im Sanskrit eben so ausgesprochen. 


und der mit ihm verwandten Sprachen. 147 


Gothischen Formen izwara, izwis, so erhebt das wie ein gelindes s aus- 
zusprechende s einen Zweifel. Ob dieses s für eine unwesentliche eu- 
phonische Einschaltung zu halten sei, oder ob, was mir weniger wahr- 
scheinlich ist, zw mit der Sanskriuschen Einschaltungssylbe sma zusam- 
menhänge, durch eine nicht ungewöhnliche Verwandlung von m in w, 
oder auf welche andere Weise von diesen Formen Rechenschaft gegeben 
werden müsse, vermag ich nicht zu bestimmen. Soviel aber halte ich 
für ausgemacht, dafs das i von izwara, izwis, eben so wohl wie das der 
entsprechenden Alt-Hochdeutschen Formen zwar, wis, von dem j des 
Stammes ju herrühre, und dafs das w der Gothischen Pluralformen 
nichts mit dem des Dualis, ıgqwara, isqwis, gemein habe; denn hier zeigt 
die Vergleichung mit den zunächst verwandten Mundarten, dafs das w 
dem q blos als ein euphonischer Zusatz beigegeben sei. Darauf aber, 
dafs qw im Gothischen durch einen einzigen Buchstaben geschrieben 
wird, kommt wenig an. Mit Jakob Grimm bin ich sehr geneigt an- 
zunehmen , dafs bei dem Pronomen erster Person das ns von unsara, 
(nostri), unsis, (nobis und nos als Accus.), nichts anders als eine ur- 
sprüngliche Accussativendung sei (!), die aber mit dem Stamme so ver- 
wachsen und in Eins zerschmolzen ist, dafs sie selber zum Radikaltheile 
wurde, so dafs dem uns, als einem erweiterten Stamm der Urform x, 
neue Casusendungen sich angeschlossen haben. Was den Dual anbelangt, 
so scheint das A (im Gothischen gw), wie ebenfalls Grimm vermuthet, 
mit dem A des Singular- Accusativs, mık, thuk, einerlei Ursprungs zu 
seyn, und wenn meine Ansicht gegründet ist, dafs dieses A seinem Ur- 
sprunge nach kein eigentlicher Accusativcharakter, sondern wie c in dem 
Latemischen Zic paragogisch sei, so gewinnt diese Erklärung an Wahr- 
scheinlichkeit. In Bewreff des dem Gutiural vorhergehenden Nasals, 
welcher im Gothischen, nach dem Beispiele des Griechischen, mit g ge- 
schrieben wird, ist zu berücksichügen, dafs n sich gern mitten in eine 
Wurzelsylbe eindränge, wie z. B. im Lateinischen in frango, tango, im 
Sanskrit in bhunkte, er ifsı, von bhudsch, welches mit dem Griechi- 


schen payw verwandt ist; Zschintati, er denkt, von tschit. 


(1) Deutsche Grammatik, zweite Auflage S. 813. „„unsara scheint aus dem Accusativ 
„uns abgeleitet, nicht anders der Dativ unsis, welcher nebst iswis dem Dativ Singular 
„parallel auslautet.” 


T2 


148 Bopr: Fergleichende Zergliederung des Sanskrits u.s.w. 


Zur Erklärung des Sanskritischen Duals bleibt nun noch zu be- 
merken übrig, dafs, wenn gleich iwäm, wir beiden, und juwäm, ihr 
beiden, den gemeinschaftlichen Ausgang wäm haben, dennoch das w in 
beiden Formen aus ganz verschiedenen Quellen fliefse. Denn dwäm, 
wir beiden, hängt offenbar mit dem Plural wajam zusammen, so dafs 
dem radikalen w ein @ vorgetreten ist, etwa wie bei den Personalen- 
dungen der Zeitwörter im Dual des Mediums. Man vergleiche adwisch- 
ätäm, die beiden hafsten, mit dem Activ adwisch-täm. Das w von 
juwäm, ihr beide, ist aber, mit dem vorhergehenden z, die euphonische 
Veränderung des Vocals der Stammsylbe ju, denn u geht in der Mitte 
eines Wortes vor Vocalen sehr häufig in uw über, während es am Ende 
sich blos in w verwandelt. 

Die folgenden Tafeln geben einen zusammenhangenden Ueberblick 
der Declination der Pronomina erster und zweiter Person, im Sanskrit 
und den verwandten Sprachen. Die Casus folgen in der in den San- 
skrit-Grammatiken üblichen Ordnung. Von den Slawischen Mundarten 
geben wir blos das Alt-Slawische, und von den Germanischen das Go- 
thische, Alt-Hochdeutsche und Alt-Sächsische. 


AI DANN 


Tafel 1. 


Lettisch. Alt - Preufsisch. Alt-Slawisch. Persisch. 
Nom. m es as az men 
Accus. Ai > TILERTT mien nja merä | 
Instr. AI ı | rer lene nn nn mnje merd 

| 

Dat. Meul man | mennei mnje, mi 
Ablat. AT 
Gen. HET. mannis maisei mene 
Loc. EIRE aan ler en enen mine 


Nom. ZI |\ erlernen wa (!) | 
Accus. mA ee seele | EIERN wa (!) | 
Tnstr: Ja: Ele: Deus Sarah rar fees nama 
Dat. Eife ats wre a a nama 
Ablat. 7A 


Gen. Etat 1 wem re eben ceirerge naju 
. | 

Loc. IE ara Fa ae naju | 
| 


mehs mes mi ma 


Nom. 


muhs mans ni märd 
Accus. 


Instr ee ee | namı 


Ablat. 
Gen. 
Loc. 


muhsu EEE ö nas 


cDi 
ar 
Hr 
Dat. ZIrr | mums noumans | am mara 
Ir 
is 
Ir 


Hist. | 


Pronomen der ersten Person. 


Set N GEUSTEAERR 


— 20001 tt ———— 


Tafel I. 


-—— 


Sanskrit. Griechisch. Lateinisch. Gothisch. Alt-Hochdeutsch. | Alt-Sächsisch. Lithauisch. Lettisch. Alt - Preufsisch. Alt-Slawisch. Persisch. 
= ax. Br “ 7. „2 
Nom. IR aham ....ereeeneeeeneenenee nenn 577) ..ego ik ih ik afz es as az men 
3 4 fi . D 2 D » 
Accus. A], AT mam, ma ..... A EEE WE me mik mih mi mane man mien mja merd 
Instr. FE maja (aus me-a) .......... 3. str a | Re END ERDE HPROHORO RBRERFEREE oo ||c.c 0.0.0.0.5 000 C manımi are ae - mnje merä 
_ — - . “ ‚ 7» * . . - . 
: ma-hjam (aus ma-hi-am), me .... A mihi mis mir mi mdn man menne i 
Dat Aal, I j ( )s | ncı ei mnje, mi 
H N 
Ablat. Al mat ........ TR een, © ö me 
un 
= ; x | 4 ? ; s u: 
Gen, SEIT. Ei mama mel ern a. DP3 | mei meina mın min manes mannis maisei mene 
= =. AR | | .. Pi 
TED (BnERERD) nen len une rear ernennen ernennen nennen manije ran mnje 
| | 
mn 
Nöte FETTE Ta vol a area wit RR ec hanelesa wit muddu; (wedd) ee wa (!) 
» kN 
Accus. FIAT, IT dwam, nau....2..........- k vol a ugkis unch unk muddu | |: ac wa (!) 
| 
3 | 
Ina SNEPUWNawAabham een. u ERS E TatRi.e. + Ale Kogugei jnio) aan) p Eapla eo iiele ie fer dee tehe Reel NeFadete era: ar elate line alone nee he Tee elek ge oe nama 
. EN 2 | 
Dat. ZITAT, TI dwabhjam, nau.....2.2.2....: vaiv aus reaee ugkis unch unk | mumiawieriV |... RONALD nama 
Ablat. ZITAT dwabhjäm 
Gen. FIT. Em TE OS een valy rer , ugkara unchar unker MUT ÄRDIeyNlenereee Sana nee onen tee euere naju 
Q 
Loc. 3MAUTA dwajos......2.2....-. SR Ai an || ro Dre SICESBARONER Res dexe) tonenaltanefe ade Areilollone eforedeue ste ER SR | 1 Yachage Ta nekojfe Be en. naju 
PERZUERSAET 
Nom. ER Wajams een ehe Mueis, duWes nos weis wir wi | mes | mehs mes mi md 
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(1) So das Masc.; das Femin. ist wje; in den übrigen Casus sind die Geschlechter nicht unterschieden. 


Ist. pbilol. Klasse 1824. p. 148. 


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Tafel IT. 


BEREERS OREEISDNEL ZEHN SS EC ERECS BERNER TE TIERE CHE TE ICPEREPTRC CE EIS RT BRBEESBEREEPEEGETIGFTIR TNEBENe ont IE BIST. TO TE EEE ECEPN EEE  S.> 


Lettisch. Alt - Preyfsisch. Alt-Slawisch. | Persisch. 
— [1 tu tu ti tu 
Nom. EI twam 
. tew tien 1ja tura 
Accus. I, AT . 
A EN re ER toboju 
Instr. AMT twaza Fe 
tew tebbei tebje, ti tura 
Dat. DI, Ai 
Ablat. Art twat. 
a tewis twalse tebe 
Gen. AI, At 
Fl tee enge ee ah ea ter tebje 
Loc. ! alt UWG] mm mm 002000 


Nom. Mat juwa | 
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Accus. TAT. aT 
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Instr. TAT 7 


RT U rss | ware ee wwama 
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Gen. MAMI, | | 

Spa a lhn er ee raten a ng waju | 
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Nom. FI Jüjan 

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Accus. ATTIeT. 


5 Se re er Dee: wamı 
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Instr. TAI TE | i 
S 


Juhs wans 1103 | schumard 


jums Jumans wam schumdra 
Dat. MTT, 
S 
Ablat. ? D j | 
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Gen. DIRSIE TE 
Narr GT Na .:si, sa 00 a ae Marl ta te una ae | WÜUS | 


Loc. At y 


Hist. pbilol. ] 


Tafel IT. 
m Te u GERT SEE 


Pronomen der zweiten Person. 


mwmwmmmmv 


HIN cc WIE AM: i 


Sanskrit. Griechisch. Lateinisch. Gothisch. Alt-Hochdeutsch. | Alt-Sachsisch. Lithauisch. Lettisch. Alt- Preyfsisch. Alt-Slawisch. Persisch. 
Nom. a Br esse ae nn. U, U tu thu du thu tu tu tu Pr Zr 
Aconas era wd. . elen | 06, TU, TE te thuk dih thi tawe tew tien !ja tura 
Instr. AMT twaja (aus twe-a)... TE ET a ee ee. 0.0 0.0.:50°- tawımi ae ee ee en toboju 
Dat. Pa. Fern tubhjam (austu-bhi-am), e...... | coi, Tai tibi thus dir thi tdw tew tebbei tebje, ti tura . 
EEE RTRE OIF TIL TSYAN arten nen cette ee annnta ale BE Ne |21.0. ae Ä te 
EN 
Gen. Ad, A a Ne A ToU, TEU zul theina din thin tawes tewis twaise tebe 
os NEW)... ea eueleen- ara mens nnsenelsen nenne lem een en nan|en nennen tawıje En tebje | 
mm nn 
DEOUSAFE 
Nom. Tat juwam Bo er, 3ER er era are: 0,08 Enns Dr gü Judu = 
Accus. bei AT juwam, SEONDEE EEE Te EEE En aldi ee EEeNee: igqwis inch ink Judu 
S 
Instr. gaTaı NER ee > N or ee er lien. nr? Se LE. 0a rer Orc ces ahkkerees | wanıa 
3 | 
Dat. garal, AT juwaäbhjdm, SD Re ER | ahwiv | See Re igqwis inch ink jum dwiem |...... N REN wama 
3 | 
Ablat. aatrat Juwabhjam 
S 
Gen. TAT juwajös ee era sine a RN ne on. =. igqwara inchar inker jümü dwigü |....... ER een ren ne waju 
Loc. TITEL] juwajos ..... ee Sr ee Er er | I amade I 2 en Ber erenon waju 
3 
PSTZUERZAGTE 
Ben ee 
Nom. TI jüjam . 5 EEE 0 ARTE RER Unsis, UnuES vos Jus ir gi Jüs | Juhs jous wi | schuma 
Accus. ATI. AH juschmän, was .......... ..| vünäs, vune vos izwis iwih du Jüs Juhs wans wi schumdra 
2 | 
Instr. Zaun! ESCHIRBRESE ee BO no ot ae ne u Sen eg | un © ol ttera ne. | wami | 
Dat. TH, AM juschmabljam, was ........ | Univ, Yaıv vobis | izwis iu | iu Jümus | jums Jumans wam schumara 
N | | | 
Ablat. TAT juschmat een tee eo N vobis | 
Gen. ACH, AH juschmäkam, N A E una vestri, vestrun. izwara iwar iuwer Jüsü Juhsu ee was 
Loc. OCATET juschmdsu BE TE NSRe a. oinel|ie in oc ae er yanfalltaredalietann. ist m ehe es sn a mann Ne Sg: Jüsusee le nun nase | rk ae En was | 


Hist, pbilol. Klasse 1824. p. 148. 


Ueber 
den Farnesischen Congius im Königlichen Antiken- 
Saale zu Dresden. 


Von 


H=- D- H.HASE, 


Inspektor der Antiken- Sammlung und des Münz-Kabinets daselbst 


RAAVUUUVVLVUT 


[Der Akademie der Wissenschaften vorgelegt am 18. März 1824.) 


Su den schätzbarsten und merkwürdigsten Ueberresten des Alterıhums 
‚„‚gehört der unter Vespasian auf dem Kapitol aufgestellte Normal-Con- 
sius, jetzt gewöhnlich der Farnesische genannt,” sagt Hr. Ideler 


»8 
in seiner Abhandlung über die Längen- und Flächenmafse der Alten ('). 
Er ahnete nicht, dafs dieses Gefäfs sich in Deutschland und ziemlich 
nahe dem Orte befinde, wo er diese Worte aussprach. Denn selbst die- 
jenigen, die sich aus der Wacker-Lipsiusschen Beschreibung der Dresdner 
Antiken-Gallerie (S. 465.) erinnerten, dafs es dort als ein Eigenthum die- 
ser Sammlung erwähnt sei, konnten sich bei dieser Anführung eben so 
wenig, als bei dem Kupfer, das Leplat davon gegeben hat, überzeu- 
gen, dafs hier von dem wahren Farnesischen Congius die Rede sei. So 
sehr hatten sich Abbildner und Beschreiber vereinigt, ihn unkenntlich 
zu machen. Doch hoffen wir zu erweisen, dafs der dort gemeinte der 
ächte sei. 

In einer Ecke eines der Schränke versteckt, die im Mumienzimmer 
des Augusteum aufgestellt sind, schien sich das Gefäfs, welches uns be- 
schäftigt, absichtlich den Blicken derer entzogen zu haben, die so manches 
Interessante dieser Sammlung zu allgemeinerer Kenninifs und Würdi- 
gung gebracht haben. Beruf und Aufmerksamkeit auf alles, was auf 


die Mafse der Alten Bezug hat, verarlafsten den Verfasser dieser Zeilen, 


(1) Abhandlungen der Königlich-Preufsischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin 
aus den Jahren 1812-1813. Hist. philol. Klasse, S. 154. 


150 Hasx: über den Farnesischen Congius 


das Gefäfs genauer zu prüfen, und liefsen ihn bald das unbezweifelt 
ächte darin erkennen. 

Der Congius der Dresdner Sammlung ist von Messing, nach dem 
Sprachgebrauche der Väter Jesu von Orichalco, im Aeufsern zwei ab- 
gekürzten Kegeln gleich, die mit ihren untern Grundflächen durch Lö- 
hung aufeinander gepafst sind. Oben um läuft ein Rand (xeiRes, Zabrum), 
der breit überragt, und die Genauigkeit der Messung sichert, ohne selbst 
bei der Bestimmung des Inhalts in Anschlag zu kommen. Ganz flach 
und ohne alle Zierlichkeit ist der Fufs angesetzt; ein Umstand, der defs- 
halb zu bemerken ist, weil die meisten davon bekannt gemachten Ab- 
bildungen ihn, um der gefälligern Form willen, wulstartiger zeigen. 
Noch bemerkt man, besonders an der Seite des Fufses, die aufstand 
und daher vor den Einwirkungen der Luft mehr geschützt war, Spuren 
ehemaliger Vergoldung, die seine vortreflliche Erhaltung erklären; denn 
förmlich müssen wir Hrn. Ideler’s Behauptung (a.a.O.) widersprechen, 
die auch Hr. Wurm (') wiederhohlt hat, ‚‚dafs dieses Gefäfs vom Grün- 
‚„‚span nicht wenig zerfressen sei.’’ Nirgends zeigt sich davon eine Spur. 
Nur die Löthung hatte gelitten; aber eine Auflösung von Sıegellack in 
Alkohol reichte hin, alles Sickern zu heben. Nirgends am ganzen Ge- 
fäfse sind Beulen. Auf jeden Fall war es früher an einem Orte aufge- 
stell, wo es geehrt war. Seine Masse reitzte keine Habsucht. Seit seine 
Wichtigkeit für wissenschaftliche Untersuchungen anerkannt war, wurde 
es pfleglich behandelt. 

Aufsen herum laufen in das Metall eingeritzte Ringe, zwischen 
denen die bekannte, von Hrn. Ideler nicht sehr genau wiedergegebene, 
Inschrift steht, die den Ruhm dieses Gefäfses begründete: 


IMP:- CAESARE 
VESPAS VI 
T.CAES.AYG.F.ON® 
MENSVRAE 
EXACTAE-IN 
GAPITOLIO 


PX 


(1) De ponderum, numorum, mensurarum, ac de anni ordinandi rationibus (Stut- 


gard 1821.8.) 8.78. 


im Königl. Antiken- Saale zu Dresden. 151 


Die Worte der Inschrift sind so leicht, dafs man kaum begreift, 
wie Villalpandi in ihrer Erklärung irren konnte, wäre er nicht von 
der willkührlichen Annahme ausgegangen, dafs durch die Höhe des Con- 
gius und die umlaufenden Reifen Mafse besimmt würden. Dieser son- 
derbaren Voraussetzung zufolge, die sich in den Köpfen der Italiener 
bis auf Bayardi herab (') eingenistet hatte, nahm er die Wörter men- 
surae exactae für Nominative, da sie doch, wie schon Greaves (?) und 
Eisenschmid andeuten, als Genitive zu verstehen sind, vom ausgelas- 
senen Congius regiert, welchen die pondo decem bezeichnen. Das Jahr, 
wo Vespasian zum sechsten und sein Sohn Titus zum vierten Male 
Consuln waren, entspricht dem 75sten unserer Zeitrechnung und dem 
828sten seit Erbauung Roms. 

Die Dimensionen des Gongius sind nach genauer Messung: (') 

CED 4 B, Durchmesser der auf- 


/ einander gepafsten untern 

Kegelgrundflächen, . ... 72,5 franz. Linien. 
CD, Durchmesser der obe- 

ren Grundflächen, . . . 36,0 - - 
F EF, Höhe des obern ab- 

gekürzten Kegels, ... 62,5 - - 
FG, Höhe des untern ab- 

gekürzten Kegels.... 60,5 - - 


ENG D 

Soviel zur Beschreibung eines Gefüfses, das vom ersten Augen- 
blicke seines Bekanntwerdens an die Aufmerksamkeit der Gelehrten er- 
regt hat. Zunächst wirkte dazu wohl ein Umstand mit, der der Prüfung 
werth ist. Dreisthin nämlich sprachen die italienischen Gelehrten, welche 
diesen Congius untersuchten, die Vermuthung aus, dafs er das auf dem 
Kapitol aufgestellte Normal-Gefäfs gewesen sei. Da auch Hr. Ideler 


(1) Antichita d’Ercolano, T.I, p. 555. 
(2) Misc. Works, S. 198. 
(3) 


5) Die nebenstehende Figur ist blofs als eine mathematische zu betrachten. 


152 Hase: über den Farnesischen Congius 


sich dieser Voraussetzung bequemt hat, so wird sein Ansehn für Viele 
hinreichen, dieser Annahme Glauben zu verschaffen. Der Beweis dafür 
möchte aber schwer zu führen sein. Die indirekten Zeugnisse, dafs auf 
dem Kapitol ein ponderarium, wahrscheinlich bei der Münze, gewesen 
sei, sind so oft beigebracht worden, am besten von Wernsdorf (!), 
dafs man ihrer Wiederhohlung überhoben sein kann. Das direkteste 
Zeugnifs ist die Inschrift bei Fabretti (?), die, nach den Worten au- 
ctore sanclissimo Aug. N. nobilissimo Caes zu schliefsen, wohl erst der 
zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung ange- 
hört. Denn wenn auch der nobilissimus Caesar früher vorkommt (°), so 
scheint doch der sanctissimus Imperator erst eine Erfindung der Zeit des 
Probus zu sein (*). Die Menge von Stellen und Denkmälern, wo nach 
den kapitolinischen geaichte Mafse vorkommen, lassen keinen Zweifel 
übrig, dafs daselbst ein Depot der Mustermafse war; eine Einrichtung, 
die abermals an das Vorbild athenischer Verhältnisse erinnert (°). Nur sagt 
wohl keine Inschrift, eben so wenig als die unseres Congius selbst, dafs 
das Denkmal, das sie trug, als Mustermafs gedient habe. Wernsdorf’s 
sonst wahrscheinlicher Vermuthung (°), dafs wohl erst nach der Her- 
stellung des zum zweiten Male abgebrannten Kapitols unter Vespasian ka- 
pitolinische Mafse vorkommen möchten, widerspricht ein von dem Ca- 
talogo de’ monumenti di Ercolano (") angeführtes Gewicht, welches dem 
dritten Consulat des Tiberius Claudius (J. d. St. 799. n.Chr. 46.), so 
wie eine Schnellwage ebendaselbst (°), gleichfalls exacta in Capit. cura 
Aedil., die demselben Regierungsjahre des K. Claudius angehört. 


) AIF Excurs. ad poet. lat. minor. T.V. 
) Inser. vett. c. VII, n. 380. 
5) Eckhel D. N. VII, S. 370. 

) Man vergleiche Salmasius ad Hist. August, II, p. 629 b. und 647, und die In- 
schrift aus Thymbra in Lechevalier’s Reise nach Troas von Lenz, Altenburg und Erfurt 
1800, S. 201, die Villoison wohl zu spät ansetzt, da sie, wahrscheinlicher als er an- 
nimmt, dem J.d. St. 1040, nach Christus 287, zustimmt. 

(5) Vergleiche Böckh’s Staatshaushaltung der Athener, IT, 348 ff. 
(6) Excurs. laud. p. 610. 
(9) 22%J,-P-335. N..CCY. 
(8) N. CCXAT, S. 356. 


im Königl, Antiken- Saale zu Dresden. 153 


Kurz Lucas Pätus, der unsern Congius zuerst anführt, ist uns 
den Beweis schuldig geblieben, wefshalb er ihn für das kapitolinische 
Normal-Gefäfs selbst erklärte. Die Inschrift reicht dazu nicht hin. 
Wahrscheinlich fand ihn der Kardinal Alexander Farnese, als des- 
sen Eigenthum er uns zuerst bekannt wird, in einer Kirche Italiens, wo- 
hin nach der Novella des Justinian 128 c.15, als die Päpste und der 
Senat die Aufbewahrung der Mafse und Gewichte übernommen hat- 
ien (!), Gefäfse der Art gebracht worden waren, um mit dem Örte der 
Aufbewahrung das heilige Ansehn zu theilen. In der Anführung dieser 
Novelle durch Lucas Pätus möchte für Raschschliefsende, die sich um 
die Entstehung mancher berühmten Liebhaber- Sammlungen bekümmert 
haben, ein Grund zu der Vermuthung liegen, dafs ihn der Kardinal 
aus dem Staube wenig beachteter Sakristeien in das Licht seiner Mu- 
seen versetzt habe. Alexander Farnese war Papst Paul’s III. Enkel, 
Erzkanzler der Römischen Curie und nebenbei so reich an Pfründen 
und Kirchenwürden, wozu bekanntlich auch die Curatel der Kirchen 
gehört, dafs sein Titel länger war, als der seines Zeitgenossen Karl’s V. 
Aufmerksamkeit auf einen Schatz der Art und Liebhaberei darf man 
einem Manne wohl zutrauen, der mit Pietro Aretino, Aldo Manuzzi, 
Paolo Sadoleto, Pietro Vittorio in der engsten Verbindung eines viel- 
vermögenden Patronats stand, der fünfundfunfzig Jahre lang als Kardi- 
nal zu einer Zeit lebte, wo die Untersuchung aller häuslichen Verhält- 
nisse der Alten mit einem fast zu weit getriebenen Eifer alle Leute von 
Bildung und Geist beschäftigte. 

Eben in der Erforschung der alten Mafse begriffen, sagt Lucas 
Pätus in seinem Werke (?), und irre geworden in seinen Rechnungen 
durch neuere Angaben, erhielt er aus der kostbaren Sammlung des Kar- 
dinals Farnese einen Congius von Messing oder Bronze, den des all- 
waltenden Gottes Güte (dies sind seine Worte S.21.) vor den Unbilden 
der Barbaren und der Zeit beschützt hatte. Er sei sehr wohl erhalten 
gewesen, aufser dafs er an der Stelle, wo er die Erde berührte, vom 


(1) S. Justinian’s pragm. Sanction, deren Anfang pro petitione Figilü c,19. 


(2) De mensuris et ponderibus, Ven. apud Aldos 1573, fol. 


Hist. philol. Klasse 1824. & 


154 Hase: über den Farnesischen Congius 


Roste gelitten hatte. Besitzen wir dasselbe Exemplar, das Lucas Pätus 
in der Hand hatte, was wir glauben dürfen, so können wir uns über- 
zeugen, dafs diese Roststellen sehr unbedeutend waren. Die Zeichnung, 
die er seinem Werke beigefügt hat, ist mit unserm Gefäfse fast völlig 
übereinstimmend; doch sei nicht verschwiegen, dafs der Fufs des Ge- 
fäfses wulstiger gebildet und über der Schrift mit Punkten eine kranz- 
artige Verzierung angebracht ist, die auf unserm Gefäfse eben so fehlt, 
wie auf dem Kupferstiche bei Villalpandi, der gar kein Bedenken 
trug, das Gefäfs, das er mafs, für jenes ächte Farnesische zu halten. 

Aus dem Besitze des Kardinals Alexander Farnese ging der 
Congius nämlich in die Sammlung seines Grofsneflen des Kardinals 
Odoardo (nach Bonanni, Recardo) Farnese über, eines Sohns je- 
nes Feldherrn Alexander Farnese, der in der Geschichte der Vereinig- 
ten Provinzen so berühmt ist. Von ihm erhielt der gelehrie Jesuit aus 
Cordova, Johann Baptist Villalpandi, der damals für sein Werk 
über den Tempel zu Jerusalem sammelte, die Erlaubnifs, den Congius 
aufs neue zu messen. 

Mit einer Feierlichkeit, die komisch scheinen könnte, wenn die 
Absicht der schlauen Väter, dem erlauchten Besitzer dadurch ein Com- 
pliment zu machen, nicht fast zu deutlich durchblickte, ging diese wich- 
tige Messung vor sich (!). Ihr Ergebnifs war für die Metrologie, wie 
sie jetzt ist, ohne Bedeutung; denn die vornehme Gesellschaft hatte mit 
Cisternenwasser gemessen und aufserdem falsch gewogen. Doch gab 
Villalpandi der Beschreibung jener Messung eine Abbildung des Ge- 
fäfses bei, die so vollständig mit dem unsrigen in allen Kleinigkeiten über- 
einstimmt, dafs wir nicht zweifeln dürfen, dasselbe zu besitzen. Nach 
seiner Behauptung ist es dasselbe, das Lucas Pätus in der Hand hatte. 
Gar kein Zweifel könnte bei uns statt finden, hätte der gute Mann vor 
lauter Zierlichkeit bei seiner Erklärung sich nicht höchst ungeschickt 
ausgedrückt. Nach ihm ist das Bild ad exemplar duorum, quos Romae 
habuwmus, expressa (); ob aber diese Exemplare und worin sie ab- 
wichen, hat er nicht für gut gefunden, zu erzählen. Das Farnesische 


(1) Die Beschreibung davon im Apparat. urbis ac templi Hierosol. T. III, P.2.p.351. 
(2) S.49. 


im Könıgl. Antiken- Saale zu Dresden. 155 


war Messing; das andere (was freilich nach der Unbestimmtheit, die ihm 
beliebt hat, auch der Sextarius sein kann,) war Bronze und schien in der 
Erde gelegen zu haben. Und so müssen wahrscheinlich seine Worte 
auch verstanden werden. Denn aufser dem erwähnten Congius befindet 
sich in der hiesigen Sammlung ein Sextarius von Bronze, der jenem 
auf dem Villalpandischen Kupfer abgebildeten völlig gleich ist, und 
zwar durch Grünspan auf der Oberfläche gelitten hat, aber keineswe- 
ges so, dafs er zu einer sehr genauen Messung untauglich wäre. Herr 
Geh. Leg. Rath Beigel hat sie mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit 
versucht und das Resultat derselben soll weiterhin folgen. Dieser Sexta- 
rius istzu gleicher Zeit, gleich sorgfältig gepflegt, aus Italien nach Dres- 
den gekommen, und bestätigt durch diesen Umstand die Vermuthung, 
dafs er schon damals zu dem Farnesischen Congius mit gehört habe. 

Beinahe gleichzeitig mit Villalpandi’s Nachricht von dem Far- 
nesischen Congius, die um das Jahr 1604 bekannt wurde, nämlich im 
Jahre 1602, gab Gruter im Thesaurus Inscriptionum (') Nachricht von 
einem andern Congius, der viel Verwirrung in die Geschichte dieser Ge- 
fäfse gebracht hat. Dieser war vom Kardinal Paolo Cesi zu Todi auf- 
gefunden worden, und hätte, wenn hier äufsere Zeichen entschieden, 
beinahe eher als urserer für das kapitolinische Normal - Gefäfs gelten 
können; denn eine der unsrigen völlig gleichlautende Inschrift war mit 
silbernen Buchstaben darauf angebracht. Gruter, der, wie man leicht 
merkt, von der Sache nicht genau unterrichtet war, hält ihn für den, 
welchen Villalpandi mafs, und fügt hinzu: putantque supposititium esse. 
Die letztere Behauptung mag auf sich beruhen; die erstere ist irrig. Die- 
ser Gesische, in der Form von dem unsrigen sehr abweichende Con- 
gius kam in die für Metrologie so wichtige Sammlung des Alexander 
Colozzi. Was später aus ihm geworden, läfst sich, trotz Bayardi’s 
langem Geschwätz über ihn, nicht angeben. 

Der Farnesische Congius blieb, so darf man annehmen, ein Ei- 
genthum der Familie Farnese; wenigstens war er in der ersten Hälfte 
des 17ten Jahrhunderts, wie man aus Peiresc’s Leben von Gassendi 
ersieht, fortwährend im Farnesischen Familienmuseum zu Rom. Ja, 


ı) T.I. p.CCXXIH. no.3. 
B 
U2 


156 Hase: über den Farnesischen Congius 


Peiresc liefs sich 1617 durch Aleander eine genaue Nachbildung dieses 
Farnesischen Congius machen ('), die, vielfach verglichen, keine Ab- 
weichungen zeigte und später in dem Kabinet der Bibliothek S. Genevieve 
zu Paris aufgestellt, in Molinet’s Beschreibung aufgenommen (S. 43) 
und endlich daselbst gar abgebildet ist (?). Merkwürdig genug stimmt 
aber diese Abbildung mit der Form des Cesischen Congius überein. Man 
kommt auf die Vermuthung, dafs die Kupfer zu den Werken jener Zeit 
von Leuten gezeichnet seien, welche die Gegenstände niemals gesehen 
hatten, die sie darstellen sollten. Const. Landi gibt 1695 nach Gruter 
wieder den Cesischen (?); Fabretti (*) 1702 den Farnesischen nach 
Lucas Pätus, und Bonanni im Jahr 1709, mit Benutzung der 
Villalpandischen Kupfertafeln, im Museum Kircher. ı. LVIl einen Con- 
gius und Sextarius, die mit den unsrigen ganz übereinstimmen. Abzüge 
derselben Kupferplatten benutzte auch Montfaucon(°). Alle diese 
letztern Anführungen sind mit Bezug auf das Farnesische Gefäfs tra- 
ditionell und nicht aus Selbstanschauung. Der letzte, der uns bestimmte 
Nachricht von ihm gibt, ist der gelehrte John Greaves, Professor der 
Geometrie im Gresham-College zu London, der auf einer Reise nach 
Italien und dem Oriente im Jahr 1637 sich als strenger Mathematiker 
mit der genauen Untersuchung der Denkmäler beschäftigte, denen wir 
unsere Kenntnisse des römischen Fufsmafses verdanken. Auch unsern 
Congius, denselben, den wir besitzen, wie man sich durch das Kupfer 
in seinen Miscellaneous Works zu 8.277 überzeugen kann, now extant 
in Rome, so highly and so justly magnified by Villalpyandus (S. 225), fand 
er, durch besondere Begünstigung, Gelegenheit zu messen. Die Zeich- 
nung zu dem Kupfer bei Greaves ist nach dem Gefäfse und zwar 


nach unserm gemacht, wie das Zusammentreffen aller Kleinigkeiten aus- 


(1) 8.98 seines Werks. 
(2) Eine ähnliche Nachbildung des Farnesischen Congius besafs die im Jahr 1822 zu 
Amsterdam versteigerte Vandamme’sche Sammlung. S. den Catalog derselben p. 337. 


(5) Seleeta numism. expos. p.7)9. 
(4) Insersant:-p:526: 6: WEI: -N:372: 
(5) Antig. expliquee. Vol. III. pl.LXXAVI. 


im Königl. Antiken-Saale zu Dresden. 157 


weiset. Aber mit Greaves verschwinden auch alle Spuren, durch deren 
Hülfe man die Geschichte dieses Gefäfses weiter geben könnte. Viel- 
leicht kam es, wie Eisenschmid vermuthet, mit der reichen Münz- 
sammlung der Familie Farnese nach Parma. In Dresden war unser 
Congius und der erwähnte Sextarius als Geschenk schon vor dem 
November 1721; denn am 17. November 1721 wurden sie von der Biblio- 
thek wieder in das Königliche Kabinet abgegeben, wie eine Nachricht 
aus dem Archive der Bibliothek (!) beweiset, die ich der Mittheilung 
des Hrn. Dr. Ebert verdanke. Die Akten der Ober-Kämmerei sagen 
nichts weiter aus, als dafs dies Gefäfs Sr. Maj. (August Il.) vom Pater 
Salerni überreicht ward, und noch besitzt die Antiken-Sammlung die 
Futterale mit carmoisinrothem Lederüberzug, inwendig mit Sammet gefüt- 
tert, die beide Gefäfse auf der Reise geschützt hatten. Leplaı's Marbres 
de Dresde, t.184, 4, geben den Congius, aber bis zur Unkenntlichkeit ent- 
stellt, im Jahr 1733 als eine Merkwürdigkeit der hiesigen Sammlung. 

Die Verwicklung der Geschichte dieses Gefäfses, das lange Zeit 
für das einzige seiner Art gegolten hat und schon so viele Berechnun- 
gen veranlafste, mag die Ausführlichkeit entschuldigen, mit der wir sie 
gegeben haben. Seit wir uns überzeugt halten durften, den ächten Con- 
gius zu besitzen, schien er uns zu einer Messung aufzufordern, nach 
den Grundsätzen, die in der neuern Metrologie gelten. Hr. Geh. Leg. 
Rath Beigel war so gütg, sie in meiner Gegenwart mit einer Genauig- 
keit vorzunehmen, die der gröfsten Aengstlichkeit nichts zu wünschen 
übrig lassen würde. Hier sind kurz die Resultate derselben. 

Die Schwere des leeren Congius betrug 21857, 5 grains der fran- 
zösischen Commision für Mafs und Gewichte. Der Inhalt des Congius an 
destillirtem Wasser, bei 13°R., einer Temperatur, die am 21. Junius 
1820 die natürliche war, —= 63460, 6 Gran. Da nun die Schwere 
des französischen Cubikfufses an desullirtem Wasser bei 13° R. zu 
1117, 9424 französischen Unzen festgesetzt ist, so liefs sich auch die Sei- 
tenlänge einer Amphora finden, die nach der metrologischen Tradition 
zugleich als die Länge des römischen Fufses zu betrachten ist. Sie er- 
gab sich bei der Berechnung — 133, 03 französischen Linien. 


(1) Pol. I. No. 102. 


158 Hase: über den Farnesischen Congius 


Stereometrisch wurde der Inhalt des Congius aus der Messung 
der Durchmesser seiner Grundflächen und der Höhe der abgekürzten 
Kegel, die ihn bilden, gefunden. Er ergab sich nach den oben ange- 
führten Dimensionen — 295037 französischen Cub. Linien, und der 
römische Fufs wäre diesem Inhalte zufolge gewesen = 133, 14 französi- 
schen Linien. 

Der Sextarius ward am 29. Julius 1820 untersucht und gemes- 
sen. Die Schwere des leeren Gefäfses war — 7835, 4 der angeführten 
Grane. Der Inhalt des Sextarius an destllirtrem Wasser bei 15°R. na- 
türlicher Temperatur = 10819, 6 Gran. Der römische Fufs ergab sich 
hiernach zu 134, 06 französischen Linien, weil der Pariser Cubikfufs de- 
stillirten Wassers bei 15°R. = 1117, 5264 Unzen. 


Bestimmune des römischen Fufses vermittelst 
oO 
| . 
des Congius. 


aut hydrostatischem Wege. 


Schwere des leeren Congius = 21857, 5 Gran Pariser Muttergewicht 
(grains des 50 marcs) ('). 
Inhalt des Congius an desüllirtem Wasser bei 13°R. = 63460, 6 Gran, 


also Inhalt des achtfachen Congius oder der Amphora = 507684, 8 Gran, 
Bei 13° R., einer Temperatur, die zur Zeit der Abwägung (am 
21. Junius 1820) zufällig die natürliche war, wiegt ein Pariser Gubikfufs 
desullirten Wassers 69, 8714 Pfund — 643934, 8 Gran. 
Da nun nach der Tradition der römische Fufs die Seite der cu- 
bisch gestalteten Amphora war, so hat man, wenn x die Gröfse des 
römischen Fufses in Pariser Linien bezeichnet, 


V643934, 8 : V507684,8 = 144: x. 
Die Rechnung gibt 133, 03 Pariser Linien. 


(1) Aus funfzig alten zu Paris aufbewahrten Markgewichten gefolgert. (18827, 15 
dieser Grane geben ein Kilogramm des neuen französischen Gewichtsystems.) S. Brisson’s 
Instruction sur les poids nouveaux compares aux mesures et polds anciens. Paris 1800, 18. 


im Königl, Antiken- Saale zu Dresden. 159 


Beim Abwägen wurde alle die Sorgfalt angewendet, die bei dem 
jetzigen Zustande der Metrologie in Untersuchungen dieser Art zu brin- 
gen ist. Das gebrauchte Grammengewicht ist von einem geschickten 
französischen Mechanicus gemacht und zu wiederhohlten Malen wissen- 
schaftlich geprüft worden. 

Nach der Inschrift (s. oben S.150) enthielt der Congius X Pondo 
oder römische Pfund. Obiger Abwägung zufolge gehen demnach auf 
das römische Pfund 6346, 06 Pariser Gran. 

Nach der Metrologie von Rome de l’Isle (!) haben ältere Me- 
trologen mit Hülfe unsers Congius das römische Pfund bestimmt 


Dupuy zu 6300 
Auzout zu 6302[ grains de Paris. 
Paucton zu 6312 


Wer die Gestalt des hiesigen, d.i. eben des von diesen Metrolo- 
gen gemessenen Congius und die Verschiedenheit der Gewichte nach 
Ort und Zeit kennt, wird unsere Angabe zu 6346, 06 Gran weder be- 
sonders lobenswerth noch tadelhafı finden. 


2. Auf stereometrischem Wege. 


Man vergleiche obige Figur und die daneben stehenden Dimensio- 
nen. It 43 =a, CD=b, EF=h, so ist bekanntlich das Vo- 
lumen des abgekürzten Kegels 4BCD= I; sh (a? +ab + b’), wo 
r die Ludolphische Zahl 3, 141592... bezeichnet. 


o 


a” =..5256, 25 
ab =. 2610,00 
b’ı== 1296,00 


me ab + 5° —= 9162, 25. 
Oberer Theil des Congius. 
lg 9162,25 = 3, 9 
lg 62,5 


lg 5 *® . 


I 


687 — 1 


5, 1758509 = /g 149917. 


I 
3 


(1) : Paris 1789, preface p. XVII. 


160 Hase: über den Farnesischen Congius u.s.w. 


Unterer Theil des Congius. 
Is 9162,25 = 3, 9620022 
Ig 60,5 = 1, 7817554 
Is = 0, 44179687, — 4 
5, 1617263 = 1g 145120. 
Cubikinhalt des Congius = 295037 
Cubikinhalt der Amphora = 2360296 
Hiernach hält der römische Fufs 


V2360296 — 133, 14 Pariser Linien. 


} Pariser Cubiklinien. 


Dieses Resultat ist minder zuverlässig, als das vorige, da die 
Ungenauigkeit in der äufsern Form des Congius keine ganz scharfe ste- 
reometrische Ausmessung zuliefs. ä 


Bestimmung des römischen Fufses vermittelst 
des Sextarius. 


Schwere des leeren Sextarius = 7835, 4 Pariser Gran. 

Inhalt des Sextarius an destillirtem Wasser bei 15° R. (!) = 10819, 6 Gran. 
Hiernach hält die Amphora 10819,6 x 48 = 519340, 8 Gran. ; 
Das Gewicht eines Pariser Cubikfufses destillirtien Wassers bei obiger 
Temperatur beträgt 69, 8454 Pariser Pfund = 643695, 4 Gran. Hieraus 
ergeben sich für den römischen Fufs 134, 06 Pariser Linien. 

Dies Resultat ist noch unzuverlässiger, als das auf stereome- 
wischem Wege aus dem Congius hergeleitete; denn es ist in der Me- 
wologie Grundsatz, vom Ganzen auf die Theile, nicht umgekehrt zu 
schliefsen. 


G.W.S. Beigel. 


(1) Die Abwägung geschah am 29. Julius 1820. 


um BILD DU en 


” 


Ueber 
die Buchstabenschrift und ihren /ıasammenhang 
mit dem Sprachbau. 
Von P 
H'"- WILHELM vos HUMBOLDT. 


wmanmnnavwnnVwnn 


[Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 20. Mai 1824.] 


F; hat mir bei dem Nachdenken über den Zusammenhang der Buch- 
stabenschrift mit der Sprache immer geschienen, als wenn die erstere 
in genauem Verhältnifs mit den Vorzügen der letzteren stände, und als 
wenn die Annahme und Bearbeitung des Alphabets, ja selbst die Art 
und vielleicht auch die Erfindung desselben, von dem Grade der Voll- 
kommenheit der Sprache, und noch ursprünglicher, der Sprachanlagen 
jeder Nation abhinge. 

Anhaltende Beschäftigung mit den Amerikanischen Sprachen, Stu- 
dium der Alt-Indischen und einiger mit ihr verwandten, und die Be- 
trachtung des Baues der Chinesischen schienen mir diesen Satz auch ge- 
schichtlich zu bestätigen. Die Amerikanischen Sprachen, die man zwar 
sehr mit Unrecht mit dem Namen roher und wilder bezeichnen würde, 
die aber ihr Bau doch bestimmt von den vollkommen gebildeten unter- 
scheidet, haben, soviel wir bis jetzt wissen, nie Buchstabenschrift be- 
sessen. Mit den Semitischen und der Indischen ist diese so innig ver- 
wachsen, dafs auch nicht die entfernteste Spur vorhanden ist, dafs sie 
sich jemals einer anderen bedient hätten. Wenn die Chinesen beharr- 
lich die ihnen seit so langer Zeit bekannten Alphabete der Europäer 
zurückstofsen, so liegt dies, meines Erachtens, bei weitem nicht blofs 
in ihrer Anhänglichkeit am Hergebrachten, und ihrer Abneigung gegen 
das Fremde, sondern viel mehr darin, dafs, nach dem Mafs ihrer Sprach- 
anlagen, und nach dem Bau ihrer Sprache, noch gar nicht das innere 
Bedürfnifs nach einer Buchstabenschrift ın ihnen erwacht ist. Wäre 
dies nicht der Fall, so würden sie durch ihre eigene, ihnen in hohem 

Hist. phiol, Klasse 1824. X 


162 Huvmsoror 


Grade beiwohnende Erfindsamkeit, und durch ihre Schriftzeichen selbst 
dahin gekommen seyn, nicht blofs, wie sie jetzt ıhun, Lautzeichen als 
Nebenhülfe zu gebrauchen, sondern ein wahres, vollständiges und rei- 
nes Alphabet zu bilden. 

Auf Aegypten allein schien diese Vorstellungsart nicht recht zu 
passen. Denn die heutige Coptische Sprache beweist unläugbar, dafs 
auch die Alt-Aegypusche einen Bau besals, der nicht von grofsen 
Sprachanlagen der Nation zeugt, und dennoch hat Aegypten nicht nur 
Buchstabenschrift besessen, sondern war sogar, nach keinesweges ver- 
werflichen Zeugnissen, die Wiege derselben. Allein auch wenn eine 
Nation Erfinderin einer Buchstabenschrift ist, bleibt ihre Art, dieselbe 
zu behandeln, ihrer Anlage entsprechend, den Gedanken aufzufassen 
und durch Sprache zu fesseln und auszubilden; und die Wahrheit die- 
ser Behauptung leuchtet gerade recht aus der wunderbaren Art her- 
vor, wie die Aegyptier Bilder- und Buchstabenschrift in einander über- 
gehen liefsen. 

Buchstabenschrift und Sprachanlage stehen daher in dem engsten 
Zusammenhange, und in durchgängiger Beziehung auf einander. Dies 
werde ich mich bemühen, hier sowohl aus Begriffen, als, soviel es in 
der Kürze geschehen kann, welche diesen Abhandlungen geziemt, ge- 
schichllich zu beweisen. Die Wahl dieses Gegenstandes hat mir aus dem 
zwiefachen Grunde angemessen geschienen, dafs die Natur der Sprache 
in der That nicht vollständig eingesehen werden kann, wenn man nicht 
zugleich ihren Zusammenhang mit der Buchstabenschrift untersucht, und 
dafs gerade jene neuesten Beschäftigungen mit der Aegyptischen Schrift 
den Antheil an Untersuchungen über Schrift-Erfindung und Aneignung 
im gegenwärtigen Augenblicke verdoppeln. 

Alles, was sich auf die äufseren Zwecke der Schrift, ihren Nutzen 
im Gebrauch für das Leben und die Verbreitung der Kenntnisse be- 
zieht, übergehe ich gänzlich. Ihre Wichtigkeit von dieser Seite leuch- 
tet zu sehr von selbst ein, und nur Wenige dürften in dieser Hinsicht 
die Vorzüge der Buchstabenschrift vor den übrigen Schriftarten ver- 
kennen. Ich beschränke mich blofs auf den Einflufs der alphabetischen 
auf die Sprache und ihre Behandlung. Ist dieser wirklich bedeutend, 
ist der Zusammenhang der Sprache mit dem Gebrauche eines Alphabets 


über die Buchstabenschrift. 163 


innig und fest, so können auch die Ursachen begieriger Aneignung der 
Buchstabenschrift, oder kalter Gleichgülugkeit gegen dieselbe, nicht län- 
ger zweifelhaft bleiben. 

Wie aber schon oft von den Sprachen selbst behauptet wird, dafs 
ihre Verschiedenheit nicht von grofser Wichtigkeit sei, da, wie auch 
der Schall laute, und die Rede sich verknüpfe, doch endlich immer 
derselbe Gedanke hervortrete, so dürfte die Arı der Schriftzeichen noch 
für bei weitem gleichgültger gehalten werden, wenn sie nur nicht gar 
zu grofse Unbequemlichkeit mit sich führe, oder die Nation sich ge- 
wöhnt habe, die mit ihr verbundenen zu überwinden. Auch machen 
diejenigen, welche sich der Schrift häufig, und noch weit mehr die- 
jenigen, welche sich derselben auf eine sinnige Weise bedienen, immer 
und von jedem Volke einen kleinen Theil aus. Jede Sprache hat also 
nicht blofs lange Zeit ohne Schrift bestanden, sondern lebt auch grofsen- 
theils beständig auf gleiche Art fort. 

Allein das tönende Wort ist gleichsam eine Verkörperung des 
Gedanken, die Schrift eine des Tons. Ihre allgemeinste Wirkung ist, 
dafs sie die Sprache fest heftet, und dadurch ein ganz anderes Nach- 
denken über dieseibe möglich macht, als wenn das verhallende Wort 
blofs im Gedächtnifs eine bleibende Stätte findet. Es ist aber auch zu- 
gleich unvermeidlich, dafs sich nicht irgend eine Wirkung dieser Be- 
zeichnung durch Schrift, und der bestimmten Art derselben überhaupt 
dem Einflusse der Sprache auf den Geist beimischen sollte. Es ist daher 
keinesweges gleichgülug, welche Art der Anregung die geistige Thäug- 
keit durch die besondere Natur der Schriftbezeichnung erhält. Es liegt 
in den Gesetzen dieser Thätigkeit, das Denkbare und Anschauliche als 
Zeichen und Bezeichnetes zu betrachten, wechselsweise hervorzurufen, 
und in verschiedene Stellung gegen einander zu bringen; es ist ihr eigen, 
bei einer Idee oder Anschauung auch die verwandten wirken zu lassen, 
und so kann die Uebertragung des erst als Ton gehefteten Gedanken 
auf einen Gegenstand des Auges, nach Mafsgabe der Art, wie sie ge- 
schieht, dem Geiste sehr verschiedene Richtungen geben. Offenbar aber 
müssen, wenn die Gesammtwirkung nicht gestört werden soll, das Den- 
ken in Sprache, die Rede und die Schrift übereinstimmend gebildet, und 
wie aus Einer Form gegossen seyn. 

X 2 


164 Hvmsorıpr 


Darum dafs die Schrift nur immer Eigenthum eines kleineren 
Theils der Nation bleibt, und wohl überall erst entstanden ist, als der 
schon fesıbestimmte Sprachbau nicht mehr wesentliche Umänderungen 
zuliefs, ist ihr Einflufs auf sie nicht minder wichüg. Denn die gemein- 
schaftliche Rede umschlingt doch (freilich in einer Lebensform weniger 
als in der andern) das ganze Volk, und was auf sie bei Einzelnen ge- 
wirkt ist, geht doch mittelbar auf Alle über. Die feinere Bearbeitung 
der Sprache aber, für welche der Gebrauch der Schrift eigentlich erst 
den Anfangspunkt bezeichnet, ist gerade die wichtigste, und unterschei- 
det, an sich und in ihrer Wirkung auf die Nationalbildung, die Eigen- 
thümlichkeit der Sprachen bei weitem mehr, als der gröbere, ursprüng- 
liche Bau. 

Die Eigenthümlichkeit der Sprache besteht darin, dafs sie, ver- 
mittelnd, zwischen dem Menschen und den äufseren Gegenständen eine 
Gedankenwelt an Töne heftet. Alle Eigenschaften jeder einzelnen kön- 
nen daher auf die beiden grofsen Hauptpunkte in der Sprache überhaupt 
bezogen werden, ihre Idealität und ihr Tonsystem. Was der ersteren 
an Vollständigkeit, Klarheit, Bestimmtheit und Reinheit, dem letzteren 
an Vollkommenheit abgeht, sind ihre Mängel, das Entgegengesetzte ihre 
Vorzüge. 

Diese Ansicht habe ich in zwei, dieser Versammlung früher vor- 
gelegten Abhandlungen aufzustellen und zu rechtfertigen versucht, mich 
bemühet zu zeigen: 

dafs das, auch unverknüpfte Wortsystem jeder Sprache eine Ge- 
dankenwelt bildet, die, gänzlich heraustretend aus dem Gebiet willkühr- 
licher Zeichen, für sich Wesenheit und Selbständigkeit besitzt; 

dafs diese Wortsysteme niemals einem einzelnen Volk allein an- 
gehören, sondern auf einem Wege der Ueberlieferung, den weder die 
Geschichte, noch die Sprachforschung ganz zu verfolgen im Stande sind, 
zu dem Werke der gesammten Menschheit alle Jahrhunderte ihres Da- 
seyns hindurch werden, und dafs mithin jedes Wort ein doppeltes Bil- 
dungselement in sich wägt, ein physiologisches, aus der Natur des mensch- 
lichen Geistes hervorgehendes, und ein geschichtliches, in der Art sei- 
ner Entstehung liegendes; ferner: 


über die Buchstabenschrift. 165 


dafs der Charakter der vollkommener gebildeten Sprachen dadurch 
bestimmt wird, dafs die Natur ihres Baues beweist, dafs es dem Geist 
nicht blofs auf den Inhalt, sondern vorzüglich auf die Form des Gedan- 
ken ankommt. 

Ich glaube diesen Weg auch hier verfolgen zu können, und es 
leuchtet nun von selbst ein, dafs die Buchstabenschrift die Idealität der 
Sprache schon insofern negativ befördert, als sie den Geist auf keine, 
von der Form der Sprache abweichende Weise anregt, dafs aber das 
Tonsystem, da Lautbezeichnung ihr Wesen ausmacht, erst durch sie 
Festigkeit und Vollständigkeit erlangen kann. 

Dafs jede Bilderschrift durch Anregung der Anschauung des wirk- 
lichen Gegenstandes die Wirkung der Sprache stören mufs, statt sie 
zu unterstützen, fällt von selbst in die Augen. Die Sprache verlangt 
auch Anschauung, heftet sie aber an die, vermittelst des Tones, gebun- 
dene Wortform. Dieser mufs sich die Vorstellung des Gegenstandes 
unterordnen, um als Glied zu der unendlichen Kette zu gehören, an 
welcher sich das Denken durch Sprache nach allen Richtungen hin- 
schlingt. Wenn sich das Bild zum Schriftzeichen aufwirft, so drängt 
es unwillkührlich dasjenige zurück, was es bezeichnen will, das Wort. 
Die Herrschaft der Subjectivität, das Wesen der Sprache, wird ge- 
schwächt, die Idealität dieser leidet durch die reale Macht der Erschei- 
nung, der Gegenstand wirkt nach allen seinen Beschaffenheiten auf den 
Geist, nicht nach denjenigen, welche das Wort, in Uebereinsimmung 
mit dem individuellen Geiste der Sprache, auswählend zusammenfafst, 
die Schrift, die nur Zeichen des Zeichens seyn soll, wird zugleich 
Zeichen des Gegenstandes, und schwächt, indem sie seine unmittelbare 
Erscheinung in das Denken einführt, die Wirkung, welche das Wort 
gerade dadurch ausübt, dafs es nur Zeichen seyn will. An Lebendig- 
keit kann die Sprache durch das Bild nicht gewinnen, da diese Gat- 
tung der Lebendigkeit nicht ihrer Natur entspricht, und die beiden 
verschiedenen Thätigkeiten der Seele, die man hier zugleich anregen 
möchte, können nicht Verstärkung, sondern nur Zerstreuung der Wir- 
kung zur Folge haben. 

Dagegen scheint eine Figurenschrift, welche Begrifle bezeichnet, 
recht eigentlich die Idealität der Sprache zu befördern. Denn ihre 


166 Huvmsoüp'r 


willkührlich gewählten Zeichen haben ebensowenig, als die der Buchsta- 
ben, etwas, das den Geist zu zerstreuen vermöchte, und die innere Ge- 
setzmäfsigkeit ihrer Bildung führt das Denken auf sich selbst zurück. 

Dennoch wirkt auch eine solche Schrift gerade der idealen, d.h. 
der die Aufsenwelt in Ideen verwandelnden Natur der Sprache entge- 
gen, wenn sie auch nach der strengsten Gesetzmäfsigkeit in allen ih- 
ren Theilen zusammengefügt wäre. Denn für die Sprache ist nicht 
blofs die sinnliche Erscheinung stoflartig, sondern auch das unbestimmte 
Denken, inwiefern es nicht fest und rein durch den Ton gebunden ist; 
denn es ermangelt der ihr wesentlich eigenthümlichen Form. Die In- 
dividualität der Wörter, in deren jedem immer noch etwas anderes, als 
blofs seine logische Definition liegt, ist insofern an den Ton geheftet, 
als durch ‘diesen unmittelbar in der Seele die ihnen eigenthümliche 
Wirkung geweckt wird. Ein Zeichen, das den Begriff aufsucht, und 
den Ton vernachlässigt, kann sie mithin nur unvollkommen ausdrücken. 
Ein ‚System solcher Zeichen giebt nur die abgezogenen Begriffe der 
äufseren und inneren Welt wieder; die Sprache aber soll diese Welt 
selbst, zwar in Gedankenzeichen verwandelt, aber in der ganzen Fülle 
ihrer reichen, bunten und lebendigen Mannigfalugkeit enthalten. 

Es hat aber auch nie eine Begriflsschrift gegeben, und kann keine 
geben, die rein nach Begriffen gebildet wäre, und auf die nicht die in 
bestimmte Laute gefafsten Wörter der Sprache, für welche sie erfun- 
den wurde, den hauptsächlichsten Einflufs ausgeübt hätten. Denn da 
die Sprache doch vor der Schrift da ist, so sucht dieselbe natürlich für 
jedes Wort ein Zeichen, und nimmt diese, wenn sie auch durch syste- 
matische Unterordnung unter ein Begriflssystem vom Laut unabhängige 
Geltung hätten, doch in dem Sinn der ihnen untergelegten Wörter. 
Daher ist jede Begriflsschrift immer zugleich eine Lautschrift, und ob 
sie, nebenher und in welchem Grade, auch als walıre Begriflsschrift 
gilt? hangı von dem Grade ab, in welchem der sie Gebrauchende die 
systematische Unterordnung ihrer Zeichen, den logischen Schlüssel ih- 
rer Bildung, kennt und beachtet. Wer die den Wörtern enisprechen- 
den Zeichen nur mechanisch kennt, besitzt in ihr nichts, als eine Laut- 
schrift. ‘Wenn eine solche Schrift auf eine andere Sprache übergeht, 
findet der gleiche Fall statt, Denn auch in dieser mufs der Gebrauch, 


27 


über die Buchstabenschrift. 167 


wenn die Schrift wirklich Schrift seyn soll, doch jedem Zeichen seine 
Geltung in Einem, oder mehreren bestimmten Wörtern anweisen. Die 
Schriftzeichen sind also in beiden Sprachen nur insofern gleichbedeu- 
tend, als es die ihnen untergelegten Wörter sind, und das Lesen des 
in einer beider Sprachen Geschriebenen wird für den dieser Sprache 
Unkundigen immer zu einem Uebersetzen, in welchem die Individuali- 
tät der Ursprache allemal aufgegeben wird. Es geht also bei dem Ge- 
brauche Einer solchen Schrift unter verschiedenen Nationen immer 
hauptsächlich nur der Inhalt über, die Form wird wesentlich verän- 
dert, und der unläugbare Vorzug einer Begriflsschrift, Nationen ver- 
schiedener Sprachen verständlich zu seyn, wiegt die Nachtheile nicht 
auf, welche sie von anderen Seiten her mit sich führt. 

Als Lautschrift ist eine Begriflsschrifi unvollkommen, weil sie 
Laute für Wörter angiebt, mithin der Sprache allen Gewinn entzieht, 
der, wie wir sehen werden, aus der Lautbezeichnung der Wortele- 
mente entspringt. Sie wirkt aber auch niemals rein als Lautschrift. 
Da man der Geltung und dem Zusammenhang ihrer Zeichen nach Be- 
griffen nachgehen kann, den Gedanken, gleichsam mit Uebergehung des 
Lautes, unmittelbar bilden, so wird sie dadurch zu einer eignen Sprache, 
und schwächt den natürlichen, vollen und reinen Eindruck der wahren 
und nationellen. Sie ringt auf der einen Seite, sich von der Sprache 
überhaupt, wenigstens von einer bestimmten frei zu machen, und schiebt 
auf der andern dem natürlichen Ausdruck der Sprache, dem Ton, die 
viel weniger angemessene Anschauung durch das Auge unter. Sie han- 
delt daher dem instnctartigen Sprachsinn des Menschen gerade entge- 
gen, und zerstört, je mehr sie sich mit Erfolg geltend macht, die Indi- 
vidualität der Sprachbezeichnung, die allerdings nicht blofs in dem Laut 
einer jeden liegt, aber an denselben durch den Eindruck gebunden ist, 
den jede besimmte Verknüpfung artieulirtrer Töne unläugbar specilisch 
hervorbringt. 

Das Bemühen, sich von einer bestimmten Sprache unabhängig 
zu machen, mufs, da das Denken ohne Sprache einmal unmöglich ist, 
nachtheilig und verödend auf den Geist einwirken. Eine Begriflsschrift 
übt diese Nachtheile nur insofern nicht in dem hier geschilderten Grade 


168 Huvmsoıror 


aus, als ihr System nicht consequent durchgeführt ist, und als sie im 
Gebrauch phonetisch aufgenommen wird. 

Die Buchstabenschrift ist von diesen Fehlern frei, einfaches, durch 
keinen Nebenbegriff zerstreuendes Zeichen des Zeichens, die Sprache 
überall begleitend, ohne sich ihr vorzudrängen, oder zur Seite zu stel- 
len, nichts hervorrufend, als den Ton, und daher die natürliche Unter- 
ordnung bewahrend, in welcher der Gedanke nach dem durch den Ton 
gemachten Eindruck angeregt werden, und die Schrift ihn nicht an sich, 
sondern in dieser bestimmten Gestalt festhalten soll. 

Durch dies enge Anschliefsen an die eigenthümliche Natur der 
Sprache verstärkt sie gerade die Wirkung dieser, indem sie auf die 
prangenden Vorzüge des Bildes und Begriflsausdrucks Verzicht leistet. 
Sie stört die reine Gedankennatur der Sprache nicht, sondern vermehrt 
vielmehr dieselbe durch den nüchternen Gebrauch an sich bedeutungs- 
loser Züge, und läutert und erhöht ihren sinnlichen Ausdruck, indem 
sie den im Sprechen verbundenen Laut in seine Grundtheile zerlegt, 
den Zusammenhang derselben unter einander, und in der Verknüpfung 
zum Wort anschaulich macht, und durch die Fixirung vor dem Auge 
auch auf die hörbare Rede zurückwirkt. 

An diese Spaltung des verbundenen Lauts, als an das Wesen der 
Buchstabenschrift, haben wir uns daher zu halten, wenn wir den inne- 
ven Einflufs derselben auf die Sprache beurtheilen wollen. 

Die Rede bildet im Geiste des Sprechenden, bis sie einen Gedan- 
ken erschöpft, ein verbundenes Ganzes, in welchem erst die Reflexion 
die einzelnen Abschnitte aufsuchen mufs. Dies erfährt man vorzüglich 
bei der Beschäftigung mit den Sprachen ungebildeter Nauonen. Man 
mufs theilen und theilen, und immer mistrauisch bleiben, ob das ein- 
fach Scheinende nicht auch noch zusammengesetzt ist. Gewissermafsen 
ist freilich dasselbe auch bei den hochgebildeten der Fall, allein auf 
verschiedene Weise; bei diesen nur etymologisch zum Behuf der Ein- 
sicht in die Wortentstehung, bei jenen grammatisch und syntaktisch zum 
Behuf der Einsicht in die Verknüpfung der Rede. Das Verbinden des 
zu Trennenden ist allemal Eigenschaft des ungeübten Denkens und 
Sprechens; von dem Kinde und dem Wilden erhält man schwer Wör- 


über die Buchstabenschrift. 169 


ter, statt Redensarten. Die Sprachen von unvollkommnerem Bau über- 
schreiten auch leicht das Maafs dessen, was in einer grammatischen Form 
verbunden seyn darf. Die logische Theilung, welche die Gedanken- 
verknüpfung auflöst, geht aber nur bis auf das einfache Wort. Die Spal- 
tung dieses ist das Geschäft der Buchstabenschrift. Eine Sprache, die 
sich einer anderen Schrift bedient, vollendet daher das Theilungsgeschäft 
der Sprache nicht, sondern macht einen Stillstand, wo die Vervollkomm- 
nung der Sprache weiter zu gehen gebietet. 

Zwar ist die Aufsuchung der Lautelemente auch ohne den Ge- 
brauch der Buchstabenschrift denkbar, und die Chinesen besitzen na- 
mentlich eine Analyse der verbundenen Laute, indem sie die Zahl und 
Verschiedenheit ihrer Anfangs- und End-Aruculationen und ihrer Wort- 
betonungen bestimmt und genau angeben. Da aber nichts weder in 
der gewöhnlichen Sprache, noch in der Schrift (insofern sie nemlich 
wirklich Zeichenschrift ist, da die Chinesen bekanntlich dieser auch 
Lautbezeichnung beimischen) zu dieser Analyse nöthigt, so kann sie 
schon darum nicht so allgemein seyn. Da ferner der einzelne Ton 
(Consonant und Vocal) nicht durch ein nur ihm angehörendes Zeichen 
isolirt dargestellt, sondern nur den Anfängen und Endigungen verbun- 
dener Laute abgehört wird, so ist die Darstellung des Tonelements nie 
so rein und anschaulich, als durch die Buchstabenschrift, und die Laut- 
analyse, wenn ihr auch nichts an Vollständigkeit und Genauigkeit ab- 


einge, macht nicht auf den Geist den Eindruck einer rein vollendeten 


sing 
Sprachtheilung. Bei der inneren Wirkung der Sprachen aber, welche 
allein ihre wahren Vorzüge bestimmt, kommt Alles auf das volle und 
reine Wirken jedes Eindrucks an, und der geringste, im äufseren Er- 
folg gar nicht bemerkbare Mangel an einem von beiden ist von Erheb- 
lichkeit. Das alphabetische Lesen und Schreiben dagegen nöthigt in 
jedem Augenblick zum Anerkennen der zugleich dem Ohr und dem 
Auge fühlbaren Lautelemente, und gewöhnt an die leichte Trennung 
und Zusammensetzung derselben; es macht daher eine vollendet richtige 
Ansicht der Theilbarkeit der Sprache in ihre Elemente in eben dem 
Grade allgemein, in welchem es selbst über die Nation verbreitet ist. 
Zunächst äufsert sich diese berichtigte Ansicht in der Aussprache, 
die, durch das Erkennen und Ueben der Lautelemente in abgesonderter 
Hıst. phuol, Klasse 1824. Y 


170 Huvmsorpr 


Gestalt, befestigt und geläutert wird. So wie für jeden Laut ein Zeichen 
gegeben ist, gewöhnen sich das Ohr und die Sprachorgane, ihn immer 
genau auf dieselbe Weise zu fordern und wiederzugeben; zugleich wird 
er, mit Abschneidung des unbestimmten Tönens, mit dem, im ungebil- 
deten Sprechen, ein Laut in den andern überfliefst, schärfer und rich- 
tiger begränzt. Diese reinere Aussprache, die feine Ausbildung des 
Ohrs und der Sprachwerkzeuge ist schon an sich, und in ihrer Wir- 
kung auch auf das Innere der Sprache von der äufsersten Wichtigkeit; 
die Absonderung der Lautelemente übt aber auch einen noch tiefer in 
das Wesen der Sprache eingehenden Einflufs aus. | 

Sie führt nemlich der Seele die Articulauon der Töne vor, in- 
dem sie die articulirten Töne vereinzelt und bezeichnet. Die alphabe- 
usche Schrift thut dies klarer und anschaulicher, als es auf irgend ei- 
nem anderen Wege geschehen könnte, und man behauptet nicht zu 
viel, wenn man sagt, dafs durch das Alphabet einem Volke eine ganz 
neue Einsicht in die Natur der Sprache aufgeht. Da die Articulation 
das Wesen der Sprache ausmacht, die ohne dieselbe nicht einmal mög- 
lich seyn würde, und der Begriff der Gliederung sich über ihr ganzes 
Gebiet, auch wo nicht blofs von Tönen die Rede ist, erstreckt; so mufs 
die Versinnlichung und Vergegenwärigung des gegliederten Tons vor- 
zugsweise mit der ursprünglichen Richtigkeit und der allmählichen Ent- 
wickelung des Sprachsinnes in Zusammenhang stehen. Wo dieser stark 
und lebendig ist, wird ein Volk aus eigenem Drange der Erfindung des 
Alphabets entgegengehen, und wo ein Alphabet einer Nation von der 
Fremde her zukommt, wird es die Sprachausbildung in ihr befördern 
und beschleunigen. 

Obgleich der artieulirte Laut körperlich und instinctartig hervor- 
gebracht ist, so stammt sein Wesen doch eigentlich nur aus der inne- 
ren Scelenanlage zur Sprache, die Sprachwerkzeuge besitzen blofs die 
Fähigkeit, sich dem Drange dieser gemäfs zu gestalten. Eine Definition 
des articulirten Lauts, blofs nach seiner physischen Beschaffenheit, ohne 
die Absicht oder den Erfolg seiner Hervorbringung darin aufzunehmen, 
scheint mir daher unmöglich. Er ıst ein sich einzeln abschneidender 
Laut, nicht ein verbundenes und vermischtes Tönen oder Schmettern, 
wie die meisten Gefühllaute. Sein charakteristischer Unterschied liegt 


über die Buchstabenschrift. 171 


nicht, musikalisch, in der Höhe und Tiefe, da er durch die ganze Ton- 
leiter hindurch angestimmt werden kann. Derselbe beruht ebensowenig 
auf der Dehnung und Verkürzung, Helligkeit oder Dumpfheit, Härte 
oder Weiche, da diese Verschiedenheiten theils Eigenschaften aller aru- 
culirten Töne seyn können, theils Gattungen derselben bilden. Versucht 
wan nun aber die Unterschiede zwischen a und e, p und k u.s.w. auf ei- 
nen allgemeinen sinnlichen Begriff zurückzuführen, so ist mir wenigstens 
bis jetzt dies immer mislungen. Es bleibt nichts übrig, als überhaupt 
zu sagen, dafs diese Töne, unabhängig von jenen Kennzeichen, dennoch 
specilisch verschieden sind, oder dafs ihr Unterschied aus einem bestiimm- 
ten Zusammenwirken der Organe entsteht, oder eine andere ähnliche 
Beschreibung zu versuchen, die aber nie eine wahre Definition giebt. 
Erschöpfend und ausschliefsend wird ihr Wesen immer nur dadurch 
geschildert, dafs man ihnen die Eigenschaft zuschreibt, unmittelbar 
durch ihr Ertönen Begrifle hervorzubringen, indem ıheils jeder einzelne 
dazu gebildet ist, theils die Bildung des einzelnen eine in bestimmba- 
ven Classen bestimmbare Anzahl gleichartiger, aber specilisch verschie- 
dener möglich macht und fordert, welche nothwendige oder willkühr- 
liche Verbindungen mit einander einzugehen geeignet sind. Hierdurch 
ist jedoch nicht mehr gesagt, als dafs aruculirte Laute Sprachlaute und 
umgekehrt sind. 

Die Sprache aber liegt in der Seele, und kann sogar bei wider- 
strebenden Organen und fehlendem äufseren Sinn hervorgebracht wer- 
den. Dies sieht man bei dem Unterrichte der Taubstummen, der nur 
dadurch möglich wird, dafs der innere Drang der Seele, die Gedanken 
in Worte zu kleiden, demselben entgegenkommt, und vermitutelst er- 
leichternder Anleitung den Mangel ersetzt, und die Hindernisse besiegt. 
Aus der individuellen Beschaflenheit dieses Dranges, verständliche Laute 
hervorzubringen, aus der Individualität des Lautgefühls; (überhaupt in 
Hinsicht des Lautes, als solchen, des musikalischen Tons und der Arti- 
culation) und endlich aus der Individualität des Gehörs und der Sprach- 
werkzeuge enısteht das besondere Lautsystem jeder Sprache, und wird, 
sowohl durch seine ursprüngliche Gleichartigkeit mit der ganzen Sprach- 
anlage des Individuums, als in seinen lausendfachen, einzeln gar nicht zu 
verfolgenden Einflüssen auf alle Tkeile des Sprachbaues, die Grundlage 


%2 


172 Huvmsoırpr 


der besonderen Eigenthümlichkeit der ganzen Sprache seibst. Die aus 
der Seele heraustönende specilische Sprachanlage verstärkt sich in ihrer 
Eigenthümlichkeit, indem sie wieder ihr eigenes Tönen, als etwas frem- 
des Erklingendes, vernimmt. 

Wenn gleich jede wahrhaft menschliche Thätigkeit der Sprache 
bedarf, und diese sogar die Grundlage aller ausmacht, so kann doch 
eine Nation die Sprache mehr oder weniger eng in das System ihrer 
Gedanken und Empfindungen verweben. Es beruht dies auch nicht 
blofs, wie man wohl zuweilen zu glauben pflegt, auf ihrer Geisugkeit 
überhaupt, ihrer mehr oder weniger sinnigen Richtung, ihrer Neigung 
zu Wissenschaft und Kunst, noch weniger auf ihrer Cultur, einem 
höchst vieldeutigen, und mit der gröfsesten Behutsamkeit zu brauchen- 
den Worte. Eine Nation kann in allen diesen Rücksichten vorzüglich 
seyn, und dennoch der Sprache kaum das ihr gebührende Recht ein- 
räumen. 

Der Grund davon liegt in Folgendem. Wenn man sich das Ge- 
biet der Wissenschaft und Kunst auch völlig abgesondert von Allem 
denkt, was sich auf die Anordnung des physischen Lebens bezieht, so 
giebt es für den Geist doch mehrere Wege dahin zu gelangen, von 
denen nicht jeder die Sprache gleich stark und lebendig in Anspruch 
nimmt. Diese lassen sich theils nach Gegenständen der Erkenntnifs 
bestimmen, wobei ich nur an die bildende Kunst und die Mathematik 
zu erinnern brauche, theils nach der Art des geistigen Triebes, der 
mehr die sinnliche Anschauung suchen, trockenem Nachdenken nachhän- 
gen, oder sonst eine, nicht der ganzen Fülle und Feinheit der Sprache 
bedürfende Richtung nehmen kann. 

Zugleich liegt, wie schon oben bemerkt ist, auch in der Sprache 
ein Doppeltes, durch welches das Gemüth nicht immer in der noth- 
wendigen Vereinigung berührt wird; sie bildet Begriffe, führt die Herr- 
schaft des Gedanken in das Leben ein, und thut es durch den Ton. 
Die geistige Anregung, die sie bewirkt, kann dahin führen, dafs man, 
vorzugsweise von dem Gedanken getroffen, ihn zugleich auf einem an- 
deren, unmittelbareren Wege, entweder sinnlicher, oder reiner, unab- 
hängiger von einem, als zufällig erscheinenden Schall, aufzufassen ver- 
sucht; alsdann wird das Wort nur als Nebenhülfe ‚behandelt. Es kann 


über die Buchstabenschrift. 1173 


aber auch gerade der in Töne gekleidete Gedanke die Hauptwirkung auf 
das Gemüth ausüben, gerade der Ton, zum Worte geformt, begeistern, 
und alsdann ist die Sprache die Hauptsache, und der Gedanke erscheint 
nur als hervorspriefsend aus ihr, und untrennbar in sie verschlungen. 

Wenn man daher die Sprachen mit der Individualität der Natio- 
nen vergleicht, so mufs man zwar zuerst die geisiige Richtung derselben 
überhaupt, nachher aber immer vorzüglich den eben erwähnten Unter- 
schied beachten, die Neigung zum Ton, das feine Unterscheidungsgefühl 
seiner unendlichen Anklänge an den Gedanken, die leise Regsamkeit, 
durch ihn gestimmt zu werden, dem Gedanken tausendfache Formen 
zu geben, auf welche, gerade weil sie in der Fülle seines sinnlichen 
Stoffes ihre Anregung finden, der Geist von oben herab, durch Gedanken- 
eintheilung nie zu kommen vermöchte, Es liefse sich leicht zeigen, dafs 
diese Richtung für alle geistige Thhätigkeiten die am gelingendsten zum 
Ziel führende seyn mufs, da der Mensch nur durch Sprache Mensch, und 
die Sprache nur dadurch Sprache ist, dafs sie den Anklang zu dem Ge- 
danken allein in dem Wort sucht. Wir können aber dies für jetzt über- 
gehen, und nur dabei stehen bleiben, dafs die Sprache wenigstens auf kei- 
nem Wege eine gröfsere Vollkommenheit erlangen kann, als auf diesem. 
Was nun die Articulation der Laute, oder, wie man sie auch nennen kann, 
ihre gedankenbildende Eigenschaft hervorhebt, und ins Licht stellt, wird 
in dieser geistigen Suimmung begierig gesucht oder ergriffen werden, und 
so mufs die Buchstabenschrift, welche die Aruculation der Laute, zuerst 
bei dem Aufzeichnen, hernach bei allgemein werdender Gewohnheit, bei 
dem innersten Hervorbringen der Gedanken, der Seele unablässig vor- 
führt, in dem engsten Zusammenhange mit der individuellen Sprachanlage 
jeder Nation stelien. Auch erfunden oder gegeben, wird sie ihre volle 
und eigenthümliche Wirkung nur da ausüben, wo ihr die dunkle Emplin- 
dung des Bedürfnisses nach ihr schon voranging. 

So unmittelbar an die innerste Natur der Sprache geknüpft, übt 
sie nothwendig ihren Einflufs auf alle Theile derselben aus, und wird 
von allen Seiten her in ihr gefordert, Ich will jedoch nur an zwei 
Punkte erinnern, mit welchen ihr Zusammenhang vorzüglich einleuch- 
tend ist, an die rhythimischen Vorzüge der Sprachen, und die Bildung 
der grammalischen Formen. 


174 Humsowupır 


Ueber den Rhythmus ist es in dieser Beziehung kaum nöthig, et- 
was hinzuzufügen. Das reine und volle Hervorbringen der Laute, die 
Sonderung der einzelnen, die sorgfältige Beachtung ihrer eigenthümlichen 
Verschiedenheit kann da. nicht entbehrt werden, wo ihr gegenseitiges Ver- 
hälınifs die Regel ihrer Zusammenreihung bilder. Es hat gewils ıhyth- 
wische Dichtung bei allen Nationen vor dem Gebrauch einer Schrift 
gegeben, auch regelmäfsig sylbenmessende bei einigen, und bei wenigen, 
vorzüglich glücklich organisirten, hohe Vortrefflichkeit in dieser Behand- 
lung. Es mufs diese aber unläugbar durch das Hinzukommen des Alpha- 
betes gewinnen, und vor dieser Epoche zeugı sie selbst schon von einem 
solchen Gefühl der Natur der einzelnen Sprachlaute, dafs eigentlich nur 
das Zeichen dafür noch mangelt, wie auch in anderen Bestrebungen der 
Mensch oft erst von der Hand des Zufalls den sinnlichen Ausdruck für 
dasjenige erwarten mufs, was er geistig langst in sich trägt. Denn bei 
der Würdigung des Einflusses der Buchstabenschrift auf die Sprache ist 
vorzüglich das zu beachten, dafs auch in ihr eigentlich zweierlei liegt, 
die Sonderung der artieulirten Laute, und ihre äufseren Zeichen. Wir 
haben schon oben, bei Gelegenheit der Chinesen, bemerkt, und die Be- 
hauptung läfsı sich, unter Umständen, auch auf wahrhaft alphabetische 
Schrift ausdehnen, dafs nicht jeder Gebrauch einer Lautbezeichnung den 
entscheidenden Einflufs auf die Sprache hervorbringt, den die Auffassung 
der Buchstabenschrift in ihrem wahren Geist einer Nation und ihrer 
Sprache allemal zusichert. Wo dagegen, anch noch ohne den Besitz 
alphabetischer Zeichen, durch die hervorstechende Sprachanlage eines 
Volks jene innere Wahrnehmung des articulirten Lauts (gleichsam der 
geisuge Theil des Alphabets) vorbereitet und entstanden ist, da geniefst 
dasselbe, schon vor der Entstehung der Buchstabenschrift, eines Theils 
ihrer Vorzüge. 

Daher sind Sylbenmaafse, die sich, wie. der Hexameter und. der 
sechszehnsy!bige Vers der Slocas aus dem dunkeisten Alterıhum her auf 
uns erhalten haben, und deren blofser Sylbenfall noch jetzt das Ohr in 
einen unnachalmlichen Zauber wiegt, vielleicht noch stärkere und siche- 
vere Beweise des tiefen und feinen Sprachsinns jener Nationen, als die 
Ueberbleibsel ihrer Gedichte selbst. Denn so eng auch die Dichtung 
mit der Sprache verschwistert ist, so wirken doch natürlich mehrere 


über die Buchstabenschrift. 175 


Geistesanlagen zusammen auf sie; die Auffindung einer harmonischen 
Verflechtung von Sylben-Längen und Kürzer aber zeugt von der Empfin- 
dung der Sprache in ihrer wahren Eigenthümlichkeit, von der Regsam- 
keit des Ohrs und des Gemüths, durch das Verhältnifs der Aruculatio- 
nen dergestalt getroflen und bewegt zu werden, dafs man die einzelnen 
in den verbundenen unterscheidet, und ihre Tongeltung bestimmt und 
richüg erkennt. 

Dies liegt allerdings zum Theil auch in dem, der Sprache nicht 
unmittelbar angehörenden musikalischen Gefühl. Denn der Ton besitzt 
die glückliche Eigenthümlichkeit, das Idealische auf zwei Wegen, durch 
die Musik und die Sprache, berühren, und diese beiden mit einander 
verbinden zu können, woher der von Worten begleitete Gesang wohl 
unbestreitbar im ganzen Gebiete der Kunst, weil sich zwei ihrer bedeu- 
tendsten Formen in ihm vereinen, die vollste und erhebendste Empfin- 
dung hervorbringt. Je lebendiger aber jene Sylbenmaalse auch für die 
musikalische Anlage ihrer Erfinder sprechen, desto mehr zeugen sie von 
der Stärke ihres Sprachsinnes, da gerade durch sie dem arliculirten 
Laut, also der Sprache, neben der hinreilsenden Gewalt der Musik, sein 
volles Recht erhalten wird. Denn die antiken Sylbenmaafse unterschei- 
den sich eben dadurch am allgemeinsten von den modernen, dafs sie, 
auch in dem musikalischen Ausdruck, den Laut immer wahrhaft als 
Sprachlaut behandeln, die wiederkehrende, vollständige oder unvollstän- 
dige Gleichheit verbundener Laute (Reim und Assonanz), die auf den 
blofsen Klang hinausläuft, verschmähen, und nur sehr selten die Sylben 
gegen ihre Natur, blofs der Gewalt des Rhyıhmus gehorchend, zu 
dehnen oder zu verkürzen erlauben, sondern genau dafür sorgen, dafs 
sie in ihrer natürlichen Geltung, klar und unverändert austönend, har- 
monisch zusammenklingen. 

Die Beugung, auf welcher das Wesen der grammatischen For- 
men beruht, führt nothwendig auf die Unterscheidung und Beachtung 
der einzelnen Articulationen. Wenn eine Sprache nur bedeutsame Laute 
an einander knüpft, oder es wenigstens nicht versteht, die grammatischen 
Bezeichnungen mit den Wörtern fest zusammenzuschmelzen, so hat sie 
es nur mit Lautganzen zu hun, und wird nicht zu der Unterscheidung 
einer einzelnen Articulaion, wie durch das Erscheinen des nemlichen, 


176 Humsouıpr 


nur in seinen Beugungen verschiedenen Wortes angeregt. So wie da- 
her Feinheit und Lebendigkeit des Sprachsinnes zu festen grammatischen 
Formen führen, so befördern diese die Anerkennung des Alphabetes, 
als Lauts, welcher hernach leichter die Erfindung, oder fruchtbarere 
Benutzung der sichtbaren Zeichen folgt. Denn wo sich ein Alphabeı 
zu einer grammatisch‘ noch unvollkommeneren Sprache gesellt, kann 
Beugung durch Hinzufügung und Umänderung einzelner Buchstaben 
gebildet, die vorhandene sicherer bewahrt, und die noch halb in Anfü- 
gung begrillene reiner abgeschieden werden. 

Wodurch aber die Buchstabenschrift noch viel wesentlicher, ob- 
gleich nicht so sichtlich an einzelnen Beschaffenheiten erkennbar, auf 
die Sprache wirkt, ist dadurch, dafs sie allein erst die Einsicht in die 
Gliederung derselben vollendet, und das Gefühl davon allgemeiner ver- 
breitet. Denn ohne die Unterscheidung, Bestimmung und Bezeichnung 
der einzelnen Articulationen, werden nicht die Grunätheile des Sprechens 
erkannt, und der Begriff der Gliederung wird nicht durch die ganze 
Sprache durchgeführt. Jeden in einem Gegenstande liegenden Begriff 
aber vollständig durchzuführen, ist überhaupt und überall von der gröfse- 
sten Wichtigkeit, und noch mehr da, wo der Gegenstand, wie die 
Sprache, ganz ideal ist, und wo, theils zugleich, theils nach einander, 
der Instinet handelt, das Gefühl ahndet, der Verstand einsieht, und die 
Verstandeseinsicht wieder auf das Gefühl, und dieses auf den Inslinet 
berichtigend zurückwirkt. Die Folgen des Mangels davon erstrecken 
sich weit über den unvollendeı bleibenden Theil hinaus, bei den Sprachen 
ohne Buchstabenschrift, und ohne sichtbare Spuren eines nach dersel- 
ben empfundenen Bedürfnisses, nicht blofs auf die richtige und voll- 
ständige Einsicht in die Aruculation der Laute, sondern über die ganze 
Art ihres Baues und ihres Gebrauchs. Die Gliederung ist aber gerade 
das Wesen der Sprache; es ist nichts in ıbi, das nicht Theil und Gan- 
zes seyn könnte, die Wirkung ihres beständigen Geschäfts beruht auf 
der Leichtigkeit, Genauigkeit und Uebereinsiimmung ihrer Trennungen 
und Zusammensetzungen. Der Begriff der Gliederung ist ihre logische 
Function, so wie die des Denkens selbst. ‘Wo also, vermöge der Schärfe 
des Sprachsinnes, sin einem Volk die Sprache in ihrer ächten, geistigen 


und tönenden Eigenthümlichkeit empfunden wird, da wird dasselbe 


über die Buchstabenschrift. 1747 


angeregt, bis zu ihren Elementen, den Grundlauten, vorzudringen, die- 
selben zu unterscheiden und zu bezeichnen, oder mit anderen Wor- 
ten, Buchstabenschrift zu erfinden, oder sich darbietende begierig zu 
ergreifen. 

Richtigkeit der intellectwuellen Ansicht der Sprache, von Leben- 
digkeit und Feinheit zeugende Bearbeitung ihrer Laute, und Buchstaben- 
schrift erheischen und befördern sich daher gegenseitig, und vollenden, 
vereint, die Auffassung und Bildung der Sprache in ihrer ächten Eigen- 
thümlichkeit. Jeder Mangel an einem dieser drei Punkte wird in ihrem 
Bau, oder ihrem Gebrauche fühlbar, und wo die natürliche Einwirkung 
der Dinge nicht durch besondere Umstände Abweichungen erfährt, da 
darf man sie vereint, und noch verbunden mit Festigkeit grammatischer 
Formen und rhythmischer Kunst anzutreffen hoflen. 

Die hier gemachte Einschränkung beugt dem Bestreben vor, das- 
jenige, was sich theoretisch ergiebt, nun auch durch die Geschichte der 
Völker (sollte man es ihr auch aufdringen müssen) sogleich beweisen, 
oder voreilig widerlegen zu wollen. Darum darf aber die Entwicklung 
aus bloisen Begriffen, wenn sie nur sonst richtig und vollständig ist, 
nicht unnütz genannt werden. Sie mufs vielmehr, wo es nur irgend 
angeht, die Prüfung der Thatsachen begleiten, und ihr die Punkte der 
Untersuchung bestimmen helfen. Nach dem im Vorigen über den Zu- 
sammenhang des Sprachbaues mit der Buchstabenschrift Gesagten, wer- 
den erschöpfende Untersuchungen über die Verbreitung der letzteren 
nicht von der Geschichte der Sprachen selbst getrennt werden dürfen, 
und es wird überall auf die Frage ankommen: ob es die Beschaffenheit 
der Sprache, und die sich in ihr ausdrückende Sprachanlage der Nation, 
oder andere Umstände waren, welche wesentlich auf die Art der Erfin- 
dung oder Aneignung eines Alphabets einwirkten? inwiefern diese Ent- 
stehungsweise die Beschaffenheit desselben bestimmte oder veränderte, 
und welche Spuren es, bei allgemein gewordenem Gebrauch, in der 
Sprache zurückliefs? 

Es kann hier nicht meine Absicht seyn, nach der bis jetzt ver- 
suchten Entwicklung aus Ideen, noch in eine historische Untersuchung 
der Sprachen in Beziehung auf die Schriftmittel, deren sie sich bedie- 
nen, einzugeben. Nur um im Ganzen den behaupteten Zusammenhang 


Hıst. Philol. Klasse 1824. Z 


178 Hvmsorpdır 


zwischen der Buchstabenschrifi und der Sprache auch an einer That- 
sache zu erläutern, sei es mir erlaubt, diese Abhandlung mit einigen 
Betwrachtungen über dıe Amerikanischen Sprachen in dieser Hinsicht zu 
beschliefsen. 

Man kann es als eine Thatsache annehmen, dafs sich in keinem 
Theile Amerika’s eine Spur einer Buchstabenschrift gezeigt hat, obgleich 
es bisweilen behauptet oder vermuthet worden ist. Unter den Mexica- 
nischen Hieroglyphen findet sich zwar eine, zum Theil den Chinesischen 
Coua’s ähnliche Gattung, die noch nicht genau erläutert ist, und dies, 
bei den wenigen vorhandenen Ueberbleibseln, auch wahrscheinlich nicht 
zuläfst; wären aber darin auf irgend eine Weise Lautzeichen, so wür- 
den die Nachrichten, die wir über das Land und seine Geschichte be- 
sitzen, davon Spuren enthalten. Man könnte zwar hier die Einwen- 
dung machen, dafs auch von Buchstabenzeichen in den Hieroglyphen 
das Alterıhum schweigt. Allein hier ist der Fall durchaus anders. Dafs 
Aegypten Buchstabenschrift besafs, fing nur in den allerneuesten Zeiten 
an bezweifelt zu werden, als man auch die demotische Schrift für Be- 
grillszeichen erklärte, sonst gab es eine Menge von Zeugnissen, die es 
bewiesen, oder vermuthen liefsen. Nur darüber stritt man, welche un- 
ter den Aegyptischen Schriftarten die alphabetische gewesen sei, oder 
suchte vielmehr den Sitz dieser blofs in der obengenannten demotischen. 

Dafs in Amerika ein Zustand früherer Cultur über die ältesten 
Anfänge der uns bekannten Geschichte hinaus untergegangen ist, be- 
weist eine Reihe von Denkmälern, theils in Gebäuden, theils in künst- 
licher Bearbeitung des Erdbodens, die sich von den grofsen Seen des 
nördlichen Theiles bis zur südlichsten Gränze Peru’s erstrecken, von 
welchen ich zu einem anderen Zweck theils aus der Reise meines Bru- 
ders, der ihre Gränzen, die Mittelpunkte dieser Civilisation, und den 
Strich, dem sie folgt, genau angiebt, und die Ursachen des letzteren 
sehr glücklich nachweist, ıheils aus anderen Quellen, vorzüglich den 
Werken der ersten Eroberer, ein Verzeichnifs zusammengetragen habe. 

Meine Aufmerksamkeit bei der Untersuchung der Amerikanischen 
Sprachen ist daher immer zugleich darauf gerichtet gewesen, ob ihr 
Bau Spuren des Gebrauchs verloren gegangener Alphabete an sich trage? 


Ich habe jedoch nie dergleichen angetroflen; vielmehr ist der Organis- 


über die Buchstabenschrift. 179 


mus dieser Sprachen gerade von der Art, dafs man, von den obigen 
allgemeinen Betrachtungen über den Zusammenhang der Sprache mit 
der Buchstabenschrift ausgehend, recht füglich begreifen kann, dafs we- 
der sie zur Erfindung eines Alphabets führten, noch auch, wenn sich 
ein solches dargeboten hätte, eine mehr als gleichgültige Aneignung des- 
selben erfolgt seyn würde. Die Aufnahme der nach Amerika gekom- 
menen Europäischen Schrift beweist indefs freilich hierfür nichts. Denn 
die unglücklichen Nationen wurden gleich so niedergedrückt, und ihre 
edelsten Stämme grofsentheils dergestalt ausgerottet, dafs an keine freie, 
wenigstens keine geistige nationelle Thätigkeit zu denken war. Einige 
Mexicaner ergriffen aber wirklich das neue Aufzeichnungsmittel, und 
hinterliefsen Werke in der einheimischen Sprache. 

Alle Vortheile des Gebräuchs der Buchstabenschrift beziehen sich, 
wie im Vorigen gezeigt ist, hauptsächlich auf die Form des Ausdrucks, 
und vermittelst dieser, auf die Entwicklung der Begriffe, und die Be- 
g mit Ideen. Darin liegt ihre Wirkung, daraus entspringt 
das Bedürfnifs nach ihr. Gerade die Form des Gedankens aber wird 


schäftigun 


durch den Bau der Amerikanischen Sprachen, die zwar bei weitem 
nicht die bisweilen behauptete, aber doch, und eben hierin, eine auf- 
fallende Gleichartigkeit haben, nicht vorzüglich begünstigt, oft durch- 
aus vernachlässigt, und die Amerikanischen Volksstämme standen, auch 
bei der Eroberung, und in ihren blühendsten Reichen, nicht auf der Stufe, 
wo im Menschen der Gedanke, als überall herrschend, hervortritt. 

An die Seltenheit und zum Theil den gänzlichen Mangel solcher 
grammatischer Bezeichnungen, die man ächte grammatische Formen 
nennen könnte, will ich hier nur im Vorbeigehen noch einmal erin- 
nern. Aber ich glaube mich nıcht zu irren, wenn ich auch die nur 
durch höchst seltene Abweichungen unterbrochene strenge und einför- 
mige Analogie dieser Sprachen, die Häufung aller durch einen Begriff 
gegebenen Nebenbestimmungen, auch da, wo ihre Erwähnung nicht 
nothwendig ist, die vorherrschende Neigung zu dem besonderen Aus- 
druck, statt des allgemeineren, hierher zähle. Der dauernde Gebrauch 
einer alphabetischen Schrift würde, wie es mir scheint, nicht nur diese 
Dinge abgeändert oder umgestaltet haben, sondern lebendigere nationelle 
Geistigkeit hätte sich auch dieser unbehülflichen Fesseln zu entledigen 

22 


180 HvmsoırLror 


gewufst, die Begriffe in ihrer Allgemeinheit aufgefafst, die in dem Ge- 
danken und der Sprache liegende Gliederung energischer und angemes- 
sener angewandt, und den Drang gefühlt, das ängsuliche Aufbewahren 
der Sprache im Gedächtnifs durch Zeichen für das Auge zu sichern, 
damit die Reflexion ruhiger über ihr walten, und der Gedanke sich in 
festeren, aber mannigfaltiger wechselnden und freieren Formen bewe- 
gen könne. Denn wenn die Buchstabenschrift nicht die Bevölkerung 
Amerika’s begleitet hatte (insofern man nemlich überhaupt eine von der 
Fremde her annimmt) so waren die Amerikanischen Nationen wohl nur 
auf eigne Erfindung derselben zurückgewiesen, und da diese mit unge- 
meinen Schwierigkeiten verbunden ist, so mag die lange Entbehrung 
einer Buchstabenschrift nicht unbedeutend auf den Bau ihrer Sprachen 
eingewirkt haben. Diese Einwirkung konnte auch noch dadurch beson- 
ders modificirt werden, dafs auch die Gattung der Schrift, welche einige 
Amerikanische Völker wirklich besafsen, nicht von der Art war, bedeu- 
tenden Einflufs auf die Sprache und das Gedankensystem auszuüben. 

Ich berühre jedoch dies nur im Vorbeigehn, da, um wirklich 
darauf fufsen zu können, es eine Vergleichung der Sprachen Amerika’s 
mit denen der Völkersiämme anderer Welttheile, die sich gleichfalls 
keiner Schriftzeichen bedienen und mit der Chinesischen, der wenigstens 
alphabetische fremd sind, nothwendig machen würde, zu welcher hier 
nicht der Ort ist. 

Dagegen liegt es den hier anzustellenden Betrachtungen näher, 
und leuchtet von selbst ein, dafs lange Enıbehrung der Schrift die re- 
gelmäfsige Einförmigkeit des Sprachbaues, die man fälschlich für einen 
Vorzug hält, befördert. Abweichungen werden dem Gedächtnifs mühe- 
voller aufzubewahren, vorzüglich wenn noch nicht hinreichendes Nach- 
denken über die Sprache erwacht ist, um ihre inneren Gründe zu ent- 
decken und zu würdigen, oder nicht genug Forschungsgeist, ihre blofs 
geschichtlichen aufzusuchen. Das Vorherrschen des Gedächtnisses ge- 
wöhnt auch die Seele an das Hervorbringen der Gedanken in möglichst 
gleichem Gepräge, und der auf genaue Sprachuntersuchung gerichteten 
Aufmerksamkeit endlich sind die Fälle nicht fremd, wo die Schrift 
selbst, das Aneinanderreihen der Buchstaben, Abkürzungen und Verän- 


derungen hervorbringt. 


über die Buchstabenschrifi. 181 


Man darf hiermit nicht verwechseln, dafs die Schrift den For- 
men auch mehr Festigkeit, und dadurch in anderer Rücksicht mehr 
Gleichförmigkeit giebt. Dadurch wirkt sie vorzüglich nur der Spaltung 
in zu vielfälige Mundarten entgegen, und schwerlich würden sich, bei 
anhaltendem Schriftgebrauch, die den meisten Amerikanischen Sprachen 
eigenen Verschiedenheiten der Ausdrücke der Männer und Weiber, Kin- 
der und Erwachsenen, Vornehmen und Geringen erhalten haben. In 
demselben Stamm und derselben Classe zeigen sonst gerade die Ameri- 
kanischen Nationen ein bewunderungswürdiges Festhalten der gleichen 
Formen durch die blofse Ueberlieferung. Man hat Gelegenheit, dies 
durch die Vergleichung der Schriften der in die ersten Zeiten der Eu- 
ropäischen Ansiedelungen fallenden Missionarien mit der heutigen Art 
zu sprechen zu bemerken. Vorzüglich bietet sich dieselbe bei den 
Nordamerikanischen Stämmen dar, da man sich in den Vereinigten 
Staaten (und jetzt leider nur dort) auf eine höchst beifallswürdige Weise 
um die Sprache und das Schicksal der Eingebornen bemüht. Es wäre 
indefs schr zu wünschen, dafs sich die Aufmerksamkeit noch besiimm- 
ter auf diese Vergleichung derselben Mundarten in verschiedenen Zei- 
ten richtete. Die durch die Schrift hervorgebrachte Festigkeit ist da- 
her mehr ein Verallgemeinern der Sprache, welches nach und nach in 
die Bildung eines eigenen Dialeets übergeht, und sehr verschieden von 
der Durchführung Einer Regel durch eine Menge zwar ähnlicher, doch, 
Begriff und Ton genau beachtet, nicht immer ganz gleicher Fälle, von 
der wir oben redeten. 

Alles hier Gesagte findet auch auf das Zusammenhäufen zu vieler 
Bestimmungen in Einer Form Anwendung, und wenn man den Grün- 
den tiefer nachgeht, so hangen die hier erwähnten Erscheinungen sämmt- 
lich von der mehr oder weniger stark und eigenthümlich auf die Sprache 
gerichteten Regsamkeit des Geistes ab, von welcher die Schrift zugleich 
Beweis und befördernde Ursach ist. Wo diese Regsamkeit mangelt, zeigt 
es sich in dem unvollkommeren Sprachbau ; wo sie herrscht, erfährt die- 
ser eine heilsame Umformung, oder kommt von Anfang an nicht zum 
Vorschein. Mit dem einen und anderen Zustande aber ist die Schrift, 
das Bedürfnifs nach ihr, die Gleichgültgkeit gegen sie, in beständiger 


Verbindung. 


182 Huvmsouıpr 


Bei der Aufzählung der Ursachen der Eigenthümlichkeit der Ame- 
rikanischen Sprachen darf man aber auch die oben erwähnte Gleich- 
artigkeit derselben, so wie die Absonderung Amerika’s von den übrigen 
Weltutheilen nicht vergessen. Selbst wo entschieden verschiedene Sprachen 
ganz nahe bei einander waren, wie im heutigen Neu-Spanien, habe ich 
in ihrem Bau nie eine belebende oder gestaltende Einwirkung der einen 
auf die andere an irgend einer sicheren Spur bemerken können. Die 
Sprachen vorzüglich gewinnen aber an Kraft, Reichthum und Gestal- 
tung durch das Zusammenstofsen grofser und selbst contrasurender Ver- 
schiedenheit, da auf diesem Wege ein reicherer Gehalt menschlichen 
Daseyns, schon zu Sprache geformt, in sie übergeht. Denn dies nur 
ist ihr realer Gewinn, der in ihnen, wie in der Natur, aus der Fülle 
schaflender Kräfte entsteht, ohne dafs der Verstand die Art dieses Schaf- 
fens ergründen kann, aus der Anschauung, der Einbildungskrafi, dem 
Gefühl. Nur von diesen hat sie Stoff und Bereicherung zu erwarten; 
von der Bearbeitung durch den Verstand, wenn dieselbe darüber hinaus- 
geht, dem Stoff seine volle Geltung in klarem und bestimmtem Denken 
zu verschaffen, eher Trockenheit und Dürfügkeit zu fürchten. Die 
Schrift nun kann sich leichter verbreiten, selbst leichter entstehen, wo 
verschiedene Völkereigenthümlichkeit sich lebendig gegeneinander bewegt; 
einmal enıstanden und ausgebildet, kann sie aber auch, wie die logische 
Bearbeitung, zu der sie am mächtigsten mitwirkt, der Lebendigkeit der 
Sprache, und ihrer Einwirkung auf den Geist nachtheilig werden. 

Bei den Amerikanischen Völkerstiämmen lag aber dasjenige, was 
sie, da ihnen Buchstabenschrift einmal nicht von aufsen zugekommen 
war, von derselben fern hielt, freilich vorzüglich noch im Mangel gei- 
stiger Bildung, ja nur intellectueller Richtung überhaupt. Davon geben 
die Mexicaner ein auffallendes Beispiel. Sie besafsen, wie die Aegyp- 
vier, Hieroglyphen-Bilder und Schrift, machten aber nie die beiden 
wichügen Schritte, wodurch jenes Volk der alten Welt gleich seine tiefe 
Geistigkeit bewies, die Schrift von dem Bilde zu sondern, und das Bild 
als sinniges Symbol zu behandeln, Schritte, welche, aus der geistigen 
Individualität des Volks entspringend, der ganzen Aegyptischen Schrift 
ihre bleibende Form gaben, und die man, wie es mir scheint, nicht als 
blofs stufenweis fortgehende Entwicklung des Gebrauchs der Bilderschrift 


über die Buchstabenschrift. 183 


ansehen darf, sondern die geistigen lunken gleichen, die, plötzlich um- 
gestaltend, in einer Nation oder einem Individuum sprühen. Die Mexi- 
canische Hieroglyphik gelangte ebensowenig zur Kunstform. Und doch 
scheinen mir die Mexicaner unter den uns bekannt gewordenen Ameri- 
kanischen Nationen an Charakter und Geist die vorzüglichsten zu seyn, 
und namentlich die Peruaner weit übertrollen zu haben, so wie ich auch 
glaube, die Vorzüge ihrer Sprache vor der Peruanischen beweisen zu 
können. Die Gräislichkeit ihrer Menschenopfer zeigt sie allerdings in 
einer unglaublich rohen und abschreckenden Gestalt. Allein die kalte 
olitik, mit welcher die Peruaner, nach blofsen Einfällen ihrer Regen- 
Politik t lcl lie P h blof Einfäll | Regen 
ten, unter dem Schein weiser Bevormundung, ganze Nationen ihren 
’ohnsitzen entrissen, und blutige Kriege führten, um, soweit sie zu 
Wohnsit L I blutige Kriege führt t 1 
reichen vermochten, den Völkern das Gepräge ihrer mönchischen Ein- 
förmigkeit aufzudrücken, ist kaum weniger grausam zu nennen. In der 
exicanischen Geschichte ist regere und individuellere Bewegung, die, 
M ji G g gung 
wenn auch die Leidenschaften Rohheit verrathen, sich doch, bei hinzu- 
iommender Bildung, zu höherer Geistigkeit erhebt. ie Ansiedlung der 
k der Bildung höl Geistigkeit erhebt. Die Ansiedlung d 
Mexicaner, die Reihe ihrer Kämpfe mit ihren Nachbarn, die siegreiche 
rweiterung ihres Reichs erinnert an die Römische Geschichte. /on 
E t g il Reicl t lie R he Geschicht V 
dem Gebrauch ihrer Sprache in Dichtkunst und Beredsamkeit läfsı sich 
nicht genau urtheilen, da, was auch von Reden, im Rath und bei häus- 
ht g theil d l Red Raul l bei häus 
lichen Veranlassungen, in den Schriftstellern vorkommt, schwerlich hin- 
länglich treu aufgefafst ist. Allein es läfst sich sehr wohl denken, dafs, 
vorzüglich in den politischen, dem Ausdruck weder Scharfsinn, noch 
Feuer, noch hinreilsende Gewalt jeder Empfindung gefehlt haben mag. 
Findet sich doch dies alles noch in unseren Tagen in den Reden der 
Häuptlinge der Nord-Amerikanischen wilden Horden, deren Aechtheit 
nicht zu bezweifeln scheint, und wo diese Vorzüge gerade nicht können 
aus dem Umgange mit Europäern abgeleitet werden. Da Alles, was 
den Menschen bewegt, in seine Sprache übergeht, so mufs man wohl 
die Stärke und Eigenthümlichkeit der Empfindungsweise und des Cha- 
rakters im Leben überhaupt von der intelleciuellen Richtung und der 
Neigung zu Ideen unterscheiden. Beides strahlt in dem Ausdruck wie- 
der, aber auf die Gestaltung und den Bau der Sprache kann doch, 
ohne das letztere, nicht mächug und dauernd gewirkt werden. 


184 HumsouLuor 


Es ist sehr wahrscheinlich, dafs, wenn auch ‚das Mexicanische 
und Peruanische Reich noch Jahrhunderte hindurch unerobert von 
Fremden bestanden hätte, diese Nationen doch nicht würden aus sich 
selbst zur Buchstabenschrift gelangt seyn. Die Bilderschrift und die 
Knotenschnüre, welche beide befafsen, von welchen aber, aus noch 
nicht gehörig klar gewordenen Ursachen, jene bei den Mexicanern, diese 
bei den Peruanern ausschliefslich im Staats- und eigentlichen National- 
gebrauch blieben, erfüllten die äufseren Zwecke der Gedanken- Auf- 
zeichnung, und ein inneres Bedürfnis nach vollkommeneren ‚Mitteln 
wäre schwerlich erwacht. 

Ueber die Knotenschnüre, die auch in anderen Gegenden Ameri- 
ka’s, aufserhalb Peru und Mexico, üblich waren, und die auf Vermu- 
thungen eines Zusammenhanges der Bevölkerung Amerika’s mit China, 
so wie die Hieroglyphen mit Aegypten geführt haben, werde ich an ei- 
nem anderen Orte die Nachrichten, die sich von ihnen finden, zusam- 
menstellen. Sie sind allerdings sehr mangelhaft, aber doch hinreichend, 
einen bestimmteren und genaueren Begriff von dieser Gattung von 
Zeichen zu geben, als man durch Robertson’s, und anderer neuerer 
Schriftsteller Berichte erhält. Ihre Bedeutung lag in der Zahl ihrer 
Knoten, der Verschiedenheit ihrer Farben, und vermuthlich auch der 
Art ihrer Verschlingung. Diese Bedeutung war jedoch wohl nicht überall 
dieselbe, sondern verschieden nach den Gegenständen, und man mufste 
vermuthlich, um sie zu erkennen, wissen, von wem die Mirtheilung 
herrührte, und was sie betraf. Denn es waren auch der Aufbewah- 
rung dieser Schnüre, nach der Verschiedenheit der Verwaltungszweige, 
verschiedene Beamte vorgesetzt. Ihre Eniziflerung endlich war künst- 
lich, und sie bedurften eigener Ausleger. Sie scheinen daher im All- 
gemeinen mit den Kerbstöcken in Eine Klasse zu gehören, allein durch 
einen Grad sehr hoher Vervollkommnung künstliche Mitel, zuerst, 
mnemonisch, der Erinnerung, hernach, wenn der Schlüssel des Zusam- 
menhanges der Zeichen mit dem Bezeichneten bekannt war, der Mit- 
theilung gewesen zu seyn. Es bleibt nur zweifelhaft, in welchem Grade 
sie sich von subjectiiven Verabredungen für bestimmte und genau be- 
dingte Fälle zu wirklichen Gedankenzeichen erhoben. Dafs sie beides 
zugleich waren, ist oflenbar, da z. B. in denjenigen, durch welche die 


über die Buchstabenschrift. 185 


Richter von der Art und Menge der verhängten Bestrafungen Nachricht 
gaben, die Farben der Schnüre die Verbrechen, die Knoten die Arten 
der Strafen andeuteten. Ob aber in ihnen auch ein allgemeinerer Ge- 
dankenausdruck möglich war, ist nicht klar, und sehr zu bezweifeln, 
da die Verschlingung auch farbiger Schnüre keine hinlängliche Mannig- 
faltigkeit von Zeichen zu gewähren scheint. 

Dagegen ‚lagen in dieser Kunst der Knotenschnüre vielleicht be- 
sondere Methoden der Gedächtnifshülfe oder Mnemonik, wie sie auch 
dem classischen Alterthum nicht fremd waren. Diese scheinen bei den 
Peruanern wirklich üblich gewesen zu seyn. Denn es wird erzählt, dafs 
Kinder, um ihnen von den Spaniern mitgetheilte Gebetsformeln zu be- 
halten, farbige Steine an einander reiheten, also, nur mit anderen Gegen- 
ständen, ein den Knotenschnüren ähnliches Verfahren beobachteten. In 
dieser Voraussetzung waren die Knotenschnüre allerdings Schrift im weit- 
läufigeren Sinne des Worts, entfernten sich doch aber sehr von diesem 
Begrifl', da das Verständnifs bei der Miuheilung in der Entfernung auf 
der Kenntnifs der äufseren Umstände beruhte, und wo sie zu geschicht- 
licher Ueberlieferung dienten, dem Gedächtnifs doch die hauptsächlichste 
Arbeit blieb, der die Zeichen nur zu Hülfe kamen, die Fortpflanzung 
mündlicher Erklärung hinzutreten mulste, und die Zeichen nicht eigent- 
lich und vollständig (wie es die Schrift, wenn nur der Schlüssel ihrer 
Bedeutung gegeben ist, doch ıhun soll) den Gedanken durch sich selbst 
aufbewahrten. 

Mit Sicherheit läfsı sich jedoch hierüber kein Urtheil fällen. Ich 
bin auch nur darum in die vermuthliche Beschaffenheit dieser Knoten- 
schnüre, von welchen sich noch im vorigen Jahrhundert einer (aber 
ein Mexicanischer) in der Boturinischen Sammlung befand, eingegangen, 
um zu zeigen, auf welche Weise die Völker Amerika’s die doppelte Art 
der Zeichen kannten, zu welcher alle Schrift, wie sie seyn mag, ge 
hört, die durch sich selbst verständliche der Bilder, und die durch will- 


g, wo das Zeichen 


kührlich für das Gedächinifs gebildete Ideenverknüpfun 

durch etwas Drittes (den Schlüssel der Bezeichnung) an das Bezeichnete 

erinnert. Die Unterscheidung dieser beiden Gattungen, die da in einan- 

der übergehen, wo die allegorisirende Bilderschrift auch ihre unmittel. 

bare Verständlichkeit aufgiebt, und die, der Masse nach, und im Fort- 
Hıst. Philol. Klasse 1824. Aa 


186 HuvmsouLpr 


schreiten willkührlich scheinenden Zeichen zum Theil ursprünglich Bil- 
der waren, ist aber, und gerade in Rücksicht auf die Sprache, von er- 
heblicher Wichtigkeit, wie man an der Mexicanischen und Peruanischen 
zeigen kann. 

Die Mexicanischen Hieroglyphen hatten einen nicht geringen 
Grad der Vollkommenheit erreicht; sie bewahrten offenbar den Gedan- 
ken durch sich selbst, da sie noch heute verständlich sind, sie unter- 
schieden sich auch bisweilen deutlich von blofsen Bildern. Denn wenn 
auch z. B. der Begrill der Eroberung in ihnen meistentheils durch den 
Kampf zweier Krieger vorgestellt wird, so findet man doch auch den 
sitzenden König mit seinem Namenszeichen, dann Waffen, als Tropheen 
gebildet, und das Sinnbild der eroberten Stadt, welches zusammenge- 
nommen die deutliche Phrase: der König eroberte die Stadt, und 
eine viel bestimmter ausgedruckte ist, als die berühmte Saitische In- 
schrift, die als die einzige angeführt zu werden pflegt, wo sich in dem 
Zeugnils des Alterthums zugleich Bedeutung und Zeichen erhalten ha- 
ben. Man sieht auch aus dem eben Gesagten, dafs es nicht an Mitteln 
fehlte, auch Namen zu schreiben, und man daher auf dem Wege war, 
Lautzeichen in der Art der Chinesischen zu besitzen. Dennoch ist sehr 
zu bezweifeln, ob die Mexicanische Hieroglyphik jemals wahre Schrift 
geworden ist. 

Denn wahre Schrift kann man nur diejenige nennen, welche be- 
stimmte Wörter in bestimmter Folge andeutet, was, auch ohne Buch- 
staben, durch Begriflszeichen, und selbst durch Bilder möglich ist. 
Nennt man dagegen Schrift im weitläufigsten Verstande jede Gedanken- 
Mittheilung, die durch Laute geschieht, d. h. bei welcher der Schrei- 
bende sich Worte denkt, und welche der Lesende in Worte, wenn 
gleich nicht in dieselben, übersetzt (eine Besummung, ohne die es gar 
keine Gränze zwischen Bild und Schrift geben würde), so liegt zwischen 
diesen beiden Endpunkten ein weiter Raum für mannigfalige Grade 
der Schrifivollkommenbeit. Diese hangt nemlich davon ab, inwieweit 
der Gebrauch die Beschaffenheit der Zeichen mehr oder weniger an 
bestimmte Wörter, oder auch nur Gedanken gebunden hat, und mithin 
die Enizilferung sich mehr oder weniger dem wirklichen Ablesen nä- 
hert, und in diesem Raum, ohne den Begriff wahrer Schrift zu er- 


über die Buchstabenschrift. 187 


reichen, allein auf einer Stufe, die sich jetzt nicht mehr bestimmen 
läfst, scheint auch die Mexicanische Hieroglyphenschrift stehen geblie- 
ben zu seyn. Ob man z.B. Gedichte, von welchen es berühmte und 
namentlich angeführte gab, hieroglyphisch aufbewahren konnte? da die 
Poesie einmal unwiderruflich an bestimmte Worte in bestimmter Folge 
durch ihre Form gebunden ist, läfst sich jetzt nicht mehr entscheiden. 
War es nicht möglich, so befanden sich die Pernaner hierin in einer 
vortheilhafieren Lage. Denn eine Schrift, oder ein Analogon dersel- 
ben, das nicht die Gegenstände selbst darstellt, sondern mehr innerliches 
Gedächtnifsmittel ist, kann sich, wenn auch weniger fahig, auf ein an- 
deres Volk, oder eine entfernte Zeit überzugehen, der Sprache ganz 
genau anschlielsen. Indefs darf man freilich nicht vergessen, dafs ein 
Volk, welches sich einer solchen Schrift in solchem Sinne bedient, 
nicht sowohl wirklich eine Schrift besitzt, als vielmehr nur Jen Zu- 
stand, ohne Schrift auf das blofse Gedächinifs verwiesen zu seyn, durch 
künstliche Mittel in hohem Grade vervollkommnet hat. Das aber ist 
gerade der wichtigste Unterscheidungspunkt in dem Zustande mit und 
ohne Schrift, dafs in dem ersteren das Gedächtnifs nicht mehr die 
Hauptrolle in den geistigen Bestrebungen spielt. 

Welches indefs auch die Vorzüge und Nachtheile jedes dieser bei- 
den Schrifisysteme seyn mochten, so genügten sie den Nationen, welche 
sie sich angeeignet hatten; sie hatten sich einmal an dieselben gewöhnt, 
und jedes, vorzüglich aber das Peruanische, war sogar in die Verfas- 
sung des Staats, und die Art seiner Verwaltung verwebt. Es ist daher 
nicht abzusehen, wie eins dieser Völker von selbst auf Buchstabenschrift 
gekommen seyn würde; die Möglichkeit lafsı sich allerdings nicht be- 
streiten. Das Beispiel Aegyptens zeigt die nahe Verwandtschaft von 
Laut-Hieroglyphen und Buchstaben und aus der graphischen Darstellung 
der Verschlingungen der Knotenschnüre konnten Zeichen entstehen, die 
in der Gestalt den Chinesischen glichen, sich aber phonetisch behandeln 
liefsen. Es hätte aber dazu eine ähnliche geistige Anlage gehört, als 
die Aegyptier schon so frühe verrieihen, dafs auch die älteste Ueber- 
lieferung sie uns nicht anders darstellt, und es ist allemal ein ungünsti- 
ges Zeichen für die künftige Entwicklung einer Nation, wenn sie, ohne 
dafs jene Anlage zugleich ans Licht tritt, schon einen so bedeutenden 


Aa2 


188 Humsoupr über die Buchstabenschrift. 


Grad der Cultur, und so mannigfache und feste gesellschaftliche Formen 
erreicht, als dies in Mexico und Peru der Fall war. Vermuthlich hätte 
man sich in beiden Reichen, so wie heute in China, den Gebrauch der 
Buchstabenschrift anzunehmen geweigert, wenn er sich freiwillig, und 
nicht auf dem nöthigenden Wege der Eroberung dargeboten hätte. 

So wie ich versucht habe, bei den grammatischen Formen zu zei- 
gen, dafs auch blofse Analoga ihre Stelle vertreten können, ebenso ist es 
mit der Schrift. Wo die wahre, der Sprache allein angemessene, fehlt, 
können auch stellvertretende andere alle äufseren, und bis auf einen ge- 
wissen Grad auch die inneren Zwecke und Bedürfnisse befriedigen. Nur 
die eigenthümliche Wirkung jener wahren und angemessenen, so wie die 
eigenthümliche Wirkung der ächten grammatischen Form, kann nie und 
durch nichts ersetzt werden; sie liegt aber in der inneren Auffassung 
und der Behandlung der Sprache, in der Gestaltung des Gedanken, in 
der Individualität des Denk- und Emplindungsvermögens. 

Wo jedoch solche stellvertretende Miuel (da dieser Ausdruck nun- 
mehr verständlich seyn wird) einmal Wurzel gefafsı haben. wo der instinct- 
artig in der Nation auf das Bessere gerichtete Sinn nicht ihr Emporkommen 
verhindert hat, da stumpfen sie diesen Sinn noch mehr ab, erhalten das 
Sprach- und Gedankensystem in der falschen, ihnen entsprechenden Rich- 
tung, oder geben ihm dieselbe, und sind nicht mehr zu verdrängen, oder 
ihre wirkliche Verdrängung übt nun die erwartete heilsame Wirkung viel 
schwächer und langsamer aus. Wo also die Buchstabenschrift von einem 
Volke mit freudiger Begierde ergrillen und angeeignet werden soll, da mufs 
sie demselben früh, in seiner Jugendfrische, wenigstens zu einer Zeit dar- 
geboten werden, wo dasselbe noch nicht auf künstichem und mühevollem 
Wege eine andere Schriftigattung gebildet, und sich an dieselbe gewöhnt 
hat. Noch weil mehr wird dies der Fall seyn müssen, wenn die Buch- 
stabenschrift aus innerem Bedürfnifs, und geradezu ohne durch das Me- 
dium einer anderen hindurchzugehen, erfunden werden soll. Ob dies aber 
wirklich jemals geschehen seyn mag, oder so unwahrscheinlich ist, dafs 
es nur als eine entfernte Möglichkeit angesehen werden darf” darauf be- 


halte ich mir vor, bei einer anderen Gelegenheit zurückzukommen. 


E ee EB Dr n-- 


Zur 
Geschichte des Peträischen Arabiens und 
seiner Bewohner. 


Von 
FE CZR.LDUTER. 


[Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 8. Juli 1824.] 


I. Allgemeinen sind die Grenzgebiete der Landschaften, wenn man 
auf die Ausbreitungen der besondern Reiche und der einzelnen Völker- 
schaften im Morgenlande sieht, weniger bekannt geworden als ihre 
mittlern Gebiete, wenn schon in Hinsicht der beiden aufsereuropäischen 
Erätheile der Alten Welt, im Ganzen genommen die entgegengesetzte 
Erscheinung hervortritt, da uns ihre beiderseiligen Mitten fast noch 
gänzlich unbekannt geblieben sind. 

In der politischen und ethnographischen Gestaltung ihrer Haupt- 
theile, nämlich der Staatengebiete und verschiedenen Völkergebiete, 


findet das Gegentheil statt anders wie in dem jüngern Westen der 


& eines Landes 
C 


und Staates, seinen räumlichem Körper und Gliedern nach, von dem 


Alten Welt, wo dagegen die Feststellung der Begrenzun 


Entstehen, und seinem Daseyn, Wachsen und Werden, kaum mehr 
getrennt gedacht werden kann. Nicht so im Morgenlande, wo die 
gröfsere Zahl der uns bekannt gewordnen Geschichten der aufeinander 
folgenden Herrschaften, in der ältesten, in der mittleren Zeit und selbst 
in den neuern Jahrhunderten, uns rathlos läfst, wenn wir nach den 
genauern Grenzbestimmungen der Länder und Staaten fragen, ohne dafs 
darum doch ein wesentlicher, wenigstens bisher noch nicht gefühlter 
Mangel in den Geschichten derselben hervorträte. 
Dagesen ist es die Mitte der Staatengebiete und der Vülkerheima- 
sez 5 
then, welche dort mit eröfserer Bestimmtheit hervortritt, und auch ein 
’ ’e) ’ 
helleres Licht über alles ihr Zugehörige verbreitet; doch nicht sowol 
die räumliche Mitte, welche sich durch Längen- und Breiten-Grade be- 


190 Rırtrrter 


stimmen läfst, sondern vielmehr diejenige Erdgegend, die ihrem ursprüng- 
lichen Oberflächen-Charakter, oder ihrer physikalischen Bildung und 
organischen Belebtheit nach, „den mächtigsten Einflufs gewinnen mufste 
auf die Anregung, Entwicklung und Ausbildung, sowol ihrer jedesma- 
ligen Bewohner im Zustande derer gröfsern Empfänglichkeit für Natur- 
einflüsse, welche mit dem Fortschritt der Kultur eine immer mehr und 
mehr abnehmende ist, wie auch auf die Gestaltung ihrer äufserlichen, 
bürgerlichen und politisch - geselligen Verhältnisse. 

Wir können eben diese Mittelpunkte, von denen die einen weitern 
Umkreis gestaltende Entwicklung ausging, die physikalische Mitte der 
Länder und Völker nennen, welche nicht selten, wie z.B. für Aegypten 
im Nilthale, in Mero&e, Thebä, Memphis, mit der historischen Mitte 
zusammenfällt, nämlich mit derjenigen Oertlichkeit, welche als die ent- 
scheidende in das historischbedeutende Leben der Völker individuell 
eingreift, auf welcher auch die dauerndsten Denkmale ihres höhern 
Kulturlebens sich gestaltet und ihre Zeit überlebt zu haben pflegen, wie 
z.B. im alten Persis, dagegen anderwärts eben so oft der Unterschied 
beider Verhältnisse statt findet, wie bei Griechen und Indern die Mo- 
numente ihrer Blüthezeit keinesweges das Lokale der Wiege ihrer volks- 
thümlichen: Entwicklung bezeichnen. 

Die Unterscheidung dieser dreifachen Verhältnisse, örtlicher Na- 
turthätigkeiten und ihrer Einwirkungen nach Mitte und Grenzen (der 
räumlichen, physikalischen, historischen), die bald in gemeinsame Erd- 
räume zusammenfallen, bald weitauseinanderrücken, und ihren Einflufs 
dann verdoppeln und steigern, oder durch ihre Absonderung beschrän- 
ken, abändern, übergreifen und umwandeln, diese wird überall noth- 
wendig seyn, wo solche historisch-geographische Erscheinungen genauer 
erwogen werden sollen, zu denen auch jene zuerst angeführte Bemer- 
kung gehört, die hier nur an eins derjenigen örtlichen Verhältnisse 
erinnern sollte, welche auf dem Boden Arabiens besonders beachtet zu 
werden verdienen, und zu den vielerlei fremdartigen gehört, durch 
welche das Morgenland sich wesentlich vom Abendlande unterscheidet. 

Nicht etwa blofs die bekannte Sitte mancher morgenländischer Ge- 
walthaber alter und neuerer Zeit, die Grenzgebiete ihrer Reiche ab- 
sichtlich zu zerstören, um mit Wüsteneien, als so vielen sichern Ring- 


zur Geschichte des Peiräischen Ärabiens. 194 


mauern, ihre Staaten zu umgeben, kann als die Ursache jener Unbe- 
stimmtheit und unserer historischen Unkenninifs gewisser Grenzgebiete 
angesehen werden, obwol sie öfter gar sehr zur Vermehrung dieser Un- 
kenntnifs durch ganz Asien beitrug: denn in vielen Gegenden haben wir 
auch keine hinreichenden Beweise für ein solches politisches Verfahren, 
das auch selbst zuweilen bei Römern (von Kaiser Decius 249 bis 251 
Chronic. Alex.) gegen Araber, aber fast unablässig bei Iraniern gegen 
Turanier und Andern statt fand, wie es bei so vielen mongolischen 
Völkern, und heute noch zwischen Türken und Persern allgemein im 
Brauche ist. j 

Der Grund dieser Erscheinung des räumlich Unumgrenzten liegt 
wol tiefer in den ganz verschiedenen Verhältnissen und den Verbin- 
dungen der Elemente der Staatenbildung in den Morgen- und Abend- 
Ländern, wo in diesen, mehr auf den Besitz des Grundeigenthums und 
dessen gleichmäfsigen Ertrag, das Wohl, die Dauer, die Sicherheit der 
Staatseinrichtungen im allgemeinen gegründet ist, dort aber mehr auf 
der möglichsten Beweglichkeit, Handhabung und Richtung der Kräfte 
für die oft wechselnden Zwecke und Bedürfnisse des Herrschenden in 
Krieg oder Frieden beruht. Das Bedürfnifs bestimmter Länderbegren- 
zung tritt dort als untergeordnetes zurück, wo die Grenze nur als 
Hemmung erscheint, und diese mit der Macht und dem Wachsthum, 
oder dem Untergange der Stämme, auch zugleich jedesmal sich natürlich 
erweitert oder verschwindet. 

Wo die Entwicklung der Stämme im Fortschreiten ist, da kann 
keine Staatengrenze, keine Eigenthumsgrenze für dauernde Verhältnisse 
bestimmt werden, wie umgekehrt, wo jede Grenze des Besitzihums am Bo- 
den bestimmt und abgemessen ist, das persönliche Wachsthum der Völ- 
kerstämme nicht im raschesten Fortschritt der Entwicklung bestehen kann, 
sondern durch andre Umstände und Verhältnisse beschränkt wird. 

Bei keinem Volke treten diese Verhältnisse vielleicht nachweislicher 
und auffallender in den Geschichten und beschwerlicher in den Geo- 
grapbien hervor, als bei den Arabern, und nirgends sind die politi- 
schen und geographischen Grenzen ihrer Landschaften durch lange Rei- 
hen von Jahrhunderten und Jahrtausenden unbestimmter geblieben , als 
in dem nördlichen Arabien, obgleich dieses den ältesten Kulturgegenden 


192 R'ı,rtiT,erR 


der Erde am benachbartesten, gewissermafsen durch sie eingeengt lag, 
zwischen Babylonien, Assyrien, Palästina, Aegypten, dem Arabia ‚felix 
und Persien. 

Nicht die Wüsteneien ihrer Ländergebiete sind die Ursache dieser 
Erscheinung: denn genauer untersucht, findet sich afrikanische oder 
völlige Unwirthbarkeit doch eigentlich nur sparsam auf dem asiatischen 
Boden der Araber, und nur selten sind ihre Stationen und Weidelager 
auf Tagereisen weit auseinandergerückt. Auch die Rohheit und Versun- 
kenheit der dortigen Völker ist nicht die Ursache jener Unsicherheit der 
nähern Bestimmungen; denn einstimmig sind die Zeugnisse aller Beob- 
achter von Niebuhr rückwärts, und vorwärts bis auf die neuesten Be- 
richterstatter, dafs nicht leicht ein ähnliches Volk auf der Erde nachzu- 
weisen sei, bei welchem die reinmenschliche und ächtnationale Ausbil- 
dung und Entwicklung des ganzen Menschen wie der eigenthümlichen 
Givilisation des ganzen Volks, alle Stämme in Häuptern und Gliedern so 
gleichmäfsig durchdränge, als eben das Volk der ächten Araber von 
dem Fürsten herab bis zum ärmsten wandernden Zelibewohner. 

Auch nicht blofs das Wechseln und Wandern des Nomadenlebens 
auf unwirthbarem Sandboden, kann als die alleinige Hauptursache jener 
unbestiimmten Begrenzungen angesehen werden; denn im Einzelnen sind 
unter den Stammesgliedern und Familien die Ländergrenzen, in sofern 
sie gewisse Gerechtsame der Benutzung bezeichnen, scharf ausgebildet, 
und reichen noch weiter hinaus als auf das blofs Oertliche im gewöhn- 
lichen Sinne, und dann, so ist doch kaum irgendwo an ein absolutes 
Wandern oder Umherirren zu denken, sondern nur an ein cyklisches, 
wo eben die Wanderperiode doch auch ihre genaue Zeit und Ortsbe- 
stimmung bei den mehrsten jener Völkerslämme erlangt hat. 

Unter diesem allgemeinen Einflusse der Unbestummbarkeit der 
äufsern historisch-geographischen Begrenzung, hat vor allen andern Erd- 
räumen des Morgenlandes, bisher, das nördlichste kleinere Drittheil der 
Arabischen Halbinsel gestanden, das sogenannte Peträische Arabien, das 
durchaus auf keiner unsrer Karten eine bestimmte physikalische oder 
ethnographisch-politische Begrenzungslinie erhalten konnte, und bei alten 
und neuen Schriftstellern, obwol immer unter den Drei Arabien aufge- 
führt und vielfach besprochen, von den Schrifistellern der Heiligen- 


zur Geschichte des Peträischen Arabiens. 193 


und Profangeschichten, doch immer in einer fast gänzlich formlosen Ge- 
stalt und kaum bis auf einzelne hellere Punkte im Dämmerlicht erscheint. 

Weder das Land selbst noch das Verhältnifs seiner Bewohner zu 
ihren ganz verschiedenartigen dreifachen Umgebungen, ist bisher Ge- 
genstand einer vollständigern genauern Untersuchung gewesen, weil 
eben diese Erdgegend den unbestimmtesten Grenzgebieten dreier nach- 
barschaftlicher Ländersysteme zugerechnet ward, dem Arabischen, oder 
dem Syrischen, oder dem Aegyptischen, sowol von Eroberern und Be- 
herrschern, wie von Reisenden, und eben darum auch von den Schrift- 
stellern. 

Nicht nur dieser Mangel, sondern vielmehr die historische Selbst- 
ständigkeit und Wichtigkeit dieses Erdraums auf den Grenzen zweier 
Erdtheile, zwischen den für die älteste Menschen- und Völker-Ge- 
schichte so bedeutungsvollen Ländern Aegypten, Phönicien, Palästina 
und Arabien, die nicht ohne vermittelnden Einflufs des alten Nabatäer- 
Landes, oder des Pewäischen Arabiens bleiben konnten, wie wir schon 
für die allerältesten Zeiten aus dem Durchzuge des Volkes Israel er- 
fahren, machte längst eine genauere Kenntnifs dieser Erdgegend wün- 
schenswerth. 

Nur in ‚sehr zerstreuten Bruchstücken haben uns die letzten zwei 
Jahrtausende über Peträa Bericht gegeben; aber sie haben an Interesse 
und Belehrung ungemein gewonnen, durch einige wichtige Beobach- 
tungen der letzten Jahrzehende, die uns zur Bestimmung von Oertlich- 
keiten verhelfen, deren Lage für die Geschichten Moses, Davids, der 
Ptolemäer, der Seleuciden, der ersten Kaliphen und der Kreuzfahrer, 
wie für den Weltverkehr zwischen Morgen- und Abendland gleich 
wichtig erscheint. 

Das Nordende des Golfs von Suez, als die westlichste Begrenzung 
des Peträischen Arabiens, ist zwar schon durch C. Niebuhr (1762) 
und die Expedition der Franzosen in Aegypten (1800) genauer orienlirt 
worden als vordem, und hiemit hat auch die Küstenbegrenzung der Pe- 
twäischen Halbinsel durch englische Schiffer (s. Dalrymple) und andre 
Landreisende, eine der Wahrheit naher kommende Richtung erhalten. 
Aber der zweite feste Grenzpunkt gegen Norden, durch das Südende des 
Todten Meeres, ist erst weit später, durch Seetzen (1810) und durch 

Hıst. Philol. Klasse 1824. Bh 


194 Rı rt Teer 


Burkhardt (1812 und 1816) zu unsrer Kenntnifs gekommen ; so, dafs 
sich von da aus nun endlich Vergleichungen über die Züge der Völker 
und ihre Ansiedlungen gegen den Süden, in frühern und spätern Zei- 
ten, mit einiger Wahrscheinlichkeit anstellen lassen. Aber die genauere 
astronomische Bestimmung des dritten, wichtigen, natürlichen Grenz- 
punktes, nämlich des Nordendes am Golf”von Akaba durch die Messun- 
gen des vierten der deutschen Reisenden, die sich die gröfsten Ver- 
dienste um die Kenntnifs jener Erdgegend erwarben, durch Eduard 
Rüppel (1817 und zuletzt 1822), macht es nun erst möglich, den ersten 
Entwurf zu einer Karte des Peträischen Arabiens zu versuchen, und 
auf ihm, unter der grofsen Zahl der streitigen Punkte dieser Landschaft, 
diejenigen, welche von dauernder, geographischer und historischer Be- 
deutung sind, selbst nach den verdienstvollen Arbeiten eines W. Vincent, 
von neuem einer Prüfung zu unterwerfen, und diesen Erdraum nach 
seiner ganzen geographisch -historischen Eigenthümlichkeit in das Auge 
zu fassen. Doch mülste einer solchen Arbeit erst eine Geschichte der 
Erdgegend und der Schicksale ihrer Bewohner vorhergehen, die uns 
bisher fehlte, um dadurch den Umfang der Quellen und historischen 
Fragmente, aus denen ihre genauere Kenntnils nur allein hervorgehen 
kann, besser zu würdigen. Ein Ueberblick derselben, so fragmentarisch 
sie auch nur seyn kann, möchte, andere Gründe übergehend, hier um so 
wünschenswerther seyn, da wir durch die Sammlungen unsrer so aus- 
gezeichneten reisenden Naturforscher, der Herren Docioren Ehrenberg 
und Hemprich bei ihrem wiederholten Aufenthalte im Hafen von Tor, 
an dem Südgestade dieser Halbinsel, bald neuen Aufschlüssen über die- 
selbe entgegensehen, da die durch dieselben herbeizuschaffende Abschrift 
des Ebn Batuta, auch wol über diese Landschaft wichüge Belehrungen 
verheifst, da ferner auch der handschriflliche Nachlafs von Seetzen, 
der hier so sehr ıhätig war, uns bis jetzt immer noch vor enthalten blieb, 
aber doch die gröfsere Theilnahme für dessen Bekanntmachung höchst 
wünschenswerth ist. 

Die Zusammenstellung und wiederholte Prüfung des Vorhergegan- 
genen und früher bekannt Gewordenen kann zur Erläuterung aller nach- 
folgenden Berichte immerhin Einiges beitragen, wo noch im Ganzen so 


Weniges wie hier geschehen ist. 


zur Geschichte des Peträischen Arabiens. 195 


Sehr sparsam sind, aufser den historischen Schriften des Alten Testa- 
ments, welche das Volk Israel durch die Pewräische Halbinsel begleiten, 
die Nachrichten der Alten über diese ganze Landschaft, denen das seit- 
wärts gelegene Innere derselben fast unbekannt blieb, da selbst dem 
Herodot, von der Ostseite Aegyptens und den dortigen Meeresgesta- 
den, durch die Priester des Nilthals keine besondre Aufklärung zu Theil 
ward, als nur das Daseyn eines vierzig Tagereisen langen, arabischen 
Meerbusens (Herod. II, 11). Einige Küstenpunkte und Linien sind 
durch ein paar alte Periplen ungefähr beschrieben, durch den des 
Agatharchides aus Onidus (120 a.Chr.n.) und den, dem Arrhian zu- 
geschriebenen, aus dem ersten Jahrhundert nach Christo. Durch ein paar 
Geographen sind nur noch sehr unzureichende Nachrichten von der Süd- 
seite her gegeben, durch Eratosthenes (c.200a.Ch.n.) Artemidorus 
von Ephesus (c. 100 a.Chr.n.) und durch deren Berichterstatter Strabo, 
Diodor und Ptolemäus, welche letztere dort nicht bekannt waren, 
aber diesen, jedoch auch noch einigen andern Nachrichten folgten, die 
sie zum Theil anders wieder gegeben haben, oder die uns doch mit- 
unter entstellt überliefert wurden, wie dieses sich, theilweise wenigstens, 
aus der Ptolemäischen Tafel des Arabischen Meerbusens ergiebt. 

In das Innere des Landes führen uns, die Nachrichten der Israeli- 
ten ungerechnet, zum ersten male, die Kriegsberichte des Diodor von 
den Feldzügen des Antigonus gegen die Nabatier, nach Alexanders 
Tode, die er, den ersten, dem Athenänus, den zweiten, seinem Sohne 
Demetrius Polyorketes aufırug (circ.310a.Chr.n.). Diesen letztern be- 
schreiben Diodor Sicul.(!) und Plutarch, im Leben des Demetrius; 
vom erstern spricht nur Diodor allein. Beide gingen nach einem Orte, 
der hier zum ersten male Petra (eis ryv Iergav, eine starke Veste), als 
die der Nabatäer, im Süden der eroberten Provinz Idumaea (’Idsvuares 
Eragysas; Eparchie und Satrapie) genannt wird. Dieses Petra lag drei 
Tagereisen, zu denen Athenäus auch die Nächte hinzu nahm, ab, von 
dem Orte von wo Athenäus auszog, wie Diodor sagt: der Weg da- 
bin ging durch beschwerliche wasserlose Gegenden. Die bebautere 


Landschaft, deren Name aber nicht genannt wird, war zwei Tagereisen 


(1) Diodor Sicul. Z. XIX c. 94-98. ed. Laurent. Rhodomani, fol, 731(p. 722). 
B.br2 


196 Ri'T-TER 


davon entfernt; dahin hatten die Nabatäer sich zu einer grofsen Festfeier 
(Havayvaıs) begeben, und ihre Güter in jenem Petra (&mı wos Hlergas) 
zurückgelassen, nebst Greisen, Weibern und Kindern. Der Ort war 
sehr fest durch seine Anhöhen, aber ohne Mauern ; es war eine 
Niederlage von Weirauch, Myrrhen, Aromaten und Metallen, davon 
Athenäus bei seinem nächtlichen, aber nachmals verunglückten Ueber- 
falle eine grofse Beute nebst 500 Talenten Silbers entführte. In der Mitte 
ihres schwerzugänglichen Landes hatten die sorglosen Nabatäer, die an 
keine Gefahr dachten, auch keine Wache bei ihrer Burg zurückgelassen. 
Aber gleich anfangs dureh Eilboten bei ihrer Festfeier von der Annähe- 
rung des Griechenheeres benachrichtigt, das aus 4000 Leichtbewaflneten 
und einer gehörigen Zahl Reiterei bestand, waren sie aufgebrochen von 
ihrer Versammlung und nach der ausgeleerten Felsburg zurückgekehrt, 
von da aber dem schon flüchtig gewordnen Feinde in die Wüste ge- 
folgt; den sie auch, 200 Stadien fern von ihrer Burg, in der Nacht, 
im tiefen Schlafe überfielen, und bis auf einige funfzig Reiter vernich- 
teten, die gröfstentheils verwundet, doch noch durch die Flucht sich 
reiteten. Antigonus Plan grofse Beute zu machen ward also diesmal 
vereitelt, da die ganze Unternehmung mifslang und die Nabatäer ihr 
entführtes Eigenthum wieder gewannen. 

Da Diodor ausdrücklich sagt, dafs Antigonus diese Expedition 
aussendete nachdem er so eben Herr von Syrien und Phönicien gewor- 
den war: so ist es wohl möglich, dafs er die Kenntnifs dieses Petra 
und seiner Schätze im Nabatäer Lande, nach denen er strebte, bei den 
Phöniciern in Erfahrung gebracht hatte, deren Zwischenhändler eben 
dieses Volk, mit den südlichern Arabien und Aethiopien bisher gewesen 
war. Die Nabatäer treten also, selbst wenn diese Felsburg auch nicht 
das berühmt gewordene Petra, sondern nur eine nördliche Station des- 
selben war, doch sogleich mit dieser Begebenheit in der Geschichte, in 
der ganzen Wichtigkeit auf, die sie in älterer Zeit für Tyrische und 
Jüdische Beherrscher hatten; in einem Verhältnifs, das mit den Verän- 
derungen nach Alexanders Tode nach und nach mehr gestört ward, aber 
das eben dazu beitrug, ihnen aus der ehemaligen Abhängigkeit von Phö- 
niciern und Syriern, zu einer Selbständigkeit in Handel und Herrschaft 
zu verhelfen, die sie früher nicht hatten. Denn eben damals war Tyrus 


zur Geschichte des Peträischen Ärabiens. 197 


gefallen. Des Demetrius Feldzug gegen dieses Petra um das Jahr 310 
(a.Chr.n.), in Auftrag seines Vaters Antigonus, war nur eine Wieder- 
holung jenes ersten unglücklichen Versuches, bei dem Aıhenäus sein 
Leben eingebüfst hatte. Demetrius ging mit weit mehr Vorsicht und 
Milde zu Werke. Die Nabatäer vertheidigten ihr Petra mit Tapferkeit, 
und der Städtebezwinger Demetrius ging, ohne die Veste erobert zu 
haben, zu der nur ein einziger durch Kunst gemachter Eingang führte, 
einen Vertrag mit den Nabatäern ein, die durch eine Gesandschaft 
der Aeltesten an ihn, die Geschenke genau bestimmten, zu denen sie 
sich gern verstehen wollten, um nur in Friede und Freundschaft mit 
Antigonus und den Griechen zu bleiben. Demetrius zog von Petra 
300 Stadien weit fort, und schlug sein Lager am Asphaltischen See auf, 
den Diodor zu der Eparchie Idumäa, nämlich seines Vaters rechnet. 
Plutarch sagt zwar, Demetrius habe unermelsliche Beute von den 
Nabatäern gemacht und 700, wahrscheinlich beladene, Kameele mitge- 
bracht, Antigonus war aber mit dem Gewinn der Expedition nicht 
sonderlich zufrieden. Die Umstände, welche Diodor bei Demetrius 
Belagerung dieses Petra angiebt, werden zur Bestimmung von dessen Lage 
benutzt werden. Es ist unstreitig die, von Burckhardt zuerst seit 
den Kreuzzügen wieder besuchte steile Felsburg Kerek, Karac, ('Pezeu 
bei Eusebius, Charak der Römer) in Südosten des Todien Meeres, 
der Bischofssitz Battra der Latiner. Von ihr läfst sich in zwei Tage- 
reisen das berühmtere Petra, dessen Ueberreste Burckhardt in Wady 


Musa wieder vorfand, gut erreichen; und an diesem bebautern und be- 


wohntern Orte wurde, sehr wahrscheinlich, — wenn nicht schon in dem 
etwas nördlicher gelegnen, fruchtbaren Wady Ghoeyr — die Panegyris 


gefeiert. Die Nabatier wurden damals von den Syriern also nicht un- 
terworfen, und scheinen, da zumal ihr Hauptort gar nicht berührt war, 
auch in diesem Zustande der Unabhängigkeit geblieben zu seyn (!), wäh- 
rend die Ptolemäer das nahe Aegypten beherrschten. Von da aus wird, 
uns wenigstens, keine Nachricht zu Theil, dafs auf dem Landwege das 
Peträische Arabien von den Aegyptern angefeindet worden wäre. Aus 
andern Umständen und einigen dort aufgefundenen Denkmalen, läfsı es 


(1) Diod. Sicul. Z. 11.48. 


198 RıtrTer 


sich hingegen wohl sehr wahrscheinlich machen, dafs in dieser für den 
Handel so günstigen Periode, selbst einzelne Aegyptische Colonien sich 
allmählig dort ansiedelten, wie ihre Architecturen und hieroglyphischen 
Inschriften beweisen, die neuerlich in der Mitte jener Arabischen Land- 
schaft bekannt geworden sind. In diese Zeit fallen die Berichte der 
Ptolemäischen Schiffer auf dem Nordende des Arabischen Meerbusens, 
die gleich anfangs genannt worden sind. 

Die zwei Feldzüge der Römer, der frühere des Aelius Gallus 
unter Octavianus Augustus (imJahr 24 a. Chr.n.) (!), von dem Dio 
Cassius irrig meint, dafs es der erste und auch wol der letzte nach 
einem solchen Lande seyn werde, und der etwas spätere, aber glück- 
lichere des Cornelius Palma, unter Kaiser Trajan (105u.106p.Chr.n., 
im Auszug des Dio Cassius im Xiphilin 2.68.14 ed. Reimarus) (?), nach 
dem Peträischen Arabien, geben, der erste, wegen seines unglücklichen 
Ausganges, der letzte weil wir nur den Auszug von Dio Cassius Er- 
zählung besitzen, weniger Belehrendes, als man hätte erwarten sollen, da 
es Strabo ist, der den Bericht seines Freundes, des Feldherrn Gallus,, 
giebt. Fast sind es nur Klagen über dort ausgestandene Noth und Be- 
schwerden, weil die Römer über die Art in den Einöden Arabiens den 
Krieg zu führen noch in der gröfsten Unwissenheit waren, und so ganz auf 
die Leitung der dortigen, wie sie sagen, treulosen Bundesgenossen sich 
verliefsen, ein Name, den ihnen die Römer gaben, seit Julius Cäsar in 
Aegypten, mit Hülfe Nabatäischer Reiterei, Alexandria belagert hatte. 

Der Mangel näherer Erforschung und Bekanntwerdens jener Pe- 
träischen Landschaft, die für den ältern Handel so wichug gewesen war, 
bleibt in jener Zeit, bis auf Gallus Expedition, immer auflallend, und 
zeigte sich wohl eben darum, weil es schon Alexander d.Gr., dem 
Entdecker des Morgenlandes, nicht gelungen war, wie die persischen Ge- 
stade durch Nearch, so auch die innern Gestade des Arabischen Meer- 
busens durch Hiero von Soli, den Gilicier, erforschen zu lassen, den 
er kurz vor seinem Tode beauftragt hatte, mit seinem Ruderschiffe die 
Arabische Halbinsel zu umfahren, vom Euphrat bis zur Meeresbucht 


(1) DioCassius Z. 53. 910, und Straho XV. 
(2) DioCassius ed. Reimarus, Hamb. 1752. T. I. fol. 1131. 3. 


zur Geschichte des Peträischen Ärabiens. 199 


von Heroopolis gegen Aegypten hin. Denn dieser kehrte bald, wie 
Arrhian erzählt (de Exped. Alex. VI. 20), erschreckt durch die Gröfse 
des Arabischen Chersonesus, der nicht geringer sei als der Indische an 
Umfang, zu dem Euphrat zurück, und auch dieser Entwurf, wie alle 
andern, welche Alexander wegen der Erforschung in Beziehung 
Arabiens gemacht hatte, blieb unausgeführt. 

Wären so manche verloren gegangene Werke aus den Zeiten der 
Pıolemäer Könige gerettet worden, so würden wir vielleicht über Peträa 
mehr Aufklärung erhalten haben. Ptolemäus Philadelphus (273-247 
a. Chr.n.) liefs durch seinen Flotenführer Timosthenes auch den Ara- 
bischen Meerbusen beschilfen um ihn zu erforschen und zu beschreiben ; 
dafs dieser schon einige Aufmerksamkeit auf die Küsten Peträas ver- 
wandte, sehen wir aus den wenigen Fragmenten die Eratosthenes und 
Plinius aufbewahrt haben; doch ist es gewils, dafs späterhin die innere 
handelsreiche Landschaft, ihnen noch wichtiger ward. 

Die Pıiolemäer hoben gleich anfangs, nach Alexanders Tode, be- 
kanntlich durch ihre Sicherung und Kultuvirung der Westküsten des 
Arabischen Meerbusens, Handel und Schiffahrt der Aegypter nach den 
Gestaden des südlichen Arabiens, Persiens, Indiens, und erhöhten da- 
durch den Verkehr und das Interesse aller Anwohner dieser grofsen 
Wasserstwafse. Ihr wichtigster Hafenort ward das neubegründete Bere- 
nice: von da aus, sagt Arrian (!), oder vielmehr der Verfasser des 
unter seinem Namen zur Zeit Kaiser Claudius (cwe. 54 n. Chr. G.) 
oder wol noch etwas später geordneten Schifferberichts (?) (eirc. 76 bis 99 
der Regierungszeit Za-Hakales), von Berenice aus gehe, ganz entschie- 
den, die wichtigste Seefahrt Aegyptens aus, wenn schon die nördlichern 
Hafenorte nicht völlig unthäug blieben. Aber von Berenice war das 
Bestreben jedes Aegyptschen Schiffers, sogleich, quer über den Meeres- 
arm in zwei bis drei Tagen, den gegenüberliegenden Hafen Leukekome 


zu erreichen, von da weiter südwärts zu steuern, und an den reichern 


(1) Periplus Maris Erythraei, ed. Huds. 1. p.11. 


(2) S. Mannert V.1,p.161; bestätigt von Salt Travels in Aethiopia p.460 wegen 
Swrzarns, Za-Hakale: Erdkunde I, p.223. 


200 Rırtrrter 


Sabäischen Küstengestaden dem Indischen Handel nachzugehen. So wurde 
freilich das Nordende des Arabischen Meerbusens, das man wegen sei- 
ner seichten Meeresstellen, wegen seiner gefahrvollen Felsküsten und 
seeräuberischen Anwohner fürchtete, vermieden (!), da es ganz aufser 
dem Wege der Haupistrafse der Schiffer liegen blieb, und die direkte 
Schiffahrt aus dem Heroopolitanischen Golf gegen Südost bei solchen 
Umständen wenig beschäfugt gewesen zu seyn scheint, nicht so die 
Strafse zu Lande. Dennoch würden wir in den geographischen Werken 
der ersten Ptolemäerzeiten gewifs mehr Aufschlnfs über das Innere des 
Peträischen Arabiens erhalten haben, da der Name der Stadt Petra (Herga, 
Ilergais der Bewohner bei Steph. Byz.) und der des Peträischen Arabiens 
gleich anfangs auch durch Eratosthenes Beschreibungen, wie es scheint, 
zuerst in allgemeinern Gebrauch kam (?), und dieser Ort sogleich (wie 
auch Antigonus Geschichte zeigt, wo nur das nähere Petra irrig ınit dem 
entferntern und gröfsern, von Diodor, als identisch genommen ward, 
denn auch jenes kennt er Zi. Il. 45), als ein bedeutendes, sehr altes Em- 
porium, auf der Strafse gegen Phönicien hin hervortritt, das damals 
gewils auch alsbald die Aufmerksamkeit der handelnden Aegypter und 
der Piolemäer auf sich ziehen mufste. 

In den Fragmenten früherer Geschichtschreiber und Geographen, 
wie des Hekatäus von Milet, Herodots und Anderer, ist keine Spur 
von der Kenninifs Peträa’s bei den Griechen und Kleinasiatischen Schrift- 
stellern vorhanden, da dieser Ort wol bis dahin, in seiner Abgeschieden- 
heit nur Handelsgeheimnifs der Phönicier, damals zuerst wol zur Kunde 
der Griechen gekommen seyn mochte, als durch Alexanders Zerstö- 
rung von T'yrus, den Besitzern dieses Waarenstapels, der bisherige Han- 
delskanal für ihren Weitertransport und Absatz, gegen den Westen, ab- 
geschnitten worden war. 

Die feindliche Habgier des Antigonus nach ihren Schätzen konnte 
wol keineswegs dazu geeignet seyn, die Petwäer zu Freunden der Syri- 
schen Herrscher zu machen, und diese Lage war es wol, durch welche 


(1). Arrıan. Luc. 9-12: 
(2) Strabo XVi. 2.767 ed. Tsch. VI. p. 390. 


zur Geschichte des Peträischen drabiens. 201 


sie nach neuen Handelsverbindungen sich umzusehen genöthigt wurden, 
die ihnen auch bei der Erbauung und dem schnellen Emporblühen von 
Alexandria an dem Gestade Aegyptens nicht fehlen konnten. 

Diodor (!) sagt uns wirklich, dafs diese Nabatäer , die vorher 
durchaus nur im Frieden mit ihren Heerden und dem Handel auf dem 
Lande beschäfugt gewesen, seit jenen Zeiten im Ailanitischen Golfe und 
umher dem Seeraube sich ergaben, bis die Aegyptschen Könige sie zur 
Ruhe gebracht hätten. 

Seit Eratosthenes (wenigstens 200 J. v.Chr.Geb.) durch den der 
Name des Peträischen Arabiens zuerst in allgemeinen Gebrauch gekom- 
men zu seyn scheint, und durch Artemidorus, ist nun bei allen 
Schriftstellern über Arabien, auch von dem Hauptorte, dem grofsen 
Petra in der Mitte des Nabatäer-Landes die Rede, der, während der 
Herrschaft der letzten Ptolemäer als die Residenz eines bedeutenden, ein- 
heimischen Königshauses auftritt. Dessen Lage entspricht, nach Strab os 
genauester Angabe, vollkommen dem wieder aufgefundenen ruinenreichen 
Wadi Musa. Strabo’s treffliche Beschreibung (?) war bisher unver- 
ständlich geblieben; aber sie giebt das treuste Abbild des sehr eigen- 
thümlich gelegenen Ortes, in einer ebenen, quellenreichen, selbst bis 
heute starkbewohnten Gegend, die überall durch die Natur von Felsen 
ummauert, und dadurch zur natürlichen Veste gemacht ist, nicht auf 
einer Berghöhe, wie man bisher annahm, sondern im Felsıhal, zu dessen 
befruchteter Tiefe nur enge Schluchten als Felseingänge führen, welches 
selbst wiederum in der Mitte der einförmigern Wüstenlandschaft liegt. 

Von diesem grofsen (nicht dem nördlicher gelegenen) Petra der 
Nabatäer (Petra magna), ist nun überall die Rede, das von den Waaren- 
führern auf dem Landwege besucht wird, als Stapelplatz. Von den Mı- 
näern (70 Tagereisen in Südost) (*) und von den bekanntern Gerrhäern 
(40 Tagereisen) von Nordost herkommend. Aber eben so auch von der 
Seeseite her: denn der Periplus des Erythräischen Meeres sagt es, dafs 


(1) Diodor Sieul. Zi. III. p.123. 
(2) StraboXVl. 8.21, ed. Tzsch. p.441. 
(5) Eratosthen bei Strabo XVI. Z.c.p.394. 
Hist. philol. Klasse 1824. Ge 


202 Rırtrter 


von dem Seestapel und der Zollstäte Leukekome nun auch der Han- 
delsweg nach Petra (!) führe. 

Mehrere dieser Nabatäerfürsten nennt die Geschichte. Einen solchen 
König der Nabatäer, Malco, führt späterhin auch Hirtius Pansa (°) an, 
der von Julius Cäsar in Alexandria (circ. 47 v.Chr.Geb.) zur Sendung 
von Reiterschaaren aufgefordert ward, ihm damit Beistand gegen die 
Aegypter zu leisten. Denselben scheint Dio Cassius Malchus zu nen- 
nen, vielleicht aber damit nur die dort einheimische nabatäisch-arabische 
Fürstenwürde eines Melek bezeichnend, die nach Plinius (?) Zeugnifs 
auch südlichern arabischen Fürsten gegen Adana (Aden) zukam. 

Der König in Petra, des Öctavianus Augustus Zeitgenosse, wird 
Obodas genannt, der Bundesgenosse der Römer, welche die Ueberwin- 
der seiner nördlich benachbarten Feinde der Seleuciden waren, dem aber 
doch ein Theil der Schuld an dem verunglückten Feldzuge des ägyptischen 
Statthalters, des Aelius Gallus, beigemessen wird, weil jener Obodas, 
wie es dort der Gebrauch war, aus dem Königsgeschlechte der Naba- 
täschen Araber erwählt, alle Sorge seinem obersten Staatsbeamten (eri- 
9075, Statthalter) (*) dem Syllaeus, welcher den Titel Bruder ("AdeAdos) 
führte, überlassen hatte. So vortrefflich dieser auch für die Verwaltung 
bei den Nabatäern besorgt war, so vernachlässigte er doch, in allem, die 
Pflege für das Römerheer und mag, sogar wol absichtlich, das Verderben 
dieser unwillkommnen Gäste gefördert haben, die mit der Unterjochung 
Syriens auch die Erringung der Obergewalt in Arabia Peträa und felix 
beabsichtigten. Für jenen Verraih an dem Herrschervolke, durch welchen 
Syllaeus ihrem Plane entgegenarbeitete, ward ihm späterhin auch, 
wie Flav. Josephus und Nicol. Damascenus berichten, in Rom die 
Bestrafung (°). 

Strabo sagt, dafs Petra’s Bewohner in grofsem Wohlstande lebten, 
weflliche Gesetze hätten, dafs die Stadt ein grofses, reiches Emporium 


. . ’ ’ 
ı) Arrian Peripl. Mar. Erythr. l.c. p.11, is rirgav mg65 Mariyav Basıra Naßaramı. 


De Bello Alexandrino 1. init. 
5) Plin. A.N. VI1.34. 
(4) Strabo XVI. l.c. p. 443. 
) Note 4 p.295. Du Theil ad Strab. ed. Paris. T.V. 


zur Geschichte des Peträischen Arabiens. 203 


sey und Handelskaravanen, so zahlreich wie ganze Heere, nach Leuke- 
kome sende. Früherhin hatten dem Athenaeus mit seinem Griechen- 
heere, nach Diodor’s Angabe, 5000 Nabatäische Reiter Verderben ge- 
bracht. Ihre Macht war also schon damals bedeutend. Diesesmal gaben 
sie den Römern 1000 Mann Hülfstruppen zu Aelius Gallus Kriegs- 
zuge mit; späterhin sandten sie weit gröfsere Macht zur Vertheidigung 
Jerusalems gegen Vespasianus und Titus, wie Josephus umständ- 
liche Erzählung lehrt. Ihre Macht war damals sehr ausgezeichnet. Den 
Römern war also dies Nabatäische Handelsvolk, oder waren diese Pe- 
träischen Araber, welches bei ihnen immer in gleicher Bedeutung genom- 
men wird (!), so wenig ergeben, als sie es früherhin den Syrern und 
wol auch den Ptolemäern gewesen seyn mögen, die ihnen mit Tyrus 
Zerstörung den alten Waarenzug und damit ihren Haupterwerb abschnit- 
ten, sie abhängig nach aufsen machten und ihren Verdienst über Bere- 
nice und Koptos (?) zum Nilthal nach Alexandria ableiteten. Sie hul- 
digen den Ptolemäern offenbar eben so wenig, als vor deren Dynastie 
den Aegyptern, da sie immer im Interesse ihrer alten Gefährten und 
vielleicht selbst Stammesverwandten der Phönicier gestanden hatten. 

In dieser Hinsicht ist es doppelt zu bedauern, dafs uns auch des 
Numidischen Königssohnes, des gelehrten Juba Werke über Arabien (9 
verloren sind, der aus Karthagischer Schriften schöpfte und gewils auch 
über die Unternehmungen der Phönicier in Petra unterrichtet war. 

Doch scheint es allerdings, wie schon oben bemerkt, dafs dieselben 
Nabatäer späterhin auch wol mit den Aegyptern sich mehr befreundeten, 
als ihnen die Handelsstrafse über Gaza oder Rhinocolura (jetzt El-Arish), 
die Phönicierstadt, wie Strabo sagt, eröffnet ward, und die Karavanen 
von diesem Emporium und von Palmyra wieder bei ihnen zusammen- 
trafen, nach Plinius Bericht (*). 

Die anfänglich scheinbare Ergebenheit gegen Römerherrschaft wan- 
delte sich schon in den Jüdischen Kriegen unter Titus in die bitterste 


) Planius,VI. 
(2) Strabo XVI.p.449, ed. Tzsch. 
) Plinius. #.N.VL31. 

) Plinius H.N.V1,32 p.714. 


204 Rırtrrter 


Feindschaft um, und zu Trajans Zeiten ward, nach mehrmals wieder- 
holten Versuchen, durch die von Dio Cassius angeführte Expedition 
des Cornelius Palma, der selbständigen Herrschaft dieser, auch gegen 
die Römer treulos befundenen Bundesgenossen, wie es heifst, ein Ende 
gemacht, Arabia Petraea unterworfen, und die Regententafel der Naba- 
täer Könige, wie sie schon Vincent zusammengestellt hat, findet hier 
ihre letzten Namen (!). 

Arabia Petraea tritt nun als Römische Provinz in den Verzeich- 
nissen Römischer Geschichtschreiber auf, und mehrere Feldzüge der Rö- 
mer nach Arabien gehen mehr gegen die nördlichen Gebiete der reichern 
Sabäer, an die Grenzen von Arabia felix (Eudaemon bei Plin.), als ge- 
gen die Nabatäer in Arabia Petraca. So schwankend auch die Ober- 
herrschaft der Römer von Palästina bis zum innern Arabischen Meer- 
busen gewesen seyn mag, in der Ptolemäischen vierten Tafel von Asien, 
im Zib. V. c. 17. von Arabia Petraea, zeigt sich eine weit genauere 
Kenninifs der Land- und See-Seite und ihrer Verbindungen, als frü- 
herhin. In den Iunerarien (?) werden zweierlei verschiedne grofse Hee- 
resstrafsen durch dieses Land verzeichnet, deren einzelne Ueberreste sich 
hie und da in Meilenzeigern und Pflastersteinen bis heute noch nach- 
weisen lassen, und in der Notitia Dignitatum (circ. 400 n.Chr. Geb.) ist 
Arabia Petraea eine Praefectur mit Dis und Praeses, deren Hauptsitz zwar 
Bostra (3?) nicht Petra ist, deren Legionen und Standquartiere aber, von 
da auf der ganzen Ostseite des Jordan und des Todten Meeres bis Zoar 
und Thamata (*) (Themna b. Piolem., Thamnata b. Joseph. Antig. XII.) 
d.i. bis Thamud zum Meere reichen, also als Grenzposten gegen Osten 
wider die Araber von Hedjaz dienen, und das eigentliche, früher so ge- 
nannte Peträische oder Nabatäische Arabien zwischen den beiden innern 
Golfesarmen beschützen. 


(1) W. Vincent Peripl.II, 232, 234, 250, 326, 442, 446. 
(2) Tabula Itineraria Peutingeriana ed. C. Mannert. Lips.1824. Segm.IX. 


(5) Notitia Dignitatum Imperü Orientalis c.CXVI. de Praeside et Moderatore Ara- 
biae etc. ed. Pancirolli Comment. p.74 etc. 


(4) Richter 14. Maccab. 1. 


zur Geschichte des Peträischen Arabiens. 205 


Diese letztere Landschaft wird dagegen in diesen nun schon christ- 
lich gewordenen Zeiten unter dem Titel von Palästina mit abgehandelt, 
ganze Mit- 
telalter hindurchgeht, wo der Name des Peträischen Arabiens aus seiner 


als Palästina tertia, eine Eintheilung, die seitdem durch das 


ursprünglichen Lage weiter gegen den Osten verdrängt ward und verlegt 
bleibt, und nie wieder im Lande der Nabatier in Aufnahme gekom- 
men ist, sondern nur aus alten vorchristlichen Jahrhunderten auf die 
moderne Geographie übertragen wurde. 

Von hier an beginnt für diese Landschaft und ihre Bewohner eine 
neue Periode mit den christlichen Beherrschern des Oströmischen Kai- 
serthums. Die Nottia Dignitatum Imperiü Orientalis nennt uns dort die 
Equites sagittarü indıgenae Mohailae, und den Praefectus legionis decimae 
Fretensis Alae (!); also Besatzungen von einheimischen und fremden 
Römischen Legionen, die am innersten Meereswinkel des östlichen der 
Doppelgolfen ihre Standquartiere hatten, und zur Beschützung sowol der 
Landwege als der Küstenfahrten angewiesen waren. Denn Hieron ymus, 
der bekanntlich so lange Zeit im Gelobten Lande lebte, sagt uns eben- 
falls (?), dafs Aila, die Station der zehnten Legion, im innersten Winkel 
des Rothen Meeres liege, ein Römisches Präsidium am äufsersten Süd- 
ende Palästina’s sey, an der südlichen Einöde, wo die Schiffahrt von Ae- 
gypten nach Indien vorüberführe, wie auch wieder von da zurück. Also 
war damals, Anfang des fünften Jahrhunderts (Hieronymus stirbt 420), 
diese Fahrt wieder im Gange; und Aila, das Emporium, das ehedem 
Ailat hiefs, nach Hieronymus Bemerkung. Seitdem wird der anliegende 
Meerbusen bei den Schriftstellern immer der Ailanitische genannt. 

Aber nicht blofs als Hafenstation nach Indien und als Römisches 
Castrum wird uns dieser innere Meereswinkel, der bis tief gegen das 
alte Petra sich nordwärts hinzieht in das alte Nabatäerland, um jene 
Zeit merkwürdig, 
schriften des Nicäischen Conciliums die Worte finden: Petrus Episcopus 


sondern auch dadurch, dafs wir schon bei den Unter- 


(1) Notit. Dignit. l.c. fol.92 b. 


(2) Onomasticon Urbium et Locorum Sacrae Scripturae, in Ugolini Thesauro 
Tom.V, pag.29 etc. 


206 Ritt er 


Ailensis ex Palaestina Provincia ('); also schon im Jahre 325, die erste 
bestimmte Spur dortiger Ansiedlung des Christenthums. 

Die gröfsere Sicherheit, in welcher unter dem Schutze der Rö- 
mifchen Imperatoren und später der christlichen Kaiser sich die Pro- 
vinzen des Römischen Reiches im Oriente befanden, förderte unstreiug 
auch die Ausbreitung und Ansiedlung Römischer und christlicher Un- 
terthanen des Reichs, in jenen, dem übervölkerten Aegypten und Pa- 
lästina so nahen Gegenden des Peträischen Arabiens, wo bekanntlich sich 
bald die Einöden mit Eremiten füllten. Schon zu Strabo’s Zeiten hatte 
das abgelegene Petra sehr viel Anlockendes für fremde Ansiedler gehabt. 
Athenodorus der Philosoph, der Lehrer des Tiberius und des Sırabo 
Freund (?), der sich bei den Peträern aufgehalten, war ungemein über- 
rascht worden, dort so sehr viele Römer zu finden, und auch andere 
Fremde, die dahin eingewandert waren. Indefs die Peträer unter sich 
im besten Einverständnifs lebten, und nach Athenodors Erzählung nie 
im Streite unter einander lagen , standen dagegen die Fremden immer 
unter einander in Händeln, und erregten auch oft den Bewohnern von 
Petra Streit. Die verheerenden Kriege in Italien, Griechenland und Nord- 
afrika füllten bekanntlich die Morgenländischen Provinzen des Reichs im 
vierten und fünften Jahrhundert mit Kolonisten aus dem Abendlande zu 
wiederholten malen, und bevölkerten auch den Eremus um Petra und 
Aila. Beiden Orten im Süden und Westen liegt das Gebirge des Sinai, 
in der Mitte des alten Landes der Nabatäer, zwischen beiden Endgolfen 
des Rothen Meeres. 

Sina, der früherhin von den Profanscriptoren ungenannt bleibt, 
und zuerst in der Peutingerschen Tafel (Segm.IX) auf dem Itinerarium 
angebracht ist, dieser Sina, sagt Procopius der Geschichtschreiber (°), 
war zu seiner Zeit (circ.550) von vielen Mönchen bewohnt, die, wie er 
sich ausdrückt, in erwünschter Einsamkeit frei umher schweiften, deren 
Leben aber nur in Todesbetrachtungen verloren gehe. Ihnen erbaute 


(1) Strabo XVI, p.349. Not. Tzsch. cf. Cellarius; Salmasius Exercit. in Plin.p.342 etc. 
(2) Strabo XVI, ed. Tzsch. p.441. 
(5) Procopius de Aedification. Iustiniani. Venetüs 1729. Lib.V, c.8. 


zur Geschichte des Peträischen Arabiens. 207 


Kaiser Justinian eine Kirche, nicht sowol auf dem Gipfel des Bergs, 
denn da könne, sagt Procop, kein Mensch übernachten, sondern tie- 
fer unten, weit entfernt von der gröfsten Höhe. Dort, sagte man zu 
gemacht 
haben. An den Fufs des Gebirgs erbaute der Kaiser auch ein sehr 


Procopius Zeit, solle Moses Jehovahs Gesetze bekannt 


starkes Castell und legte treffliche Besatzung hinein, damit nicht von 
jenem Gestade die barbarischen Saracenen — ein allgemeiner neuer Name 
statt des alten der Nabatäer, der seit Plinius und Ptolemäus für dortige 
Nomaden, nebst dem Namen der Sceniten (Zeltbewohner) in Gebrauch 
kommt — unvorhergesehn in Palästina einfallen könnten. 

So weit Procopius, der leider den Namen dieses Castells nicht an- 
giebt, obwol es eben dasjenige Aila seyn könnte an der grofsen Heerstrafse, 
von dem Hieronymus und vor ihm schon Eusebius (er stirbt 340), als 
von einem Standquartiere der Römer spricht (!), falls sich nicht nähere 
Trümmer eines Castrums am Fufse des Sinai nachweisen liefsen. 

Bald darauf, noch vor dem Jahre 600, aber nach dem Jahre 553, 
etwa um das Ende des sechsten Jahrhunderts, bewallfahrtete Antoninus 
Martyr (2), noch ehe Beda in Europa seine Kirchengeschichte schrieb, 
und kurz vorher, ehe der Caliph Omar im alten Peträa die Obergewalt 
gewann, nachdem er Palästina besucht hatte, auch das Gebirge Sina. 
Von Gaza aus über Eulalia (wohl Eulasia, Elusa der Tabul. Peutinger.) (°) 
wahrscheinlich auf der damaligen Römerstrafse, wie sie die Peutingerische 
Tafel angiebt, ging Antoninus zuerst zu dem Berge Oreb, und von da 
zum Berge Sina, in dessen vor kurzem erbauten Kloster er drei Aebte 
fand, welche die Syrische, Griechische, Aegyptische und die Besta- 
Sprache (Bestam? ob Bostram? die Arabische?) verstanden. Auf dem 
Gipfel des Sina hatten sie ein kleines Oratorium errichtet. Antoninus 
fand den Berg felsig, nackt ohne Erddecke, aber in der Umgegend eine 
grofse Menge von Zellen und Wohnungen der Eremiten, ganz auf ähn- 


\ 


n} n In \ oe ‚ € r 
(1) Euseh. Onomasticon l.c. eyza> rau de airoSı ray Puyseiow 78 Öezarov. 
(2) Jtünerarium Beati Antonini Martyris, ex Museo Menardi, Julimagi- Andium. 
1640, 4. p.23. 


(5) Tabula Peutingeriana sect.IX, conf. Itinerar. Antonini dugusti ed. P. FVesseling. 
Amstel. 1735, 4. p.721. 


208 Rıtrter 


liche Weise wie am Oreb. Aber jene Einsiedler waren keinesweges die 
alleinigen Bewohner dieser Einöden, denn auf einem Theil des Berges 
Oreb verehrten die Saracenen, so sagt Antoninus, der dieselben nachher 
auch Ismaöliten nennt, ihr Marmor-Idol, das so weifs wie Schnee aus- 
sah, und seine bestellten Priester hatte, angethan mit einer Dalmatica und 
einem Pallium von Leinwand. An ihrem grofsen Feste verwandelte 
sich die weifse Farbe ihres Idols, mit dem ablaufenden Monde, vor dem 
Eintritt des Priesters in das Heiligthum, in eine völlig schwarze, die mit 
der Beendigung des Festes aber jedesmal wieder zur weilsen überzu- 


5 
gehen pflegte, worüber auch Antoninus seine Verwunderung zu äufsern 


5 
nicht unterlassen konnte. 

Auf demjenigen Berge, der damals für den Horeb gehalten wurde, 
bestand also noch, neben dem christlichen Cultus auf der für den Sinai 
gehaltenen Höhe, ein unstreitig älterer, heidnischer Mondsdienst, etwa 
der Herodotischen Zlitta (Allat der Araber) (1), ehe dort noch die Mu- 
hamedanische Lehre einzog. 

Vom Berge Sina bis zur Arabischen Stadt Abela, wo, wie Antonin 
sagt, damals Indische Schiffe landeten, und ihre verschiedenen Gewürze 
herbeiführten, rechnete er sieben Mansionen, eine Entfernung, welche 
der neueste-Reisende, E. Rüppel(?) im Jahr 1822, in sechs Tagen zu- 
rückgelegt hat. Abela ist offenbar dasselbe Aila, das, wie schon Bochart 
und Assemani (°) gezeigt haben, im Mittelalter so vielfache Schreibarten 
erleiden mufste (Aöla, Aelis, Ahela u.a.m.). Eben dieses Aila also, wie 
wir aus dem so eben angeführten, für jene Zeiten und Gegenden, in 
vieler Hinsicht, an Thatsachen merkwürdigen, und noch unbenutzten 
Berichte erfahren, hatte sich bis damals, gegen das Jahr 600 n. Chr. Geb. 
unter allen Stürmen und Wechseln der Zeiten, als alter Stapelplatz in- 
discher Waaren für Palästina und Syrien immerfort aufrecht erhalten. 


(1) Assemani Biblioth. Oriental. T.III, II, fol.681. 
(2) v.Zach Correspondance Astronom. T. VIII, p. 469-476. 


(3) Bochart Geogr. Sacra. P.II. Chanaan. Lugd. Batavor. 1692, ed. Fillemandy 
I, 44, col.684,; Assemani Bibl. Orient. Clementino Vaticana. Romae 1728, T.Ul, P.U. 
fol. 552 sgg. 


zur Geschichte des Peträischen Arabiens. 209 


E47 


Hiermit hört aber auch diese Bedeutung der Gegend als Passageland 
jener ältern Handelsverbindungen auf: denn bald wurden nun die christ- 
lichen Herrscher aus Vorderasien auf immer verdrängt, und Muhame- 
daner die Gebieter, anfangs die Chalifen, dann die Sultane Aegyptens 
und Syriens, zuletzt Constantinopels, mit wenigen Unterbrechungen 
einheimischer untergeordneter, arabischer oder syrischer Dynasten. 

Mit dem Anfange des siebenten Jahrhunderts beginnt daher, für 
jene Erdgegend, von neuem eine veränderte Geschichte, eine andere 
Bevölkerung, Beherrschung, Besimmung der Landschaften und Oert- 
lichkeiten. 

Die Quellen aus denen wir ihren Zustand erfahren müfsten, könn- 
ten vorzüglich nur die Nachrichten der Araber selbst seyn, denen aber 
eben jene Gegenden minder wichtig und einflufsreich, als früherhin, zu- 
rücktraten in Vergessenheit, seitdem die beiden Städte ihres Propheten, 
die historische Mitte ihrer weitläufigen Wohnsitze wurden. Denn die 
Verlegung der Chalifenresidenzen in das Euphrat- und Tigrisland verän- 
derte die Handelsstrafsen. Der directe Handel vom Nord-Ende des Rothen 
Meeres nach Indien verlor sich; mit ihm verödeten auch die Emporien 
dieses innern Meerbusens, die unter Piolemäern, Römern, Byzantinern 
aufgeblüht waren, sowol auf der Arabischen wie auf der Aegypti- 
schen Seite. 

Arabische, Syrische, Aegyptische Herrschaften bildeten sich; zwi- 
schen diesen blieb das Land des Alten Peira ohne selbstständige Herr- 
scher, aufser dem Wege politischer Verbindung liegen, ward von neuen 
Nomadenstämmen aus dem benachbarten Arabien überschwemmt, und 
blieb nur ein Land des Durchzugs für einzelne Zweige derjenigen jün- 
gern Karawanen, die sich seit Muhameds Tode und der Eroberung 
Syriens und Aegyptens, zwischen Damask, Kahira, Medina und Mekka, 
in so grofsem Maafsstabe während der mittlern Jahrhunderte ausgebil- 
det haben. 

Je schmachvoller das Loos den Abendländern erschien, welche das 
christliche Morgenland durch die Ungläubigen, seit dem ersten Jahr- 
hundert der Hedschra getroffen hatte, um so mehr erwachte mit der Er- 
innerung an die bedrängten, zurückgebliebnen Glaubensbrüder und mit 

Hıist. Philol. Klasse 1824. Dd 


210 Rıtrter 


der geschärften Empfindung des grofsen Verlustes der geweihten Otte, 
auch das Interesse, sie wenigstens zu besuchen, und bald, auch sie wie- 
der zu besitzen. Dies erweckte frühe Schaaren von Pilgern nach dem 
Gelobten Lande, die auf dem Hin- oder Rückwege über Aegypten zu 
gehen genöthigt waren, und so, bald auf der einen bald auf der andern 
Seite die Peträische Landschaft berühren mufsten, oder absichtlich sie 
durchzogen, um das Kloster in den Einöden des Sinai zu bewallfahrten, 
das durch seine burgähnliche Lage, durch seine Verwaltung und sein An- 
sehn in Unter-Aegypten, einigermafsen geschützt blieb, auch durch seine 
reichen Dotlationen, wie durch die Mirakel, die sich immer mehr vor- 
fanden, die Aufmerksamkeit der Wallfahrer aus den weit umher liegen- 
den Wüsteneien anzog. 

So wurden neben den einheimischen muselmännischen Geschicht- 
schreibern und Geographen, auch die Itinerarien der Pilger eine freilich 
nur ärmlich fliefsende Quelle für die Kunde jener Erdgegend, bis neuere 
wissenschaftliche Forscher zur Aufklärung, vorzüglich der ältesten he- 
bräischen Antiquitäten, dorthin auf Entdeckungen ausgingen. 

Denn eben die allerälteste Kunde dieses Landes, die mit dem 
Durchzuge der Kinder Israäls durch die Wüste beginnt, wie sie in den 
Mosaischen . Büchern niedergelegt war, und in die Mitte des zweiten 
Jahrtausends vor derjenigen Zeit zurück geht, in der, wie wir so eben 
geschen, Griechen und Römer uns, vom Nil- und Jordanthale aus, die 
ersten genauern Berichte über die Landschaft um Petra und die Küsten- 
gestade der beiden innern Golfen mittheilen, diese war gänzlich unbe- 
achtet geblieben von allen Profanscribenten; sie hatte nirgends Aufklä- 
vung für Andere gegeben noch bei Andern gefunden, und eben so ver- 
einzelt und unaufgeklärt wie sie, blieb, was wir bisher absichtlich noch 
nicht berührten, das zweite wichtige Faktum aus der yüdisch - phönici- 
schen Geschichte, welches diese Erdgegend bewiffi, und in die Zeiten 
der Könige David’s und Salomo’s 1000 Jahre vor Christi Geburt zu- 
rückgeht, nämlich die bekannte, wenigstens vielfach besprochene Aus- 
sendung von Handelsflotten aus dem innersten Arabischen Meerbusen gen 
Ophir, um die Kostbarkeiten des Orients und das Gold Arabiens, über 
Ezeongeber bei Elath, zum Tempelbau nach Jerusalem einzuführen. 


zur Geschichte des Peträischen Arabiens. 211 


Keiner der jüdischen Geschichtschreiber, auch Josephus nicht, 
hat uns über die Beschaffenheit jener Landschaften vor oder nach jenen, 
für sie so denkwürdigen Begebenheiten aufzuklären versucht. 

Nur die Lage der zuletzt genannten beiden Orte, deren Wieder- 
entdeckung und nähere geographische Besimmung, als unser dritter An- 
haltspunkt, einen bedeutenden Fortschritt in der Kenninifs jenes Erdge- 
bietes herbeiführt, kann hier vorläufig angedeutet werden, da sie eine 
Erdgegend betrifft, die für sich, aus den alt-testamentalischen Nachrich- 
ten hinlänglich erläutert werden kann, was bei den mehrsten der andern, 
ohne Vergleichungen und annähernde Bestimmungen durch die neuern 
Berichte kaum möglich seyn möchte. 

Die Lage beider Orte am Nord-Ende des heutigen Golf von Akaba, 
ist im allgemeinen, in so hohes Alter sie auch, in einem damals für 
andre Völker fast gänzlich unbekannten Lande hinaufreichen,, durchaus 
keinem Zweifel unterworfen. Denn diese Lage ist zu eigenthümlich, 
als dafs sie nicht durch jeden, auch den einfachsten Zug der nähern 
Beschreibung, oder der Geschichte augenblicklich charakterisirt werden 
mülste (z.B. Airau &v Eryaras Erri bei Euseb. Z. c. fol. 27). Schon zu 
Moses Zeiten kommen beide Orte, beim Durchzuge der Kinder Israel 
in ihrer ganzen Eigenthümlichkeit vor, unter den angeführten Benen- 
nungen. Nachdem das Volk Israel (5. B. Mose 2, 1) von Kades Barnea 
aufgebrochen war nach der Wüste, auf dem Wege zum Schilfmeer, 
und das Gebirge Seir eine lange Zeit, fast 38 Jahre lang umzogen hatte, 
wandte es sich gegen Mitternacht durch das Land der Söhne Esau’s 
(Idumäa), deren Besitz das Gebirg Seir war. Eben daselbst, Vs. S, 
heifst es: ‚‚Und von unsern Brüdern, welche wohnten zu Seir (von 
‚„‚„den Söhnen Esau’s nämlich) zogen wir weiter auf dem Wege der Ebene 
‚von Elath und Ezeongeber, und wandten uns und zogen nach der 
„Wüste Moab.’ 

Ob dort zu Elath, zu jener Zeit, wie Bochart meint (!), ein Han- 


delsort gewesen sey, läfst sich freilich hieraus nicht erweisen, aber die 
genannten benachbarten Doppelorte deuten wol oflenbar auf eine schon 


& am Rothen Meere hin. Dafs Idumäer 


vorhandene, ältere Ansiedlung 


(1) Bochart Geogr. Sacra. Chanaan Lib.1. c.44, col. 684. 
Dq4d2 


212 Rıtrter 


sie erbauten, wird uns nicht gesagt, obwol Genes. 36, 41 Ela zu den Söh- 
nen Edoms gezählt wird; sie könnten auch für alte Colonien oder doch 
Handelsstationen der Phönicier gelten, wenn sich andre hinreichende 
Gründe dafür nachweisen liefsen. 

Dafs hier wirklich von der Küstengegend ein Weg der Ebene (das 
Gefilde von Elath und Ezeongeber, nach Luthers Uebersetzung) und 
nicht eine Wüstenei oder nacktes Felsgebirge gegen Mitternacht führe, 
erfahren wir aus Burckhardts Bericht (!) vom Jahre 1812, der vom 
Norden her bis auf zwei Tagereisen in diesem Wege der Ebene mitten 
zwischen wildaufstarrenden Klippenzügen sich dem heutigen Akabah 
Ailah genähert hat. 

Mit dieser Auswanderung Israels vom Schilfmeer zum Jordan hört 
jede Erinnerung an jenes Gestade auf, bis König David (?), der Sieger, 
die Edomiter im Salzthale schlug (18000), dieselben Idumäer des anlie- 
genden Gebirges Seir. Das Salzıhal ist die Ebene Zoar im Süden des 
Todten Meeres. 

Von David heifst es nun Vs. 14: ,‚,‚Und er legte in Edom Be- 
„„satzungen, in ganz Edom legte er Besatzungen, und ganz Edom wurde 
„David unterthan.”’ Diese völlige Besetzung ging offenbar bis zum 
Hafenorte Ezeongeber am innersten Winkel des Golts: denn nach einem 
Fragmente des Eupolemos über den Propheten Elias, das Eusebius(°) 
3 David zu Aila (&v’Ayavaıs bei Eusebius oflen- 
bar zu lesen &v Airaveıs) haben Flotten bauen lassen; aus dem Buch der 
Könige (*) und der Chronik erfahren wir aber wiederholt, dafs Salomo, 
Davids Sohn, ‚Schiffe bauen liefs zu Ezeongeber, die bei Eloth liegt, 
„am Ufer des Schilfmeers im Lande der Edomiter,’’ dafs aber Salomo 
selbst dahin zog und in Verbindung mit Hiram dem Könige von Tyrus 
diese Schiffe nach Ophir absegeln liefs. Seitdem stand dieser Hafenort 


anführt, soll schon Köni 


dem Zugange der Phönicier und Judäer offen, zur Handlung mit den 


(1) Burckhardt Travels in Syria 4. Lond. p.435. 
(2) 2.B. Samuelis 8, 13 und Chronika 18, 12. 


(5) Pamphili Caesareae Episcop. Eusebü Praeparat. Evang. Lib.IX, $.30 p. 447.ed. 
Colon. 1788. 


(4) 1-B. d. Könige 9,26; 2.B. d.Chronika 8, 17. 


zur Geschichte des Peiräischen Arabıens. 213 


indischen Gestaden, bis nach etwa anderthalb hundert Jahren Edom 
wieder abfiel von dem Hause Juda, wider König Joram siegreich zu 
Felde zog, und einen eignen König über sich einsetzte ('). Die Idumäer 
konnten ihre Freiheit von fremdem Joch indefs nicht lange behaupten, 
denn Asarja (Usias), Sohn Amazia’s König von Juda, unterwarf sie 
bald wieder (°), und baute Elath (Eloth im Plural) (*), das vielleicht 
als Veste neben dem Hafenort dienen mochte, da beide immer zusam- 
men genannt werden, 

Seinem Sohne Jotham blieb die Küste zwar noch, aber dessen 
Sohne, König Ahas von Juda, entrifs der mächuge König von Syrien (*), 
Rezin (Arases bei Josephus), dieses Elath wieder; er vertrieb die 
Juden ganz aus Elath oder, wie Josephus (°) sagt, liefs alle Judäer sowol 
Besatzung als Umherwohnende umbringen, führte grofse Beute von da 
weg nach Damaskus, und legte eine Colonie der Syrer in dem Hafen- 
orte an. So kamen nun die Edomiter unter Syrischem Schutze wieder 
nach diesem Orte, und wohnten daselbst die folgenden Jahrhunderte bis 
zu des oben berührten Antigonus, der Ptolemäer und der Seleuci- 
den Zeiten. 

Denn, dafs von da an, die griechischschreibenden Historiker, mit 
dem Namen Idumäa (d.i. Land Edom) die Landschaft um das Todte 
Meer, also einen Theil von Kanaan, wie Diodor und Josephus, im 
Gegensatz des südlichen Gebirgslandes Seir, das doch eigentlich nur von 
Idumäern bewohnt war, bezeichnen, und seitdem das alte Land der 
Söhne Edom mit dem Namen Nabatäa benennen, hat schon Reland 
in seinen gelehrten Untersuchungen über Palästina überzeugend darge- 
than (°). Die Söhne Edom, der biblischen Schriftsteller, sind die Be- 
wohner derselben Gegenden, deren Beherrscher bei den Griechen und 


(1) 2.B. d. Könige 8, 20. 
(2) 2.B. d. Könige 14, 22. 


(5) Bochart L.c. 

(4) 2.B. d. Könige 16,6. 

(5) Fl. Josephus Opp. ed. Hudson. T.1. p.423. 
(6) Relandı Palaestina 1, 69. 


214 Rırrter 


Römern Nabatäer heifsen. Alle andern alt-testamentalischen Benennun- 
gen dortiger Völker verschwanden allmählig, und wurden von andern 
jüngern, arabischen verdrängt; nur diese beiden der Idumäer und Naba- 
täer überlebten die übrigen. 

Statt der Idumäer (Edomiten) treten also jene Nabatäischen Völker 
und Könige auf, die zu den östlichen Ismaäliten (von Nabajoth, dem 
erstgebornen Sohne Ismaels, nach 1.B. Moses 25, 13) gerechnet wur- 
den, deren geschichtlichen Zusammenhang nach den Profanscribenten 
wir schon oben untersucht haben, so weit es nothwendig war, um 
nach diesen Quellen die geographischen Bruchstücke über diese wenig 
bebauten Gebiete vergleichen und näher bestimmen zu können. 

Es bleibt uns nun die dritte jüngere Klasse der Geschichtsquellen 
in ihrer Aufeinanderfolge und in ihrem innern Zusammenhange zu er- 
wähnen übrig, aus denen, unmittelbar, vor und seit der Muhamedaner 
Zeiten, die nähere Kenntnifs dieser Erdgegend sich schöpfen läfsı, nebst 
der Feststellung gewisser Hauptpunkte für jene Oertlichkeiten, die sich 
nur auf diesem Wege im Zusammenhange mit allen übrigen nachwei- 
sen lassen. 

In die Geschichte der Verdrängung der christlichen Kirche aus 
den weitläufigen Gefilden und noch ziemlich zahlreichen Ortschaften 
des Peträischen Arabiens, durch die Anhänger Muhameds, seit dem sie- 
benten Jahrhundert, und ihrer Einengung auf das kleine festungsartige 
Gebiet des Klosters am Berge Sinai, sind alle Nachrichten ohne Ausnahme 
eingeflochten, welche die neuern geographisch -ethnographischen That- 
sachen für diese Erdgegend, wenn auch sparsam genug, mittheilen. 

Die Geschichte jener Verdrängung ist von Niemand geschrieben, 
die Documente der Besiegten sind sparsam und unlauter, die Annalisten 
der Sieger fanden die Besiegten nicht werth, dafs ihre Geschichte aufge- 
zeichnet werde. 

Ohne Eusebius (Metropolit zu Caesarea in Palästina, stirbt 340) 
und Hieronymus (der als Mönch in Palästina, surbt 420) Ortsverzeich- 
nisse zur Heiligen Schrift, die sich auch über einzelne Punkte des Pe- 
träischen Arabiens erstrecken, würden wir noch weniger im Stande seyn, 
uns in diesen Gegenden zurecht zufinden. Sie sind, nebst den Unter- 
zeichnungen der Bischöfe in den verschiedenen Kirchen-Concilien der 


zur Geschichte des Peträischen Adrabiens. 215 


frühern Jahrhunderte für jene Zeiten, die einzigen geographischen Quel- 
len für gegenwärtige Untersuchungen; sie sind die Wegweiser der Pil- 
ger und derjenigen gewesen, die zu den Zeiten der Kreuzzüge das Ge- 
lobte Land nebst dem benachbarten Arabien, unter dem Namen von 
Palästina tertia, von neuem in Diöcesen und Episcopate vertheilten, und 
Vergleichungspunkte der noch bestehenden Monumente in den Trüm- 
mern und Ruinen für ältere und neuere Jahrhunderte darbieten. An 
ihre Angaben schliefst sich die neuere Wiederauflindung der Spuren 
aller verschwundnen Ortschaften an. 

Frühe verbreitete sich die christliche Lehre um die Grenzen Ju- 
däas auch nach Syrien, Idumäa und unter die mancherlei, wie sich aus 
der bald auftretenden Muhamedanerherrschaft ergibt, zwischen den Ara- 
bern angesiedelten, jüdischen und ihrem Stamme verwandten Völker- 
schaften, bis zum Nord-Ende des Arabischen Meerbusens hin. Wie 
schon der Apostel Paulus (Galater 1,17), von Damaskus nach Arabien 
ging, so folgten ihm andere Lehrer des Evangeliums, und zogen weiter 
bis in jene, damals schr stark bevölkerte Gegenden der Peträischen 
Landschaft ein. Die bekannteren Angaben des genannten Onomasticon 
übergehen wir, und führen hier nur aus den spätern, in dieser Hinsicht 
noch unbenutzten Unterschriften der Kirchen-Concilien (nach Assemani 
Bibl. Orient. und Labbe Coneil. T.11, UI, IV,V, VIII) die folgenden Orts- 
namen, als Sitze der Episcopen an, welche zu geographischen Bestimmun- 
gen dienen. Im Nicäischen Coneil (325) unterzeichnete Nicomachus als 
Metropolit von Bostra (jetzt Boszra, auf der Ostseite des Jordans), der 
Hauptstadt im Süden des Haurangebirgs, welche damals, unabhängig vom 
Patriarchat zu Jerusalem, das Haupt von siebzehn bis zwanzig Ecclesien in 
Arabien war. Im Jahr 336 waren heftige Streitigkeiten um diesen Bi- 
schofssitz von Bostra, auf der Kirchenversammlung zu Constantinopel. 

Im Jahr 400 zu Ephesus, unterzeichneten die Bischöfe von Elusa 
und Phaeno aus dem Peträischen Arabien, Orte deren Bestimmung 
schon schwieriger ist. Im Jahr 403 auf der Versammlung zu Chalce- 
don dieselben ; aber aufser ihnen auch die Bischöfe Beryllus von Aila, 
Musonius von Zoar, Joannes vom unbekannten Chrysopolis Arabiae, 
und Joannes nebst Eustathius, als die ersten christlichen Priester 


unter den Saracenen (Saracenorum gentis). 


216 Rıtrter 


Seit dieser Kirchenversammlung wurde nach längerm Kampfe mit 
Jerusalems geislichem Oberhaupt, die wachsende Macht des Metropo- 
liten zu Bostra, durch Maximus, Patriarch von Antiochi, der den 
Patriarchen zu Jerusalem begünstigte, beschränkt; einige südliche ara- 
bische Ecelesien, wurden diesem Bischofssitze entrissen, dieselben welche 
seitdem, als Palästina tertua, die dritte Provinz in der geistlichen Topo- 
graphie des Patriarchats von Jerusalem constituirten (!), und dies sind 
die, eben dadurch mächtiger werdenden, und auf kurze Zeit mehr be- 
günstigten Diöcesen in der stark sich bevölkernden Landschaft des Pe- 
träischen Arabiens. 

Diese traten darum nun unabhängiger in den Unterschriften auf, 
und gewannen bedeutenden Einflufs auch auf die sie umgebenden no- 
madischen Völkerschaften. Petra wurde seitdem der Sitz des Archi- 
Episcopats dieses dritten, südlichsten Palästina’s, unter welchem die Orte 
Aila, Pharan, Sinai, Phaeno und andre nun öfter als Episcopate sich 
hervorthun, bis sie mit dem Ende des siebenten Jahrhunderts plötzlich 
wieder verschwinden. 

Im Jahr 449 in der Versammlung zu Ephesus unterschrieb der 
Bischof von Phaeno, nebst seinem Gehülfen unter den Saracenischen 
Bundesgenossen (auxılians Episcopus Saracenorum foederatorum). Phaeno 
(#w@v bei Eusebius), lag, nach Hieronymus (?), mit seinen Metall- 
gruben, zwischen Zoar und Petra, also im Peträsschen Lande, und 
möchte sich wol noch nachweisen lassen. 

Im Jahr 548 unterschrieben zu Constantinopel, nach dem morgen- 
ländischen Pawiarchen Mennas, auch: Thomas, Presbyter monüs Sinai 
und der Legat dieses Berges: et Legatus ipsius montis, mit ihnen auch 
die Legaten der Diöcese Pharan, im Westen von Aila auf der grofsen 
Heerstrafse nach Aegypten, und des weniger bekannten Raithu. Im 
Jahr 553 aber, auf dem vierten Concilium zu Constanunopel unter Kai- 
ser Justinianus, unterschreibt nun endlich auch, ein: Constantinus 
Episcopus Sinai, woraus sich ergiebt, dafs vorher, ehe dieses Gebirge 


(1) Assemani Bibl. Orient. T.li, P.1l, fol. 594, cf. Leo Allatius de consensu 
utriusque Ececlesiae Lib.1, c.12. 


(2) Hieronym. Onom. v. Phaeno. 


zur Geschichte des Peträischen Arabiens. 247. 


fast die alleinige Aufmerksamkeit aller Europäer der spätern Jahrhunderte 
auf sich zieht, als die einzige christlich gebliebene Gebirgsinsel in jenem 
weiten Völkermeere hervorragend, welches der Islam beherrschte. Dafs, 
schon lange vor dieser Zeit, sehr viele Gegenden dieser Peträischen 
Landschaften, welche bald wieder in Vergessenheit zurücksanken, in 
christliche Kulturstellen umgewandelt waren, mit, in der That nicht 
wenigen Städten und Dörfern, mit festen Wohnorten aller Art, mit 
Kirchen, Klöstern, Grabstätten, Grüften, Kastelen, mit Landstrafsen, 
Meilenzeigern, Bädern und andern, freilich aus keiner Zeit des reinern 
Stils herrührenden Monumenten überdeckt, deren zahlreiche, zertrüm- 
merte Ueberreste, auch heute noch, mit jeder neu eingeschlagenen Wan- 
derung kühner Reisender, in die dortigen Einöden, wenn sie nur die 
herkömmliche Pilgerstrafse verlassen, als immer neue, für die Landes- 
kunde zu erklärende Räthsel hervortreten. 

Zu gleicher Zeit mit diesem Fortschritte der Civilisation im Pe- 
träischen Arabien, brachten die Stweitigkeiten der orthodoxen Kirche, 
unter dem Schutze der Byzantinischen Kaiser gegen die monophysitischen 
Ketzereien, und gegen die Nestorianer, welche beide unter den morgen- 
ländischen Christen den gröfsern Anhang behielten , leider dem aufblü- 
henden Grenzgebiete Peträa’s grofses Verderben und Rückschritt. Noch 
unter Kaiser Leo I. stritt der Metropolit von Bostra für die orthodoxe 
Lehre in seiner Provinz ; als aber unter Kaiser Zeno und Anastasius, 
seit 494, diese Lehren in Aegypten und Vorderasien überhand nahmen, 
und sich, selbst von Antiochia und Jerusalem durch ganz Syrien und Ara- 
bien mit wilden Stürmen verbreiteten, und unter Kaiser Justinian, in 
der Mitte des sechsten Jahrhunderts an tausend monophysitische Bischöfe 
von ihren Sitzen verstofsen wurden, so fanden eben diese die gröfsten 
Beschützer, Vertheidiger, Gastfreunde, an den zahlreichen Horden der 
Saracenen, oder der christlich gewordnen Araber, welche seit einiger 
Zeit in grofsen Schaaren aus dem Innern ihres Landes an die Syrisch- 
Palästinische Grenze herbeigeströmt waren, um Theil zu nehmen an 
den Kämpfen der Christenparteien. Alle Arabische Grenzvölker, die bis- 
her unter ihren Emirn in Bündnissen, sowol mit ihren Persischen Nach- 
barn als mit den Byzantinischen Kaisern, gestanden hatten, unter dem 
Titel: Praesules Foederatorum Scenitarum aufgeführt werden, fielen unter 

Hıist. Philol, Klasse 1824. Ee 


218 Rırtrek 


Justinian ab und wiederholten ihre alten Raubüberfälle und Fehden, 
jetzt zur Vertheidigung der verstofsenen Geistlichen und Bischöfe, die 
bekanntlich auch bei den Persern Schutz und Beistand fanden, zumal 
unter Kosroes um Ktesiphon sich ansiedelten, und sich seitdem über 
ganz Ostasien bis an die Grenzen von China und Indien verbreiteten. 
Als Anastasius (629) monophysitischer Patriarch zu Antiochia gewor- 
den war, hatten sich die wildesten Religionsstürme überall im benach- 
barten Oriente verbreitet, und auch im Peträischen Arabien waren die 
mehrsten Episkopate schon abgelöst von der orthodoxen Kirche, ehe 
noch die Siege der‘ ersten Chahfen die völlige Trennung Peträas von 
dem Abendlande, was nun nicht mehr schwer war, vollendeten. 

Was uns, von nun an, die Annalen der Muselmänner über die 
Verwandlung dieses christlichen sogenannten Palaestina terlia, in eine 
rein muhamedanische Provinz üherliefert haben, ist ungemein dürftig, 
da sie nur schnell hindurch eilten zu den reichern Landschaften von 
Syrien, Phönicien und Aegypten, Peträa aber seinem Schicksale über- 
liefsen, da es im Zusammenstofs jener drei, ihnen allerdings von selbst 
zufallen mufste. 

Der allerälteste Kampf Muhameds gegen die christliche Herr- 
schaft fiel indefs grade an der Ostgrenze des Peträischen Arabiens, näm- 
lich an der Diöcesangrenze, am Ostufer des Golfs von Akaba vor, im 
Norden von Medina auf der Heerstrafse gegen Karac. Die dortigen 
Gebieter hatten, wie Abulfeda sagt (!), den Boten erschlagen, den 
Muhamed an den Herrn von Boszra (ad Dominum Bosrorum), oder 
Bostra, d.i. nach dem Sitze des Metropoliten im christlichen Arabien, 
mit dem Aufruf seiner Lehre beizutreten, gesendet hatte. Daher schickte 
er seinen Diener Zaid mit 3000 Mann dahin, der aber im Süden von 
Karac, bei dem Orte Muta (bei Abulfeda; aber Kuunv Meyewv bei 
Theophanes p. 278) (?) von Romanen und christlichen Arabern (100,000 
Mann stark nach Abulfeda’s Angabe), überfallen und geschlagen ward, 


wobei drei ihrer ausgezeichneten Glaubenshelden fielen und der vierte, 


(1) Abulfedae Annales Muslemiei, Ioh. Iac. Reiskü ed. Adler. Hafniae 1789, 
TI, p: 143. 


(2) Cf. Adler 2. c. Not.58, ad p.143, in Opp. p. 29. 


zur Geschichte des Peträischen drabiens. 219 


Chaled, Valid’s Sohn, die Fahne ergriff und die Tapfern nach Me- 
dina glücklich zurückführte; in demselben Jahre 629, (8 Jahr der Heg.), 
in welchem Muhamed auch Mekka eroberte. 

Im folgenden Jahre (630) als die Dattelernte zum festlichen Ge- 
nusse einlud, und eben darum noch viele, dem neuen Propheten Wi- 
derspenstige zurück blieben, brach Muhamed zum zweitenmale gegen 
die Romanen, wie Abulfeda sagt, nämlich gegen den Westen auf. Es 
war im ÖOctober-Monat; er drang mit 30000 Mann über die alten Sitze 
der Thamuditen (!) und von da weiter nordwärts, siegend bis zur reichen 
Oase Tabuk vor (auf der jetzigen Hadjiroute, noch bis heute, eine Haupt- 
station, im Osten von Ras-Muhamed; 12 Tagereisen im Norden von Medina, 
15 im Süden von Damask, etwa 9 im Süden von Boszra). 

Von da aus begannen viele freiwillige Unterwerfungen der christ- 
lichen, von der orthodoxen Kirche abtrünnigen Gemeinden des Pe- 
träischen Arabiens, die, gegen Zahlung von Tribut, sich in Verträge 
mit dem Sieger einliefsen. Deren nennt Abulfeda drei, bei diesem 
ersten Vorrücken. Es waren Ocaid, Sohn des Abd-el Malek, des 
Christen und Gebieters von Daumat-el-Gandali, der als Verbündeter 
mit dem Perserkönige das Ehrenkleid von diesem, ein Prachtgewand von 
Goldstoff trug, welches Bewunderung der Araber erregte; er mochte 
wohl ein Nestorianischer Christ seyn. Es waren ferner die Bewohner 
des uns unbekannten Adrog, und endlich auch Johannes, der christ- 
liche Beherrscher von Ailah, im innersten Winkel des Ailanitischen 
Golfs, der, wie Abulfeda erzählı, Muhamed entgegen kam, und sich 
zu einem Tribute von 300 Goldstücken jährlich verpflichtete (?). Alle 
andern Stationen der abtrünnigen christlichen Kirche in Peträa, schei- 
nen, obwol uns dies nicht insbesondere gesagt wird, diesem Beispiele 
bald gefolgt zu seyn: denn auch der erzbischöfliche Sitz, Boszra (°), 
ging auf diese Weise nach der Schlacht von Jarmuk an Abu Bekr 


(1), Abulfeda 2 c. p. 171. 


(2) Ueber die Unächtheit des Diploma securitatis Ailensibus, s. Nota 6 Gibbon XIV, 
c. 50. p. 165, B. Beck. Uebersetzung. 


(5) Abulfeda .c. p. 223,243, 245 etc. 


220 Rıtrter 


über (634), und zwei Jahre später fiel Jerusalem; im Jahr 640 kam 
auch das Nilthal in die Gewalt der Chaliphen. 

Seitdem verschwindet alle genauere Kunde der Fremden vom alten 
Peträischen Lande; einige Jahrhunderte hindurch bewegt sich die grofse 
Arabische Völkerwanderung durch dieses Gebiet hindurch gegen den 
Westen, um die weite nördliche Hälfte Afrika’s zu bevölkern; die Ka- 
rawanenstrafsen nach Medina und Mekka, von Damaskus und Kairo, 
mufsten am innern Golf von Ailah zusammenstofsen um jene Gläubi- 
gen zum Grabe ihres Propheten zu führen. Das Peträische Arabien 
wird daher von neuem das Land des Durchzugs und der Heerstrafsen, 
die Bewohner werden die Karawanenführer, die Diener und Ghafir’s, 
oder Beschützer der Pilger. Immer neue Arabische Völkerstämme drän- 
gen daher, nach und nach, aus dem ärmern, östlichen Hedjaz und Nedjed, 
dem Hochlande Mittelarabiens, dort ein, um Theil an dem Verdienste 
dieses Passagelandes zu nehmen, und ein Geschlecht wird nach dem an- 
dern, aus Gezira Ailah, dem halbumflossenen, wie es die Araber nen- 
nen, verdrängt. 

Auf diese Angaben beschränken sich seitdem alle Nachrichten der 
Arabischen Geographen und Geschichtschreiber. Der magre Auszug 
den wir von des vermeintlichen Ebn Haukal’s Geographie des Orients 
besitzen, gibt gar keine nähere Kunde dieser Gegend, obwol sie so dicht 
an die Heimath der edelsten Araberstämme grenzt; er nennt nur zwei- 
mal den Ort Aileh (!) (d.i. Ailah). 

Edrisi(?) ist zwar umständlicher ; er nennt viele Orte dieser Erd- 
gegend, wie Faran, den Berg Tur, die Hafenorte Masdaf, Sciarm-albait, 
das Vorgebirg Abi-Muhamed, und die, wie er sagt, mäfsiggrofse Stadt 
Aylah, aber neue Aufschlüsse giebt er nicht. Diese erhalten wir erst 
für die Topographie des Peträischen Arabiens durch Abulfeda’s Be- 
schreibung des Meeres von Kolzum (?) und der Landschaft Arabien, wo 
er glücklicher Weise über Ailah als Augenzeuge spricht. Den Beweis 


(1) Ebn Haukal Orient. Geogr. b. Quseley p. 41,57. 
(2) Edrisi Geogr. Nubiensis p. 109 ete. 


(5) Abulfedae Deseriptio Maris Alkolzum. edid. Ioh. Graevius in Seript. Graeci. 
Minores. Oxon. 1712, Vol.Ill, fot.70, ib. fol.1-46. 


zur Geschichte des Peträischen Arabiens. 221 


für seine eigenen Beobachtungen finden wir in seinen Annalen (!), wo 
er seiner ersten, zweiten und dritten Pilgerfahrt nach Mekka erwähnt, 
und diese letztere, im Jahr 1319 mit dem Sultan Malec en Nasr von 
Aegypten zurücklegte, und etwas genauer, wenn gleich nicht in allen 
Theilen umständlich genug beschrieben hat. Sie führte ihn über Ailah. 

Abulfeda’s Geographie wird wohl die wichtigste Arabische Quelle 
über diese Gegend bleiben, so lange wir nicht den vollständigen Ebn- 
Haukal oder Ebn Batuta erhalten werden. 

Gleichzeitig mit den Arabern laufen die vielfachen Ttinerarien 
christlicher, europäischer Pilger, die jedoch nur zuweilen das Gebiet 
des Peträischen Arabiens berühren, und, wenn es ihnen gelingt, auch 
selbst durchstreifen, doch nur um den Sinai auf dem allbekannten Pfade 
zu besteigen. Die Frucht für die Landeskunde ist aus den mehrsten 
nur sehr gering, bis die neuern Forschungen mit den Reisen nach dem 
Sinai beginnen, die seit Carsten Niebuhr, erst astronomische Beob- 
achtungen zur Annäherung genauerer Ortsbesimmungen geben, obwol 
auch schon Pater Sicard (?) dergleichen angestellt haben will, von 
denen wir jedoch zu einer Karte, bisher überhaupt nur erst zwei brauch- 
bare erhalten haben, die von Suez, und ganz kürzlich von Akaba Ailah. 
Die Legenden des Klosters am Sinai bleiben zwar unfruchtbar für un- 
sere Untersuchungen, aber an der Geschichte dieses einzig erhaltnen 
Denkmals einsuger Herrschaft der griechischen Kirche auf der ganzen 
Halbinsel, geht die Zeitgeschichte eines vollen Jahrtausends wie an einem 
Spiegel vorüber, in dem doch manche Bilder aufgefangen werden, die 
ohne das verloren gegangen seyn würden. 

Wir schliefsen den kurzen historischen Ueberblick über diese Bruch- 
stücke von zerstreuten Nachrichten mit einer Bemerkung, die uns ein 
minder bekannt gewordner Deutscher Pilger aus der Mitte des vierzehn- 
ten Jahrhundert, Peter (vul/go Zudolph) de Suchem (°), Geistlicher 
aus Paderborn, in seinem wenig beachteten Itinerarium (vom Jahr 1336 


(1) Annales Moslemici ed. Adler T.\, p.193,281, 331. 
(2) Lettres edifiantes et curieuses ete. Nouwv. Edit. Lyon 1819, T. III, p. 400. 


(5) LudolphdeSuchem Zibellus de Itinere ad Terram Sanctam. Venet. S.a. — 
Deutsch. 1477. 


222 Rırtter 


bis 1350), über die Anwohner des Sinai an die Hand giebt, welche 
einen besondern Umstand aus der Legende des Klosters bestätigt, dessen 
Folge noch heute, über das Verhältnifs der dienenden und herrschenden 
Araberstämme zu jener fremden Ansiedlung als einer alten überlieferten 
Einrichtung, einigen Aufschlufs giebt. 

Die heutige Legende des Klosters erzählt (!), dafs dessen Erbauer, 
Kaiser Justinian, bei der ersten Gründung, auch für die Bedienung 
der Geistlichen in fremder Umgebung dadurch sorgte, dafs er eine An- 
zahl der Eingebornen vom Gestade des Pontus Euxinus als Knechte dort- 
hin gesendet, und auf dem Gebirge, als Wächter des Klosters und sei- 
ner Pflanzung 
der dortigen Anstalt blieben. Späterhin, als die Sultane Aegyptens für 


en angesiedelt habe, deren Nachkommen auch im Dienste 


die Bestätigung der Klostergerechtsame, von den Vorstehern des Sinai 
Schutz und Unterhalt der vorüberziehenden Mekka-Pilger verlangten, 
hätten die Geistlichen mehrere Araberstämme zur festen Ansiedlung in 
die fruchtbarern Thäler ihres Gebirges eingeladen, durch sie Schutz zu 
verleihen, denen aber bald immer Andre und Andre, aus dem Hedjaz 
nachgefolgt seien. Diese hätten sich immer gemehrt, ihre Macht sey 
gewachsen, die der Christen, denen einst die ganze Halbinsel gehörte, 
habe dagegen abgenommen, und sie seien endlich nur auf ihr Kloster 
und dessen Gebirge beschränkt geblieben, und in Abhängigkeit der jün- 
gern Ansiedler gerathen. Die Knechte und Hörigen des-Klosters wur- 
den nun, da die Klostergüter entrissen waren, die Sklaven der Musel- 
männer; sie waren Christen, wurden aber nach und nach Moslem’s 
und nahmen die Sitten der Beduinen an, blieben aber die ärmsten un- 
ter ihnen, und bei alle dem noch die nächsten Angehörigen, ja selbst 
die Dienstleute der Mönche. 

Peter de Suchem unterscheidet im neunundsiebzigsten Kapitel 
seines Reiseberichts nun wirklich noch diese Knechte des Klosterge- 
birgs von den andern Beduinen, die er Baldewini schreibt. Jene nennt 
er Conversi et Laici, die auf dem Gebirge die schwere Arbeit hätten, 
Kohlen zu brennen und diese nebst den Dattelvorräthen auf ihren Ka- 
meelen, sowol nach Helym, d.i. Ailah, also nach Osten, wie nach 


(1) Burckhardt Trav. in Syria p, 345. 


zur Geschichte des Peträischen Arabiens. 223 


West, nach Babylonia nova, d.i. Kairo, zum Verkaufe zu bringen, was 
bekanntlich auch heut zu Tage der Haupterwerb aller dortigen armen 
Beduinenstämme ist. 

Aus jener Bezeichnung und den übrigen Angaben sollte man ver- 
muthen, dafs sie damals, in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, wirk- 
lich noch der christlichen Kirche angehört hätten. 

Durch die trefflichen Beobachtungen Burckhardıs(!) auf die- 
sen Gebirgshöhen erfahren wir, dafs offenbar deren Nachkommen, noch 
heute, die dortigen Gebayle (das Bergvolk) sind, die ihre Abkunft von 
christlichen Sklaven selbst anerkennen, von den reinen Hedjaz-Arabern, 
die sie verächtlich: Söhne der Christen nennen, in keine eheliche Ge- 
meinschaft aufgenommen werden; dafs die letzten dieser christlichen Be- 
duinen erst in der Mitte des vorigen Jahrhunderts unter ihnen ausstar- 
ben, und dafs diese Gebirgsbewohner, die sogenannten Gebayle, zu dem 
schönsten von den übrigen Beduinen ganz verschiednen, wahrscheinlich 
vom Kaukasischen Stamme herkommenden Menschenschlage gehören, 
aber in allem die Lebensweise und Gebräuche ihrer Nachbarn, der Be- 
duinen, angenommen haben. 

Die Geschichte der Peträischen Halbinsel bietet daher, nicht nur 
durch ihre geographische und historische Stellung zu ihren Umgebungen, 
und durch das Ueber- und Ineinandergreifen drei- und vierfacher Nach- 
barländer und Völker, vielseitige, allgemeinere Berührungen mit ihren 
Umgebungen dar, sondern sie zeichnet sich noch aufserdem durch sehr 
eigenthümliche, innere Erscheinungen auf ihrem eigenen Boden und in 
ihrer eigenen Bevölkerung und Belebung aus, die nicht ohne gestalten- 
den Einflufs auf die näher- und ferner- abstehenden Völkerverhältnisse 
bleiben konnten; sie hat selbst Natur- und Kunst-Denkmale aufzuwei- 
sen, die noch genauerer Unsersuchung werth sind. 


(1) Burckhardt Trar. !.c. p. 562. 


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Nachträgliche Bemerkungen 


zu der Abhandlung über die Antigone des Sophokles, 


von 


H?- BOECKH. 


wnnvivivwuV 


N achdem ich meine Abhandlung über die Antigone des Sophokles vor 
der Herausgabe unserer Schriften Herrn Seidler mitgetheilt hatte, hat 
derselbe in der A. L. Z. 1825. N.26. unter der Aufschrift ‚,Littera- 
rische Analekten’’ Gegenbemerkungen bekannt gemacht, um seine Be- 
simmung der Zeit der Aufführung der Antigone aufrecht zu erhalten. 
Diese haben mich veranlafst, zu meiner Abhandlung einige Bemerkungen 
nachzutragen, um meine Darlegung zu vervollständigen, welche von die- 
sem bedächtigen Gelehrten nicht richüg aufgefafst worden zu sein scheint. 

Zuerst mufs ich noch einmal von dem ungenannten Biographen spre- 
chen, welcher den Sophokles sieben Jahre vor dem Peloponnesischen Kriege 
Feldherr werden läfst, das heifst nach unserer Art zu reden, im achten 
Jahre rückwärts; denn $.7. behaupte ich, die Angabe sei auf jeden Fall 
ungenau, da man den Archon Morychides und den Archon Pythodor 
mitrechnen müsse: es kann aber scheinen, selbst wenn der Biograph 
den Wahltag im Jahre vor Morychides im Auge gehabt habe, hätte er 
nur sagen dürfen acht Jahre oder im neunten Jahre, welches auch 
Seidler mit einer Stelle aus dem Thukydides belegt. Hierbei ist jedoch 
nicht zu übersehen, dafs Griechen und Römer angefangene Jahre in der 
Regel als voll zählen, dafs sogar eine Zeit von zwei Jahren TgIerngIS, von 
vieren mevrernpis heifst, und was dergleichen mehr ist; und es ist daher 
nicht zu verwundern, dafs Dodwell, ein Chronologe, der viele Zahlen 
gelesen und geprüft hatte, an der Stelle des Thukydides Anstofs nahm, 
die nicht zur Richtschnur für den gewöhnlichen Sprachgebrauch gemacht 

Hıist. Phiol. Klasse 1824. F£f 


226 Böcxm Nachträgliche Bemerkungen 


werden kann. Und wenn der Biograph das achte Jahr vor dem Pelo- 
ponnesischen Kriege meinte, welches bis zum zehnten Monat des Archon 
Morychides zurückreicht, so müfste der Anfang der Sophokleischen Stra- 
tegie erst gegen das Ende des Archon Morychides gesetzt werden, und 
obgleich das einzige tüchuge Zeugnifs die Samischen Kämpfe unter Ti- 
mokles und Morychides setzt, müfste nun der zweite Samische Feldzug 
erst unter Glaukides beendigt werden. Auf eine solche Angabe bei ei- 
nem aus Lappen zusammengeflickten Biographen so grofses Gewicht zu 
legen, kann ich mich nicht entschliefsen: sie trägt in sich selbst das 
Gepräge der Ungenauigkeit; genaue spätere Schriftsteller, die etwas wis- 
sen, geben die Archonten an. Wie bestimmt ist dagegen die Angabe 
des Scholiasten zum Aristophanes, wenn er die Samischen Kämpfe unter 
Timokles und Morychides setzt; es genügt ihm nicht, wie schlechten 
Schriftstellern, Einen Archon zu nennen; er nennt uns zwei. Wären 
die Samischen Kämpfe erst unter Glaukides entschieden worden, warum 
hätte er gerade diesen verschwiegen? gerade das wichügste und entschei- 
dendste Jahr übergangen, in welches die Belagerung von Samos nun 
sehr weit hineinlaufen müfste? Dies nöthigt mich, von dem Biographen 
und von der bezeichneten Auslegung desselben abzugehen, nnd eine der 
beiden andern möglichen Annahmen, die ich in meiner Abhandlung auf- 
gestellt habe, vorzuziehen. 

Bei der Entwickelung der zwei möglichen Ansichten gehe ich nicht 
darauf aus, den Monat zu bestimmen, in welchem die Samischen Kämpfe 
angefangen hatten, welches ganz unmöglich ist, sondern ich stelle hypo- 
thetisch von den vielen Möglichkeiten zwei hin, woraus ein verschiede- 
nes Ergebnifs folgt; die in der Mitte zwischen beiden liegenden Hypo- 
thesen durchzugehen, war theils zu weitläuftig, theils darum überflüssig, 
weil sie in Rücksicht der Ergebnisse mit den beiden aufgestellten über- 
einstimmen. Die zweite dieser Annahmen ist die, wonach das Bündnifs, 
von welchem alle Berechnung ausgeht, in den vierten Olympischen Mo- 
nat von Olymp. 83,3. gesetzt wird. Seidler hat indefs durch Verglei- 
chung der Stellen Thukyd. II, 2. I, 67. I, 87. gezeigt, dafs nicht über 
den fünften Olympischen Monat zurückgegangen werden kann; gleich- 
viel jedoch, ob wir das Bündnifs in den vierten oder fünften Monat 
setzen, läfst sich der Angriff von Samos auf Milet in das Späyahr 


über die Antigone des Sophokles. 297 


Olymp. 84,4., der Anfang des zweiten Samischen Krieges aber, wie ich 
8.4. sage, Ende Winters, oder in den Anfang des Frühlings setzen. 
Zu kurz kann man die hierdurch abgemessene Zeit für die Begebenhei- 
ten, welche der neunmonatlichen Belagerung vorangingen, nicht finden; 
je nach den Umständen können solche Begebenheiten schneller oder 
langsamer vollführt werden, und im Allgemeinen läfst sich hierüber gar 
nichts bestimmen: wenn aber die Schriftsteller von rascher Folge der 
Begebenheiten sprechen, so wird die Vollführung der Sachen in kürze- 
rer Zeit wahrscheinlicher. Ich habe nun in meiner Abhandlung, ob- 
wohl, wie ich zeigen werde und auch früher bemerkt habe, mit drei bis 
vier Monaten auszukommen wäre, für jene Begebenheiten einen Spiel- 
raum von ungefähr sechs Monaten gelassen; und man könnte eben so 
gut sieben setzen, ohne dafs in den Folgerungen etwas geändert würde; 
ist ein Monat von Seidler abgezogen worden, so steht es frei anzunehmen, 
das Jahr Olymp. 84,4. sei ein Schaltjahr gewesen, wodurch für die politische 
Jahreintheilung , 
wonnen wäre. Man kann gewifs nicht behaupten, dafs in so langer 


worauf es hier allein ankommt, der Monat wieder ge- 


Zeit nicht das habe geschehen können, was vor der neunmonatlichen Bela- 
gerung, das heifst vor der Schlacht bei Tragia vorgegangen ist. Es ist 
nehmlich auch jetzo noch gestattet, die Begebenheiten mit dem fünften 
oder sechsten Olympischen Monate anzufangen, und bis in den Munychion 
fortlaufen zu lassen, der der gewöhnliche Frühlingsanfang ist: folglich 
haben wir aufser dem fünften Monat Mämakterion den Poseideon I. Po- 
seideon II. Gamelion, Anthesterion, Elaphebolion, Munychion. Wir 
brauchen aber so viel Zeit nicht, sondern können mit drei bis vier Monaten 
ganz bequem auskommen; nur mufs man die Begebenheiten nicht ins 
Grofse mahlen, einen Zug von Samos nach Milet sich nicht wie einen 
Einbruch in Rufsland, und kleine Unterhandlungen nicht wie einen 
Europäischen Congrefs vorstellen. Die Orte nämlich, welche hier 
in Betracht kommen, sind alle nicht weit auseinander gelegen; der 
Mittelpunkt für dieselben ist Samos, wovon in gerader Richtung Milet 
etwa 6, Sardes 17, Lemnos 40, Athen eben so viel Deutsche Meilen 
entfernt ist; meist Seeweg, schnell zurückzulegen mit Rudern und Se- 
geln, oder wenn der Wind ungünstig ist, mit Rudern allein. Man kann 


z.B. folgende Zeiten setzen. Milet, von Samos besiegt, zwei Wochen 
ef2 


228 Böcxku Nachträgliche Bemerkungen 


(wenn es beliebt, sind drei Tage genug, in welchen das Schicksal von 
Millionen entschieden werden kann); Reise der Partheien nach Athen, 
zwei Wochen; Fahrt der Athener nach Samos, drei Wochen; von der 
Ankunft der Partheien zu Athen bis zur Ankunft der Flotte vor Samos, 
Herstellung der Demokratie in Samos und Abführung der Geifseln nach 
Lemnos, zwei Wochen; dann geht Perikles zurück : aüres ö’&v öAlyaıs 
NMegaıs aravra uvrereienws EmavmAIev eis ras "ASyvas (Diodor. XII, 27.). 
Während dieser vierzehn Tage wird auch Pissuthnes die dem Perikles 
nach Plutarch gemachten Anträge von Sardes aus haben machen kön- 
nen; dazu bedurfie es höchstens sechs Tage, oder wenn Pissuthnes schon 
zum voraus auf die Ankunft der Auischen Flotte gerechnet hatte, einer 
so kleinen Zeit als jedem beliebt. Von den Samiern gingen aber Einige 
nach dem festen Lande, um den Athenern zu entgehen; dies mögen sie 
acht Tage vor Perikles Ankunft gethan haben, gegen welche Annahme 
nichts streitet; und dann machen sie mit Pissulhnes Bundesgenossen- 
schaft, sammeln 700 Söldner, und greifen Samos in nächtlichem Ueber- 
fallan. Hierzu werden vier Wochen übrig Zeit sein, zumal da in Karien, 
im Lande der Söldner, mit Pissuthnes Hülfe 700 Mann gewifs in Einer 
Woche zusammengebracht werden konnten. Der Ueberfall von Samos 
fiele hiernach Eine Woche nach Perikles Abzug; wie die Griechen 
Ipsara gleich nach Abzug der Türkischen Hauptmacht wieder genommen 
haben. Hierauf stürzen die Aristokraten die Demokratie, holen die 
Geifsela von Lemnos, liefern die Auische Besatzung dem Pissuthnes aus, 
rüsten gegen Milet: dafür mögen vorläufigzwei Wochen gegeben werden. 
Denn das Rüsten der Griechen ging schneller als das heutige Mobilmachen: 
ist doch jeder Bürger zugleich Krieger, und braucht blofs aufgeboten zu 
werden: die leichten Schiffe waren schnell in Stand gesetzt. Man sieht, 
drei Monate genügen überflüssig für alles, was bis dahin vor dem zweiten 
Feldzuge hergeht, dessen erste Schlacht die neunmonatliche Belagerung zur 
unmittelbaren Folge hat. Wir geben nun von da an einen ganzen Monat 
bis zur Ankunft der Attischen Flotte vor Samos, wiewohl diese schon zwan- 
zig Tage nach dem nächtlichen Ueberfall wieder da sein konnte; denn in 
zehn Tagen können die Athener Nachricht erhalten haben, und zehn Tage 
später können sie in Samos sein; nach letzterer Voraussetzung würden drei 
Monate und wenige Tage bis zur zweiten Ankunft der Attischen Flotte 


über die Antigone des Sophokles. 229 


genügen; aber ich gebe noch den vierten Monat zu. Erst gleichzeitig mit 
der Athener Ankunft stehen die Samier mit ihrer Flotte vor Milet, und 
segeln zurück, wo sie denn bei Tragia geschlagen werden: also haben 
sie sich sogar fast sechs Wochen rüsten können, wenn wir für die Bege- 
benheiten vor der Schlacht bei Tragia vier Monate annehmen. Was ist 
in allem dem unglaublich? Aber man hat noch überdies einen Zeit- 
raum von drei andern Monaten übrig, aus welchem man so viel Zeit zu- 
setzen kann, als man will. Das allerdings entlegene Byzanz darf man 
nicht in Rechnung bringen; es ist zwar gewils, dafs Byzanz zugleich 
mit Samos abfällt und sich wieder ergiebt (Thukyd.TI, 115. 117.); diese 
Sache steht aber mit den übrigen in keinem solchen Zusammenhange, 
dafs irgend ein Früher oder Später in Bezug auf einen bestimmten Vor- 
fall des Samischen Kampfes auszumitteln wäre. Es steht also von die- 
g als der ersten 
etwas entgegen, und Sophokles Antigone kann also eben so gut in 


ser Seite meiner zweiten Voraussetzung eben so weni 


Olymp. 84,3. als Olymp. 84,4. gesetzt werden. Es liefsen sich aber ge- 
gen die zweite Voraussetzung die 8.6. bemerkten Schwierigkeiten erheben; 
mir scheint jedoch gegen die Art, wie ich sie beseitigt habe, nichts Er- 
hebliches eingewandt werden zu können; wie z. B. dagegen, dafs ich 
aus der 8. 4. gegebenen Stelle des Strabo nichts weiter folgern lassen 
will, als Sophokles sei eine Zeitlang Amisgenosse des Perikles gewe- 
sen, nicht gerade bis zur Eroberung von Samos. Strabo spricht von 


5 

der Belagerung von Samos, durch die die Athener Samos in üblen 
Stand gebracht hätten, unter der Anführung des Perikles und Sophokles. 
Er nennt den Sophokles offenbar nur der Merkwürdigkeit wegen, weil 
er wulste, dafs dieser mit Perikles bei dieser Belagerung Feldherr war; 
etwas über die Dauer der Sophokleischen Strategie ist in seiner Angabe 
nicht enthalten; und es kommt nur auf die übrigen Verhältnisse an, 
ob man diese Dauer beschränken oder erweitern will. Auch dafs die 
Nachricht, mit Thukydides Melesias Sohn sei Sophokles Feldherr gewe- 
sen, in einer so geringfügigen Schrift wie die Biographie des Sophokles 
erzählt, nicht für gewifs zu halten sei, sondern auf einem unrichugen 
Schlufse beruhen könne, ist eine nicht gewagte Vermuthung, da es un- 
zählige Beispiele solcher auf Fehlschlüfsen beruhenden Angaben giebt. 


Die Richtigkeit meiner zweilen Hypothese, und somit die Aufführung 


230 Böcxn Nachträgliche Bemerkungen 


der Antigone in Olymp. 84,3. würde völlig entschieden sein, wenn ge- 
zeigt werden könnte, dafs die Angabe des Biographen nicht nur falsch 
sein könne, sondern müfse: denn dann müfste Sophokles ein Jahr vor 
Thukydides Feldherr gewesen sein: und schon jetzt neigt sich die Un- 
tersuchung dahin, zu verneinen, dafs sie zusammen Feldherrn 
sein konnten. Die zehn Feldherrn waren gewifls jederzeit je einer 
aus jedem der zehn Stämme: dies wird keiner für zweifelhaft halten, 
der in diesen Sachen zu Hause ist. Wie, wenn Thukydides und So- 
phokles aus Einem Stamme waren? Wie unsere Kenntnisse jetzt stehn, 
kann man nicht anders urtheilen. Thukydides ist von Alopeke (Plutarch. 
Perikl. 11. Schol. Aristoph. Wolk. 941.) aus dem Antiochischen 'Stamme; 
Sophokles ist aus Kolonos. Als CGorsini schrieb, fehlten noch die An- 
gaben, zu welchem Stamme Kolonos gehöre; die Inschrift bei Chandler 
Inser. IH, 107. (in unserm Corp. Inscr. Gr. N. 172.) setzt aber Kolonos 
unter den Antiochischen Stamm. Diese Inschrift ist unstreitig älter als 
N. 115. (aus der Zeit der zwölf Stämme) und 183. unseres Corp. Inscr. 
in welchen Kolonos unter die Aegeis gehört; und wir können uns da- 
her für die ältere Zeit nur nach der ersten richten. Es dürfte schwer 
fallen zu zeigen, dafs die Inschrift N. 172. nicht älter als die andere 
sei; aber man könnte sagen, es habe zwei Kolonos gegeben, den Yrmıcs, 
aus welchem Sophokles anerkanntermafsen ist, und den dyogaics; allein 
niemand wird zeigen können, dafs der @yogaiss ein Demos ist, welches 
schon Corsini (F. A. 2d.I. 5.205 7.) verneint hat; alle Demen, deren 
Namen zugleich Namen von Stadttheilen sind, wie Melite, Keramei- 
kos, sind als Demen nicht doppelt, sondern nur einmal vorhanden. 
Also auch aus diesem Grunde bestreite ich den Biographen, und halte 
darnach die Aufführung der Antigone in Olymp. 84,3. für übereinstim- 
mender mit den Verhältnissen, gestehe aber gern, dafs Diodor, auf den 
ich mich berufen habe, und dessen Ungenauigkeit mir aus eigenen Un- 
tersuchungen hinlänglich bekannt ist, eben nichts beweiset; wenn man 
gleich doch immer Bedenken tragen mufs, ihm Fehler aufzubürden, ohne 
es beweisen zu können. Eben so bemerke ich, dafs der Ausdruck $. 3. 
zu Ende, nach den Schriftstellern sei alles rasch geschehen, ein ws 
wos eireiv Favra sei: aber als solches ist es auch hinlänglich erwiesen, 
und kann kaum verdächtig gemacht werden. Wenn z.B. Plutarch im 


über die Antigone des Sophokles. 231 


Perikles 26. sagt: ci de eüSüs (gleich nach Perikles Abfahrt) dressırav, 
EnnAeVlavros aürols Toüs öningous IhrscvSvov, so kann man nicht sagen, das 
eü9Vs sei so genau nicht zu nehmen, da zwischen der Abfahrt des Pe- 
rikles und der Wegholung der Geifseln aus Lemnos eine ziemliche Reihe 
von Begebenheiten liege. Denn ich-habe schon gezeigt, dafs die Vor- 
g unstauthaft sei. Gelegentlich bemerke ich noch dieses. Wenn 


5 
ich 8. 3. die Maschinen des Artemon gleich bei der ersten Belagerung 


aussetizun 


unmittelbar nach der Schlacht:bei Tragia erwähne, so scheint dies irrig 
zu sein. ‘Plutarch (27.) und Diodor (XII, 28.) berichten, jener mit Be- 
rufung auf Ephoros, Perikles habe sich bei dieser Belagerung auch der 
Maschinen des Artemon bedient, und geben dies als beiläufige Anmerkung 
gerade bei Erzählung der zweiten Belagerung, oder vielmehr des zwei- 
ten Actes der Belagerung, welcher der wichtigere war: denn eigent- 
lich ist die Belagerung überhaupt nur Eine, die blofs durch einen glück- 
lichen Ausfall für eine kurze Zeit unterbrochen wird. : Aber keinesweges 
beschränken sie, oder vielmehr Ephoros, aus welchem sie schöpften, 
den Gebrauch dieser Maschinen auf den zweiten Act der Belagerung; 
und da die Athener schon in dem ersten drei Befestigungen angelegt hat- 
ten, können sie auch schon damals den Maschinenbau angefangen haben. 
Indessen war mein Zweck nicht, eine Zeitbesiimmung zu geben, son- 
dern da die Athener die Maschinen des Artemon bei dieser Belagerung 
gebraucht haben, sage ich nur gleich bei der ersten Erwähnung der Be- 


lagerun ‚„‚die Athener hätten angefangen die Stadt aus drei Befesti- 


g: 
gungen und mit den Maschinen des Artemon zu belagern.’’ Uebrigens 
mögen die Maschinen, wann man will, in Thätigkeit gesetzt worden sein. 

Was die von den Zeitverhältnissen der Strategie und der Diony- 
sosfeste entlehnten Gründe betrifft, so habe ich mir allerdings in deren 
Auseinandersetzung Vermuthungen erlaubt; aber der Schlufs beruht nicht 
auf den Vermuthungen, sondern auf dem damit verbundenen Sichern. 
Sicher ist es, dafs Sophokles, wenn er wegen des Beifalls der Antigone 
zum Feldherrn erwählt worden, nach dem Poseideon oder Gamelion oder 
Elaphebolion erwählt sein mufs; und eben so sicher ist es, wie sich 
am Ende zeig 
und folglich entweder Olymp. 84, 3. oder Olymp. 84,4. aufgeführt ist, 


wenn man nicht ungeschichtliche Voraussetzungen aufstellen will. Ob 


en wird, dafs hiernach die Antigone nicht Olymp. 55, 1. 


232 Böcku Nachträgliche Bemerkungen 


vor dem Peloponnesischen Kriege aufserordentliche Feldherrn ernannt 
worden seien, läfst sich nicht entscheiden; ich habe dies daher als pro- 
blematisch dahin gestellt sein lassen: irgend wann aber mufste doch 
von der regelmäfsigen Einrichtung abgewichen werden, und man ist 
nicht berechtigt dies sehr früh anzunehmen, Uebrigens ist kein Grund 
vorhanden, zu glauben, dafs die zehn Feldherrn, welche gegen Samos 
zogen, nicht die ordentlichen gewesen seien; und dafs diese ihr Amt 
nicht im Hekatombaeon angetreten hätten, ist bis jetzt nicht erwiesen. 
Wenn diese Zeit nicht geeignet scheint für den Feldherrnwechsel, da 
hierdurch die Sommerfeldzüge nach wenigen Monaten schon wieder an- 
dern Feldherrn übertragen wurden, und die vorhergehenden ihre Plane 
nur auf kurze Zeit hinausstellen konnten; so bedenke man, dafs der 
Wechsel in den alten Freistaaten sogar für etwas Wünschenswerthes 
gehalten wird, und weitaussehende strategische Combinationen bei Kriegen, 
die sich gewöhnlich in kleinen Räumen bewegten, so selten vorkommen 
konnten, dafs sie bei den Staatseinrichtungen schwerlich in Rechnung ge- 
bracht wurden ; wechselten doch die Strategen alle Tage den Oberbe- 
fehl. Ueberdies konnte man nöthigenfalls die Feldherrn wieder erwäh- 
len, oder aufserordentlicher Weise im Amte lassen, oder für entfern- 
tere Züge, wenn sie kurz vor dem Wechsel der Strategen eintraten, 
aufserordentliche ernennen. Wenn bei den Spartanern, Syrakusern, 
Aetolern, Achäern und Römern die Feldherrn ihr Amt nicht im Som- 
mer angetreten haben, erlaubt dies keinen Schlufs auf Athen. Die Feld- 
herrn haben bei den Römern und Spartanern ihr Amt mit dem Anfange 
des bürgerlichen Jahres angetreten, und zu eben der Zeit werden sie es 
bei den übrigen gethan haben. Eben dieses habe ich bei den Athıenern 
angenommen; und so lange man nichts dagegen beweisendes findet, 
kann man von einer andern Voraussetzung nicht ausgehn, da die Ma- 
gistrate zu Athen ihre Aemter, wenn sie jährig waren, im Hekatom- 
baeon antraten; und ebenso stimmen in den andern Staaten die Magi- 
strate mit den bürgerlichen Jahren überein, die ja eben wegen ihrer 
Uebereinstimmung mit den Staatsverhältnissen bürgerliche sind. Indessen 
baue ich darauf nicht ausschliefslich, sondern bemerke, dafs das Ergeb- 
nifs nicht günstiger für die von der meinigen abweichende Meinung 
ausfalle, wenn die Feldherrn ihr Amt etwa im Frühling antraten, und 


über die Anuigone des Sophokles. 233 


dafs es überhaupt nicht auf die Zeit des Amtsanfanges, sondern der Wahl 
ankomme, die ich, wie mir scheint, nicht zu bestimmt, in das letzte 
Vierteljahr vor Antritt des Amtes oder kurz vor demselben setze. Die 
feste Besimmung der Wahlzeit aber, und dafs wirklich alle Jahre zehn 
ordentliche Feldherrn ernannt worden seien, diese Dinge lassen sich 
nach dem Geiste der bürgerlichen Einrichtungen im Alterthume nicht 
in Zweifel ziehen. Ferner finde ich keine Beweise, dafs die Strategen 
im Winter wechselten. Man sage nicht, dies hätte geschehen müssen, 
damit die neuen auf den Sommer die gehörigen Anstalten für den Feld- 
zug machen konnten; diese Anstalten konnten auch von den Vorgängern 
und den dafür eigens bestellten Behörden gemacht werden; und nach je- 
nem Grunde mülsten die Feldherrn aller Orten im Winter gewechselt 
haben, was doch niemand wird behaupten wollen. In den Griechischen 
Geschichtschreibern findet man kaum Andeutungen vom Wechsel der or- 
dentlichen Feldherrn gerade im Winter, wenn man nicht, wo man Feld- 
herrn im Winter wechseln sieht, dieselben für ordentliche, wenn aber 
im Sommer, für aufserordentliche erklärt, ohne dafs dafür Beweise vor- 
handen wären; nur das sieht man, dafs Feldherrn im Winter antraten, 
und im Winter oder Frühjahr gewählt wurden, ohne die Zeit genauer 
bestimmen zu können, und ob es wirklich ordentliche oder aufserordent- 
liche gewesen. Wenn z.B. Laches in Sicilien im Winter den Pythodor 
zum Nachfolger erhält (Thukyd. III, 115.), ist er nicht gerade für einen 
ordentlichen Feldherrn zu halten, deshalb weil nichts auf Absetzung des- 
selben führe; denn Laches konnte ja ein aufserordentlicher Feldherr sein, 
welchem nach Ablauf eines Jahrs ein anderer aufserordentlicher nachfolgte. 
Noch schwankender ist das Beispiel des Demostlienes, der nach einem 
glücklichen Erfolge, im Winter nach Hause kehrt (Thukyd. I, 114.); 
denn es ist nicht klar, dafs gerade damals seine Strategie ordentlicher Weise 
zu Ende ging; die Stelle III, 98. zeigt, dafs man erwarten konnte, er wäre 
schon den Sommer vorher zurückgegangen, was er nur aus Furcht nicht 
that; und wenn er nach der Rückkehr Privatmann war (IV, 2.), so weils 
man, da die Sache erst in der Geschichte des folgenden Sommers erzählt 
wird, nicht, ob dieser sein Privatstand gerade mit seiner Rückkehr anfängt 
oder nicht, und ob er im erstern Falle entsetzt war, oder seine Feldherrn- 
schaft sogar schon früher abgelaufen war, und ob er aufserordentlicher 
Hıst. Philol. Klasse 1824. Gg 


234 Böckm Nachträgliche Bemerkungen 


oder ordentlicher Feldherr gewesen. Die Wahl des Alkibiades, Thrasybul 
und Konon bei Xenoph. Gr.Gesch. I, 4, 10. fällt eben nur einige Zeit, 
wir wissen nicht wie viele, vor den Thargelion, den eilften Monat; und 
überdies sind diese offenbar aufserordenlliche Feldherrn, da ihrer be- 
simmt nur drei sind: a "A9yvalaı TroaTNYals &irovro "Arrılıadyu wer bei- 
Yovra,. nal OpanußevAov ärovra, Kovwva d8 TgiTov ex TOv oiroSev. Wenn 
zwei derselben schon vorher Feldherrn waren, so sind sie durch diese 
Wahl für's folgende Jahr bestätige. Die Wahl der zehn Feldherrn bei 
Xenoph. I, 5, 16. ist allerdings vor dem Frühjahre geschehen, und sie 
sind auch vor dem Frühjahre schon in Thätigkeit (ebendas. 21.); aber 
Meiers Ansicht (Att. Prozefs S. 106.) ist sehr einleuchtend, wonach 
diese an die Stelle des Alkibiades und seiner neun Amisgenossen ka- 
men (die wegen des Zornes der Athener gegen Alkibiades entsetzt seien), 
und so früher, als die ordentlichen Feldherrn nach dem Gesetz ernannt 
wurden, eintraten. Gesetzt aber auch, dafs die Feldherrn im Gamelion 
schon erwählt worden seien oder zu Ende des Poseideon, so ändert dies 
nichts in den Schlufsfolgen, es sei denn man setzte einen grofsen Theil 
des zweiten Samischen Krieges unter den Archon Glaukides, welches dem 
einzigen guten Zeugnilse über die Zeit des Samischen Krieges widerspricht. 

Wenn ich es am wahrscheinlichsten finde, die Antigone sei an 
den grofsen Dionysien gegeben, so beruht die Schlufsfolge nicht auf 
dieser Wahrscheinlichkeit, sondern auf der vorhergehenden Bemerkung, 
dals Sophokles nur in den Wintermonaten vom Poseideon bis Elaphe- 
bolion hatte siegen können. Mein Ausdruck, im Poseideon an den 
ländlichen Dionysien seien keine neue Schauspiele gegeben worden, ist 


in sofern zu entscheidend, als in meiner Abhandlung, auf welche ich 


g; 
mich berufe, nur gesagt wird, es seien keine nachweisbar: indessen da 
wir doch eine grofse Anzahl Dramen kennen, die an den Lenäen und 
grofsen Dionysien zuerst aufgeführt worden, so ist der Umstand, dafs 
kein einziges an den ländlichen Dionysien aufgeführtes Drama vorkommt, 
ein negativer Beweis, dessen Entkräfiung durch positive Gegenbeweise 
erst zu liefern wäre; solche Gegenbeweise sind aber nicht vorhanden. 
In Bezug auf die Antigone spricht die gröfste Wahrscheinlichkeit: jeden- 
falls für die grofsen Dionysien. Nicht jeder Dichter hatte das Recht 
an diesen Stücke aufführen zu lassen (Abh. v..d. Dionysien 21.): man 


über die Antigone des Sophokles. 235 


legte also darauf ein grofses Gewicht, und es ist daher natürlich, dafs 
anerkannt grofse Dichter, wie Sophokles, gerade an diesen am liebsten 
auftraten, wo aufserdem zugleich der gröfste Ruhm zu erwerben war. 
Für die Aufführung neuer Stücke (namentlich eines berühmten Dichters, 
wie Sophokles schon war) an den ländlichen Dionysien spricht dagegen 
gar nichts. Die Theater in den Demen waren zum Theil verachtet, 
wie das zu Kollytos; sie waren überdies blofs Eigenthum der Demen, 
und die ‘Önuore: spielen also dort die Herin, lassen Plätze anweisen, Kränze 
verkünden, und schalten ganz nach ihrem Gutdünken: wie isı es glaub- 
lich, dafs Sophokles in seiner Blüthe diesen ein Stück zuerst werde ge- 
zeigt haben? Dies alles ist namentlich vom Theater im Piräeus urkund- 
lich gewils, aufser dafs es nicht wie Kollytos verachter war; und wenn 
der Staat auch durch einen Pompaufzug Antheil an der Piräeischen Fest- 
lichkeit nahm, so kann er doch nicht Antheil an der Aufführung der 
Schauspiele genommen haben, da das Theater vom Demos abhängt, der 
auch die Einkünfte desselben verpachtei. Kein Archon steht diesem 
Spiele vor, sondern der Demarch des Piräeus; die Proedrie haben die 
Piräeer zu vergeben; sie ist den Priestern und einigen andern verliehen, 
aber wir finden nicht ein Wort davon, dafs die Staatsbehörden in die- 
gegen den mindesten 


ses 
Antheil des Staates an den Piräeischen Schauspielen. Ferner, da der 


sem Theater Proedrie haben. Dies alles spricht 


Staat die Gesetze über Verkündung der Kränze so genau abgemessen 
hat, wie wiv aus Aeschines wissen, und namentlich festgesetzt ist, dafs 
die von Demen zuerkannten Kränze nur in den Demen sollten verkün- 
det werden; ist es wol glaublich, dafs, wenn die Aufführung der Tra- 
gödien im Piräeus eine Staatssache gewesen wäre, der Demos bei dersel- 
ben hätte seine Kränze verkünden dürfen? Die Belege zu den benutzten 
Thatsachen wird man in meiner Abhandlung über die Dionysien (11.) 
finden; ich ziehe aber daraus die Folgerung, dafs ohne Beihülfe des 
Staates auch das Choragium für ein neues Stück (für ein altes war es 
wohlfeil zu beschaffen) dürftig ausfallen mufste, und daher kein grofser 
Dichter sich an die Demen zuerst wird gewandt haben; denn das wird 
doch schwerlich irgend einem einfallen, dafs auch für demotsche Spiele 
der Staat Choregen gestellt und der Archon den Chor gegeben habe. 
Endlich habe ich in der Abhandlung über die Dionysien (22. zu Ende) 
o 


G 


wi 
5 7 


236 Böcku Nachträgliche Bemerkungen 


gezeigt, dafs selbst der Pompaufzug des Staates bei den Piräeischen Dio- 
nysien ein neuerer Zusatz ist, weil das Stieropfer von den Boonen be- 
sorgt wird; es ist klar, dafs man nur eine. Volksspeisung mehr haben 
wollte, und dazu diese Dionysien benutzte; woraus auf das Schauspiel 
nichts weiter geschlossen werden kann: und auch der Umstand, dafs in 
dem Piräeischen Theater zuweilen Voiksversammlungen gehalten wurden, 
ist kein Beweis des Antheils des Staates an dem Piräeischen Theater. 
Eben so wenig beweiset für die Aufführung neuer Schauspiele im Piräeus 
die Stelle des Äelian (V.H.II, 13.): O & Zwxgarns Fravıov av Emeboira Fol 
Seargas, EITETE de Eigiriöns 6 775 rgaywöas TEmTNS Aywvilero navois roaywöols, 
TOTE. Ye ddızveiro' Kal Ilsıgaiei de -aywinlousvov ToU Eögwmidou za exe naryeı. 
Es kommt bei Erklärung derselben nicht darauf an, wie Sokrates dachte, 
über dessen Ansicht Aelian nur ein geringfügiges Zeugnils ablegen kann, 
sondern wie sich Aelian den Sokrates in dieser Beziehung vorstellt. Die- 
ser konnte aber erstlich nicht glauben, dafs Sokrates auf neue Stücke 
besonders ausgegangen sei: denn für einen Liebhaber der Neuigkeiten 
kann er ihn nicht gehalten haben; zweitens konnte er nicht glauben, 
dafs Sokrates sich die Wege sparte. Er war anerkannt ein Liebhaber 
Euripideischer Weisheit; als solchen will ihn Aelian auch nur darstel- 
len. Dies wird Aelian dann am meisten erreicht haben, wenn er sagt: 
‚Sokrates ging selten ins Theater; wenn aber neue Stücke von Euripides 
gegeben wurden, ging er hin; ja selbst alte Stücke desselben sah er.” Wenn 
nun in der Stadt die neuen, im Piräeus nur alte gegeben wurden, konnte 
Aelian statt dessen sagen, was er gesagt hat. Dies halte ich für die na- 
türlichste Erklärung; weil sie aber nicht erwiesen werden kann, baue 
ich nicht auf sie. Wie man jedoch auch über diese Sache urtheilen 
möge, so ist klar, Sophokles könne nicht vor den ländlichen Diony- 
sien, also nicht viel vor Ende Poseideons zum Feldherrn erwählt wor- 
den sein; dies gilt auch für den Fall, dafs er an die Stelle eines abge- 
henden,, abgeseızten oder gestorbenen gesetzt worden sei. Was folgt 
daraus? Sophokles ist schon während der Schlacht bei Tragia Feld- 
herr, und unterhandelt damals mit den Bundesgenossen ($. 4.). Nach 
der geringsten Berechnung dauert der Samische Krieg von da an noch 
neun Monate. Der Samische Krieg endigt aber unter Morychides. 
Folglich war Sophokles, wenn er noch beim Ende der Belagerung Feld- 


über die Antigone des Sophokles. 237 


herr war, mindestens zehn Monate unter Morychides im Amte. Also 
müfste er vor dem Poseideon, etwa im zweiten Monat des Morychides 
oder noch früher, Olymp. 85,1. erwählt sein. Folglich kann die Antigone 
nicht Olymp. 85, 1. aufgeführt sein, sondern mufs mindestens ein Jahr 
früher gesetzt werden. Dieser Folgerung wäre nur dadurch zu entgehen, 
dafs man den Samischen Krieg erst tief in dem Jahre des Glaukides 
(Olymp. 85, 2.) endigen liefse: zu einer solchen Annahme sind wir aber 
weder berechtigt noch veranlafst. 

Dagegen ist die Annahme ($.7.) ganz ungezwungen, dafs der Krieg 
mg0s "Avalous oder 7g25 "Avarav, wobei Sophokles nach dem Biographen Feld- 
herr gewesen sein soll, der erste Samische sei, der in Olymp. 84, 4. 
fällt, so dafs die Antigone in Olymp. 54, 3. zurückzusetzen und Sopho- 
kles beim Ende der Belagerung nicht mehr Feldherr wäre. Denn dafs 
hier von einem Angriff auf Anaea selbst die Rede sei, ist nicht zu be- 
zweifeln. "Avalcı bezeichnet gewifs nicht, ‚‚die Anäische Parthei von Sa- 
mos, die damals Samos inne hatte, und die Anaea gleichsam zum Va- 
terlande hatte;” denn so konnte der Grammatiker, aufser allem geschicht- 
lichen Zusammenhange, nicht sprechen, und überhaupt hat wol nie- 
mand jemals so seltsam gesprochen. Ilereuss ges "Avaisvs kann nichts 
heifsen als ‚‚Krieg gegen die Anaeer,' welche natürlich in Anaea sind; 
so ist roreuss mots "Avaiav dasselbe, und es wäre nur leere hyperkritische, 
das heifst unkritische Spitzfindigkeit, wenn man zwischen beiden einen 
Unterschied machen und den Angriff auf Anaea selbst läugnen wollte. 
Doch ist es nicht meine Meinung, dafs ’Avaiav im Verhältnifs gegen "Avatsus 
das richtige sei, sondern ich habe es nur im Verhältnifs gegen "Avaviav 
eine richtige Emendation des Turnebus genannt, lasse übrigens die 
Lesarten ’Avasvs und "Avatay als gleichgülug nebeneinander stehen. 


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Seite 5, Note 3. 


- 23, 


2.2. vu. 


Note 2. 


417. 
Z. 21. 


4. 32V. U: 


Verbesserungen. 


Vergl. auch Thucyd. 1,73 fin. und 75 int. welcher ganz mit dieser 
Ansicht übereinstimmt. 

Auf Hermann’s (praefat. ad Sophocl. Oed. Colon. p.XUllu. XIV.) 
Aeufserungen über das hier Vorgetragene ist in dem prooemio zu dem 
Lectionskatalog der Berliner Universität für das Sommerhalbejahr 1826. 
mit geantwortet. 
für rYıymv lies reyun. 
für wse lies wre. 

Zu Bestätigung der Lesart und Verbindung reis Zv dvSgurarır — vo- 
usus Antig.448. ist zu vergleichen Plato Criton. 8.16, wo die Gesetze 
der Unterwelt von den Nous: genannt werden ci suersgor aderder ci 2v 
Ebov voncı. 

Vergl. Blomfield in glossar. ad Aeschyl. Pers. 333. 

Vergl. wegen zrrıs auch Sophocl. Oed. Colon. 1128 ed. Doederl. zrris 
z«zav, welches in dieser Ausgabe nicht von einander hätte getrennt 
werden sollen, da der ganze Satz » rıs — Evvorzos den Gegensatz bildet 
zu dem «@S%ros yeyus Vs. 1126. 

für Iaeyus lies neyas. 

für Yv lies Ir. 
im Text. Seidlers Aeufserung über diese Emendation und ihre Er- 
klärung, in der Allg. Litt. Zeitung Jahrg. 1825, Januar N. 26, p. 216. 


kann 


nicht anders als für ein Anerkennen derselben 


genommen 
werden. 


. lies wam für wau. 


. lies wam für wau. 


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